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Full text of "Philologischer Anzeiger. "Als Ergänzung des Philologus." [serial]"

SIL, C:'s t '.£ 



THE LIBRARY OF THE 

UNIVERSITY OF 

NORTH CAROLINA 



THE LIBRARY OF THE 

UNIVERSITY OF 

NORTH CAROLINA 




ENDOWED BY THE 

DIALECTIC AND PHILANTHROPIC 

SOCIETIES 

BUILDING USE ONLY 




This book is due at the LOUIS R. WILSON LIBRARY on the 
last date stamped under "Date Due." If not on hold it may be 
renewed by bringing it to the library. 


DLE E RET - 


DATE 
DUE 



















































































































































Digitized by the Internet Archive 
in 2013 



http://archive.org/details/philologischeran09gtti 



«**>° 



PHILOLOGISCHER 

ANZEIGER. 




ALS ERGÄNZUNG 

DES 

PHILOLOGUS 



HERAUSGEGEBEN 

VON 

ERNST von LEÜTSCH. 

NEUNTER BAND. 



1878. 



GOTTINGEN, 

VERLAG DER DIETER1CHSCHEN BUCHHANDLUNG. 
1879. 



Nr. 1. Januar 1S78. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



Ernst Ton Leutsch. 



Vorwort. 

Es treten mit diesem neunten bände des PhAnzeigers 
einige änderungen ein, auf die um miß Verständnisse zu vermei- 
den hier in aller kürze aufmerksam gemacht werden soll. So 
ist die rubrik „Neue auflagen" und die „Neue Schulbücher" ge- 
strichen, da ihr nutzen sicher ein sehr geringer war : sie werden aber 
ersetzt werden, erstens durch die in Philol. XXXVII, 4 wieder 
auflebenden „Bibliographischen Übersichten" , welche seit Philol. 
XXV, p. 710 nicht erschienen: denn erst jetzt ist es mir nach 
langem vergeblichen suchen gelungen einen mitarbeiter für ihre 
ausarbeitung zu gewinnen. Dann aber werden am Schlüsse je- 
den heftes „Neue philologische Schriften" verzeichnet werden, 
vor allem das dem Anzeiger zur anzeige überschickte und aus- 
ländische literatur. 

Dies das eine. Das zweite, was weggelassen, sind die 
„Auszüge aus Zeitschriften" : denn auch in Verbindung mit denen 
im Philologus können sie 'nicht befriedigen, namentlich wegen 
ihrer unvollständigkeit : was ah ihre stelle tritt, hoffe ich im 
dritten hefte dieses Jahrgangs näher angeben zu können ; übri- 
gens werden in den ersten heften dieses bd. IX noch die aus- 
züge der in bd. VEII und den frühern bänden excerpirten Zeit- 
schriften bis zu ende des Jahrgangs 1877 mitgetheilt werden. 

Mögen diese änderungen als ein beweis dafür angesehen 

werden, daß der Philologische Anzeiger nur darauf bedacht ist, 

der classischen philologie und deren Studium zu nützen, da diese 

Wissenschaft unzweifelhaft zu denen gehört, durch deren ausbil- 

Philol. Anz. IX. 1 



2 1. Epigraphik. Nr. 1. 

düng die wahre cultur, die sittliche freiheit vom Staat wie von 
dem einzelnen mit erfolg erstrebt zu werden vermag. 

Göttingen, 1. Januar 1878. Ernst von Leutsch. 



1. Corpus inscriptionum atticarum consilio et auctoritate 
Academiae litterarum regiae Borussicae editum. Vol. I. Inscrip- 
tiones Euclidis anno vetustiores. Fol. Berol. G. Reimer. 
MDCCCLXXni. Vm et 243 s. — 24 mk. 

Auch mit dem titel: Inscriptiones atticae Euclidis 
anno vetustiores Consilio et auctoritate Academiae regiae Borus- 
sicae edidit Adolphus Kirchhoff. Addita est tabula geo- 
graphica conspectum civitatum societatis Deliae exhibens. Fol. 
Berol. G. Reimer. MDCCCLXXIH. 

2. Corpus inscriptionum atticarum consilio et auctoritate 
academiae litterarum regiae Borussicae editum. Voluminis quarti 
supplementa complexi fasciculus prior, supplementorum voluminis 
primi partem priorem continens. Fol. Berol. G. Reimer. 
MDCCCLXXVn. 56 s. — 5 mk. 

3. Corpus inscriptionum atticarum consilio et auctoritate 
Academiae litterarum regiae Borussicae editum. Voluminis alte- 
rius pars prior. Fol. Berol. G. Reimer. MDCCCLXXVII. 
VI et 429 s. — 42 mk. 

Auch mit dem titel: Inscriptiones atticae aetatis quae 
est inter Euclidis annum et Augusti tempora. Consilio et aucto- 
ritate Academiae litterarum regiae Borussicae edidit Ulricus 
Koehler. Pars prior, decreta continens. Fol. Berol. G. 
Reimer. MDCCCLXXVII. 

Diese hier verzeichneten werke dürften wohl vor andern als 
beweis für das dienen, was in diesem Anzeiger bd. VIII, 9, p. 460 
über den in unserer zeit so bedeutenden und dadurch für sie 
charakteristischen Zuwachs an wichtigen dem alterthum entstammen- 
den monumenten und geistigen erzeugnissen mannigfacher art ge- 
sagt ist ; denn daß dem philologischen Studium ein ungemein reiches, 
ein überhaupt unschätzbares material durch inschriften zugeführt 
wird, ist bekannt. Und dabei bedenke man weiter, wie Böckh 
beim beginn seines auf das großartigste durchgeführten Corpus 
inscriptionum Graecarum glaubte (T. I. praef. p. XIV), es werde 
für die folge genügen, ab und an die neu gefundenen inschriften in 



Nr. 1. 1. Epigraphik. 3 

Supplementen zu ediren: als aber später Kirchhoff das nach 
Vollendung jenes corpus gefundene zur herausgäbe vorzubereiten 
anfing, fand man sofort, daß allein die nachtrage und ergänzun- 
gen zu den attischen inschriften nicht nur an zahl die von Böckh 
edirten weit übertrafen, sondern auch dem inhalte nach um so 
viel "wichtiger als diese sich ergaben, daß aus ihnen ein eignes 
Corpus inscriptionum Attic arum zu gründen wie von selbst 
sich als nothwendig erwies: der anfang dieses Unternehmens 
liegt nun in den oben genannten werken vor: das ganze soll 
aus drei theilen bestehen, deren prima inscriptiones hello Pelopon- 
nesiaco extremo vektstiores nach Kirchhoff praef. p. V umfassen 
soll , secunda insequentium seculorum monumenta ad Augusti usque 
tempora, tertia Romanae aetatis titulos , eine durchaus der sache 
entsprechende anordnung. Diese erweiterung führte aber zu be- 
deutenden die methodische und wissenschaftliche behandlung der 
inschriften selbst betreffenden fortschritten, zunächst zur beschrän- 
kung : während man früher die grenzen des zu einem Corpus in- 
scriptionum gehörigen Stoffes trotz des strebens nach beschrän- 
kung, s. Boeckh C. I. I, praef. p. XI, etwas weit gezogen hatte, 
hält man sich jetzt zum großen vortheil der epigraphik nur an 
die steine und scheidet alles andere wie vaseninschriften u. 
drgl. aus. Aber ein noch wichtigeres zweites besteht in der 
durch die gunst der zeit ermöglichten Sicherheit des textes der 
inschriften. Böckh war gezwungen, die texte nach verschiedenen 
von sehr verschiedenen, von gelehrten wie von dilettanten, ge- 
fertigten abschriften und drucken zu geben , woraus denn eine 
eigentlich doch sehr sonderbare, weil in der sache nicht begrün- 
dete varia lectio hervorging — ein umstand, den man um Böckh's 
Verdiensten und unendlicher arbeit gerecht zu werden, nie aus 
den äugen lassen darf, da er selbst die Schwierigkeiten dieser art 
nur kurz andeutet, C. I. 1. c. p. XIV n. 2 — : jetzt reis't 
der herausgeber selbst und schreibt (vrgl. Koehl. II, praef. p V) 
an ort und stelle die inschriften ganz behaglich ab oder er läßt 
auf Staatskosten reisen und junge wie alte darauf eingeübte phi- 
lologen sorgfältig abschriften fertigen; genügt ihm die eine oder 
andre nicht, läßt er sich einen mit leichter mühe gemachten das 
original völlig ersetzenden abklatsch schicken, der jetzt dank 
den Schutzheiligen der post nie mehr verloren geht, vortheile 
und zustände, von denen man vor fünfzig jähren auch nicht 

1* 



4 2. Epigraphik. Nr. 1. 

einmal eine ahnung hatte. Freilich sind damit die Schwierig- 
keiten nicht alle beseitigt und so findet sich auch jetzt noch die 
varia lectio, aus der aber U. Köhler II, praef. p. V sinnreich 
vortheile für die Wissenschaft zu gewinnen weiß: quae (sc. varia 
lectio) quum semel addenda esset etiam nitro progressus sum, ut rei 
epigraphicae studiosi haberent unde discerent et quaenam mutua apo- 
graphorum auctoritas esset et quinam errores admitti possent. Nam 
de his rebus saepe parum rede iudicari videtur. Hierbei dachten 
wir aber nur an die noch vorhandenen und gut erhaltenen titel : 
nun aber kommen auch schlecht erhaltene, lückenhafte, nur aus 
abschriften von neuern gelehrten verschiedener zeiten und 
kenntnisse bekannte vor, aus denen für kritik und exegese wie- 
der eigenthümliche und schwierige aufgaben erwachsen : daß auch 
hier bedeutende fortschritte klar vorliegen, beruht zum guten 
theil auf dem eifrigen weiterforschen in der geschichte und der 
Verfassung des attischen Staats: Böckh's unübertroffene meister- 
werke haben auch hier den weg gewiesen ; dann aber auch auf 
fortschritten in der geschichte der griechischen spräche und 
schrift-, gerade um der letztern willen setze ich die Avarnenden 
Worte von U. Köhler (praef. 1. c, p. V) her: quotidie video ho- 
mines, qui aut nullos aut paucos lapides viderunt, ex litterarum spe- 
cie aetatem titulorum confidenter definire. Nolim hoc ita fieri nee 
autor esse velim ut etiam magis fiat. Aetas titulorum ex litteratura 
ab eis solis definiri potest, qui diuturno lapidum usu literaturae quae 
aetati cuique propria fuit certam quandam imaginem animo sibi 
finxerunt. Neque enim tarn de litterarum singularum formis quam 
de toto litteraturae habitu agitur , qui nee verbis describi nee typis 
reddi potest. Vrgl. Suppl. fasc. 1, p. 7. 

So sorgsam aber auch gesammelt, so sorgsam abgeschrieben 
wird, Supplemente werden doch nöthig und zwar erstens weil 
das was Böckh (1. c. praef., p. XIV, n. 2) sagte: sane resurgens 
Graecia spem iniieit fore, ut f>lures mox tituli 2^oferantur ideoque 
supplementa fortasse satis ampla brevi poterunt necessaria videri, über 
erwarten in erfüllung gegangen ist und fortwährend in erfüllung 
geht, da der boden von Hellas immer ergiebiger an inschrift- 
lichen produeten zu werden scheint; und dann weil wiederholte 
lesung und Untersuchung eines Steines doch berichtigungen er- 
geben kann und so ist denn für den ersten band (nr. 1) auch 
schon ein supplementheft da , nr. 3 , für den zweiten band ein 



Nr. 1. 3. Epigraphik. 5 

solches von U. Köhler (praef. 1. c.) schon in aussieht gestellt: 
jenes erste enthält sehr bedeutende berichtigungen für früher 
edirte inschriften , wie gleich die erste inschrift zeigt-, eben so 
aber auch viel neues von Wichtigkeit, so namentlich für Thuky- 
dides, s. nr. 27 a, p. 12, nr. 51, nr. 96 p. 22 sq., nr. 373 e. 
Einige inschriften sind auch in bolzschnitt wiedergegeben, s. p. 
40 sq., was den wünsch rege macht, es möge auch für die griechi- 
schen inschriften ein Ritschis unvergleichlichen priscae latinitatis 
monurnenta ähnlich angelegtes werk hergestellt werden ; wie ge- 
naue nachbildungen das interesse steigern , kann man an Suppl. 
1, nr. 18, p. 5 verglichen mit Phil. Anz. VII, 5, p. 252, taf. 
n. 2 sehen , wo eine genaue nachbildung gegeben ; der Anzei- 
ger wäre deshalb auch wohl etwas genauer zu citiren gewesen. 
Auch anderes könnte man wünschen, namentlich nach Böckh's 
Vorgang fettere, größere lettern: aber grade jetzt wünschen wir 
wohl besser den verdienten herausgebern auch für weitere zeit 
ausdauer und kraft zur Vollendung ihres so mühevollen, mit so 
großem geschick und so großer gelehrsamkeit begonnenen Werkes : 
an aufmunterung zur fortsetzung kann es nicht fehlen wegen 
des jetzt schon siebtbar aus ihrem werke der Wissenschaft er- 
wachsenden nutzens , indem auf den verschiedensten gebieten 
unserer Wissenschaft forscher durch die inschriften zu den über- 
raschendsten resultaten geführt worden , so in der geschichte , s. 
Phil. Anz. VIII, 9, p. 444.457, in der spräche, unt. p. 7 flg., 10: 
möge mit dem fortschreiten des Kirchhoff- Köhler'schen werkes 
auch dieser einfluß desselben in gleich erfreulicher weise wachsen ! 

Ernst von Leutsch. 



4. Studien zur griechischen und lateinischen grammatik 
herausgegeben von G e o r g C u r t i u s. Achter band. 8. Leipzig, 
Hirzel 1875. IV. 466 s. — 8 mk. 

Den band eröffnet eine abhandlung von C 1 e m m de alpha 
intensivo. Der vrf. führt zunächst die verschiedenen arten des 
präfigierten u und die ansichten der gelehrten über ein sogen. 
a inita.tiv.6v oder intensivum von den Alexandrinern bis auf 
Kühner und L. Tobler auf. Eine Umschau in den verwandten 
sprachen giebt nirgends anhaltspunkte für ein solches « inten- 
sivum; nostro id iure a Latina lingua ita abjudicabimus, ut si qua 



6 4. Grammatik. Nr. 1. 

notio maxime verhör um in praefixo augeatur , una effectum id esse 
praepositione statuamus p. 22; ebenso verhalte es sich mit dem 
nah verwandten keltischen, ebenso mit dem germanischen. Das 
intensive « sei also zu streichen, dagegen ein d praepositionale 
zu statuiren , eine Verstümmelung der präposition dvd ; dann 
werden die einzelnen worte aufgeführt , in quibus vel veteres vel 
recentiores grammatici alpha intensivum deprehendere sibi visi sunt, 
nach den kategorien d protheticum p. 41 (aus dem stimm ton von 
dauerlauten entwickelt), d privativum p. 54, a copulativum p. 90 
(skr. sa — entsprechend; sa — garbha: ddslcpö- :) d. h. o — 
uterinus), d praepositionale p. 94 (aus dva- oder dvi- verstümmelt). 
Letzteres anerkennt Clemm, zum theil im anschluß an Curtius, 
in dajrsQ^F.g, drsvTJg , dasly^S > dxgayysg , mir wenig wahrschein- 
lich; daß das aus dva- gekürzte dv- auch zu d- verstümmelt 
werden könne, ist nicht erwiesen; und kann z. b. in donEQxe'e 
nicht gerade so gut als in dara^vg das d protheticum vorliegen? 
P. 97 folgen dann einige Wörter quorum d stirpis est, p. 101 
dviTV(xol6yrjta und endlich p. 110 f. dubiae lectiones wie (d)(Jio- 
Qoeig S, 183. a, 298. (d)ani8qg A, 754. Die arbeit ist mit viel fleiß, 
umsieht und besonnenheit ausgeführt ; daß doch manche erklärung 
fraglich bleibt, hat sich der vrf. gewiß selbst nicht verhehlt. — 
Eeinhold Merzdorf, der leider schon verstorbene, sucht auf 
grundlage eines sehr reichen handschriftlichen materials mit 
außerordentlichem fleiße normen zu finden für den in den hand- 
schriften so sehr im argen liegenden Herodoteischen vocalismus 
hinsichtlich der contraction. In drei capiteln, de e. a. o priore 
vocali, werden p. 125 — 222 alle einzelnen fälle eingehend be- 
handelt und der nachweis geführt, daß die so oft behauptete 
besondere Vorliebe des ionismus für offene vocale , welche sogar 
soweit gehen soll, „lange laute, die sich im altionischen nie auf- 
gelöst finden , in ihre einfachen bestaudtheile aufzulösen" gar 
nicht vorhanden ist, vielmehr dieser dialekt der contrahierenden 
atthis kaum anders gegenüber steht als das „äolodorische". — O. 
Bechstein handelt fleißig und im wesentlichen richtig de no- 
minibus latinis suffixorum ent- et mino- ope formatis p. 335 — 397. — 
Die allgemeinste beachtung wird ohne zweifei die gründliche 
und methodische arbeit von P. Cauer finden de dialecto Attica 
vetustiore quaestiones epigraphicae. pars prioi' p. 223 — 301 ; pars 
posterior p. 399 — 443. Mit großem fleiß hat Cauer die wesent- 



Nr. 1. 4. Grammatik. 7 

liehen thatsachen zusammengestellt, welche sich aus den vor- 
Euklidischen Attischen inschriften — Corpus Inscriptionum Atti- 
carum vol. I. — für die grammatik ergeben: gewiß eine dan- 
kenswerthe arbeit von allgemeinstem interesse, da ja die einsieht 
sich mehr und mehr bahn bricht , daß die kritische gestaltung 
der texte in Zukunft den inschriftlich constatierten thatsachen 
rechnung tragen muß. Zunächst handelt Cauer über einzelne 
eigenthümlichkeiten der alten Schreibweise und sucht das all- 
mähliche eindringen der neuerungen durch das ionische aiphabet 
chronologisch zu fixieren, so der Schreibungen ei und ov für die 
unächten (d. h. durch ersatzdehnung oder contraction entstande- 
nen) diphthonge , der Verwendung des hauchzeichens H für -q 
und a; p. 241 sind die beispiele der interaspiration (nuQedQot. 
evogytov) verzeichnet. Hinsichtlich der vocale « und rj ergiebt 
sich, daß die ältere atthis dem ionismus gerade so gegenüber 
stand wie die jüngere; p. 249 — 265 werden sämmtliche worte 
mit si und ov aufgeführt, eingetheilt in mehrere gruppen je nach 
der entstehung dieser diphthonge , und weiterhin das verhalten 
zusammenstoßender vocale im inlaut betrachtet: contraction ist 
weit überwiegend, und auch die Vereinfachung der i diphthonge 
enhsiog zu sTzheog. noitiv zu nostv. viög zu vng zeigt sich in 
ziemlich weitem umfang-, auf Cauers erklärung dieser constrictio 
(p. 267 : dico autem constrictionem eam illarum diphthongorum cor- 
reptionem quae ante vocales ita fit, ut prior vocalis diphthongi ali- 
cuius , quae fere semper dura est, mollita quodammodo et dilatata 
per adiunetam et paene admixtam i , hanc latiorem et molliorem 
pronuntiationem amittat et suis primigeniis finibus rursus constringa- 
tur) komme ich zurück. Das capitel über die consonanten be- 
handelt die organische und unorganische aspiration, die gemina- 
tion von q und a, den Wechsel von aa und zr, von \vv und 
aiv , die assimilation der nasale im inlaut. Cap. IV bespricht 
das zusammentreffen von vocalen und consonanten im aus- und 
anlaut; krasis und elision werden in der schrift selten bezeich- 
net, diese wie es scheint fast nur da, wo durch das zusammen- 
sprechen eine Veränderung des endeonsonanten erfolgte (xa&s- 
xuozov); die lebendige ausspräche aber elidierte natürlich aller- 
meist. Außerordentlich schwankend ist die anwendung des v iq>- 
sXnvaimov^ die nicht irgendwelchen regeln sich fügt ; sehr weit greift 
in folge der avvdqieia , die assimilation (iXXivdcoi, zmXXoyiazmv. 



8 4. Grammatik. Nr. 1. 

TrjfißovX/jv, rtjyyvvaiita. sq 'PödaoC iggtiJIiji, eiGrrj\t]t). — Für die 
dat. pluralis sind (p. 402 ff.) folgende endungen belegt : 1) -(i)nat 
seit lang vor ol. 84 bis ol. 90; 2) -jyat seit vor ol. 81 — 90; 
2 b ) t]tai nur drei mal, auf derselben inschrift [d. b. in der re- 
cension von Curtius V b.] (neben avTrjai), vor ol. 81; 3) aiai 
selten, um ol. 89 und 90; 4) -uig einzeln seit ol. 80, allge- 
mein seit ol. 90. oiat weicbt um ol. 84 dem kürzern -oig. — 
Neben 16 avto findet sieb sebon ro avzov. Die unten p. 11 er- 
wähnte endung -og&ojv , bisber nur aus einer lakonischen in- 
schrift bekannt, belegt Cauer mit GVGGTjuaivÖG&mv. iqwg&wv. 
ini(itl66&03v (dieses aus C. I. A. II. 92; neue beispiele ver- 
zeichnet A. v. Bamberg im Jahresber. p. 4, beil. zur Ztschr. f. 
gymn. bd. 31.). — ogöcö (gcow ?) in n. 2 B tä noiva ra 2xafißoavi- 
Sööv acom aal anobmaco wird p. 415 f. als präsensform mit futur- 
bedeutung gefaßt (s. Curt. Verb. II, p. 316 und A. v. Bamberg a. 
a. o. 5) ; drei weiteren singulären verbalformen wird ein spicile- 
gium quisquiliarum angereiht. Aus der comparatio Atthidis et Ia- 
dis p. 427 — 443, welche die ansichten der gelehrten von den 
alten bis auf Herzog und Bergk vorführt, seien nur zwei sätze 
registriert, nämlich p. 436: si in comparatione linguarum imagi- 
nibus ex genealogia repetitis utimur (quae dici nequit quam dolosa 
subsidia praebeani) . . . und p. 438 : ostendit (Ermannus) inscrip- 
tiones Chalcidicas partim in Euboea partim in coloniis Euboeicis 
Magnae Graeciae repertas dialectum praebere inter Jadem et Atthi- 
dem quodammodo in medio positam. Einige bemerkungen mögen 
folgen: p. 252 werden mehrere Wörter mit « aufgeführt, in de- 
nen später i geschrieben wurde. Jenes ei facta est ex l. huius 
mutationis causa fuit depravata apud Atticos pronuntiatio, quae cum 
produetione i vocalis , si ea antea brevis fuerat , interdum conjuneta 
■fuit', vrgl. ferner p. 2 64. Aber schon die betrachtung der bei- 
spiele dürfte nur wenige von der richtigkeit gedachter be- 
hauptung überzeugen. Daß dnitQiyqg (resp. 8iEngsq>T}g) aus 
dipsai — TQ£(pi)g entstanden sei, hat Ködiger schon K Z. XVI, 
p. 320 richtig gelehrt ; über TeiGco. Ttiaiag und sippe hat sich 
Cauer wohl inzwischen von Sauppe de titulis Tegeatic. p. 9 sq. 
und Joh. Schmidt, Vocal. I, 142 belehren lassen; für IJoastdäv 
und verwandtes mußten die durchaus feststehenden for- 
men arkad. Iloaoioäv , lakon. Uooidäv (s. Kohl. Mitt. d. Dtsch. 
arch. instituts. 1, 232. Kirchhoff, Stud. 3 149. 145) erwogen 



Nr. 1. 4. Grammatik. 9 

werden etc. — P. 257 konnte Cauer neben Kletysvi]Q nnd KXei- 
dtjfxog auch KXsißovlog aufführen, das sich in einem altattischen 
epigramm findet : ' A&r,vaiov 1873. II, 136-, vrgl. Kirchhoff 
Berl. Mtsber. 1873, p. 153. Dagegen mußte die bemerkung 
über /teiaüvtoQ n. 176, 8 ganz wegfallen, da zwar die Umschreibung 
bei Boeckh einen solchen menschen kennt, Kirchhoff aber den 
text mit recht ganz anders liest. — Daß ich die oben ausge- 
hobene erklärung der constrictio diphthongorum p. 267 nicht ganz 
verstehe, bekenne ich offen-, ich meine aber, daß die von Cauer 
zurückgewiesene Hartelsche mit allen thatsachen des griechischen, 
der verwandten sprachen und der lautphysiologie so wohl über- 
einstimmt, daß man wohl ruhig bei dieser wird verbleiben 
können. — P. 283 bemüht sich der vrf. meines erachtens 
allzusehr , aus dem atticismus die lautgruppe — anr — heraus 
zu schaffen; sie ist auch seither wieder auf neugefundenen denk- 
mälern guter zeit zum Vorschein gekommen. — P. 298 wird als 
Ursache der nicht seltenen Schreibungen wie 'Exazo v nfdwi . . . 
ävifozeowv. avvyoaytmv angegeben neglegentia quaedam lapicida- 
rum, qui hanc literam nasalem quippe quae sola a sermone graeco 
in fine vocabulorum ferretur , totius generis nasalis muneribus fungi 
facülime poterant existimare. Das richtige steht bei Deecke und 
Siegismund Stud. VII, p. 231 nach Joh. Schmidt Vocal. I, 116, 
daß „i> gewiß nicht statt « gesetzt ist, sondern zum ausdruck 
des nasalvocals dient". — Den besten beweis für die elision in 
der lebendigen ausspräche (p. 292) giebt die „volle" Schreib- 
weise der metrischen inschriften ; so n. 4634: vsZgö s inl ngöiyfi 
äya&op. — Ueber die dative lehrt Cauer p. 405 fg., die älteste 
endung sei * äfft? (nirgend s belegt) -rjai (oben 2b) gewesen, 
dann habe der atticismus das t zwischen stamm und endung 
aufgegeben, also -äfft, qai verwendet, und schließlich seien, durch 
die analogie der o-stämme (-oiai. -otg) begünstigt, die formen 
-aiai. -aig eingedrungen: ziemlich künstlich, und zudem sind ja 
die als die ältesten an die spitze gestellten formen für den atti" 
cismus sogut wie gar nicht belegt. Den kern der Wahrheit hat 
Cauer, mein ich, p. 405 tangiert, wo er anführt, daß im sanskrit 
die a- (griechisch o-)stämme den locativen pluralis auf -eshu, die 
ä- (griechisch ü-)stämme dagegen auf 'äsu bilden, d. h. daß bei 
den ä- stammen die endung an den unerweiterten, dagegen bei den 
«-stammen an den um t erweiterten stamm tritt. Genau wie 



10 4. Grammatik. Nr. 1. 

im sanskrit verhält es sich im altbaktrischen , altpersischen, alt- 
bulgarischen, genau so verhielt es sich meines erachtens ursprüng- 
lich auch im griechischen, wo, allerdings schon in sehr früher 
zeit, nach analogie der a-stämme das „vermittelnde" i auch in 
die als dative fungierenden locativformen der «-stamme eindrang. 
Eelativ spät, zuletzt, soweit wir bis jetzt sehen, drang diese fort- 
wuchernde analogie im attischen durch ; und formen wie tafiCäat. 
imcsTccTqoi sind keine Verstümmelungen, sondern reste der alten, 
schon fast ganz überwachsenen bildung; kurzer band auch den 
locativen gegen alle gute Überlieferung das i aufdrängen zu 
wollen , ist eine sehr übel angebrachte gleichmacherei. — Im 
Spicilegium quisquiliarum hätte der vrf. schon etwas weiter gehen, 
das eine und andere anmerken und dadurch bekannt machen 
dürfen •, ich kann , um nicht allzu ausführlich zu werden , nur 
noch einiges anführen : n. 422 steht der von allen grammatiken 
als fehlend, ungebräuchlich oder verschollen bezeichnete nominativ 
ägy* zu ägvo'g (vrgl. Kühner A. Gr. 2 §. 141, 2). — n. 41i3 
findet sich äavlsi, gerade wie auf dem bekannten steine von 
Amphipolis CIG. 2008.io vijtzoivei* steht, während Cobet Nov. 
Lect. 556 vr\notvt verlangt-, in dem drakontischen gesetze vom 
ersten solonischen a%<av n. 61 begegnet 1. 18 die (von Kirchhoff 
gewiß richtig nach den spuren gelesene) form iaea&mv, ebendas. 
1. 31 dixmv neben axcov 1. 17. — nr. 110 wird Kirchhoff richtig 
' j4h<J)mt]1 oaiv ergänzen, wie jetzt auch das alte fragment im 
'Adr}v. VI, 128 n. 2 bietet. C. IG. 1688 = C. I. A. IL 545 
von ol. 100, 1 steht neben ' AfxquxrLovtg 1. 41. 6 auch schon 
'ApcpixTvovee 1. 20. — n. 398 bietet der stein die form vvg, 
die allerdings Kirchhoff als error lapicidae betrachtete, mit unrecht, 
wie Neubauer Herrn. X. 153 fg. gezeigt hat: vvg ist der regel- 
rechte nominativ zu vsog etc. . . Doch ich muß schließen und 
bemerke zum Schluß nur noch ausdrücklich , daß diese notizen 
durchaus nicht etwa den werth der arbeit vermindern sollten; 
im gegentheil wollten sie recht eindringlich auf dieselbe hin- 
weisen. 

Der band enthält ferner noch von F i c k p. 303 f. weitere 
„Beispiele zur veranschaulichung des Verhältnis- 
ses zwischen den voll- und kosenamen im griechi- 
schen" und p. 444 f. „Beiträge zur griechischen na- 
men Systematik" ; vrgl. bd. IX unt. hft 2, von Brugmann p. 



Nr. 1. 5. Grammatik. 11 

314f. Nachträge zu seiner frühern abhandlung über „gebrochene 
reduplication" Stud. VII, und Osthoff behandelt p. 449 f. 
zwei weitere fälle derselben erscheinung. G. Meyer zeigt 
p. 120 f., daß ulnöXog mit aiy- gar nichts zu thun hat, sondern 
aus dpmöXog entstanden ist und den „Schafhirten" bezeichnet. 
api- ist der in den verwandten sprachen vielfach belegte , in 
unsern Schweizerdialekten noch jetzt lebendige stamm von o-i-g 
(Curt. Grundz. n. 595), dem es gegenüber steht wie lat. avilla 
(Paul. Epit.) dem gewöhnlichen ovis, alnöXog aly&v vergleicht 
sich mit Innoi ßovxoXiovzo u. ähnl. Vom herausgeber end- 
lich rühren eine „er wie de rung" auf Nauck's recension des 
„Verbum. bd. 1", sowie zwei misc eilen her, deren eine 
p. 460 fg. die lateinischen conjunctivi imperfecti mit den vedi- 
schen „doppelstämmen" oder „aoristbildungen vom präsensstamm" 
verbindet (vgl. jetzt „verbum" IT, 248); die andere bringt eine 
korinthische inschrift (s. PhAnz. VII, p. 251) mit der namensform 
JrENlAH. JetvCag, wodurch der streit über die anlautsgruppe 
der sippefo'o£. deiaai (Grundz. 235. 645 f.) endgültig erledigt ist. 

Ad. Kaegi. 

5. Das verbum der griechischen spräche seinem bau nach 
dargestellt von Georg Curtius. Zweiter band. Leipzig. 
Verlag von S. Hirzel 1876. V1H, 433 s. — 7 mk. 80 pf. 

Ueber den ersten band dieses anerkannt bedeutenden werkes 
hat seiner zeit der Anzeiger berichtet, s. bd. V, suppl. I, p. 641 : 
der vorstehend genannte schon in der vorrede zum ersten band in 
aussieht gestellte zweite band behandelt im ersten capitel, dem XIII 
der ganzen darstellung, (p. 1 — 32) die thematischen aoriste. 
Nach p. 9 fg. werden die (zum theil gewiß nominal) erweiterten 
formen (sa^s&ov. rjpuQTov neben ä/Augeit*) eingehender betrachtet, 
p. 31 f. die bedeutungmodificierende kraft der reduplication 
erwogen. Cap. XIV u. XV befassen sich mit den modi 
(p. 32 — 95) und den verbalnomina (p. 95 — 119) des prä- 
sens- und einfachen aoriststammes •, p. 44 wird auch für das 
griechische das dem vedischen -tat, dem italischen -tud. -tod 
(estod) entsprechende imperativsuffix 2. sing, activi rcog {iX&£T(ag 
iX&s) nachgewiesen; ebenso p. 51 f. der aus der litteratur nicht 
belegte, von Ahrens Dial. Dor. 297 postulierte ausgang -öva&co 
•oadeo in d. 3. pl. medii: uteXoG&m : ät>eXia&<o wie Xsyovzm; 



12 5. Grammatik. Nr. 1. 

Xeyero) (vgl. oben p. 8). Nach dem sorgfältigen abschnitt über 
den conjnnktiv sollte man endlich nicht mehr von „conjuncti- 
ven mit des metrums wegen verkürztem vocal" sprechen 5 diese 
homerischen formen sind deutlich reliquien der ältesten conjunc- 
tivbildung — mittels eines kurzen a- lautes, gr. 0, i — von verben 
ohne thematischen vocal: äXnai ist conjunctiv zualto, yvcoofisv 
zu sytco-fiev wie iofiev zu ifisv. aT£io(Asv ) ßsio/nsv und gewiß auch 
öeiofisv sind falsche Umschreibungen aus dem altattischen aiphabet 
{2TEOMEN. QEOMEN) ins ionische statt der in den mss. 
oft daneben sich findenden aztjOfuv etc. So werden andere er- 
klärungs versuche unnötig , z. b. der mehrfach von Benfey (Ei- 
nige pluralbildungen d. indog. vbs. p. 47 : Entstehung des 
optativ p. 59 = Gott. akad. abh. XIII, p. 83. XVI, p. 191) ge- 
äußerte, &e-io-(j8t>VLnä ähnliche seien optative mit primären endungen 
und so reste einer mischung von conjunctiv und optativ, die vor 
alters auch im griechischen statt gehabt hätte. Mit der zeit 
überwucherte die thematische bildung die ältere grösten theils, 
ähnlich wie im optativ, vgl. z. b. Sievtcu Hom. W. 475: 8((ov- 
iui P. 110. 810 izo g. 317, ioig neben ei'ijg: vtzo&soito Hdt. 
u.a. Das viel besprochene aXqoiv v. 383 wird durch die Delphi- 
schen inschriften (jtayexoiv, 3. pl.) geschützt, welche anderseits 
(nags^otaav und ähnlich) das immer weitere Umsichgreifen 
von -aav (Homer hat das einzige Gtair\6av P. 733) zeigen. Für 
conjunctiv und optativ hält verf. seine in der „Chronologie" auf- 
gestellten ansichten fest; das optativelement ist ihm wie Benfey 
die Wurzel ja „gehen" ; s. bes. p. 79. Für das wesen der in- 
finitive hat der veda die reichste belehrung gebracht. piSfie- 
vai = vedisch vidmane, Söfievai = dämane sind deutliche da- 
tive von nomina auf -man , deren locative in pC8/xev Söftsv vor- 
liegen. Die vor jähren ausgesprochene „bloße hypothese" des 
„Sanskritisten" Benfey, daß 8ovvai aus 8opevat entstanden und 
mit vedisch dävane identisch sei, ist durch kyprische inschriften, 
welche das postulierte 8op£tat bieten, glänzend bestätigt-, und 
wie 8ovvai aus Sopsvat, so wird &ehai aus üs'psvac entstanden 
sein. Da die endung -vai (nicht -erat) überall außer im 
att. -ionischen nur nach langem vocal sich findet, so sind die 
relativ späten 8i86vai, qiävai , sazävcci, sl8ivai als jüngere Bil- 
dungen zu betrachten, aus einer zeit, wo p in jenen dialecten ganz 
erloschen war und man -vai als selbständige endung fühlte; 



Nr. 1. 5. Grammatik. 13 

daraus erhellt, mit welchem recht Bekker i'ixevai aus Homer, 
meist gegen die Überlieferung, getilgt und durch iivai ersetzt 
hat. Als die häufigste endung bei thematischen verben hat man 
nicht -siv, sondern -sr zu betrachten: daher rifiäg, aber rifiäv, 
(ita&otg aber fiia&ovv. Ivsiv = Xveev. <I>TrEEN wurde von 
den fisTa^agaitzTjQiXovrsg der attischen zeit, welche das contra- 
hierte cpvyzlv sprach, irrig durch tpvyi s iv wiedergegeben. Auch 
der mediale infinitiv auf -adat ist ein dativ. — Eine genauere 
vergleichung des weitschichtigen c. XVI über den perfect- 
stamm und seine formen (p. 119 — 245) mit den betreffenden 
abschnitten in Kühners ausführlicher grammatik dürfte besonders 
für gegner der Sprachvergleichung, zu denen doch Kühner keines- 
wegs gehört, lehrreich sein. Das perfect als tempus der vollen- 
deten handlung hat sich erst allmählich aus einer intensiven 
präsensbildung abgelöst und gerade das griechische weist noch 
besondere perfectformen mit intensiver präsensbedeutung auf, 
p. 153 — 158, während es allerdings auch schon von Homer an 
solche formen zur bezeichnung der vollendeten handlung ver- 
wendet: A. 125. r 134. P. 542. „Mit dem Ursprung des per- 
fects aus einem intensiven präsens steht es im besten einklang, 
daß die reduplication allein der spräche in diesem tempus viel- 
fach nicht genügt, sondern daß in der regel die Stammsilbe noch 
eine kräftigung erfährt, sei es dehnung (nsqiyvs), sei es Steige- 
rung (liloim). Das aspirierte perfect ist keine vom nicht aspi- 
rierten principiell verschiedene bildung, vielmehr ist die aspira- 
tion nur als eine lautliche affection des wurzelconsonanten zu be- 
trachten; die jüngere, der homerischen spräche noch fremde torma- 
tion ist in der blüthezeit der attischen prosa aus dem Volksgebrauch 
der ^AxtiKoX daavvzixot nach und nach in den schriftgebrauch 
übergegangen. Vocalwandel und aspiration schließen sich in 
keiner weise aus. Das perfect mit -x- ist eine relativ späte 
griechische neubildung ; Homer kennt solche formen nur von vo- 
calisch auslautenden Stämmen (neyvxri neben ntcpvuai J. 483 f.); 
in dem -x- haben wir ein stammbildendes nominales element zu 
sehen. In den vereinzelten taaai. ei^aai liegen wol (vgl. fisfxta- 
ömaoavTai u. ähnl.) ansätze zu sigmatischen perfectformen vor. Zu 
den auxiliartempora übergehend behandelt Curtius zunächst den 
sigmatischen aorist (p. 245 — 28 9) in dessen ff er wie früher 
die wurzel as erblickt; doch liege nicht, wie man bislang annahm, 



14 5. Grammatik. Nr. 1. 

ein präteritum derselben vor, sondern der aorist sei das regel- 
rechte präteritum (a-dik-sa-t) eines mit hülfe der wurzel as ge 
bildeten präsensstammes (dik-smi oder dik-sami): p. 255 fg. Je- 
denfalls sind die sog. „aoriste mit kurzem vocal" reste einer altern 
im griechischen verschollenen, in den verwandten sprachen aber 
noch lebendigen bildung auf bloßes -a, nicht auf -au. ^ro-ff-e-xat 
ist conjunctiv zu «^oj-ö-to (nicht zu «^w-tra-zo), wie skr. rd-s-a-te 
zu a-rä-s-ta, so daß also auch hier die „kürzung metri gratia" 
aus der weit geschafft ist. Bezüglich der verba auf -£oo und 
ihrer aoriste auf -|a bleibt Curtius gegenüber Cauer (Sprachw. abh. 
p. 129 fg., dem Delbrück Jen. lit. ztg. 1876 p. 456 beigestimmt 
hatte) im wesentlichen bei der in den „grundzügen" entwickelten 
ansieht. — Entschiedener noch als das perfect wird das futu- 
rum (p. 290 — 320) als eine ursprüngliche präsensform gefaßt, 
zusammengesetzt aus einer verbalwurzel und der präsensform 
(ajsjämi-, die präsensbedeutung wird nach und nach durch die 
des futurs verdrängt-, vgl. elfii (B. 87. /7, 160. Thuk. P7, 61 
noch präsens), «öojuou, moftcti. Die älteste formation zeigt be- 
kanntlich der strenge dorismus: daaim = skr. däsjämi. Das 
t schwächte sich entweder zu e (inschr. innga^m , att. qisv<*ov- 
licu) oder es schwand (ngä^oa). Aus altem rencjoj ward dorisch 
Tsvim (wie aSwicov aus äSixqmv), in den übrigen dialecten revem, 
zevöö ; aus altem xoniosm (opx/£s'oo : C. I. Gr. 1688, 13): xopuiw, 
xo/itcö. — In den beiden p assiv stammen (p. 320 — 353) 
liegt die jüngste schicht griechischer verbalformen vor, speciell 
griechischer neubildungen. „Die leichtern passivstämme sind 
nichts weiter als äolisch flectierte durch E-laut weiter gebildete 
stamme"; die passive bedeutung hat sich auch hier wie ander- 
wärts aus der altern theils intransitiven, theils reflexiven ent- 
wickelt. Ebenso verhält es sich mit den schwerern formen auf 
-&r]; in diesem haben wir kein die bedeutung von sich aus be- 
stimmendes suffix, sondern ein (wol auf die wurzel dha zurück- 
gehendes) auch sonst vielfach wahrnehmbares stamm bilden- 
des element zu sehen. Im abschnitt über die verbaladjec- 
tiva (p. 354 — 361) wird die durchweg angenommene gleich- 
setzung von reo- und -tavja zurückgewiesen. Wie -tavja dem 
Higveda, so fehlt -reo in der später üblichen anwendung zur 
bezeichnung der notwendigkeit den homerischen gedickten, 
-f 40 sei Weiterbildung von -to (re-io : zeio : reo) und es liegen 



Nr. 1. 5. Grammatik. 15 

qiatsio-qiatso- cpazo- neben einander wie ßgoisio-ßgoreo-ßgoro- 
u. a. — Die mit dem sog. „eingeschobenen o" zusammenhän- 
genden erscheinungen erklärt Curtius, wo nicht stamme auf sigma 
oder dentale vorliegen , wie früher aus dem ausgedehnten aus- 
tauscht von verben auf -w und -£oo (-a'oo und d£ao u. s. w.): 
iac6&?]v gehört zu ocooj , dagegen Gtaco atai zu crco'^co. — Zwei 
weitere capitel p. 376 — 391 endlich behandeln die iterativa, 
desiderativa, intensiva, frequentativa, und in einem kurzen sehluß- 
kapitel werden die „anomalien" gruppiert und so leicht zum 
überblick gebracht (p. 391 — 401). Reiche verbalindices von 
Vanicek fördern und erleichtern den gebrauch des werks. 

Daß man bei einer so reichen fülle des stoffs, wie ich sie 
eben anzudeuten suchte, hie und da andrer ansieht sein kann, 
liegt auf der hand. So glaube ich mit Joh. Schmidt KZ. XXDJ, 
300. 301, daß in '£a%ov. lonov u. ä. synkope vorliege, während 
Curtius sich p. 8, vgl. 403 u., für metathesis entscheidet; ebenso 
sind für mich die ausführungen Schmidts über die Quantität des 
vocals in der flexion vocalisch auslautender wurzeln KZ. XX1TF, 
278 ff. gegenüber Curtius I, 195 ff. 269. II, 59. 405 n. zu 269 
durchaus überzeugend und nicht weniger dessen nachweis ibid. 
299, daß nctQcup&ctirjaiK. 346 nicht irregulärer optativ (Bekker, 
Curtius I, 58. DZ, 76; vgl. Delbrück, Altind. verbum 23), son- 
dern regelmäßiger conjunetiv von cpüaico sei, das neben q&dco 
lag wie aaXaita neben naXdco (inrilrjae), bildungen, deren natur 
uns ja Curtius selbst erkennen gelehrt hat, s. Stud. DJ, 188 ff. Die 
länge des t in lopep gegenüber häufigerm loyi£v\ s. 58. 60 ist 
gewiß sowol als die in dtfftirjat u. ä. (Ameis, anhang zu Od. V, 142) 
aus der „Spaltung" in ijofisv zu erklären, welche ja durch die kypri- 
schen inschriften jetzt auch fürs griechische in reichem maße er- 
wiesen ist; vgl. Hartel, Hom. stud. III, 39 ff. Zu den singu- 
lären formen des infinitivsufnxes p. 114 ist das elische noi]ac- 
aai = noirjouö&ai (Arch. ztg. 1876. 183. Cauer, del. inscr. 
n. 116, 33) hinzugekommen; zur erklärung war M. Müller's 
mehrfach vorgebrachte ansieht (KZ. XV, 220. Essays IV, 429 f. 
d. Ueb.) zu erwägen. Ueber den „stammbildenden" vocal -a 
im perfect sind Osthoff, Jen. lit. ztg. 1876, 761 und Brugmann 
Stud. IX, 31 9 f. anderer ansieht. Zu Curtius auffassung der aspi- 
ration im perfect paßt trefflich der nachweis A. v. Bambergs 
(Ztschr. f. Gymn. 28, 1 6 f.), daß das perfect von ngdaaco sowol 



16 6. Grammatik. Nr. 1. 

transitiv als intransitiv bis auf Aristoteles nur nircQaya heißt 
(vgl. p. 199. 201). Ueber die perfecta auf -xa von dentalen 
stammen vor Euripides (p. 211) ist die note Naucks im anhang 
zu Soph. Antig. v. 393 fg., 7. aufl. zu vergleichen. Ueber das 
augment von plusquamperfecten mit attischer reduplication han- 
delt eingehend A. v. Bamberg Ztschr. f. Gymn. 28, 18 fg. Die 
verhauchung des a, „selbst im lakonischen dialekt eine jüngere 
erscheinung" p. 278, hat Kirchhoff genauer im Hermes III, 451, 
in den Berl. Mtsber. 1870 p. 60 f. chronologisch fixiert; spora- 
disch zeigt sich jene erscheinung auch in der schon angeführten 
neuen elischen inschrift Cauer Del. n. 116 z. 33 noTjaoaai. 
36 itorjazai. neben syxzqoig u. a. Ueber den vocalismus von 
sigmatischen futur — und aoriststämmen, speciell das Verhältnis 
von Xdfupofxai: Xtjfityoftai: lrj\po(iai , ihd(iq>&t]v: ilrjfiy&iiv: 
iXqq&tjv scheinen mir die kurzen bemerkungen p. 281. 301 f. 338 
nicht genügend; jedenfalls wäre eine auseinandersetzung mit 
Joh. Schmidt Vocal. I, 118 fg. sehr erwünscht gewesen, dem 
ja Curtius bezüglich der erklärung von Tjvaixa, aus Tjveyxa p. 26. 
285 zustimmt. 

Doch genug solcher einzelnheiten. Es ist ja klar, daß auch 
dieser band, wie im anfang dieser anzeige schon angedeutet , zu 
den bedeutendsten erscheinungen auf dem gebiete der verglei- 
chenden grammatik gehört. Ad. Kaegi. 



6. Bruell, über den dialect der Ehodier. Progr. von 
Leobschuetz 1875. 20 s. 

Als quellen für die behandlung des rhodischen dialects, 
welcher zur doris mitior gehört, zählt der vrf. auf: die inschrif- 
tensammlungen von Boeckh, Hamilton, Roß, Fouckart; ferner 
die rhodischen münzen , gesammelt von Mionnet und Eckhel ; 
von Schriftstellern den lyrischen dichter Timocreon, den sog. 
chelidonismus der rhodischen jugend, den brief des Pseudo-Kleo- 
bulos bei Diog. Laert. I, 93, die rhodischen glossen bei Hesych, 
sowie die spräche der heutigen Rhodier. Auch die colonien 
werden berücksichtigt: die inseln Chalke, Karpathos, Syme, Te- 
los, Kasos , Nisyros , sowie die städte Agrigent und Gela. Von 
den inschriften gehen wenige über das dritte Jahrhundert vor 
Christo hinaus; die übrigen scheidet Bruell 1) in solche, die 



Nr. 1. 6. Grammatik. 17 

vor die zeit der römischen herrscliaft auf Ehodos fallen; 2) in 
solche, welche nach 168 abgefaßt sind. 

Die hauptsächlichsten ergebnisse, welche der vrf. in § 2 — 
1 gewinnt, sind folgende : in der abschwächung des vocals a 
zu e und o sind die Khodier den benachbarten Ionern gefolgt, 
so in iegng statt lagog; zu den beispielen konnte aus Fouckart 
Revue arch. 1865 part. I. , p. 218 die form uoo&vt^aavta hin- 
zugefügt werden. Nur die attisch-ionischen formen xqvgsoq, 
inlxtog, nicht die mit i, finden sich und zwar stets uncontrahirt. 
Treuer haben die Rhodier das lange a, das im ionischen dialect 
tj lautet, bewahrt, so in dXiog, dü/jog, väaog, fixaaag, 'A&dvu. 
Die diphthonge u und ov stehen, wo die doris severior r\ und co 
setzt; a statt co kommt in noätog vor, i für r\ in iqoÖcop, ' Aq- 
rafiiTiov. Der dativ singularis der dritten declination geht nicht 
mehr auf i, sondern auf st aus; ebenso hat si der aorist von 
tivta , sowie die von diesem stamm abgeleiteten eigennamen. 
Auf p. 11 wird die beobachtung von Ahrens (vgl. auch Mors- 
bach de dial. Theoer. p. 54 o.) bestätigt , daß die Rhodier in 
%sivog die ionische form mit u vorgezogen haben, wenn auch in 
den inschriften formen mit s vorkommen. Die vocale so werden 
vorwiegend in ov contrahirt, doch finden sich auch formen mit 
«i> ; die beispiele konnten in größerer menge angeführt werden, 
vgl. z. b. ^/a/A,Ofs&FV£vg } Ka.X'kiHQatsvg, AQinv.QU.tsvg, noisvvrai bei 
Fouck. a. o. 1865, p. 294 und 1867 part. I, p. 204. Die ver- 
tauschung von consonanten ist selten ; ausfall eines consonanten 
findet namentlich statt in dem verbum yivopiai ; größere Verkür- 
zungen sind &uXkög für &a).SQÖg t Stivig für üsviag } Baoikqg für 
BaaiXsiog. In der endung der feminina erster declination haben 
die Rhodier bis zum ende des ersten Jahrhunderts v. Chr. durchaus 
das u bewahrt, noch treuer in den flexionsendungen der masculina 
erster declination a<, «, a, av, äv ; dagegen die endungen der 
zweiten und dritten declination stimmen im ganzen mit den atti- 
schen überein. Pronominalformen kommen nur selten vor , im 
artikel hat sich zoi statt ol in mehreren inschriften erhalten. 
Was die conjugation betrifft, so weichen die Rhodier nur in we- 
nigen formen noch von den Attikern ab; eigenthümlichkeiten 
der rhodischen mundart sind die infinitive auf fxetv , sowie for- 
men wie 7i(*tiv , t'iaiTjfjbai. Die präpositionen noti (nie ngog, 
einmal ngoti) und xazd apocopiren nie ihren endvocal vor fol- 
Philol. Anz. IX. 2 



lg 1. Aeschylos. Nr. 1. 

gendem consonanten, doch nag ßaatlems. Zum schluß giebt 
Bruell in § 11 eine kurze Charakteristik des rhodischen dialec- 
tes; ich vermisse darin die hervorhebung des umstandes, daß 
die doris der letzten vorchristlichen Jahrhunderte von tag zu 
tag mehr attische formen annahm, vrgl. neben der form isgng 
auch Gigsxpai in einer rhodischen inschrift no 2905. Die quel- 
len sind vom vrf. sorgfältig benutzt, ebenso wird auf die neue- 
sten forschungen im gebiet der dialecte stets bezug genommen; 
nur die schon erwähnte schrift von Morsbach scheint er nicht 
gekannt zu haben. 

C. Härtung. 



7. A. Lowinski, De emendando primo episodio quod est 
in Aeschyli Septem adversus Thebas. Programm des gymn. 
in Deutsch-Krone. 1877. 4. 24 p. 

Lowinski greift die emendation des ersten epeisodions in 
den Sieben gegen Theben mit allen hülfsmitteln der kritik 
an. Er handelt zuerst über diese hülfsmittel , gibt dann den 
Hermann'schen text, knüpft daran kritische bemerkungen, be- 
spricht darauf die antithetische composition, läßt dann seinen ei- 
genen text folgen und erörtert schließlich auf grund desselben 
noch einmal die autorität des cod. Mediceus und seiner scholien. 
Mit vergnügen schaut sich der verf. seinen verbesserten text an 
und bemerkt dazu : iam viele quantum hie quem proposuimus textus 
ab eo qui hodie vulgo circumfertur , h. e. a textu vel Hermanni vel 
Dindorfii vel Weilii distet. Allerdings , sagen wir, aber nicht zu 
seinem vortheil. Auch nicht eine einzige conjektur des Verfas- 
sers kann auf irgend einen werth den geringsten anspruch 
machen. Mit welcher Sicherheit die metbode desselben verfährt, 
dafür nur einige beispiele. Er freut sich besonders über die 
Verbesserung von v. 208 Herrn, ^i'jrtjg ding 9tXti»Toa (für vtj- 
1*10 > yvvrj aooTijgog). Wie wird solche Verwegenheit gerechtfer- 
tigt? Man höre! Der scholiast des Mediceus bemerkt zu 
yvvtj awzTjoog: Xtlnti Jiög. yvirj 4>6g amrljon^. Daraus schließt 
Lowinski: /tiog acoTij^ng pro yvvi/ awrijong scholiastam Mediceum 
in codice suo invenisse aper tum est. Also weil dem scholiasten 
didg fehlt, hat er es! Und &sXot>rog? Das ist durch das 
glossem aoorijQog verdrängt worden. Und wozu Jing deXoptov? 



Nr. 1. 8. Sophokles. 19 

Eteokles will ja von den göttern nichts wissen. — In v. 189 will 
vf. nvoiysvhai oder vielmehr nvgtßgspezai schreiben, weil Din- 
dorf die glosse des Hesychius avgißgefxi'zug • o ^aXivog, mit hoher 
Wahrscheinlichkeit auf diese stelle bezogen habe. Wird nicht 
dann nvgißgefihug als epitheton von ^a^jfoV, also der überlie- 
ferte genitiv nvgißgefiszüv {jaXivmv) sicher gestellt? — Weil v. 230 
geringere handschriften Stj&sv cog für yJj&sv mg bieten, liegt darin 
eine bestätigung für die conjektur datmvl — Zu den lieblings- 
wörtern des verf. scheint evrvxog und 8iä8gofxog zu gehören : 
v. 187 wird«ü/7Kwi in tvTvy.cov geändert. Einer besonderen recht- 
fertigung bedarf natürlich eine so evidente Verbesserung nicht: 
quid multat lege mecum evzvxav, quam vocem Aeschyleam in libris 
obliteratam ex Hesyehii lexico poetae nostro aliquotiens restitui. 
V. 172 wird für diuSgöpiove qvyug &siaai geschrieben diadgo- 
fiovg ßoag Biaai und ömögo^ot ßoui erklärt clamores dissoni. 
Diese famose erklärung dient dann für 222 , wo für nozainov 
(xlvovau nä.tayov) einfach 8iä8go(xov gesetzt wird: 8iü8go(xov 
konnte mit Ttoruvöv erklärt werden und dieses in nozalviov 
übergehen. Doch genug von solchen hariolationen. Schämen 
müssen wir uns vor den von dem verf. mit solcher geringschä- 
tzung angesehenen scholiasten, wenn wir 241 nafavazonslg nicht 
verstehen und dafür die durchaus unnütze conjektur noliv azi- 
vsig setzen. — Für die antithetische composition von 163 — 183 
und 247—267 (7+6 8 = 7 + 6.8) wird in der Wiederkehr 
gleicher oder ähnlicher Wörter eine bestätigung gefunden. Sieht 
man genauer nach , so bemerkt man , daß abgesehen von dem 
einen zoiavia (176. 260) alle an ganz verschiedenen und oft 
weit aus einanderliegenden stellen vorkommen. Nun höre man 
noch , um den Unwillen voll zu machen , wie der Verfasser 
auf grund seiner kritik über den Mediceus urtheilt : intellectu sane 
difficile est quomodo istius modi codex vulgaris unusque e multis 
inter omnes Codices Aeschyleos tamquam princivatum obtinuerit. 



8. Beiträge zur erklärung und kritik des Sophocles. Von 
Ludwig Bellermann. Separatabdruck aus der festschrift 
zur dritten säcularfeier des berliner gymnasiums zum grauen 
kloster. 8. Berlin, Weidmann'sche buchhandlung 1874. 38 s. 

In der besprechung von Oed. Col. 1447 — 1499, die den 

2* 



20 8. Sophokles. ffr. 1. 

ersten abschnitt vorliegender abhandlung bildet, wird zunächst 
nachgewiesen, daß die herrschende ansieht, welche in den via 
xaxd (vs. 1447) das aus Oedipus fluche für Attica zu erwartende 
Unheil sieht, sich weder mit dem Zusammenhang noch mit dem 
sprachlichen ausdruck verträgt, mithin der anfang des liedes 
nur auf das schon herannahende, hörbare gewitter bezogen wer- 
den könne, woran bereits Elmsley und neuerdings, jedoch ohne 
seine ansieht zu begründen, Blaydes gedacht. Der chor vermu- 
the bei dem leise beginnenden donner ein neues (im gegensatz 
zu den früheren kämpfen) von Oedipus ausgehendes unheil, ver- 
bessere sich dann aber in der erinnerung an eine früher von 
Oedipus gethane äußerung mit den worten „wenn es nicht etwa 
sein todesschicksal ist". Bei dieser auffassung sei via vsö&sv 
xaxä so gut wie das präsens xi%dv&i ohne anstoß, in den Schluß- 
worten aber 'ixTvnsv al&rjg, co Zsv brauche nicht die bezeichnung 
des ersten donnerschlags gefunden zu werden, da gerade eine 
Steigerung des donners der natur und der dramatischen Wirkung 
am angemessensten sei, und für die athenischen zuhörer, die den 
donner hörten, über den sinn der worte via . . . (im kein zwei- 
fei habe bestehen können. Sodann wird, um vollständige respon- 
sion zu gewinnen, unter Streichung von /xdXa und mit Versetzung 
von xivnog geschrieben xivnng f 18?, fiiyag iosCnftai deparog o8e 
diößoXog, ig 3' uxgav, ohne daß jedoch ein beispiel für die Stel- 
lung von i'8s an zweiter stelle beigebracht würde, in der vierten 
zeile der antistrophe aber zur Vermeidung des fehlerhaften anapästs 
statt ovgavia nach Hermanns Vorgang nvgdvia, was aber nicht 
sowohl für adverb als für einen aecusativ des Inhalts zu halten 
sei. In der fünften zeile der Strophe schreibt vrf. gewiß mit 
recht unter vollständiger responsion mit der von ihm als richtig 
nachgewiesenen gegenstrophe ngä ögä t«iV Üb) xqÖvoq ini^oap 
(d. h. hemmend , zurückhaltend) § rtga , indem er nag yfimg im 
folgenden verse in der distributiven bedeutung „von tag zu 
tag" faßt. Tavra und srega können dabei entweder als substan- 
tivirte neutra gelten oder mit ahcopiata verbunden werden, also 
Tavra rä ä^KÖfxara = td TM» &twr, nicht = ravra td t<ü* 
öemv a^icö/Aara. In der kritischen behandlung der antistrophe 
ß schließt sich Bellermann an Dindorf an und ergänzt die von 
diesem statuirte und theilweise ausgefüllte lücke durch das wort 
dygoig> so daß die beiden ersten verse der antistrophe ß lauten 



Nr. 1. 8. Sophokles. 21 

im loa nai, ßä&i, ßä&\ et* 1 dygoTg nvgslg «tV axgov im yv'aXov. 

Das eingesetzte dygoig empfiehlt sich abgesehen von dem passen- 
den sinn auch in graphischer beziehung bei der gleichheit der 
anfange */V dygo und «/V dxgo. Für yvaXov wird die gewöhn- 
liche bedeutung „thal" festgehalten, obwohl das wort ursprüng- 
lich nicht sowohl den hohlen räum als die begrenzende Wölbung 
bezeichne, äxgov yvaXov sei ein von hohen bergen umgebenes 
thal, bei in) c. acc. habe dem dichter ein verbum der bewegung 
wie il&oöi' vorgeschwebt, in der dritten zeile erheische das me- 
trum die übrigens ursprüngliche form IloGBidaoviw: die Verbin- 
dung Floasidaöviog &eög sei durch das von Elmsley angeführte 
BuH%eiog &tog gedeckt. In der ausfüllung der lücke des letzten 
verses, die Triclinius durch anevaov, andere durch verschie- 
dene, höchst entbehrliche begriffe auszufüllen versuchten, hat 
vrf. gewiß das richtige getroffen, wenn er schreibt aaaov ai'aa 
eava'Zy was nicht nur wegen der ähnlichkeit des folgenden Wor- 
tes am nächsten liegt, sondern auch die fast unentbehrliche be- 
deutung der richtung oder des zieles giebt , während das bloße 
eucjffoo niemals „heraneilen" bedeute, sondern stets nur die 
schnelle, stürmende bewegung bezeichne. 

In dem zweiten abschnitt der abhandlung vertheidigt Bel- 
lermann zunächst die herkömmliche aufflassung des fit] nach ver- 
ben des fürchtens als einer prohibitiven partikel gegen die 
Kühnersche auffassung, die ihm interrogativen sinn beilegt 
und es nicht für conjunktion, sondern für fragewort mit der be- 
deutung „ob nicht" erklärt, weil 1) dieses (i?j alle construktionen 
mit den übrigen fragewörtern (soll heißen „mit allen arten der 
fragesätze") gemeinsam habe. Vrf. beweist, daß aus dem ge- 
meinsamen gebrauch des conjunktivs in fragesätzen und den 
Sätzen cpoßovfiai (xfi auf eine Übereinstimmung der natur dieser 
sätze nicht geschlossen werden dürfe , da der conjunctiv in di- 
rekten und indirekten fragen stets einen zweifei des Subjekts 
über einen zu fassenden beschluß, also einen dubitativen oder 
deliberativen sinn enthalte, mithin, da ein solches dubitatives ver- 
hältniß auf sätze wie qjoßovftai fii] iXdcaaiv ot noliiuoi unan- 
wendbar sei, der conjunctiv in diesen Sätzen grammatisch uner- 
klärlich bleibe, sobald man sie als fragesätze fasse. Zwar seien 
indirekte fragen im anschluß an verba des fürchtens wie im la- 
teinischen so im griechischen vorhanden (z. b. mit et, oartg, zig, 



22 8. Sophokles Nr. 1. 

olog), dieselben stünden aber nie im conjunktiv, wenn sie 
eben nicht dubitativ seien. Der gleichzeitige gebrauch des 
optativ in beiden Satzarten, nämlich bei abhängigkeit von 
historischem tempus , könne noch weniger als beweis für die 
gleichartigkeit jener sätze gelten, da diese erscheinung allen 
indirekten Sätzen gemeinsam sei. Ebensowenig habe das ge- 
meinsame vorkommen des indicativs in tragesätzen und in 
sätzen mit (itj zu bedeuten, denn während dieser modus in 
jenen sätzen abgesehn von der dubitativen species überall und 
mit nothwendigkeit stehe , diene er hier einer besonderen mo- 
dification des gedankens, insofern dabei entweder nur eine nä- 
here bestimmung, nicht, wie beim conjunctiv, das verbum selbst 
objekt der furcht sei (also dst'deo f*rj dt] nävta &eä pijuegrsa slntv 
eigentlich abgekürzt aus /xtj aXrj&lj y, a elnsv i\ &su), oder durch 
den modus der direkten behauptung , also durch die lockerung 
des strengen rektionsverhältnisses der sätze das gefürchtete er- 
eigniß als sicher bezeichnet werden solle (nga [At] nnXXüv %siq(Öi> 
dstJGEi). — Gegen die weitere ansieht Kühners, daß \xr\ niemals 
finalconjunktion sei, also auch in sätzen, wie u.r\ \xoi ofonv astgs, 
fitj (x 1 anoyvuaori vermöge eines wie bei et und läv zu ergän- 
zenden ßxonsiv (== da ich besorgt bin, ob du mich nicht 
schwächest) interrogativen sinn behaupte , macht vrf. abgesehen 
von der Umständlichkeit einer solchen entwickelung mit recht 
geltend, daß vor „ob" stets ein gedanke des überlegens , nicht 
des wollens zu ergänzen sei, während in jenen sätzen mit (zij 
das Subjekt gerade etwas verhindern wolle; sodann, daß die 
von Kühner behauptete analogie der sätze mit ti, tclv aus zwei 
gründen nicht zutreffe 1) weil dieselben nur da, wo mehr die 
möglichkeit der erreichung als das entschiedene begehren aus- 
gesprochen werden solle, an die stelle der absichtssätze treten 
können ; 2) weil sie, da der gedanke, dessen ausführung versucht 
(a. idv) werden soll , logischerweise etwas positives sein muß, 
ebendeßhalb einen negativen absichtssatz nicht vertreten können, 
wie denn die interrogativsätze mit ei und idv in negativer form 
nicht vorkommen. Der Ursprung der falschen Kühnerschen pa- 
rallele liege in der verkennung der zwei bedeutungen von axo- 
nslv: (1) überlegen, versuchen, also ein verbum der verstandes- 
thätigkeit nach et iüv, 2) dafür sorgen , daß , also verbum der 
willensthätigkeit , so nach Kühner vor den sätzen mit py er- 



Nr. 1. 8. Sophokles. 23 

gänzt. Als indirektes fragewort kommt (xtj sonst nickt vor; di- 
rekte fragen mit \ir] sind durch die ellipse eines hegriffes der 
besorgniß zu erklären, fii] ist auch hier ursprünglich prohibitiv, 
der indicativ erklärt sich daraus, daß das gefühl für die ellipse 
in diesen sätzen geschwunden ist. — In der theorie alter gramma- 
tiker werden zwar die sätze nach evXaßovfiai und verben des 
fürchtens für „zweifei ausdrückend" (xaza dianooTjaiv , diazaxn- 
xov) angesehen, ohne daß doch deßwegen ptj (== daß nicht) für 
ein fragewort erklärt würde. — Vrf. wendet sich dann zu dem 
gebrauch von ov pr t bei Sophokles und bemerkt zunächst im allge- 
meinen, daß ov fit] mit conjunktiv eine mit nachdruck ausge- 
sprochene Verneinung für die Zukunft sei, die sich von ov mit 
indicat. futuri, als der objektiven negation, durch das moment 
der subjektiven Überzeugung unterscheide , während ov fitj mit 
futurum eine frage resp. ein verbot in der form einer frage 
ausdrücke , so daß , weil eben ov hierbei nicht behauptenden 
sondern fragenden sinn habe , der unterschied dieser gewisser- 
maßen auf zwei ineinander geschobenen fragen beruhenden for- 
mel zu dem einfachen \ni\ c. ind. futuri nicht in dem negations- 
grad sondern nur in der gesteigerten Zuversicht oder dringlich- 
keit bestehe. Bereits Elmsley hat den bedeutungsunterschied 
der beiden construktionen von ov fxr\ c. conj. und c. futuro aner- 
kannt, irrte aber darin, daß er alle stellen mit futur für gleich- 
artig hielt, denn neben dem imperativischen ov (iq c. futuro be- 
stehe auch ein ov [*.r\ c. fut. im sinne des ov (tri mit conjunctiv 
und es könne der indic. futuri, da er sich sogar nach negirten 
verbis timendi, wenn auch selten, finde, hier, in einer feststehen- 
den formel, die wesentlich nur als eine starke form des negati- 
ven futurs gefühlt wurde, um so weniger überraschen. Von den 
sechs stellen des Sophokles, die ov fxtj c. futuro enthalten, hat nur 
eine (Trach. 977) die bedeutung des Verbots, alle übrigen (El. 1052, 
Ant. 1042, 0. C. 177 und 848, Phil. 611) zeigen die futurbe- 
deutung der conjunktivstellen und sind in gemäßheit der vom 
vrf. entwickelten theorie sämmtlich unverdorben. Eine genauere 
besprechung verdient nach seiner ansieht nur Elect. 1052, 
wo neuerdings von Morstadt die verse aAÜ,' iCaitf . ov aoi (tq 
fxe&sxjjofxai nozs, ovo' rjv ocpöSo' Ifisigovaa tvyxdrriQ ' insl tzoXXtjs 
ävotag xai ro &t]QÜ6&ai xsvei. für unecht erklärt sind. Vrf. 



24 8. Sophokles. Nr. 1. 

weist zunächst überzeugend nach, daß fisdf'xpnfAni hier nicht in 
der eigentlichen bedeutung genommen werden kann, der sogleich 
ov . . . . not 8 widerspricht, bemerkt sodann, daß die übertra- 
gene bedeutung im sinne von obsequor anderweitig nicht nach- 
weisbar ist, und entscheidet sich dann wegen der häufigkeit die- 
ser bedeutung im aktiv und wegen der angemessenheit des Sin- 
nes für ein übertragenes „sich jemand nähern , einverständniß 
suchen", ähnlich unserer vulgären redensart „jemandem nachlau- 
fen", so daß die frühere Weigerung, dem rathe der Schwester zu 
folgen, hier zu der form verstärkt werde: „zwischen uns kann 
keine gemeinschaft mehr sein". Dies beweise die erklärung des 
scholiasten dvri tov koiviuvj'jOco und der Zusammenhang mit dem 
folgenden. Fasse man fie&iipofiui im sinne von obsequar consüio, 
so würde in dem zusatze ov$ rjv aqindg' ifiet'oovGa tvyxa'trjg 
liegen, daß Chrysothemis dies, daß Electra ihrem rathe folge, 
jetzt nicht oder nicht so stark wünsche, während die vom vrf. 
gegebene auffassung: „ja gehe nur hinein, trenne dich nur von 
mir: niemals werde ich versuchen, mich dir wieder zu nähern, 
auch nicht dann , wenn du dies (meine annäherung an dich) 
einstmals sehr heiß ersehnen wirst" , ohne anstoß sei. Wenn 
vrf. aber den nächsten vers, den er folgendermaßen wiedergiebt : 
„denn großer Unverstand ist es , nach nutzlosem (wie eine eini- 
gung zweier so verschiedener naturen sein würde) auch nur zu 
trachten", zum beweise dafür benutzt, daß im vorhergehenden 
nicht das obsequi consilio gemeint sein könne, weil der rath der 
Chrysothemis eben darin bestehe, still zubleiben und nicht zu 
handeln, und man nach etwas bloß negativem überhaupt nicht 
haschen oder jagen könne, so wird sich zwar gegen sein ver- 
ständniß des verses nolXijg avoiag aal ib &?]Qäa&ai xevd an 
sich nichts einwenden lassen, der hinweis jedoch auf den nega- 
tiven charakter des Verhaltens der Chrysothemis kaum als be- 
gründung gelten können , da sich der inhalt dieses Verhaltens 
auch in sehr positiver weise als lebenskluge fügsamkeit und 
freude an äußerer behaglichkeit fassen läßt (s. bes. v. 352 — 
355: iyda ftsv ov» ovx äv 7iot\ ovo' ei' poi tu (Ja fitlXot tig oiaeiv 
8mQ , icp* o'iai vvv %Xi8äg , rovroig vnsixd&nifti , aol 8s nXovaia 
zgane^a xeia&G) xou negiQÖshoi ßtog), so daß nicht der versuch 
einer Verständigung, sondern eben jene guter, die Chrysothemis 



Nr. 1. 8. Sophokles. 25 

vertheidigt, von der sittenstrengen Electra als vivu bezeichnet 
werden, in deren äugen auch nur nach solchen dingen zu trach- 
ten, geschweige sie wirklich zu haben, ein großer Unverstand 
ist. Uebrigens wird man sich auch bei dieser auffassung die 
vom vrf. gegebene erklärung des vorhergehenden fie&sxpoftai an- 
eignen dürfen , denn der grund , warum Electra sich nie, auch 
wenn es Chrysothemis sehr heiß ersehnen sollte , der Schwester 
nähern will, ist ja doch eben dieser, daß Electra auch nur zu 
trachten nach den xevü, die das herz der Chrysothemis erfüllen, 
für Unverstand erklärt. — Vrf. bemerkt sodann, daß auch an- 
dere Schriftsteller ov \xr\ c. futuro zuweilen im bestimmt verneinen- 
den sinne gebrauchen, und erläutert bei dieser gelegenheit den 
unterschied von nl pn) c. conj. praesentis, was einige mit unrecht 
für unzulässig erklärten, und ob firj c. conj. aoristi, das nur deß- 
halb sich häufiger finde, weil, wenn ein zukünftiges faktum mit 
bestimmtheit in abrede gestellt werde , es nicht bloß ausreiche, 
sondern meist viel nachdrücklicher sei, den bloßen eintritt des- 
selben, nicht den verlauf zu bezeichnen. — Zuletzt wird Eur. 
El. 383 besprochen. Auch hier findet sich ov (xtj mit futurum 
im bestimmt verneinenden sinne und zwar hier allein in einer 
frage, wodurch auch Elmsley irriger weise veranlaßt wurde, diese 
stelle unter den beispielen imperativischen gebrauchs anzuführen, 
die sämmtlich fragend sind. Vrf. erkennt richtig, daß die Elms- 
leysche auffassung einen dem verlangten entgegengesetzten sinn 
ergeben würde, und entscheidet sich schließlich, da die den sinn 
genau treffende Kirchhoffsche vermuthung ov acoqgovrjas&' kri- 
tisch weniger wahrscheinlich sei, die graphisch ansprechende le- 
sung Badhams dagegen ov (atj ucpgovtjoed'' wegen des folgenden 
xevwv 8o^aafAato3v nX/jQeig dem sinne nicht völlig genüge thue, 
für die beibehaltung der wegen der frage allerdings singulären 
Überlieferung ov fxrj ygov^attf, indem er bemerkt, daß nicht jede 
erscheinung , die sich zufällig nur ein mal finde , in der wirkli- 
chen spräche so vereinzelt dagestanden zu haben brauche. Ref. 
stimmt diesem grundsatz selbstverständlich zu , glaubt jedoch im 
vorliegenden falle mit der dem sinne entsprechenden und dabei 
graphisch leichten änderung ov (tot q>gorrjas&' die gewöhnliche 
ausdrucksweise herstellen zu können. — Beispiele des dat. ethicus 
in fragen bietet Plat. Civ. 389 D: tl 8s; c<oqigoovi>r]g aga ov 
derjasi rjplv joig vmviaii , wo tjfiiv natürlich nicht mit zolg vect- 



26 9. Sophokles. Nr. 1. 

viaie zu verbinden ist, und Hipp. m. 286 C nodsv da ftoi ov 3 
eqii], (o JZwxQccto,', olo&a, onoia. xalä neu ala^gä. 

Carl ScMrlitz. 



9. Nieberding, Sophokles und Herodot. Programm von 
Neustadt o. S. 1875. 24 s. 

Nach einem tadel der heutigen kritik in den dramen des 
Sophokles bespricht der vrf. das leben Herodots und nimmt einen 
zweimaligen aufenthalt desselben in Athen an , zuerst von 450 
bis 443 (oder 440), dann vom winter 431 bis ebendahin 428. 
Nachdem er auf p. 6 begründet, warum sich der historiker ge- 
rade in diese Stadt Griechenlands begeben habe, zeigt er, daß 
beide männer in ein sehr nahes und nicht auf eine kurze zeit 
beschränktes freundschaftliches verhältniß traten; die folge war, 
daß Herodot auf die dramen des Sophokles einen großen einfluß 
übte. Als resultat seiner forschung giebt Nieberding auf p. 16 
folgendes an : die ansieht beider männer über die göttlichen und 
menschlichen dinge, wie sich dieselben in ihren Schriften dar- 
stellen , seien in vielen punkten übereinstimmend ; es sei wahr- 
scheinlich, daß Sophokles manchem lieblingsgedanken des Hero- 
dot absichtlich auch in seinen dramen ausdruck verlieh. Auch 
in der sprachlichen darstellung sei bei Sophokles der einfluß 
der beschäftigung mit dem werke des Herodot nicht zu verken- 
nen. In der form wie in den gedanken fänden sich bei ihm 
öfter reminiscenzen an Herodot, ohne jedoch immer eine bestimmte 
beziehung auf eine einzelne stelle desselben zuzulassen. Endlich 
aber habe Sophokles an vielen stellen bestimmte angaben des 
Herodot benutzt, auch wohl ganze stellen desselben nachgebildet. 
Nachdem der vrf. sodann eine reihe von stellen aufgezählt, an 
denen ihm eine beziehung unzweifelhaft scheint , tadelt er , daß 
man etliche dieser stellen als nicht von Sophokles herrührend 
verdächtigt habe, nämlich 0. T. 261 fl. El. 62 fl. 0. C. 337— 
43. Ant. 905 fl. und sucht ihre echtheit zu erweisen. Allein 
der umstand, daß die erste dieser stellen an Her. V, 59 , die 
zweite an IV, 95. 14., die dritte an II, 35 erinnert, kann nicht 
als zeugniß der echtheit angesehen werden , wenn sprachliche 
und sachliche gründe dagegen sprechen. Eingehend bespricht 
Nieberding auf p. 18 — 22 die letzte dieser stellen: er läugnet 



Nr. 1. 10. Theokritos. 27 

die mängel derselben nicht, er nennt die beziehung an unserer 
stelle eine schiefe, den grund, den Antigone für ihre handlungs- 
weise angebe, einen unpassenden, und dennoch hält er die stelle 
für echt 1) weil das geschichtswerk Herodots und die Antigone 
ziemlich gleichzeitig entstanden seien; 2) weil Sophokles mit 
diesen worten an Herodot erinnern und für ihn interesse er- 
wecken wollte; 3) weil die von sprachlicher sei te erhobenen ein- 
wände unbegründet seien. Wenn nun aber Nieberding bei be- 
sprechung des zweiten grundes meint, die stelle könne nicht in 
späterer zeit entstanden sein , weil man kein interesse mehr für 
ihn empfand , so ist das unwesentlich ; es ist gar nicht nöthig 
anzunehmen, daß der interpolator an die befriedigung eines sol- 
chen interesses bei einschiebung der verse gedacht haben müsse, 
er hatte vielmehr weiter keinen zweck als die stelle Herodots 
(111,119) für das drama irgendwie zu verwenden. Gewagt aber 
muß es erscheinen , wenn der vrf. weiterhin einzig und allein 
aus den beziehungen zwischen Herodot und Sophokles die ab- 
fassungszeit der dramen des Sophokles bestimmen will; meines 
erachtens dürfen sie freilich als beweismittel herangezogen wer- 
den , aber nur in Verbindung mit anderen schwerer wiegenden 
gründen, wie sie z. b. Schneidewin einleitung zum Aias p. 29 
anführt. Zudem läßt sich ja durchaus nicht bestimmt erweisen, 
daß die betreffenden beziehungen jedesmal aus einer benutzung 
des schriftlich vorliegenden herodoteischen geschichtsbuches ent- 
standen seien; ebensogut können sie ja auf dem mündlichen ge- 
dankenaustausch der beiden männer beruhen oder auf der ge- 
meinsamen benutzung einer dritten quelle oder rein zufällig sein. 

C. Härtung. 



10. Futh, de Theocriti poetae bucolici studiis Homericis. 
Diss. inaug. 8. Halis 1876. 36 s. 

Der titel der dissertation erinnert an das werk von Lehrs de 
Aristarchi studiis homericis. In der behandlung des Stoffes ist der 
vrf. seinem Vorbild gefolgt, dagegen vermißt man Übersichtlich- 
keit in der anordnung des Stoffes und Vollständigkeit in der 
aufzählung der zwischen beiden dichtem vorhandenen beziehun- 
gen. Während nämlich p. 1 — 18 zuerst die drei epischen ge- 
dichte (id. XHI. XXIV. XXV), dann die beiden hymnen (id. 



28 10. Theokritos. Nr. 1. 

XXII. XXVI) besprochen werden, ändert Futh von da ab sein 
6ystem und bespricht nunmehr die anderen gedichte nach ein- 
zelnen capiteln wie : namen von heroen, heroinen, anderen per- 
sonen, Ortsnamen, beschreibungen, versus spondiaci, öfAoioztXevzov, 
daktylische verse, ephitheta und locutiones, Wiederholungen des- 
selben wortes. Schon dieses durcheinander erschwert das zu- 
rechtfinden; dazu kommt, daß viele stellen der erstgenannten 
fünf gedichte, die man völlig abgethan glaubte, nun erst behan- 
delt werden. Man sieht zwar ein , daß der vrf. jene gedichte 
deshalb speciell behandeln zu müssen glaubte, weil die nachah- 
mung Homers in jenen weit mehr hervortritt als in den buko- 
lischen, mimischen und lyrischen gedichten ; aber sie ist auch in 
letzteren so vielfach ersichtlich, daß eine einheitliche behandlung 
des Stoffes nach bestimmten gesichtspunkten am platze gewesen 
wäre. Doch weit schlimmer ist der mangel an Vollständigkeit. 
Für id. XIII vermisse ich folgendes: v. 12 (uwoot = Od. 4, 
719. — V. 15 djioßaiTj steht in anderer bedeutung als bei Homer. 

— V. 17 agtaz^sg = II. 7, 73. — avvsnta&ai ähnlich wie Od. 10, 
436. — V. 18 TiQolfXsyfihoi = II. 13, 689. — V. 24 aiszog 
mg = Od. 13, 86 — 87. — Zu v. 28 wurde wegen des gleichen 
casus besser citirt II. 8, 98 xoiXag f.tzi vijag. — V. 40 = H. 
21, 351. 25 wog . . . rijfxog = II. 23, 226—28. — Vs. 28 
jjpoooo»' im anfang des verses wie H. 1, 4; Od. 1, 101. — V. 
42 äygcoazig = Od. 6, 90. — V. 45 "poi = II. 19, 100 den 
Übergang einleitend. — V. 50 — 51 u&goog anders als bei Homer 
gebraucht. — V. 52 jialdeg wie II. 7, 279 naiös qilw. — V. 54 
SaxQvösvz' = IL 21, 506.— V. 59 vnäxovoev = Od. 14,485. 
II. 8, 4. — V. 64 axav&ai = Od. 5, 388. — V. 66 axhUot 
= Od. 11, 474. 9, 494. — V. 71 tteog von der Venus wie 
II. 5, 339. — V. 74 ovvsxev = Od. 7, 300. 5, 216. — V. 
58 "TXav avasv = IL 11, 461. Auch für id. XXIV vermisse 
ich eine reihe von parallelstellen: v. 7 = Od. 10, 548. — V. 
9 = Od. 17, 497.— V. 11 = Od. 5, 274. IL 6,488. — V. 
21 = IL 17, 175. Od. 17, 170. — V. 26 = Od. 17, 141. 

— V. 38. 39 = Od. 19, 36—40.— V. 43 = IL 3, 272. 19, 
253. — V. 51 o Od. 20, 105—6. — V. 68 = Od. 3, 96. 
_ V. 76 = Od. 24, 196—99. — V. 90 = Od. 3, 459. — 
V. 96 = Od. 22, 481. Zu XXII fehlt, daß v. 97 = IL 4, 
534. 5, 625 ist, sowie 98 (isdvmp = Od. 18, 240. Auf p. 



Nr. 1. 11. Thukydides. 29 

31 werden als rein daktylische verse aufgezählt I, 124—126. 
VII, 57. XIII, 50. XVII, 62—64. XXIV, 28. XXV, 239, 
ohne daß man im mindesten einsieht, warum gerade diese weni- 
gen verse aus der masse ausgewählt werden; vrgl. die vollstän- 
dige aufzählung im Philol. XXXIV, p. 225. In der aufzählung 
der epitheta und locutiones fehlen z. b. folgende stellen: I, 86 
= Od. 8, 166. I, 135 = II. 22, 335. V, 116 = Od. 24, 
115. Vn, 76 = Od. 19, 205. VII, 129 = II. 11, 20. IX, 
11 =11. 4, 275. XI, 16 = Od. 22, 83. Wenn Futh end- 
lich auf p. 35 Wiederholungen desselben Wortes aufzählt, so 
hätte er auch noch manche andere eigenthümlichkeit erwähnen 
können z. b. Wiederholungen wie I, 80 vrgl. Fritzsche symb. 
Theoer. p. 6. Auch um die neuere literatur scheint sich der 
vrf. wenig gekümmert zu haben ; so liest er noch immer bei 
Suidas inix^dtia ps'Xr] als eine art von gedichten, obgleich Hecker 
Comm. de Anth. Pal. p. 53 und Ahrens Phil. 1. 1. p. 584 not. 
66 richtig zwei gattungen daraus gemacht haben, deren zweite 
(t*iltj) durch die äolischen gedichte repräsentirt wird. Wenn 
ferner Futh in der dritten seiner thesen bemerkt, daß id. XXII, 
66 devcöv für üii'oov zu schreiben sei, so vermißt man die notiz, 
daß schon Kreußler II, p. 10 und Fritzsche dasselbe vermuthet 
und in den text gesetzt haben. Unter solchen umständen wird 
das urtheil berechtigt sein, daß die oben genannte schrift nicht 
verdient, als ein werthvoller beitrag zur theokritischen literatur 
angesehen zu werden. 

C. Härtung. 



11. Ludwig Cwiklinski, quaestiones de tempore quo 
Thucydides priorem historiae suae partem composuerit. Gnesnae. 
(Diss. inaug. Berolin. 1873). 8. 57 s. 

Der vrf. behandelt im ersten capitel p. 1 — 18 die frage, 
ob der erste theil des Thukydideischen geschichtswerks nach 
404 oder bald nach dem frieden des Nikias abgefaßt sei. Die 
Ullrich'schen beweise für die abfassung dieses theiles — wenig- 
stens der stücke I, 1 — IV, 48 — in der Zwischenzeit vom frie- 
den des Nikias bis zum Wiederbeginn des kriegs auf Sicilien 
werden besprochen und einzeln geprüft , wobei sich der vrf. im 
allgemeinen Ullrich anschließt, dem einen momente mehr, dem 



30 11. Thukydides. tfr. i. 

andern weniger gewicht beilegend. Es ist namentlich die be- 
nennung des S8e 6 noXepng , ohne nähei-e bestimmung und er- 
klärung desselben, welche letztere erst später nachfolgt, sowie 
das doppelte prooemium , welche momente mit recht besonders 
betont werden. Ebenso sieht der vrf. in I, 23 (betreffs ju^xog 
und 77a&ijfAU7a des krieges); III, 87 (das urtheil über die pest 
ooare /4&r)rat(ov ys firj slvat ori fiäXXnv ixdtxmas zrjr dviufiiv); 

11, 1 (die worte s» cp — l-viexöög innXs/Aovv); II, 54 (über 
Aoijuo'k,- oder Xifiog mit rücksicht auf einen eventuellen zweiten 
krieg gegen die Dorier); endlich in IV, 48 (betreffs der ardatg 
auf Corcyra, die freXtvTqaev lg roizo oaa ye x«ra rov nnlspiov 
i6fSs, in vergleich mit Diod. XII, 57 und XIII, 48) besonders 
wichtige und entscheidende anzeichen dafür , daß das werk zu 
einer zeit geschrieben wurde, als nur der zehnjährige krieg erst 
dem Thukydides bekannt war. Ich schließe mich durchaus der 
auffassung Cwiklinski's an, anerkenne anderseits aber, daß die 
einzelnen momente der Ullrich'schen beweisführung — die Classen 

1 2 , XXXII — LIV einer etwas einseitigen Schätzung unterzieht, 
während Schoene in Bursian's Jahresb. III, p. 824 — 848 sie ge- 
rechter und zutreffender beurtheilt — dem größten theile nach 
mehr oder weniger subjectiver und deshalb verschiedener beur- 
theilung fähig sind. Durch premierung einzelner worte , durch 
aufsuchen von beziehungen und vergleichen, die der Schriftsteller 
selbst vielleicht ursprünglich nicht hat hineinlegen wollen , wird 
man bald für diese , bald für jene auffassung sich entscheiden 
können, aber einen sichern unanfechtbaren beweis wird man ihnen 
meist nicht entnehmen können. Abgesehen von der Wahrschein- 
lichkeit, daß Thukydides, der ev&vg xa&icf7a[teiov {rov noXtuov) 
seine arbeit mit Sammlung des materials begann, nach abschluß des 
zehnjährigen krieges auch sofort an die ausarbeitung desselben ge- 
gangen sein wird, ist es hauptsächlich das doppelte prooemium, mit 
der im zweiten (V, 25 f.) nachgeholten motivierung der auffassung 
des 27jährigen krieges als eines einheitlichen, zusammenhängen- 
den, welches nach meiner ansieht entscheidend dafür spricht, 
daß jene tiefere und veränderte auffassung des kriegs dem Thu- 
kydides erst nach dem ersten prooemium gekommen war , daß 
also bei niederschreiben des ersten prooemium und bei der wie- 
derhohlten erwähnung von oliog oder "de ö nöXtpog im ersten 



Nr. 1. 11. Thukydides. 31 

theile seines werks eben nur ein krieg, der zehnjährige, über- 
haupt vorlag. 

Im zweiten capitel tritt Cwiklinski den beweis an, daß der 
nach dem frieden des Nikias abgefaßte erste theil des werkes 
nach 404 eine erneute bearbeitung, eine redaction erfahren habe. 
Schließt sich Cwiklinski im ersten capitel im großen und ganzen 
durchaus Ullrich an, so haben wir im zweiten capitel das eigent- 
lich neue, selbständige zu sehen, welches Verfasser mit geschick 
klar zu machen und zu erweisen sucht. Daß der erste theil 
des werkes nicht ganz ohne die spuren einer zweiten bearbeitung 
sei (namentlich in den ausführungen über Perikles II, 65 und 
über Archelaos von Makedonien II, 100) hatte ja schon Ullrich 
zugegeben — denen gegenüber, die an der annähme, das werk 
sei ganz nach 404 geschrieben, festhielten — ; Cwiklinski macht 
nun auch von andern stücken wahrscheinlich , daß sie bei einer 
zweiten Überarbeitung eingefügt oder umgestaltet seien. Aus 
dem citat des Hellanikos I, 97, das Classen schon seinerseits für 
die annähme einer späten abfassung betont hatte, schließt der 
vrf. mit recht, daß I, 9 7 ff. aus des Hellanikos Atthis geschöpft 
sei. Denn daß Hellanikos dieses sein werk erst nach 404 ab- 
schloß und edirte, steht nach den drei citaten, die wir in bezug 
auf die letzten jähre des peloponnesischen kriegs aus diesem 
werke besitzen, völlig fest und weder die bemerkungen resp. 
conjecturen von Diels Eh. mus. XXXV, p. 50 ff. noch die von 
Isler Jahrbb. 103, p. 115 — 117 haben dieses faktum aus der weit 
geschafft. Es ist offenbar, daß Thukydides gerade durch die 
neue publication dieses werkes veranlaßt worden ist, dem hier 
behandelten gegenstände seine erneute aufmerksamkeit , ein ein- 
gehenderes Studium zu widmen und die resultate dieses nach- 
träglich in seine darstellung aufzunehmen, in ihr zu verwerthen. 
Ich kann aber unserm vrf. nicht beistimmen, wenn er nur 97 — 
118 als nachträglich aufgenommen ansieht. Offenbar bildet die 
ganze ausführung 89 — 118, äußerlich motivirt durch die Schluß- 
worte 88 (ylilXtdui[A<')VLOl) (J0(i0V(X£V()l TOÜtf 'Ad fj) tttOVt,' /Jt] £711 

IKtiQov SwrjUcüGi ff. eine einheit und kann nicht zerrissen wer- 
den: denn die c. 88 fin. angekündigte darlegung von dem wach- 
sen der macht Athens beginnt c. 89 und endet c. 118, wo in den 
Worten ' AOijiuioi tf\v tt m>X'l p ByxQateatsguv xaitaii]aui>70 xui 
aviu't ?ni peya gjrwijqGav owäftsaii einmal das resultat der gan- 



32 n. Thukydides.- Nr. 1. 

zen vorhergehenden darlegung gegeben , anderseits ausdrücklich 
auf c. 89 in. Of ydg ' s4ftt]vaioi Tyoncp roia>8s rjlQo* in) nx ngay- 
fiairi h oi<; avirjftrjoav , als das thema des folgenden, zurück- 
verwiesen wird. Daß demnach cc. 89 — 118, 3 a ein innerlich durch- 
aus zusammenhängendes stück bilden, kann nicht bezweifelt 
werden und wir haben demnach das ganze als spätere einfügung 
anzusehen. Der umstand, daß erst im verlauf desselben (97) 
die \dzztxi] ^vyygacpij des Hellanikos, in bezug auf welche eben 
die ganze auseinandersetzung erfolgt , citirt wird , kann nicht 
auffallen. Thukydides wird erst im verlaufe seiner ausführung 
sich selbst bewußt, daß dieselbe im gründe etwas nicht recht 
hierhergehöriges gebe, und sucht dieselbe , durch berufung auf 
die fehlerhafte darstellung des eben erschienenen werks , nach- 
träglich zu entschuldigen, zu rechtfertigen. Daß das siück c. 89 
— 118 nun in der that später nachträglich eingefügt ist, das 
wird nicht nur durch das äußere moment des citats von Hella- 
nikos' Atthis erwiesen , auch innere gründe sprechen sehr be- 
stimmt dafür. Vergleicht man nämlich dieses stück mit c. 2 ff., so 
ist offenbar in der dort gegebenen darstellung der älteren ge- 
schichte Griechenlands dasselbe , was wir hier ausgeführt lesen, 
schon seinem inhalte und seinen hauptzügen nach enthalten. 
Denn indem Thukydides c. 2 — 19 die gesammte ältere griechische 
geschichte ihren grundzügen nach entrollt, kommt er c. 18, 5 auf 
die darstellung der pentekontaetie, die er c. 18, 5 — 19 fin. giebt. 
Das was hier in diese kurzen 1 1 /a paragraphen zusammengepreßt 
wird, giebt Thukydides 89 — 118 in sehr ausführlicher darstellung : 
es ist aber ganz undenkbar, daß Thukydides diese zeit — die pen- 
tekontaetie — sollte zweimal zu schildern die absieht gehabt 
haben ; und es ist diese dittographie nur so zu erklären , daß 
Thukydides das stück c. 1 — 19 als ältere einleitung seiner geschichte 
in der ersten bearbeitung vorgesetzt hatte und daß er nun spä- 
ter durch das werk des Hellanikos veranlaßt wird , den einen 
theil dessen , was er schon vorher gegeben hatte , zu erweitern 
und umzugestalten. Wäre es ihm vergönnt gewesen, sein werk 
zu vollenden, so hätte er sicher die incongruenz, die hierdurch 
entsteht, getilgt. Wird also schon äußerlich jenes stück c. 89 — 
118 als spätere einfügung indicirt, so wird dieses durch innere 
momente durchaus bestätigt. Thukydides betrachtet in der älteren 
einleitung die zeit von den Perserkriegen bis zum peloponnesi- 



Nr. 1. 11. Thukydides. 33 

scheu kriege als Vorbereitung auf die messung der kräfte im 
peloponnesiscken kriege, weshalb die ausführung mit den worten 
abgeschlossen wird, die sich auf die Athener beziehen , xai iyt- 
veto avtoig sg tvrds tov nölsfiov ij idia naguanEvtj [aeiXojv i] oog 
tu XQtiziaTU Höre fAETa äxQaiqirovg Tt^g ^Vfifiapag tjr&tjaav. Statt 
nun sofort auf die geschichte selbst überzugehen, läßt er c. 20. 21 
noch eine rechtfertigung der im vorhergehenden stücke gegebe- 
nen auffassung der alten geschichte überhaupt folgen. Diese 
jTUQtxßuGig, die sich so der KQodtiiyijGtg anschließt, ist innerlich 
durchaus berechtigt. Thukydides verfolgt die tendenz , die be- 
deutung der älteren geschichte so sehr wie möglich herabzu- 
drücken — offenbar schon hier mit der nebenabsicht , den so 
als unbedeutend sich erweisenden älteren thatsachen die neuzeit, 
den eben beendeten krieg, als hochwichtig gegenüber zu stellen. 
Nachdem er daher , den bisherigen entstellungen und Übertrei- 
bungen der dichter und historiker entgegen, die Wahrhaftigkeit 
seiner forschungen , wie er sie kurz vorher dargelegt , mit ent- 
schiedenheit betont hat, zieht er aus ihnen c. 21 die folgerung, 
daß ein vergleich eben dieser älteren ereignisse mit denen , die 
sich soeben vollzogen , durchaus zu Ungunsten jener ausfallen 
müsse. Hier wird nun, wie Cwiklinski durchaus richtig gesehen 
hat, der beweisgang, wie er bis c. 21 fin. sich entwickelt, durch 
c 22 völlig unpassend unterbrochen. Denn wenn Thukydides 
c. 21 fin. sagt, daß denen, die an aviäv zäv sgyrnr , d. h. auf 
grund der vergleichung der thatsachen, urtheilen, der zehnjährige 
krieg als das wichtigere ereigniß sich zeigen werde, so ist klar, 
daß eben diese vergleichung der thatsachen nachfolgen muß, 
durch die sich erst Thukydides behauptung als richtig erweisen 
muß. Diese vergleichung erfolgt nun wirklich c. 23 und es knüpft 
sich dieses capitel (nur muß statt imv 8s gelesen werden rmv 
1'äg) so nothwendig, so selbstverständlich an c. 21 fin. an, daß 
kein zweifei sein kann, c. 22 bilde ein späteres einschiebsei. Hier 
irrt sich Cwiklinski, wenn er meint, cc. 21 und 23 gehörten nicht 
eng zusammen , da die Verbindung dieser capitel nicht enger 
gedacht werden kann. Unser vrf. hat den grund, weshalb 
Krüger c. 23 als nicht recht an seiner stelle befindlich erklärt 
nicht verstanden : denn nicht der umstand, daß c. 22 sowohl wie 
c. 23 unmittelbar zur eigentlichen geschichtserzählung überleiten, 
hat Krüger veranlaßt, jenes urtheil über die Stellung von c. 22 
Philol. Anz. IX. 3 



U 11. Thukydides. Nr. 1. 

zu fällen, sondern eben der umstand, daß der c. 2 1 fin. unmittel- 
bar in aussiebt genommene erweis der bier aufgestellten behaup- 
tung dureb ein gänzlich außer zusammenbang damit stebeades 
stück unterbroeben, zurückgeseboben wird. Hat nämlicb Thukydi- 
des c. 21 fin., wie sebon bemerkt, eine vergleicbung der k'.jya der 
älteren zeit mit denen rovxov rot nolepov in aussiebt genommen, 
so folgt diese selbst c. 23. „Denn selbst wenn das größte ereig- 
niß der älteren geschiebte, der Perserkrieg, mit dem eben been- 
deten verglichen wird", sagt Thukydides, „so wird dennoch dieser 
letztere durchaus als das bedeutendere, inhaltsreichere sich her- 
ausstellen", was sodann eingehend im einzelnen begründet wird. 
Cwiklinski's bemerkung , daß die erwähnung des Perserkriegs 
äußerst auffallend sei, nachdem schon c. 18, 1 — 2 von ihm ein- 
gebend geredet sei, trifft in keiner weise zu: denn bei einer 
vergleichung von ra naXaid und ovrog o noXe/JO^; muß Thuky- 
dides selbstverständlich aus jenen naXuid ein einzelnes ereigniß 
heraus nehmen, eben um es mit dem beendeten kriege zu ver- 
gleichen. Es geschieht, indem gerade ro \iiyimov gewählt und 
verglichen wird •, und indem selbst dieses als zu leicht gegen- 
über dem peloponnesischen kriege befunden wird, zeigt sich 
überhaupt die geringere bedeutung von in nnXaid in ihrer ge- 
sammtheit. Erweist sich danach c. 21 und 23 als eng zusammen- 
gehörig, so dürfen wir c. 22 als spätere einfügung um so eher 
ansehen, als hier die bekannte ausführung betreffs der reden 
gegeben wird , die , eben wie diese überhaupt später eingefügt 
sind (wenigstens in der vorliegenden form), selbstverständlich 
auch ihrerseits später eingefügt sein muß. Der herausgeber des 
gesammtwerks nach Thukydides tode bat offenbar das selbständig 
ausgearbeitete und vorläufig lose angefügte stück (c. 22), welches 
später an passender stelle eingefügt werden sollte , mißver- 
ständlich und willkürlich hier eingeschaltet , wo es am allerun- 
motivirtesten steht. Ihm — dem letzten herausgeber — dürfen 
wir auch wohl die änderung von rät* yny c. 23 init. in rcör de 
zuschreiben : jene Verbindung durch yng war allerdings , nach- 
dem c. 22 sich unrechtmäßig c. 23 vorgefügt hatte , unmög 
lieh, unsinnig, und der herausgeber setzte dafür das farblose 
de. Ich kann mich also der ausführung von Cwiklinski, der 
1, 2 — 22 als später verfaßt ansieht, während ihm 1, 1. 23 ff. 
die alte einleitung ist, nicht anschließen. C. 1 — 23 bilden eine 



Nr. 1. 11. Thukydides. 35 

so formell vollendete , innerlich einheitliche darstellung , die nur 
durch c. 22 in unerträglicher weise gestört und unterbrochen wird, 
daß kein grund ist, irgend etwas von diesem stücke (avißer c. 22) 
als ungehörig und unpassend anzusehen. Nach dem prooemium 
folgt 1, 2 — 19 die einleitende erzählung, die sodann c. 20. 21. 23 
in eine kurze egression übergeht, zu dem zwecke, die volle auf- 
merksamkeit der leser auf die nun folgenden ereignisse (c. 24 ff.) 
hinzulenken: c. 23, 4. 5 bilden den Übergang zu diesen selbst. 
Es ist aber noch darauf hinzuweisen, wie das ganze stück auch 
insofern eine künstlerische einheit bildet, als der schon c. 1, 2 
hervorgehobene gesichtspunct erst in c. 21. 23 seine Vollendung, 
seine ausführung erhält : nicht nur dem gedanken, sondern auch 
dem ausdrucke nach knüpfen sich c. 21. 23 unmittelbar an c. 1, 2 
an. Weiche ich also von Cwiklinski in der auffassung des gan- 
zen (1 — 24) ab, so stimme ich doch in dem urtheile über c. 22 
durchaus mit ihm überein : mit recht hebt Cwiklinski hervor, 
daß schon das h'iorjrai c. 22, 1 fin. auf ausgearbeitete, nicht auf 
erst auszuarbeitende reden hinweist. Mit der einer unbefange- 
nen prüfung als unabweislich sich aufdrängenden Überzeugung 
von der völlig unpassenden Stellung dieses capitels scheint mir 
für die noch immer bezweifelte spätere ausarbeitung der reden 
auch äußerlich ein schwerwiegendes moment gewonnen. 

Sonach weiche ich, wie schon bemerkt, von Cwiklinski in- 
soweit ab, daß ich das stück 1,1 — 23 (außer c. 22) als ursprüng- 
lich ansehe , während Cwiklinski von diesem ganzen stücke nur 
c. 1, 1 und c. 23 als ursprünglich auffaßt-, daß dagegen Cwiklinski 
nur c. 97 — 118 als spätere einfügung betrachtet, während ich 
schon c. 89 — 96 als hinzugehörig zu c. 97 ff. und daher c. 89 
— 118 als späteres stück annehme. Auf alle fälle ist die frage, 
ob eine zweite bearbeitung, redactionelle änderung und nachträg- 
liche einfügung von stücken anzunehmen sei , im principe ent~ 
schieden zu bejahen. 

Cwiklinski weist nun noch andere stücke nach, die erst 
später nachträglich der älteren bearbeitung eingefügt sind: so 
II, 20. 48- — 51, wo schon die worte xq^vui ydg ovaco rjaav 
avrödi den späteren Ursprung verrathen, 95— -102, 1 (in diesem 
stücke findet sich der excurs über Archelaus, der allerdings nur 
c. 100, 2 umfaßt, welches daher schon von Ullrich als später ein- 
geschoben angesehen wurde , während Cwiklinski das ganze an- 

3* 



SS 6 11. Thukydides. Nr. 1. 

geführte stück so auffassen möchte); III, 82 f.-, 86, 4; 93, 2; 
IV, 48, 5; 74, 4; 81, 2. 3; 104, 4. Ueber manche dieser 
stellen läßt sich rechten, bei den meisten erkenne ich mit Cwik- 
linski allerdings die spuren späterer einfügung. Es ist aber 
wohl zu beachten , daß es oft nur wenige worte sind , die so, 
nachträglich eingeschoben , dazu dienen , der späteren kenntniß, 
dem reiferen urtheile des Thukydides rechnung zu tragen. Läßt 
sich daraus schließen , daß die behandlung der vorliegenden äl- 
teren bearbeitung eine ins einzelne gehende war, so dürfen wir 
daraus überhaupt auf eine spätere ausfeilung des ganzen, auch 
in sprachlicher und stilistischer richtung, schließen. Ich gestehe, 
daß selbst die einleitung 1, 1 — 24, so formell abgerundet sie 
erscheint und so gewiß sie ihren grundzügen nach der ursprüng- 
lichen bearbeitung angehört , mir dennoch spuren einer späteren 
redaction zu tragen scheint : doch ist selbstverständlich hier nicht 
der platz, näher darauf einzugehen. 

Ich erwähne nur noch, daß Cwiklinski p. 42 — 56 schließlich 
die frage, wann die reden ausgearbeitet und eingefügt seien, 
erörtert , in bezug worauf er sich mit recht dahin entscheidet, 
daß die reden aus der ursprünglich obliquen form, in der sie 
noch in b. VIII uns entgegentreten, später in die vollendete 
directe redeform, in der wir sie jetzt besitzen, umgeändert seien. 
Man darf wohl hinzusetzen, daß überhaupt ein größeres gewicht 
auf diesen theil des werks später von Thukydides gelegt ist und 
daß er die eine oder die andere rede , die ursprünglich auch 
nicht ihrem inhalte nach angegeben war, nachträglich einge- 
fügt hat. 

Die arbeit Cwiklinski's, so dürfen wir unser urtheil zusam- 
menfassen , ist dem hauptergebnisse nach , der erweisung einer 
späteren Überarbeitung des ursprünglich viel früher geschriebe- 
nen ersten theils der Thukydideischen geschiente, durchaus ge- 
lungen. War auch schon früher die annähme einzelner 
nachträglich eingefügter stellen für den, der der Ullrich'schen 
auffassung sich anschloß, unabweislicb, so ist doch erst durch die 
ausdehnung dieser nachträglichen arbeit des Thukydides auf eine 
planmäßig ausgeführte feilung und durcharbeitung des älteren 
werks ein volles verständniß des Thukydideischen geschichts- 
werks nach dieser richtung gewonnen. Und ist danach auch 
der Standpunkt unhaltbar, von dem aus wir das werk als ein 



Nr. 1. 12. Thukydides. 37 

bewundernswürdiges einheitliches kunstwerk auffaßten , so ge- 
winnen wir dafür einen einblick in die echt menschliche gedan- 
kenarbeit des großen historikers, der nicht in einem glücklichen 
würfe formell vollendet sein werk hinwarf, sondern , in gedanken 
und ausdruck zu immer höherer klarheit und Vollendung empor- 
ringend, unablässig an seiner zum Y.x~t}\k<t ig usi bestimmten 
Schöpfung thätig war. 

Cwiklinski hat eine fortsetzung seiner Thukydidesstudien 
nach dieser richtung im Hermes Xu, p. 23 — 87 gegeben, worauf 
näher einzugehen hier nicht der platz ist. Ich komme vielleicht 
an einer andern stelle darauf zurück. 



12. Paul Leske, über die verschiedene abfassungszeit 
der theile der Thukydideischen geschichte des Peloponnesischen 
krieges. Liegnitz 1875. (Schulprogr.) 41 s. 4. 

Die besprechung dieser schrift wird sich am besten derje- 
nigen der vorigen anreihen, weil Leske seine abhandlung offen- 
bar in beziehung zu der von Cwiklinski geschrieben hat. Es 
sei hier sogleich ausgesprochen, daß die arbeit von Leske ein 
klares verständiges urtheil, volle einsieht in die Wichtigkeit oder 
den unwerth der einzelnen hier in frage kommenden factoren, 
ein liebevolles verständniß für den großen historiker verräth. 
Leske steht mit Ullrich und demnach auch mit Cwiklinski prin- 
cipiell auf einer seite. Nicht nur, daß er die Ullrich'schen be- 
weise für die frühere abfassung des ersten theils des Thukydi- 
deischen geschichtswerks als vollgenügend anerkennt — selbst- 
verständlich wieder dem einen oder dem andern momente keine 
oder ungenügende beweiskraft einräumend — , er sucht auch 
seinerseits die Ullrich'sche ansieht noch durch weitere gründe 
zu stützen. Leske betont den — übrigens auch früher schon 
wiederholt angedeuteten — umstand, daß im ersten theile offen- 
bar eine andere art der behandlung der geschichte vorliegt. 
Sämmtliche sogenannte episoden fallen in den ersten theil des 
werks; geographische, mythologische, physicalische bemerkungen 
werden der erzählung eingeschoben, die um so auffallender sind, 
weil sie dem zweiten theile ganz fehlen; die redeweise (z. b. in 
den vergleicheu IV, 121 5 136; LT, 51) ist behaglicher, erinnert 
sogar oft an die breite, das sichgehenlassen des Herodot; Thuky- 



38 12. Thukydides. Nr. 1. 

dides ist im ersten theile geradezu geneigt stoff herbeizuziehen, 
im geraden gegensatze zum zweiten theile , wo er alles , was 
nicht unmittelbar in seine darstellung gehört, zurückweist. Ist 
diese beobachtung gegründet — und in der that kann ihre rich- 
tigkeit nicht geleugnet werden — so liegt es nahe, die aus ihr 
sich ergebende thatsache mit der früheren abfassung des werks 
von Seiten des Thukydides zusammen zu bringen. Als Thuky- 
dides den ersten theil seines werks ausarbeitete, war er etwa 
fünfzehn jähre jünger, als zu der zeit, wo er an die abfassung des 
zweiten theils ging. Ist es da auffallend , daß seine — wenig- 
stens verhältnißmäßige — Jugendlichkeit aus jener behandlung 
des geschichtlichen Stoffes zu erkennen ist? Jenes mit Vorliebe 
über die engsten grenzen des von ihm zu behandelnden Stoffes 
hinübergehen, sein gefallen an sagenhaftem beiwerk, an interes- 
santen episoden ist für den jugendlich denkenden und empfin- 
denden geist durchaus characteristisch. Wir dürfen demnach 
mit Leske sehr wohl diese spuren einer früheren arbeit als mo- 
mente zur Stützung der Ullrich'schen ansieht betrachten, wenn 
wir ihnen auch immerhin nur eine mehr untergeordnete bedeutung 
beilegen können. 

Schließt sich demnach Leske durchaus in dieser beziehung 
der ansieht Ullrichs an, so geht er in der beziehung über die- 
selbe hinaus, daß er die redaction der ersten bearbeitung eine 
eingehendere sein läßt, als Ullrich annahm. Hierin also stimmt 
Leske gleichfalls mit Cwiklinski überein, unterscheidet sich aber da- 
rin von diesem, daß er diese Überarbeitung nur in einzelnen 
stellen, die Thukydides später nachgetragen haben soll, erkennen 
will, unter denen er allerdings auch die pentekontaetie I, 97 — 
118 (richtiger I, 89 — 118) als spätere einfügung anerkennt, 
während er mit recht den erweis für den späteren Ursprung des 
Stücks I, 1 — 22 als von Cwiklinski nicht erbracht ansieht. 

Die hauptdifferenz , die sich zwischen der auffassung von 
Leske und der von Cwiklinski findet, bezieht sich auf die reden. 
Leske kann sich nicht überzeugen, daß die reden des ersten 
theiles später — d. h. nach 404 — eingefügt seien, sondern 
will ihren mit den übrigen stücken gleichzeitigen Ursprung fest- 
halten. Auch Leske erkennt vollkommen an, daß die reden an 
sich sehr wenig historisches enthalten, daß manche vielleicht nie 
gehalten sind, daß Thukydides in ihnen sein eigenes räsonne- 



Nr. 1. 12. Thukydides. 39 

ment giebt, oder daß sie zur characterzeichnung des redners 
selbst, zur motivirung eines ereignisses, zur Zeichnung einer Si- 
tuation u. dgl. dienen. Nur die spätere ausarbeitung und ein- 
fügung derselben will er nicht gelten lassen. Dagegen ist aber 
zu bemerken, einmal, daß auch die reden mannigfache spuren ent- 
halten, die auf die bekanntscbaft ihres Verfassers mit dem späteren 
kriege schließen lassen ; daß ferner sie gerade den eminent po- 
litisch gereiften geist athmen , den wir mit vollem rechte dem 
Thukydides zuerkennen, der den ganzen krieg erlebt hatte, kaum 
aber dem, der fünfzehn jähre früher an die erste niederschrei- 
bung seiner geschichte ging. Leske glaubt allerdings aus der 
angeblich verschiedenen anwendung rhetorischer kunstmittel, 
wie dieselbe in dem ersten und wie sie im gegensatze dazu im 
zweiten theile des werks zu finden , schließen zu dürfen , daß 
der erste theil — und namentlich um die reden handelt es sich 
hier — zu einer zeit geschrieben sei, als die gorgianischen 
rs'jpa* QrjTOQixat noch in voller anerkennung und gültigkeit sich 
befanden , während der zweite theil — und auch hier wieder 
speciell die reden — viel weniger den einfluß jener älteren rhe- 
torischen technik erkennen lassen soll. Leske meint, Thukydides 
habe bis zu seiner Verbannung unter dem einfluß des Gorgias 
und Antiphon befindlich jenen in der ersten zeit nach seiner 
entfernung von Athen noch selbstverständlich auf sich nachwir- 
ken lassen, während er allmälig, aus dem geistigen leben Athens 
herausgerissen, von der angelernten Schreibweise zurückgekom- 
men sei, und, da er auch bei seiner rückkehr in Athen selbst 
einen veränderten geschmack vorfand, sich diesem angeschlossen 
habe. Dem gegenüber ist aber mit Blaß (Att. beredts. I, p. 
200 ff.) darauf hinzuweisen, daß, gerade weil er aus der geisti- 
gen bewegung Athens heraustrat, er kaum bei seiner rückkehr 
im stände gewesen sein wird , das feste gepräge des eigenen 
geistes , wie es sich ihm eben unter jenem gorgianischen ein- 
flusse gestaltet hatte , nach einer inzwischen mode gewor- 
denen geschmacksströmung wieder umzumodeln. Die rhetorische 
technik konnte nur durch äußerst intensives Studium, durch 
stete Übung angeeignet werden ; und wenn Thukydides ein vier- 
teljahrhundert auf dieses Studium verwandt und praktisch das- 
selbe zur anwendung gebracht hatte , so ist nicht anzunehmen, 
daß er bei seiner rückkehr nach Athen die alte kunst sofort 



40 12. Thukydides. Nr. 1. 

gegen die neue vertauschte. Das von Leske zum erweis seiner 
behauptung angeführte ist denn auch durchaus nicht irgend wie 
durchschlagend. Die reden des VI. und VII. buchs entsprechen 
durchaus denen der ersten bücher. Wenn wirklich hier und da 
die anwendung von antithesen, paronomasien, isokola zurücktritt, 
so ist das zufall und findet auch in den reden des ersten theils 
mannigfache analoga, wo z. b. die rede der Plataeer fast ganz 
ohne solchen schmuck ist. Nur eins noch möchte ich gegen 
Leske anführen. Leske meint , nach abschluß des ersten theils 
des Thukydideischen werks — 1,1 bis V, 25 sollen nämlich 
in einem flusse niedergeschrieben und vor dem ausbruche des 
neuen kriegs schon beendet gewesen sein — sei eine längere 
pause gefolgt ; erst nach dem kriege habe Thukydides überhaupt 
wieder seine schriftstellerei aufgenommen. Das kann ich nicht 
glauben. Wenn Thukydides seine geschichte des zehnjährigen 
krieges für abgeschlossen gehalten hätte, so ist kein grund einzu- 
sehen, weshalb er sie nicht auch veröffentlicht haben sollte, da ihm 
die absieht, den dekeleischen mit dem zehnjährigen als einheitlich 
gedacht in eine darstellung zu vereinigen, doch erst höchstens 
413 gekommen sein kann, wo er den ersten theil nach Leske 
schon beendet haben mußte. Wir dürfen daraus , daß er den 
ersten theil nicht als ein selbständiges werk vor dem ausbruche 
des dekeleischen krieges veröffentlichte, mit recht schließen, wahr- 
scheinlich, daß er ihn noch nicht beendet hatte, jedenfalls aber, 
daß er ihn noch nicht für genügend ausgearbeitet und gefeilt 
hielt. Wer aber an einer arbeit thätig ist, die sein ganzes gei- 
stiges denken und schaffen in ansprach nimmt , führt dieselbe 
nicht bis zu einem gewissen punkte, um sie dann ein Jahrzehnt 
und mehr gänzlich unbeachtet ruhen zu lassen , sondern ist un- 
unterbrochen mit durcharbeitung und ausfeilung derselben be- 
schäftigt , auch wenn er daneben schon das material zur fort- 
setzung der arbeit sammelt. Und als eine solche stetig fortge- 
setzte, sorgsam und liebevoll nachbessernde arbeit, scheint mir, 
fassen wir am richtigsten diese zweite redaction des ersten theils 
des Thukydideischen werkes, nicht aber als einen einmaligen 
act, der, im raschen durchfliegen des früher geschriebenen, noch 
einige letzte Verbesserungen einfügte. 



Nr. 1. 13. Thukydides. 41 

13. Fridr. Zimmermann, quaestiones de tempore quo 
historiarum libri a Thucydide compositi quoque editi sint. Halis 
Saxonum (Diss. inaug. 1875). 54 s. 8. 

Dürfen wir die beiden vorhergehenden arbeiten durchaus 
als auf der höhe voller wissenschaftlichkeit stehend bezeichnen, 
so kann dieses urtheil nicht in gleichem maße über die vorste- 
hend angeführte dissertation gefällt werden, die bei allem fleiße, 
den sie zeigt, neben richtigen bemerkungen, die sie giebt, doch 
noch mannigfach mit factoren rechnet, die die neuere forschung 
als nicht mehr geltend ansieht , und die wiederholt mit wahr- 
scheinlichkeitsgründen kämpft, wo man beweise verlangen muß. 
Nachdem Zimmermann in §. 1 p. 6 — 12 eine kurze Übersicht über 
die älteren und neueren ansichten betreffs der abfassungszeit 
des Thukydideischen geschichtswerks gegeben bat, wendet er 
sich im zweiten paragraphen , p. 12 — 29, zur prüfung der Ull- 
rich'schen ansieht von der früheren abfassung des ersten theils. 
Trotzdem Zimmermann sämmtliche angebliche beweise Ullrich s 
für widerlegt durch Classen ansieht — mag auch hier und da 
ein leichter zweifei übrig bleiben — , so will er doch schließlich 
aus Wahrscheinlichkeitsgründen für eine frübere abfassung des 
ersten theiles sich entscheiden. Diese Wahrscheinlichkeit findet 
er in dem alter des Thukydides. Zimmermann hält nämlich die 
angäbe der Pamphila für richtig und berechnet demnach das 
alter des Thukydides beim absebluß des krieges auf fast 70 
jähre. Schon Petersen hatte die angäbe der Pamphila in seiner 
abhandlung de vita Thucydidis Dorpat 1873 (acad.) als gemacht 
mit recht zurückgewiesen und kann sie nach Diels' nachweis im 
Eh. Mus. XXXI, p. 50 jetzt überhaupt nicht mehr in betracht 
kommen. Wenn Thukydides sagt, er sei während des ganzen 
krieges fähig uta&ävsaOui gewesen, so gilt das völlig genügend 
für einen mann, der mit 25 jähren in den krieg eintrat und 
danach am ende desselben die fünfzig überschritten hatte, womit 
seine Strategie im jähre 424 — 23 durchaus vereinbar ist. Zim- 
mermann meint nun, es sei nicht anzunehmen, daß Thukydides 
als grandior natu decrepitus paene , noch an die abfassung eines 
so weitschichtigen werkes gegangen sei, und entschließt sich aus 
dem gründe für die annähme einer abfassung des ersten theils 
nach dem frieden des Nikias. Gut hebt Zimmermann aber so- 
dann gegen Ullrich hervor, wie unwahrscheinlich es sei, die 



42 13. Thukydides. Nr. 1. 

späteren zusätze zum ersten theile ausschließlich auf II, 65 und 
II, 100, 1 zu beschränken. Nachdem Zimmermann also so auf 
grund seiner Wahrscheinlichkeitsrechnung zu der Überzeugung ge- 
kommen ist, daß Thukydides den ersten theil seines werks gleich 
nach 421 geschrieben habe, prüft er die Ullrich'schen beweise 
noch einmal und schließt sich nun durchgehend ihnen an. Wir 
sehen also hier das umgekehrte verfahren im vergleich mit dem 
von Ullrich, Cwiklinski, Leske eingeschlagenen: während von 
diesen eine möglichst unbefangene prüfung einzelner stellen vor- 
genommen wird, um aus ihnen die gewißheit, oder die Wahr- 
scheinlichkeit der früheren abfassung herleiten zu können, stellt 
Zimmermann die Wahrscheinlichkeit an die spitze und glaubt, 
eben weil diese für eine frühere abfassungszeit des ersten theils 
spreche, nun berechtigt zu sein , jene stellen (z. b. oös o noXe- 
fiog II, 54, 2 ; I, 10, 2 etc.) auf den zehnjährigen krieg zu be- 
ziehen, die an und für sich mit demselben rechte auch auf den 
ganzen krieg, resp. den zweiten theil desselben eine beziehung 
zulassen sollen. Das ist unkritisch. Auf dem gründe der Wahr- 
scheinlichkeit, besonders wenn derselbe so trügerisch, ja gerade- 
zu falsch ist wie hier, können nicht so schwerwiegende annah- 
men aufgebaut werden. Kann demnach auch das ergebniß die- 
ser Untersuchung, welches darin besteht priorem Mstoriae partem 
annis 431 — 421 a scriptore praeparatam , annis 421 — ca. 413 
compositum, post annum 404 retractatam et mutando addendo de- 
trdhendo emendatam esse, im allgemeinen als richtig bezeichnet 
werden, so ist doch die methode der beweisführung , der grund, 
von dem aus diese aufgebaut wird, als durchaus unsicher und 
verfehlt zu bezeichnen. 

Im dritten paragraph geht Zimmermann zur prüfung der 
frage über, wann der zweite theil des werkes verfaßt sei. Zim- 
mermann betrachtet zunächst b. VI. VII. , die er zum größten 
theile allerdings schon vor dem ende des krieges gearbeitet sein 
läßt: doch wird auch in bezug auf sie eine spätere redaction 
mit recht angenommen. Auffallend und zurück zu weisen ist 
Zimmermanns annähme, Thukydides habe im letzten buche ab- 
sichtlich die reden fortgelassen : auch hier läßt sich Zimmermann 
ungehörig von der traditiou beeinflussen, der Kratippus bekannt- 
lich in der form ausdruck gab, Thukydides habe die reden, weil 
er sich davon überzeugt habe, daß sie den lesern unangenehm 



Nr. 1. 13. Thukydides. 43 

seien, weggelassen. Wenn Zimmermann aber hinzusetzt neque 
enim posteriores cogitationes semper sunt sapientiores et hebescit cum 
ingravescente aetate acies ingenii — hier also das fehlen der reden 
auf die abnehmende geisteskraft des Thukydides zurückführt — , 
so fragt man verwundert, was denn diese beiden gründe , die 
hier in inneren Zusammenhang gebracht werden , mit einander 
gemeinsames haben. Selbstverständlich sind beide gründe, deren 
einer eine erfindung des Kratippus, deren anderer eine fiction 
Zimmermanns ist, zurückzuweisen. Der einzige grund , weshalb 
wir in b. VIII keine reden lesen, während noch b. VI 36 und 
b. VII wenigstens 13 capitel an solchen aufweist, ist darin zu 
suchen, daß b. VIII nicht ausgearbeitet uns vorliegt: alles an- 
dere , was man zur erklärung dieses umstandes angeführt hat, 
ist unannehmbar. Auch Zimmermann hat richtig die gleichheit 
der behandlung, der stilistischen ausarbeitung u. s. w. in buch VIII 
und in buch V erkannt : er erklärt dieselbe durch die annähme, 
daß auch buch V erst nach dem kriege abgefaßt sei. Thu- 
kydides soll nämlich zunächst, nachdem er bis zum sicilischen 
kriege etwa I, 1 — V, 25 ausgearbeitet hatte, buch VI. VTI ge- 
schrieben haben , um endlich nach abschluß des ganzen kriegs 
die ereignisse der vnonzog ävaKCo^t] einzufügen und dann mit 
der darstellung des dekeleischen krieges das ganze werk zu be- 
enden : während er mit diesem letzten theile beschäftigt war und 
denselben bis zum jähr 411 fortgeführt hatte, ereilte ihn der tod. 
Dürften wir in dieser ansieht Zimmermann's die annähme der 
abfassung einer selbständigen geschichte des sicilischen krieges 
sehen, — die auch Cwiklinski in etwas anderer form verficht — 
so wäre dieselbe sehr beachtenswerth : doch scheint aus einer 
genaueren prüfung der worte Zimmermann's dieses nicht hervor- 
zugehen. Zimmermann scheint anzunehmen (p. 32. 39), daß 
Thukydides den plan , den sicilischen krieg zu schreiben , erst 
gefaßt habe, nachdem durch den einfall der Spartaner in Attika 
der dekeleische krieg entbrannt war, eben weil er nun jenen 
nur als theil des gesammten peloponnesischen krieges aufzufassen 
sich veranlaßt sah, während nach Cwiklinski die geschichte des 
sicilischen krieges lange als selbständiges werk abgeschlossen 
gelegen hat, bis Thukydides sich dafür entschied, dieselbe als 
integrirenden theil in sein hauptwerk aufzunehmen ; ein entschluß, 
der ihm jedenfalls später gekommen sein muß, als da er V, 25 f. 



44 14. Thukydides. Nr. 1. 

schrieb. Diese ganze frage ist zu wichtig, als daß ich auch nur 
andeutend darauf eingehen könnte. Ich bemerke deshalb nur 
noch das eine in bezug auf Zimmermann's annähme , buch V, 
26 ff. und buch VIII seien rasch nach einander ausgearbeitet 
und in beiden seien absichtlich die reden weggelassen, daß der- 
selben der dialog zwischen den athenisehen gesandten und den 
Meliern widerspricht, der in seiner ausdehnung, in seiner kunst- 
voll rhetorischen composition aufs bestimmteste erweist , daß, als 
Thukydides denselben ausarbeitete, er noch durchaus daran fest- 
hielt, sein ganzes werk durch einlegung von reden zu schmücken. 
Diesem kunstvoll ausgearbeiteten dialoge gegenüber ist der an- 
dere dialog, der sich noch in Thukydides geschichtswerk findet, 
DT, 71 — 74, skizzenhaft gehalten und kaum recht ausgearbeitet. 
Vergleicht man aber so den künstlerisch ausgearbeiteten Schluß 
von buch V mit den meisten übrigen theilen desselben buchs, 
die so viel unfertiges, vorläufiges, skizzenhaftes enthalten, so kann 
man auch hier die überall sich aufdrängende beobachtung nicht 
zurückweisen , daß die zweite redaktion des Thukydideischen 
werks überhaupt jetzt nicht mehr controllirbar ist, daß sie nach 
zufall und augenblicklicher neigung, bald hier, bald da, ein- 
fügend, ausarbeitend, ändernd, neu gestaltend , eingegriffen hat ; 
und daß es unmöglich ist, dieselbe auf einen einzigen akt be- 
schränkend einen festen Zeitpunkt für sie herauszufinden. 

Im vierten paragraph bespricht Zimmermann die heraus- 
gäbe des Thukydideischen werks. Er sucht nachzuweisen, daß, 
als Xenophon den ersten theil seiner Hellenika 385 herausgab, 
das werk des Thukydides schon bekannt und verbreitet war; 
weshalb die publication zwischen 398 — 390 anzusetzen sei. 



14. Julius Helmbold, über die successive entstehung 
des Thucydideischen geschichtswerks. I. Der zehnjährige krieg. 
1. theil: Untersuchung der beweisstellen. Colmar 1876. (Progr. 
von Gebweiler). 32 p. 4. 

Der verf. dieser arbeit, die, nach dem titel zu schließen, 
noch eine reihe folgender erwarten läßt, kommt zu dem resultate, 
daß die geschichte des zehnjährigen krioges, wie wir sie 1,1 — 
V, 24, 2 lesen, ursprünglich eine eiuheit bildete, ein vollstän- 
diges ganze , welches , künstlerisch einheitlich in allen theilen 



Kr. 1. 14. Thukydides. 45 

vollendet und in sich abgeschlossen, später einige nachträglich 
gemachte bemerkungen eingefügt erhielt, die ein neuerer schrift- 
steiler in gleichem falle etwa als anmerkungen unter den text 
setzen würde. Zu diesen später eingefügten anmerkungen rechnet 
Helmbold die bekannten stellen II, 65 (die an die characteristik 
des Perikles geknüpften bemerkungen über die späteren Staats- 
männer Athens und den ausgang des peloponnesischen krieges), 
II, 100, 1 (die notiz über die organisatorische thätigkeit des 
Archelaosj, IV, 81 (über den einfluß des Brasidas noch in spä- 
terer zeit), endlich I, 93, 3 (über den späteren zustand der 
Piraeeusmauer): das citat des Hellanikos wird nicht berücksich- 
tigt. Abgesehen von diesen nachträglich eingefügten stellen — 
man sieht allerdings nicht recht ein, weshalb Thukydides gerade 
diese anmerkungen , im sinne Helmbold's , dem abgeschlossenen 
werke einzufügen sich sollte veranlaßt gesehen haben — soll 
das übrige werk ein völlig einheitliches sein. Helmbold glaubt 
nämlich als resultat seiner arbeit gefunden zu haben, daß Thu- 
kydides während der darstellung des zehnjährigen krieges con- 
sequent die ansieht von seiner einheit und seiner nichtzusammen- 
gehörigkeit mit der folgenden friedenszeit und dem zweiten 
kriege festhalte. Der erste krieg bilde nach einleitung, anfang 
und schluß ein abgerundetes ganze und überall hier werde die 
Vorstellung des zehnjährigen krieges festgehalten. Thukydides 
wollte danach diese darstellung als ein werk für sich, wie es 
als solches abgefaßt worden war, bestehen lassen. Zu dem zwecke 
untersucht Helmbold eingehend prooemium und einleitung und 
sucht nachzuweisen, daß beide sich nur auf den zehnjährigen krieg 
beziehen können, wobei — wie überhaupt in der ganzen arbeit 
— die annähme von textverderbnissen nnd interpolationen eine 
große rolle spielt. Ebenso glaubt er in I, 10; 21, 2 und 23, 
1; 93, 2 — 5; H, 1 schlagende indicien zu erkennen, daß diese 
stellen nur auf den zehnjährigen krieg allein sich beziehen kön- 
nen , während er den übrigen stellen in buch II. 1H. IV, wie 
sie Ullrich für sich geltend gemacht hatte , keine beweiskraft 
beilegt. Daß die anfangsworte der einleitung I, 1 , sowie der 
kriegsdarstellung selbst n, 1 allerdings, wie Helmbold will, aus- 
schließlich den zehnjährigen krieg im äuge haben, wird ja von 
den anhängern der Ullrich'schen ansieht ziemlich allgemein 
wohl, soviel ich weiß, angenommen ixnd Helmbold's ansieht ist 



46 14. Thukydides. BTr. 1. 

hier nicht neu, wenn er auch in begründung derselben selbstän- 
dig verfährt und namentlich, wie schon bemerkt, durch Interpre- 
tation und textänderung manches zu gewinnen sucht. Wenn 
Helmbold aber auch in dem Schlüsse die frühere ansieht des 
Thukydides von der Selbständigkeit des zehnjährigen krieges fest- 
gehalten sehen will, so ist das mit aller entschiedenheit abzu- 
weisen. Helmbold glaubt, der schluß der geschichte des 8txa- 
ETtjg Tu'Xsftog sei an eine falsche stelle gerathen, man müsse an 
V, 20, 3 (wo die letzten zwei reihen ?'£ ^fnatiag — ysytrtjijivovg 
zu streichen), dessen letzte worte Kcna &?Qt] 8s xol yrsifimtas 
aoi&fimv mg ntg yiyganTai ivg/jasi seien, sofort die WOrte c. 24, 
2 fin. anschließen Tuvra 8t rd dexa enj o nnXtfing hvrf^mg ytvn- 
usvog yiyQantau Zunächst ein wort betreffs der willkürlichkeit, 
mit der hier verfahren wird. In c. 20, 3 wird der letzte satz ein- 
fach gestrichen, in c. 24, 2 wird (o) agdorog (nöXt^ng) gleichfalls 
gestrichen und so beide gekürzte sätze an einander gerückt. 
Eine erklärung, wie eine solche Verstellung möglich gewesen, 
wird nicht gegeben. Sodann : Helmbold meint, es müsse jedem 
vorurtheilsfreien leser auffallen, daß die beschreibung des zehn- 
jährigen krieges nicht mit dem frieden des Nikias abschließt. 
Dagegen ist zu sagen, daß der bericht über die anordai, wie 
sie c. 17 ff. abgeschlossen werden, seine nothwendige ergänzung 
dadurch erhält, daß wir erfahren , ob und in welcher weise die 
friedensbestimmungen auch wirklich ausgeführt werden ; c. 21 — 24 
gehört daher eng zu den an»v8ai hinzu. Die <jnot8ai, wie wir sie 
hier c. 20 lesen, sind überhaupt gar nicht der abschluß des kriegs ; 
denn da ihrer durekführung sofort Schwierigkeiten entgegentreten, 
so führen sie bekanntlich zur %vfjf*ax , i t zwischen Athen und 
Sparta und diese ist in der that als der eigentliche abschluß 
des zehnjährigen krieges zu bezeichnen, eben weil jene onmSai 
sofort auf formale und materielle hindernisse stießen und nicht 
zur ausführung kamen. Ein grund also, mit Helmbold so um- 
fassende änderungen und Verstellungen vorzunehmen , liegt in 
dieser darstellung der eng mit dem frieden selbst zusammenge- 
brachten anov8ui nicht vor. Endlich aber : wer kann glauben, daß 
Thukydides mit V, 20, 1 — 3 svg^aei, dem sich sodann 24, 2 fin. 
(ravza — ye'yQunTai) anfügte, ein selbständiges großes werk, 
die darstellung des zehnjährigen krieges, habe abschließen wollen. 
Es sei in dieser beziehung erlaubt, noch auf einen umstand hin- 



tfr. 1. 14. Thukydides. 47 

zuweisen, der nach meiner ansieht mit vollster hestimmtheit er- 
weist , daß , als Thukydides V, 20 ff. schrieb , der dekeleische 
krieg schon wieder ausgebrochen war ; daß also nicht, wie Leske 
(vrgl. oben) annimmt, Thukydides vor dem ausbruche des zweiten 
kriegs mit der abfassung der geschichte des ersten theiles völlig 
ans ende gelangt war, oder daß er, wie Helmbold will, — ganz 
abgesehen von der zeit, in welcher er den ersten theil abschloß — 
für diesen ersten theil überhaupt formell und materiell den ge- 
sichtspunkt völliger abgeschlossenheit festgehalten wissen wollte. 
Dieser umstand, der nach meiner ansieht entschieden dieser an- 
nähme widerspricht, liegt in den reden. Es ist bekannt, daß 
die reden über ein fünftel des gesammtinhalts der Thukydidei- 
schen geschichte ausmachen ; ebenso bekannt ist es auch , wie 
verschieden dieses verhältniß wieder in beziehung auf die ein- 
zelnen bücher ist. Das erste buch enthält 41 capitel direkte 
rede, während buch II. III. IV, etwa gleichmäßig, 23 resp. 
31 und 20 capitel enthalten. Buch V enthält außer dem 
langen , in wechselreden gegliederten dialoge der Melier und 
Athener am Schlüsse des buchs , überhaupt keine rede. Wenn 
aber Thukydides in 41 capiteln reden der einleitung auf den 
kommenden krieg nach seiner vollen bedeutung vorbereitete; 
wenn er sodann alle wichtigen ereignisse des krieges selbst wie- 
der durch reden hervorhob ; so war es nicht nur angezeigt, son- 
dern absolut geboten, daß er den Schluß des krieges in gleicher 
weise durch mittheilung der Verhandlungen zwischen Athen und 
Sparta, zwischen Sparta und seinen bundesgenossen, und in der 
athenischen Volksversammlung nach seiner vollen bedeutung 
hervortreten ließ. Zeigt Thukydides, wie gesagt, dadurch, daß 
er ein volles buch für nöthig hält , auf die große der kommen- 
den ereignisse hinzuweisen , wie hoch er eben die bedeutung 
derselben stellt, so war es schon aus künstlerischen motiven 
selbstverständlich , daß er den friedensabschluß anders , als V, 
1 7 ff. geschieht , darstellte. Die Thukydideische geschichte des 
zehnjährigen krieges mit dem Schlüsse , wie wir ihn jetzt lesen, 
wäre ein unding gewesen, wenn Thukydides sie als ein selbstän- 
diges werk hätte in die weit geschickt, oder nur schicken wollen. 
Wir dürfen eben aus der darstellung des endes des krieges, wie 
uns dieselbe vorliegt, den berechtigten schluß ziehen, daß, als 
Thukydides V, 1 7 ff. schrieb , der krieg von neuem entbrannt 



48 15. Vergilius. Nr. 1. 

war, der ihn gerade veranlaßte, den friedensschluß des Jahres 
421 in gänzlichem mißverhältniß zur einleitung so kurz abzu- 
machen , eben weil ihm jetzt die Überzeugung gekommen war, 
daß jener friedensschluß nicht das ende, sondern nur ein ab- 
schnitt des gesammtkrieges war. Im übrigen bin ich der an- 
sieht, daß dieser friedensschluß auch so — als abschnitt, nicht 
als ende angesehen — eine andere behandlung erheischte , als 
ihm geworden, und daß wir auch hier das fehlen einer letzten 
Überarbeitung und eines endgültigen abschlusses zu constatiren 
haben. 

Nehmen wir noch hinzu , daß nach Helmbold alles was* 
nach dem Niciasschen frieden folgt, als ein späterer anhang zu 
betrachten ist — ein anhang also, der voraussichtlich das haupt- 
werk um das doppelte seines umfangs übertreffen mußte — , so 
haben wir , denke ich , ein recht , Helmbold's ansieht von der 
geschichte des dexueTrjg nols/xog als eines künstlerisch einheit- 
lichen, in allen theilen vollendeten und in sich abgeschlossenen 
werkes zurück zu weisen. Otto Gilbert. 



15. Vergil's gedickte erklärt von Th. Ladewig. IT. 
bdehn. Aen. I — VI. 8. aufl. von Carl Seh aper. Berlin, 
Weidmann 1877. VI u. 264 s. 8. 

Während Schaper bei der bearbeitung des ersten bänd- 
chens der bekannten Ladewig'schen Vergilausgabe namentlich die 
ergebnisse seiner eigenen Untersuchungen über die Bucolica und 
Georgica in die einleitung und die anmerkungen zu verweben 
bemüht war, mußte bei der bearbeitung der Aeneis, deren erste 
hälfte vorliegt, sein streben namentlich auf die verwerthuug der 
neueren arbeiten anderer gerichtet sein. Daß sich Schaper da- 
bei selbstständiger prüfung nicht entzogen hat, ergiebt sich schon 
aus seinem aufsatze , über die in der ersten hälfte der Aeneis 
durch die moderne kritik [athetesen , annähme von lücken, än- 
derungen in der folge der verse] gewonnenen resultaten (Zeitschr. 
f. d. gymn.-w. XXXI, 2. hft.). Daß jedoch die ausbeutung der 
jüngsten Literatur weder ganz vollständig noch durchaus genau 
ist, findet in der gebotenen rasebheit der revision seine entscbul- 
digung. Ungenau ist es z. b. wenn bei der erwälmung einer 
conjeetur zu II, 24 nicht der name des urbebers dorselben, son- 



Nr. 1. 15. Vergilius. 49 

dern dessen wohnort genannt wird. Uebersehen ist u. a. die 
kurze , aber werthvolle literaturiibersicbt von Bährens in Bursi- 
ans Jaliresbericht 1874 — 75. Der soeben erwähnte vers II, 24 
wird von Schaper nach der Überlieferung huc se provecti deserto 
in litore condunt geschrieben und der Vorschlag deserto litore zu- 
rückgewiesen. Diese vermuthung, wonach litore vom trojanischen 
festlande zu verstehen ist wie v. 28 desertosque videre locos litusque 
relictum , würde den Widerspruch heben , welcher besteht , wenn 
Tenedos v. 22 insula dives opurn genannt und v. 24 vom deser. 
tum litus dieser insel gesprochen wird. Dieser Widerspruch wird 
durch Schapers hinweisung auf Homer IL XI, 625 ix Tavsdoio, 
ozs Tiegoav '^iXXsvg nicht beseitigt-, denn die von Homer ab- 
weichende Vorstellung Vergils ergiebt sich mit Sicherheit aus 
dessen eigenen Worten v. 22 dives opum, Priami dum regna ma- 
nebant : bei der fahrt der Griechenflotte nach Tenedos bestand 
Priamus reich noch , also nach dem dichter auch der Wohlstand 
der insel , deren litus sonach damals noch nicht desertum war. 
Bestätigt wird dies durch den gegensatz v. 23 nunc (d. h. nach 
Trojas Zerstörung) tantum sinus et statio male fida carinis. Selbst 
wenn die worte v. 22 Priami dum regna manebant in dem be- 
schränkten sinne integra manebant gefaßt werden dürften (wozu 
nichts berechtigt), so müßte v. 23 tunc statt nunc stehen, wenn 
der Widerspruch schwinden sollte. Doch genug über diese ein- 
zelheit. In der hauptsache sind Schapers neuerungen wirklich 
Verbesserungen. Nur in einem punkte erscheint seine bearbei- 
tung noch nicht befriedigend, in der erläuterung des Zusammen- 
hanges. Ein beispiel mag dies zeigen. Der anfang des dritten 
gesanges schließt sich an den zweiten nicht eng an ; daß der 
dichter doch eine innige Verbindung des zweiten und dritten 
gesanges, worin gleichsam der anöloyog des Aeneas gegeben 
ist , beabsichtigte , lehrt der Schluß von III, wo sich conticuit 
(seil, pater Aeneas) deutlich auf den anfang von TL Conticuere 
omnes, pater Aeneas sie orsus zurückbezieht. Auch der enge an- 
schluß von IV At regina an III zeigt, daß III an der ursprüng- 
lichen stelle steht , was ohne genügenden grund neuerdings be- 
stritten wurde. Die worte IH, 5 auguriis divom weisen auf'Hek- 
tors befehle II, 289 — 295 zurück; vrgl. II, 294 hos (penates) 
cape fatorum comites mit III, 12 feror exid cum penatibus; II, 294 
moenia quaere mit III, 17 moenia prima loco; und die unbestimmte 
Philol. Anz. IX. 4 



SO 16. Vergilius. Nr. 1. 

andeutung II, 295 pererrato statues quae denique ponto mit HI, 7 
incerti, quo fata ferant, ubi sistere detur. Zu diesem verse be- 
merkte schon Ladewig im einklang mit Wagner richtig, daß 
derselbe mit der Verkündigung der Creusa II, 781 f. et terram 
Hesperiam venies, ubi Lydius . . Thybris vereinbar ist, da Aeneas 
„nur ganz allgemein ein westwärts von Troja gelegenes land 
verstehen" mußte. So erklärt sich auch die III, 88 ixnd 146 
in den Worten ubi ponere sedcs und quo vertere cursus ausgedrückte 
rathlosigkeit des Aeneas. So erscheint ferner die genauere an- 
gäbe der Penaten über Hesperia III, 1 63 ff. motiviert. So wird 
endlich auch die erinnerung des Anchises an eine Weissagung 
der Cassandra über Hesperia III, 184 f. keinen Widerspruch ent- 
halten. Zu solchen erörterungen bietet sich reichlicher stoff; 
doch fehlt an dieser stelle der räum. In einer ausgäbe für laien 
und schüler aber sollten ähnliche andeutungen über den Zusam- 
menhang um so weniger fehlen , da selbst gelehrte denselben 
bisweilen verkannten. 



16. Virgil and Pollio. An essay on Virgil's Eclogues n 
— V. By Franc. Dan. Changuion. 8. Basle 1876. 34s. 

Diese kleine schrift erscheint als das werk eines sinnigen 
freundes römischer dichtung. In breiter, aber nirgends lang- 
weiliger darstellung wird zunächst die philosophische zeitströmung 
nach den römischen bürgerkriegen besprochen und der feine 
epikureismus , wie er im kreise des Pollio herrschte , mit der 
Weltanschauung der Darwinisten verglichen. Die unbewußte 
äußerung des inneren kampfes zwischen dem epikureer und dem 
dichter Vergil glaubt der vrf. im Alexis (eck 2) zu erkennen. 
In der auslegung der dritten ecloge ist namentlich die lösung der 
beiden räthsel vv. 104 ff. bemerkenswerth, welche eine beziehung 
auf Pollio's carmina Sophocleo digna cothtimo enthalten sollen. 
Die inscripti nomina regum flores, deren hindeutung auf den na- 
men Ajax nach Ovid. Met. XIII, 394 ff. •, X, 215 f. unzweifel- 
haft ist, bezieht der vrf. auf einen von Pollio gedichteten „Ajax" ; 
in dem caeli spatium tres ulnas ^a<e??s findet er die anspielung 
auf eine tragödie „Antigone" , in welcher Pollio vielleicht die 
heldin klagen lasse, daß sie in den xutijQeqiijg Tv/nfio<; (Soph. 
Ant. 885) eingeschlossen den anblick des freien himmels ent- 



Nr. 1. 17. Publilius Syrtf& 5t 

behre. Wie fein gesponnen diese vermuthungen sind , leuchtet 
ein ; doch konnte der vrf. anführen , daß auch Attius , welchen 
Pollio nachahmt (Tacit. Dial. 21), einen „Ajax" gedichtet hatte. 
Die vierte ecloge bezieht vrf. auf das unter Pollios consulat 
erwartete kind der Scribonia. Daß sich Scribonias hoffnung erst 
im folgenden jähre (durch die geburt der Julia; erfüllte, ist 
freilich, wie der vrf selbst fühlt, für diese annähme bedenklich. 
Dennoch ist dieselbe viel wahrscheinlicher als die neueste deu- 
tung von Th. Plüß (Jahrbb. f. ph. 1877, 69 ff.), nach welcher 
Bacchus der nascens puer sein soll. In derselben ecloge erinnert 
der vrf. bei v. 34 Argo an die flotte des S. Pompejus, bei v. 
36 Achilles an Antonius. Entschieden unglücklich ist die vom 
vrf. empfohlene beziehung des Daphnis in der fünften ecloge auf 
Vergils eigene person. Zwar wird dadurch ein gewisser Zusam- 
menhang der fünften ecloge, deren anknüpfung an die zweite und 
dritte vom dichter selbst v. 86 f. gegeben ist, mit der nach der 
vereinzelt stehenden meinung des vrfs. früher gedichteten vierten 
ecloge gewonnen, aber nicht durch auslegung, sondern durch unter- 
legung. Dies mag aus den eigenen worten des vrfs. ersehen 
werden : In Pollio the poet had depicted in glorious colours the 
happy age that was to come, and uttered an ardent wish that he 
might live to see it. In Daphnis he turns from the fate of man- 
kind to that of individual man , and revels in the idea of his own 
image being raised to the Gods and an object of worship for po- 
sterity. 

17. Die Sammlungen der spruchverse des Publilius Syrus, 
von Wilh. Meyer aus Speyer. Darin sechszehn neugefundene 
verse. 8. Leipzig, Teubner 1877. 68 s. 

Wieder ist in einer der verwickeltsten partien der geschichte 

der römischen literatur ein bedeutender schritt vorwärts gethan, 

und zwar sind die neuen resultate um so zuverlässiger, als sie 

nicht auf conjectur, sondern auf handschriften beruhen, welche 

vrf. theils in seinem engeren vaterlande, größtentheils indessen 

auf einer 18monatlichen italienischen reise ans licht gezogen und 

ausgebeutet hat. Die lectüre der Leonhard Spengel gewidmeten, 

ausgezeichneten schrift ist zwar für den laien etwas mühsam, für 

den in die sache eingeweihten aber reihen sich die einzelnen 

abschnitte wie mathematische gleichungen aneinander. 

4* 



62 17. Publilius Syrus. Nr. 1. 

Seitdem man die spruchverse des Publilius Syrus auf ihre 
handschriftliche Überlieferung zurückgeführt hat, ist als die voll- 
ständigste Sammlung die der Freisinger handschrift erkannt und 
diese selbst in 2 — 3 bestandtheile zerlegt worden, die 265 in 
vielen alten handschriften erhaltenen Sentenzen , welche mit den 
buchstaben A bis N beginnen, dann in 167 zusatzverse am ende 
der reihen A bis JV, welche nur in F stehen, endlich in 217 
verse N bis V, welche gleichfalls auf die nämliche quelle zu- 
rückgehen. Die erste masse nun, vom vrf. Senekasammlung (2) 
genannt , weil sie in den handschriften fälschlich diesen titel 
führt, ist ohne wesentliche handschriftliche bereicherung und Ver- 
besserung geblieben; doch stellt vrf. durch conjectur den vs. 216 
wieder her: Homo semper aliud, fortuna [furetina die ältesten 
handschriften) aliud cogitat, sehr ansprechend, zumal sich oft 
furtuna geschrieben findet, und vs. 380 lautet nach einer mittel- 
alterlichen citation : Non cito perit ruina, qui rimam timet. 

Die beiden andern versgruppen , die Überschüsse zu A bis 
JV, und der ganze bestand von N bis V gehören zu einer und 
derselben Sammlung , welche vrf. die Pfälzer (77) genannt hat. 
Ist es demselben auch nicht gelungen ein unversehrtes exemplar 
derselben nachzuweisen, so hat er doch im cod. Vaticanus 239 
2° saec. X — XI , dem von Gruter benutzten und seither ver- 
schollenen Palatinus, die kleinere hälfte (A bis I) aufgefunden. 
Das wichtigste ergebniß ist hier, daß die 167 zusatzverse A bis 
N, welche Andr. Spengel in seiner ausgäbe für unächt erklärte, 
das gleiche recht mit den übrigen erlangen. Eine Vereinigung 
beider Sammlungen, wie sie im Frisingensis vorliegt, ist vom vrf. 
nicht gefunden worden , wohl aber eine reihe späterer auszüge 
aus der Freisinger Sammlung. Aiißerdem hat der Scharfsinn 
von Meyer herausgebracht, wer zuerst nach dem Frisingensis die 
Ingolstädter ausgäbe von 1600 besorgt hat, nämlich der berühmte 
jesuite Jakob Gretser. 

Eine dritte Sammlung, die sogenannte Zürcher für die buch- 
staben C bis V, hatte vrf. schon früher durch auffindung des 
anfanges ergänzt (Sitzungsber. d. Münchner akad. 1872). Seine 
nähere ausführuug lehrt nun , daß dieselbe zwar zum großen 
theile sehr willkürlich umgestaltet , aber mit ausnähme einiger 
handgreiflicher interpolationen aus Terenz und Augustin als acht 
zu taxiren sei, während man früher die authentie nicht für alle 



Nr. 1. 17. Publilius Syrus. 53 

Sentenzen zu behaupten gewagt hatte. Die Münchner handschrift, 
welche den verlorenen köpf lieferte, giebt auch eine anzahl bes- 
serer lesarten als cod. Turicensis. So schlägt vrf. folgende nur 
leicht eraendirte verse vor: 

Consilium in dubiis remedium prudentis est. 

Dissolvitur lex, cum fit iudex misericors. 

Dominari ex parte est, cum superior supplicat. 
Das wichtigste freilich ist die entdeckung der Veroneser 
Sammlung in cod. Ver. CLXVIH membr. anni 1329, welcher 
unter dem titel Flores moralium auctoritatum sechzig Sprüche mit 
der bezeichnung Publii, ex sententüs Publii, Publius mimus u. a. 
enthält. Daraus hat vrf. nicht nur den originaltitel der Samm- 
lung combiniert : Publilii Syri mimi (des mimenschauspielers, nicht 
= mimographi) sententiae i während man bekanntlich bisher den 
Publilius Syrus nur darum als den vrf. der verse angenommen 
hatte , weil die von Gellius dem Publilius Syrus ausdrücklich 
zugeschriebenen verse im Frisingensis und Turicensis enthalten 
sind, sondern er hat auch 1 6 bisher unbekannte verse ans tages- 
licht gezogen, z. b. 

Felicitati in dubiis virtus imperat. 

Prudentis est irasci, sed sero et semel. 

Ubi innocens damnatur, pars patriae exulat. 

Monere non punire stultitiam decet. 

Crebro ignoscendo facies de stulto improbum. 

Falsum etiam est verum, quod constituit superior. 

Amico firmo nil emi melius potest. 

Ubi peccatum cito corrigitur, fama solet ignoscere. 
Auch werden durch den Veronensis einige stark beschädigte Zürcher 
sentenzen geheilt, und einige conjecturen Orellis bestätigt. Und 
doch muß man fast noch höher anschlagen, daß die 44 bekann- 
ten Sprüche , welche unter dem namen des Publilius Syrus an- 
geführt werden, sich genau auf die Seneca — , die Pfälzer und 
die Zürcher Sammlung vertheilen, und daß andere Schriften, wie 
der Pseudo-Seneca de moribus und die sogenannten vroverbia, die 
sententiae Varronis , die man neuerdings zur ergänzung der ur- 
sammlung hat heranziehen wollen , keinerlei berührung mit der 
Veroneser Sammlung haben : denn darin liegt die glänzendste 
bestätigung, daß mau die restitution des Publilius Syrus auf die 
erstgenannten quellen zu beschränken hat. Nur eine fundstätte 



54 17. Publilius Syrus. Nr. 1. 

bleibt noch übrig, welcbe nach anleitung des Veronensis zur aus- 
scheidung der Publiliussprüche berücksicbtigt werden muß, der so- 
genannte Cäcilius Baibus, den vrf. mit größter •Wahrscheinlichkeit 
als eine lateinische Übersetzung einer griechischen spruchsamm- 
lung definiert, in welche einzelne Publiliusverse eingesetzt wor- 
den seien. 

Ob diese entdeckungen einen noch viel größeren nutzen 
stiften werden durch beschränkung der subjectiven kritik in den 
fragen der ächtheit und unächtheit, das wird von dem ermessen 
der leser abhängen. Zweimal sind in einem vierteljahrhundert 
die ^grenzen der publilianischen spruchsammlung nach subjecti- 
ven kriterien bestimmt worden, einmal in der ersten aufläge der 
Fragmenta comicorum latinorum durch ausscheidung der sententiae 
minus probatae, und nochmals in der zweiten aufläge durch aner- 
kennung der mittlerweile gewonnenen grundlage des F und des 
Turicensis, aber durch beigäbe einer appendix von einigen 100 
versen, wobei angenommen wird , daß die ursammlung Sprüche 
sowohl des Publilius als auch anderer dichter enthalten habe. 
Da heutzutage auch bei andern dichtem so vieles als unächt 
ausgeschieden wird, so darf man sich die gelegenheit nicht ent- 
gehen lassen, zu der von einem anerkannten meister vorgelegten 
rechnung die gegenprobe der neugewonnenen handschriften zu 
machen. Beispielsweise haben sich von den 21 iambischen sententiae 
minus probatae des buchstabens Sil, von den 1 6 des buchsta- 
bens V 12 als acht erwiesen, (so daß in dieser hinsieht selbst 
die Wetterpropheten günstiger dastehen). Aus der appendix 
aber sind beispielsweise für Publilius v. 1 — 149 (de moribus, 
proverbia) ganz zu streichen, und von den 86 des Cäcilius Bai- 
bus (211 — 296) sind 12 als publilianisch bekannt, 4 oder einige 
mehr nach Meyer als publilianisch anzunehmen. Mit recht be- 
zeichnet vrf. dieses durcheinandermischen als „unerträglich" und 
die von Ribbeck gewonnenen verse größten theils als „selbstge- 
machte", ein resultat allerdings so ungünstig als es sich den- 
ken läßt. 

Je weniger dieser streit durch autoritäten entschieden wer- 
den kann, um so mehr müssen wir wünschen, daß vrf. mit sei- 
ner auf einen reicheren apparat gegründeten ausgäbe hervortrete 
und endlich einmal dem Schmuggel ein ende mache. 

Ed. Wölffiin, 



Nr. 1. 18. Julius Caesar. 55 

18. Zur kritik und erklärung von Caesars gallischem 
kriege. Von Bernhard Müller. Programm d. kön. [bair.] 
Studienanstalt Kaiserslautern. 1877. 30 s. 8. 

Verständiges urtheil und frische darstellung machen B. 
Müllers beitrage zu einer anregenden lectüre ; ihr ertrag würde 
jedoch größer sein, wenn der vrf. den Sprachgebrauch Caesars 
und seine eigenen ansichten mit gleicher schärfe geprüft hätte 
wie die meinungen anderer forscher. Aber während z. b. p. 5 
die annähme einer interpolation als „ein ebenso bequemes als in 
der neueren zeit beliebtes mittel um sich über Schwierigkeiten 
hinwegzuhelfen" bezeichnet wird, heißt es p. 10 über B. Gr. V, 
23: „die worte neque hoc neque superiore anno müssen fallen". 
Und doch sind diese worte neben der leichten emendation ulla 
unbedenklich-, nur darf man ulla navis desideraretur nicht verall- 
gemeinern in dem sinne : daß die schiffe „den ort ihrer bestim- 
mung nicht erreichen konnten". Auch IV, 29 geht der vrf. zu 
weit, wenn er qaibus (exercitum transportandum curaverat) im sinne 
von quarum praesidio faßt. Ebenso wenig treffend ist es , wenn 
die worte IV, 33 per omnes partes perequitant übersetzt werden: 
„sie fahren durch alle abtheilungen hindurch", denn bei Caesar 
wird pars ohne genetiv nicht in der bedeutung „abtheilung" ge- 
braucht. Wenn an derselben stelle von den essedarii gesagt ist : 
cum se inter equitum turmas insinuaverunt , so können nicht, wie 
der vrf. meint, die eigenen reitergeschwader der Britannier, son- 
dern nur die der römischen gegner gemeint sein ; dies lehrt der 
Zusammenhang und der bericht über das manövriren der britan- 
nischen essedarii V, 16 unzweifelhaft. Gegen Madvigs emenda- 
tion enimvero V, 7 sucht der vrf. das überlieferte enirn zu recht- 
fertigen, indem er behauptet, im sinne von „natürlich, versteht 
sich" finde sich enirn „öfters", hat aber leider keine belegstelle 
mitgetheilt. Uebrigens lernt man aus Drägers H. S. II, p. 166, wie 
Singular die fragliche stelle ist. Die von A. Spengel im Philol. 
XXXIII, p. 368 vorgeschlagene und von A. Hug gebilligte Umstel- 
lung hat der vrf. unbeachtet gelassen. P. 6 ist vom vrf. eine 
eigenthümlichkeit in Caesars Schreibweise verkannt, wenn er be- 
hauptet : „Nun verlangt es schon die natur der sache, daß ein 
Schriftsteller den Zusammenstoß von ganz verschiedenen begriffen 
in der form des nämlichen wortes sorgfältig vermeidet, er müßte 
denn Wortwitze machen wollen". Für Caesar , auf welchen der 



56 19. Italafragmente. Nr. 1. 

vrf. die anwendung macht , ist das gerade gegentheil richtig : 
vrgl. B. G. VII, 77, 9. 10 animi imbecillitate — animi causa', 
B. C. I, 3, 1. 2 omnes, qui sunt eius ordinis , a Pompeio evocan- 
tur ■ — ■ multi ex veteribus Pompei exercitibus spe ordinum evocantur ; 
II, 8, 3 ut est verum omnium magister usus, inventum est magno 
usui esse posse; die beispiele lassen sich mit leichter mühe ver- 
zehnfachen. Die schwierige stelle V, 31 quare . . augeatur 
ist vom verf. nach Lüdecke richtig gedeutet. Von den kriti- 
schen vorschlagen hat die vermuthung zu VII, 19 ac aditus eius 
paludis trotz der schon von Nipperdey erhobenen bedenken im- 
mer noch mehr Wahrscheinlichkeit als die übrigen des vrfs. Da- 
gegen giebt die änderung der vielgeprüften worte VII, 35 di- 
str actis quibusdam cohortibus nicht den geforderten sinn, wie 
schon das vom vrf. angeführte beispiel zeigt. Die zu V, 34 
vorgebrachte conjectur ist schon wegen der dreifachen änderung 
unwahrscheinlich, indem erant getilgt, pugnandi nach Nipperdey 
durch pugnando ersetzt und esse hinter pares hinzugefügt wird, 
so daß die stelle lautet : proinde omnia in victoria posita existi- 
marent : \_eran t\ et virtute et numero pu gnand o pares esse. 
Die ersetzung von erant durch esse hatte bereits Dübner vorge- 
schlagen. Die neueste und gründlichste behandlung der stelle 
in Dinters Quaestt. Caes. p. 26 sq. (vrgl. auch Dittenberger 10. 
aufl.) hat der vrf. nicht erwähnt. Besonders ausführlich ist zum 
Schlüsse I, 26 die erklärung Napoleons gegen Heller vertheidigt, 
wobei aber doch manches bedenken ungelöst bleibt. — Trotz 
des Widerspruchs gegen die einzelnen ergebnisse der schrift darf 
der wünsch , dem vrf. wieder auf diesem gebiete zu begegnen, 
nicht zurückgehalten werden. 



19. Italafragmente der Paulinischen briefe nebst brach« 
stücken einer vorhieronymianischen übersetzuug des ersten Iohan- 
nesbriefes aus pergamentblättern der ehemaligen Freisinger stifts- 
bibliothek zum ersten male veröffentlicht und kritisch beleuchtet 
von L. Ziegler Studienlehrer am k. Maximiliansgymnasium in 
München. Eingeleitet durch ein vorwort von pro f. dr. E. Ranke. 
Mit einer photolithographischen tafel. Marburg, N. G. Elwert- 
sche Verlagsbuchhandlung. 1876. — 15 mk. 

Die münchener hof- und Staatsbibliothek bewahrt 24 von 



Nr. 1. 19. Italafragmente. 57 

den deckein verschiedener einst freisinger handschriften abgelöste 
pergamentblätter, auf welchen bereits 1856, soweit er sie damals 
in die hände bekommen , C. Tischendorf, später der gedruckte 
catalog von Halm und Laubmann bruchstücke einer vorhiero- 
nymischen (so erlaube ich mir das adjectiv zu bilden) Übersetzung 
der briefe des neuen testaments (der catalog nennt nicht ganz 
genau nur Paulus) erkannt hatte. Diese blätter werden uns 
von L. Ziegler in der weise vorgelegt, in welcher Ernst Eanke 
seine funde vorzulegen pflegt, und die ich für viel zu imiständ- 
lich erachte. Der fleiß und die genauigkeit des herausgebers 
verdienen großes lob , und seine in diesen blättern nicht näher 
zu erörternde entdeckung , daß hier derselbe text zu tage tritt, 
welchen Augustinus in seinen späteren Schriften, und die dem 
ausgange Augustins etwa gleichzeitigen bischöfe Carthagos ge- 
braucht, ist ein höchst erfreulicher beitrag zur geschichte der 
altlateinischen Versionen, mir (Abhandlungen p. 87, Symmicta p. 
100) ganz besonders willkommen. Ich freue mich, daß unsere 
Wissenschaft in L. Ziegler einen tüchtigen arbeiter gewonnen hat. 

L. Zieglers buch ist auch darin den arbeiten Ernst Rankes 
ähnlich , daß das sigma im burgisdrucke recht oft Cicerogröße 
hat. Eine universitätsbuchdruckerei sollte sich doch schämen, 
so bettelhaft aufzutreten, und deutsche gelehrte, welche ibr gutes 
geld für einen satz ausgeben , haben die pflicht sich derartiges 
nicht gefallen zu lassen. 

In dem der arbeit Zieglers vorgesetzten Vorworte Ernst 
Rankes lesen wir : „eine gelehrte lösung der von herrn prof. 
Oscar Schade in Königsberg angeregten frage , ob sich ein di- 
recter einfluß der Itala auf die gothische bibelübersetzung nach- 
weisen lasse, eröffnet der Untersuchung über das verhältniss der 
einschlägigen Codices wahrscheinlich eine neue, nur mit voller 
wissenschaftlicher ausrüstung zu durchmessende bahn". Darauf 
hin wandte ich mich mit dem bemerken, daß die angeblich jetzt 
erst entdeckte thatsache längst bekannt sei , an Oscar Schade 
und bat ihn um auskunft über die stelle , an welcher er sich 
über den gegenständ geäußert habe : ich empfieng folgende ant- 
wort: „Königsberg i. Pr. den 29. märz 1877. Umgehend die 
ergebene antwort, daß darüber vorläufige nachricht in den von 
mir herausgegebenen wissenschaftlichen monatsblättern band 3 
(1875) p. 159 fg. Die Untersuchung wird erst gedruckt. Daß 



58 20. Tertullianus. Nr. 1. 

nicht vermuthung gewesen, sondern ein bekanntes erwiesenes 
factum, ist wol schon darum schwer glaublich, weil im vorigen 
Jahrhundert kaum wol eine solche kenntnis der gotischen 
spräche bei wem immer zu finden gewesen, durch die eine der- 
gleichen entscheidung gewonnen werden konnte. Bitte mir doch 
gütigst etwas näheres angeben zu wollen. Ganz ergebenst dr. 
0. Schade". 

Ich verweise zur beleuchtung der hier gemachten behaup- 
tung der kürze halber nur auf Iohann Iacob Wetsteins Prolego- 
mena in novum testamentum p. 303 ff. des von Semler besorgten 
Sonderdrucks, auf Iohann David Michaelis Einleitung in das neue 
testament p. 511 ff. der vierten ausgäbe — Wetstein und Mi- 
chaelis sind eigentlich doch wohl männer , um welche sich zu 
kümmern hat wer über die von ihnen behandelten gegenstände 
mitreden will — , auf Ernst Bernhardts Kritische Untersuchungen 
über die gothische bibelübersetzung (I 1864, II 1868) und des- 
selben ausgäbe des Vulfila. Ich habe 1856 (jetzt Abhandlungen 
p. 89, 2) die thatsache bereits als (versteht sich unter den paar 
menschen, die sich überhaupt für bibelkritik interessieren) allge- 
mein bekannt behandelt, und will, da ich einmal auf jene meine 
ahhandlung zurückzuweisen veranlaßt bin, in diesem zusammen- 
hange die thatsache nicht umkommen lassen, daß ich wegen der 
Schlußworte meines programms (Abhandlungen p. 112, 21) als einer 
sehr, hochmüthigen und meiner jugend (29 jähre) nicht ziemen- 
den äußerung halbamtlich in dem milde väterlich überlegenen 
tone , der dem patriarchalischen polizeistaate so gut stand , ver- 
warnt worden bin, und auf die verwunderte frage, wer denn in 
aller weit das von mir vermißte geleistet , den namen August 
Hahn genannt erhalten habe. 

Paul de Lagarde. 



20. Gymnasium Jenense ipsis nonis Octobribus anni 
MDCCCLXXVI bonis litteris dedicandum laeta omnia fausta 
felicia precantcs pientissimis votis prosequuntur director et col- 
legae gumnasii Kudolphopolitani. Rudolphopoli, typis Froebe- 
lianis. 15 s. 8. 

Die festschrift enthält eine ahhandlung von Ernst Klußmann : 
adnotationes cräicae ad Tcrtulliani librum de sjycctactdis, worin uns 



Nr. 1. 20. Tertullianuß. 59 

der auf diesem gebiete bereits rühmlichst bekannte Verfasser eine 
anzahl von emendationen zu der genannten wichtigen schrift Ter- 
tullian's gibt. Sie sind theilweise gestützt auf sorgfältige beob- 
achtung der im codex Agobardinus geläufigen fehler. So wird 
zum beispiel die emendation des Iunius vides statt vis in dem 
Satze c. II p. 20 v. 7 ed. Oehler. : vis homicidium ferro veneno 
magicis devinctionibus perfici gesichert durch ähnliche versehen der 
handschrift : obstionem st. obstinationem , specula st. spectacula u. 
dgl. : c. V p. 25, 15 ist mit recht Lupercorum ludos st. Lupercos 
lados geschrieben; c. VIII p. 31, 15 ante eas (cod.: ante as); 
p. 33. 1. Murcias. eas quoque (cas om. cod.), c. X p. 39,^4: 
a domini misericordia (cod. a d'mui); c. XII p. 41, 12: 
quod (soll doch wohl heißen quia 1 ) feriarum voluptati satis 
non fiebat statt des handschriftlichen quia ferarum voluptati. etc; 
c. XV p. 45, 5 huius m o di cum spectaculis poterit convenirc, 
eine schöne emendation statt des corrupten huius modicum 2 ) 
spectaculis etc. Nicht einverstanden können wir uns erklären mit 
Klußmann in der constituirung des textes c. VI p. 29, 6 : licebit mor- 
tuis, licebit deis suis faciant, faciunt perinde : mortuis faciunt ; una con- 
ditio partis utriusque est. Zu diesen Worten hat Klußmann hinter 
suis faciant eingeschoben und mit Reifferscheid perinde st. proindc 
geschrieben, ferner die interpunktion berichtigt, im übrigen alle 
lesarten des Agobardinus festgehalten. Der gedanke Tertullian's 
ist folgender : die feier gilt theils den göttern, theils verstorbenen 
Privatleuten, es ist jedoch ein götzendienst. Klußmann bemerkt 
allerdings im allgemeinen mit recht : dei gentiles patribus aut dae- 
mones aut homines mortui esse solent, aber das ist hier dem Ter- 
tullian nicht die hauptsache , daß die heidnischen götter homines 
mortui sind, sondern daß der dienst götzendienst ist, gleichviel 
wem er gilt ; daßhalb ziehe ich folgende fassung der worte vor : 
licebit mortuis licebit deis suis faciant, perinde faciunt, una conditio 
partis utriusque est ; das handschriftliche mortuis nach perinde kann 
sehr wohl durch versehen aus der vorhergehenden zeile von dem 
abschreiber herüljergenomnien sein. Auch im anfang des 17. 
kapitels, p. 47, 15 bei Oehler, scheint Klußmann das richtige 

1) Klußmann bat quia auch beibehalten in seiner vor kurzem er- 
schienenen recension des libellus de spectaculis. 

2) Denn so scheint die lesart der handschrift zu lauten , nicht 
mo dicu m cum spectaculis^ wie bei Klußmann steht. 



60 20. Tertulianus. Nr. 1. 

nicht gefunden zu haben. Die im codex Agobardinus überliefer- 
ten worte : similiter nee inpudicitiam omnem amare iubemur geben 
keinen vernünftigen sinn. Klußmann meint nee nebst der ersten 
silbe des folgenden wortes seien irrthümlich aus dem Schlüsse 
des vorhergehenden kapitels ideo nee in eirco wiederholt und 
müßten getilgt werden. Nee ist allerdings nicht zu erklären, 
aber Tertullian will hier nicht besonders hervorheben, was für 
fugenden der christ üben., sondern was für laster er meiden soll. 
So am anfang von kapitel 1 6 , worauf an unserer stelle durch 
similiter ausdrücklich bezug genommen wird : cum ergo furor in- 
terdicitur nobis, ab omni spectacido auferimur. Diese sachliche er- 
wägung scheint mir mehr gewicht zu haben , als der formale 
grund, welchen Klußmann zur stütze seiner ansieht in der oben 
erwähnten recension der Tertullianischen schrift noch hinzufügt: 
im cod. Agobardinus sei sonst überall impudicitia geschrieben, 
nur hier inpudicitia, eben weil die äugen des Schreibers auf das 
vorhergehende nee in abgeirrt seien. Ich glaube, daß Oehler 
mit leichter änderung richtig impudicitiam omnem amandare 
iubemur geschrieben hat, nur hätte er auch nee tilgen sollen. 

Wir zollen bereitwillig den tüchtigen leistungen Klußmann's 
unsere volle anerkennung, es sei uns aber deßhalb auch gestat- 
tet, einen leisen tadel hinzuzufügen. In der einleitung der be- 
sprochenen abhandlung sagt er : sed de vita decessit Oehlerus, ut, 
cui viro crimina sua purganti non respondere satius duxerim, eius 
quasi manes persequi dedeceat. Wir sind weit davon entfernt, in 
der sache selbst Oehler zu entschuldigen, aber es will uns doch 
bedünken , als wenn Klußmann von einer gewissen animosität 
gegen den genannten herausgeber des Tertullian sich nicht völlig 
frei gehalten habe. So wird an der zuletzt erwähnten stelle 
allerdings mit vollstem recht der verunglückte versuch Oehler's 
nee zu rechtfertigen, entschieden zurückgewiesen , doch nicht für 
gerechtfertigt halten wir die wen düng, womit dies geschieht: 
hoc vero est novum quendam fingere Tertullianum , in quo nihil sit 
nisi quod a lingua latina non misere abhorreat. Bezüglich der 
letzten worte des ersten capitels: quamquam etsi ita esset, tarnen 
apto consilio tantac obstinatio diseiplinae debebat obsequium bemerkt 
Klußmann : in extremis — verbis mire se torquet Oehlerus ; cum 
enim Rigaetium secutus vocabula falso distraxisset , in devia omnia 
aberravit. Und doch hat Oehler, abgesehen von der irrigen be- 



Nr. 1. 21. Römische geschickte. 61 

ziehung der Worte tantae — disciplinae, die nämliche erklä- 
rung gegeben, welche wir jetzt auch bei Klußmann lesen. 



21. Dr. F. I. Holzwerth: Iulian der abtrünnige. Samm- 
lung historischer bildnisse. Zweite serie. VI. Freiburg im Br. 
1874. 105 s. kl. 8. 

22. Dr. ph. Friedr. Rode: Geschichte der reaction kaiser 
Iulians gegen die christliche kirche. Iena 1877. 106 s. 8. 

Es scheint, daß die persönlichkeit Iulians fortwährend be- 
stimmt ist, unter dem scheine geschichtlicher darstellung die fo- 
lie für Zeitbilder zu liefern. Hatte D. Fr. Strauß in seiner 
schritt „der romantiker auf dem thron der Caesaren" (1847) die 
geschichte des großen apostaten dazu verwerthet, seine ansieht 
über einen regenten des 19. Jahrhunderts öffentlich auszuprechen, 
der Oestreicher d. loh. Ev. Auer in seinem übrigens wis- 
senschaftlich gehaltenen buche : „kaiser Iulian der abtrünnige im 
kämpfe mit den kirchenvätern seiner zeit" (1855) sich verleiten 
lassen, seinen eifer gegen die antiklerikalen mächte unserer tage 
auf Iulian zu übertragen, so macht sich Holz werth in der oben 
genannten arbeit zur aufgäbe, an der geschichte Iulians den 
heutigen kulturkampf in seiner Verwerflichkeit und nichtigkeit 
zu kennzeichnen. Die schrift ist unmittelbar unter dem eindrack 
der preußischen maigesetze von 1873 entworfen (p. 54), ein kle- 
rikaler nothschrei über die grausamkeit der das christenthum 
verfolgenden regierungen. Wissenschaftlichen werth hat sie 
keinen ; das rüstzeug entnimmt der vrf. seinem Vorgänger Auer 
und zwar in ziemlich engem anschluß an sein vorbild , das er 
zwar nicht nennt, wie er überhaupt keine citate bringt. Dabei 
hat er es aber verstanden, für einen weitern leserkreis eine 
spannende erzählung in populärem gewande zu liefern. Die 
analogien mit der gegenwart liegen ziemlich offen zu tage : die 
freundschaft des kirchenfeindlichen kaisers mit den häretikern, 
die nur von der gunst der Staatsgewalt leben (p. 36) und mit 
den Juden (p. 88), die ausschliessung der christlichen lehrer 
(resp. ordensleute) aus den schulen (p. 58) und dagegen die 
leiden und standhaftigkeit der väter. Natürlich fehlt es auch 
nicht an wundern, welche die Verkehrtheit von Iulians beginnen 
bezeugen. Die vision in Paris ist das werk des teufeis (p. 19) 



62 21. Kömische geschichte. Nr. 1. 

und die himmlischen erscheinungen beim hau des jüdischen tem- 
pels zu Ierusalem sind festbezeugt (p. 90). Was folgt daraus? 
Nichts anders als „die Wahrheit, daß alle schönen worte von 
gewissenhaftigkeit und toleranz im munde eines mannes, der vom 
christlichen glauben abfällt, wie die eine und einzige kirche 
Christi ihn vertritt, lüge sind und daß jeder dieser männer zur 
Verfolgung und Vergewaltigung des gewissens fortgedrängt wird" 
(p. 104), und daß „den männern der entschiedenheit , die ganz 
sind, was sie sein sollen , der ungetrübteste ausdruck des kirch- 
lichen geistes, der sieg und die zukunft gehören" (p. 105). — 
Sapienti sat. 

Ganz anders die zweitgenannte arbeit, eine gewis- 
senhafte kritische Untersuchung, welche der verf. als dissertation 
der lenaer fakultät vorgelegt hat. Dieselbe ist durch die Übun- 
gen des Züricher historischen seminars angeregt worden , die 
ausführung ist jedoch durchaus eigne leistung des vrfs. und fal- 
len daher lob und tadel ganz auf seine schultern. Der plan 
war, zu hand der quellen die chronologische Ordnung aller that- 
sachen der reaction und ihre entwicklung festzustellen und die 
geschichte Iulians , soweit sie auf das christenthum bezug hat, 
darzulegen. In dieser engern Umgrenzung des themas ist es 
dem vrf. gelungen, manche punkte aus der weitläufigen darstel- 
lung M ü c k e's (Flavius Claudius Iulianus. Nach den quellen. 
1867 u. 1869) zu rectificiren ; als der beste beweis der richtig- 
keit der neu gewonnenen resultate mag dienen, daß die gleich- 
zeitig erschienene arbeit von A. Kellerbauer: „kaiser Iuli- 
ans leben" (Neue Jahrbücher f. philologie von dr. A. Fleckeisen. 
9. supplbd. 1. p. 181 — 221), welche in sorgfältigerweise das 
aufkommen Iulians bis zur siegreichen ankunft in Constantinopel 
darstellt, mit denselben, soweit sie in diesen abschnitt fallen, im 
ganzen übereinstimmt. Kode behandelt zuerst die bisheri- 
gen forschungen über Iulians reaction (p. 1 — 7), dann die 
quellen (p. 8 — 15). Mit recht bezeichnet er im gegensatz zu 
Mücke den Ammian als nicht maßgebend für die religiöse hal- 
tung des kaisers und hebt dagegen bei Theodoret die spuren 
eigener künde aus Antiochia hervor. In dem ersten hauptab- 
schnitt „Vorgeschichte der reaction" schildert der verf. 1) die 
kirche im römischen reich vor Iulians regierungsantritt (p. 16 
—20), 2) Iulians christliche erzichung (p. 20 — 30), welcher titel 



Nr. 1. 22. Römische geschiente. 63 

vielleicht mit einem besseren hätte vertauscht werden können, 
3) Iulians übertritt zum hellenismus p. 30 — 38, 4) Iulians reli- 
giöse Stellung als mitregent des Constantius p. 38 — 31. Der 
allgemeine verlauf der Jugendgeschichte wird wie bei Keller- 
bauer dargestellt: a. 331 geburt : 338 — 343 oder 344 aufent- 
halt in Constantinopel: 343 oder 344 — 350 aufenthalt in Ma- 
cellum : 351 abfall vom Christenthum in Kleinasien. Im einzel- 
nen bringt der vrf. eine sehr ansprechende lösung zu der auf- 
fallenden notiz Ammians, Iulian sei als knabe in Nicomedien 
mit Eusebiüs zusammengetroffen; es erweist sich dieselbe als ein 
versehen, entstanden aus der Vermischung von zwei nachrichten, 
nämlich der nachricht von dem aufenthalt Iulians in Nicomedien, 
a. 350 oder 351, von dem Ammian nichts weiß, und derjenigen 
von der erziehung durch Eusebiüs in Constantinopel seit 338. 
Die auffassung Mücke's von dem pädagogen Mardonius als 
einem gehaßten und gefürchteten günstling des Constantius wird 
durch richtige auslegung des Misopogon widerlegt , und Mardo- 
nius erhält dann auch noch besser als bei Kellerbauer seine an- 
gemessene beleuchtung als „einseitiger erzieher zur philosophi- 
schen lebensrichtung". Die angäbe Gregors, daß Iulian schon 
in Macellum heidnische anschauungen gehabt habe, findet ihre 
Widerlegung in einem bestimmten zeugniß Iulians selbst. Die 
annähme eines doppelten aufenthalts in Athen erweist sich als 
durchaus haltlos. Die reaction selbst (II) betrachtet der vrf. zu- 
nächst in ihrem allgemeinen Charakter (p. 44 — 54) und 
zwar einerseits in bezug auf die restitution und reformation des 
hellenismus und andrerseits in bezug auf das verhalten gegen- 
über den Christen. Die betrachtung führt zu dem resultat, „daß 
die unter Iulians regierung vorgefallenen blutigen Verfolgungen 
nicht durch den kaiser direkt ins werk gesetzt sind, daß aber 
nicht jede abweichung von seinen humanen principien ausge- 
chlossen ist". Wir hätten es vorgezogen, die specielle betrachtung 
vorauszuschicken, die in den folgenden abschnitten gegeben wird. 
Abschnitt III „die reactionsthatsachen bis zu Iulians eintreffen 
in Antiochien" und IV „die reactionsthatsachen während Iulians 
aufenthalt in Antiochien" sind vielleicht die wichtigsten partien 
der ganzen arbeit und bieten, einiges neue durch die darlegung 
des fortschritts der reaction. Der vrf. constatirt den beginn 
einer neuen epoche der Verfolgung mit der ankunft in Antiochien, 



64 23. Römische geschichte. Nr. 1. 

nämlich eine Steigerung des kampfes. In die erste pe- 
riode verlegt er „die aufhebung des bundes zwischen Staat und 
kirche" , die sich kundgiebt in der gleichen behandlung aller 
christlichen bekenntnisse , eröffnung und Wiederherstellung der 
heidnischen tempel , riicknahme der den christlichen priestern 
ertheilten Privilegien, beseitigung der kreuzesfahne u. a. , ferner 
die reinigung des hofes und der praetorianer und endlich „den 
erlaß gegen die christlichen lehren der litteratur". Man kann 
hier in zweifei sein , ob der vrf. mit dem ausdruck „lehren der 
litteratur" das richtige getroffen habe; wenn er, was wir leider 
vermissen, sich die frage vorgelegt hätte, auf was für Unterricht 
und schulen das edict bezug hatte, so hätte er wohl eine allge- 
meinere bezeichnung gewählt. Uebrigens bezeichnet er mit recht 
die christliche tradition , daß Iulian den Christen verboten , die 
rhetorenschulen als hörer zu besuchen , als ixnhistorisch. Der 
Übergang zu größerer strenge wird erklärt durch den ärger über 
die geringen erfolge der reaction in Kleinasien and spricht sich 
zuerst aus in der leidenschaftlichen gereiztheit gegen die Anti- 
ochener, dann im weitern in den erlassen bezüglich der auswär- 
tigen Christen , gegen Titus von Bostra und Athanasius von 
Alexandrien , in der bevorzugung der beiden und Juden und 
der parteiischen haltung gegenüber den tumulten zwischen nei- 
den und Christen u. s. w. Im schlußabschnitt: „der ausgang 
der Iulianischen reaction" p. 95 — 106 ist besonders werthvoll 
die gedrängte, aber vollständige und sorgfältige wiedergäbe der 
hauptsächlichsten argumente ans Iulians schrift wider die 
Christen. Wenn der vrf. es bedauert , daß die Cyrillischen 
fragmente von Iulians Streitschrift noch keine beai'beitung erfah- 
ren haben, so wünschen wir mit ihm, es möchte Iulian eine sol- 
che restitution zu theil werden wie Celsus durch Keim, möchten 
aber auch ihn selbst auffordern, seine weitern Studien im beson- 
dern Iulian als litterarischem bekämpfer des christenthums zu- 
zuwenden. 



23. Dr. W. Harster, die nationen des Römerreichs in 
den beeren der kaiser. Speier, Neidhard. 1873. 8. 58 s. 

Spät, doch hoffentlich den lesern nicht unwillkommen, er- 
scheint hier die anzeige einer kleinen, mit sorgfältiger benutzung 



Nr. 1. 23. Kömische geschickte. 65 

der inschriften gearbeiteten, höchst interessanten schrift, die zu 
erforschen sucht , in welcher weise die hauptsächlichsten natio- 
nen des Römerreichs im kaiserlichen heere vertreten waren. 
Wir geben kurz die resultate derselben und beginnen mit den 
legionen. Im ersten und zweiten Jahrhundert war in einzelnen 
derselben noch ein ziemlicher grundstock von italischen Soldaten 
vorhanden, und zwar beruhte die kraft Italiens auf dem cisalpi- 
nischen Gallien , Ligurien , Umbrien und Etrurien ; im dritten 
Jahrhundert kommen Italiker aber nur noch ausnahmsweise vor. 
Das provinzielle element, und zwar in ziemlich bunter mischung, 
kam anfangs vorzugsweise aus den alten schon völlig romani- 
sierten provinzen in die legionen ; dieselben scheinen indessen 
nicht gerade absichtlich aus den ungleichartigsten bestandtheilen 
zusammengesetzt zu sein, im gegentheil erklärt sich die mischung 
der nationalitäten aus dem lebhaften verkehr der Völker und 
aus der Verschiebung der legionen in folge äußerer und innerer 
kämpfe ; legionea, welche lange in der nämlichen provinz blie- 
ben, bekamen allmählich das ansehen einer nationaltruppe. In 
den cohorten der Prätorianer dienten besonders neben Italikern 
Spanier, Macedonier und Noriker, also leute aus schon längere 
zeit romanisierten provinzen. Die cohortes urbanae recrutierten 
vorzugsweise oder ausschließlich aus Italien; in den cohortes vigilum 
dienten anfangs freigelassene, die nach sechs, später drei jähren 
das volle bürgerrecht erhielten , später jedoch großentheils freie 
bürger, und zwar ebenfalls überwiegend Italiker. Zu einer län- 
geren ausführung geben sodann die cohortes und alae civium 
Romanorum veranlassung , unter denen man solche aus bürgern 
einer bestimmten provinz (z. b. coh. I Germanorum C. R.) und 
cohortes Italicae C. R. voluntariorum unterscheidet. Gegen Borg- 
hesi's ansieht, diese letzteren seien aufgekommen, seit in Italien 
kein delectus mehr stattfand, indem diejenigen, welche den dienst 
als ein gewerbe betrachteten , als freiwillige in cohorten einge- 
treten seien, macht nun der vrf. geltend, daß aus Herodian II, 
11: i'i ob 06 fc/V Tor ^t^uaiov ntoi/^dev q fxoiuo^iu, iiuliwzug 
(ilv növcov uTTSTtavae y.ul imr onXcav iyv^veoae weder auf eine 
entwaffnung Italiens, noch auf die förmliche befreiung der Italiker 
vom kriegsdienste zu schließen sei ; jedoch könne zugestanden 
werden , daß in Italien wegen der gegen den Waffendienst herr- 
schenden abneigung seit Augustus nur selten aushebungen ge- 
Philol. Anz. IX. 5 



66 23. Griechische geschichte. Nr. 1. 

halten wurden ; schwerlich hätte man aus der italischen Jugend 32 
oder mehr cohortes C. R. voluntariorum bilden und auf 25 jähre an 
die gränze schicken können. Weiter führt der vrf. aus, daß die 
bezeichnung coh. Italica gar nichts über die abstammuug der 
mannschaft präjudiciere , sollte das der fall sein , so müßte es 
coh. Italorum heißen ; jenes sei ein ehrender titel , wie bei den 
Legg. I, II, III Italicae; noch ehrenvoller sei der zusatz Romana, 
wie coh. II Va8Conum Romana C. R. Wie es auxiliartruppen 
gab, die nach bestimmten nationen benannt wurden, und solche, 
die ohne derartige spezielle bezeichnung den namen ihrer gründer 
führten und sich wahrscheinlich ohne rücksicht auf ein bestimm- 
tes gebiet ergänzten, so gab es cohorten und alen aus den bür- 
gern eines bestimmten landes und solche aus bürgern ohne be- 
schränkung auf eine bestimmte provinz ; und zwar bestanden sie 
meist aus freiwilligen. Da auch mitunter nichtbürger eintraten, 
so mochten einzelne cohorten und alen, bei denen strenger auf 
bürgerliche abkunft gesehen wurde, sich im unterschiede von 
jenen als coh. C. R. ingenuorum oder juris Italici bezeichnen. 
Es wird dann aus inschriften gezeigt, daß die cohortes und alae 
C. R. mit dem genitiv einer bestimmten Völkerschaft einerseits 
keineswegs nur aus römischen bürgern bestanden, andrerseits 
sich nicht ausschließlich aus bürgern der Völkerschaften, nach 
denen sie benannt sind, ergänzten. 

In den alen und cohorten , welche nicht aus bürgern be- 
standen, dienten vorwiegend Spanier, Gallier und Germanen; 
weniger zahlreich vertreten sind die Völker an der Donau und 
auf der Balkanhalbinsel, die sich dafür in großer zahl in den 
legionen und unter den Prätorianern finden. Britannien leistete 
wenig, noch weniger die asiatischen Völker, gar nichts Griechen- 
land und Aegypten. Bisweilen finden sich cohorten mit doppel- 
ter bezeichnung der nation, und zwar sind dabei zu unterschei- 
den fälle, in denen die verbundeneu Völkerschaften stamme einer 
und derselben nation sind , z. b. coh. Aquitanorum Biturigum — 
oder es ist zuerst die nation genannt und dann die Völkerschaft, 
aus der die abtheiunjr recrutierte, z. b. ala Hispanorum Arva- 
cor/im — ; und fälle, wo eine misch ung zweier weit getrennter 
nationen Stattgefunden bat, z. b. coh. JUyrwrum et Maiiretanoi~um. 
Dies ist entweder aus Verschmelzung zweier abtbeilungen oder 
aus dem allmählichen überwiegen der fremden nationalität, unter 



Nr. 1. 24. Leasing. 67 

welche die truppe verpflanzt war, zu erklären. Ueberhaupt 
finden sich in diesen cohorten und alen aus verschiedenen Ur- 
sachen häufig truppen von anderer nationalität , als nach der 
bezeichnung zu erwarten war. Die Equites singulares der kaiser 
ergänzten sich aus den besten Soldaten der zuverlässigsten alae 
auxiliares; außer Germanen finden sich unter ihnen zahlreiche 
Besser und Thraker, und noch mehr Rätier, Noriker, Pannonier 
und Datier; auch manche italische bürger ließen sich durch 
den glänz der truppe zum eintritt veranlassen. Die seesoldaten 
waren freigelassene und peregrinen ; am meisten leisteten die 
seeanwohner des Orients, außerdem die Dalmatier , Thraker und 
Sarden. Zum Schluß wird noch ausgeführt, daß in die höheren 
officierstellen, welche in den ersten beiden Jahrhunderten wesent- 
lich den römischen Senatoren und rittern vorbehalten blieben, 
schon Spanier und Gallier eintraten. Vom dritten Jahrhundert 
an beginnt das vorherrschen der provinzialen in diesen stellen, 
aus denen das altrömische und italische element bald gänzlich 
verdrängt wurde. 

24. Forschungen über Lessings spräche. Von prof. dr. 
August Lehmann. Braunschweig bei Westermann, 1875. — 
6 mk. 

„Lessings spräche", heißt es in der vorrede, „verdient auch 
heute noch die weiteste berücksichtigung und den lebhaftesten 
nacheifer. In beiderlei hinsieht ist ihre klassische Schönheit 
nicht in beiläufigen, oberflächlichen, kurzen räsonnements darzu- 
legen, sondern der gründlichkeit grammatischer erforschungen 
und Untersuchungen zu unterwerfen". Dagegen ist zu bemer- 
ken, daß kurze raisonnements nicht immer oberflächlich sind, 
und daß andrerseits die sogenannte gründlichkeit, d. h. breite 
der Untersuchung, namentlich bei ästhetischen fragen, oftmals 
nur die dürftigkeit des resultates zu maskiren hat. Uebrigens 
soll damit kein Vorwurf ausgesprochen werden gegen das vor- 
liegende buch, wenigstens nicht gegen das ganze buch. Von 
den fünf abschnitten desselben können der zweite bis fünfte 
(über die hülfsverba, über die trajektion beim relativsatze , über 
den aecusativ mit dem infinitiv), allerdings nur Überarbeitungen 
eines schon 1862 erschienenen programmes — wohl als erfüllung 
dessen gelten, was die vorrede verspricht. Namentlich ist bei 

5* 



68 24. Lessing. Nr. 1. 

der entscheidung darüber, was von den eigenthümlichkeiten der 
Lessingschen spräche beizubehalten sei und was nicht, durchweg 
mit richtigem takte verfahren worden. Weniger anziehend ist 
der fünfte abschnitt, der über einzelne besonderheiten in Lessings 
spräche handelt-, indessen verdient es immerhin dank, wenn sich 
jemand der mühe unterzieht, auch kleinigkeiten einmal ins reine 
zu bringen. 

Ganz anders steht es aber mit dem ersten und umfangreich- 
sten theile des buches, mit der abhandlung über die bilderpoesie 
in Lessings prosa. Dasselbe verfahren, welches für grammatische 
Untersuchungen nützlich war, will sich für diesen ästhetischen 
gegenständ durchaus nicht schicken ; und wenn der verf. hofft, 
daß auch diese abhandlung gleich den früheren freundliche auf- 
nähme finden möge, so läßt sich diese hoffnung leichter erklären 
als erfüllen. 

Daß zu anfang Lessings eigene urtheile über seinen stil 
vollständig angeführt werden , verdient noch am meisten lob. 
So oft man die betreffenden stellen auch schon gelesen hat, man 
liest sie immer wieder mit vergnügen und belehrung-, und wie 
gut ist es, daß man beides, vergnügen und belehrung, gleich zu 
anfang findet ! Denn sofort beginnen große mühseligkeiten, denen 
keine belohnung folgt. Als vorkost giebt der vrf. ausgedehnte 
erläuterungen über bild, metapher, allegorie u. s. w., die weder 
durch neuheit noch durch klarheit sich auszeichnen und überdies 
hier ganz überflüssig sind, da jeder , der über Lessings spräche 
speciellere Studien macht, jene begriffe schon mitbringt. Nun 
kommt die hauptarbeit, eine aufzählung der kurzen wie der aus- 
geführten bilder , die sich bei Lessing finden. Für wen und 
wozu ? Sollen Lessings Vorzüge begreiflich gemacht, sollen muster 
zur nachahmung geboten werden, oder ist beides beabsichtigt? 
Wir können nur sagen, daß keins von beiden erreicht ist ; denn 
da alles bildliche aus allgemein bekannten gebieten entnommen 
wird, so versteht es sich von selbst, daß auch Lessing keine 
sprichwörtliche redensart, keine metapher, keinen vergleich brin- 
gen wird , die nicht auch mancher andere bringen könnte und 
gebracht hat. Es ist wahr, diese bilder sind gerade die glanz- 
punkte in Lessings rede aber doch nur i n der rede, nicht außer- 
halb derselben. So spricht sich bei der sixtinischen Madonna 
— um auch einmal einen vergleich zu gebrauchen — die tiefe 



Nr. 1. 25. Schulorganisation. 69 

des göttlichen wesens am unmittelbarsten in den dunkeln äugen 
aus ; aber diese vier pupillen einzeln auf papier gemalt, was sind 
sie weiter als vier schwarze klexe? Hier wie bei Lessings bildern 
ist es ausschließlich die Stellung im ganzen , durch welche die 
an und für sich unbedeutenden einzelheiten zu höhepunkten des 
ganzen erhoben werden. Hätte der vrf. auch nur an zwei oder 
drei beispielen diese Stellung der bilder erläutert , hätte er ge- 
zeigt wie der gedanke durch die malerische einkleidung nicht 
nur belehrung sondern auch Überzeugung wirkt, so hätte er da- 
durch mehr nutzen gestiftet als durch das reichhaltigste bilder- 
herbarium. Einige allgemeine bemerkungen hat er allerdings 
seiner aufzählung hinzugefügt, und die wichtigste davon ist, daß 
Lessing nicht aus einem bilde in das andere springt, also nicht 
etwa sagt: „die säule des Staates ist ihrem tode nahe", sondern: 
„sie ist ihrem umstürze nahe". Von Lessing ist es nun ganz 
recht und löblich , so zu sprechen , aber unrecht vom vrf. , dies 
zu erwähnen, denn jeder brave secundaner macht es ebenso. 

Fassen wir alles zusammen , so müssen wir über die erste 
abtheilung des buches dasselbe sagen, was über Lessings Lao- 
koon sein eigener vrf. : „Es sind mehr collektaneen zu einem 
buche, als ein buch". L. G. 



25. Der kämpf der französischen und deutschen schulor- 
ganisation und seine neueste phase in Elsaß-Lothringen von G. 
Kaufmann. 

Im PhAnz. bd. VIII, 6, p. 309 besprachen wir die schrift 
des dr. Gr. Kaufmann und erwähnten am Schlüsse auch der in 
der Ztschr. f. gymnasialw. bd. XXXI, p. 331 ff. enthaltenen er- 
läuterung des schulrathes Baumeister zu derselben. Auf diese 
erläuterung giebt Kaufmann in derselben Zeitschrift (september- 
heft) eine erwiderung, welche auch besonders abgedruckt ist und 
im anschluß an unsere obige anzeige ein kurzes referat verdient. 
Es gehen ihr voraus: die auf die erhaltung des abstimmungs- 
rechtes der lehrercollegien in Elsaß-Lothringen gerichtete eingäbe 
der straßburger lehrer an den reichskanzler und die antwort 
des reichskanzleramtes auf dieselbe; diese actenstücke läßt dr. 
Lorberg, einer der mitunterzeichner der eingäbe an den reichs- 
kanzler, abdrucken. 



70 25. Schulorganisation. Nr. 1. 

Baumeister hatte Kaufmann einen besonders schweren Vorwurf 
daraus gemacht, daß derselbe p. 38 seiner schrift in einer erwiderung 
des oberpräsidiums auf eine eingäbe von lehrern des straßburger 
lyceums die worte „die Verordnung ziehe nur die folgerung aus 
dem von jeher hier geltenden rechtszustand" falsch gedeutet, unter 
dem rechtszustand den der französischen zeit verstanden habe. 
„Von herrn Kaufmann", sagt er p. 334, „dem kritischen histo- 
riker, hätte man allenfalls erwarten dürfen, und herrn Kaufmann, 
dem Oberlehrer am lyceum, hätte es jedenfalls geziemt, daß er, 
bevor er seiner behörde eine sonderbare Verdächtigung entgegen- 
schleuderte, sich der mühe einer einfachen erkundigung unter- 
zog. Dann wäre allerdings so ziemlich seine ganze deduction 
hinfällig geworden und selbst der großartige titel seiner schrift 
hätte sich als komischer irrthum herausgestellt". Er hatte weiter 
geurtheilt: „wer aus Kaufmanns einleitenden bemerkungen das 
wesen der französischen schule kennen zu lernen glaubt, geht 
sehr weit fehl. Der pathetisch vorgetragene unterschied zwischen 
der Schulleitung beider länder ist eine rein doctrinäre construc- 
tion mit hohlem kerne". Kaufmann besorgt daher, daß die leser 
der Zeitschrift für gymnasien aus Baumeisters erläuterung eine 
ganz falsche Vorstellung von seiner schrift erhalten, vor allem 
nicht ahnen werden, daß dieselbe ebensowohl für die Stellung 
des directors kämpft, wie für die des lehrers. Er giebt deshalb 
in seiner entgegnung (p. 4) zuerst einen überblick über den in- 
halt seiner schrift , sodann eine Charakteristik der französischen 
schule und endlich eine Untersuchung der thatsachen, auf welche 
sich seine behauptung gründet, daß die deutsche Organisation 
der schulen des reichslandes in gefahr sei, von französischen 
auffassungen verstört zu werden. 

Was uns nun an dem vorliegenden aufsatze Kaufmanns 
zunächst erfreut hat, das ist der ruhige, sachlich gehaltene ton 
desselben. In einer anmerkung wird der vorher erwähnte Vor- 
wurf leichtsinniger mißdeutung des regierungserlasses besprochen 
und durch darlegung des Sachverhaltes dem leser ein selbstän- 
diges urtheil ermöglicht, ebenso in einer anmerkung der Kauf- 
mann von Baumeister zugeschriebene ausdruck „das hohe gut 
der regellosigkeit" durch anführung der davon völlig verschie- 
denen und den besten sinn gebenden worte in das rechte licht 
gestellt. 



Nr. 1. 25. Schulorganisation. 71 

In dem zweiten theile seines aufsatzes zeigt Kaufmann, daß 
die französische schule im höchsten maße centralisirt ist. Dem 
lehrer sind , wie namentlich an dem heispiel des geschichtsun- 
terrichtes dargelegt wird , nicht nur sein lehrstoff und die ver- 
theilung desselben nach den minuten der einzelnen classen (lec- 
tionen von je zwei stunden), sondern auch die reflexionen dar- 
über vorgeschrieben. Kaufmann nennt den französischen lehrer 
daher einen automaten und vergleicht ihn mit dem fabrikarbeiter, 
welcher ein stück arbeit, la tdche qui lui est devolue sagt die In- 
struction , zu verfertigen hat, unbekümmert darum, wie dies 
stück zum ganzen paßt. Hat nun auch Kaufmann seine darstel- 
lung des französischen Schulwesens erst jetzt präcisirt und hin- 
sichtlich eines einzelnen punktes, der Stellung des proviseur, et- 
was modificirt, der von ihm „aufgestellte unterschied zwischen 
der Schulleitung" Frankreichs und Deutschlands ist nach seinem 
grundgedanken, daß der französische lehrer im gegensatz zu dem 
deutschen völlig unselbstständig und abhängig sei, die französi- 
sche schule die centralisation in ihrer Vollendung zeige, als völ- 
lig zutreffend erwiesen. Wenn wir nun in unserer früheren an« 
zeige den titel der Kaufmann'schen schrift nicht billigten , so 
geschah dies abgesehen von verschiedenen, in diesem falle wich- 
tigen practischen gründen deshalb, weil die bei uns sich zeigen- 
den centralisirenden tendenzen auf dem gebiete des höheren 
Schulwesens nicht durch französische einfiüsse bedingt, daher 
nicht im Zusammenhang mit französischen Verhältnissen, vielmehr 
in dem natürlichen Zusammenhang unserer ganzen staatlichen 
entwicklung zu betrachten sind. Die von dem vrf. behandelte 
frage würde also für uns einfach lauten : „centralisation oder 
decentralisation auf dem gebiete des höheren deutschen Schul- 
wesens?" und kann als solche in unseren tagen, „wo unsere 
gesammte übrige Staats- und communalverwaltung auf decentra- 
lisation hingeht" (Miquel in der sitzung des abgeordnetenhauses 
vom 28. nov. 1877. Verhandlungen p. 563), allgemeines in- 
teresse beanspruchen. 

Für den dritten theil der Kaufmann'schen darlegung kön- 
nen wir uns auf die in unserer früheren anzeige enthaltenen be- 
merkungen beziehen. Höchst bedauerlich würde es sicherlich 
für die Zukunft des Elsaß-Lothringischen Schulwesens sein, wenn 
wie Kaufmann aus verschiedenen thataachen schließt und auch 



72 Theses. Nr. 1. 

Baumeister in beziig auf einen punkt in dem allgemeinen theil 
seiner erläuterung unumwunden erklärt, die beliörde die Be- 
schränkung der Selbständigkeit von directoren und lehrerkolle- 
gien nicht durch die besonderen Verhältnisse des landes für die 
zeit des Überganges motivirt, sondern als der natürlichen und 
besten form des Schulwesens entsprechend ansieht. 



Theses. 

G. Velke, de metrorum polyschematistorum natura atque le- 
gibus primariis quaestiones. Dissertatio quam . .' . phil. Marbur- 
gensium . . . auctoritate . . . defendet d. XX. m. decemb. 1877: 
Theses: I. Sanum Madvigii iudicium de arte critica factitanda 
(Advers. I, p. 97) parum a recentioribus curari prae aliis locis 
demonstratur prima Tibulli elegia, ubi ne unum quidem versum 
esse transponendum equidem contendo, nee magis ex. gr. in Ca- 
tulli c. LXIV vv. 38 sqq. — II. Soph. El. vv. 113 sqq. sie 
erunt constituendi : 

ai zovg adinoag &vrjGxovrag ogäj , 

eX&£7\ aQrj^aTs, ziaaads Ttaiqbg 

• * i 

(fOVOV tjflSTSQOV, 

toi) zag svrag v noxXsnzo/Af.vov . . . 
(Ibid. in vv. 148 et 152 aisv (als}) et aial locum invicem mu- 
tent. -*- c. Soph. Phil. v. 782 scripserim : äXV olv de'dotxa, fit) 
uzsXr)g evxr] tv^tj. — d. Eurip. Iph. T. v. 836 propono : tu 
HQSinaov ?] Xöytuoiv evzv^olg ifiov | ipv%u. — e. Eur. fragm. 172 
emendaverim : ucoola de vat aeßeiv . . . — f Fragm. adesp. trag. 
263 N. pro nudsh scripserim /na&siv. — g. Stat. Silv. I, 3, 42 
propono: Nox silet et nigro nutant iam eulmina somno. — h. Cic. 
de orat. I, 14, 62 lego: qui etiam eloquentia . . — i. Ibid. I, 
8, 32 verba „vel" et „esse" sunt removenda (coli. Tac. dial. c. 
5). — k. Livius II, 9, 6 scrips. : veniebat in publicum, cum 
omni sumptu ... — 1. Aen. Tact. I, 6 prop. : tovto jo a&- 
qoov vnaQiov an axQonöXscoQ ... — m. Caes. de b. civ. III, 
38, 4 leg. : — cognitis hosti insidiis — unus fugit M. Opi- 
mius ... — n. Theoer. Id. III, 27 codicum scriptum erit ser- 
vanda, certe aixa 8t) sermo Theocriti non admittit. — o. Catull. 
LXIV, 65 Mureti scriptura „luctantis" est aeeipienda. — III. 
Sententia quam de primordiis comoediae Atticae protulit Wila- 
mowitz de Möllend. in Hermae vol. IX non magis est probanda 
quam Mommseni (H. K. 6 I, p. 224) de fabulis Atellanis. — IV. 
Cum Woelfflino pleriqiie recentiorum de necessitudine quae inter 
tertiam Livii decadem et Polybium intercedat deiinienda errant. 
— V. Iam ante leges Licinias Sextias plebeii heri poterant con- 
sules. — b. Patrum auetoritas referenda est ad comitia curiata. — 



Nr. 1. Bibliographie. 73 

VI. Cognatio, quam esse inter Taciti annales et Cassium Dienern 
negari non potest, ad Aufidium Bassum, communem fontem , re- 
vocanda est. — VII. Herodotum magis quam ipse commemorat 
scriptos fontes in usum suum vocasse demoustrari potest. — b. Iu 
Universum de bellis Persicis Herodoto maior fides est liabenda 
quam Diodoro, interdum autem Diodori narrationem praeferemus 
Ephorum secuti , qui Herodotum et Ctesiam contaminaverat. — 
VIII. Tn Kvlcövemv äyng Tbucydidem (I, 126) rectius narrare 
quam Herodotum (V, 71) intellegetur, si respexerimus, unde hau- 
serit Herodotus baue bistoriarum suarum partem. — b. Non recte 
cum aliis E. Curtius (H. Gr. 4 II, p. 814 ann. 118) statuit ante 
Euclidem arch. Athenis omnino non fuisse inifteltjTijv rijij xotvrjg 
ngnaöSov. — IX. Litteras dialecti Messapiae mixtas esse Momm- 
senus (U. D. p. 48) non recte ponit. — X. Savelsbergii (Symb. 
phil. Bonn. II, p. 505 sqq.) explanatio aoristorum qui sunt 'idcovnt, 
eßqxa, tjya fern non potest. — b. Origo casuum ling. aric. ad loci 
significationem ipsam quidem revocari non potest , attamen ratio 
quaedam localis subest. — c. Faxo, faxim all. formae futuri exaeti 
obsoletae sunt. — XI. Inter scriptores rerum ab Ottone I. gest. 
necessitudo non intercedit, quae non narratione earundem rerum 
ipsa sit orta. — b. Carolus Magnus non invitus est coronatus; nee 
tarn difficulter Einbardi verbis iustus locus tribui potest. — 
XH. Plato singularum animarum immortalitatem docet. 



Bibliographie. 

Ueber das 50jährige Jubiläum der kaiserlichen buchband- 
lung von Karl Röttger (H. Sebmitzdorff) in St. Petersburg giebt 
Börsenbl. nr. 294 (1877) einen bericht. 

Zur reform des buchhandels, die die gemüther sehr zu be- 
schäftigen scheint, bringt beitrage Börsenbl. nr. 298. 

Ueber die censur ausländischer werke in Bußland berichtet 
W. Kameran in Börsenbl. 1878, nr. 1. 

Von Wattenbach's griechischen schrifttafeln erscheint ein 
zweites lieft, über das in einer ankündigung der Verfasser 
schreibt : ,,Bei der ausgäbe der schrifttafeln zur geschichte der 
griechischen schrift und zum Studium der griechischen paläo- 
graphie von W. Wattenbach ist ein ergänzungsheft in aussieht 
gestellt , und die günstige aufnähme des ersten heftes macht es 
möglich, dasselbe schon jetzt auszugeben. Es enthält wiederum 
20 tafeln. Im anfang sind auch hier proben der ältesten schrift- 
gattungen aus anderen werken zusammengestellt, doch befindet 
sich darunter auch die älteste datirte uncialschrift aus dem jähre 
862 im besitz des bischofs Porfiri Uspensky. Der cursiv- 
schrift schließt sich eine seite taehygraphischer oder stenographi- 
scher schrift aus dem cod. Vaticanus an, nebst glossen in derselben 



74 Bibliographie. Nr. 1. 

schrift aus einer Londoner handschrift. Für die minuskelschrift 
sind jetzt vorzüglich philologisch wichtige handschriften gewählt, 
wie Ilias A mit den scholien , der cod. Laurent, des Sophokles, 
der cod. Venetus und liavennas des Aristophanes, und es ist da- 
her auch diejenige schriftgattung vertreten, welche im ersten 
hefte fehlte, weil zu diesem nur originale der Berliner bibliothek 
benutzt waren. — Zur Übung in der lesung von abkürzungen bietet 
außer den scholien der genannten handschriften namentlich eine 
Londoner handschrift des Nonnus von 972 gute gelegenheit". 
Dazu fügt der Verleger , die Weidmann' 1 sehe buchhandlung in 
Berlin : „Der subscriptionspreis beträgt für diese abtheilung 9 
mark, nach dem 1. märz 1878 tritt ein erhöhter ladenpreis von 
12 mark ein. — Die kleinheit der aufläge macht die Versendung 
des werkes zur ansieht unmöglich ; die ausstattung ist dieselbe 
wie die der ersten abtheilung, nur daß die vorliegende 2 bogen 
text mehr enthält. — Wir ersuchen, bestellungen auf obiges, in 
den nächsten tagen erscheinende werk gefälligst angeben zu 
wollen". 

Mittheilungen der Verlagsbuchhandlung B. G. Teubner in 
Leipzig, 1877 nr 6: notizen über künftig erscheinende bücher: 
Aristotelis Ethica Nicomachea. Ed. et commentario continuo instr. 
G. Ramsauev. auf die erklärung ist das hauptgewicht gelegt; 
jedenfalls ein sehr zeitgemäßes unternehmen. — Hesiodi quae 
feruntur carmina. Ad optt. codd. fidem recensuit J. Flach: ge- 
hört zur bibliotheca Teubneriana. — R. Schubert, Untersuchun- 
gen über die quellen Plutarchs zu den biographien des Eume- 
nes, Demetrius und Pyrrhus : abdruck aus dem supplbd. d. Jahrb. 
für phil. u. paedagogik. — Grammatici latini ex recens. H. 
Keilii. Vol. VII. Scriptores de orthographia : Terentius Scaurus, 
Velius Longus, Caper, Agroetius, Cassiodorius, Beda, Fragmenta 
grammaticorum, Blessius Arusianus : bedarf keiner weitern empfeh- 
lung. — P. Papinii Statu Achilleis rec. Ph. Kohlmann: gehört 
zur bibliotheca Teubneriana: der herausgeber, den lesern des 
Philologus als kenner des Statius wohl bekannt, giebt hier selbst 
über die ausgäbe nähere auskunft : sie beruht auf handschrift- 
licher grundlage und wird gewiß die fehler, die der herausgeber 
des ersten bandes Baehrens sich hat zu schulden kommen lassen, 
vermeiden: s. Philol. XXXVIII, 1, p. 53). — Titi Livi ab urbe 
condita über XXIII. für den schulgebrauch erklärt von /. Mül- 
ler: setzt die ausgaben Wölfflins aus der dritten decade fort. — 
Lateinisches elementarbuch bearbeitet von P. Wesener. — Latei- 
nisches vocabularium etymologisch und mit besonderer berück- 
tigung der phraseologie des Nepos und Cäsar zunächst (?) für 
quinta und quarta bearbeitet von P Wesener. — Lateinisches 
Übungsbuch. Für den gebrauch in den untern classen höherer 
lehranstalten bearbeitet von Th. Arndt. 

Versandt sind : Verlag von F. A. Brockhaus in Leipzig : 



Nr. 1. Kleine philologische zeitung. 75 

philosophie ; ein gleiches verzeichniß ist versandt für theologie, 
in welchem besonders die auf die b i b e 1 bezüglichen werke zu 
beachten ; von S. Hirzel Staatengeschichte der neuern zeit , un- 
ter mitwirkung mehrer gelehrten ; von Karl I. Trübner in Straß- 
burg, einschließlich der wichtigsten werke aus dem verlage von 
Trübner et co. in London, 1872 — 1877. 

Herabgesetzt hat T. O. Weigel die preise für Kayser's bü- 
cherlexicon und für das Serapeum. 

Ein verzeichniß werthvoller festgeschenke verschickt O. Spa- 
mer, worin auch auf das classische alterthum bezügliches. 

Ausgegeben ist ein nachtrag zum preis-verzeichniß der in 
der gießerei der gebrüder Micheli zu Berlin hergestellten bild- 
werke aus gyps und elfenbein. 

Bonner bücherauction vom 28. Januar 1878 bei Matthias 
Lempertz : die bibliotheken von dechant Susen in Hersei, GBerg- 
rath Jung in Bonn, dr. Hasenclever in Düsseldorf u. andern. 

Cataloge von antiquaren : antiquarisches anzeigeblatt der 
Dieterichschen sortiments-buchhandlung ; Otto Harrassowitz , buch- 
handlung und antiquariat zu Leipzig, antiquarischer catalog nr. 
40 (classische philologie, linguistik, geschichte cett.)-, /. H. Star- 
gardt, antiquarisches bücherverzeichniß nr. 121 : archäologie und 
numismatik. 



Kleine philologische zeitung. 
Rom, 15. Dec. Das kaiserlich deutsche archäologische In- 
stitut feierte gestern das gedächtniss der geburt Winckelmanns 
durch eine festsitzung, welche zugleich zur einweihung des auf 
reichskosten erbauten neuen institutsgebäudes diente. Der erste 
sekretär , professor Henzen , gab eine gedrängte Übersicht über 
die bisherige geschichte des instituts , welches aus geringen an- 
fangen im laufe von bald fünfzig jähren sich zu einer angese- 
henen reichsanstalt entwickelt habe. Er hob neben den Ver- 
diensten der ersten gründer, namentlich Gerhards und Bunsens, 
die Unterstützung hervor, welche dasselbe in schweren zeiten in 
der munificenz des herzogs von Luynes gefunden, zugleich aus- 
führend , wie das bestehen der anstalt nicht möglich gewesen 
sein würde, wenn sie nicht einen großherzigen beschützer in 
Friedrich Wilhelm IV. gefunden hätte, welcher, nachdem er be- 
reits als kronprinz das Protektorat übernommen, als könig die 
gehalte der Sekretäre aus Staatsfonds bewilligte. Er zeigte so- 
dann, wie das institut, auch nachdem es durch se. majestät den 
kaiser Wilhelm während dessen regentschaft eine förmliche do- 
tation erhalten, dennoch im gründe noch einen privaten Charak- 
ter bewahrte, bis es nach wiederaufrichtung des deutschen reichs 
im jähre 1871 noch zu Versailles zur preußischen Staats- und 
im jähre 1874 bei gelegenheit der Stiftung des Athenischen in- 



76 Kleine philologische zeitung. Nr. 1. 

stituts zur deutschen reichsanstalt erklärt wurde. Schon kurz 
vorher , ehe das institut in diese letzte phase eintrat , war der 
bau des ueuen gebäudes bewilligt worden, das, wie der alte 
saal, auf dem Kapitol gelegen , neben dem schönen und geräu- 
migen bibliotheks- und sitzungssaale die Wohnungen der beiden 
Sekretäre, sowie zimmer für die Stipendiaten und andere hier 
weilende gelehrte enthält. Der vortragende schloß mit dem 
hinweis auf die bisherige thätigkeit des iustituts, welches in sei- 
nen Schriften wie in seinen räumen, ohne rücksicht auf politische 
oder nationale Spaltungen , allen , denen die Wahrheit und die 
Wissenschaft am herzen liege, einen neutralen boden biete-, daß 
dem auch ferner so sein werde, das bewiesen nicht nur die bü- 
ßten der italienischen und der französischen gelehrten , welche 
zugleich mit den deutschen sowohl das innere als die facade 
des neuen saales schmücken ; es bewiese ihm vor allem die zahl- 
reiche Versammlung, welche sich eingefunden, und der umstand, 
daß er jetzt das wort dem größten unter den lebenden archäo- 
logen Italiens , dem alten und bewährten freunde des instituts 
und seinem kollegen bei der herausgäbe des Corpus inscriptionum 
latinarum, hrn. G. B. de Rossi, abtreten könne. — Hierauf 
nahm hr. de Rossi das wort und besprach die graphischen quellen 
der römischen topographie und seiner monumente bis zum ende 
des 15. Jahrhunderts, sowie ihren Zusammenhang untereinander. 
Er theilte seinen Vortrag in drei theile : die perioden des klas- 
sischen alterthums , des mittelalters und der renaissance. Die 
erstere betreffend zeigte er , dass der berühmte kapitolinische 
marmorplan aus den zeiten des Septimius Severus nicht allein 
stehe, indem er seinen Ursprung, seine Vorbilder, verwandte und 
ähnliche, frühere und spätere dokumente nachwies. Er verweilte 
dabei besonders bei den arbeiten prof. H. Jordans über den 
Stadtplan , indem er dessen Verdienste um denselben in aner- 
kennendster weise hervorhob. Von mittelalterlichen dokumenten 
erwähnte er zuerst die beschreibung eines palastes, welchen man 
bisher für denjenigen der longobardischen herzöge von Spoleto 
hielt, während er darin die beschreibung eines planes der kai- 
serpaläste in Rom wieder gefunden. Sodann besprach er den 
von Karl dem Großen besessenen Stadtplan, der nicht ganz ver- 
loren gegangen , da sich das berühmte Einsiedlensische itinerar 
auf denselben zurückführen lasse. Aus der periode vom 10. bis 
13. Jahrhundert habe er keine spur von römischen planen ge- 
funden. Erst im jähre 1335 erscheine im Codex Vaticanus 1960 
ein sehr roher Stadtplan, von dem eine durchzeichnung vorlag ; 
die publikation desselben bei Höfler sei sehr ungenau. Zwanzig 
jähre später beschrieb Fazio degli Uberti Rom in den versen 
seines Dittamondo, welches gedieht in einem Pariser codex aus 
dem jähre 1447 mit einem Stadtplan aus der Vogelperspektive 
illustrirt ist, dem ein älteres exemplar zu gründe zu liegen 



Nr. 1. Kleine philologische zeitung. 77 

scheint. Hinsichtlich der periode der renaissance machte der 
vortragende zunächst aufmerksam auf die handschriften des Pto- 
lemäus , von denen einige, namentlich die prächtige im jähre 
1472 für die herzöge von Urbino angefertigte, eine reihe wich- 
tiger Stadtpläne aus der Vogelperspektive enthalten, so von 
Alexandria , Kairo , Damaskus , Ierusalem , Konstantinopel, Rom 
u. a. m. , von denen er die Photographien der beiden letzten 
vorzeigte. Die skizze eines ähnlichen, aber weit reicheren planes 
von Rom befindet sich in dem berühmten epigraphischen codex 
des Redi, geschrieben von Alexander Strozzi im jähre 1474; 
auch von ihr lag eine photographiB vor. Herr de Rossi zeigte 
sodann, wie alle diese plane in engstem zusammenhange unter 
sich und mit der unter Augustus angefertigten forma urbis Romae 
stehen, und schloß mit einer hinweisung auf die zahlreichen 
werthvollen Zeichnungen einzelner römischer monumente, welche, 
von architekten des 15. Jahrhunderts herrührend, noch unedirt 
sind. Er zeigte diejenige des Francesco di Giorgio Martini, 
welche eine Turiner handschrift etwa aus dem jähre 1460 ent- 
hält und versprach deren herausgäbe in den abhandlungen der 
Turiner akademie. — Professor Heibig besprach einen bei 
Chiusi gefundenen polychromen thon-sarkophag, über den er 
bereits im bulletino des instituts nachricht gegeben. Er zeigte 
zunächst, wie derselbe, da in ihm ein as gefunden, das dem 
uncialfuß angehört, nicht vor 21? v. Chr. verfertigt sein kann, 
während die auf dem kästen angebrachten schalen mit einge- 
preßten blatt-ornamenten auf die zweite hälfte des 3. oder die 
erste des 2. Jahrhunderts hinweisen, da sie den mit lateinischen 
namen versehenen Calener vasen ähnlich sind. Sodann wurde 
die Wichtigkeit des monuments für die kostümkunde hervorge- 
hoben. Während die griechische und die von ihr abhängige 
römische kunst die tracht der Wirklichkeit nach ästhetischen ge- 
sichtspunkten vereinfacht, hat die etruskische an den deckelfi- 
guren die einzelheiten der toilette genau wiedergegeben. Die 
finger der linken hand z. b. sind mit einer menge von ringen 
bedeckt, wie es im wirklichen leben gewöhnlich war. In dem 
hellviolett, welches an bezeichnenden stellen die vorherrschende 
färbe der gewänder, das weiß, nüancirt, erkannte der vortragende 
die purpura amethystina oder ianthina, und wies schließlich darauf 
hin, daß die figur die tunica interior zeigt, deren darstellung in 
der plastik sehr selten ist. — Besonders belobt wird in dem 
neubau das treppenhaus und der saal der von Dr. Klügmann 
jetzt catalogisirten bibliothek. Nach Augsb. Allg. Ztg. 1877, 
beil. zu nr. 354 und Reichs-Anz. nr. 301. 

Wiesbaden 21. Dec. Nachdem in den 3 früheren heften 
des 5. bandes der „Annalen des Vereins für nassauische alter- 
thumskunde und geschichtsforschung" beitrage „zur geschichte 
des römischen Wiesbadens" — die geschichte der römischen be- 



78 Kleine philologische zeitung. Nr. 1. 

Satzung, das militär-diplom kaiser Trajans aus dem römerkastell 
in Wiesbaden, sowie die beschreibung des römischen kastells und 
der römischen gebäude in der umgegend von Wiesbaden — 
gegeben worden, folgt nunmehr im 4. hefte unter dem titel 
„Römische Wasserleitungen in Wiesbaden und seiner Umgebung" 
eine Zusammenstellung alles dessen , was in bezug auf diesen 
gegenständ dem Verfasser der schrift, dr. K. Reuter, ober-medi- 
cinal-rath a. d., zur kenntniß gekommen ist. Derselbe hat mit 
Sorgfalt alles gesammelt, was in den Schriften des oben erwähn- 
ten Vereins niedergelegt ist, und damit vereinigt, was bei gele- 
genheit der vielen neubauten des letzten Jahrzehnts sich gezeigt 
hat. Ohne sich auf kombinationen einzulassen, hat sich der 
Verfasser bemüht, vor allem das thatsächliche festzustellen. 
Der schrift sind 7 lithographirte tafeln beigefügt, welche, außer 
spezialplänen der verschiedenen Wasserleitungen , einen über- 
sichtsplan der Stadt Wiesbaden enthalten. — Reichs-Anz. nr. 
302. Exemplare dieser Schriften waren auf der Versammlung 
der philologen in Wiesbaden freundlich zur Verfügung gestellt: 
s. PhAnz. VIII, 9, p. 435. 

Berlin 29. Dec. „Die philosophie in ihrer geschichte." I. 
Psychologie. Von dr. Friedrich Harms , ord. professor an der 
Berliner Universität. („Bibliothek für Wissenschaft und literatur", 
3. band der philos. abtheilung.) Verlag von Theobald Grieben 
in Berlin. — Die schrift bekämpft den empirismus der gegen- 
wart und hebt die Selbständigkeit der philosophie als einer be- 
sonderen wissenschaftsform neben der mathematik und den em- 
pirischen Wissenschaften hervor, indem der Verfasser das problem 
der philosophie in universeller weise von neuem untersucht. 
Sehr eingehend betrachtet er die Stellung der geschichtlichen 
Wissenschaften zu den naturwissenschaften , deren verschiedene 
erklärungsweise der thatsachen beleuchtet wird. Die geschichte 
ist ein zweites gebiet der erfahrung neben der naturkunde, und 
die philosophie kann nur, indem sie beide gebiete richtig wür- 
digt, zur wahren ausbildung gelangen. Die geschichte und das 
System der philosophie müßten in Verbindung miteinander treten, 
wenn ein fortschritt in der systematischen philosophie erreicht 
werden soll. Von diesem Standpunkte betrachtet der Verfasser 
in diesem theile seines werkes im besonderen die psychologie in 
ihrer geschichtlichen entwickelung in der alten, der mittelalter- 
lichen und der neueren philosophie. Dabei erhellt von selbst 
von wie untergeordneter bedeutung der materialismus in der 
psychologie ist, der kaum eine geschichte hat. Alle Systeme der 
philosophie werden in beziehung auf ihre psychologischen lehren 
dargestellt und nach ihrem erkenntnißwerthe eingehend unter- 
sucht. Eine solche abhandlung der psychologie in ihrer ge- 
schichtlichen entwickelung durch alle verschiedene Systeme der 
philosophie hindurch ist bisher noch niemals versucht worden. 



Nr. 1. Auszüge aus Zeitschriften. 79 

Die gesammte auffassung der geschiente der philosophie erhält 
dadurch einen ganz neuen gesichtspunkt in ihrer betrachtungs- 
weise. Trotzdem der Verfasser sich nicht scheut, die schwierig- 
sten probleme der philosophie zur Verhandlung zu bringen, be- 
sitzt er doch zugleich die kunst, in allgemein verständlicher 
weise seine gedanken dem leser vorstellig zu machen. 

Berlin 29. Dec. Das britische museum in London hat jüngst 
in Peking ein exemplar der großen chinesischen encyklopädie 
erworben, welche im 17. Jahrhundert unter der regierung des 
kaisers Kanghi veröffentlicht wurde. Dieselbe enthält im Wieder- 
abdruck nicht weniger als 6109 der bis dahin in China erschie- 
nenen bedeutenderen bücher und betitelt sich: „vollständige Samm- 
lung der alten und neuen werke, mit Zeichnungen versehen." 
Diese encyklopädie , in Europa ein unicum , ist auch in China 
sehr selten. 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger allgemeine zeitung: beil. zu nr. 332 : kunstgeschicht- 
liche literatur. I. — Beil. zu nr. 333. 334: H. M. Stanley's 
reise durch Africa und die entdeckung des Congo , von H. Pe- 
termann. — Das archiv der römischen historischen gesellschaft : 
anzeige und besprechung mehrerer in dieser vierteljahrsschrift 
enthaltenen aufsätze. — Nr. 334: bemerkungen über das preus- 
sische Unterrichtsgesetz : die Schwierigkeiten , die sich dem ab- 
schluß entgegenstellen, scheinen sehr ernster natur. — Beil. zu 
nr. 335. 336: Brugsch, geschichte Egyptens : anzeige. — Beil. 
zu nr. 336: M. Carriere's buch über die sittliche weltordnung. 

— Beil. zu nr. 340 : K. F. Franzos, vom Don zur Donau : be- 
sprechung des buches von Eranzos, neue culturbilder aus Halb- 
Asien. — Beil. zu nr. 343: griechische thonfiguren aus Tanagra : 
im auftrage . . . herausgegeben von Reinhard Kehulei lesens- 
werthe anzeige von Lübke. — Nr. 345 : Th. Creizenach f • [S. 
PhAnz. VUI, p. 460 J — Beil. zu nr. 347: Riegel, aus den 
holländischen kunstsammlungen : kurze Übersicht über dieselben. 

— Carriere, zum andenken an Th. Creizenach. — Beil. zu nr. 348. 
349: G. Schneider, geschichte der leichenverbrennung in Gotha: 
sehr ausführlich; ein beitrag zur geschichte der zeit: anders im 
alterthura. — Lauth, papyrus Ebers noch einmal. — Beil. zu nr. 
350 : H. Noi, entdeckungsgänge in Alpen und Apenninen. — 
Beil. zu nr. 314: bezieht sich zumeist auf die gegenwart. 

Literatur. 

Mykenae. Bericht über meine forschungen und entdeckungen in 
Mykeuae und Tiryns von dr. H Schtiemann. Mit einer vorrede von 
W E. Gladstone. Nebst zahlreichen abbildungen, planen und tärben- 
drucktafeln, mehr aU 700 gegenstände darstellen d. 6. Leipzig, Brock- 
haus. 1878. - 30 mk. 

Das verbum in,der nominalcompositi m im de itschen griechischen, 
^lavischen und romanischen, von H. Ost ,oj. 8. Jena, Go^ei.oble. 1878. 



80 Literatur. Nr. 1. 

Konradus Zacher, de nominibus Graecis in aiog et aiov. 8. Hai. 
Sax. Lippert. 

Acta seminarii philologici Erlangensis. Ediderunt IwanusMueller 
et Eduardus Woelfflin. 8. Vol. I. Erlangen, Deichert. — 8 mk. 
78 pf. 

Homer's lliad. ßooks 1 and 2. ßy A. Sidgwick. London, Riving- 
tons. — 2 sh. 6 d. 

Homer's lliad. First three Books , with notes etc. New edition 
by Benj. Davies. London, Tegg. ■ — 5 sh. 6 d. 

Scholia Graeca in Homeri Iliadeni ex codd. aucta et emendata 
ed. Guil. Dindorjins. 8. vol. 111. IV. Oxonii. in typ. Clarendoniano. 
1877. 

Aeschyli Persae, ad textum Bossonadi recensuit, variarum lectio- 
num et animadvv. delecturn adjecit A. N. Paris, Hachette. — 1 fr. 

Sophoclis Trachiniae. With notes and introduction by Alfred 
Pretor London, Bell and Sons. — 4 sh. 6 d. 

Die bruchstücke der griechischen tragiker und Cobets neueste 
kritische manier. Ein mahnwort von TU. Gomperz. 8. Wien , Hol- 
der. 1878. 

Die entstehung des herodoteischen geschichtswerkes. Eine kriti- 
sche Untersuchung von dir. Adolf Bauer. 8. Wien , Braumüller. — 
4 mk. 77 pf. 

Xenophon. Morceaux choisis de Xen., expliques litteralement par 
F. de Parnajon. trad. en franc. par E. Talbot. Paris, Hachette. — 
7 fr. 50 c. 

Ueber den Platocodex der Marcusbibliothek in Venedig Append. 
olass. 4 nr. 1, den archetypus der zweiten handschriftenfamilie mit 
einer vollständigen collation seiner scholien von Martin Schanz. 8. 
Leipzig, Tauchmtz. — 4 mk. 

Arislotte's Ethics. Introduction to books I and IV. (book X., 
eh. VI — IX in an appendix). With analysis and notes by Edw. 
Moore. 2nd ed. London, Rivingtons. — 10 sh. 6 d. 

The rhetoric of Aristotle with a commentary by the late Eduard 
Meredith Cope , formerly senior fellow and tutor of trinity College. 
Revised and edited for the syndics of the university press by John 
Edwin Sandys M. A. , fellow and tutor cett. 3. voll. 8. Cambridge, 
at the university press. 1877. 

Les plaidoyers politiques de Demosthene, texte grec publie d'apres 
les travaux les plus recents de la philologie avec un commentaire 
critique et explicatif, une preface et des notices sur chaque discours 
par Henri Weil. Premiere serie. Leptine — Midias — Ambassade 
— Couuonne. 8 mas. Paris, Hachette. 

Lucreti pbilosophia cum fontibus comparata. Specimen literarium 
quo inquiritur quatenus Epicuri philosophiam tradiderit Epicurus, 
scripsit I. Woltjer , phil. theor. mag. litt. hum. doct. 8. Groningae, 
apud P. Noordhoff. 1877. — 3 fr. 

A commentary of Catullus by Robinson Ellis M. A. Oxford. 1876. 

Quaestiones Annaeanae. Dissertatio inauguralis philol. quam c. 
et auet. ampl. philos. ord. in universitate Fridericiana Halensi cum 
Vitebergenßi consociata ad summos in phil. hon. rite cap. . . d. VIII 
rn. Aug. MDCCOLXXVII . . defendet Feodorus Gloeckner. 8. Hai. 
Sax. 

Forschungen zur geschickte des achäischen bundes. Erster theil: 
quellen und Chronologie des kleomenischen krieges. Von dr. Max 
Klalf. 8. Berlin, llaaek. 1877. 

Kleine .schritten von Wilhelm Vischer. Erster band, historische 
Bchhi'teu, herausgegeben von dr. H. Geizer. 8. Leipzig, Hirzel. 



Nr. 2. Febrnar 1878. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



Ernst von Leutsch. 



26. Studien zur griechischen und lateinischen grammatik, 
herausgegeben von Georg Curtius und Karl Brugmann. 
Neunter band. Leipzig, Hirzel. 1876. IV u. 471 s. — 9 mk. 

Der neunte band zeigt gegenüber den frühern auf dem titel 
die neuerung, daß neben Curtius als mitherausgeber Karl Brug- 
mann genannt ist. Damit steht denn im Zusammenhang , daß 
die früher enger gezogenen grenzen, wonach sich der inhalt der 
„Studien" immer wesentlich mit den beiden klassischen sprachen 
beschäftigte, bedeutend erweitert sind. Denn Brugmann, dessen 
arbeiten seit seiner dissertation im IV. band de Graecae linguae 
productione suppletoria immer zu den selbständigsten und umsich- 
tigsten gehörten, hat im zweiten heft des vorliegenden bandes 
zwei sich eng berührende abhandlungen veröffentlicht, welche 
weit über die Specialgrammatik des griechischen und lateinischen 
hinausreichen. Mit großem Scharfsinn und feiner combination 
werden sehr weitgreifende einschneidende fragen der verglei- 
chenden grammatik, zum guten theil auch die vorhisto- 
rische periode unsers sprachstammes betreffend, erörtert. 
Schon dieses inhalts wegen kann ich sie hier nur berühren; es 
ist aber der inhalt des bandes überhaupt ein so reicher und 
mannigfaltiger, daß ich aus rücksicht auf den mir zugemessenen 
räum mich fast ganz darauf beschränken muß, zu referieren, so 
gern ich auch an sehr viele der berührten erscheinungen ein- 
zelne bemerkungen oder weitere erörterungen knüpfen würde. 

Ernst Beermann giebt eine fleißige, im allgemeinen 
methodische monographie de dialecto Boeotica. Bekanntlich nimmt 
der böotische dialekt wegen seines vocalismus eine ganz eigen- 
Philol. Anz. IX. 6 



82 26. Grammatik. Nr. 2. 

tkümliche Stellung ein und Beermann sucht auch möglichst ge- 
naue örtliche und zeitliche gränzen für die verschiedene schrift- 
liche darstellung der einzelnen vocale zu gewinnen; nur hätte 
man die arbeit etwas tibersichtlicher und weniger breit gewünscht. 
Unglücklicher weise sind dem verf. , wie gleich § 1 zeigt, die 
im 'Adrjvaiov I — IV publicierten inschriften und so ein außer- 
ordentlich reiches und werth volles, zum theil ganz eigenartiges 
material entgangen, so daß die schritt schon dadurch gegenüber 
der ziemlich gleichzeitigen concisern göttinger dissertation von 
A. Führer über denselben gegenständ entschieden im nachtheil 
ist. Was resultiert nicht alles für lautlehre, Wortbildung u. s. 
w. nur aus den zahlreichen eigennamen! Beispielsweise vermißt 
man bei Beermann die namensform Qs%orog, welche schon Karl 
Keil (zuletzt Rhein. Mus. XIX, p. 620) die ächtböo tische 
und megarische für Qe6£orog genannt hat. — Daß (geschwunde- 
nes) a ebenso wie die andern Spiranten den vorhergehenden vocal 
verlängern könne (p. 44), hat unter hinweis auf log. TSfisrtjog. 
7£7QußaQTjcov schon loh. Schmidt Vocal. II, p. 344 n. aufgestellt; 
für den Veda ist diese thatsache längst von A. Kuhn nachge- 
wiesen, s. Btrge. zur vgl. sprachf. III, p. 473 f. 475; gehören 
hieher nicht auch die aiQtjsg avayxai CIG. 6280 = Anthol. 
append. n. 50. vs. 18?. — Bei dieser gelegenheit sei es denn 
auch gestattet , einen wünsch auszusprechen , den wohl der eine 
und andere mitforscher schon gehegt : es möchten solche dar- 
stellungen einzelner dialekte auch den eigenthümlichkeiten der 
Wortbildung (vrgl. p. 85 f.) mehr aufmerksamkeit schenken und 
die lexikalischen besonderheiten zusammenstellen, wie das z. b. 
in der dissertation von Ioannes Arens : de dialecto Sicula, Mün- 
ster 1868, gescheheii ist. — P. 87 ff. giebt I. Siegismund, 
den leider ein früher tod mitten aus dem schönsten begeistert- 
sten schaffen schon dahin gerafft hat, einige bemerkungen zu 
den von G. Hirschfeld publicierten (Berl. Mtsber. 1874. 1875) 
pamphylischen inschriften : sie enthalten u. a. die neuen formen 
nsQTtdmxE = TTQoaedmxE. cpixati = pixazt. 'Ayogbiaioig); fer- 
ner folgen einige notizen über den stand der erklärung kypri- 
scher inschriften (Ahrens : Piniol. XXXV, II. Hall im Journ. of 
the Amer. Orient. Soc. X) mit ruhiger besonnener polemik ge- 
gen Bergk (Jen. Lit. ztg. 1875). — A. Funck, de praepositionü 
ftera in vocabulis comjiositis usu exemplis maxime Euripideis probato 



Nr. 2. 26. Grammatik. 83 

p. 113 — 63 prüft, angeregt durch T. Mommsens treffliche beob- 
achtungen, die modificationen nach sinn und construction, welchen 
verba bei ihrer Verbindung mit präpositionen , speciell mit (iszd 
unterliegen. Verbal- (und nominal-)composita, in denen (xsiä die 
alte bedeutung „mit" zeigt, sind ältere bildungen (fisr^iv. fis- 
tafxä'Qioti): die attische zeit verwendet dafür avr — ,• andrerseits 
zeigen die composita mit pera aus attischer zeit größtenteils 
die bedeutung der „Veränderung". — Fick theilt p. 109 — 111 
weitere „beitrage zur griechischen namensystematik" mit und be- 
handelt p. 165 — 198 „die namenartigen bildungen der griechi- 
schen spräche". „Namenartig ist alle Wortbildung, die auf dem 
compositum ruht , aus diesem durch die namensuffixe deriviert 
ist; wir erkennen also, was name ist, ganz genau an der eigen- 
thümlichen Vertretung des compositums durch eines seiner glie- 
der und an dem vorkommen gewisser suffixe, welche wesentlich 
auf die namengebung beschränkt sind" p. 168. So glaubt Fick 
„als Verkürzungen aus compositen betrachten zu dürfen" z. 
b. ayaXMg aus avayaXXig. ßägßaQO^ aus ßaQßagoqicavog. ßXevvog 
aus ßXsvviadijS' ßgvtTog aus dfißgvztog. ßwg aus ßov-guy%og. 
ya^xpcg aus yafiipmvv^. yaiog aus dnoyeiog. yXav% aus yXav- 
nainig u. s. f. u. s. f. Wenn das princip auch zweifelsohne 
ein richtiges ist und Fick das verdienst hat, zuerst nachdrück- 
lich auf dasselbe hingewiesen und eine Systematik der namen 
auf weiterer grundlage angebahnt zu haben, so geht er hier denn 
doch ohne frage zu weit und es dürften weit mehrere sich mit 
der redactionellen note von Curtius p. 177 f. einig wissen als 
mit den weitgehenden generalisierungen und folgerungen Ficks. 
— Von R. Merzdorf haben wir p. 199 — 244 „in gewissem 
grade" eine fortsetzung seiner ersten mehr statistischen arbeit in 
bd. VIII; vrgl. ob. hft. 1, p. 6. Merzdorf bespricht „die Umge- 
staltungen derjenigen vocalgruppen bei Herodot und in der Jün- 
gern ias, deren erster vocal ursprünglich oder noch im altern 
ionismus lang war" p. 202, wobei es sich besonders um r\- vocal 
handelt. Innerhalb des Stammes werde r\ auch vor folgendem 
hartem vocal unversehrt gelassen : r^gog. tjoi. tjcög ; dagegenhalte 
sich kein tj im stammauslaut vor folgendem hartem vocal der 
endung, sondern hier trete entweder contraction oder Verkürzung 
oder quantitative metathesis ein; wobei sehr beachtenswerth sei, 
daß die kürzung in den allermeisten fällen gerade den hoch- 

6* 



84 26. Grammatik. Nr. 2. 

betonten vocal treffe. In dieser doppelten behandlung sieht 
Merzdorf die spuren eines doppelten lautes und glaubt als re- 
sultat aufstellen zu dürfen, p. 226: „j/o wird in der jüngeren ias 
zu «to, wenn es altes do , zu so, wenn es altes epo vertritt". 
Gegen alle zweifei scheinen mir die ausführungen des vrfs. noch 
nicht gesichert. — Außerdem verdanken wir Merzdorf die Über- 
setzung einer trefflichen abhandlung von As coli: „die entste- 
hung des griechiscben Superlativsuffixes -raro- und die erwei- 
chung der tenues in ißdofiO' und 6y8oo- p. 339 — 360, welche 
besonders auf das in diesem bände vielfach zur spracbe ge- 
brachte weitgreifende wirken der analogien im sprachleben helle 
Schlaglichter wirft. Während gr. -iov, -loro, -tsqo mit sanscrit 
und latein übereinstimmen , so haben zwar letztere überein- 
stimmend -tama, -timo, das griecbische aber zeigt -taio. Dieses 
kann nicht , wie man bisher angenommen hat , aus bloßer dop- 
pelsetzung von ta, aus -tata (gr. -tsto) entstanden sein, sondern 
ist auf -* -an -ta zurückzuführen und verdankt seine entstehung 
einer reihe von fortwirkenden analogien. Aus altem dakam: 
dexa ward das ordinale daJcanta: 8exuto gebildet; das bier ety- 
mologisch begründete -ato wird zum Superlativsuffix für adjectiva 
substantiva und partikeln, zunächst des ortes und grades : [xs'aa-azo, 
[ivx-ato, nQQ-ato (ngööto), hängt sich dann bei seiner Verbrei- 
tung über die Zahlwörter und als superlativsuffix an suffixales 
-T-: aus tqi-to ward tgi-r-aro gebildet, so daß als suffix -taro 
gefühlt und nun dieses als beständiges correlat zu -teqo verwen- 
det wurde: ßsXrCoov ßsXriatog und ßeXrsoog ßsXrarog. Das alte 
-zofio skr. tama, lat. timo wurde um so leichter verdrängt, als 
dieses mit dem stamm -io(xo von ts/x-voo zusammenfiel und so 
leicht undeutlichkeiten entstehen konnten. — Weniger überzeu- 
gend als dieser scharfsinnige nachweis ist der zweite im titel 
angedeutete theil der abhandlung , enthält aber auch wie der 
erste manche treffliche bemerkung. — Von Angermann rühren 
eine anzahl namendeutungen her p. 245 — 255; z. b. I]t]r(Xecog, 
von wzl. pä schützen, als noi/xtjv Xawv. *Attw) wird wieder als 
'Axiixrj angenommen. — Wörner faßt p. 458 — 462 ne(Qii>&- 
als Weiterbildung von nsqt mit suffix deminutiven Charakters, 
wonach es „umfriedigung, umhegung", dann „ringmauer" bedeu- 
tet. — Osthoff giebt p. 273 — 284 einige umbriscbe lesefrüchte; 
kutef sei = cautem „behutsam , vorsichtig" , von cautere vrgl. 



Nr. 2. 26. Grammatik. 85 

caute-la; erus „der beste opferantheil" ist die umbrische Umgestal- 
tung von *ardhas, skr. rddhas; ümen „salbe" diejenige von ungu-en 
mbd. anke. — Clemm behandelt p. 407 — 457 die digamma- 
frage, zunächst mit rücksicht auf Flach und (Hartel) Kzach; er 
durchgeht die Wörter aus deren compositionsweise Flach auf an- 
lautendes digamma des zweiten theils schließen zu dürfen ge- 
glaubt ((*ox*os-. unnXni;. «.), prüft sodann aufs gründlichste die 
gewähr des Zeichens in den böotischen inschriften, sowie in den 
fragmenten des Alkman und Alcaeus, der Sappho und Korinna 
und findet nirgends unwiderlegliche indicien eines noch leben- 
digen lautes c, außer etwa in eigennamen, die ja häufig ihre 
besonderheiten haben und auch ihr anlautendes digamma noch 
bewahren mochten , als es in andern Wörtern längst verschwun- 
den war. Die vollständige kritische sichtung des beigezogenen 
materials ist sehr dankenswerth ; da und dort ließe sich viel- 
leicht doch etwas rechten; z. b. hindert allerdings (vgl. p. 436) 
nach Kirchhoff, Stud. 3 133 n. die junge form des sigma, Jt", des 
bestimmtesten, die inschrift C. I. G. 1569 , welche zweifellose 
beispiele des digamma enthält, früher als ol. 111 = 336 v. 
Chr. zu setzen, während Clemm sie als „relativ alt" glaubt bis 
in die zeit des peloponnesischen krieges hinaufrücken zu dürfen. 
— Curtius widmet p. 108 Siegismund ein kurzes nachwort 
und faßt p. 112 gegen Göbel sxazog als „kurzname" von ex«- 
TTjßoXog. Gegenüber Naucks angriffen weist er p. 462 fg. über 
den tempusgebrauch bei Hesychius nach, daß zwar in 
der regel das tempus der glosse vom grammatiker mit demsel- 
ben tempus wieder gegeben wird, daß aber auch formen des 
präsensstammes durch aoristformen, aoristformen durch formen des 
präsensstammes und perfecta durch aoriste erklärt , ja glossen 
selbst durch verschiedene tempora erklärt werden. Der mitre- 
dactor Brugmann endlich weist p. 164 in sachen der gebro- 
cheneu reduplication auf eine anzahl nhd. formen hin , in wel- 
chen eine Wurzelsilbe suffixalen charakter angenommen hat, wie 
in grumm-et = grünmahd, nachb-er = mhd. nachgebüre, ivimp- 
er = ahd. wintbräwa. P. 256 und 272 bringt er neue erklä- 
rungen von v-pvo-g („band, reihe", vrgl. äot8?jg v^ivov und qa- 
xpcpöCa) und von yaa-TtjQ = venter (v. wzl. gras. g. ygd-to yqdc- 
Ti-g). P. 257 — 71 handelt er über erstarrte nomin ative. 
In Verbindungen wie Innoxa NiaicoQ. vecpsXrjysQsra Zevg seien 



86 27. Aeschylos. Nr. 2. 

die substantiva auf -« keine flüssigen nomina mit allgemeiner flexi- 
bilität und Verwendbarkeit, sondern starr und steif gewordene 
ablagerungen aus älterer zeit, gewissermaßen titularsubstantive, 
und jene Verbindungen seien den Griechen ebenso einheitlich 
gewesen wie uns deutschen „prinz Eugen" oder „jung Roland" ; 
daran knüpft sich eine Untersuchung über nominativcomposition, 
welche Brugmann dem griechischen abspricht-, Qsnaüozot; und 
ähnliches seien analogiebildungen nach Jtöodozog u. s. f. Die 
beiden großen abhandlungen Brugmanns: Nasalis sonans in 
der indogermanischen grundsprache p. 285 — 338, und 
zur geschichte der stammabstufenden declinatio- 
nen, erste abtheilung: die nomina auf -ar und -tar, hängen 
eng unter sich zusammen und enthalten, wie schon bemerkt, 
eine menge trefflicher bemerkungen und scharfsinniger ausfüh- 
rungen. Hier auf sie noch einzugehen ist mir unmöglich , viel- 
leicht bietet sich dazu in nicht allzu ferner zeit anderswo gele- 
genheit. 

Ad. Kaegi. 



27. Frid. Heimsoeth, de parodi in Aeschyli fabula 
Thebana conformatione. Ind. schol. hib. Bonn 1877. 16. s. 4. 

Mit dieser interessanten schrift schließt leider die stattliche 
reihe werthvoller, die bonner lectionscataloge zierender abhand- 
lungen des der Wissenschaft zu früh entrissenen gelehrten. Geist- 
voll und originell wie alle seine arbeiten ist auch diese behand- 
lung der parodos der Sieben gegen Theben. Er sucht zuerst 
die responsion von 151 — 157 = 158 — 165 und 110—126 = 
127 — 150 zu erweisen und schließt dann weiter, weil kein grund 
ersichtlich sei, warum die responsion erst bei 110 beginne, müsse 
auch das vorausgehende aus Strophe und antistrophe bestanden 
haben. Diese herzustellen ist ein kühnes unternehmen und in- 
teressant ist es zu sehen, wie er es ausführt, zumal er auch ge- 
naue responsion der formen der dochmien und beseitigung jedes 
hiatus und jeder syllaba anceps zwischen den dochmien (inter- 
jektionen lind ausrufungen ausgenommen) fordert. Zur Übersicht 
der änderungen wird es nöthig sein wenigstens das erste stro- 
phenpaar ganz nach seiner Herstellung zu geben : 



Nr. 2. 27. Aeschylos. 87 

Strophe: 'EXsSsfiag qjoßcp fisyäX 1 a^rj &gn<ä. 

fie&sizai azgazbg. azgazönsdov Xituüv 

gel nnXvg o8s Xsojg ngöSgofiog innözag. 80 

ai&sgia xövig fis nsi&si cpavsia? 

äravSog aaqt?jg szvfxog ayysXog. 

IltSov 8s yäg ifiüg bnXomvnnv ipoqog 

7iozi%gi[inzezai, ßgifxsi S^ä^szäv 

ogozvnmv 8ixttv. 85 

©soi &sai zs xaxov aXsvaaz ogfisvov 

ßott ngua&s zei%emp' b Xsvxaonig ogfiä 

Xscüg svtgsniG&sig 

im nzäXiv 8u6x<ap. 90 

Antistrophe : TCg aga gvaszai, zig «£>' tnagxsaei 

&sä)v t] &süv' nozsga öJJt' iyta 

— vv vv v — nozinsaco ßgszq, 95 

8ai(iovsg sisdgoi ; dxfxd^st ßgszsoov 

s^sa&ai, zv (A,s'XXofisv dydazovoi; 

*Av.ovsz r\ ovx dxovsz aaniSmv xzvnov ; 100 

ninXcov xal azeapicov not ei ju^ vvv dfi- 

(piXizav s^o/isv ; 

Kzvnov 8s8ogxa' ndzayog ov% svbg 8ogog. 

zi gi^sig ; ngoSmaeig, naXai%&cov " jigtjg, rdv 105 

tsdv igvaonfiXrii, 

nöXiv not" 1 svqtiXrjzav ; 
Wie hier, wo jedoch einzelnes z. b. der erste vers und 83 
nur als bloßer versuch hingestellt wird, so sucht Heimsoeth auch 
im zweiten strophenpaare die entstellung der responsion vorzugs- 
weise aus glossemen abzuleiten in gegensatz zu Bücheier , der 
die parodos im Eh. Mus. 32, p. 312—318 behandelt und 100 
— 126 = 127 — 150 besonders durch annähme von lücken her- 
zustellen versucht hat. So lautet gleich der erste vers bei 
Heimsoeth &sol 7zoXio%oi, iSsze aag&svcov, vs. 124 f. snza 8'äyu- 
vogsg fiidovzsg azgazov dogvaooTg aayctig nginovzog nvXaig ngoa- 
iazavzai xre. , vs. 130 f. novzon&Smv avct'S,, i%&vßöX(p xsvzgqi, 
IloasiSäv, yoßcov sniXvaiv 8i8ov , vs. 149 f. argatcö Satcp azovmv 
z' dtzig ai> novoa zol;ov svzvxd&v. Wir glauben nicht, daß durch 
Bücheler's und Heimsoeth's behandlung die responsion dieses 
theils mehr erwiesen ist als durch die früheren versuche der art . 
vrgl. Philol. 34. p. 306 ff.. Beide gelehrte gehen aus von der 



88 27. Aeschylos. Nr: 2. 

sechsmaligen Wiederkehr des gleichen metrums agr^nv datmv 
dXmaiv , xivigovTui cpomv %nXivoi, nooGtaxavrai TiüXcp XayovTSS, 

q^vXn^nv xySsaai 7 ivagyiSg, uvrovaai ntla^onfaüa, v rn^ov 

ei>7vxa£ov. Wir haben schon Phil. p. 309 bemerkt , daß 
gerade diese Wiederkehr entschiedenen einwand gegen die annähme 
von responsion erhebe. Wo läßt sich dergleichen nachweisen? 
Der sechsmal wiederholte gleiche Schluß vers kann nur den 
sechs mitgliedern eines halbchors oder zweier £vyei des aus zwölf 
choreuten bestehenden aeschyleischen chors angehören. Sehr 
schön hat Heimsoeth den anfang der parodos (78 — 107) in sechs 
theile geschieden, die wir oben mit großen anfangsbuchstaben 
bezeichnet haben. So sehr wir uns gegen seine herstellung er- 
klären müssen, die fast keinen stein auf dem anderen läßt, so 
sehr acceptiren wir seine eintheilung, die durchaus dem sinn 
und dem fortschritt der Schilderung entspricht (1. die Staub- 
wolke, 2. das pferdegetrappel, 3. das geschrei des fußvolks kün- 
digt das immer näher rückende heer an u. s. w.). Heimsoeth 
eifert gegen die vertheilung von 78 — 107 unter einzelne (15) 
choreuten, wie sie Bücheier vorgenommen hat, der gleich die vier 
ersten verse einzelnen choreuten zuweist : Variis personis tribuunt 
verba, quae non posunt non ab una eaclemque dicta esse , bemerkt 
Heimsoeth , wir meinen , mit vollem recht. Wenn aber 4x3 
selbständige theile vorhanden sind und darauf die antistrophi- 
sche gliederung beginnt, so müssen , wenn nicht alles trügt, die 
zwölftheile den zwölf mitgliedern der vier tyyä gegeben werden. 
Damit liegt dann auch der grund für den beginn der antistrophi- 
schen responsion, den Heimsoeth fordert, vor. Daß aber die re- 
sponsion bei 151 anfängt, kann keinem zweifei unterliegen. Ja 
gerade die herstellung derselben zeigt, daß die handschriftliche 
Überlieferung nicht als so corrupt angesehen werden darf, - wie 
sie es muß, wenn die responsion der vorhergehenden partie ge- 
wonnen werden soll. Seitdem Bücheier xa/ dio&ev 161 in nal 
diog o&sv emendirt hat, ergiebt sich die responsion von selbst 
und bedarf es nicht der weitergehenden änderungen von Heim- 
soeth. Es entsprechen sich: 
otq. i i i s ävTiöZQ. i i i e 

otoßov dquoiiav äpcpl nöXiv dxQoßo'Xoiv d'iadX&mv Xi&dg 
xXvco. sQxerai. 

oo noxvC "Hga, co gjiT "yfnoXXov, 



Nr. 2. 27. Aschylos. 89 

sXaxo* ul-dvwv ßgido/xitcov xovaßog iv milaig %uXxod(- 

yvoai. tmv aaxitov. 

Agxefit q>iXa, nal ding, o&ev 

dogiritaxiog aidrjQ inipai- aoXsfiOxgatrov aytov itXog 

vetai. £*■ (««/«, 

zi noXig uulu 7iäo%ei; tt ye- av 7s, puixaig* avaad 1 "Oyxa, 

vrjasrai; edtjig nvXwv 

nol 8'sti TsXog inäyei &eog; sntänvXov idog imggvnv. 

Darin ist weiter nichts geändert, als nach " Agre/xi qlXu i i i f g, 
nach doQiiivaxTog 8" 1 weggelassen, dann iv nü%aiai ie in iv uä- 
iq. av 7« und wie schon gesagt, das an und für sich unverständ- 
liche xai Jio&ev in nal dwg o&ev verwandelt. Es bleibt nur 
eine Schwierigkeit übrig im vorletzten verse, wo die handschrift- 
liche lesart Öyxa ngo noXeag von Bücheier in "Oyxa uxqov no- 
Xecog, von Heimsoeth in "Oyxa im nz/Xeoog (oder ininioXig) ver- 
ändert wird. Ich habe in meinen Studien zu Aeschylos p. 29 
idgig nvXäv (nach Hes. e'dgig' idgalog) vermuthet , indem ich 
ngo nöXecog für ein glossem hielt und die gewöhnliche begrün- 
dung der bitte enxdnvXov eöog imggvov mit dem eigenen interesse 
des gottes verlangte. Aehnlich verhält es sich mit vs. 135 av 
*', "Agqg, yev qiev, inävvfxov Kuduov nöXiv qivXa^ov xtjdeaat t 
ivagymg. Der scholiast bemerkt zu xrjdeaai t 1 ivagymg : xrjdeazTjg 
ivagymg yevov. Dieser sinn ist durch den überlieferten text 
noch nicht klar gestellt. Man schreibt av t 1 " Agr^g Kudfiov nö- 
Xiv inwvvnov oder av z 1 " Agr\g nöXiv Kddpov incövvftov. Mit 
recht aber bemerkt Bücheier dazu : gravi interpolatione turbatus 
est v. (quem praestat fortasse sie in ordinem redigere ut alter docli- 
mius fiat Kaduetav noXiv). Vielmehr muß die verschwägerung 
mit Theben hervorgehoben werden ; dann wird xijdeaai •t > ivag- 
ymg verständlich. Aeschylus hat geschrieben : av i\ "Agqg, qjev 
qiev xqdeiav n 6 "K i v . . xrjdeaai % ivagymg (vrgl. Ag. 700) 
wie nachher xai av , Avxsl' uva%, Avxeiog yevov atgatw 
daim axövmv dvtizag. So, glaube ich, sind wir im ganzen wie- 
der um einen schritt im verständniß eines der schönsten chorika 
von Aeschylus weiter gerückt. 

N. Wecläein. 



90 28. Aeschylos. Nr. 2. 

28. Fr. Naumann, de mg particulae apud Aeschylum vi 
et usu. Diss. von Leipzig 1877. 8. 35 s. 

Der vrf. will die beispiele von mg in eine bessere Ordnung 
bringen als sie in dem lexikon von Wellauer haben. Vergleicht 
man nun die abhandlung mit dem betreffenden artikel in dem 
mittlerweile erschienenen zweiten theil des Lexicon aeschyleum von 
Dindorf, so begreift man erst recht , wie angezeigt eine solche 
Untersuchung ist, und man muß über die Verschiedenheit der 
auffassung in den einzelnen fällen fast staunen. Man könnte 
versucht sein , die beiden behandlungen eine nach der anderen 
zu corrigiren. So soll Ag. 38 mg sxmv iym . . Xrj&ofiat bei 
Dindorf wie bei "Wellauer consecutiven sinn haben ; richtig nimmt 
Naumann causales mg an. Umgekehrt hat Dindorf Ag. 1212, 
Pers. 594 mit recht temporales mg , während Naumann causales 
mg fordert. Unter die beispiele des causalen mg setzt Naumann 
auch Cho. 850, obwohl schon Blomfield auf die redensart ovdev 
oiov rb avrdv igmrav verwiesen hat. Cho. 548 hat mg nicht 
causale, sondern comparative bedeutung und bezeichnet, daß das 
eine dem anderen entspricht. Bei Dindorf finde ich das beispiel 
nicht. Die stellen Pers. 288 , Ag. 1465 sind bei Dindorf rich- 
tig unter mg = on gesetzt. Suppl. 391 nehmen Naumann und 
Dindorf mit unrecht causales mg an, wie überhaupt die auffas- 
sung des causalen mg noch als mangelhaft erscheint. Ag. 884 
ist nicht mg rb , sondern mars die richtige Überlieferung und 
dieses comparativ , das zweite glied zu rov #' vn' 'D.im as&ev 
xivdvvov aber in et re . . naraggirpEisv enthalten. Doch wir 
wollen diese aufzählung nicht fortsetzen, mit der übrigens die 
abhandlung von Naumann der beachtung empfohlen sein soll, 
und wollen nur noch einen punkt hervorheben. Bei Naumann 
wie in dem Lex. aeschyleum finden wir consecutives mg mit indicativ 
verzeichnet. Naumann führt dafür zwei beispiele an. Das eine 
ist Ag. 550, wo der chor auf die frage des herolds nai nmg; 
anövrmv xoigcivmv srgsig riväg; erwidert mg vvv rb ßov 8tj xai 
öaveiv noXXtj %ccQig. Dindorf setzt den fall unter mg ut, qua 
ratione und ergänzt mg vvv rö Gov 8t] rgsm. Diese erklärung ist 
entschieden zu verwerfen. Der sinn gestattet sie ebenso wenig 
wie die anwendung von rö aov 8tj, welches offenbar wie rb Ac- 
yo^tsvov angesehen werden mtiß. Die haudschriften haben mv, 
dieses beispiel kann also vorderhand nichts beweisen. Das zweite 



Nr. 2. 29. Thukydides. 91 

beispiel, Pers. 730 , findet sich auch unter denen, welche Din- 
dorf für diesen gebrauch anführt, der außerdem Ag. 38 , Pers. 
726 hierher zieht. Eine vierte stelle Ag. 319 betrachtet er mit 
recht als fehlerhaft ; ganz unerhört ist die erklärung , welche 
Naumann von dieser stelle giebt; er meint, ok )Jynig näliv 
stehe in dem sinne proinde dermo verba facias. Abgesehen von 
dem sinne vergißt er, daß Xiyoig dv , nicht aber "ktyoig impera- 
tivische bedeutung haben kann. Ag. 38 haben wir bereits oben 
behandelt. In Pers. 726 findet Naumann mit recht die gleiche 
bedeutung von mg wie in mg ifiol doxeT, mg Xiysig (wie). In 
Pers. 730 aber, wo auf die frage des Darius m8e nafin'firjv 8i 
Xaog näg xaTty&aQTai 8oQt ; Atossa antwortet: ttqoq zaö' mg 
Sovamv fxsv aazv nuv xsvavSolav ßtitsi, ist eine bedeutung von 
mg anzusetzen, welche weder von Naumann noch von Dindorf 
beachtet worden ist, nämlich das elliptische mg, welches gewöhn- 
lich mit ta&i mg erklärt wird (vrgl. zu Eur. Med. 609). Die 
erklärungen ita ut propterea oder „bis zu dem grade daß" sind 
unrichtig. Vielmehr hat no6g zÜ8e die gewöhnliche bedeutung, 
bei welcher auf nqog rdds (nohg ravra) ein imperativ zu folgen 
pflegt. Wahrscheinlich hat mg dieselbe bedeutung auch Ag. 
1633 cot 1 8tj av fxoi tvgavvog ' Agysimv sasi , nur muß es anders 
übersetzt werden fetwa ,,der gedanke, daß!"). Hiernach werden 
wir bei Aeschylus kein consecutives mg mit indicativ durch correk- 
tur herstellen lassen. Auch bei Sophokles findet es sich nicht. 
Trach. 590 heißt mg „auf welche weise". Wenn also mg rich- 
tig emendirt ist, muß es in beziehung zu dem vorausgehenden 
nmg gesetzt werden. Der Chorführer antwortet auf die frage: 
v.a\ nmg anövrmv xoiodvmv hqsig nväg ; ausweichend : „wie jetzt 
ich nach deinem ausdruck gerne sterbe". Der handschriftlichen 
lesart liegt noch näher die emendation von Ahrens w *vv, die 
vielleicht den Vorzug verdient. 

Wecklein. 



29. Heinrich Welzhofer, Thukydides und sein ge- 
schichtswerk. Ein beitrag zur geschichte der historiographie. 
München 1878. 156 s. 8. 

Diese eben ausgegebene schrift bietet eine kurze , • — im 
besseren sinne des worts — populär gehaltene darstellung des 



92 29. Thukydides. Nr. 2. 

lebens des Tlmkydides und der bedeutung seiner geschicht- 
schreibung und seines geschiclitswerks. Der vrf. bält, im hin- 
blick auf die glänzende entwickelung der bistorischen wissen- 
scbaften der heutigen tage, es für angezeigt, auf den Zusammen- 
hang zwischen gegenwart und Vergangenheit hinzuweisen und 
auf die grundlagen der geschichtlichen Wissenschaft, wie sie 
schon vor zwei Jahrtausenden Thukydides gelegt hat , aufmerk- 
sam zu machen. Solchen Schriften, die bestrebt sind, die resul- 
tate langer und weitschichtiger detailforschungen kurz und an- 
schaulich zusammenzufassen und sie einem größeren publicum 
zugänglich zu machen, kann ihr verdienst nicht streitig gemacht 
werden. Im allgemeinen ist freilich gerade in bezug auf Thu- 
kydides von vornherein die Sachlage sehr schwierig. Es ist un- 
verkennbar, daß die forschung gerade dem leben und werke 
des Thukydides mit ganz besonderer Vorliebe sich neuerdings 
zugewandt hat. Ueberall stehen wir hier noch controversem, 
unfertigem gegenüber und mag auch der einzelne in den ver- 
schiedenen fragen ein festes urtheil sich schon gebildet haben, 
so kann man diese Überzeugungen und einzelresultate doch noch 
nicht als so allgemein anerkannt bezeichnen, daß mit ihnen als 
unumstößlichen Wahrheiten zu rechnen wäre. Es kann aber ein 
werk, wie das angeführte, selbst keine detailuntersuchungen an- 
stellen: indem es sich daher ansichten anschließt, die bestritten 
und mehr als bestritten sind , wird es nicht zur klärung , son- 
dern zur Verwirrung beitragen. Diese bemerkung voraufgeschickt, 
erkenne ich gern an , daß Welzhofer sich im ganzen bewandert 
mit der einschlägigen literatur zeigt, wenn man auch seinen an- 
sichten sich nicht immer anschließen kann. 

Nachdem "Welzhofer im ersten capitel kurz die anfange der 
geschichtschreibung in Griechenland gezeichnet hat, behandelt er 
im zweiten capitel das leben des Thukydides. Hier macht der 
unbefangene standpunct, den er der heillosen confusion oder viel- 
mehr den erdichtungen der tradition gegenüber einnimmt, einen 
guten eindruck , wenngleich vrf. auch noch hier und da den 
einwirkungen eben dieser tradition sich als nicht ganz unzu- 
gänglich zeigt. Weniger dagegen kann ich mich durch cap. 3, 
die abfassung des geschiclitswerks, befriedigt erklären. Welz- 
hofer entscheidet sich für diejenige ansieht , nach welcher das 



Nr. 2. 29. Thukydides. 93 

ganze werk erst 404 verfaßt worden ist, und weist die entge- 
stehende annähme kurz zurück. 

Obgleich ja, wie schon oben bemerkt, zuzugeben ist, daß ein 
werk, wie das hier vorliegende, kein platz ist für eigene beweisfüh- 
rungen, sondern daß dasselbe seinen standpunct in den einzelnen 
fragen schon gewählt haben muß, so zeigt doch das urtheil, welches 
Welzhofer über die Ullrich'sche ansieht fällt, nicht, daß er die- 
selbe wirklich sehr ernst geprüft habe, oder daß er sich der 
tiefgehenden Schwierigkeiten, die hier vorliegen, vollkommen be- 
wußt geworden wäre. Läge die sache so sonnenklar, wie Welz- 
hofer uns glauben machen will, so wäre dem einzelnen eine ent- 
scheidung in dieser frage sehr leicht gemacht, und es wäre nur 
wunderbar, daß sich noch thoren fänden , die für eine gänzlich 
unhaltbare sache einträten. Der zeit der eigentlichen abfassung 
des werks will Welzhofer vielleicht kaum ein jähr einräumen : 
das ist freilich eine auffassung, mit der sich schwer streiten läßt. 
Man kann sich demnach nicht verwundern, wenn auch buch VIII 
als völlig auf gleicher stufe mit den übrigen büchern stehend 
angesehen wird-, denn das einzige moment, welches jenes von 
dem übrigen werke unterscheidet, der mangel der reden, ist 
nach vrf. rein zufällig und kann nicht ins gewicht fällen. 

Im vierten capitel behandelt Welzhofer den gegenständ des 
geschichtswerks. Nachdem hier auf die bedeutung des pelopon- 
nesischen krieges für die griechische geschichte hingewiesen ist, 
wird die ansieht ausgesprochen , Thukydides verdiene deshalb 
bewunderung , weil er allein von seinen Zeitgenossen die ganze 
bedeutung des peloponnesischen krieges begriffen habe. Mir 
scheint diese bewunderung doch sehr beschränkt werden zu 
müssen , wenn wir annehmen sollen, daß Thukydides sein gan- 
zes werk erst nach 404 geschrieben hat. Ich denke, daß da- 
mals denn doch auch andern männern die volle bedeutung des 
eben verflossenen, mit der völligen Vernichtung der einen käm- 
pfenden partei beendeten, krieges aufgegangen sein mußte und wirk- 
lich aufgegangen war. Die hohe politische einsieht des Thukydides 
ist gerade darin erkennbar, daß er schon vor ausbruch des krieges 
die volle bedeutung des heraufziehenden kampfes voraussah und 
richtig beurth eilte. 

Im fünften capitel bespricht Welzhofer gut des Thukydides 
wissenschaftliche forschung und Unparteilichkeit, wenn er ihn 



94 29. Thukydides. Nr. 2. 

auch zu sehr auf kosten der vorhergehenden historiker erhebt 
und meint, Thukydides habe mit einem schlage die geschichts- 
wissenschaft geschaffen. Auch hier ist , wie bei allem in der 
weit , ein allmäliges werden unverkennbar und Herodot , den 
verf. überhaiipt viel zu ungünstig beurtheilt (cap. 1. 9), bietet 
schon sehr achtungswerthe proben historischer forschung. Denn 
wenn Welzhofer mit recht zunächst Wahrheitsliebe, sodann autop- 
sie und, dem gegenüber, was der historiker selbst nicht beob- 
achten kann, kritik als diejenigen momente ansieht, die für die 
historische forschung vor allem in betracht kommen, so hat schon 
Herodot die erstere wenigstens in eminentem grade besessen und 
hat zugleich die bedeutung der oxpiq entgegen den berichten 
seiner gewährsmänner vollkommen zu würdigen verstanden. 
Können wir demnach auch nicht mit Welzhofer die geschichts- 
wissenschaft als völlig neu geschaffen durch Thukydides aner- 
kennen, so ist damit natürlich nicht ausgeschlossen, daß Thuky- 
dides allerdings als derjenige historiker zu betrachten ist, der 
sich hoch über seine Vorgänger erhoben hat, und der so ziem- 
lich alle forderungen erfüllt, die man principiell an den histori- 
ker zu stellen berechtigt ist. 

Im sechsten capitel behandelt Welzhofer die reden des thu- 
kydideischen geschieh tswerks. Der mehr als conservative stand- 
punet, den derselbe der frage der abfassung des werks gegen- 
über einnahm , tritt auch hier sehr prononcirt hervor. Nach 
Welzhofer sind die reden , wie wir sie in dem werke des Thu- 
kydides lesen, historische documente , aktenstücke, die Thukydi- 
des sich zu verschaffen wußte , um sie , genau wie sie gehalten, 
seinem werke einzufügen. Die gleichartigkeit der reden in 
Sprache , stil , rhetorik wird darauf zurückgeführt , daß damals 
schon eine völlig entwickelte , von allen gebildeten getragene 
prosa vorhanden war, daß ferner „alles volk" eine gleichmäßige 
rednerische bildung genoß, nicht nur in den Volksversammlungen 
in practischer weise, sondern auch „in theoretischer weise durch 
eine ansehnliche schaar gelehrter rhetoren". Wir müßten da- 
nach die bisherige ansieht, die Thukydides als den schöpfer der 
attischen prosa auffaßte , sowie die weitere , daß erst Gorgias 
seine rhetorische technik in Athen zur geltung brachte, aufgeben. 
Das thukydideische werk — das ist gegen Welzhofer zu sagen 
— ist eben deshalb so hochinteressant, weil es überall ein riu- 



Nr. 2. 29. Thukydides. 95 

gen mit der form aufweist, die sich dem gedanken nicht adae- 
quat anfügen will , schon hierin also auf das werden einer ganz 
neuen redegattung hinweist; weil es ferner die mächtige einwirkung 
jener gorgianischen kunstmittel zeigt , die Thukydides in ihrer 
vollen künstlerischen bedeutung sofort erkannt und gewürdigt 
hat und die er nun mit aller kraft sich zu eigen zu machen 
sucht. Das characteristische des Thukydides ist das unfertige, 
welches sich mit mächtiger anstrengung zum vollkommenen hin- 
durch zu arbeiten sucht, während nach Welzhofer allerdings 
klarheit, einfachheit, natürlichkeit die wesentlichen eigenschaften 
des werkes sind. Die indirecten reden soll Thukydides theils 
deshalb geben, weil er hier sich nicht in den besitz der steno- 
graphischen aufzeichnungen, um diesen ausdruck zu gebrauchen, 
selbst setzen konnte , er sich also mit einer inhaltsangabe be- 
gnügen mußte, theils aus rücksicht auf den umfang des werks, 
der sonst zu bedeutend geworden wäre. In allen diesen stücken 
sind Welzhofer's annahmen als völlig unrichtig und unmöglich 
zurück zu weisen. Nur darin — es ist das aber ein unterge- 
ordneter, nebensächlicher punct — hat Welzhofer recht, wenn 
er behauptet, das citat aus Pericles 1 leichenrede bei Arist. Rhet. 
I, 7. m, 10 beziehe sich nicht auf diejenige leichenrede, wel- 
che Thukydides nachahmt, sondern auf eine frühere, die Pericles 
nach der Unterwerfung von Samos hielt. Vrgl. auch v. Willa- 
mowitz-Möllendorf im Hermes XII, p. 365, anm. 51. 

Im siebenten capitel erörtert Welzhofer composition und 
darstellung. Jene soll an offenbaren schwächen leiden : das 
festhalten an der streng annalistischen methode , die nachlässig - 
keit der form , der mangel an sonstiger eintheilung , sowie an 
einem durchlaufenden plane wird hervorgehoben. Was das fest- 
halten an der streng annalistischen methode betrifft, so war die- 
selbe absolut geboten bei dem stände der damaligen Zeitrech- 
nung oder vielmehr Zeitrechnungen — was übrigens auch Welz- 
hofer anzuerkennen geneigt ist — : alles übrige erklärt sich 
daraus, daß wir in dem thukydideischen geschichtswerke einen 
torso vor uns haben, der nach allen richtungen hin unfertiges auf- 
weist: was freilich mit Welzhofer's ansieht sehr wenig übereinstimmt, 

Das achte capitel behandelt die praktischen tendenzen, wie 
sie in der thukydideischen geschichtschreibung hervortreten : 
hier ist mir nur das zusammenwerfen der philosophischen mit 



9G 29. Thukydides. Nr. 2. 

der pragmatischen geschichtschreibung aufgefallen. Das neunte 
capitel prüft die anwendung der kritischen methode von Seiten 
des Thukydides auf die geschichte der vorzeit. Hier wird die 
bedeutung des Thukydides bedeutend überschätzt. Wenn Welz- 
hofer meint , Thukydides habe , auch wenn er dieses nicht be- 
sonders bemerke , den persönlichkeiten eines Hellen , Pelops, 
Eurystheus, Tereus u. a. gegenüber einen skeptischen standpunct 
eingenommen, so ist das völlig verkehrt. Thukydides hat eben 
— das muß zur erklärung seiner ansieht von der bedeutung 
und dem inhalte der älteren griechischen geschichte resp. sage 
festgehalten werden — gar kein verständniß von dem wesen 
des mythus gehabt. Ihm ist der mythus nur eine, durch die 
neigung früherer geschlechter für Übertreibungen, mit unwahren 
elementen durchsetzte geschichte : daß mythus und geschichte im 
gegentheil völlig anders gearteten, vielfach geradezu entgegenge- 
setzten wesens und inhalts sind, davon hat Thukydides keine ahnung 
gehabt. So behandelt er denn auch die sagen mit einer völlig 
subjeetiven, ganz unwissenschaftlichen kritik : was ihm zu sehr 
mit den gesetzen der gewöhnlichen Wahrscheinlichkeit zu streiten 
scheint, streicht er ; was ihm einigermaßen möglich scheint, läßt 
er gelten. Welzhofer hat hier die anschauungen, das verfahren 
des Thukydides durchaus verkannt; und wenn er meint, weil 
Thukydides an der existenz eines Homer u. a. nicht gezweifelt habe, 
so seien auch wir nicht berechtigt daran zu zweifeln, so verlohnt 
es sich nicht der mühe, auf eine solche ansieht noch näher ein- 
zugehen. Das letzte (zehnte) capitel behandelt die philosophi- 
schen, moralischen und politischen ansichten des Thukydides. 

Das vorliegende werk Welzhofer's bietet demnach sehr viel- 
fachen anlaß zu aussetzungen und bedenken. Es characterisirt 
sich hauptsächlich dadurch , daß es das werk des Thukydides, 
losgelöst von seiner zeit, d. h. vom alterthum überhaupt, zum 
gegenständ einer forschung macht. Man merkt es sofort, daß 
man es hier nicht mit Studien zu thun hat, die überhaupt ex 
professo der antiken weit und namentlich dem griechischen alter- 
thume zugewandt sind , sondern mit allgemeinen philosophisch- 
aesthetischen , modern historischen , die einmal ausnahmsweise, 
und speciell mit rücksicht auf das bessere verständniß der ge- 
genwart, einen gegenständ der antiken weit in ihre betrachtung 
mit hereinziehen. So ist zuzugeben, daß die schrift Welzhofer's 



Nr. 2. 30. Äeneäs: 97 

ein sehr eingehendes Studium des Thukydideischen geschichts- 
werks selbst aufweist : alle fragen aber , die über die grenzen 
dieses hinausgehen und ihr verständniß und ihre lösung allein 
in der zusammenfassenden betrachtung des Thukydides mit dem 
alterthume überhaupt finden, sind durchgehends ungenügend und 
unrichtig aufgefaßt und behandelt. Mag die schrift daher auch 
denen , die sich , ohne in die tiefe der eigentlich wissenschaft- 
lichen fragen sich einführen lassen zu wollen , nur vom stand- 
puncte allgemeiner bildung über das werk und den character 
des Thukydides rasch orientieren wollen, empfohlen sein-, alle 
diejenigen , die sich gewöhnt haben , das alterthum streng wis- 
senschaftlich zu behandeln , werden sich durch die schrift in 
keiner weise befriedigt fühlen. Die spräche Welzhofer's ist leicht 
und gewandt, druck und ausstattung gut. 

Otto Gilbert. 



30. Aeneas von Stymphalos, ein arkadischer schriftsteiler 
aus der classischen zeit. Von Arnold Hug. 4. Zürich. 1876. 
[Gratulationsschrift für Tübingen.] — 46 s. 

Zu der 400jährigen Stiftungsfeier (august 1877) der auch 
von Schweizern seit langem zahlreich besuchten Universität Tü- 
bingen haben die zwei benachbarten Universitäten der Schweiz, 
Basel und Zürich , gratulationsschriften überreicht. Von der 
gratulationsschrift Basels wird unten p. 128 die rede sein, die 
der Universität Zürich ist die vorstehend benannte abhandlung 
von Arnold Hug: eine an ergebnissen reiche und vieles 
gründlich berichtigende arbeit, von der hier nur die hauptsachen 
in kürze angeführt werden. Der Arkadier Aeneas ist der erste 
systematische griechische kriegsschriftsteller, den man früher aus 
Ursachen, die Hug nachweist, mit Aelian verwechselte. Der uns 
erhaltene tractat befaßt sich mit der frage, wie belagerte sich zu 
vertheidigen haben und ist nur ein stück der aTQartjyixa ßi- 
ß)Ja, die der vrf. p. 19 ff. also specialisirt : 1) die naoaoxeva- 
ozixt] ßißlog ,,buch von der armirung"; 2) die noQiaztxt] ßißlog, 
von der beschaffung der geldmittel; 3) die aigaronsbevtinrj ßißlog, 
schrift über das lagerwesen-, 4) in einer ßißlog, deren name 
ausgefallen, über Verhaltungsmaßregeln gegen verrätherische an- 
schlage einzelner bürger; 5) aaovafiaza, vermuthlich nagaiveasig, 
Philol. Anz. IX. 7 



98 81. Piaton. Nr. 2. 

ermahnungen und strafreden; 6) eine raxuxr] ßt'ßloQ', 7) die po- 
liorketik und vom angriffskrieg; 8) die vertheidigung im eigenen 
lande, speciell einer belagerten Stadt, in dem uns erhaltenen 
tractat. Casaubonus hatte die abfassung des tractats in der 
mitte des vierten Jahrhunderts angenommen, Hug bestimmt dieß 
genauer aus den angeführten kriegsereignissen , von denen das 
letzte in das jähr 360 fällt, aufs jähr 359 oder spätestens 358 a. Ch. 
Aeneas benutzte den Herodot und Thukydides , außerdem aber 
auch andere ältere quellen, wie sich auch aus vergleichung sei- 
ner darstellung mit lustin und Frontin ergiebt. Die gleiche 
treue gilt wohl auch von seinen berichten über selbsterlebtes. 
Auch ist die vermuthung gerechtfertigt, Aeneas habe manches 
den organisatorischen maßregeln des seiner zeit berühmtesten 
militärs Iphikrates entnommen. Hug charakterisirt den Aeneas 
in folgender weise: er war praktischer militär, ein mann von 
bildung und bekannt mit den literarischen Strömungen der so- 
phistischen und sokratischen kreise. Er war der erste bearbei- 
ter einer systematischen kriegswissenschaft , schrieb gut attisch 
ohne zweifei in folge seines Umgangs mit attischen kreisen und 
mit attischer lectüre. Gegenüber andern wird des Casaubonus 
ansieht, daß Aeneas ein Stymphalier war, mit großem Scharfsinn 
durchgeführt, zugleich auch sein verhalten in Sikyon geschildert, 
wohin er von Lykomedes, dem haupte der arkadischen demokraten 
geschickt worden war, und wo er unter großen Schwierigkeiten 
die von dem sich als Tyrannen aufwerfenden und die Sikyonier 
gewaltsam behandelnden Euphron verfolgte demokratie schützte. 

R. Rauchenstein. 



31. Schramm, quaestionum de locis nonnullis Legum Pla- 
tonicarum part. VIII. Programm von Glatz 1875. 15 s. 

An neun stellen der platonischen schrift knüpft der vrf. 
kritisch-exegetische bemerkungen. Einigen derselben kann man 
unbedingt zustimmen: IX, p. 874 E vermuthet er richtig, daß 
in\ vofioiv &iaiv statt des unpassenden im vo^ov zuschreiben, 
wegen der ähnlichen stellen III, p. 690 D. IX, p. 857 C. 864 C. 
u. s. w. Zu XI, p. 91 9 B erklärt er bqQcog (var. aloxQÜg) für 
eine randbemerkung , die sich in den text eingeschlichen habe; 
ebenso XI, p. 930 D die worte xov dovXov , XII, p. 953 C die 



Nr. 2. 31. Platon." 99 

präposition it> vor xaXXovalg, ibid. p. 954 D die worte rov Xot' 
nov xqgvov, ferner streicht er p. 951 E mit zwei codd. das unver- 
ständliche « vor [ia&ovoi> sowie VIII, p. 831 E das particip 
iäaa zwischen ixaväg und daxsiv. Letzterer fehler ist dadurch 
entstanden, daß der abschreiber die endbuchstaben mg und das 
anfangende a doppelt = öoaa schrieb und ein zweiter e davor 
setzte. Dagegen IX, p. 859 D vertheidigt vrf. das doppelte ehai, 
sowie VIII, p. 839 C das hinter ^07 dwardv ehui von einigen 
editoren gestrichene dvvaod-ai mit berufung auf ähnliche pleo- 
nasmen wie IX, p. 858 A. Phaedon p. 101 E. Ast ad leg. I, 
p. 647 C. Cic. Verr. II, 18, 45. de off. III, 4,16. An letzterer 
stelle möchte ich außerdem dia ßiov . . 0X0 v schreiben , da 
nöXiv des Zusatzes lXi\v nicht bedarf und man leicht sieht, daß 
oX r\ v aus X v wegen des gleichlautenden ^ijv entstanden ist. 
LX, p. 930 A haben die fünf codd. Bekker. sowie alle Florentini 
^vvoiaovai (Ficinus — conveniant), während alle herausgeber mit 
ausnähme Hermanns <*vvoixrjGovoi schreiben; jenes allein sei, so 
zeigt er, für den inhalt passend. XI, p. 931 D schützt Schramm 
die lesart rtjv avrrjv övrctfiiv. I, p. 648 D haben fast alle codd. 
und edd. diucpoQÜ, doch Bekker und Schneider auf grund des 
Venet. S die lesart öiacp&oga, welche auch Schramm für die 
allein richtige erklärt: Verwechselung beider Wörter komme in 
den codd. oft vor, so Legg. VII, p. 792 C, Sophist, p. 228 A., 
Civ. V, p. 471 D. VI,p. 491 A., Phileb. p. 46 C, Theag. p. 129D. 
Wenn ferner der vrf. in der stelle VIT, p. 813 A — 81 4B rov 
(pvXä^ai 70 ig . . . ixavag . . . xav . . ei g . . i&sXsiv emen- 
dirt, so muß ich diese emendation für geradezu trefflich erklä- 
ren. Nur glaube ich, daß öog ebenso überflüssig ist, wie mv, 
welches letztere durch ungenaue Wiederholung der endsilbe von 
zovparriov entstanden scheint; ebenso verstehe ich die worte 
7ov g Tzaidug re v,a\ 7t]v ctXXyv nöXiv nicht recht, sondern ver- 
muthe, daß Plato Xqv geschrieben hat: denn ich übersetze 
noXig mit urbs, nicht mit civitas i. e. cives , weil solche andere 
bürger nach abzug der vorher genannten klassen nicht mehr 
vorhanden sind. IX, p. 881 A schreibt vrf. oi vor Sri; sowie 
Xsyov7ai für Xsyoi7eg und würde auch nichts einzuwenden haben ? 
wenn man statt 7ovtcov den singular tovrov setzen wollte; der- 
selbe gedanke kommt übrigens heraus , wenn man ein dem Xs- 
yovtsg entsprechendes particip ovrsg für eloi einsetzt und die 

7* 



100 32. Attische redner.' Nr. 2. 

ganze stelle so constituirt : ol de iv "u4i8ov zovzcov novoi szi ye 
päXXov iv ia%uzoig övzsg neu aX?jüeazaza Xeyorzsg u. s. w. 
IX, p. 870 A setzt er mit Ast hinter noXXolg ein komma und 
beginnt den auf zwv %Q?]i*dzcov folgenden satz mit wv , so daß 
folgender sinn entsteht: maxima vero cupiditas in eo locum habet, 
cuius plurima est et vehementissima in plerisque appetitio, peeuniae, 
cuius est vis inexplebilis et immensae possessionis mille amores inge- 
nerans et propter naturam et propter inscitiam malam. Man kann 
aber auch die vulgata beibehalten und Svvafiig als apposition 
zu tfisQog fassen. IX, p. 862 E schreibt er mit Schneider xazd 
für xai und z'iva für zivd und erklärt: quem vero in Ms insana- 
bilem esse senserit legislator, quamnam poenam iis ex lege (legiti- 
marri) constituet f Da es aber auf die nachdrückliche hervorhe- 
bung der „gesetzlichen" strafe nicht ankömmt, so kann man 
noivrjv für vofiov schreiben, wenn man nicht lieber die worte 
xal vopov als ein glossem betrachten will. 

C. Härtung. 



,32. Animadversiones in oratores Atticos scr. 0. Fuhr. 
Bonnae 1877. [S. Philol. VIII, 4, p. 195]. 

Vorstehende dissertation enthält sehr reichhaltige und zum 
theil recht gute bemerkungen zu einzelnen stellen des Antiphon, 
Andokides , Lysias , Isokrates und Isäos , freilich in einem viel- 
fach sehr fehlerhaften und fast durchgehends geschmacklosen 
latein, so daß man fast glauben könnte, der vrf. wollte absicht- 
lich schlecht schreiben, um auch nach dieser seite seine Über- 
legenheit kund zu geben. 

Im ersten abschnitt wird die frage nach der abfassungszeit 
von Andokides' friedensrede mit geschick und erfolg behandelt. 
Aus § 18 (vsvatijxaai zglg Ifii} [itt%6[*£toi imd zqizov ö' qvixa 
Aiiaiov sXaßov) und §20 (Boicato) 8s noXefitjoavzsg hij zizzaga) 
wird mit recht gefolgert, daß die rede im winter 392/91 und 
zwar eher noch 392 als 391 gehalten worden sei. Dieser an- 
nähme steht kein begründetes bedenken entgegen, selbst nicht 
Xenoph. Hell. IV, 4, 19 , da die wegnähme der vsoogia von 
der seeseite aus eine frühere eroberung des Lechaeum nicht 
ausschließt. 

Im zweiten abschnitt folgen Coniectanea. Im Antiphon wird 



Nr. 2. 32. Attische redner. 101 

nach einigen bericktigungen der arbeit von F. Pahle (Jever 
1874) I, 20 die Überlieferung tw yäg Stj^OHoivca zgoiicöeioa 
nugsdodTj mit berufung auf Bekk. Anecd. I, 306 vertheidigt, da 
die dort erklärte form zgoiia&üaa wahrscheinlich aus Antiphon 
entnommen sei. Allein die ausdrückliche bezeichnung der 
strafe und zwar der todesstrafe erfordert der Zusammen- 
hang unabweisbar. Man wird deshalb tm yag dtjixoxoivcp zgo- 
Xioüeloa im &aväzcp nagsSo&t] vermuthen dürfen. Mit recht 
wird I, 9 Rosenbergs 8ovvai oder SeSwasvcu für 8i8ovai zurück- 
gewiesen, weil der infinitiv von idCdovv (cf. Isoer. XVIII, 7) durch- 
aus zutreffend ist. By 10 ist die vorgeschlagene Versetzung 
von l| ob*' — Xiyovaiv vor 8t]7,cöaix> nicht nöthig. B8 7 wird 
mit Kayser fxv ßltj&tjvai (d. h. nrjdeva (itj ßaleiv der codd.) als 
dittographie erkannt und dafür fitjderl vnoSga^Etv vermuthet; V, 
3 no\Xo\ 8s zäv Xiysiv iniazafitva» (für Svpafisvcov), freilich 
ohne zwingenden grund, da Antiphon keineswegs nach Wechsel 
im ausdruck strebt. Eben so wenig ist V, 38 zavzä. zavza zsx- 
ftrjoia für zalza zsxfirjgia als nothwendig erwiesen. Dagegen 
wird V, 82 Pahle's conjeetur /*/} xa&ago\ %£igag ovzsg durch 
fxrj xcc&ago), rüg x s ^Q a S ovzsg recht gut vervollständigt, cf. Aesch. 
II, 148 , Lys. XXVI, 8. Nichtssagend sind die wenigen bei- 
spiele, welche für die parallelstellung des inf. praes. und aoristi 
ohne nähere prüfung und besprechung angeführt werden. 

Ein irrthum ist es, wenn Andoc. I, 116 ein zusatz wie 
nai (*oi xdlei zovzcov zovg ^dgrvgag gefordert wird. Der redner 
wendet sich ja § 117 nicht zu einer neuen sache, sondern nur 
zur erklärung seiner behauptung, und läßt am schluß (§ 123) 
alle zeugen nacheinander aufrufen, um den eindruck zu ver- 
stärken , sich selbst aber eine pause zu verschaffen. Recht gut 
wird I, 127: vazs'gcp nuliv /gorcp gegen Blaß vertheidigt. Da- 
gegen würde DI, 10 die tilgung des vazsgov eine Verletzung des 
rhythmus sein. Nicht ohne Wahrscheinlichkeit wird I, 148 geschrie- 
ben vofiCoaze zu ö(ö(xaza avzäv bgäv aizovfisrcap i[is nag vfxäv 
[awtfßj], da der infinitiv leicht aus 149 vfisig \ii nag 1 vfiäp av- 
zäv aizrjadfisvoi ooöoazs entlehnt werden konnte. Wenn DU, 5 
die lesart Innslg xazsoztjacifiE&a einfach mit Innslg xazsaxsvccou- 
[As&a bei Aesch. U, 173 vertauscht wird, so hätte der vrf. doch 
bedenken sollen, daß die xuzuozaoig zw innteav und Xen. Hipp. 
I, 9 zovg fxev zoitvv inniag 87 t Xov ozi xu&iozävai 8»i xaza zov 



102 32. Attische redner. Nr. 2. 

vbfiov zovg dvvazoazdrovg es wahrscheinlicher machen, daß hei 
Andokides und Aeschines xazsazijaafAev zu schreiben ist, cf. x«#t- 
oxavui TQir}QaQXovg lOQtjybv lyyvr\zdg etc. Verdienstlich ist die Zu- 
sammenstellung , welche von neuem den nachweis liefert, daß 
6 8/jfAog zmv ' AQrivaiav oder 5 drj{A.og 6 zmv ' A&tjvaicor bei den 
rednern nicht zulässig ist. Die gerechtigkeit erforderte aber den 
hinweis auf meine bemerkung zu Aeschines III, 49 und die angäbe, 
daß ich in meiner recension des Aesch. jenen grundsatz conse- 
quent durchgeführt habe. Oder warum wird Blaß getadelt, daß 
er dies nicht gethan hat? 

Im Lysias knüpft der vrf. an die jüngst von Lampros ver- 
öffentlichte ergänzung der Kayser'schen collation des Palatinus 
an, um aus jenem material noch einige emendationen zu gewinnen. 
Rec. hat den codex ebenfalls neu verglichen und kann versichern, 
daß Lampros' collation noch immer nicht erschöpfend ist. So hat 
z. b. der codex I, 1 deutlich fiixgug mit rasur zwischen t und x, § 12 
nicht naidi sondern naiiß 1 s. l.) } § 31 ins&i]xs (d. h. wie regelmäßig 
iaii&qxt), §43 nanozs hat den accent. HC, 4 eher yuircoficu als 
cpaCfOfiai (o corr.) t § 10 steht das zweite ex zrjg noXscog unmittelbar 
unter dem ersten, so daß ex ztjg noXscog an zweiter stelle zu 
streichen sein dürfte. Auch § 3 ergiebt sich mgl zööv zQavfid- 
ttov als erklärender zusatz , § 11 elg, nicht e'c, § 12 hat Lam- 
pros das compendium falsch gedeutet, der cod. hat, wie gewöhn- 
lich JJeigaiicog (d. h. üetgais), § 42 in zo f eV ixeivcov ist 
in durch punkte getilgt, § 43 dsivuv, nicht dsiför, § 20 
ist nav i in ndvzcov zmv aufzulösen. IV, 11 fehlt avzri, VIII, 
16 oze, nicht ozav, X, 17 dntXXsiv, 27 (xe&' ifiär, XII, 35 ttj- 
QOVfiivovg , XIII, 25 vnoßdXco | | |.<xo»., XIII, 63 ist ovo'' durch 
punkte getilgt, XIX, 11 t>o[i.ity]zcu, und dxQouaontvo)?, XIX, 44 
ist keine spur von et, XXI, 10 efyo»-, XXII, 5 ist nXsioi vor- 
handen, § 6: noXsiooizov. Es ergiebt sich daraus, daß es noch 
immer pflicht jedes herausgebers des Lysias ist, den Palatinus 
wiederholt zu vergleichen , wenn auch bedeutende resultate für 
die kritik davon nicht zu hoffen sind. Auch die versuche von 
Fuhr müssen wir als mißglückt ansehen. Er will, wie Herwer- 
den (Add. p. 84, cf. XXXII, 18), I, 1 et ijzs hergestellt wis- 
sen. Allein die folgenden optative (et s%oizt oix v? sttj Saug 
ovx äyavaxzoit] , ndvzsg dv ■tjyoia&s) widersprechen diesem ver- 
such aufs bestimmteste. III, 43 ist xat ydg dv öntop schon 



Nr. 2. 32. Attische rechier. 103 

darum falsch , weil der codex Ssivav hat , was offenbar aus 8eiv 
av, d. h. deivov av entstanden ist. Vielleicht ist auch hier nach 
XXVHE, 3, ebenso wie XXIX, 9 und 11 xal yäg St) deivov av 
iirj zu schreiben, cf. P. R. Müller im Merseb. Progr.,p. 15. — X, 
20 ist vvv, nicht vi/v zs im codex, XVII, 2 a 8' ixgr\<sazo. XXIV, 
10 schlägt Fuhr zovzo £t]zeiv aal zovzo qiiXoooqisiv vor. Da 
aber syvcov für das handschriftliche iyco wenig angemessen ist, 
so wird zu emendiren sein : sym yäg, a> ßovXi), nävzag zovg 'i'fov- 
zdg zi Svozvyjua zoiz" 1 oiuai t,i)zslv xcu zovzo cpiXoaocpelv y.zX. 

Passend wird III, 42 inißovXsvaavzsg mit hinweis auf Plat. 
Legg. IX, 876 E vertheidigt. Den zusatz von psv nach izgco- 
aav halten wir nicht für nothwendig , da die kurze und scharfe 
antithese bei Antiph. Bß 3: sßaXs usv, ovx [o.7t]hzsivs 8i für 
Lysias' größere breite nichts beweist. Auch D7, 3 wird vmäv 
neben xgivsiv ztjv cpvXijv gegen Halbertsma und Kayser glück- 
lich vertheidigt durch die parallele von Plat. Legg. 657 E und 
[Andoc] IV, 21. Zu VIT, 22 werden belege für die form cptjaag 
angeführt , und dann geschlossen : qua verli forma Thucydides 
usus est, quis eam ab aetate Lysiaca abiuclicahit? Als ob (ptjaag 
im codex überliefert wäre ! Als ob qsrjoag hier einen vernünftigen 
sinn ermöglichte ! Der Zusammenhang schließt das particip ge- 
radezu aus! Ich schlage deshalb vor: y.aC zoi ei (prjg ja iSelv 
ztjv (iootav ctcpavi^ovza , zt ov zäv evve'a ug%6vzcov zivd[g] Inr)- 
yayeg tj äXXovg ztvag zmv s£ 'slgeiov nv.yov; ovx äv sze'gcov s8si 
ooi uugzv'gav. Vorschnell wird XXVI, 11 fxövog neben avzbg 
xad" 1 avzöv vertheidigt. Denn da der codex zavztjg 8s zijg ägpjg 
a^iol fiovog überliefert, so ist jedenfalls zu emendiren: zavztjg 
ös zr\g u-Q'/Jig i)^ia)i.tsvog avtbg xa&' avzbv äg^ei, y.al fiszä zijg 
iv ' sigeicp näyq> ßovXijg zbv änavza XQOtov zwv fisyiczcov nvgiog 
sazai. I, 32 wird ohne noth zovg 8s nsiaavzag in zovg 8s 
nei&ovzag geändert. Denn der Grieche gebraucht ol i^a/xagzä- 
vovztg und ol e^afxagzövzeg , iäv zig e^afiagzdvr} und iav zig 
i^afiägzt] im generellen sinn. Die aequabilität aber bis ins 
kleinste zu verfolgen, scheint dem Lysias fremd zu sein. Sehr 
gut dagegen ist VLT, 31 die vemmthung änavza ngo&vnözegov 
TisfJotTjxa av (cod. cog) vnb zijg nöXecog tjvayxa^bfitjv , worauf das 
schon von Rauchenstein p. 275 aus Isoer. XV, 145 angeführte 
beispiel von selbst führen muß. Xu, 80 scheint sowohl Funk- 
hänels conjeetur als auch Fuhr's Vorschlag vf*elg vptf avzoig 



104 32. Attische redner. Nr. 2. 

nicht das richtige zu treffen, da der negirte imperativ die nach- 
stellung des im gegensatz stehenden und deshalb betonten sub- 
jects nicht duldet. Es ist deshalb zu schreiben: ju^ö' Ifisig z?jg 
ivpi?) V zovtovg naQedmxB ty nöXsi , xdxiov vplv avrolg ßoq&tj- 
otjie. Den Vorschlag, XIII, 82 avunspLnsiv ir\v no\mt]v zu lesen, 
muß natürlich annehmen , wer Sauppe's vermuthung, daß /asto. 
j<ov no\näiv eine aus § 80 entlehnte interpolation sei, für rich- 
tig hält. Aber ist es nicht wahrscheinlicher, daß § 80 fiszu 
7Öov tvoXitwv , wofür man jetzt (xsrä rav onlncöv schreibt, aus 
§ 82 entlehnt ist, wo der zusatz wegen des simplex ninnuv 
unentbehrlich war, während §80 avvijcsfine zur erklärung und 
damit zur interpolation herausforderte? Die Streichung von $ 
ovzco XXV, 14 hatten wir uns ebenfalls längst angemerkt. Aber 
über solche dinge ist nur dann eine entscheidung möglich, wenn 
einmal der umfang und die methode der interpolation im Ly- 
sias im Zusammenhang dargestellt wird. Sehr wahrscheinlich ist 
XXVIDI, 3 die tilgung von [xsyoiXcov ovowv , aber noch wahr- 
scheinlicher ist es , daß auch ngocööcov erklärung von iäv 8t]~ 
(loaicov ist und erst jene interpolation veranlaßt hat. Unmöglich 
aber kann ibid. 12 xal cög zäv xivdvvcov zäv vfte7SQOov fiSTsa^v 
eine erklärung zu wg anb &vX?jg xar?}X&& sein, wie Fuhr an- 
nimmt. Eher würden wir das gegentheil vermuthen, da zu dem 
allgemeinen das besondere und bekannte angemerkt zu werden 
pflegt, nicht umgekehrt. Das polysyndeton aber und die Wie- 
derholung von ei g ist nicht zuf all, sondern malt die anstrengung 
des gegners, sich möglichst viele Verdienste zuzuschreiben. Und 
aus Xen. Hell, n, 4, 29. 32. 34 sehen wir ja doch zur genüge, 
daß auch nach dem xaTsX&Eiv anb (pvXlijg noch viele xivdvvoi zu 
bestehen waren. Endlich was hindert uns, an xtvbvvoi früherer 
zeit zu denken, wenn jene der inhalt des xuteIöeiv sein sollten, 
und eine gradatio vom speciellen zum allgemeinen anzunehmen ? 
Probabler ist XXXI, 26 die änderung von tavg für tavr. 

Wir müssen es uns versagen, noch die von Fuhr aus Iso- 
krates und Isaeus behandelten stellen zu besprechen. Es geht 
aus unseren bisherigen mittheilungen. zur genüge hervor, daß 
Fuhr fleißig in den rednern gearbeitet hat. Um so mehr ist es 
zu bedauern, daß er sich kein größeres oder doch geschlosseneres 
thema gewählt hat. Die folge ist , daß er den früheren her- 
ausgeben! nachgeht und , was jene fallen ließen ; mit eifer auf- 



Nr. 2. 33. Griechische grammatiker. 105 

nimmt, corrigendi quodam studio elatus. Es klingt aber nicht 
schön, wenn auf diesem wege der anfänger seine lehrer meistert. 
Auf dem räum, welchen das Sündenregister von Blaß versehen 
einnimmt, konnte und mußte der vrf. uns besseres mittheilen. 

A. Weidner. 

33. De pathologiae veterum initiis. Scripsit Iacobus 
Wackernagel. Basileae 1876. (Dissert. inaug.) 

Der verf. bestreitet Ritschis aussprach (de Oro et Orione. 
Opusc. I, 650), daß die alten grammatiker keine sichere princi- 
pien haben, von denen ausgehend sie die lehre von den nä&i] 
XQtmv behandelten , und daß sie deswegen sich in fruchtlose 
Spitzfindigkeiten bei ihren etymologien verloren haben: er be- 
hauptet vielmehr, daß gerade die principien auf denen sie fußen 
ihre Sonderbarkeiten zu erklären und zu entschuldigen vermöch- 
ten. Ritschi ist zu seiner annähme geführt dadurch, daß er sah 
wie bald dialectische formen aus der xoit?j bald umgekehrt for- 
men der noivrj aus den dialecten erklärt werden. Das ist aber 
leicht erklärlich da nd&og und dialectische Veränderungen sich 
nicht decken, vrgl. Herodian n. 8iiq. p. 288 = II, p. 11, 5 — 9 
Lentz. 

Allerdings steht dieser einen stelle eine ganze reihe anderer 
gegenüber, in denen nd&og sicher einen gewissen dialect bezeich- 
net (p. 2. 3) ; aber wieder eine andere reihe (p. 3. 4) zeigt, daß 
die nädtj aus den dialecten hergeleitet, durch sie erklärt wer- 
den. So findet der vrf. bei Herodian das streben, die patholo- 
gie von der herrschaft der dialecte zu befreien (studium patho- 
logiae a dialectorum principatu liberandae) , indem Herodian nur 
eine einwirkung irgend eines dialects constatirt, wo seine 
vorgängereine entlehnung aus dem betreffenden dialecte sehen. 
Hier hätte Wackernagel nach ansieht des ref. die stelle Herod 
H, 306, 24 sq. noch weiter ausbeuten können, als es durch den 
bloßen hinweis geschehen ist; denn wenn es da heißt: ziveg ös 
tyiXovai t6 oxti htX. aioXixbv avadin7.aaiaafA.ov olofiEroi sfoaf 
8id tovto öl xa\ dvanifinovai zovg tovovg. dXV ov a iaiiv 
6 8 in X aa ta a fio g inl z o vr m v a lo X inog , dXX 1 18 iog 
av rcov t <äv dvacpooixaiv: so folgt daraus ganz im sinne 
des vrfs. aufs evidenteste, daß Herodian derartige Veränderun- 
gen aus der natur der betreffenden worte selbst zu erklären 



106 33. Griechische grammatiker. Nr. 2. 

sucht; und obwohl er bei Homer noch der seit Zenodot übli- 
chen ansieht der grammatiker, daß der dialect desselben ein 
gemischter sei, sich nicht ganz entziehen kann, so sucht er ihn 
doch nach möglichkeit vor dialecteigenthümlichkeiten zu schützen. 
Daß er dabei oft mit sich selbst in Widerspruch geräth, ist er- 
klärlich durch seinen anschluß an und durch seine rücksicht 
auf die Vorgänger. Die methode Herodians zeigen dann einige 
besonders instruetive beispiele (p. 6 — 9.). 

Nachdem Wackernagel so gezeigt, daß die pathologie neben 
und aus der dialectologie erwachsen , sucht er , rückwärts ihre 
spuren verfolgend, die anfange jener aufzusuchen. Er findet 
solche spuren , mit immer sich mehrender Vermischung von dia- 
lectologie und pathologie, bei Apollonius Dyscolus, Tryphon, 
— Varro wird kurz mit erwähnt , — und Heraclides Ponticus 
minor, dem vrf. der "kta^ai. 

Im folgenden capitel (4) sucht er den Urheber der patho- 
logie selbst schließlich festzustellen. Da schließt er zunächst 
die stoiker aus, indem er zeigt, sie haben die dialectologie im 
sinne der grammatik außer acht gelassen ; da nun aber aus die- 
ser sich erst die pathologie entwickelt habe, so können sie nich* 
die begründer dieser lehre sein. Alles führt Wackernagel denn 
zu dem Schlüsse, die pathologie muß bei den Alexandrinern 
entstanden sein. Die Alexandriner haben, so sucht er darzu- 
thun, die nä&rj der analogie entgegen gestellt. So kommt er 
endlich zu dem Schlüsse, daß nur die Zeitgenossen Varros sie 
ausgebildet haben, und da kommen dann nur Tryphon und 
Didymus in betracht. Letzterer hat sich gar nicht mit dem 
Studium der dialecte befaßt, ersterer dagegen ganz besonders, 
und so bleibt denn nur Tryphon selbst als Urheber der lehre 
von den ncc&t] anzunehmen übrig. — Das letzte capitel (5) ist 
dem hinweis auf den nutzen gewidmet, den die genaue kennt- 
niß der pathologie für die erkenntniß der dialectologie gewährt. 

Dies im ganzen und großen der gang der Untersuchung. 
Den Schluß macht ein epimetrum de Stoicorum dialectologia, dessen 
resultat ist, daß das wort dtoiXisxTOQ in dem sinne wie die spätem 
grammatiker und wir es brauchen, erstmals von Tryphon ange- 
wandt ist. 

Um nur auf wenige einzelheiten einzugehen, so müssen wir 
zunächst bezweifeln, daß die stelle Herod. iL ag. 240 dtjfios 



Nr. 2. 33. Griechische grammatiker. 107 

tzccqu rov daanöv das gewicht hat, das der vrf. ihr beizulegen 
bemüht ist p. 9. Herodianus affectione illa (nämlich die Wandlung 
von a in rj) similiter atque pater sed et in voce communi neque 
dialecto app osita utitur , ita ut ex hoc uno loco pathologiae 
historiam componere liceat. Denn offenbar führt Herodian hier 
nur die ansieht des Ptolomäus von Ascalon an und hatte dabei 
nicht nöthig die Wandlungen zu besprechen, die das wort daofxög 
um öfjuog zu werden durchmachen mußte: seine eigne ansieht 
dürfte wohl die sein , die er ausdrückt durch dvvaizo o° uv rig 
xat alias etv ftoloyeiv xiX. 

Auch in der erklärung, die Wackernagel von dem Tyrannio- 
fragment p. 12. 13 giebt, müssen wir ihm widersprechen und, 
so lange keine bessere deutung gefunden, Lehrs beistimmen ; denn 
das Herodianscholion A 326, das Wackernagel zur stütze seiner 
deutung anzieht, hat sicher nur den sinn, das Tyrannio nur 
diese worte näliv üquivki anders auffaßt als Aristarch und sie 
demgemäß trennt, wegegen dieser sie zu einem worte nalivog- 
HJvco zusammenfaßte; denn das adverb näliv hat in der naoä- 
&soie und in der avv&saig verschiedene bedeutung. Vrgl. Et. M. 
s. v. TzaltfMzlayx&ii'Tus. 

Daß Wackernagel dem Jüngern Heraclides Ponticus ein 
werk nsgl nlEovaaixwv vindicirt (p. 17), dürfte bei dem mangel 
anderweitiger nachrichten doch wohl etwas kühn sein. Könnten 
die bemerkungen über gewisse nd&ij, die in einigen fragmenten 
vorkommen, nicht ebenso gut gelegentlich in einem seiner andern 
werke, z. b. tisqi ngocopdiäv, vorgekommen sein? 

Auch kann Wackernagel nicht verlangen , daß wir seine 
einfach hingestellte behauptung (p. 19) ut § 18 grammatices 
Dionysianae ipsi auetori tribuam neque grammatico midto seriori ad- 
duci nequeo, auch für uns gelten lassen. Das mußte erst be- 
wiesen werden. 

Fassen wir nun das resultat zusammen, so ist anzuerkennen, 
daß der vrf. für die aufhellung eines noch ganz im dunkel lie- 
genden gebiets der geschichte der grammatik einen im ganzen 
gelungenen und recht beachtenswerthen versuch gemacht hat. 
Wenn er nicht in allem dabei zu überzeugen vermag, so ist das 
nicht zu verwundern, zumal das vollständige material für end- 
gültige lösung der frage noch erst beschafft werden soll durch 
eine sichtung und quellenanalyse des besonders bei den lexico- 



108 34. Pollux. Nr. 2. 

graphen vorhandenen Stoffes, die jedenfalls noeh manche ausbeute 
bringen wird. 

Zu bedauern ist nur, daß das schriftchen sehr uncorrect 
gedruckt ist , jede seite kann davon zeugniß ablegen , und — 
daß auch das latein des vrfs. nicht von germanismen und an- 
deren mangeln freizusprechen ist (sogar severrimus und eae als 
dativ laufen mit unter). Endlich warum citirt vrf. den Hero- 
dian nicht durchweg nach der ausgäbe von Lentz? 

Georg Schoemann. 



34. De Iulii Pollucis in publicis Atheniensium antiquita- 
tibus enarrandis auctoritate scripsit Fedor von St oj entin. 
Vratislaviae 1875. 8. 112 s. 

Es ist eine eigen thümliche erscheinung, daß trotzdem des 
Pollux achtes buch und die griechischen lexica der byzantini- 
schen zeit eine menge der werthvollsten nachrichten über das 
athenische Staatswesen bieten, dieselben bisher niemals einer um- 
fassenden und methodischen kritik unterworfen sind. Man hat 
sich bisher meist begnügt, die einzelnen angaben zu sammeln, 
die anscheinend besser beglaubigten herauszugreifen und die wi- 
dersprechenden Zeugnisse oft mit recht unzureichenden gründen 
zu entkräften. Ein willkommenes mittel dazu war der wider- 
sprach des jeweiligen grammatikers mit sich selbst und die man- 
gelhaftigkeit der überlieferten angaben. F. v. Stojentin beabsichtigt 
nun in obiger abhandlung , deren erstes drittel auch als bres- 
lauer dissertation veröffentlicht ist, den werth der Pollucei- 
schen angaben methodisch festzustellen und beschränkt sich zu- 
nächst auf den zweiten großen abschnitt des buches über die 
athenischen magistrate und dikasterien (§82 — 157), während der 
erste, die iuridicae antiquitates, ihm einer derartigen Untersuchung 
unzugänglicher schien. In cap. 1 (p. 1 — 87) stellt Stojentin 
die angaben des Pollux mit den glossen des Hesych, der Bekker- 
schen Lexica, des Photius, Suidas u. s. w. zusammen, weist nach, 
daß gruppenweise eine identische tradition vorliegt, sucht dieselbe 
von späteren Zusätzen und den irrthümern der grammatiker zu 
reinigen und schließlich die Urquelle festzustellen. Mit nothwen- 
digkeit ergiebt sich hier oft eine berichtigung lange bestehender 
irrthümer und noch öfter eine Vernichtung moderner unbegrün- 



Nr. 2. 34. Pollux. 109 

deter hypothesen. Es ist dieser erste abschnitt der auch sach- 
lich bedeutendste theil der arbeit, der daher am meisten das 
interesse ihrer bisherigen besprecher erregt hat: Schömann in 
Fleckeis. Jahrbb. bd. 113, p. 131 — 6, E. Schoell, Jenaer Ltz. 
1876, p. 597, A. Eberhard, Bursians Jahresber. 1874/5, bd. 
3, p. 536, auf die ich verweise. 

In cap. 2 (p. 88 — 112) verwerthet Stojentin die gefun- 
denen ergebnisse in der weise, daß er daraus die Verwandtschaft 
der lexica zu einander zu bestimmen und die unmittelbare vor- 
läge des Pollux aufzufinden sucht. Diese sieht er in Pamphilus 
oder vielmehr seinem epitomator : Ovt]Gthog 'lovluog, aoqnaTtjg, 
i7ii70fitj täv Ua/xcpihov yXmaooor. In betreff dieses abschnittes 
kann ich den oben angeführten referenten nicht beistimmen, sondern 
halte sowohl das resultat für unrichtig als auch die angeführten 
beweismomente für schwach oder auf unbewiesenen Voraussetzun- 
gen beruhend. Ich meine aber, daß die Untersuchungen dieses 
zweiten capitels gescheitert sind nicht in folge eines mangels 
an methode , sondern in folge des fehlens einer sicheren abge- 
schlossenen kenntniß der geschichte der griechischen lexicographen, 
die wie mir scheint mit vorsichtigster benutzung aller älteren spuren 
von den ganz späten werken eines Eustathius, Etymolog. Magnum, 
Suidas, Photius, Hesychius aus erst gewonnen werden muß. 

Im folgenden will ich auf die wesentlichen resultate der 
arbeit nur kurz hinweisen, da sie bereits die verdiente anerken- 
nung gefunden haben, und einige abweichende ansichten äußern, 
nicht in der absieht besseres zu geben, sondern um auf einige 
punete aufmerksam zu machen, die mir bei meiner beschäftigung 
mit diesen lexicis aufgefallen sind. 

Mit Rose, Aristoteles pseudepigraphus p. 425 ff., weist vrf. 
den abschnitt über die archonten und aÜQidQoi gewiß mit recht 
dem Aristoteles zu. Jedoch ist mir dies resultat für den ab- 
schnitt &tono&e7ÖJv ardagiaig § 85 zweifelhaft: Pollux führt die 
vor-aristidische form derselben, das Lexicon Cantabrigiense die 
spätere an (die unterscheidenden formein sind: sl 'A&qvaiob tioiv 
exenegtodev ix Tgiyoviag — — xai ei tb zlfM][ia iattv avxolg 
und andrerseits zivsg avtäv natiosg — xal et ?a zsXtj rnXovüi). 
Letztere wird dem Aristoteles zugeschrieben. Trotzdem sucht 
vrf. auch Pollux' angäbe dem Aristoteles zuzuschreiben, weil 
wohl, wie er zuerst meinte (p. 8 ff.), eine willkürliche Veränderung 



110 34. Pollux. Nr. 2. 

des aristotelischen textes in Pollux quelle anzunehmen sei, oder 
wie er sich p. 109 entscheidet, weil Aristoteles wohl beide for- 
mein gegeben habe. Ich möchte vielmehr consequenter jenen 
abschnitt dem Aristoteles ab-, dagegen dem Demetrius §r tolg negl 
tijg 'A&i'ivqoi rofiodealag zusprechen (vrgl. Harp. s. v. sgxeiog 
Zsvg — — ort 8s Tovtoig (aet7jv Ttjg noXititag oig eiy Zsvg 
Kgxtog dedrjlcoxe xal ' Tnegidtjg xai dijptJTQioQ iv tolg nsgl 
rijg ' ddrjvtjoi fO[xo&EOiag). Daraus würde sich die abrupte form 
der stelle sehr gut erklären. — Die glossen innag^og, ^siXag^og, 
ngvtdvEig , xvgia ixxlijaia, knictdxy\g werden als aristotelisch, 
vofioqivXaxeg als philochoreisch nachgewiesen. Sehr interessant 
ist die behandlung der glossen dnodstttat, ra/xtai rrjg &sov, xco- 
Xaxghai p. 17 ff. Stojentin zeigt überzeugend, daß der Zu- 
satz ixalovvro Sovroi xwlaxgtrai auf die apodekten und nicht 
auf die Schatzmeister bezug hat, daß er mithin an eine falsche 
stelle gerathen sei, und im Pollux unter dnoSixrai, wie Harpo- 
cratio lehre, Androtio, unter rabiat Aristoteles vorliege. Eich- 
tig lehnt Stojentin die herleitung der letzten worte si%ot> ö' i^ovalav 
xts. aus Lysias IX, 7 ab, eine art der ableitung positiver nach- 
richten, die wohl mehr angenommen, als nachgewiesen ist. Sollte 
übrigens nicht vielleicht auch in dem namen Kleisthenes ein 
fehler liegen? Es ist doch auffallend, daß inschriftlich kolakre- 
ten nur bis kurz vor 403, apodekten aber erst von da ab nach- 
weislich sind. Ist von Eukleides vielleicht eine modernisirung 
des veralteten amtsnamens vorgenommen ? — Ueber den gramma- 
teus und antigrapheus der ßovhj folgt Pollux dem Aristoteles, 
der ävriygacpevg 7Tjg dioixijGEcog stammt aus Philochorus. So nahe 
grenzen die verschiedenen quellen an einander. — Die Wertlosig- 
keit der angaben über Xoyiaiai und eidvvoi erweist Stojentin 
in besonnener erörterung. — In betreff der %i\ioi xai biaxoaioi 
scheint der sonst so vollständige vrf. die glosse in Lex. Seg. p. 
238, 31 Staxöoioi xal xiXioi übersehen zu haben. — § 99 
änoozoXslg , gehört dem Philochorus, das übrige bis § 101 
meist dem Aristoteles an. — Im folgenden ist mir immer 
auffällig gewesen , daß während Pollux bisher die einzelnen be- 
hörden in mehr sachlich zusammengehörigen gruppen oder ohne 
jede Ordnung abhandelt, plötzlich eine rein alphabetische Ordnung 
platz greift: ivdsxa, imygaqieig, xqgvl*, X^tag^oi, mgiscriagxoi, 
mgtnoXoi — die sich, um dies gleich zu bemerken § 115 in 



Nr. 2. 34. Pollux. 111 

ngvravata, nvgcpogog, ovyxX?]7og, rctfitag fortsetzt. Ich weiß bis- 
her diese beobachtung noch nicht fruchtbringend zu verwerthen, 
meine aber, daß man dies einst können wird. Es kann jetzt 
vielleicht dazu dienen der sehr einleuchtenden ergänzung Gött- 
ling's yvapovsg vor obtoi nagecpvXat7ov eine art stütze zu schaffen. 
Stojentins beobachtungen stimmen auch sehr gut mit obiger 
thatsache, denn während bisher im allgemeinen alte gute tradi- 
tion , wenn auch in verderbter form vorlag , finden wir jetzt 
vielfach angaben , die nicht auf historische und antiquarische 
werke allein zurückgehen können , sondern den commentiren- 
den grammatiker verrathen. Besonders comikerstellen scheinen 
anlaß zu diesen erklärungen gegeben zu haben. Vrgl. Stojentin 
über die imygacpstg , Xr^iag^oi , Tufxiag (p. 59); %a.Qcöv£iov und 
nvgyögog verrathen parömiographischen einfluß. Auch finden 
sich hier bei Pollux viele irrthümer. Sehr beachtenswerth sind 
die ausführungen über die svöexu (besonders gegen Strenge, 
quaestiones Philochoreae Gotting. 1868 gerichtet) und nsginoXot 
(gegen A. Schäfer und Dittenberger). — Besser sind wieder 
die angaben über die isgonoiol ooyeavse qtgäzogeg ysgagal. Sehr 
gemischt ist der zusammenhängende abschnitt über die Srjpag- 
yoi, vavxgugiui, cpvXui (alphabetisch, wie Stojentin selbst bemerkt, 
dessen sorgfältige , die neuere litteratur eingehend kritisirende 
analyse ich hier besonders empfehlen möchte). Zu § 112 erör- 
tert er sodann p. 50 — 53 die von Böckh angeregten fragen über 
die yvvaixovo^oi, änoctoXslg und vofjocpvXay.eg. 

Die kurzen notizen über die Strategen (wohl auch über 
die vTtqgioiat etc.) sind vielleicht von Pollux selbst zusammen- 
gerafft und seiner vorläge zugefügt und ähnlich mag es sich 
mit den § 121 angeführten dikasterien verhalten. — Ueber 
den großen abschnitt, der von den übrigen gerichten handelt, 
gelangt Stojentin zu dem Schluß : hoc uno de iudicibus loco auctores 
congesti sunt Theophrastus , Demosthenes , Aristoteles, Didymus, alii, 
quorum nomina ad nos non pervenerunt. Die Untersuchung geht 
fort bis zum Schluß mit gleicher umsieht, einsieht und vor- 
sieht. Das urtheil über Pollux als eines gewährsmannes eines 
gemischs sehr guter und sehr schlechter nachrichten über atti- 
sche alterthümer und die specielle Würdigung der einzelnen ab- 
schnitte ist durch Stojentin festgestellt. 

Wenn vrf. nun andrerseits bei vergleichung der grammati- 



112 34. Pollux. Nr. 2. 

kernachrichten eine besondere Verwandtschaft zwischen Pollux 
und Hesychius zu finden meinte und daraus auf die benutzung 
des pamphilischen glossars schloß , so kann ich ihm hier nicht 
mehr folgen. Er schließt sich Schmidts anschauungen von der 
entstehung des Hesychius an und hält diesen für einen verkürzten 
seiner gelehrsamkeit durch Vestinus-Diogenian beraubten Pam- 
philus. Bei dieser anschauung aber ist es sehr befremdlich, 
daß ungefähr die hälfte der Polluxglossen , die doch alle pam- 
phileisch sein sollen , im Hesych spurlos verschwunden sind ; 
für den rest finden sich parallelstellen, vielfach so kurz, daß 
eine vergleichung kaum möglich ist, zum theil wie Stojentin 
zugesteht direct widersprechend, bei anderen glossen ist die 
Übereinstimmung nicht größer , wie mit den übrigen lexicogra- 
phen und nur bei einer verhältnißmäßig geringen zahl macht 
sich eine frappante gleichheit im gegensatz zu den übrigen 
grammatikernachrichten geltend. Stojentin hebt eine reihe sol- 
cher punkte hervor, scheint mir aber zu weit gegangen zu 
sein. Besonders gemeinsame irrthümer des Pollux und He- 
sychius lassen sich seltener nachweisen, als er will. So kann 
ich in den Worten uq%6vtoov 8s tü>v 3 *ddr]vt]aiv bvh^ara. ol iv- 
vw uQiovisg. nur eine Überschrift sehen entsprechend dem z/«- 
jc«(TT//p/a ' j4&rjvi}<siv. " \Aquoq ndyoq § 117. (cfr. §§ 27. 31. 40. 
54) und nicht eine selbständige glosse, die bei Pamphilus-Hesy- 
chius: ipvs'a dg^ovisg dgpj Sid ivv sa dg^övzoiv ihre parallele fände. 
Im andern falle würde wohl ovofia, nicht ovo/iura gelesen werden. 
Die eiaaycoyeig § 101 sind jetzt wirklich inschriftlich constatirt. 
§ 93 liegt wohl ein mißverstehen einer angäbe des Aristoteles 
vor. Ob man hierher ziehen darf den Schluß der glosse diat- 
77]tai des Harpocratio wage ich nicht zu behaupten. Das dno- 
dsn7ai. dcg^rj ' \A&jjvqGiv räv d no8 e%o fis'v a>»> rd ^gijuata ver- 
räth einen etymologen, nicht aber den Androtion. Die parallelen 
%ag(oviov zu tvöexa, nkdravog zu yvvaixovo^oi (§ 112), nvgcpogog, 
xazaxXijOia zu ovyxfajrog , nagetlltui zu japiug, i^tjyyt^g und 
einige andre kann man gelten lassen. Aber dies alles beweist 
doch nur, daß ein theil des mosaiks der quelle des Pollux 
vielleicht aus Pamphilus oder Diogenian stammt, bedingt aber 
keine durchgehende benutzung. 

Dazu kommen noch einige unbequeme Zeugnisse: die glosse 
ySQaiQui geht auf Diogenian zurück, wird aber auch dem Dio- 



I 



Nr. 2. 34. Pollux. 113 

nysius von Halicarnaß zugeschrieben, dieser hat aber nicht den 
Diogenian benutzt, wie ich nachgewiesen zu haben glaube, son- 
dern ist von ihm ausgeschrieben. Dann stammt diese glosse 
bei Hesych also nicht aus Pamphilus! Ferner wird die mit 
Pollux § 97 identische erklärung des wortes imat artig bei Eu- 
stathius dem Telephus zugeschrieben, der bisher für den lehrer 
des kaisers L. Verus nicht ohne Wahrscheinlichkeit gehalten 
wurde: das würde auch immerhin gegen Stojentin sprechen, 
der ihn als quelle des Pamphilus annimmt. Denn da auch 
Eustathius den Diogenian benutzt hat, kann das übereinstimmen 
zwischen Hesych und Eustathius kein beweis für seine ansieht 
sein, zumal man nicht begreift, wie Eustathius Pamphilus hätte 
benutzen können. Zum Schluß aber ist noch zu bemerken, daß 
wir gar nichts bestimmtes wissen über umfang , anordnung , in- 
halt des Pamphilus. Die Hesychiusfrage ist sehr controvers, und 
wenn ich auch, so weit ich bisher urtheilen kann, Moritz Schmidt 
beistimme, so hat doch auch dieser nirgends erwiesen, daß der- 
artige glossen wie sie Pollux im achten buch giebt, im Pam- 
philus vorhanden waren. Dagegen sprechen die fragmente , die 
den Pamphilus nicht so sehr als realencyclopädisten , wie We- 
ber wollte, kennzeichnen, sondern als einen alexandrinischen 
grammatiker, dessen thätigkeit im interesse der etymologie und 
textkritik der dichter auf die erklärung veralteter oder fremder 
und dialektischer worte (yläacat i&nnail) sowie auf prosodie 
und accentlehre (s. Athen. II, 52 F) gerichtet war. Auch hier 
dürfte man gewisse resultate erst nach auflösung des Suidas *), 
Photius u. s. w. erwarten können. 

Daß endlich Pamphilus werk dem Pollux nicht unbekannt war, 
daß es sogar von ihm benutzt ist, z. b. im buch X, ist mir nicht 
unwahrscheinlich , aber wir dürfen eben nicht vom zehnten auf 
das achte buch zurückschließen. In diesem aber scheint ihm 
Telephus schrift nsgl täv *A&rjvriGi Öinaar^giojv und negl rcöf 
'jidi'jvTjot töficov xal i&av vorgelegen zu haben, eine thatsache, 
die, wenn sie auch ganz feststände, zur weitern Zergliederung 
des Pollux zunächst nichts nutzt. 

Ich glaube hiermit einigermaßen gezeigt zu haben, daß 

1) Ich hoffe , eben mit einer abschritt dea lexicon des Eudemus 
(codex Paris. 2635) zu ende gekommen, selbst weitere beitrage zur 
kritischen geschiente dieses glossars geben zu können. 

Philol. Anz. IX. 8 



114 Theses. Nr. 2. 

Stojentins buch für die kritik der grammatikerangaben über die 
attischen staatsalterthümer und somit zu ihrer erforschung eine 
bedeutende leistung, dagegen für die geschichte der griechischen 
lexicographie weniger fördernd ist. Ich hoffe , er selbst wird 
wenigstens einen theil meiner einwände für berechtigt halten. 

K. Boysen. 



Theses. 

De legum Platonicarum compositione quaestiones selectae. 
Dissertatio philologica, quam ad summos . . honores . . in uni- 
versitate Fridericia Guilelma Rhenana . . . d. XI m. Aug. 
MDCCCLXXVII . . defendet . . Im Bruns. Theses : I. Falso 
Thurot (Bibliotheque de l'ecole des hautes dtudes fasc. 17) in 
emendando Ciceronis de fato libello respiciendum esse dixit co- 
dicem Turonensem. Est enim Vindobonensis apographon. — II. 
Theognis 22 (Bergk.) oode 8'txaazog igst scribendum. — III. 
Nimis adhuc neglectae sunt in studiis Platonicis quaestiones de 
particulis , gravissimae illae quidem ad constituendum ordinem 
dialogorum. Velut eadem ratione, qua crebrescunt particulae 
restringentes {a%s86v sim.), rarescunt logicae (aga sim.). — IV. 
Alienum ab iis scriptis Platonicis, quae perfecta arte composita 
sunt, Isyufitvog participium ita usurpatum ut sit „de quo dictum 
est". — V. Politicus dialogus Piatonis eo consilio scriptus est, 
ut defenderet artem methodologicam sive dichotomicam in So- 
phista adhibitam. — VI. Falsi commentatores Lucretiani in in- 
terpretando participio „confulta" (Lucr. II, 98). Vertit enim 
Lucretius hoc verbo Epicuream (Diog. Laert. X, 44.) vaegeioewg 
(cf. 42, 50) notionem. — VIT. Lucret. II v. 98 legendum: . . 
magnis convecta resultant, v. 101: . . intervallit confulta 
resultant. — VIII. De tempore, quo Seneca pbilosophus consul 
fuerit , certi quidquam ne Borghesiana quidem ratione effectum 
est. — IX. Studia quae versantur in historia philosophiae grae- 
cae quam acerrime defendenda a rationibus quas Teichmüller 
nuper proposuit in libro „die platonische frage". 



Bibliographie. 

Börsenbl. nr. 11 berichtet aus Wien, daß sowohl in Wien 
als in der provinz der absatz literarischer producte um Weih- 
nachten 1877 selbst die bescheidensten ansprüche unerfüllt ge- 
lassen habe. Es ist das auch in andern orten und ländern so, 
wie das ein artikel im Börsenbl. nr. 23 zeigt, der den grund 
der schlechten geschäfte in der allzugroßen Unternehmungslust 
und der überproduction findet : nur in Zeitschriften und lieferungs- 



Nr. 2. Bibliographie. 115 

werken wären geschäfte gemacht. Es liegt darin ohne zweifei 
etwas wahres: doch möchte ein noch wichtigerer darin liegen, 
daß die buchhändler selbst zu wenig von der literatur verstehen, 
die bedürfnisse des publicum daher nicht erkennen oder ver- 
kennen, eben daher auch unverhältnißmäßigen aufwand in der 
herstellung machen und die preise zu hoch stellen. Doch ist 
dies ein schweres und undankbares capitel, da die Verleger den 
philologischen anzeiger doch nicht lesen und die vielen schönen 
Wahrheiten, die ihnen derselbe sagt, unbeachtet lassen : s. PhAnz. 
VIII, 10, p. 505; vrgl. 12, p. 623. 

Im Dictionnaire de la conversation findet sich in Bouchitte's 
artikel über Iacob Böhme unter dessen Schriften auch eine be- 
titelt : Reflexions sur les bottes cV lsaia, wobei wohl mancher ver- 
wundert an Stiefel des propheten Iesaias denken dürfte. Böhme 
hat aber eine Streitschrift geschrieben gegen eine theologische 
abhandlung des theologen Isaias Stiefel. (Deutsche allg. ztg.) 

Zur reform des buchhandels erscheinen immer noch artikel : 
s. Börsenbl. nr. 19: besonders zu beachten der bericht der com- 
mission für reform auf der generalversammlung der buchhändler 
zu Leipzig am 28. Januar 1878 in Börsenbl. nr. 31. Es bleibt 
eben halter beim alten. Für weiteres vrgl. Börsenbl. nr. 35. 43. 

In der in Augsb. allg. ztg. beil. zu nr. 37, im Börsenbl. 
nr. 23 gegebenen systematischen Übersicht der literarischen er- 
zeugnisse des deutschen buchhandels in den jähren 1876 und 
1877 kommen in 1877 auf alte classische und orientalische 
sprachen, alterthumswissenschaft und mythologie 529 nummern 
gegen 511 im jähre 1876, dagegen auf pädagogik, deutsche 
Schulbücher und gymnastik (!) 1817 gegen 1620 im jähre 1876. 

Kurze anzeige des vortrefflichen werkes von Otto Lorenz, 
Catalogue general de la libraire franc^ise depuis 1840. T. V. 
VI. 1866—75. 8. Paris 1876. 1877 in Börsenbl. nr. 35. 
Dabei sind gelegentlich die bibliographischen werke erwähnt, 
welche die französische literatur von 1700 an enthalten, werke 
von Querard und Lorenz. 

Aus den „Grenzboten" ist in Börsenbl. nr. 47 übergegan- 
gen ein artikel überschrieben „Bibliothekserfahrungen": derselbe 
schildert in sehr ansprechender weise das publicum hinsichtlich 
der benutzung von bibliotheken : der deutsche Michel kommt da 
recht deutlich zum Vorschein. 

Die Otto Harrassowitz-huchka,n&hmg und antiquariat in Leip- 
zig hat einen antiquarischen catalog veröffentlicht, der nach 
Beichsanz. nr. 14 eine auswahl werthvoller, größerer und selt- 
nerer werke aus den gebieten 1) der theologie, philosophie und 
pädagogik, 2) der classischen philologie und alterthumskunde, 
3) der linguistik, 4) der geschichte und deren hülfswissenschaf- 
ten enthält. 

Das unternehmen , eine geschichte des deutschen buchhan- 

8* 



116 Bibliographie. Nr. 2. 

dels zu schreiben — s. PhAnz. VIII, 10, p. 516 — hat zu- 
nächst ein „Archiv für die geschichte des deutschen buchhan- 
dels" hervorgerufen, herausgegeben von der historischen com- 
mission des börsenvereins # der deutschen buchhändler, dessen er- 
stes heft (13 bogen) erschienen und im Keichsanz. nr. 26 be- 
sprochen ist. 

Prospecte sind versandt über /. E. Erdmann, grundriß der 
geschichte der philosophie. 2 bde. 8. Berlin, W.Hertz-, Lite- 
rarische berichte aus Ungarn, herausgegeben von P. Hunfalvi, 
8. Pest, K Knoll (Leipzig, F. A. Brockhaus); Literaturblatt . . 
von A. Edlinger, Leipzig und Wien, I. Klinkhardt ; verlag von 
S. Calvary & cie. : Jahresbericht über die fortschritte der clas- 
sischen alterthumswissenschaft , herausgegeben von C. Bursian, 
Fünfter Jahrgang. 1878. 

Verlagsbericht über die im jähre 1877 in der Weidmann' - 
sehen buchhandlung in Berlin erschienenen bücher. Januar 1878 ; 
verzeichniß von in den letzten jähren erschienenen . . Schriften 
aus dem gebiete der . . . pädagogik aus dem verlage von C. 
Bertelsmann in Gütersloh. 

Angekündigt ist: Deutsches archiv für geschichte der me- 
dizin und medizinischen geographie. Unter mitwirkung von . . 
herausgegeben von Heinrich Rohlfs und Gerhard Rohlfs. 8. Leip- 
zig, Hirschfeld. 

Bibliotheca medica, lager-catalog nr. 127 von Matthias Lem- 
perts in Bonn. 1878. 

Cataloge von antiquaren: verzeichniß (nr. 21) des antiquari- 
schen bücherlagers der Dieterich' sehen Sortimentsbuchhandlung in 
Göttingen; catalog (nr. 29) des antiquarischen bücherlagers . . 
von W. Erras in Frankfurt a. M. ; catalog (135) des antiquari- 
schen bücherlagers von Fr. Wagner in Braunschweig. 



Kleine philologische zeitung. 

Eingeschickt ist: Neckar-zeitung (Heilbrunner Tagblatt) nr. 
7, um zur Verbreitung eines „zur impf -frage" überschriebenen 
aufsatzes zu wirken, der eine mahnung an eitern und ärzte zur 
vorsieht beim impfen enthält: es bespricht derselbe einen fall 
massenhafter syphilis-überimpfung. 

Nach Augsb. allg. ztg. nr. 5 Reichsanz. nr. 9 ist die ex- 
pedition zur erforschung des weißen Nilstroms von capitain Geffi 
und dr. Matteucci wohlbehalten in Chartuni eingetroffen. 

London, 20. jan. Der obelisk, die nadel der Kleopatra, ist 
nunmehr in der mündung der Themse angelangt. 

Neumagen, 21. jan. Hier sind neuerdings interessante al- 
terthümer ausgegraben worden. Aus der „Mosella" des römi- 
schen dichters Ausonius ist bekannt, daß der kaiser Konstantin 
daselbst eine „herrliche veste" besaß , sowie daß „hoch auf ra- 



Nr. 2. Kleine philologische zeitung. 117 

gendem ufer der villen erhabene thürme" in solch unendlicher 
pracht prangten, daß selbst , wie der dichter sagt, ein Dädalus, 
ein Deinokrates und andere berühmte baumeister sich dieser 
kunstwerke nicht zu schämen brauchten. Nach römischer sitte 
kamen zu diesen herrlichen gebäuden auch jedenfalls kostbare 
monumente. Etwa um die hälfte des fünften Jahrhunderts , als 
zur zeit des Untergangs der römischen herrschaft in Gallien 
Trier mehrere male von den Franken zerstört ward, wurde wohl 
auch die „herrliche bürg des göttlichen Konstantin" nebst den 
übrigen villen und sonstigen kunstwerken dem untergange preis- 
gegeben. Der etwa hundert jähre später , wahrscheinlich auf 
den fundamenten des konstantinischen baues durch den damali- 
gen erzbischof Nicetius erbauten, prachtvollsten bürg des trieri- 
schen landes, Nicetia, deren 30 thürme , wie der dichter Venan- 
tius Fortunatus erzählt, den scheitel des hügels umkränzten, er- 
ging es im jähre 881 bei einem angriffe der Normannen nicht 
besser. Die trümmer lagen nun wahrscheinlich Jahrhunderte 
lang herrenlos und zu jedermanns beliebigem gebrauche umher 
oder staken im schütte, und als um das jähr 1100 die reichs- 
unmittelbaren herren von Neumagen dort ihren dynastensitz er- 
bauten, benutzten sie dieselben zu fundamentsteinen, als welche 
sie jetzt ausgegraben werden. Auch der mittlere thurm der 
durch den erzbischof Bohemund von Warsberg im 13. Jahrhun- 
dert erbauten Peters- oder Neuburg war, wie der Jesuit Brower 
erzählt , fast ganz aus solchen kunststeinen erbaut , und noch 
Jahrhunderte später soll ein graf von Mansfeld mehrere schiffe 
voll dieser steine geladen und mit denselben den Mansfeldischen 
garten und das Mansfelder thor in Luxemburg geschmückt ha- 
ben. Selbst mauern alter privathäuser in Neumagen legen in 
einzelnen ihrer steine noch heute zeugniß dieser früheren pracht 
ab. Die färben der aufgefundenen steine haben sich so viele 
Jahrhunderte hindurch ungemein gut erhalten (roth, blau, braun, 
gelb, grün und weiß). Die arbeit ist größtentheils mehr als 
halb erhaben, hautrelief. Außer sand- und kalksteinen als ma- 
terial wurden in letzter zeit auch bruchstücke von marmor, je- 
doch ohne skulptur, aufgefunden. Spuren, welche auf das chri- 
stenthum hindeuten , sind bisher noch nicht entdeckt worden. 
Reichsanz. nr. 18. 

Der erste abschnitt des Systems der landwirthschaft von R, 
Thaer bespricht die entstehung des landbaus , seine beziehung 
zum Ursprung der spräche u. a. nach Reichsanz. nr. 22. 

London, 25. jan. Der schatzkanzler erklärte in der Sitzung 
des Unterhauses, die regierung sehe sich nicht in der läge, 
öffentliche mittel zur erforschung von Africa zu verwenden. 

Petersburg, 27. jan. Heute ist hier durch prof. Katschanow 
das archäologische institut eröffnet, dessen ziel die erfor- 
schung der alterthümer des landes sein soll. Zunächst wird 



118 Kleine philologische zeitung. Nr. 2. 

darauf ausgegangen, an geeigneten orten , wie in Odessa , Tiflis 
u. s. w. centralarchive zu errichten , die ihren mittelpunkt im 
genannten institute dann haben. Auch soll vom institute ein 
besonderes organ ausgegeben werden, dessen erstes heft bald er- 
scheinen wird. Vrgl. Reichsanz. nr. 29. 

Rom, 1. febr. Professor Ernesto Monaci soll ein 3000 la- 
teinische verse umfassendes gedieht auf kaiser Friedrich I. auf- 
gefunden haben. S. Augsb. allg. ztg. nr. 37. 

Berlin, 8. febr. Gestern hat prediger Paulus Cassel einen 
öffentlichen Vortrag über „den Ursprung der spräche" gehalten. 

Neuenburg, 9 . febr. Durch die tieferlegung des Neuenburger 
sees wurde die interessante pfahlbaustation „La Tene" in der 
nähe von Epargnier am linken ufer des neuen ausflußkanals der 
Ziehl wenigstens theilweise bloßgelegt. Ein theil der Station 
befindet sich auch jetzt noch unter wasser, ein anderer theil 
unter einem kieslager , in welchem bei jeder kiesausgrabung 
pfähle entdeckt werden. Die Station muß , nach einem berichte 
des prof. Desor im „Peuple", früher durch eine art von natür- 
lichem dämm gegen das andringen der wellen geschützt gewe- 
sen sein, was ebenso wie der wald bei St. Blaise auf einen nie- 
drigeren Wasserstand des sees schließen läßt. Erst in folge der 
erhöhung des letzteren trat dann die überfluthung und zugleich 
die Versandung der Station ein. Aus den in der Station ausge- 
grabenen gegenständen läßt sich nun ungefähr auf den Zeitpunkt, 
in welchem die erhöhung des niveaus des sees stattgefunden 
hat, ein schluß ziehen. Die Station gehört nämlich der eisenpe- 
riode an : sie enthält neben gallischen degen, lanzen und mün- 
zen auch eine anzahl römischer münzen, woraus hervorgeht, daß 
man auf derselben noch zur zeit der Römer gewohnt und han- 
del getrieben hat. Die römischen münzen rühren von den kai- 
sern Augustus, Tiberius und Claudius her; in neuester zeit 
wurde sogar eine solche von dem kaiser Hadrian gefunden, so 
daß also das ereigniß, welches die erhöhung des sees herbeige- 
führt hat, nicht vor dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung 
eingetreten sein kann. Reichsanz. nr. 33. 

Ueber den Asia-Mussa d. h. stab des Moses genannten bäum 
giebt einiges Reichsanz. nr. 33. 

Nach längerer Unterbrechung — s. PhAnz. VHI, 11, p. 
565 — erhalten wir wieder nachrichten über die ausgrabungen 
in Olympia: Reichsanz. nr. 51 bringt nämlich folgenden (nr. 
XX) von dr. G. Treu verfaßten beriebt : Olympia, 11. febr. Das 
seit dem letzten berichte verflossene Vierteljahr ist an plastischen 
fanden nicht so reieb gewesen, wie die ersten anderthalb monate 
der laufenden arbeitsperiode , um so reicher aber an epigraphi- 
schen und architektonischen entdeckungen, welche unsere kennt- 
niß der Altis-topographie mächtig gefördert haben. — Die gra- 
bungen von der Westfront des Zeustempels haben wiederum einen 



JsTr. 2. Kleine philologische zeitung. 110 

Kentaurenkopf (19. nov. 1877) und zahlreiche kleinere frag- 
mente der westlichen giebelgruppe zu tage gefördert. Dieser 
köpf, der südlichste aller bisherigen giebelfunde (er lag fast 40 
m, südwestlich von der s. w. ecke des tempels) , ist besonders 
bezeichnend für den dramatischen realismus, mit dem hier Wild- 
heit und kampfesungestüm jener pferdemenschen geschildert wer- 
den : der Kentaur zerfleischt mit seinen zahnen den arm eines 
Lapitlnn, mit dem dieser ihn von hinten zu würgen sucht. Der 
straubige hart am den verzerrten mund des Kentauren, das rück- 
wärts flatternde haar, ursprünglich auch ein paar lange spitze 
pferdeohren, deren einsatzlöcher sich noch erhalten haben, sollten 
den ausdruck grasser Wildheit noch steigern. Von dem Lapithen 
ist nur der linke arm übrig. — Eine erweiterung des erdab- 
stichs naeh w. bis auf ca. 50 m. von der tempelfront und ein 
vorstoß nich. s. w. , der in folge der glänzenden funde unter- 
nommen -wurde, welche unser voriger bericht aufgezählt hat, er- 
gab für die giebelgruppe nur wenige geringe splitter. Nach 
dieser Seite hin scheint eine römische ziegelmauer, die ca. 32 m. 
westlich voi der Westfront entlang zieht, die grenze unserer 
hoffnung auf weitere ergänzungen der giebelgruppe zu bilden. 
Freilich haben wir uns innerhalb des neuaufgedeckten terrains 
kaum erst dem antiken boden genähert; es hat sich derselbe 
aber bereits dirch sehr zahlreiche münzen und bronzefragmente 
von statuen und geräthen , neuerdings auch durch eine Olympi- 
oniken inschrift luf rothem marmor und einen schön gearbeiteten 
bronzenen kinderarm (9. febr.) anzukündigen begonnen. — Auch 
die Umwälzung 1er gewaltigen, vom tempel herabgestürzten bau- 
glieder, mit denen das terrain vor der Westfront förmlich über- 
säet ist, und die durchsuchung des erdreichs unter demselben 
hat zahlreiche frigmente von giebelstatuen und viele bronze- 
funde geliefert. r Jnter den letzteren verdient eine vorzüglich 
erhaltene, etwa aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert stam- 
mende bronzeur künde als ein stück ersten ranges hervorge- 
hoben zu werden. Sie ist in elischem dialect abgefaßt und be- 
zieht sich auf eine eintheilung des bürgerrechts durch die bis- 
her noch gänzlich uibekannten Chaladrier. Es ist diese am 
6. december 1877 gefundene inschrift das älteste aller bisher auf 
olympischem boden ausgegrabenen epigraphischen denkmale ge- 
schichtlich wie sprachlich von gleich hohem interesse. Zu 

den schwierigsten aufgaben, welche uns für diesen winter ge- 
stellt waren , gehört der abbruch und die genaue durchsuchung 
des gewaltigen maueivierecks am Zeustempel, durch das sich 
die bewohner des olympischen thales in frühbyzantinischer zeit 
gegen die einfalle räuberischer horden zu schützen gesucht ha- 
ben. In anlehnurg an die Südwest- und nordostecke des hoch- 
ragenden tempel fundanentes sind jene mauern in einer breite 
von ca. 3 m. sehr solide aus antiken quadern , säulentrommeln, 



120 Kleine philologische zeitung. Nr. 2. 

architraven , triglyphen, kolossalen marmornen löwenköpfen von 
der traufrinne des Zeustempels und namentlich sehr zahlreichen 
stätuenbasen zusammengefügt worden und haben sich daher als 
eine fast unerschöpfliche fundgrube nicht nur für die architek- 
tonische reconstruction der Altisgebäude, sondern auch als sieger- 
und ehreninschriften aller art erwiesen. Unter den ersteren 
nenne ich hier nur zwei, welche bereits Pausanias gelesen haben 
muß (VI., 10 9 und 9,2), die des Oresthasiers Tellon und des 
Mänaliers Xenokles, welche beide als knaben im faugtkampf 
siegten. Das Standbild des letzteren, von dem sich leiier nur 
noch die fußspuren erhalten haben, war von (dem Jüngern) Po- 
lyklet, wie die inschrift meldet und auch Pausanias berichtet. 
Andere künstler, wie Sophokles (zwei inschriften) und Pyri- 
lam p os haben wir erst aus olympischen inschriften kennea gelernt. 
Unter den übrigen ehreninschriften verdient besonders diejenige 
einer erwähnung, mit welcher die Eleer die statue wahrschein- 
lich des bekannten historikers Polybios, des Lykorta* söhn, aus 
Megalopolis, weihten. Auch zwei nachkommen desselben wur- 
den noch in später zeit der gleichen ehre gewürdigt — Beim 
abbruch des gewirres von elenden hütten in der ungebung des 
östlichen theils dieser byzantinischen mauer sollten wir in voll- 
ständigerer weise als bisher über die zeit und die lebensweise der 
leute belehrt werden, die sich hier ihre kümmerliehen wohnstät- 
ten aus den antiken bau- und statuentrümmern, velche der bau 
der großen mauer übrig gelassen, aus ziegelscherben und dazwi- 
schen gestopfter erde zusammengeflickt haben. Am abend des 
22. dezember v. j. nämlich stießen wir dicht ai der byzantini- 
schen ostmauer auf einen häufen der verschiedenartigsten durch 
eisenrost zu einem förmlichen klumpen zusammengewachsenen 
gegenstände, die von ihrem besitzer offenbar eilig und hastig, 
vielleicht vor nahender gefahr in einer ecke seines hauses ver- 
graben worden waren. Das hauptstück war ein mächtiges thon- 
faß, in dem zwei kleine bis an den rand mit kupfermünzen ge- 
füllte thonkannen verborgen waren. Auch tuf dem boden des 
fasses tmd in einem anderen thongefäß neben demselben waren 
kupfermünzen aufgehäuft — im ganzen mehrere tausende im 
gewicht von sechs kilogrammeu. Die noch kenntlichen stücke ge- 
hören nach der bestimmung dr. Friedländers der zeit Constan- 
tins des Großen, Leo I. (457 — 474) und des Iustinian (527 — 
565) an. Frühestens also im sechsten jahrhindert n. Chr. vergrub 
der bewohner dieses hauses sein geld zusammen mit seinem 
koch- und hausgeräth : einem kessel, einer flasche und drei kan- 
nen aus bronze, einem eisernen kohlenhafen und einem großen 
löffelartigen instrumente aus eisen. Ferner fand sich hier sein 
ganzes eisernes ackergeräth: 5 hacken, 2 schaufeln, eine brech- 
stange, mehrere messer, etwa ein dutzend sicheln, eine kette mit 
halseisen u. dergl, mehr. Von ackerbau und weinkultur werden 



Nr. 2. Kleine philologische zeitung. 121 

also schon damals die bewohner des olympischen thales gelebt 
haben, wie auch jetzt unsere nachbaren, die bauern von Druva 
und Miraka. Auch sonst nämlich haben wir nicht nur eisernes 
ackergeräth, wie pflugschaaren, sicheln u. dergl. gefunden, son-' 
dem namentlich äußerst zahlreiche keltern, aus antiken inschrift- 
steinen, marmor- und muschelkalkplatten gefügt und in säulen- 
trommeln ausgehöhlt. Auf ein armes bauerngeschlecht weisen 
auch ihre ärmlichen gräber, welche sie, anscheinend dicht unter 
dem boden der gemacher, die sie bewohnten, aus antiken stein- 
und thonplatten herstellten. Sie enthalten kaum jemals etwas 
mehr als die Überreste der stets mit dem köpfe nach westen be- 
statteten leichen, die in den engen grüften oft zu vieren neben- 
und übereinander gepfercht sind. Nur in einem einzigen falle 
fanden sich ein paar silberplattirte nadeln und spangen neben 
dem skelette liegend. — Wichtigere und interessantere resultate 
ergiebt der boden sofort, sobald man unter diese späte häuser- 
und gräberschicht auf das antike niveau der Altis hinabsteigt. 
Außer den reichen schätzen an statuen und Anschriften, die hier 
früher gehoben worden sind , haben wir in den tieferen schich- 
ten überall die reste des einstigen ungeheuren bronzereich- 
thums der Altis auflesen können. So ergab ein kleiner Wasser- 
graben, der in die entsprechende tiefe hinabgedrungen war, auf 
einer strecke von wenigen metern außer zahlreichen fragmenten 
von kesseln, dreifüßen u. dgl., mehrere werthvolle ältere inschrif- 
ten und namentlich zwei schöne bronzene greifenköpfe. Der 
größere von beiden besonders (15. jan. 1878), welcher 36 cm 
mißt, ist ein wahres prachtstück alterthümlicher kunst, über und 
über mit einer reichen graffitozeichnung von schuppen und schlan- 
genartig gowundenen linien bedeckt. Er wird ursprünglich ir- 
gend ein geräth , einen kessel vielleicht , als zauberabwehrendes 
und zierendes symbol geschmückt haben. 

Daran schließen wir aus Reichsanz. nr. 59 beil. 1 den ebenfalls 
von dr. G. Treu verfaßten sehr erwünschte aufschlüsse gebenden 
berichtXXI: Olympia, 21. febr. Als ein zweites centrum für die 
arbeiten dieses winters bot sich uns neben dem Zeustempel das He- 
raion dar. Auch die Umgebung dieses tempels galt es weiter aufzu- 
klären. Eine erweiterung des erdabstichs rings um denselben bis 
auf ca. 8 m. vom Stylobat legte im norden die schon von Pausanias 
6, 19, 1 erwähnte Stufenterrasse frei, welche zu den ausläufern 
des Kronionhügels hinaufführt. Dicht vor der mitte der Ostfront 
fanden sich die fundamente eines altars oder dergleichen. Der 
haupteingang des tempels war offenbar an der südostecke. Dies 
beweisen nicht nur vorgelegte niedrigere stufen, sondern auch die 
richtung der in die säulen eingelassenen inschrifttafeln , deren 
einsatzspuren sich noch erhalten haben — auch zwischen den 
säulen muß einst, den Standspuren nach zu schließen, ein ganzes 
archiv von inschriftplatten gestanden haben. Diese südostecke 



122 Kleine philologische zeitung. Nr. 2. 

wurde in römischer zeit durch einen Springbrunnen und mehrere 
ehrenstatuen geschmückt, deren basen sich noch erhalten haben. 
Nach den inschriften standen auf denselben die bildsäulen eli- 
scher honoratioren und deren weiblicher familienglieder; unter 
ihnen auch ein später nachkomme des Pheidias, der als solcher 
das heilige amt eines reinigers des goldelfenbeinernen Zeuskolos- 
ses bekleidete. Von diesen postamenten mögen die statuen her- 
stammen, die wir aus den späteren mauern an der ostseite des 
tempels hervorgezogen haben (bericht XIX), leider ohne ihre 
köpfe. — Am 15. januar haben wir nun auch einen köpf jener 
epoche gefunden und zwar in der erde unter einer jener mau- 
ern, die in später zeit aus lauter Säulentrommeln vom Heraion 
zusammengewälzt in doppeltem zuge die südfront des Heraions 
begleiten. Es ist das ein anmuthiger weiblicher portraitkopf, 
überlebensgroß, der haartracht nach zu schließen, etwa aus dem 
anfang des ersten nachchristlichen Jahrhunderts; die anordnung 
der locken entspricht der hofsitte augusteischer zeit. — Dringt 
man an der süd- und Westseite des Heraions unter das niveau 
der antiken statuenbasen , der Wasserleitungen und abflußrohre 
hinab , die sich , von den höhen herabkommend , im westen des 
tempels förmlich drängen , so gelangt man in eine fundschicht, 
die für uns die ältesten epochen griechischer kultur repräsentirt. 
Characteristisch für dieselbe ist besonders eine gewisse klasse 
kleiner thierfiguren aus bronze, die sich hier, wie überall in 
der Altis, wo man in tiefere schichten gedrungen ist, bereits zu 
vielen hunderten gefunden haben. Es sind meist ochsen, kühe, 
pferde; aber auch hirsche, hasen, vögel kommen vor, oft so roh 
gearbeitet, daß man die gemeinte thiergattung gar nicht zu be- 
stimmen wagen kann, bisweilen aber auch mit aller Sorgfalt ar- 
chaischer kunstübung gebildet. Einige derselben haben zu tek- 
tonischen zwecken, zur Verzierung von gefäßhenkeln u. dergl. 
gedient; die bei weitem größere masse bilden aber sicher votiv- 
gaben, wie man sie in der umgegend aller größeren kultusstät- 
ten angetroffen hat. Auch menschliche figuren und geräthschaf- 
ten , die sich hier im kleinen nachgebildet finden , wie wagen, 
dreifüße u. dgl. sollten der gottheit geweiht werden. Aermere 
leute ließen sich wohl auch an thier- und menschengestalten aus 
gebranntem thon genügen, von denen die hier gefundenen das 
äußerste an grotesker rohheit leisten. — An der schatzhäuser- 
terrasse.ist mit der ausgrabung der thesaurenfundamente so weit 
fortgefahren worden, daß wir bald hoffen dürfen, sämmtliche eilf 
thesauren freigelegt zu haben, welche Pausanias aufzählt. An 
plastischen fanden ist hier für jetzt nur ein kleiner männlicher 
marmortorso (21. jan.) zu erwähnen, der in eine spätere mauer 
verbaut war. — Schlössen sich die arbeiten uvn den Zeustempel, 
das Heraion und die thesauren eng an die resultate der vorigen 
ausgrabungsepoche an, so habe ich im folgenden der neuen im- 



Nr. 2. Kleine philologische zeitung. 123 

ternehmungen zu gedenken, welche wir im auftrage des directo- 
riums in angriff genommen. — In den beiden ersten ausgrabungs- 
jahren war man vom Zeustempel als centrum in sieben strahlen- 
förmig angeordneten graben nach s. , w., n.-w. , n. und n.-o. 
vorgegangen. Dieses System von graben wurde nun zunächst 
durch einen von der mitte der Zeustempelfront nach Osten zie- 
henden graben vervollständigt, welcher, in seiner mitte nach s.- 
o. umbiegend, auf einen römischen Ziegelbau am Alpheios zugeht, 
das sogenannte Octogon (Octogongraben). — Dieser graben führte 
am 16. nov. v. j. schon in ca. 3 m. tiefe zu einem schönen pla- 
stischen funde : einer viereckigen marmorbasis , an der sowohl 
die obere hälfte als die rückseite abgesplittert waren. Die drei 
erhaltenen seiten zeigten sich mit reliefs guten griechischen Stiles, 
etwa der Diadochenzeit , bedeckt. An zwei gegenüberliegenden 
seiten sieht man Herakles mit dem nemeischen löwen ringend 
und als sieger auf dem lang hingestreckten, gewaltigen thiere 
sitzend. Die dritte seite ist mit einer figurenreichen darstellung 
bedeckt, deren sinn sich nicht enträthseln läßt, da hier, wie 
auch an den andern seiten , die obertheile der figuren fehlen : 
links eine thronende frau, von der sich ein mann eilenden Schrit- 
tes wegbegiebt, um auf eine gruppe von vier langbekleideten 
frauen zuzuschreiten. — Als wir im octogongraben tiefer hin- 
abstiegen, that sich uns hier dasselbe gewirre von späten, aus 
trümmern zusammengeflickten hütten auf, wie vor der Ostfront 
des Zeustempels, dieselben keltern und gräber. Wichtig wurde 
aber besonders die thatsache, daß sich in dieser mauer bis auf 
eine entfernung von 100 m. vom Zeustempel zahlreiche fragmente 
von der ostgiebelgruppe und der Nike des Paionios ver- 
baut fanden ; aus der giebelgruppe auch ein kopfstück, das wohl 
dem knieenden wagenlenker der linken giebelseite angehört — eine 
deutliche mahnung , die hoffnung auf die fehlenden glieder und 
köpfe der giebelgruppen und der Nike so lange nicht aufzuge- 
ben, als nicht das ganze gebiet im osten des Zeustempels aufge- 
deckt ist. — Noch tiefer in den eigentlich antiken boden ein- 
dringend, stießen wir in einer entfernung von mehr als hundert 
metern östlich vom Zeustempel auf römische mosaikfußböden, 
was wir wohl als ein zeichen dafür nehmen durften , daß wir 
uns wahrscheinlich schon außerhalb der Altis befänden. Und 
in der that durchziehen den graben wenige meter näher zum 
Zeustempel hin zwei mächtige quadermauern in nordsüdlicher 
richtung, von denen die östlichere in ihrer Verlängerung nach 
n. das ostende der schatzhäuserterrasse treffen müßte, also gerade 
den punkt, wo sich nach Pausanias der für die kampfrichter 
bestimmte eingang in das Stadion befand. Diese mauer also, 
oder vielleicht ihre mehr nach w. gelegene begleiterin , wird 
als ost-Altismauer die grenze des heiligen gebietes bezeichnen, 
das sich mithin nach dieser seite gegen 100 m. weit von der 



124 Kleine philologische zeitung. Nr. 2. 

Ostfront des Zeustempels aus erstreckt haben würde. — Im s. 
besitzen wir vielleicht in einer der schon durch die frühem aus- 
grabungen aufgedeckten mauern des sg. westgrabens die s ü d- 
grenze der Altis, etwa 107 m. vor der Südseite des Zeustempels. 
Bedürfen aber diese annahmen noch einer bestätigung durch 
den fortgang der ausgrabungen und entbehren wir im w. bis 
jetzt noch jeder künde über die ausdehnung der Altis nach 
dieser seite hin, so dürfen wir dafür hoffen, über die nordmauer 
der Altis sehr bald genau unterrichtet zu sein. — Die zweite 
neue aufgäbe nämlich, die uns gestellt war, bestand in der Un- 
tersuchung und Verfolgung dreier antiker quadermauern, welche 
sich in dem vom Zeustempel nach n.-w. zum Kladeos hin zie- 
henden graben gezeigt hatten. Zu diesem zwecke wurde vom 
Heraion nach w. , auf die südliche dieser mauern zu , ein gra- 
ben gezogen , der uns die wichtigste der entdeckungen dieses 
winters brachte — die reste des Philippeion, jenes säulenumge- 
benen rundbaues, welchen könig Philipp von Macedonien nach 
der niederwerfung der Hellenen bei Chäroneia (338 v. Chr.) 
errichten ließ. Da dieses gebäude zum gegenstände eines be- 
sonderen berichts gemacht werden wird , hier nur so viel , daß 
von demselben nur die beiden konzentrischen fundamentringe 
unzerstört geblieben sind, daß aber fast sämmtliche übrigen bau- 
glieder in den über die fundamente hinziehenden späten mau- 
ern der Umgebungen vorgefunden wurden. In denselben steck- 
ten zum theil auch die reste mehrerer sich ringförmig zusam- 
menschließenden marmorbasen , des einzigen, was uns von den 
goldelfenbeinbildern des königs, seines großen sohnes und seiner 
übrigen familienmitglieder geblieben ist, deren statuen sämmtlich 
Leochares gefertigt hatte. Aus jenen späten mauern wurde 
außerdem eine kopflose weibliche gewandfigur römischer arbeit 
hervorgezogen (25. dez. 77) und eine marmorstatuette des auf 
einem felsen, wie es scheint, trunken hingelagerten Herakles 
(11. jan. 78); auch dieser Statuette, deren arbeit frühestens der 
späteren griechischen zeit angehört, fehlt der köpf. In der das 
Philippeion umgebenden erde wurden außer zahlreichen bronze- 
gegenständen und votivthierfiguren ein schönes spannenhohes 
bronzefigürchen ausgegraben, sowie eine weibliche, reich be- 
kleidete gestalt archaischen stiles (20. febr .). Ferner ein liegender 
löwe aus kalkstein, ca. 60 cm. lang, von sehr alterthümlicher schö- 
ner arbeit mit schuppenartig behandelter mahne; er scheint als 
Wasserspeier gedient zu haben (gefunden 16. febr.). Etwas weiter 
gegen w. fanden sich zwei werthvolle, alterthümliche bronze- 
inschriften. — Von den mauern im n.-w.-graben erwiesen sich 
zwei als einem und demselben bezirke angehörig, der ein genau 
nach den himmelsgegenden orientirtes quadrat von mehr als 66 
m. seitenlange gebildet und in seiner gewaltigen ausdehnung fast 
den ganzen u. - w. der Altis eingenommen zu haben scheint. 



Nr. 2. Kleine philologische zeitung. 125 

Ob in demselben das prytaneion der Eleer gefunden ist, das 
nach Pausanias nahe am Philippeion lag , kann erst der fort- 
schritt der ausgrabungen lehren. Ist dies der fall, so haben wir 
in einer gewaltigen quadermauer , die ca. 6 m. nördlich an der 
nordseite des prytaneions entlang läuft, wahrscheinlich die nord- 
Altismauer und dürfen hoffen, bald das thor derselben zu fin- 
den, das dem gyrnnasion gegenüber lag und zwischen Philippeion 
und prytaneion angenommen werden muß. Die Altis hätte sich 
dann ca. 110 m. von der nordseite des Zeustempels nach n. 
erstreckt. 

Cöln. In der nähe der Stadt Sebastopol werden, wie man 
der „Cöln. ztg." schreibt, gegenwärtig die archäologischen ausgra- 
bungen fortgesetzt, welche bereits vor 40 jähren begonnen, seitdem 
aber häufig wieder unterbrochen wurden. Die arbeiten selbst 
geschehen auf einer schmalen landzunge, deren ganze Oberfläche 
mit ruinen bedeckt ist. Hier haben um das jähr 50 v. Chr. 
aus Kleinasien ausgewanderte Griechen ihr Neu-Cherson gegrün- 
det. Nördlich von Neu-Cherson befinden sich an der südwest- 
seite der Krim die ruinen einer früheren griechischen Stadt 
gleichen namens. Dort spricht alles von einer zeit des heiden- 
thums, wogegen bei Neu-Cherson, wo heute das kloster St. Wla- 
dimir steht , die Überreste einer christlichen kirche aus der frü- 
hesten zeit ausgegraben werden. Schon vor 30 jähren ist an 
dieser stelle die kirche St. Clemens entdeckt worden , unweit 
der stelle, wo nach der Überlieferung der apostel Andreas ge- 
landet sein soll, um den Griechen das christenthum zu predigen. 
Es sind viele wohnstätten , Wasserleitungen, brunnen und fisch - 
behälter bloßgelegt worden, die sämmtlich mit einem cement von 
außerordentlicher härte umkleidet waren. Außerdem fand man 
verschiedene gegenstände aus marmor , glas und metall , sowie 
kürzlich einen mosaikboden von wunderbarer Schönheit. Auf 
der steinernen platte über einem grabe aus dem 10. Jahrhundert 
waren aus der inschrift die worte : „S-iz Süvestri" zu erkennen, 
die man auf den römischen papst St. Silvester bezieht. Beichs- 
anz. nr. 53. 

Göttingen, 16. märz. Die debatten im herrenhause am 14. 
h. in Verbindung mit drei andern kundgebungen über das rechts- 
studium auf den deutschen Universitäten veranlassen uns schon 
hier trotz des knapp zugemessenen raurnes diesen gegenständ 
zu berühren. Unter jenen kundgebungen verstehen wir die 
brochüre des prof. Gneist über das rechtsstudium (Berlin, Guten- 
tag), welche vierjähriges Universitätsstudium fordert: dann soll 
gegenständ der ersten prüfung sein : 1 ) das in Deutschland gel- 
tende römische und deutsche privatrecht, einschließlich des han- 
delsrechts, der römischen und deutschen rechtsgeschichte, 2) das 
deutsche Staatsrecht mit einschluß der grundzüge des verwal- 
tungsrechts, Völkerrecht, kirchenrecht, strafrecht, civil- und straf- 



126 Kleine philologische zeitung. Nr. 2. 

proceß, grundzüge der Staatswissenschaften. Dann die damit 
stimmende schrift von L. Goldschmidt, das dreijährige Studium 
der rechts- und Staatswissenschaft (Berlin, G. Eeimer), die mit 
rücksichtslosem freimuth und schonungsloser Offenheit die übel- 
stände schildert, unter welchen namentlich auf preußischen Uni- 
versitäten das rechtsstudium zu leiden hat (vrgl. Zarncke's Lit. 
centralbl. nr. 1, p. 16): endlich die aus den Zeitungen bekannte 
motivirte petition der juristischen facultät der Universität Straß- 
burg an den reichstag, welche die forderung stellt: einerseits 
daß die Vorschriften über die juristische prüfung im ganzen 
deutschen reiche von reichs wegen getroffen , die prüfungen in 
den einzelnen Staaten durch reichscommissäre überwacht wer- 
den 5 andrerseits daß der ersten prüfung ein vierjähriges Studi- 
um der rechts- und Staatswissenschaft vorausgehen und die prü- 
fung sich in beiden hauptzweigen auf alle hauptfächer erstrecken 
müsse — Mag dies zusammentreffen zufällig sein oder nicht, je- 
denfalls zeigt es, daß auch die Juristen sich gezwungen sehen 
das auszusprechen, was von collegen anderer facultäten längst 
wiederholt ausgesprochen worden , daß durch neuere einrichtun- 
gen es den docenten trotz aller anstrengung immer schwerer 
fällt, wissenschaftliches leben unter den studirenden zu wecken, 
zu fördern , zu erhalten. Daß sie solchem übel zu steuern su- 
chen , verdient gewiß das größte lob : aber wo suchen sie nun 
abhülfe? Merkwürdig, daß hier die oben genannten so überein- 
stimmen-, denn sie sind unseres erachtens auf falschem wege. 
Also sie suchen zunächst abhülfe in dem gesetzlich festzustel- 
lenden quadriennium : aber eine solche alle bindende bestim- 
mung für die dauer der Studienzeit verstößt gegen die der Uni- 
versität eigenthümliche freiheit: es muß zwar als Wegweiser ein 
Zeitraum als norm für diese dauer hingestellt werden, aber der 
die candidaten in die praxis überleitenden behörde oder com- 
mission muß freistehen zu dispensiren ; denn was den einen för- 
dert, schädigt den andern: kann ein Studiosus nach zwei jäh- 
ren aufenthalts auf der Universität praestanda prästiren, warum 
soll er zur prüfung nicht zugelassen werden? Doch fragen wir 
lieber gleich, woher denn diese forderung? Nun, man will das 
dienstjahr ersetzen. Aber das erreicht man auf diesem wege 
nicht: denn erstens verlernt der studiosus in dem einen dienst- 
jahr mehr, als er in einem folgenden wieder lernt und dann 
— und das ist die hauptsache — bestärkt ihn dies dienstjahr 
nur in der ihn seit der schule beherrschenden richtung, die 
für das Studium noch übrige zeit lediglich für das examen zu 
verwenden. Doch davon noch unten; das quadriennium thut's 
also nicht. 

Weiter hofft man abhülfe von der ersten Staatsprüfung : sie 
soll in der rechtswissen schaff sehr umfassend sein, soll von reichs- 
wegen überwacht werden, soll nicht wie geschehen vom Justiz- 



Nr. 2. Kleine philologische zeitung. 127 

minister einseitig geändert werden u. s. w. Allerdings darf, 
wie jetzt die sachen liegen, diese prüfung als mittel zur herbei- 
führung besserer zustände nicht unterschätzt werden : aber man 
hoffe von ihr auch nicht alles. Denn sie wirkt doch nur durch 
furcht — und was die erzeugt , erwächst nicht zu dauerndem 
gut. Oder haben die zwangscollegia auf die dauer genützt? 
oder erhalten wir , obgleich schon den knaben in sexta oder 
septima die maturitätsprüfung als schreckbild vor äugen schwebt, 
dadurch Studenten, wie wir sie brauchen und wünschen? Frei- 
lich hängt sehr viel von der einrichtung der prüfungen ab : aber 
mangelhaft bleiben sie immer. So pflegt man viel werth auf die 
schriftlichen leistungen der examinanden zu legen: aber da bei 
Staatsprüfungen die themata für die meist in bestimmter und 
kurzer frist zu fertigenden ausarbeitungen gegeben werden 
und überdies von männern , denen die candidaten sammt deren 
Studienrichtung fremd sind, — da ferner trotz aller Überwachung 
an dem einen ort für die beurtheilung der arbeiten ein andrer 
maßstab wird angelegt werden, als an einem andern, so müssen 
mißgriffe, und auch bei dem besten willen unvermeidliche 
Ungerechtigkeiten zu tage kommen , welche , statt aufzumun- 
tern nur niederschlagend wirken und entmuthigen. Diesel- 
ben bedenken erheben sich auch bei der mündlichen prüfung. 
Soll sie irgend ihre aufgäbe erfüllen, bedarf man guter exami- 
natoren : sind diese denn immer und so zahlreich vorhanden, 
wie das deutsche reich es verlangt ? Um nur von professoren 
zu sprechen — ein tüchtiger, ein ausgezeichneter gelehrter ist 
darum noch nicht ein guter examinator, wie an beispielen leicht 
nachzuweisen wäre. Und nun endlich , wer soll die prüfungen 
überwachen? Professoren? Wenn nun professoren examiniren? 
Also höher gestellte beamte?? Sollten daraus nicht die uner- 
quicklichsten zustände erwachsen, müßte die freiheit und Selbst- 
ständigkeit des staatsdieners völlig geknickt werden — und das 
wird man doch nicht wollen. Also das examen thut's auch 
nicht. 

Wo nun abhülfe finden? Dafür müßte doch wohl vor al- 
lem nach der Ursache, nach der quelle der anerkannten übel- 
stände gefragt werden. Und als solche erkennt man längst die 
erziehung, dann aber auch weiter die immer wie es scheint zu- 
nehmende Störung des richtigen Verhältnisses un/i des Zusammen- 
hangs unter den verschiedenen bildungsanstalten, hinsichtlich un- 
seres thema also des Zusammenhangs zwischen gymnasium und Uni- 
versität (s. PhAnz. VDII, 9, p. 461). Sendet das gymnasium in den 
classischen sprachen feste und freudig nach weiterer ausbildung 
strebende Jünglinge zur Universität, so wird diese und somit 
auch die juristische facultät ihre aufgäbe in schönster weise lö- 
sen : vermag das die vorbildende anstalt nicht , so stehen der 
Universität trotz ihrer trefflichen einrichtungen keine mittel zu 



128 Kleine philologische zeitung. Nr. 2. 

geböte, die verbildeten und eignen denkens ungewohnten auf 
richtige wege zu bringen. Also die Wiederherstellung und Ver- 
besserung dieses Verhältnisses müssen auch die juristischen fa- 
cultäten zu ihren aufgaben zählen. Und hieran knüpft sich ein 
zweiter viel schwerer zu beseitigender , aber von allen einsich- 
tigen anerkannter übelstand, den wir schon oben kurz berühr- 
ten, das dienstjahr; denn es ist kaum zu sagen, wie diese 
doch auch nöthige einrichtung das academische Studium beein- 
trächtige: sollen dem Staate nicht tiefe wunden geschlagen, sol- 
len vielmehr auch fernerhin, wie man gesagt hat, durch den 
Schulmeister siege wie bei Sadowa errungen werden, so müssen 
mittel und wege zur ausgleichung der hier unvermittelt einan- 
der gegenüber stehenden gegensätze gefunden werden. Hat 
doch das alterthum , das wahrlich den kriegsdienst zu schätzen 
wußte, in kunst oder Wissenschaft ausgezeichneten ausnahmstel- 
lung und befreiung gewährt : unsre Verhältnisse verlangen mehr : 
das zu erreichen, muß als ihr ziel von den facultäten klar und 
bestimmt ausgesprochen werden. 

Dies die Ursachen: von wegen der abhülfe selbst verlangt 
das wohl verstandene interesse der Universitäten in Sachen, wel- 
che wie das prüfungswesen die ganze corporation angehen, nicht 
das vorgehen einer einzelnen facultät, sondern das der gesamm- 
ten corporation — eine forderung, welche jetzt zwar bei diesen 
selbst auf widerstand stoßen wird-, denn der überall wie der 
regen grade da wo man ihn nicht brauchen kann , seine 
ritzen und spalten findende schlechte particularismus , hat schon 
seit längerer zeit , unterstützt durch gleichgültige und hochmü- 
thige prorectoren , herschsüchtige Universitätsbeamte , durch den 
egoismus und die aus diesem üppig hervorgehende ängstlichkeit 
der einzelnen professoren , die einheit und somit die kraft der 
Universitäten unterwühlt, und da ab und an auch ministerien 
trotz der dabei nicht zu umgehenden Verletzung der Statuten ihn 
gewähren ließen , fast zerstört : — aber man darf darum doch 
nicht die hoffnung aufgeben, daß, wird der gegenständ umsich- 
tig und vorurtheilsfrei erwogen, in nicht zu entfernter zeit auch 
die juristischen facultäten für diese meine forderung eintreten 
werden : sie liefen ja sonst gefahr , zu französischen ecoles du 
droit herabzusinken ! Dies hier verlangte, mit dem eigensten wesen 
der Universität stimmende zusammenwirken beseitigt aber noch 
einen andern fehlgriff der Juristen, nämlich den der beschrän- 
kung der verlangten ersten prüfung auf das juristische fach : 
mit solcher beschränkung arbeitet man nur dem, was man ver- 
meiden will , in die bände , dem heutigen tags so verbreiteten 
verderblichen bestreben, die Universitäten zu abrichtungsanstal- 
ten für den Staatsdienst herabzudrücken. So muß denn unseres 
erachtens das erste juristische examen auf alte und neue ge- 
schichte, auf kenntniß des classischen alterthums und der wich- 



•Nr. 2. Kleine philologische zeitmig. 129 

tigsten prosaischen classiker ausgedehnt werden. Ich weiß sehr 
wohl , was gegen diese gar nicht neue ansieht eingewandt zu 
werden pflegt: aber das beirrt mich nicht; denn das meiste da- 
von , wenn nicht alles , hat die gegenwart unschädlich gemacht. 
Man beachte nur , daß , wie sich das gerichtswesen und das öf- 
fentliche staatsieben bei uns gestaltet hat und gestaltet, beredt- 
samkeit der Jurist , welcher seinem vaterlande mit erfolg dienen 
will, nimmer entbehren kann, zumal da die jetzt übliche kunst- 
und geschmacklose rederei im gerichtssaal wie in Ständever- 
sammlungen von tage zu tage klarer erkannt und wirkungsloser 
wird : wo aber finden sich für die wahre beredtsamkeit bessere 
muster und besserer Unterricht als bei den classikern des grie- 
chischen und römischen alterthums ? oder ist vergessen, wie die 
großen politischen redner Englands sich gebildet haben? Behan- 
delt man hiernach und zeitgemäß das juristische Studium , so 
gelangt man wie mich dünkt auch ohne gesetzliche bestimmung 
zu dem gewünschten quadriennium ; denn was das gymnasium 
bietet, reicht für das soeben verlangte nicht aus. Und schließ- 
lich dürfte , um sicher zu diesem ziele zu gelangen , die erste 
juristische Staatsprüfung nicht ohne die zweite oder ohne die 
andern behandelt werden: denn unter anderm wären denen, 
welche die für die erste prüfung gestellten bedingungen wirklich 
erfüllt hätten , vortheile für die zweite und dann auch für die 
fernere laufbahn zuzusichern, überhaupt die erste mit der zwei- 
ten in Zusammenhang zu bringen. Doch das bedarf einer ein- 
gehenderen ausführung, für die hier der ort nicht ist. 

Aber die ausführung von allem diesen erheischt macht. 
Die Straßburger wandten sich deshalb an den reichstag , nicht 
an den minister für das Unterrichtswesen — es giebt das man- 
cherlei zu denken. Aber kann, wird der reichstag helfen? hat 
er verständniß für das, worauf es hier ankommt? Wenn im ab- 
geordnetenhause bisher Unterrichtsangelegenheiten vorlagen, hat 
es sich meistens schwach , sehr schwach gezeigt : welche siege 
hat in ihm nicht der wie man wähnte schon vernichtete mini- 
ster Mühler errungen ! Und als jüngst im herrenhause über das 
juristische Studium zu sprechen war, haben die worte der Win- 
terfeld und Weber irgend interesse an den Universitäten offen- 
bart ? genügte nicht der sehr wohlfeile spott des Justizministers 
über die Universitäten, um heiterkeit in dem hohen hause her- 
vorzurufen? Das sind für uns sehr beachtenswerthe zeichen der 
zeit: was folgt aus ihnen? Erstens, daß im reichstag es eben 
so gehen wird wie in jenen häusern ; und zweitens daß die 
Universitäten in den leitenden Organen nur wenige, sehr wenige 
freunde haben : wo kann also die zur abhülfe erkannter übel- 
stände nothwendige macht möglicher weise gefunden werden? 
Nun , nach allem diesem doch wohl nur bei uns selbst. Und 
wie das? So viel ich sehe so, daß in einer Versammlung 

Philol. Anz. IX. 9 



130 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 2. 

der von den deutschen Universitäten abgeordneten 
Professoren die gegenwärtige läge der Universitäten berathen 
und das zu ihrer zeitgemäßen hebung nöthige ermittelt , dies 
dann von den einzelnen Universitäten geprüft und angenommen 
werde. Concordia res parvae crescunt, discordia maxumae dila- 
buntur. Das so gefundene wäre dann öffentlich zu discutiren 
um freunde und gönner zu gewinnen , die in ministerien und 
ständen für die ausführung des von den männern der Wissen- 
schaft als für diese heilsam erkannten einträten und wirkten. 
Ob dieser weg jetzt zum erwünschten ziele führe , wer vermag 
das vorherzusagen! Früher ist ähnliches geschehen und die be- 
kanntlich armen kleinstaaten haben die Universitäten ausge- 
zeichnet zu fördern verstanden : ob die aus ihnen entstandene 
großmacht gleiches vermag ? — Jedenfalls sind, sollen die deut- 
schen Universitäten zu größerer blüthe als früher gelangen, viele 
und schwere, sehr schwere aufgaben befriedigend zu lösen. — 
E. v. Leutsch. 



Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger allgemeine zeitung , 1877, nr. 351: G. M. Thomas 
aus Venedig I: beschäftigt sich vorzugsweise mit Paolo Scarpi. — 
Bemerkungen über die bibliothek zu Wien. — Beil. zu nr. 352 : das 
goldne Zeitalter: besprechung des buches von Pßeiderer, die idee des 
goldnen Zeitalters u. s. w. : »Wenn die menschen werden gescheiter 
Macht der teufel die hölle weiter.« — Beil. zu nr. 354: die Winkel- 
mannsfeier im deutschen archäologischen institut zu Rom. — Der 
deutsche verein zu Ierusalem. — Beil. zu nr. 355: Wanderungen 
durch Griechenland, von Ad. Bötticher : Ithome und Messene. — Nr. 
358: Birath Arda oder Bethlehem in der höhlenzeit: eine prähistori- 
sche studie von dr. Sepp. — Nr. 361: die nadel der Kleopatra: ihre 
Schicksale auf der überfahrt nach England. — Beil. zu nr. 361. 362: 
Thomas aus Venedig. III. IV: die byzantinische zeit betreffend. — 
Beil. zu nr. 364: musikalische Schriften. 

Hermes, Zeitschrift für classische philologie bd. IX, 1875, hft. 1: 
I. G. Droysen , bemerkungen über die attischen Strategen, p. 1. — 
E. Förster, zwei unedirte declaiuationen des Libanius, p. 22. — E. 
Wöifßin, Frontins kriegslisten, p. 72. — G. Hirschfeld, die kapitoli- 
nischen fasten, p. 93. — E. Hercher, zu griechischen prosaikern, p. 
100. — Miscellen: H. Flach, Vergil als Übersetzer Hesiods, p. 114. 
- Th. 3fommsen, Attalideninschriften vom thrakischen Chersones, p. 
117. — V. Rose, roxixöv — xnodxiov. — @ct/uß<o xai Jivxuj, p. 119. — 
E. Wöifßin, zur geschichte des zweiten punischen kriegs, p. 122. — 
A. Kirchhojf, zu Hypereides, p. 124. — /. Bernaus, Zanas, p. 127. 

Heft 2: H. Kiepert, die läge Tigranokertas, p. 129. — Th. Glei- 
niger, die achte rede des Lysias, p. 150. — K. Müllenhof, über die 
römische weitkarte, p. 182. — H. Christensen, die ursprüngliche be- 
deutung der Patres, p. 196. — 0. Seeck, zur kritik der Notitia dig- 
nitatum, p. 217. — Miscellen: H. Nöhi, zu Mommsen's Analecta Li- 
viana , p. 243. — M. Treu, zu Plutavch, p. 247. — L. von Si/bel, 
Sophokles als Stifter einer gesellschaft der nmsenverehrer, p. 249. — 
L. Friedlünder , alphabete der syllabarien aut römischen münzen, p. 






Nr. 2. Auszüge aus Zeitschriften. 131 

251. — E. Wölfßin, ein Sallustfraginent , p. 253. — A. Schöne, zu 
Sallustius, p. 254. — R. H, zu Fronto, p. 255. — It. H., zu Archi- 
rnedes, p. 256. 

Wissenschaftliche monatsblütter . Herausgegeben von O. Schade. 
III. jahrg. 1875 : nr. 1 : G. Th. Fechner. einige ideen zur schöpfungs- 
und entwicklungsgesckichte der Organismen. Leipzig: gegen den Dar- 
winismus: anzeige von Riehl. — Miscellen: zur Batrachomyoraachie, 
p. 15, von A. Ludwich. — Homer und die Nibelungen, von 0. S., p. 
16: bezieht sich auf Ilias und Odyssee als einheiten. — Nr. 2: C. 
Bursian, Jahresbericht über die f ortschritte der alterthumswissenschaft. 
Probeheft: anzeige von Lehrs. p. 24, der ein etwas bedenkliches ge- 
sicht zu dem unternehmen macht. — Herrn. Weschke, de Aristarchi 
studiis Hesiodeis , aus Commentatioues philologae , 0. Curtius ge- 
widmet, p. 25 : anzeige von H. Flach, der die schrift als ganz unge- 
nügend bezeichnet. — Universitätsbildung, p. 32, miscelle von Lehrs : 
es wird aufmerksam aufSybel's schrift über die Universitäten gemacht 
und folgende stelle aus Th. Mommsen's rectoratsrede mitgetheilt : 
>der begriff der geistigen bildung, die erziehung des menschen zu 
reiner und voller menschlichkeit vergröbert sich zusehends und setzt 
sich in immer steigendem maße dem publicum in die Vorstellung um, 
daß es ankomme auf die erwerbung praktisch nützlicher fertigkeiten, 
auf die möglichst frühe abrichtung zu irgend einem sogenannten be- 
ruf. Die Verwaltung giebt diesem unrichtigen und schädlichen be- 
gehren mehr nach als billig [»auch durch die examenseinrichtungen!« 
fügt Lehrs hinzu], die specialen Vorschulen gewinnen übermäßigen 
räum und in den für das academische studium bestimmten vorbil- 
dungsanstalten wird durch die massenhaftigkeit des lehrstoffs die mög- 
lichkeit des rechten freien liberalen lernens mehr und mehr erdrückt. 
Den Universitäten sucht man in ähnlicher weise zu hülfe zu kommen 
durch stetige erstreckung des lehrstoffs und vergißt dabei immer 
mehr, daß die Universität, wie das gymnasiam, in der hauptsache 
eine propädeutische anstatt ist und eine menge gegenstände der for- 
schung notwendigerweise dem Selbststudium überlassen bleiben muß«. 
Dazu vrgl. PhAnz. VIII, 9, p. 462: wo gleiche gedanken praktischer 
ausgeführt sind; aber wozu? sieht man, daß, trotzdem dasselbe von 
competentester seite wiederholt wird, die regierungen es berücksichtigen? 

— Nr. 3 : Aristotelis de arte poetica liber. Iterum recensuit ... 7. 
Vahlen : L. Spengel Aristoteles Poetik und loh. Vahlens neueste be- 

arbeitung derselben: anzeige von Lehrs, p. 37, der Spengel vollstän- 
dig beistimmt und Vahlens ausgäbe verwirft, da sie an dem codex Ac 
(Paris. 1741) »mit unglaublichem aberglauben festhält und mit der 
abenteuerlichsten mißhandlung der spräche und des anerkannten men- 
schenverstandes alles vertheidigt«. — Vorlesungen über lateinische 
Sprachwissenschaft von Fr. Haase , herausgegeben von F. A. Eck- 
stein. Bd. I: anzeige von F. Hoppe, p. 39: s. PhAnz. VIII, 1, p. 20. 

— Miscelle zur poetik des Aristoteles, von H. Baumgart, p. 42: be- 
handelt stellen aus cc. 6. 9. 11. — Nr. 4: die hesiodischen gedichte, 
herausgegeben von Hans Flach: anzeige von Lehrs, p. 49, die Op. 
et D. 280. 21. 342 flg. 293. 506 bespricht und in der ausgäbe alles 
gelungen findet. Vrgl. PhAnz. VIII, 6, p. 283. — Miscelle : zu Hör. 
Epist. H, 2 mit beziehung auf die ausgäbe von 0. Ribbeck, von Gu- 
stav Waoner, p. 61. — Nr. 5: kritisch-exegetische kleinigkeiten von 
Gustav Wagner, p. 79 : Cic. p. Sest. 7, 15. 17, 29. Offic. 1, 15, 49. 
Tac. Hist. III, 8. Hör. Od. 1, 22, 38. Epist. 1, 6, 67 werden kurz 
besprochen. — Nr. 6: Miscelle. Wie man recensionen schreibt, an 
einem beispiel erläutert von Ed. Kammer, p. 86 : ist gegen Gott. gel. 
anz. 1874, stück 11 gerichtet, wo Kammer's buch »die einheit der 



132 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 2. 

Odyssee cett. besprochen ist. — Nr. 7: L. Friedlaender, de Iuvenalis 
vitae temporibus: anzeige von Lehrs p. 99, der Friedländers auffas- 
sung von luv. XIII, 13, durch die Iuvenals geburtsjahr sicher gestellt 
wird, billigt und noch weiter zu bestätigen sucht. — Miscelle. Grie- 
chisches epigramm, p. 101: Lehrs behandelt eine von Heydemann 
antike rnarmorbildwerke zu Athen, p. 156 edirte grabinschrift und 
schreibt sie : 

tov iv ßQorolg ffctvivTtt xal nai%avd-' adtjv 

ivfrddt] fi oQGTe tJJcT ofiov Gwuipovi. 

Xinövra, rbv [aox&tjqov kv&qwtkov ßiov, 

X&qov ö' s^ovtu r woi,[xov d-tolg nagte. 

Xoinbv naoaivixi naTsya xal ri]v /utjTeoa 

(pigsiv zä Moiqwv illoviiwg rt dvc/tgr}. 
Nr. 8 : TV. Corssen , über die spräche der Etrusker, bd. I : anzeige 
von Mercjuet, p. 116: vrgl. PhAnz VIII, 8, p. 352. — Miscellen. Zu 
Sophokles, von F. Heidenhain, p. 124: Oed. Tyr. 80 flgg. werden be- 
sprochen. — Mythologisches , p. 127 : kurze anzeige von TJsener de 
Iliadis carinine quodani Phocaico: vrgl. PhAnz. V11I, 6, 280, VII, 2, 
p. 76. — Nr. 9 : the Oedipus Tyrannus of Sophocles. Edited, for the 
use of schools . . . by A. W. White, anzeige von I. H. Heinrich 
Schmidt, p. 143, ohne eignes. — Nr. 10: bilder aus dem alterthum, 
von dr. H. Keck, anzeige von I. H. Heinrich Schmidt, p. 145, der 
mancherlei auszustellen findet. — W. Gnapheus, ein lehrer aus dem 
reformationszeitalter . . von dr. H. Babucke: ausführliche anzeige von 
Mensch, p. 149. — H. Baumgart , der begriff der tragischen kathar- 
sis : anzeige von Lehrs, p. 152; die gegen Bernays gerichtete schritt 
wird eingehend besprochen. — Nr. 11: Reisen durch Griechenland 
. . . von Fritz von Fahrenheid: anzeige von Lehrs, p. 162: s. PhAnz. 
VII, 9, p. 444. 

IV. Jahrgang, 1876, nr. 1 : Corssen und die spräche der Etrusker. 
Eine kritik von W. Deecke: und: Etruskische forschungen von W. 
Deecke: unbedeutende anzeigen von H. Merguet, p. 3: s. PhAnz. VII, 
8, p. 352. — A. von Guericke, de linguae vulgaris reliquiis apud 
Petronium et in inscriptionibus parietariis Pompeianis anzeige , p. 4. 

— Ueber den gebrauch des adjectivischen attributes an stelle des 
subjectiven oder objectiven genetivs im lateinischen. Von G. Wiehert, 
anzeige, p. 5. — Nr. 2 : F. Hoppe, zu den fragmenten und der spräche 
Cicero's (das partieip. fut. act. , imberbus und imberbis, neutiquam, us- 
quam, uspiam, humane, humaniter , dominatus , alliteration u. s. w.) : 
anzeige von Merguet, p. 27. — Nr. 3 : Eduard Schmidt, de Iliadis 
paraphrasi Bekkeriana et metaphrasi Villoisoniana : ausführliche be- 
sprechung von A. Ludwich, p. 35. — Q. Asconii Pediani orationum 
Ciceronis quinque enarratio. Recensuerunt A. Kießling et R. Schoell : 
dürftige auzeige, p. 40. — Miscelle. Zu Thuc. I, 2 Ix ruiv int nXna- 
rov dm zo xtL: gegen Haupt im Herrn. III, 1 bemerkung von Lehrs, 
p. 46: die stelle lasse sich nicht sicher erklären. — Plew, mytholo- 
gische polemik , p. 46 : gegen eine bemerkung von H. W. Röscher. 

— Nr. 4: Carl Peter, die römische geschichte in kürzerer fassung : 
beachtenswerthe anzeige von A. v. Gutschmid , p. 52. — Aesculap 
alyXtitie in Soph. Philoct. 830, von Lehrs, p. 60. — Nr. 5: H. Gen- 
the, über den etruskischen tauschhandel nach dem westen: anzeige, 
p. 65: s. PhAnz. V, 8, p. 395: vrgl. das. VII, 7, 382*. — E, Plew, 
die Griechen in ihrem verhältniß zu den gottheiten fremder Völker: 
anzeige von Pfundner, p. 69. — Fritz Schall' 's recension über Ussing's 
ausgäbe des Plautus, der beifall zollt Lehrs p. 71 : vrgl. PhAnz. VIII, 
2, p. 89. — Metrik für gymnasien . . . von dr. Steiger: als unnütz 
characterisirt von /. H, Heinrich Schmidt, p. 77. — Heber den codex 



Nr. 2. Auszüge aus Zeitschriften. 133 

Mediceus des Tryphiodor, von A. Lud wich, p. 78: auf eigner collation 
beruhend. — Nr. 6 : L. Schwidop, zur moduslehre irn Sprachgebrauch 
des Herodot: anzeige von Lehrs, p. 93, besonders beachtenswerth zu- 
erst wegen der winke über philologisches studium , dann wegen der 
an Herod. IT, 93 angeknüpften besprechung des im finalsatz nach dem 
präsens folgenden optativ : Eur. Elect. 56. Aristoph. Av. 1590. Plat. 
Reip. III, p. 410 C. Isoer. Phil. 151 werden dabei berührt. — Nr. 7: 
C. Lehrs, populaire aufsätze. 2. aufl. : ausführliche besprechung von 
H. Baumgart, p. 99. — Nr. 8 : H. Rünsch , Itala und vulgata. Das 
sprachidiom der urchristlichen itala und der katholischen vulgata 
unter berücksichtigung der römischen Volkssprache durch beispiele 
erläutert. 2. aufl.: kurze anzeige, p. 113. — Habrucker , Madvig's 
conjeeturen zu den tragödien des L. Annaus Seneca, sehr ausführliche 
darlegung, p. 117. — Nr. 10: R. Lübell , beobachtungen über das 
griechische perfect, besonders das homerische, p. 155. - Nr. 11: G. 
Zippel, quaestionuru Illyricarum speeimen : selb s tanzeige, p. 162. 
Die handschriftliche Überlieferung der Batrachomyomachie, von A. 
Ludwich, p. 164: nach neuen collatiouen. — Nr. 12: Miscelle: c\v- 
dadnodov von Lehrs, p. 190: bespricht die entstehung und ursprüng- 
liche bedeutung des wortes. 

V. Jahrgang, 1877, nr. 1 : G. Krämer, Carl Ritter ein lebensbild, 
nach seinem handschriftlichen nachlasse dargestellt. 2 bde. 2. aufl. 
8: anzeige von W. p. 7, der mit recht auf den mangel an Übersicht- 
lichkeit und auf andre übelstände hinweis't, die darthun, daß Kramer 
seiner aufgäbe nicht gewachsen war. Bd. 2 briefe Ritters enthaltend 
wird gelobt. — Muff, die chorische technik des Sophokles: anzeige von 
1. H. Heinr. Schmidt, p. 9. S. PhAnz. VIII, nr. 1, p. 25. - Zu Cic. 
Lael. § 19, von F. L. Lentz, p. 13. — Nugas, von F. L. Lentz, p. 
14, sucht den ausdruck mit besonderer rücksicht auf Varr. Sat. Men. 
ap. Non. Marc. p. 242 Gerl. zu erklären. — Nr. 2: zu Plut. Pericles, 
von Fr. Rühl, p. 30. — Griechische taehygraphie, von Lehrs, p. 30': 
gegen Gardthausen im Hermes XI, 4. — Zu nugas, von Fr. Hoppe, p. 
31. — Reminiscenzen zur königsberger Universität. Kant, Schön, 
Iakobi , von Lehrs , p. 31 , betrifft eine Vorlesung des mathematikers 
Iakobi über die staats Wissenschaft Kants. (Ich weiß nicht, weshalb 
Lehrs diese mittheilung macht: die ängstlichen gesiebter aber, die 
Iacobi damals hervorgerufen , existiren , so gern man sich jetzt auch 
freier als jene zeit denkt, in vollem maße auch noch jetzt). — Nr. 3 : 
Nachricht, p. 48: erlaß »über die amtliche anerkennung des auf nicht- 
preußischen Universitäten erlangten philosophischen doctorgrades im 
Verwaltungsbezirke des preußischen Unterrichtsministerium« : s. PhAnz. 
VIII, nr. 10, p. 506. - Nr. 4 : angebliche briefe des Cicero, von Fr. 
Rühl, p. 53: bezieht sich auf das mittelalter. — Fr. Ritschi über 
Gottfried Hermann, p. 54: aus briefen Ritschl's mitgetheilt von Lehrs. 
— Nr. 5 : ein problem der homerischen textkritik und der verglei- 
chenden Sprachwissenschaft. Von Karl Brugman: und: ein dichter 
und ein kritiker vor dem richterstuhle des herrn R. Peppmüller, 
Peppmüllers commentar zum XXIV. buche der Ilias, kritisch beleuch- 
tet von A. Römer : anzeige von Lehrs, p. 69 , die gegen die zuerst 
genannte nur gerichtet ist und diese nur als beweis breitspuriger 
ignoranz will gelten lassen. Vrgl. PhAnz. VIII, 1, p. 25. — Ein dich- 
ter und ein kritiker vor dem richterstuhle des herrn R. Peppmüller. 
Peppmüllers commentar zum XXIV. buche der Ilias, kritisch beleuch- 
tet von A. Römer. (Programm des Ludwig-gymnasiums zu München 
1876/77): anzeige von 7. H. Heinr. Schmidt, p. 73, der Römer's an- 
sichten beistimmt. — L. H. Heinr. Schmidt, Synonymik der griechi- 
schen Sprache. Bd. I: lobende anzeige von Lehrs, p. 77 mit bemer= 



134 Literatur. Nr. 2. 

kungen über ct'iyb]. — Nr. 6: 1. Piatonis Symposium in usum stu- 
diosae iuventutis et scholaruni cum commentario critico edidit G. F. 
Rettig; 2. Piatons Symposium mit kritischem und erklärendem com- 
mentar von G. F. Reitig ; 3. kritische studien und rechtfertigungen 
zu Piatons Symposium von G. F. Rettig; 4. Piatons Symposium er- 
klärt von Arnold Hug: eingehende anzeige von I. H. Heinr. Schmidt, 
p. 81. — G. Roeper, über einige Schriftsteller mit namen Hekataios: 
anerkennende anzeige von Lehrs, p. 88. — Nr. 7 : die Antonine 69 — 
180 nach Christo. Nach einem von der französischen academie ge- 
krönten werke des grafen de Champagny, deutsch bearbeitet von dr. 
Ed. Duhler : anzeige von Fr. Rühl, p. 97, nach der es besser gewe- 
sen, wenn wir mit dem buche verschont geblieben wären. — Lessings 
Laokoon, herausgegeben und erläutert von H. Blümner: ausführliche 
besprechuDg von E. Grosse, p. 99.— Nr. 8: V. Gardthousen, beitrage 
zur griechischen paläographie : empfehlende anzeige von Fr. Rühl, p. 
115. — Zu den scriptores historiae Augustae, von E. Brooks, p. 119. 
— Nr. 9: die cborische technik des Euripides, dargestellt von R. Ar- 
noldt : sehr empfehlende, die hauptsätze des buchs besprechende an- 
zeige von Lehrs, p. 133. — Nr. 10: Pliniana I. II. Von F. L. Lentz, 
p. 151. — Zu den scriptores historiae Augustae, von H. Blümner, p. 
156: gegen Brocks in nr. 8. — Nr. 11: die Antonine 69 — 180 . . von 
Ed. Doehler, bd. II: anzeige von Fr. Rühl, p. 163, die über diesen 
band eben so wie ob. in nr. 7 über den ersten urtheilt. — Die bruch- 
stücke der griechischen tragiker uud Cobets neueste kritische manier. 
Ein mahnwort von Th. Gomperz: anzeige von Lehrs, p. 166, der seine 
volle Zustimmung ausspricht : »und wirklich ist es nur ein punkt, in 
dem ich von ihm (Gomperz) abweiche: daß Gomperz glaubt, gewisse 
sehr wesentliche schlimme eigenschalten hätten sich erst neuestens 
bei Cobet ausgebildet, die ich von jeher gemeint habe an ihm wahr- 
zunehmen, z. b. seine recht mangelhafte und beschränkte griechische 
sprachkenntniß. Und wie wäre denn das? Wenn Cobet in beziehung 
auf ovTog und öde mit der tertianerphrase wirtschaftet : öde refertur 
ad id quod sequitur, worüber Gornpertz mit ihm (s. 40. 41) so hübsch 
ins gericht geht, ist er denn über ovrog und 'öde ehemals besser un- 
terrichtet gewesen? Oder« u. s. w. — Nr. 12: Lexicalisches über 
exire in Liv. II, 41, 4, von F. L. Lentz, p. 184. — Ueber reddere 
in Verbindung mit einem adjectiv für facere bei Quintilian, von F. 
L. Lentz, p. 186. 



Literatur 

(nebst den für den Philologus eingeschickten neuen erscheinungen.) 

Homers Ilias. Für den schulgebrauch erklärt von /. La Roche. 
8. Th. III. Gesang IX — XII. Zweite vielfach vermehrte und verbes- 
serte aufläge. 8. Leipzig, Teubner. — 1 mk. 20 pf. 

Anhang zu Homers Ilias. Schulausgabe von K. F. Ameis. IV. 
heft. Erläuterungen zu gesang X— XII. Von dr. C. Hentze. 8. Leip- 
zig, Teubner. — 1 mk. 20 pf. 

Lexicon Homericum. Composuerunt C. Capelle . . . , edidit H. 
Ebeling. Voluminis II fasciculi V et VI. Lipsiae, in aedibus Teub- 
neri. (Geht bis tiio.) — 4 mk. 

Hesiodi carmina recensuit et commentariis instruxit Car. Goett- 
lingius. Editio tertia quam curavit Lo. Flach. Lipsiae, in aedibus 
Teubneri. (Gehört zur Bibliotheca Graeca von Iacobs u. Rost.) — 
6 mk. 60 pf. 

Hesiodi quae feruntur carmina ad optimorum codicuru fidcm re- 



Nr. 2. Literatur. 135 

censuit Io. Flach. 16. Lipsiae in aedibus Teubneri. (Bibliotb. 
Teubneriana.) — 45 pf. 

De syllogis Theognideis. Ad summos in pbilosopbia honores ab 
amplissiuio philosophorum ordine academiae Wilhelm ae Argeutora- 
tensis rite inipetrandos scripsit Hermannus Schneideivin. 8. Argen- 
torati, apud Car. Truebner. 

Sophokles. Für den schulgebrauch erklärt von G. Wolff. Dritter 
tbeil. Antigone. Bearbeitet von L. Bellermann. 8. Leipzig, Teubner. 

— 1 nak. 20 pf. 

Euripidis fabulae. Edidit Radolfus Prinz. Vol. I. P. I. Medea. 
8. Lipsiae, in aedibus Teubneri. — 2 mk. 

Die quellen Plutarchs in den lebensbeschreibungen des Euinene3, 
Demetrius und Pyrrhus von R. Schubert. (Besondrer abdruck aus dem 
neunten supplementbande der Jahrbücher für philologie.) 8. Leipzig, 
Teubner. — 5 mk. 

Der mythus in Piatons Protagoras. Eine analytische betrachtung. 
Von Adolf Westermayer. 8. Nürnberg, 1877. (Programm der königl. 
Studienanstalt in Nürnberg.) 

Iwani Muelleri, quaestionum criticarum de Chalcidii in Timaeum 
Piatonis commentario Specimen tertium. 4. Erlangae , 1877. (Pro- 
gramm zum prorectoratswechsel.) 

Anicii Manlii Severini Boetii commentarii in libruni Aristotelis 
nsol tgjurjvsiag. Recensuit Carolus Meiser. Pars prior. 16. Lips. in 
aedibus Teubneri. (Bibliotb. Teubneriana.) - 2 mk. 70 pf. 

Car. Conradus Mueller, de arte critica Cebetis tabulae adhibenda, 
8. Virceburgi, typis Beckeri. 

Isocratis orationes. Recognovit, praefatus est, indicem nominum 
adjecit G. E. Benseier. Editio altera curante Friderico Blaß. Vol. I. 
Lipsiae in aedibus Teubneri. (Biblioth. Teubneriana.) — 1 mk. 35 pf. 

Prolegomenon in Demosthenis quae fertur orationem adversus 
Apaturium capita duo. Dissertatio inauguralis quam ad summos in 
philosophia honores ab amplissimo philosophorum ordine Lipsiensi rite 
inpetrandos scripsit Em. Ricardus Schulze. 8. Lipsiae, typis Kreysingi. 

Des Apollonios Dyskolos vier bücher über die syntax. Uebersetzt 
und erläutert von Alexander Buttmann. 8. Berlin, Dümmler. 1877. 

— 9 mk. 

Cn. Nevius, essai sur les commencements de la poesie a Rome. 
Par D. De Moor. 8. Tournai, Decalonne-Liagre. 1877. 

Adolß Kießling , Analecta Plautina. 4. Gryphiswaldi. (Index 
lectt. un. lit. Gryphiswaldensis). 

Martini Hertz, Analecta ad carminum Horatianorum historiam. 
IL Vratislaviae. (Index scholarum univ. Vratislaviensis.) 

De ordine et figuris verborum , quibus Horatius in carminibus 
usus est. Dissert. philologica , quam ad gradum doctoris philologiae 
et literarum in universitate Lovaniensi impetrandum scripsit H. Eg- 
gers. 8. Lovanii, excud. Vanlinthoud. 

Albii Tibulli Elegiarum libri duo. Accedunt Pseudotibulliana. 
Recensuit Aenülius Baehrens. 8. Lipsiae in aedibus Teubneri. — 2 
mk. 80 pf. 

Titi Livi ab urbe condita liber XXIIII. Für den schulgebrauch 
erklärt von Herrn. Iohannes Mueller. 8. Leipzig, Teubner. — 1 mk. 

Die Annalen des Tacitus. Schulausgabe von dr. A. Dräger. Bd. 
I. B. I— VI. Dritte aufläge. 8. Leipzig, Teubner. — 2 mk. 40 pf. 

Cornelii Taciti Germania. Für den schulgebrauch erklärt von 
Ignaz Prammer. 8. Wien, Holder. — 1 mk. 20 pf. 

Lexicon Taciteum. Ediderunt A. Gerber et A. Greef. Fascic. IL 
Lipsiae, in aedibus Teubneri. — 3 mk. 60 pf. 



136 Literatur. Nr. 2. 

M. Tullii Ciceronis Scripta quae manserunt omnia Recognovit C. 
F. W. Mueller. Partis IV vol. I. , continens Academica, de Finibua 
Bonorum et Malorum libros, Tueculanas disputationes. 16. Lipsiae, 
Teubner. (Biblioth. Teubneriana.) — 2 mk. 10 pf. 

Cicero's rede für den dichter Archias. Für den schul- und pri- 
vatgebrauch herausgegeben von Fr. Richter. Zweite umgearbeitete 
aufläge von A. Eberhard. 8. Leipzig, Teubner. — 45 pf. 

Herr prof. von Wilamowitz-Möllendorf und die griechischen dia- 
lecte. Von dr. Gustav Meyer. 8. Leipzig, Breitkopf u. Härtel. 

Griechische syntax in kurzer übersichtlicher fassung auf grund 
der ergebnisse der vergleichenden Sprachforschung zum gebrauch für 
schulen bearbeitet von dr. Friedrich Holziveissig. 8. Leipzig, Teubner. 
— 75 pf. 

Giebt es in der griechischen spräche einen modus irrealis? Von 
Karl Koppin. 8. Berlin, Pormetter. (Separatabdruck aus der zeit- 
schritt für d. GW. N. F. XII bd.) 

Synonymik der griechischen spräche. Von dr. I. H. Heinrich 
Schmidt. Zweiter bd. 8. Leipzig, Teubner. — 1 mk. 20 pf. 

Neugriechische grammatik nebst lehrbuch der neugriechischen 
Volkssprache mit einem methodischen Wörteranhang von Antonios 
Ieannarakis. 8. Hannover, Hahn. — 4 mk. 

Historische syntax der lateinischen spräche. Von dr. A. Draeger. 
Zweiten bandes zweite abtheüung. Vierter theil. Die Subordination. 
Zweite lieferung. [Schluß des werks.] 8. Leipzig, Teubner. — 6 
mk. 80 pf. 

Forschungen zur geschichte des archäischen bundes. Erster theil. 
Quellen und Chronologie des kleomenischen krieges. Von dr. Max 
Klatt. 8. Berlin, A. Haack. 1877. — 3 mk. 

Handbuch der alten geographie von Europa. Von Albert Forbi- 
ger. Zweite aufläge. Hamburg, Lehmkuhl und Haendtke. — 5 mk. 

Le senat de la republique romaine, sa composition et ses attri- 
butions par P. Willems. 8. Louvain, Peeters. 

Der verfall der italischen Wehrkraft in der kaiserzeit, beleuchtet 
nach den Rheininschriften von A. Schoeti. (Wissenschaftliche beigäbe 
zu den nachrichten über den bestand und die thätigkeit des Nicolai- 
gymnasium zu Libau im laufe des jahrs 1877.) 8. Libau, Niemann. 1877. 

Archaeologisch-epigraphische mittheilungen aus Oesterreich, her- 
ausgegeben von O. Benndorf , A. Conze , O. Hirschfeld. Jahrg. i. 
hft. 2. Wien, Gerold's söhn. 1877. — 9 mk. 

The dimensions and proportions of the temple of Zeus at Olym- 
pia. By Charles Eliot Norton. (From the Proceedings oi the ame- 
rican academy of arts and sciences vol. XIII.) Presented Octob. 10. 1877. 

Ueber eine dritte Sammlung unedierter henkelinschrif'ten aus dem 
südlichen Rußland und über Dumont's inscriptions ceramiques de Grece 
(Paris 1871) von Paul Becher. (Besondrer abdruck aus dem zehnten 
bände der Jahrbücher für philologie.) 8. Leipzig, Teubner. — 1 mk. 

De Seminarii philologici Erlangensis ortu et fatis. Oratio in Se- 
minarii Solemnibus Saecularibus Kai. Dec. MDCCCLXXVII habita ab 
dr. Iwano Muellero, bist. Gr. et Lat. professore P. 0. Seminarii phi- 
lologici directore primo. 4. Erlangae, Junge. 1877. 

Antonio Marcinelli Saggio storico. letterario di Remigio Sabbadini 
professore. 

Druckfehler iiml Zusätze. 

Hft. I, p. 55 z. 8 v. u. sehr.: A. Spengel im Philol. XXXII, p. 
368 und E. Schulze ebendas. XXXIII, p. 730. 

Hft. II, p. 97 z. 15 v. u. sehr.: wird im dritten hefte die rede sein. 



Nr. 3. März 187S. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



von 



Ernst von Leutsch. 



35. Historische syntax der lateinischen spräche von dr. 
A. Drag er. II. 2. die Subordination. Leipzig, 1878. 8. 
S. 441—836. — 6 mk. 80 pf. 

Mit dieser die nebensätze, die participia, gerundium und 
gerundivum und die supina behandelnden lieferung ist ein werk 
zu ende geführt , an welchem der vrf. ein vierteljahrhundert 
lang mit unverdrossenem eifer gearbeitet hat, und dessen großes 
verdienst auch diejenigen freudig anerkennen, denen die mängel 
nicht verborgen sind: denn da niemand im ersten würfe eine 
vollendete historische syntax hinzustellen befähigt wäre, so sind 
wir dem vrf. zu dank verpflichtet , daß er seine Sammlungen 
nebst vorläufig gezogenen resultaten hat drucken lassen. Wir 
wissen aus der vorrede zu dem ersten bände, daß vrf. keine 
vollständige syntax mit hineinziehung aller vulgären erschei- 
nungen zu geben beabsichtigte; die autoren sind uns genannt, 
die er für seinen zweck excerpiert hat , nämlich am wenigsten 
die dichter, aber alle bedeutenderen prosaiker mit ausnähme et- 
wa des rhetors Seneca und des naturforschers Plinius, die kir- 
chenväter und die Juristen nur theilweise ; auch die inschriften 
sind nicht ausgebeutet und die literatur der archaischen periode 
nur nach Holtze verwerthet. Ebenso sind von moderner litera- 
tur am meisten die schulprogramme , weniger die Universitäts- 
programme und die Zeitschriften berücksichtigt, oder abseits lie- 
gende arbeiten wie Madvigs kleine philologische Schriften (p. 365 f. 
einschiebung von ipse und quisgue in den ablat. absolutus zu Drä- 
ger p. 762), Eibbecks partikeln 1869 u. s. w. Eine Vollstän- 
digkeit in dieser hinsieht wird kein billiger beurtheiler verlan- 
Philol. Änz. IX. 10 



138 35. Grammatik. Nr. S. 

gen, ja nicht einmal selbst bei den wichtigsten und seltensten 
sprachlichen erscheinungen Vollständigkeit der belege der excer- 
pierten autoren. 

Was aber für die zweite aufläge gefordert werden darf und 
vielleicht durch collegialische hülfe schon bei der ersten zu er- 
reichen möglich gewesen wäre , das ist , daß die beispiele nach 
den neuesten kritischen texten abgedruckt werden. Für Cicero 
benutzte nämlich vrf. die erste Orelliana und revidierte bei der 
ausarbeitung nur die verdacht erregenden stellen; den Cäsar 
scheint derselbe (ein verzeichniß der benutzten ausgaben wäre 
wünschenswerth gewesen) in der ausgäbe von Oudendorp 1822 
gelesen zu haben, da beispielsweise p. 615 cenam quam opimam 
citiert wird, während sämmtliche handschriften, dann (Dehler, Din- 
ter, Nipperdey, Dübner optimam bieten, und der positiv statt des 
Superlativs ohne hinzutretendes posse und velle zunächst nur bei 
magnus auftritt, nämlich bei Cic. ad Atticum und Hirtius, wel- 
chen Pseudosallust. Epist. 1, 1, 3 quam magna industria hinzuzu- 
fügen ist. Aehnliches gilt von andern Schriftstellern. Denn 
wenn p. 759 agite cum diis bene iuvantibus ein beispiel eines mit 
einer präposition verbundenen ablat. absolutus sein soll, so hat Li- 
vius consequent nur diis bene iuvantibus geschrieben, und Weißen- 
born, Madvig, Wölfflin, Tücking haben agitedum ediert, weil die 
präposition nur in archaischer latinität in der formel diis volen- 
tibus nachgewiesen ist. Aus Vellejus wird p. 801 ein finaler 
genetiv plebis augendae angeführt, während Halm und die hand- 
schriftliche Überlieferung plebis augendae gratia bieten ; und nach 
p. 618 soll Heraus im Tacitus acrius quam consideratius verbes- 
sert haben, während derselbe in beiden auflagen considerate 
schreibt. Da diese fehler jeweilen gerade die worte treffen, auf 
welche alles ankommt, so ist begreiflich, daß auch die darauf 
gebauten Schlüsse hinfällig werden, wie auch mancher geläug- 
nete Sprachgebrauch nach neueren texten zugegeben werden 
muß, z. b. der accusativ beim dativ gerundii beiLivius 21, 54, 1 
locum equites tegendo satis latebrosum, wo Dräger nach Draken- 
borch ad equites tegendos gelesen haben muß. 

Sieht man von solchen ungenauigkeiten ab , so muß man 
anerkennen, daß vrf. aus seinen reichen beispielsammlungen ein 
facit sowohl für literaturperioden als für einzelne schriftsteiler 
gezogen hat, wo die prämissen einen bündigen schluß gestatte- 



Nr. 3. 35. Grammatik. 139 

ten, und daß viele dieser sätze eine bereicherung unserer sprach- 
kenntniß sind. Weder Sanctius und Euddimann noch Zumpt 
und Goßrau haben den chronologischen factor in dieser weise 
in rechnung gebracht, oder auch nur eine auf so breiter basis 
angelegte materialsammlung gegeben. Erläutern wir dieß an 
beispielen, so wird p. 496 gezeigt, daß die form quoquo = quo- 
cunque überall im classischen latein, das von den neulateinern 
dagegen angenommene utut in guter prosa nur in Ciceros brie- 
fen vorkomme, das archaische uhiuhi und undeunde noch seltener 
geblieben sei, wie ähnlich quisquis leicht und allgemein eingang 
gefunden, nicht aber quantusquantus. Man sieht, daß der Schluß 
der analogie nirgends übler angebracht wäre als in der gram- 
matik , und wie es vielmehr unsere aufgäbe ist nicht nur das 
allgemeine, sondern das einzelne zu beobachten. Aber ebenso 
leicht wird man erkennen, daß wir noch in den anfangen stecken, 
da der gebrauch der verschiedenen casus von quisquis ein 
verschiedener ist, neben quantusquantus auch qualisqualis (qua- 
literqualiter) , quotquot zu vergleichen sind , und das material 
für ubiubi u. a. Seltenheiten noch lange nicht beieinander ist. 
So sind zu ubiubi zwei stellen aus Plautus nachzutragen, in 
denen die form auf conjectur beruht, drei sichere aus dem 
gänzlich übergangenen Terenz (Andr. 684. Eun. 295. 1042), 
Attius 425 Rib. Publilius 154, Pseudosall. Inv. in Cic. 1, 1. 
Fronto p. 70 Nab. 

P. 473 ergiebt sich, daß die Wiederholung des substantivi- 
schen beziehungswortes in relativsatze schon der archaischen 
zeit angehöre , bei Cicero (und Cäsar) besonders häufig sei , da- 
gegen nach Livius verschwinde ; und diese letztere these ist auch 
mit einiger einschränkung richtig. Der versuch einzelne sub- 
stantiva als die am häufigsten wiederholten herauszuheben, hätte 
bei vollständigerer beispielsammlung noch weitergeführt werden 
können, und es würde sich ergeben haben, daß res, dies, bellum 
obenan stehen , causa , ins , lex , tabula , genus , modus, locus, ager, 
fundus u. a. folgen, womit auch die hauptsphäre dieser redeweise 
bezeichnet ist ; außerdem konnte noch die von Catull bevorzugte 
form erwähnung finden, 64, 260 orgia, orgia quae, 285 Tempe, 
Tempe quae, aber nicht 73 illa tempestate, quo tempore, da hier 
corruptel vorliegt. 

Und so wird man bei näherer betrachtung immer mehr 

10* 



140 35. Grammatik. Nr. 3. 

neue gesichtspunkte entdecken. So übersieht man zwar p. 508 
— 510 den gebrauch von quippe qui, ut qui, utpote qui und das 
merkwürdige schwanken des indicativs und coniunctivs; allein 
niemand hat bisher gefragt, seit wann man von quippe qui einen 
präpositionalen casus gebildet habe: wohl nicht vor Sallust, 
der in den Hist. 2, 2 quippe apud quos geneuert, und an Quin- 
tilian (ut in qua 10, 1, 55) Tacitus u. a. nachfolger gefun- 
den hat. 

Nehmen wir das capitel der vergleichungssätze, so sind aus 
denselben richtig die Schwurformeln ita me dii ament , ut . . . 
abgeleitet, wozu wir die Variation bei Catull 66,18 und Cic. Ep. 
ad Att. 1,16,1 ita me dii iuvent, iuverint fügen möchten. Das als 
selten bezeichnete quomodo und quem ad modum . . . sie war 
als normal zu bezeichnen im consecutiv- und finalsatze bei vor- 
ausgehendem ut. Tamquam (tarn . . . quam) , so gut als , dient 
allerdings zum ausdrucke des thatsächlichen Vergleiches, ist aber 
doch eher zu vermeiden , da die stellen aus Ciceros briefen ne- 
ben Plautus und Terenz (auch Phoruis 65) und selbst das ver- 
einzelte Cic. de opt. gen. die. 1, 1 für die classicität nichts be- 
weisen, und Tacitus den gebrauch Agr. 31, 4 und 32 zugelassen, 
später aber aufgegeben hat. Supra quam glaubte Bonnell zu 
Quintil. 10, 1, 101 nur noch bei Sallust Cat. 5, 3 zu finden, 
es ist aber nicht so selten als Dräger anzunehmen scheint, z. b. 
Pomp. Mel. 1 , 72. Pseudoaurel. Epit. Caes. 1 , 21 nach 
Sallust. 

Ueber den ablat. absolutus der deponentia und semideponen- 
tia ist jetzt Bursian Jahresb. II. III. 759 zu vergleichen, wor- 
aus hervorgeht, daß orior, nascor, adolesco , morior , defungor, ob- 
solesco, exolesco zusammengehören, elabor, dilabor aber zu den 
verben der bewegung (gradior mit compos. sequoi; proficiscor) zu 
ziehen sind, alles übrige aber außer audeo (und conor, Livius 7, 
7, 7) als Singularität zu fassen ist. Der abschnitt über das 
supinum ist — dank der Vorarbeit von Richter — stofflich reich- 
haltig und übersichtlich geordnet ; nur wünschten wir beim supin. 
I mehr hervorgehoben, daß Cicero die construetion mit einem 
aecusativ im ganzen vermieden habe, wie denn aus Livius u. a. 
leicht nachzuweisen ist, daß man zwar sagt praedatum exire, egredi, 
aber ad populandos agros. 

Was vrf. in der vorrede zum ersten bände vorausgesagt, 



Nr. 3. 36. Homeros. 141 

daß viele sich zu erneuten anstrengungen angeregt fühlen wer- 
den, hat sich schon heute erfüllt, auch obige bemerkungen sind 
nur niedergeschrieben , nicht um das geleistete herabzusetzen, 
sondern um auch späteren forschem neue gesichtspuncte anzu- 
deuten. Man darf überhaupt fragen, ob nicht die vollständige 
lösung einer solchen aufgäbe (wie auch die eines ihesaurus lin- 
guae latinae) die kräfte eines einzelnen übersteige , und wird es 
gelehrten corporationen überlassen müssen hier mit weitgehenden 
Unternehmungen ergänzend einzugreifen. Der hauptvortheil liegt 
eben darin , daß körperschaften sich stets verjüngen und die 
träger großartiger ideen werden können , während der nachlaß 
einzelner auf eigene faust arbeitender meist verloren geht. Das 
verständniß für solche arbeiten ist längst vorhanden und weit 
genug verbreitet; den bestrebungen fehlt nur die ordnende 
einheit. 



36. Die kopfbedeckung der homerischen helden. Von H. 
Frölich. (In Virchow's Archiv 1876. bd. 68, p. 381— 398.) 

Als ein erfreuliches zeichen von dem auch in nichtphilolo- 
gischen kreisen wieder hervortretenden interesse für das alter- 
thum und speciell für Homer mag hier ausnahmsweise die obige 
arbeit aus einer medicinischen Zeitschrift kurz zur anzeige ge- 
bracht werden. Der vrf., welcher Oberstabsarzt in Dresden ist, 
wurde durch ein vierfaches interesse, welches sich an das thema 
knüpft, — das geschichtliche, sprachliche, militärische und sa- 
nitäre — zur näheren Untersuchung desselben veranlaßt. In- 
dem derselbe aber die angaben von Köchly und Eüstow , Guhl 
und Koner u. a. an der lectüre des homerischen textes selbst 
näher prüfte, kam er mehrfach zu abweichenden absichten, wel- 
che er nun in seiner abhandlung vorlegt. Die hauptresultate 
sind folgende. ydXog ist ihm jeder glänzende metallstreifen oder 
reifen, welcher zur Widerstands- und Schutzvermehrung der haube 
der letzteren auf- oder eingelegt worden ist, sei es daß derselbe 
über die höhe der kappe hinweg von vorn nach hinten, oder 
auch seitwärts von einer schlafe zur andern, oder ringförmig 
um den untern rand der haube herum , oder nach mehreren 
richtungen zugleich verlaufen ist. Danach sieht er in der kvvst] 
dpqilyaiog einen heim, welcher mit bügeln, die in verschie- 



142 37. Aischylos. Nr. 3. 

denen richtungen den heim umfaßt haben, versehen gewesen 
ist, und denkt sich an der zeTQÜqiaXog hvvsj] die vier bügel so, 
daß sie von der stirn, dem nacken und den beiden schläfenge- 
genden aus convergirend nach dem scheitel der haube, um hier 
zusammenzutreffen, sich hinbewegt haben. Aus der bezeichnung 
xazahvl* K 258 ferner, welche dort von der äXocpog und dcpuXog 
xvvit] gebraucht wird, schließt er mit hülfe der etymologie 
(xötco — jsvim), daß der gewöhnliche heim abrüstungsfähig ge- 
wesen sein möge, d. h. daß seine metallbekleidung mit charniren 
und ösen an das haubenieder befestigt und abnehmbar gewesen 
sei und daß man diese xaraitv^ an stelle der schweren xogvg 
in der kampffreien zeit nach art einer leichten feldmütze getra- 
gen habe, avXoorzig sodann ist ihm ein heim, bei welchem die 
äugen röhrenförmig erscheinen, oder, militärisch gedacht, bei 
welchem die äugen im hintergrunde von röhren liegend durch 
löcher (des antlitzschutzes) hindurch visiren, womit das epitheton 
tgintviog in eine eigenthümliche Verbindung gebracht wird. Die 
cpdXaga endlich werden erklärt als (metallische) schirmförmige 
fortsetzungen der qidXoi, nv^ißa^og als die schalenförmige Wöl- 
bung des helmes. — Ob von diesen zum theil neuen an- 
sichten und erklärungen viel vor einer eingehenden kritik be- 
stehen wird, ist allerdings zweifelhaft; es ist zu fürchten, daß 
theils die vergleichung des modernen heims theils das für einen 
laien so trügerische feld der etymologie den vrf. mehrfach irre 
geleitet hat. Anderes würde derselbe wohl modificiert haben, 
wenn er mit der einschlägigen literatur besser bekannt gewesen 
wäre. Gleichwohl verdient die arbeit wohl dem, der sich mit 
dem gegenstände eingehender beschäftigt , zur berücksichtigung 
empfohlen zu werden. 



37. Guilelmus Koehler, de Dorismi cum metris apud 
Aeschylum et Sophoclem necessitudine. Gymn.-progr. von Posen. 
1877. 15 s. 4. 

Der gebrauch des dorischen dialects in den chorika der 
tragiker ist schon von verschiedenen Seiten untersucht worden 
(vrgl. Philol. 32, p. 335 ff). Man hat den gebrauch der dori- 
schen formen bald mit dem höheren pathos des inhalts, bald mit 



Nr. 3. 37. Aischylos. 143 

der musikalischen tonart, bald mit dem versmaß in Zusammen- 
hang gebracht. Köhler geht von der letzten ansieht aus und 
schließt , wenn ich ihn recht verstanden habe , ungefähr so : 
„wenn das versmaß für den gebrauch des dialects maßgebend 
war, so konnte Wechsel des dialects eintreten bei wechselndem 
metrum ; konnte eintreten, nicht mußte eintreten, weil es 
kein versmaß giebt, welches einen bestimmten dialect fordert. 
Wechsel des dialects ohne Wechsel des metrums konnte nicht 
stattfinden. Da die längeren chorgesänge des Aeschylus mehr 
Wechsel des Versmaßes zeigen als die kürzeren des Sophokles, 
so muß der gebrauch des dialekts bei Sophokles gleichmäßiger 
sein als bei Aeschylus". Dieser schluß ist an und für sich ge- 
rechtfertigt ; es fragt sich nur , ob überhaupt innerhalb eines 
und desselben chorikon Wechsel des dialects eingetreten sei. Der 
vrf. geht aus von dem melischen theil der parodos der Perser 
65 — 139. Die gewöhnlichen formen 77. 90 &aXoLaoqg, 83 no- 
kwaiir/S, 91 IJtQabjr , 109 ftalafinqQ noXiaivofihrjg , (113 (JH]X a ~ 
faig) sind ihm beweis, daß die ionischen Strophen den gewöhnli- 
chen dialect, die darauf folgenden trochäischen den dorischen 
haben. Er will darum in der ionischen „epodos" 93 — 101 
dndrrjVy &vt]Tng, äri], Qvr\inv hergestellt haben. Daß diese verse 
nicht umgestellt werden dürfen, daß sie auch keine epodos, son- 
dern ein Strophenpaar sind, darf als sicher gelten, kann aber 
hier nicht weiter erörtert werden. Jedenfalls sind wir mit dem 
vrf. einverstanden, wenn er für sie den gleichen dialect wie für 
die anderen ionischen Strophen fordert. Es kann sich also bloß 
fragen, welche formen corrigirt werden müssen, die dorischen 
oder die gewöhnlichen. Das wird schon entschieden durch die 
Überlieferung des Mediceus in 109 slgvnoooto &aXd(jarjg nofoaito- 

.a. 
fisvrjg. Augenscheinlich hat der genetiv evgvjtogoio die form 
&aXdaar}g nach sich gezogen, in noXiatvofxivjjg ist der fehler be- 
merkt und corrigirt worden. Am evidentesten aber wird die 
dorische form am in 98 durch die falsche Überlieferung <xqxvg- 
Tuza gesichert. Für Ilegoäv 9 1 verweist Dindorf auf Sept. 727, 
wo der Mediceus mitten unter dorischen formen £xvdmv hat: 
sed literae <äv in litura duarum literarum ut videtur ata , etsi hoc 
incertum est. In den vorhergehenden anapästen bieten band- 



144 37. Aischylos. Nr. 3. 

Schriften (nicht der Mediceus) in 59 sogar a'i'tjg, in 61 hahen alle 
IdoifjTig. 

Es kann also bei gegebener wähl keinem zweifei unterlie- 
gen , welche formen corrigirt werden müssen. Aehnlich verhält 
es sich mit dem anderen fall , auf welchen der vrf. seinen be- 
weis stützt, mit Eum. 381 — 396. Zu 382 bemerkt schon Din- 
dorf: praecedentium stropharum dialectus postulat evfid%ai>oi — 
fivdfiorsg — dvanaodyoooi et 506 nanayooei , nisi quis fingere 
velit poetam in hac stropha minus na&rjTixmg loqui voluisse quam 
in praecedentibus. Idem de aliis huius modi locis dicendum est. 
In 387 und 396 schreibt Dindorf avaXiqi und Svadhov für 
dvt]).i(p und dvatjliov. Wieder wird der dorismus auch in dieser 
syzygie durch die Schreibart des Mediceus Xdfinai 387 (für Idfina 
oder vielmehr laTta) sicher gestellt. Dagegen muß man zwei- 
feln, ob bei den andern Wörtern Aeschylus überhaupt die dori- 
sche form habe gebrauchen wollen. Soph. El. 229 hat zwar 
nagdyoQoi; was aber für Sophocles gilt, kann nicht auch für 
Aeschylus gelten. Mit recht ist neuerdings darauf hingewiesen 
worden, daß in minder gewöhnlichen dorismen die einzelnen 
tragiker selbst sich nicht gleich bleiben. Eum. 506 aber bietet 
die Überlieferung mitten unter dorischen formen (rXciftav (tdtav) 
nuQrjyoQM. Suppl. 1073 ist (iotyava'ig erst durch Dindorf herge- 
stellt worden. Sept. 173 ist zwar fydvßoXcp fiaxavä überliefert, 
aber der text unsicher; jedenfalls aber kann jene stelle eines 
gebetes und einer partie des höchsten pathos nichts beweisen. 
Ag. 1177 lesen wir dfirj^avm, im entsprechenden strophischen v. 
1166 Tv-fct und &QEO(i(vag. Die form drr'jhog wird durch Oed. 
Col. 676, Cho. 51 (dvrilioi) und andere stellen gesichert, wel- 
che der vrf. p. 11 anführt, um auch dvdXiov Sept. 859 auf ein 
versehen der abschreiber zurückzuführen. Mvdpcov endlich 
braucht Aeschylus zwar Ag. 155, aber wieder in einem gebete 
und in einem chorikon, das nach einer bemerkung von Ahrens 
eigenthümlich dialektisch gefärbt ist. Wir werden also in dem 
fraglichen fall zu sagen haben, daß auch in dem letzten stro- 
phenpaar Aeschylus den dorismus gebraucht habe (kann), daß 
er aber die formen sv/id^avoi, dvciXiog , firdfieov , dvajTagdyogoi 
ebenso wenig als 506 nagayogsh gebrauchen wollte. Ueber- 
haupt hat der vrf. bei seinem nachweise, carmina in quibus Do- 
rismus penitus regnet esse pauca, metrum quocum quasi lege ad- 



Nr. 3. 38. Sophokles. 145 

strictus ubique coniunctus inveniatur, nulluni, den bei den attischen 
tragikern im vergleich zu den melischen dichtem beschränkten 
gebrauch des dorismus nicht genug beachtet , wenn er für den 
Wechsel des dialects auf beispiele wie ur^arooirQ Sept. 181, 
iqnfiCaoj, uurrfaica Ag. 1162, 1177 verweist. Die tragiker haben 
fiväßTOQsg ebenso wenig wie &vüayco gebraucht (nur Sept. 748 
dvüß'Aovia, wie es scheint weil der spruch des Apollo angeführt 
wird). Uebrigens verstehe ich nicht, warum einmal um der Über- 
einstimmung von dialect und metrum willen in Pers. 93 — 101 
vier überlieferte dorische formen in gewöhnliche verwandelt, 
dagegen anderswo wieder in einer und derselben Strophe wie 
Ag. 1162 — 1166 oder Sept. 626 — 630 gewöhnliche (rjusTsnag) 
und dorische formen (jag) neben einander geduldet werden. 
Kurz wir werden nicht sagen, daß der gebrauch dorischer for- 
men bei Sophokles ein gleichmäßigerer, sondern daß er umfang- 
reicher und ausgedehnter ist. Auch dafür ist der beweis nicht 
geliefert, daß Sophokles in anapästen, die mit melischen partien 
verbunden sind , immer den dorischen dialect gebraucht habe. 
Defendo quae Codices praehent Ant. 110 or sqo' afxsreoa yä IIo- 
XvvEtung y.rs. Aber die beste handschrift hat r^ezega:. 

Weclclein. 



38. De rhetoricae usu Sophocleo. Commentatio in anna- 
libus gymnasii Curiensis aliquando incohata , ad finem nunc ad- 
ducta. Scr. Maximilianus Lechner. 1877. Berolini apud 
Gr. Calvary eiusque socium. 

Ein rühmenswerther vorzug dieser schrift ist das reine klare 
und geschmackvolle latein, in welchem sie verfaßt ist. Der le- 
ser folgt dem vrf. vom anfang bis zu ende mit vergnügen, ohne 
je einmal es nöthig zu haben , eine periode zwei oder dreimal 
zu überblicken. Der eindruck dieses seltenen lateins würde noch 
viel angenehmer sein, wenn die Übergänge nicht zu häufig an 
die formein der chrie erinnerten, z. b. p. 30: id igitur primurn, 
8i placet, videamus, p. 34: gener a quaedam elocutionis videtis, 
nunc dignitatem cons iderate, p. 4: iam Electrae videtis et Cly- 
taemnestrae plurimum valere disceptationem. Oder soll die schrift 
etwa eine schulrede enthalten? 

Das thema, welches sich der vrf. gewählt hat, ist wichtig, 



146 38. Sophokles. Nr. 3. 

aber freilich auch für die ausführung schwierig. Daß in Athen 
die poesie ebenso wie die historik von der immer mehr und 
mehr einflußreichen und beliebten rhetorik beeinflußt werden 
mußte und beeinflußt worden ist, ist unbestreitbar und auch 
anerkannt. Aber wie soll im einzelnen der wissenschaftliche 
beweis geführt werden? Denn es ist dies ein gegenständ, der 
eben nur im einzelnen und zwar immer im Zusammenhang 
dieses einzelnen mit einem größeren ganzen gefunden und be- 
urtheilt werden kann. Auf einzelne reden hinzuweisen und von 
ihnen eine skizzenhafte disposition zu geben, damit wird wissen- 
schaftlich wenig erreicht. Soll die rhetorische kunst oder manier des 
dichters klar gelegt werden, so ist eine rhetorische Interpretation d. 
h. rhetorische analyse aller reden unumgänglich nothwendig. Dar- 
über scheint sich der vrf. vor beginn der arbeit nicht klar geworden 
zu sein, und deshalb ist seine leistung selbst sehr ungleichmäßig. 
Wo er einzelne reden, z. b. Electra 516 — 594 und Antig. 450—496, 
eingehender analysirt, ist die arbeit gelungen und der nachweis 
überzeugend; wo er dagegen nur auf die reden hinweist oder 
ganz kurze dispositionen mittheilt, wird die einsieht in die rhe- 
torik des dichters nicht erweitert. Und dies geschieht leider in 
den meisten fallen. Hier mag der vrf. die fertige Überzeugung 
haben, aber das hat wissenschaftlich keinen werth, wenn er nicht 
seine ansieht mit gründen stützt, denen sich der leser nicht ent- 
ziehen kann. jfc 

Die tragödie ist ihrer natur nach pathetisch und insofern 
auch rhetorisch. Es ist deshalb die schwere aufgäbe des inter- 
preten, den ausdruck des natürlichen pathos von der künstlichen 
rhetorik wohl zu unterscheiden. Diese aufgäbe scheint der vrf. 
zu wenig berücksichtigt zu haben. So führt er p. 13 als mu- 
sterbeispiel der rhetorik die herrliche rede des Philoktetes (v. 
1004 — 1044) an. Aber gerade in dieser rede kann rec. nichts 
rhetorisches finden. Da Philoktetes aber von den dienern 
des Odysseus vergewaltigt ist, was ist da natürlicher als der 
schmerzensruf oö x £ 'Q f S oia nüaxtt\ was natürlicher als der 
scharfe Zornesausbruch nXoio und der schmerzliche und vorwurfs- 
volle aufblick zu den göttern: aXX" ov ydg ovdh &ioi vifiovoi* 
fjdvfioi. Hier ist nirgends rhetorik, sondern nur der natürliche 
ausdruck kräftiger leidenschaft zu finden. 

Treffend sind sämmtliche von Lechner mitgetheilte bemer- 



Nr. 3. 38. Sophokles. 147 

kungen des scholiasten. Von diesen alten grammatikern , deren 
gedanken uns das Schicksal so verstümmelt überliefert hat, kön- 
nen die neueren interpreten des Sophokles noch viel lernen. 
Sie geben uns auch den wink, darauf zu achten, daß der dich- 
ter viele loci der kunst , welche ihm die sache nahe legte, den- 
noch nicht benutzt hat, bald aus rhetorischen bald aus poetischen 
gründen. Und eben die letztere seite verdient beachtung. War- 
um ist Sophokles in der Verwendung der zu geböte stehenden 
jOTtoi so mäßig, daß er sich fast immer mit je einem begnügt, 
und warum ist er in der ausführung immer so knapp und kurz? 
In der rede des Haemon , womit dieser seinem vater antwortet 
(683 sqq.), ist das sententiöse und bildliche der darstellung längst 
aufgefallen. Und Held hat nicht unrecht, wenn er hierin eine 
gewisse Schonung und Zurückhaltung findet , aber es ist auch 
nicht zu verkennen, daß der dichter das bedürfniß hat , die re- 
den seiner helden möglichst poetisch zu gestalten, sie mit Sen- 
tenzen und gleichnissen zu schmücken , um ihnen eine höhere 
weihe zu geben, ähnlich wie die erzählungen und Schilderungen 
des Aeschylus , zum theil auch des Sophokles , einen lyrischen 
auftrug im einzelausdruck kundgeben. Solche Untersuchungen 
führen natürlich auch mitunter zum verständniß einer angegrif- 
fenen stelle. So hat Lechner vielfach gelegenheit gegen Naucks 
bedenken oder conjekturen anzukämpfen. Aber er geht über 
solche stellen meist zu schnell hinweg. So vertheidigt er Oed. 
Col. 911 inel StSoaxag ovi 1 ifiov xttra^twg ov&' 1 mv necpvxag 
avrog ovts arjg i&ovng das überlieferte iftov gegen Naucks ovts 
gov mit glück , berührt aber nicht Naucks bedenken gegen av- 
rog. In Kreons rede gegen Haemon erklärt er sich mit recht 
gegen Seidler's Umstellung, will aber vv. 663 sqq. von Anti- 
gone verstanden wissen. Aber wie soll auf diese das imzäa- 
asiv zoig xQarvvovaw passen, und wie soll v. 678 plötzlich der 
Übergang zu Haemon gefunden werden, während die worte : nal 
tovtov äv rov avdga &aQO0t7]v eyco xaloog (isv ag^siv, sv ö' av 
aoxsß&at dsleir, doch offenbar daraufhinweisen, daß die mit xai 
tovtov bezeichnete person dieselbe ist mit der im vorausgehen- 
den angedeuteten person. Es heben sich leicht alle bedenken, 
wenn man von 663 an (oatie d' vneoßag) sofort an Haemon 
denkt , von dem der vater weiß , daß er geneigt ist , sich dem 
gebot des königs zu widersetzen. 



148 39. Euripides. Nr. 3. 

Die elocutio hat der vrf. weniger eingehend behandelt. Aber 
dankenswerth ist der nachweis, daß Sophokles doch nur im gan- 
zen sechs apmaTa , die sigmvtia vjtegßolrj nvafia inavög&toaig 
inavakq-ipie und avri&eaig verwandt hat, und zwar fast sämmt- 
lich nur im Philoktet, Oedipus auf Kolonos und dem letzten theil 
des Aias. Das ethos aber der nebenpersonen ist, wie mir scheint, 
nicht ein ausfluß der rhetorik, sondern eine blüthe der mehr und 
mehr zu rcharakteristik sich entwickelnden dramatik. Wie Sopho- 
kles den dialog viel freier und lebendiger entfaltet als Aeschylus, 
so sind auch seine nebenpersonen schärfer charakterisirt, während 
die ältere kunst sich mit der ausprägung der hauptcharaktere 
begnügte. Die entwicklung des dialogs und der Charaktere ging 
band in hand, eins bedingte das andere. 

Den letzten theil des Aias hält der vrf. für acht, aber erst 
im hohen alter vom dichter vollendet und dem unfertigen stücke 
angefügt. Wir können diese letzten scenen nicht für ein werk 
des Sophokles halten. Es sind nicht die reden, welche uns stö- 
ren, sondern das niedrige, unwürdige, zum theil lächerliche so- 
wohl des ausdrucks als auch einzelner gedanken macht es un- 
möglich, an die autorschaft des Sophokles zu glauben. Auch 
der Oedipus Coloneus muß eine spätere Überarbeitung erfahren 
haben. Dagegen ist der Philoktet das größte meisterwerk des 
dichters : ein beweis, daß das alter die dichterkraft des Sopho- 
kles nicht abgeschwächt hat. Wir sind dem vrf. für seine arbeit 
dankbar, aber er würde sich noch ein größeres verdienst erwer- 
ben, wenn er auch nach dieser programm-abhandlung , deren 
räum ja immer beschränkt ist, noch eine eingehendere rhe- 
torische interpretation sämmtlicher reden des dichters liefern 
würde. Diese aufgäbe der philologie ist bis jetzt leider zu 
wenig beachtet und geachtet. 

A. Weidner. 



39. Cl. Augustinus Funke, legem stichomythiae qui- 
bus rationibus observaverit Euripides. Diss. von Rostock 1875. 
8. 53 s. 

Eine neue Untersuchung der stichomythie des Euripides 
und der Unterbrechungen derselben könnte, da die früheren be- 
handlungen dieses gegenständes ungenügend sind, werth haben, 



Nr. 3. 39. Euripides. 149 

wenn sie mit geschmackvoller und unbefangener beurtheilung 
des textes und mit der gehörigen einsieht unternommen würde. 
Diese erfordernisse scheint uns der vrf. vorliegender abhandlung 
nicht an den tag gelegt zu haben. Er spricht von tirones: 
man möchte ihn selbst dazu rechnen, wenn er mit Kvicala El. 
671 f. od Ztv, navoüis xal igonai i%&QCÖv i(j.a>v, oihtsiqs ö' rjfxag' 
oixTQot- ydo nenov&ufxsv schreibt und erklärt: oj Zev, av sl na- 
TQtöoq xui TQonatog ix&oäv tfiwv oihtsiqs Ö' i]ßü.g. Sehr eigen- 
thümlich lautet die bemerkung zu Iph. Taur. 1025 f.: cogitantibus 
nobis num causa adsit quare vv. 1000 et 1001 a poeta positi cre- 
dantur, nulla profecto apparuit. Von einem gesetz der sticho- 
mythie, welches für die textkritik maßgebend sein könne , will 
der vrf. nichts wissen : Caesio symmetriae stichomythicae, iterum 
iterumque dico , per se non certum exhibet argumentum, locum esse 
corruptum. Er beachtet überhaupt nicht, welche bedeutung die 
stichomythie für Euripides hat. Andrerseits folgt er selbst bei 
den meisten stellen der ansieht derjenigen , welche die Unter- 
brechung der stichomythie durch annähme von interpolationen 
und Kicken oder durch Umstellung von versen zu beseitigen 
suchen. Ja wo triftige gründe vorlägen den überlieferten text 
zu schützen, wie Iph. A. 1438 f., zeigt der vrf. ein so unselbstän- 
diges urtheil, daß er die tilgung von 1439 mit der ganz ver- 
fehlten beweisführung von Kvicala zu rechtfertigen sucht. Dar- 
nach soll Iphigenie bei denworten: |U?/z' oiy ys iov oov nXöna- 
(xov ixrepfiQ *£"/''£, dasjenige im sinne haben, was sie von Kly- 
tämnestra unterbrochen erst 1449 vorbringt: |U?/ö' dpcpl xsivaig 
(itXavag i^äxprjg ntnlovg. Der vrf. wiederholt die weitläufige 
erörterung von Kvicala und schließt sie mit der bemerkung ab : 
nobiscum confiteberis arguta v. d. sagacitate locum omnino emenda- 
tum esse. Es gehört wahrhaftig wenig Scharfsinn dazu um ein- 
zusehen , daß wenn Iphigenie sagt: „auch jenen (den Schwe- 
stern) lege nicht schwarze kleider an", sie schon vorher jemand 
genannt haben muß, der nicht trauerkleider anlegen soll. Frei- 
lich scheint der vrf., wenn er sagt, Kvicala habe gesehen, daß 
ix7]ds hier das gleiche wie fAijzs bedeute, die bedeutung von fitjöe 
besser zu verstehen als wir oder nach willkür bestimmen zu 
können. Daß es ein gesetz der stichomythie giebt, dafür zeugt der 
umstand, daß bei der ausgedehnten anwendung der stichomythie 
bei Euripides nur etwa 25 stellen eine Störung derselben aufweisen 



150 40. Thukydides. Nr. 3. 

und unter diesen 25 stellen wenigstens von 12 — 15 die corruptel 
allgemein anerkannt ist , wenigstens von denjenigen anerkannt 
ist, welchen ein competentes urtheil zusteht. Es kommt also 
nur darauf an die fälle festzustellen , wo eine Störung der sti- 
chomythie sicher ist, und für diese fälle die gründe aufzusuchen. 
Eine solche Untersuchung würde den titel verdienen, den diese 
abhandlung mit unrecht trägt. 



40. Leopold Schmidt, Observationes Thucy dideae. (Index 
lectt. univ. Marburg, hiem. 1877/78.) 4. Marburg. 1877. 

In vorstehendem programm der Marburger Universität be- 
spricht Leopold Schmidt scharfsinnig eine schwierige stelle aus 
Thukydides I, 32, 3 , mit der sich auch referent oft beschäftigt 
hat, tstv^rjAS 8s io avzo init^dsvfia ngög je iipäg ig ttjv %geiav 
tjfAiv aloynv xal ig zd r^itsgu uvtÖuv iv tw nagövti di,v(x(fogor. 
Die Kerkyräer, colonisten der Korinthier, sind wegen ihrer eige- 
nen colonie Epidamnos mit ihrer mutterstadt Korinth in krieg 
gerathen und hatten bisher grundsätzlich sich jedes anschlusses 
an eine bundesgenoseenschaft enthalten. Das war ihr intTi'jdtv- 
fjia, dessen gefährlichkeit in der gegenwart sie nun erkennen 
und darum von Korinth bedroht sich jetzt inconsequent um bun- 
desgenossenschaft an Athen wenden. Göller erklärt die stelle : 
„es hat sich aber getroffen, daß unser bisheriges verfahren für 
unser begehren in der noth bei euch schlecht begründet ist, 
und zugleich für unsere gegenwärtigen Verhältnisse unvorteil- 
haft". Aehnlich Krüger, der ig rd r t fxhega „für unser interesse" 
übersetzt. Schmidt wendet dagegen ein , daß so in beiden mit 
te — xai eingeführten gliedern das gleiche ausgesprochen würde, 
während to avto zeige, daß ein unterschied zwischen jenen bei- 
den bestehe. Aus gleichem bedenken dachte ref. einmal an 
vfilv aloyov statt IjfAiP ukoyov. Allein dem ist entgegen, daß 
ig irjv igtiav sich nur auf das hülfsbegehren , das bedürfniß 
der Kerkyräer beziehen kann, somit ijfxh nothwendig ist. Schmidt 
sucht sich damit zu helfen, daß dem jtgog vfiäg (der Athener) 
das ig id ypitsga «mwc gegenüber stehe und daß, wie to hai- 
Qixöv und to noXiinov und andere neutra oft personen und Völ- 
ker bezeichnen, so hier auch mit rd tj/xeTega die verwandten 
der Kerkyräer, nämlich die Korinthier und Epidamnier gemeint 



Nr. 3. 41. Vergilius. 151 

seien. Allein es kann ja von einem ä^vfifpogov für die Kerky- 
räer bei ihren verwandten, mit denen sie in offenem kriege sind, 
nicht die rede sein. Der gegensatz besteht nur in dem aloyov 
und ä^vfiqiogot. Inconsequent und unlogisch muß es den Athe- 
nern (ngcs vfiüg) erscheinen, daß die Kerkyräer, die bisher 
grundsätzlich alle bundesgenossenscbaft mieden, jetzt den bund 
mit Athen suchen. Dann wird erst als zweites glied der ma- 
terielle nachtheil dieser inconsequenz für die interessen der Ker- 
kyräer (ig t« Tj/AtTsga) in der gegenwart ausgesprochen. So ist 
zwar der nachtheil schon in dem u.loyov einigermaßen enthalten, 
wird dann aber auch materiell hervorgehoben. — Mit recht be- 
merkt Schmidt, daß § 4 Kootv&imv nicht mit nnlsfAov , sondern 
mit sQTjpoi zu verbinden sei. — Dagegen kann ref. 35, 3 in 
mag de «770 Tr t g nQXHiSifxsfrjg rs ^Vfx/xuytag eig^ovat die ngoxei- 
fis'vT] |vuti«^/a nicht, wie Schmidt will, von einem bündnisse der 
Kerkyräer mit den Korinthiern verstehen, da sie ja in offenem 
kriege stehen, sondern von dem jetzt den Kerkyräern als wünsch 
zunächst liegenden und, da sie sonst nirgendhin verbündet sind, 
offen stehenden bündniß mit Athen, wie man es allgemein und 
so auch Classen versteht. Und darauf drängt ja auch si'g^ovai 
und die folgenden futura. 

R. Rauchenstein. 



41. P. Vergilius Maro's Bucolica erklärt und herausgege- 
ben von E. Glaser. 8. Halle, Waisenhaus 1876. VIII und 
111 s. — 1 mk. 50 pf. 

Glaser giebt in seiner ausgäbe der Bucolica nicht nur an- 
merkungen zum texte Vergils, sondern bisweilen z. b. p. 51, 60 
auch zu seinen eigenen anmerkungen. Es folgt ein „inhaltsver- 
zeichniß der eigennamen und der sachlich und grammatisch er- 
klärten oder bedeutenden Wörter", worin sich aber auch andere 
artikel finden z. b. accusativ, adjectivum, anadiplosis, anaphora, 
aposiopesis, archaismus u. s. w. Voraus gehen „Vorstudien" p. 
1 — 36 und eine „einleitende vorrede" p. V — VIEL Wenn aber 
in den noten z. b. p. 58 auf die „einleitung" verwiesen wird, 
so ist nicht die letztere gemeint, sondern jene „Vorstudien". 
Was der herausgeber unter diesen versteht, mag ein beispiel 
zeigen : 



152 



41. Vergilius. 



Nr. 3. 



Ladewigs „einleitung" p. m ff. 
„Von 712 an aber dichtete Verg. 
in Folge einer Aufforderung 
des C. Asinius Pollio, der als 
des Antonius Legat das trans- 
padanische Gallien, zu dem 
Mantua gehörte, verwaltete und 
. . mit der griechischen und 
römischen Literatur innigst ver- 
traut war, . . . bukolische Lie- 
der nach dem Vorbilde des 
Theokrit. Aus der behaglichen 
Euhe, in welcher Vergil bisher 
gelebt und die 2. , 3. und 5. 
Ekloge gedichtet hatte, wurde 
er im folgenden Jahre durch die 
Aeckervertheilung, welche Octa- 
vian schon 2 Jahre früher den 
Veteranen versprochen hatte, 
jetzt aber erst zur ausführung 
brachte , gerissen . . . Die un- 
gestümen Veteranen hatten von 
der Freigebigkeit der Sieger 
noch größere Belohnungen er- 
wartet und griffen nun, da sie 
sich in ihren Erwartungen ge- 
täuscht sahen, eigenmächtig zu 
und eigneten sich auch die Ge- 
biete benachbarter Städte an. 
So wurden die Besitzer der 
Aecker um Mantua von den 
Veteranen vertrieben und auch 
Vergil sah sich in dem Besitze 
seines Gutes gefährdet. Frei- 
lich schützte ihn noch sein 
Freund und Gönner Asinius 
Pollio; doch als im Herbste 
des Jahres 713 der perusini- 
sche Krieg ausbrach und Pol- 



Glasers „Vorstudien" p. 2 f. 
„Vom Jahre 712 u. c. an 
(42 a. Chr.) dichtete Vergil 
nach dem Vorbilde des Theokrit 
bukolische Lieder, die dem C. 
Asinius Pollio, dem gelehrten 
Kenner der griechischen und 
römischen Literatur, welcher da- 
mals das transpadanische Gal- 
lien verwaltete, so gefielen, daß 
er dem Dichter neue Stoffe zur 
Bearbeitung empfahl. In dem 
noch ungestörten Besitze seines 
Landgutes dichtete Vergil die 
zweite, dritte und fünfte Eclo- 
ge. Er wurde aber im darauf- 
folgenden Jahre durch eine 
Ackervertheilung, welche Octa- 
vian seinen Veteranen verheißen 
hatte, plötzlich aus seiner idyl- 
lischen Buhe und Beschaulich- 
keit herausgerissen. Die rau- 
hen, habsüchtigen Krieger, mit 
dem Gebiete von Cremona nicht 
zufrieden, dehnten ihre Be- 
sitzungen [sie!] auch auf das 
Mantuanische Gebiet aus, so 
daß Vergilius, dem auch sein 
in den perusinischen Krieg ab- 
gereister Gönner Pollio nichts 
mehr nützen konnte, sich ge- 
nöthigt sah, nach Rom zu ge- 
hen um die Hülfe des Octavia- 
nus , dem er durch seine 5. 
Ecloge bereits empfohlen war, 
zu erbitten. 



Nr. 3. 



41. Vergilius. 



153 



Ladewig : 
lio mit seinen Legionen dem 
L. Antonius zu Hülfe eilte, da 
blieb dem bekümmerten Dichter 
Nichts übrig, als sich nach Rom 
zu begeben und sieb Scbutz 
suchend an den Octavianus, auf 
dessen Gunst er wegen seiner 
schon im vor. Jahre gedichte- 
ten 5. Ekloge rechnen zu dür- 
fen hoffte, zu wenden. Octa- 
vianus erfüllte die Bitte des 
bedrängten Dichters und sicherte 
ihm den Besitz seines Guts, wo- 
für ihm Vergil seinen innigsten 
Dank in der ersten Ekloge aus- 
sprach. Doch . . . nach glück- 
licher Beendigung des perusini- 
schen Krieges übergab Octavian 
714 a. u. das transpadanische 
Gallien dem Alfenus Varus mit 
dem Auftrage, das Geschäft der 
Aeckervertheilung daselbst zu 
leiten. Da hierdurch die ganze 
Umgegend von Mantua in neue 
Besorgniß versetzt wurde, so 
bat Vergil den Varus, die Man- 
tuaner in ihrem Besitze zu 
schützen , und versprach ihn 
dafür in einem Liede zu be- 
singen, s. Ecl. 6, 3. 9, 26. 
Nichts desto weniger wurde ein 
großer Theil des mantuanischen 
Gebietes den Veteranen über- 
lassen, ja ein gewisser Centurio 
Arrius bemächtigte sich des 
andinischen Landgutes und hätte 
den Vergil , der im Vertrauen 
auf die Zusage des Octavian nicht 
Philol. Anz. IX. 



Glaser : 



Octavianus erfüllte das Gesuch 
des bedrängten Dichters und 
sicherte ihm den Besitz seines 
Gutes zu , wofür zum Danke 
Vergil die erste Ecloge dichtete, 
in der er seinen Wohlthäter 
auf das höchste feierte. Aber 
nach Beendigung des Perusini- 
schen Krieges übergab Octa- 
vian , zum Zweck einer aber- 
maligen Ackervertheilung, dem 
Alfenus Varus das transpada- 
nische Gallien mit dem Auf- 
trage , die Vertheilung dessel- 
ben unter die Veteranen zu 
leiten. Vergilius bat den Varus, 
die Mantuaner in ihrem Besitze 
zu schützen und versprach ihm 
dafür, seine Thaten dichterisch 
zu verherrlichen (S. Ecl. VI, 
3 ; IX, 26). Dem ungeachtet 
bemächtigte sich der Centurio 
Arrius des Landgutes unsres 
Dichters, der mit genauer Noth 
dem eindringenden Usurpator 
entging. 



11 



154 



4l. Vergilius. 



Nr. 3. 



Ladewig : 
■weichen wollte, beinahe getödtet. 
Vergil floh also wieder nach 
Rom, hielt sich einige Zeit in 
der Villa seines Lehrers Syron 
verborgen, dichtete hier die 9. 
Ekloge, worin er sein Schicksal 
bejammert, und übergab sie 
dem Octavian, als dieser nach 
Born zurückkehrte. . . . Als 
aber durch Vermittlung des 
Pollio und des Maecenas der 
brundisinische Vergleich zu Stan- 
de kam und Pollio den Vergil 
dem Maecenas empfahl, erhielt 
Vergil sein Landgut zurück. 
Zum Danke . . und im freudi- 
gen Gefühl der so glücklich 
beseitigten Gefahr eines Krieges 
zwischen Octavian und Anto- 
nius dichtete Vergil darauf die 
4. Ekloge zu Ehren des Pollio 
... Im folgenden Jahre 715 er- 
füllte Vergil sein dem Varus 
gegebenes Versprechen; doch 
an der Art und Weise, wie 
er den Varus besang, Ekl. 6, 
merkt man deutlich, wie ungern 
Vergil sich zur Besingung des 
Varus , der die Mantuaner so 
schlecht beschützt hatte, ent- 
schloß. 

. . Durch diese 10 Eklogen 
begründete Vergil seinen Dich- 
terruhm und erwarb sich treue 
Freunde und mächtige Gönner. 
Zu letzteren gehören Pollio, 
Maecenas und Octavianus; zu 
ersteren Cornelius Gallus . . . 



Glaser : 

Vergil floh abermals nach Rom, 
wo er sich einige Zeit in der 
Wohnung seines ehemaligen 
Lehrers Siron verborgen hielt 
und woselbst er die IX. Ecloge 
zur Beklagung seines Geschickes 
dichtete. Später erhielt der 
Dichter, besonders durch Pollio 
und Mäcenas wiederholt Octa- 
vian empfohlen, sein Landgut 
dauernd zurück. Zum Danke 
hierfür dichtete Vergil die 4. Ec- 
loge, worin er die glücklich 
beseitigte Gefahr eines Krieges 
zwischen Octavian und Anto- 
nius und die Verdienste des 
Pollio feiert. Im folgenden 
Jahre (39 v. Chr.) erfüllte Vergil 
sein dem Varus gegebenes Ver- 
sprechen, ihn durch ein Gedicht 
zu verherrlichen. Doch verräth 
die Art und Weise , wie dies 
in der 6. Ecloge geschieht , so 
bemerkt Ladewig in seiner Ein- 
leitung zu Vergil , daß der 
Dichter sich ungern zur Besin- 
gung des Varus, der die Man- 
tuaner so schlecht beschützt 
hatte, herbeiließ. 

Durch seine Eclogen, deren 
er 10 dichtete , erwarb sich 
Vergil die ersten und bleibend- 
sten Freunde und Gönner. Zu 
letzteren zählen wir Pollio, Mä- 
cenas und vor allen Octavianus 
selbst , zu erstem gehören die 



Nr. 3. 



41. Statins. 



155 



Ladewig : 
L. Varius , bekannt als tragi- 
scher Dichter, bald auch Ploti- 
us Tucca, Propertius und Ho- 
ratius". . . . 



Glaser : 
Elegiendichter Cornelius Gallus, 
der tragödische [sie!] dichter 
L. Varius, Plotius Tucca, Pro- 
pertius und Horatius". 



Von den anmerkungen Glasers schlug ref. zuerst jene zu 
Ekl. 3, 76 ff. auf. Zu dieser stelle bemerkt 



Glaser : 
„76—77. Jetzt folgen Spott- 
lieder auf einen gewissen Jollas. 
Diesen fordert zuerst Damoetas 
auf, er solle ihm die Phyllis, des- 
sen Geliebte, zu seinem Geburts- 
tage schicken — an Geburtstagen 
wurde aber bei den Alten den 
Genien und auch dem Amor 
gehuldigt ! Ihn selbst, den Jollas, 
wolle er einladen zu dem Feste 
der Ambarvalien — bei wel- 
chem es durchaus keusch und 
züchtig herging. 
78 — 79. Menalcas übertrifft den 
Damoetas in so fern, als er die 
Phyllis , in deren Besitz Dam. 
sich mit Jollas gleichsam thei- 
len will, ausschließlich für sich 
in Anspruch nimmt. Menalcas 
verspottet dabei den Verehrer 
Jollas , weil er die Phyllis ihm 
(Menalcas), dem „Schönen", ein 
langes Lebewohl beim Abschied 
sagen läßt." 
Aehnliche nachklänge fand ref. in den noten zu 3, 1 — 10; 
weiter den quellen des hrgbs. nachzugehen und diese zu beurthei- 
len, schien unnöthig. Der druck des buches ist im ganzen cor- 
rect; denn die wiederholte Schreibung „Welker, Winkelmann" 
kann nicht auf druckversehen beruhen. Die ausstattung ist der 
Verlagshandlung würdig. Schließlich mag die interessante mit- 
theilung folgen, daß der recensent in der Zeitschr. f. öst. gymn. 

11* 



Ladewig : 
„76 — 79. Verspottung des Ne- 
benbuhlers Iollas, den Damoetas 
auffordert, ihm zu seinem Ge- 
burtstage (an welchem man sich 
der Liebe hinzugeben pflegte) 
die Phyllis zu schicken, ihn 
selbst, den Iollas, aber am Am- 
barvalienfeste (bei dem es durch- 
aus keusch und züchtig herging) 
einladet. 



Menalcas überbietet den Damoe- 
tas, indem er einmal die Phyllis, 
in deren Besitz Damoetas sich 
mit Jollas theilen will, ausschließ- 
lich für sich in Anspruch nimmt, 
und zweitens die Phyllis ihren 
eitlen Anbeter Jollas verspotten 
läßt . . ." 



150 42. Ovidius. Nr. 3. 

XXVIII, 510 geglaubt hat, Glasers „fleißige arbeit besonders 
angehenden philologen empfehlen zu dürfen". 



42. Hermann Peter, de P. Ouidi Nasonis fastis dispu- 
tatio critica. (Vor dem „Jahresbericht über die fürsten- und 
landesschule Meißen vom juli 1876 bis juli 1877"). 4. Meißen, 
Klinkicht & söhn 1877. 29 s. 

Vorstehende abhandlung stellt sich zunächst, wie aus der 
einleitung erhellt, als eine antwort Peter's auf die ihm von 
Riese (N. Jahrbücher f. philol. CIX [1874] p. 562 f., Bursian's 
Jahresbericht f. 1874/5. III, p. 242) gemachten einwände bezüg- 
lich des von ihm in der texteskritik eingeschlagenen Verfahrens 
dar. Peter sucht hier seine bereits früher ausgesprochene an- 
sieht, wonach die autorität des relativ besten codex Reginensis (R 
bei Riese, A bei Merkel und Peter) nicht von der bedeutung ist, 
welche ihr Riese beilegen will, durch eine genaue Schilderung 
aller Vorzüge und mängel des codex A, sowie der ihm naheste- 
henden U (Ursinianus) und D (Mallerstorfiensis) eingehender 
darzulegen (p. 4 — 19). Damit verbindet er zugleich (p. 19 ff.) 
eine erklärung des so auöälligen umstandes, daß keine einzige 
handschrift — Peter hat eilf handschriften in die Untersuchung ge- 
zogen, fünf davon selbst verglichen — auch nur als einigermaßen 
ungetrübte quelle für den text gelten darf. Ein völlig genü- 
gender erklärungsgrund läßt sich, wie er glaubt, nur in dem 
sehr frühzeitigen auftreten der interpolation finden, deren zerstö- 
rende Wirksamkeit an einer reihe von beispielen aufgezeigt wird. 
Schließlich versucht Peter, soweit die leider immer noch recht 
mangelhafte kenntniß des kritischen apparates es gestattet, eine 
Classification der in die Untersuchung gezogenen handschriften. 
Nach Peter's meinung gehen alle handschriften auf einen von dem 
Zeitalter des dichters durch mehrere Jahrhunderte getrennten ar- 
chetypus « zurück, welcher im 4., 5. oder 6. Jahrhundert dem 
fast allgemeinen Schicksale der römischen dichtertexte, der emen- 
dation, verfallen sein mag und auch außerdem noch stark ver- 
derbt wurde. Aus ihm soll einerseits ß, woher durch weitere 
verschiedene mittelglieder A U D stammen, andrerseits y ge- 
flossen sein , auf den ebenfalls mittelbar die übrigen codd. 
zurückgehen. 



Nr. 3. 42. Ovidius. 157 

Es muß anerkannt werden, daß Peter die Untersuchung, 
durch welche eigentlich zum ersten mal versucht wird , die 
handschriftenverhältnisse in klares licht zu setzen, mit gründ- 
lichster sachkenntniß und außerordentlicher umsieht geführt hat. 
Daß sie keine abschließende geworden ist, daran sind theils 
äußere umstände, theils aber auch Peter selbst schuld. Leider 
kennt er so wenig , wie alle neueren herausgeber der Fasten, 
die besten codd. A und U aus eigener anschauung, er kennt 
sie nicht einmal aus den collationen Keil's , wie Merkel und 
Riese, sondern nur aus den oft sehr nothdürftigen erwähnungen 
bei diesen und aus den älteren commentaren. Zudem ist die 
auseinandersetzung über cod. U p. 4 unvollständig; dadurch 
wird z. b. derjenige , der mit der Sachlage nicht ganz genau 
vertraut ist, schwerlich aufgeklärt werden, warum p. 12 das 
zeugniß des Ciofanus für die lesart des U angerufen wird. 
Wiederholt muß zugestanden werden, daß die lesarten dieses 
codex unbekannt sind, so p. 3 : III, 547; p. 13: III, 522; p. 
14: IV, 13 und I, 261 f.; p. 16: I, 351 u. a. m. Wie not- 
wendig eine neue collation des U ist, zeigt die stelle II, 608, 
an der U nach Heinsius-Merkel : Eripuit — monet, nach Riese : 
Eripit huic — vocat , nach Peter (p. 24) Eripit huic — monet 
liest. Auch über die lesarten des A ist sich Peter nicht völlig 
klar; nach p. 6 soll diese handschrift I, 25 : Si licet haben, 
während sich in ihr nach den übereinstimmenden angaben von 
Merkel 1 (große ausgäbe von 1841) und Riese: Scilicet findet. 
Peter mag durch die bemerkung bei Merkel 2 (kleine ausgäbe) 
praef. p. VII., welche sich jedoch nur auf die änderung von ut 
in et beziehen kann, zu seiner falschen angäbe verleitet wor- 
den sein. 

Fernerhin hat sich Peter durch seine etwas einseitige Oppo- 
sition gegen Riese selbst geschadet. So ist es wohl übertrieben, 
wenn er (p. 2) behauptet, Riese gebe I, 243 nee ratione nee re 
nee sermone coactus der lesart des U: incaedua den Vorzug, was 
aber Peter selbst thut; vrgl. außerdem die stellen HE, 293, 
341, 762 (p. 2), an denen Riese nach Peter's ansieht die von 
letzterem doch selbst gebilligten lesarten sine idonea causa auf- 
genommen haben soll. Nach p. 3 gehört II, 487 zu den stel- 
len, welche Riese mit unrecht zum zeugniß für die vortrefflich- 
keit des A aufgeführt hat, p. 6 jedoch ist dieselbe stelle wichtig 



158 42. Ovidius. Nr. 3. 

genug, um von Peter selbst als für die relative gute des A 
beweiskräftig citiert zu werden. Ebenso erhalten Peter's behaup- 
tungen dadurch eine etwas subjective färbung, daß er stellen 
wie I, 720; II, 306, 575; HI, 813; IV, 113 und viele andere 
mehr, an denen er Kiese's lesarten verwirft, als unbedingte be- 
weise für die gültigkeit seiner ansieht heranzieht. — Nicht min- 
der parteiisch ist das vorgehen Peter's gegen den cod. Treve- 
rensis (T). Während es nach p. 6 ff. selbst den besten codd. A U 
D nicht zum vorwürfe gereicht, daß sie rarissime jede für sich 
allein die richtige lesart bieten (für A kann Peter nur I, 5 und 
IV, 729, für U I, 455; IV, 440; V, 676 und VI, 479, für D 
IV. 824; V, 131 und etwa auch II, 93 [p. 3] anführen), wird 
p. 16 als ganz besonderer grund gegen die von Lörs behaup- 
tete vorzüglichkeit des T vorgebracht, daß sich in ihm vix ulla 
varietas finde, die allein das richtige biete. Dabei hat Peter an 
zahlreichen stellen — ich will hier aus der großen masse nur 
I, 553; II, 765, 780; in, 416 (p. 8); IV, 143 (p. 9); I, 585 
(p. 10) hervorheben — , an denen T mit einer ganz geringen 
anzahl von codd. die richtige lesart hat, T vollständig über- 
gangen und von der manus recentior in T, die nicht selten (vrgl. II, 
19, p. 14; III, 61, 94, 206 p. 10; m, 274 p. 13 u. a. m.) 
die richtige correctur giebt, geschieht nirgends, wie bei den an- 
deren handschriften, erwähnung. 

Auch bei den ausführungen und behauptungen im einzel- 
nen treten ungenauigkeiten und flüchtigkeiten zu tage, welche 
Peter's arbeit gerade nicht zur zierde gereichen. In diesem 
punkte darf sich der kritiker wohl eher einer gewissen pedan- 
terie, als flüchtigen Verfahrens schuldig machen. So ist es zwar 
anzuerkennen, daß Peter zur besseren Orientierung die von ihm 
vorgezogenen lesarten durch gesperrte schrift, die Kiese's durch 
Sternchen gekennzeichnet hat; nur hätte diese bezeichnung auch 
consequent durchgeführt werden müssen, was nicht geschehen 
ist. Nach p. 6 liest cod. A allein I, 5 aversatus, nach p. 16 
ist dieses im gegentheil lesart aller handschriften mit ausnähme 
von T und 4 < (< — Codices interpolati). P. 8 wird I, 26 
av,8picio (mit T u. a. m.) für die richtige lesart erklärt, p. 22 
dagegen auspice te (mit B u. a.), p. 12 aber keine der drei Va- 
rianten : auspicio, auspice te, auxiliante als richtig anerkannt. — 
I, 179 hat A nach Riese nicht primam, sondern von erster hand 



Nr. 3. 42. Ovidius. 159 

primum, erst in correctur primam (p. 12). Die stelle I, 315 
(p. 6) gehört nicht so unbedingt , wie Peter glaubt , zu denje- 
nigen, welche die vorzüglichkeit des A beweisen. I, 454 hat 
U nach p. 12 bacca, M vacca, nach p. 21 auch U vacca. An 
derselben stelle sollen AD B C nach p. 12 inache lauta lesen, 
während p. 19 richtig angegeben wird, daß sie laute haben. 
P. 22 wird zu I, 512 nicht erwähnt, wie dies p. 16 geschieht, 
daß auch in V und L silvae steht. Die angaben über I, 562 
auf p. 2 und 21 stimmen nicht überein. I, 636 (p. 16) liest 
nicht M 2 versurum, sondern M 1 , II, 67 (p. 22) nicht M über- 
haupt asyli, sondern nur M 1 . Ebenso hat II, 404 (p. 10) A 
nicht einfach subierat , sondern A 1 subierat , A 2 desierat mit U. 
II, 472 enthält M nicht habent , wie p. 17 angegeben wird, 
sondern habet. Bei II, 665 (p. 13) war zu scheiden: A 1 ethy- 
ades, A 2 : othyades, wie auch H, 818 (p. 10) nicht nur modo, 
sondern auch icta in A corrigiert ist. III, 216 (p. 15) giebt 
M 1 nicht lituo, sondern lituos; 316 (p. 17) dagegen nur M 1 tela, 
nicht M. IDI, 321 liest T nicht mit A<? ab arte, was p. 23 
behauptet wird, sondern mit T>q ab arce. P. 8 und 28 findet 
sich die angäbe, daß A Dil, 416: aequora — equis biete, wäh- 
rend nach Riese A 1 aequora — aquis, A 2 richtig aethera — 
equis giebt. III, 645 hat U nicht: Cumque, sondern nach Hein- 
sius' angäbe Quaque (p. 13). Die lesarten P7, 108: s«", 211: 
manent, 515: restitit, 942 pereat werden p. 17 einfach M, statt 
BP, zugeschrieben, ebenso VI, 768: quantus (p. 18). IV, 109 
steht in A nicht vigilatum (p. 12), sondern vigilantum. Ganz 
ungenau ist die angäbe über die lesarten in IV, 666 p. 22. 
D7, 921 (p. 9) findet sich in A nach Riese nicht messibus, son- 
dern mensibus, erst in correctur mess. 

Insbesondere tritt die ungenauigkeit in den einzelangaben 
durch die recapitulation p. 23 hervor. Hier wird DI, 418 fin- 
git einfach zur lesart von A gestempelt, während dies nach p. 
6 A 2 , A 1 dagegen finit hat. Dil, 813 soll nur B 1 strata haben, 
nach p. 9 B. IV, 309 wird jetzt richtig ornatus als lesart von 
U aufgeführt, während p. 14 ornatos als solche figurierte. IV, 
724 wird übergangen, daß auch M festa bietet, wie p. 17 er- 
wähnt wurde. VI, 66 soll L 1 vigoris , L 2 decoris haben, nach 
p. 17 L einfach vigoris ; p. 23 ist vigoris als lesart Riese's aus- 



160 43. Statius. Nr. 3. 

gezeichnet, p. 17 nicht; daß M 2 doloris, M 1 vigoris hat (vrgl. p. 
17), ist hier ganz weggelassen u. a. m. 

Die von Peter zum Schluß versuchte Classification der hand- 
schriften steht insofern nicht auf festem ho den, als aus den vor- 
aufgehenden ausführungen nicht nothwendig gefolgert werden 
muß, daß wirklich nur AUD auf ß, alle übrigen Codices auf y 
zurückgehen. Dafür hätte der beweis erbracht werden müssen, 
daß die abweichung jener handschriften unter einander gering, ihre 
Übereinstimmung und gemeinsame abweichung von allen übrigen 
groß genug ist, um ihnen einen ganz besonderen Ursprung zu 
vindicieren. 

Dagegen wird man Peter nur zustimmen können, wenn er 
p. 18 und 19 gelegentlich der vertheidigung der lesart quartus 
— bis VI, 768 mit überzeugenden gründen nachweist, daß die 
von Riese proponierte Umstellung der ganzen stelle zu verwer- 
fen sei. Nur begeht Peter hierbei den irrthum, daß er schon 
Merkel den stiftungstag des tempels des Quirinus auf den 28. 
juni (statt 29) ansetzen läßt, vrgl. aber dessen textesausgabe 
und die größere praef. p. CXLDIf. Auch hätte gegen Eiese 
geltend gemacht werden dürfen, daß die entstehung von quintus 
— • erit aus einem ursprünglichen quartus — bis ungleich wahr- 
scheinlicher scheint als die entstehung dieser lesart aus jener. 

Trotz der oben erwähnten mängel darf gewiß die Peter 'sehe 
abhandlung als eine mit und neben den arbeiten MerkeVs und 
ßiese's grundlegende für die kritische feststellung des textes 
der Fasten gelten, die für jede weitere Untersuchung in dieser 
richtung den ausgangspunkt abgeben muß. Freilich ist das bild, 
welches uns Peter — leider nur zu oft mit der Wahrheit über- 
einstimmend — von den handschriftenverhältnissen entwirft, 
durchaus kein anmuthendes und ganz geeignet, uns die grenzen 
des wissenschaftlichen erkennens auf diesem gebiete klar vor 
äugen zu führen. Gustav Nick. 



43. Statu Achilleidos lib. 1, v. 1 — 396. Specimen novae 
Achilleidos Statu editionis. Vom Oberlehrer dr. Kohlmann. 
Emden 1877. (Programm des königl. Wilhelms - gymnasiums 
und der höhern bürgerschule daselbst. Schuljahr 1876 — 77.) 

Eine ungemein gründliche und geschickte arbeit auf der 



Nr. 3. 43. Statius. 161 

fegten unterläge der handschriften , besonders des codex Putea- 
neus (Parisin. 8051) aus dem zehnten Jahrhundert und des 
cod. Parisin. 10317 (Suppl. 1670) aus dem zehnten oder elften 
Jahrhundert, welche beide der herausgeber selbst verglichen hat, 
errichtet. Das specimen giebt für die 396 verse an siebzig klei- 
nere oder bedeutendere abweichungen vom Teubner'schen texte, 
mit welchen man wohl fast in allen fällen übereinstimmen wird. 
Das gesunde urtheil des vrfs. tritt dem leser auf jeder seite 
entgegen in der auswahl aus dem handschriftlich gegebenen und 
in dem unbefangenen verhalten andern autoritäten gegenüber. 
So lehnt er zu v. 60 mit recht die muthmaßung Weytingh's 
und Haupt's caudae für cauda ab , und läßt an einer gar zu 
zweifelhaften stelle v. 394 hoc famam narrare doce, wofür H. 
Nohl hie lanam tractare doce lesen wollte, lieber die lesart 
der handschriften bestehen. Mögen einige abweichungen folgen. 
V. 74 da pellere luctus für tollere fluctus ; 91 crederis für 
credideris, wie auch Menke und A. Nauke gebessert hatten ; 125 
adm onet an tri sehr gut für admovet antris; 136 sub axe per- 
acto für sub axe probato; 141 sie fieta parens für sie /ata 
parens; 200 divisa mente für di versa mente; 231 f. monstrat 
iter totoque effulgurat orbe Cynthia für toto quae fulserat(J); 
265 hos sine, quaeso , minas nub emque exire mali gnam für 
numenque exire malignurn; 308 lactea — pocula fucant sanguine 
puniceo , was schon D. Heinsius gemuthmaßt hatte , für fuscant; 
310 flamma repens für flamma recens ; 3 1 6 f. primusque per ora 
spumat amor , speetant hilares ob st antque magistri für optant- 
que(\)] 323 visusque pr otervos für superbos ; 332 artifici für 
artißeis ; 356 sexuque tene für s exumque tene; 381 tacito dat 
verba novissima voto für vultu; 383 abnatat et blandis adfatur 
litora votis für verbis. 

Dem texte folgen Lactantii scholia in Stati Achilleidos Lib. 
1 — 393. Dieses specimen verspricht eine mustergültige ausgäbe. 
Einen wünsch muß ich aber zum schluß aussprechen , den , daß 
es dem gelehrten herausgeber gefallen möge, die einzelnen hand- 
schriften in ihrer Verwandtschaft und abweichung kurz zu 
charakterisiren und dem leser dadurch einigermaßen näher zu 
bringen. 

Heinrich Köstlin. 



162 44. Martialis. Nr. 3. 

44. Martial's Ovid-studien. Untersuchungen von dr. An- 
ton Zingerle, o. on. professor an der k. k. Universität zu 
Innsbruck. Innsbruck , verlag der Wagner'schen Universitäts- 
buchhandlung. 1877. 

Ein kleines , nur achtunddreißig seiten enthaltendes , aber 
ungewöhnlich reiches bücheichen, das mehr an bienenfleiß und 
Scharfsinn, an belehrung und anregung enthält als manches starke 
buch, mit einem worte eine arbeit, wie man sie vom genauen 
kenner des Ovid und seiner Zeitgenossen und Vorgänger erwar- 
ten konnte. Hat Paukstadt den einfluß des Catull auf Martial 
in metren und Stoffen eingehend und gediegen nachgewiesen, so 
zeigt Zingerle in oft geradezu überraschender weise , wie das- 
selbe verhältniß in beziehung auf Ovid und zwar in noch aus- 
gedehnterem grade stattgefunden hat. Sehr zu loben ist dabei 
die strenge kritik , mit welcher der vrf. kleinliches , fragliches, 
zufälliges vom wichtigen, zweifellosen und augenfälligen zu un- 
terscheiden weiß, so daß er nicht überhäuft und überredet, 
sondern interessirt und überzeugt. Hat ein jeder auch 
bei der lectüre Martials nicht selten solche anklänge an den 
ruhmgekrönten und allbeliebten Vorgänger bemerkt, erst in einer 
solchen reichhaltigen, wohlgeordneten und geistvollen Zusammen- 
stellung, wie es die Zingerle's ist, sieht man zu voll, daß der 
einfluß Ovids namentlich der späteren dichtungen desselben nach 
allen seiten hin ein überraschend großer gewesen , was um so 
mehr auffällt, da denn doch Martial eine der originellsten, viel- 
leicht die originellste erscheinung unter den dichtem der spä- 
teren kaiserzeit genannt werden darf. Diesen einfluß weist der 
vrf. schlagend nach in beziehung auf die versification, am hexa- 
meter und besonders auch an der bildung des pentameters; er 
macht auf die anführungen der Vorbilder bei beiden dichtem 
aufmerksam und auf die anreden an ihr buch ; er zeigt, wie 
die genaue kenntniß des Vorgängers zu unabsichtlicher nachah- 
mung in worten, Wendungen, an- und ausklängen geführt hat; 
wie dieselben vergleichungen und bilder (schnee; Sabinerinnen-, 
pästanische rosen; Elpenor; Pelias und Nestor; trinken aus der 
quelle selbst u. s. w.) uns bei beiden entgegentreten; wie eine 
mischung von Catull und Ovid manchmal in demselben gedichte 
stattfindet, und wie endlich zu den ungesuchten anklängen ganz 
offenbar auch andere hinzukommen, welche in bestimmter künst- 



Nr. 3. 45. Velleius Paterculus. 163 

lerischer absieht gebraucht dem witz eine neue eigentümliche 
spitze oder dem ganzen gedichte eine die seele der leser und 
hörer berührende wendung geben sollten. Der vrf. weist zu- 
letzt darauf hin , welches licht dadurch auf die gesammte dich- 
tung, namentlich auch auf die ausgedehnte dilettantenpoesie der 
kaiserzeit fällt, und macht vor allem auch auf die bedeutung 
solcher absichtlicher und unabsichtlicher anklänge für die erläu- 
terung und kritik des textes aufmerksam, ohne bei der kürze 
der zeit, die ihm zugemessen war — die schrift ist der Univer- 
sität Tübingen zu ihrer Jubelfeier gewidmet — für's erste näher 
darauf eingehen zu können. Sollte er selbst dieses ziel errei- 
chen wollen , so wäre es gewiß das wünschenswertheste , denn 
er ist der mann dazu ; wo nicht , so hat er doch einem jeden, 
der ähnliches erstrebt, den weg dazu auf das freigebigste und 
gründlichste gebahnt. Das buch gewinnt sehr an brauchbarkeit 
durch das genaue verzeichniß der besprochenen stellen Martials. 

Heinrich Kötstlin. 



45. De elocutione M. Velleii Paterculi scripsit Henr. 
Georges, dr. phil. 8. Lipsiae 1877. 70 s. 

Der vrf. , söhn des verdienten lexicographen , bespricht in 
der einleitung p. 1 — 8 den stil des Velleius im allgemeinen, im 
ganzen dem urtheile von Sauppe beipflichtend, p. 8—54 den Wort- 
schatz (substantiva, adiectiva, pronomina, verba, adverbia), p. 54 — 
70 die syntax (casus ; modi , partikeln, präpositionen). Da in *) 
dem ersten haupttheile die neubildungen, die neuen bedeutungen 
bekannter Wörter, die entlehnungen aus der dichtersprache und 
die Weiterentwicklung der bei Sallust und Livius vorliegenden 
anfange streng auseinandergehalten werden, so bietet derselbe 
vornehmlich bereicherungen und berichtigungen für unsere Wör- 
terbücher, ohne daß der versuch gewagt wäre in den neubildun- 
gen einheitliche prineipien aufzufinden. Und allerdings dürfte es 
schwer halten, durchschlagende gesichtspunete nachzuweisen, wenn 
auch eine Weiterbildung namentlich bei den substantiva verbalia 

1) Vrf. verspricht p. 8 anmerk. nach dem texte von Kritz zu 
citieren und die Varianten Haases und Halms beizufügen. Dies trifft 
nicht zu, da p. 58 in den beiden für den Dativus graecus angeführten 
beispielen Halm nach der handschriftlichen Überlieferung nepote und 
utique hat, nicht nepoti und cuique, wie Georges citiert. 



164 45. Velleius Paterculus. Nr. 3. 

auf us {actus, contemptus, occursus, praeparatus statt actio, contemp- 
tio, occursatio, praeparatio) und ein streben nach kürzeren formen 
{dominium , exercitium statt dominatio , exercitatio) bemerklich ist. 
Doch trifft man in diesem abschnitte auch nachtrage zu Drägers 
Syntax, wie p. 22. 23 über den plural der substantiva abstracta 
und über den gebrauch der abstracta für concreta. 

Weit mehr fällt für Dräger im zweiten theile ab, und zwar 
nicht nur ein plus von belegsteilen, sondern nicht selten beob- 
achtungen , durch welche die sätze jenes gelehrten umgestoßen 
werden , z. b. p. 62 moris est mit folgendem infinitiv vielfach 
belegt, während Dräger es nirgends gefunden zu haben glaubte. 
Auch in diesem theile hat vrf. das material zwar sorgfaltig ge- 
sammelt, übersichtlich registriert und damit den Sprachforschern 
einen großen dienst geleistet, es sich aber nicht zur aufgäbe 
gestellt allgemeinere resultate aus den detailbemerkungen ab- 
zuleiten. 

Aus der sogenannten syntaxis ornata ist verhältnißmäßig 
nur weniges in der einleitung behandelt, die Wortstellung nur 
ganz beiläufig (p. 24 cognomen vor dem nomen) und etwa ein- 
mal selbst ungenügend. So würde p. 53, wenn die Stellung 2, 
20, 4 trecentas amplius cohortes , 2, 24, 3 milia ducenta amplius 
hostium beachtet worden wäre, nicht von einer ellipse von quam 
zu reden gewesen sein. Die Stellung 2, 46 fugaret ac funder et 
(in umgekehrter Ordnung 2, 12. 32. 37) ist wohl nur der das 
silberne Zeitalter characterisierenden neuerungssucht zuzuschrei- 
ben und um so auffallender , als sonst nicht nur die mehrsilbi- 
gen Wörter, sondern auch die volltönenderen endungen an die 
zweite stelle gehören {fingere et formäre, forma ac figura). Andere 
belege des verdorbenen geschmackes 2, 105 liberaliter lauteque, 
Tac. Hist. 5, 10 fortuna famaque gegen Cicero und Sallust, 
Fronto p. 47 Nah. obsecro atque oro gegen alle Übung. 

Im ganzen aber gründet sich die abhandlung auf fleißige 
Studien , auf sorgfältige lectüre des Velleius und gewissenhafte 
benutzung der speciallexica , sowie der in die grammatik ein- 
schlagenden neueren litteratur. Vell. 2, 125 bedeutet vetus imperator 
freilich nicht „bejahrt" {senex), da sich die worte auf Germani- 
cus beziehen, sondern „erfahren"; und die struetur 2, 123 in 
deterius inclinari ist weniger neu, als vrf. und Nägelsbach an- 
zunehmen scheinen, möglicher weise sogar dem Sallust nachge- 



Nr. 3. 46. Tacitus. 165 

bildet, welcher außer dem bekannten in malus celebrare auch in 
melius mutare gebraucht hat und die früher auf den positiv be- 
schränkte wendung aus Thukydides (im jo (xst^ov xoöpinr) ge- 
nommen haben mag. — Das nicht lange vorher erschienene 
Arnstädter programm von Fritzsch über den Sprachgebrauch des 
Velleius Paterculus ist von dem vrf. nicht mehr benutzt worden. 

W. 



46. Lexicon Taciteum, edid. A. Gerber et A. Greef. 
Fascic. n. Lips. , Teubner 1878. Pg. US— 224. Lexicon- 
octav. — 3 mk. 60 pf. 

Diese zweite lieferung steht in rücksicht auf äußere ein- 
richtung und inneren werth der ersten in dieser Zeitschrift be- 
sprochenen vollkommen gleich ; Vollständigkeit der belegstellen, 
strenge Scheidung der verschiedenen bedeutungen und correct- 
heit des druckes bilden die hauptvorzüge , wenn auch der leser 
manchmal die feinen dispositionen durch einiges Studium heraus- 
suchen muß , da die Übersichtlichkeit durch den druck allein 
nicht geboten wird. 

Daß die älteren hülfsmittel absolut nicht mehr zu gebrau- 
chen seien, können die aufs gerathewohl herausgegriffenen arti- 
kel coniugalis , coniunctio , coniugium , coniunx mit zusammen et- 
wa hundert belegen sattsam beweisen : denn in Böttchers Lexicon 
fehlen alle vier, und Ruperti giebt für zwei zehn beispiele, unter 
welchen die wichtigsten falsch sind. Da coniugium zwölfmal 
in den Annalen vorkommt, so wird die vergleichung des arti- 
kels matrimonium u. a. lehren , ob diese erscheinung eine bloß 
zufällige ist 5 daß aber coniugium bei Tacitus für coniux stehe, 
wie Ruperti und noch Klotz und Georges angeben, beruht auf 
irrthum, weil zwar Ruperti Annal. 12, 65 coniugium schrieb, im 
cod. Mediceus aber und in den texten von Döderlein, Orelli, Rit- 
ter, Halm, Dräger, Nipperdey coniugem gelesen wird, In der 
zweiten von Ruperti angeführten stelle (Ann. 2, 13) findet sich 
gar nicht coniugium, sondern matrimonium, und an der dritten 
im index latinitatis s, v. abstracta beigebrachten (Ann. 14, 1) ist 
das wort abstract, nicht concret zu nehmen ! Coniunx (nie coniux) 
aber als masculinum hat Tacitus, was sogar Neue Formenl. I 2 
595 entging, zweimal gebraucht. Eine genaue vergleichung von 



166 47. Quintiliaims. Nr. 3. 

einem dutzend artikel hat uns ähnliche versehen bei Forcellini, 
Klotz, Georges, Krebs-Allgayer, Heraus, Andresen, Peter aufge- 
deckt, und selbst in der dritten aufläge der Annalen von Drä- 
ger (1878) ist lieferung 1 (1877) offenbar noch nicht nachge- 
schlagen , sonst würde beispielsweise non ambigitur mit accus, c. 
infinitivo 6, 28 nicht als una^ siQrjfihov angeführt sein, da das 
lexicon weitere stellen aus den Historien und Annalen nachweist. 
(Derselbe herausgeber wird auch seine noten zu 1, 1 cedo, 2, 68 
avius mit genitiv, 4, 68 consules, 12,18 converto mit hülfe des lexi- 
cons leicht verbessern). Es bleibt daher nur zu wünschen, daß die 
ergebnisse der lexicalischen forschung auch der kritik und er- 
klärung sowie der allgemeinen lexicographie zu gute kommen. 
Denn die lexicographen geringschätzen und sie doch benutzen 
ist zwar eine inconsequenz wie der theaterbesuch neben der 
Verachtung der Schauspieler; die consequenz aber die spezial- 
wörterbücher gering zu schätzen und zu ignoriren würde über 
die grenzen der Wissenschaft hinausliegen. 

Endlich noch ein wort über die äußere einrichtung. Die 
herausgeber haben es übernommen das lexicon in sieben, höch- 
stens acht lieferungen zu ende zu bringen und scheinen daher 
von lieferung 3 an auf raumersparniß bedacht sein zu müssen. 
Freilich dürften die folgenden buchstaben weniger räum als die 
bisher behandelten verlangen ; aber wenn das nicht der fall sein 
sollte, wünschen wir doch nicht der raumersparniß wegen die 
citate etwa kürzer zugeschnitten oder gar auf zahlen reduciert 
zu sehen: wir wünschen vielmehr die verweise, in welchen an- 
dern artikeln nicht ausgeschriebene stellen abgedruckt seien, 
verringert und dafür die stellen selbst gegeben: denn für die 
forschenden benutzer, die diesem lexicon gewiß nicht fehlen 
werden, erwächst aus solcher Vollständigkeit nicht nur große 
zeit ersparniß, sondern auch sonstiger nutzen : der Verleger wird, 
wenn aus solchen gründen selbst ein neuntes heft nöthig werden 
sollte, gewiß keine einwendungen machen. E. W. 



47. Fr. Boettner, de Quintiliano grammatico part. I. 
Dissert. inaug., Halle 1877. 8. 36 s. 

Im ersten theil dieser arbeit stellt Böttner diejenigen stel- 
len aus Quintilians Institutionen ztisammen, welche die accent- 



Nr. 3. 47. Quintilianus. 167 

lehre betreffen; im zweiten theil liefert er in übersichtlicher 
weise eine genaue Sammlung derjenigen angaben , welche sich 
auf declination und conjugation beziehen. Wenn wir 
trotzdem nur einen sehr lückenhaften und dürftigen bruchtheil 
einer ars grammatica erhalten , so liegt die schuld nicht an dem 
verf. obiger schrift, sondern an Quintilian selbst, welcher kein 
grammatisches lehrbuch liefern will (I, 5, 54), sondern leichthin 
hervorragende erscheinungen im gebiet der grammatik berührt 
und auf brennende fragen , welche auch bei einem weiteren le- 
serkreis interesse erregten, hinweist. Einen größeren umfang 
hat genannte schrift erlangt durch eine sehr ausführliche be- 
sprechung folgender, von der kritik schon mehrfach behandelter 
stellen: I, 5, 12. 24. 31. 62. 6, 27. IX, 4, 39. 

I, 5, 12 vertheidigt Böttner die von Halm aufgenommene 
lesart at in eins dem vitii geminatione. Ref. hält an dem über- 
lieferten eadem fest ; vrgl. Quaest. Quint. in Suppl. d. Jahrb. f. 
phil. VI, p. 323 und Meister im Jahresbericht des Philolog. 35, 
p. o55. 

I, 5, 31 vermuthet Böttner, daß die ganze auseinander- 
setzung § 30 Trium porro . . bis § 31 . . ne sit aliqua vox sine 
acuta eine alte interpolation sei. Aber eine erw ähnung des 
circumflexes kann an dieser stelle nicht entbehrt werden. Die 
Worte praeterea nunquam in eadem flexa et acuta sind nicht über- 
flüssig (p. 7) , wenn mit den worten est autem in omni voce uti- 
que acuta eine mit dem acut versehene silbe bezeichnet wird; 
vgl. Philolog. 35, p. 378. 

I, 5, 62 schreibt Böttner: Olympo . . acutam syllabam me- 
dium dederunt , quia longa sequente primam acui noster sermo 
non patitur. Mit ebenso geringer Wahrscheinlichkeit wird quia 
longa ins equenti primam acui vorgeschlagen von Gr. Faber, 
Kritische beitrage zu Quintilian, Aschaffenburg 1875. 

I, 6, 27 wird Spaldings Vorschlag senatus „senati" an „se- 
natus il faciat der vermuthung Ritschis vorgezogen, wie ref. glaubt, 
mit unrecht. 

IX, 4, 39 wird die conjectur dice facieque angenommen; 
aber statt des von Ribbeck Rh. Mus. 25, p. 427 vorgeschlage- 
nen a litter a in e mollita schreibt Böttner m littera emollita 
und sucht diese lesart durch vergleich von syllabas mollire 12, 
10, 32 zu stützen. 



168 49. Griechische geschichte. Nr. 3. 

I, 5, 24 wird die vom ref. früher vorgeschlagene form 
Appii mit recht verworfen; ehenso die genetive Atrei Nerii 
Ter ei. Jedoch Spaldings conjectur Appi wird ohne grund 
beanstandet. Aus dem ausdruck peccant folgt nicht, daß die 
uncontrahirte form zu Quintilians zeit gewöhnlich, wohl aber, 
daß sie nach der lehre strenger grammatiker allein richtig war; 
vrgl. Quaest. Quint. p. 381. Die genetivform Atrei verwirft 
Scholl, Act. soc. phil. Lips. VI, p. 205 adnot., mit recht wegen 
der folgenden worte: quem . . doctissimi senes acuta prima di- 
cere solebant. Trotzdem hält ref. fest an Osanns conjectur, Atrei 
statt des überlieferten Atreus herzustellen. Quintilians weise ist 
es, angeführte formen , selbst auf kosten der deutlichkeit , dem 
Satzgefüge genau im casus anzupassen und statt des lateinischen 
ablativs die griechischen formen im dativ anzuführen; vgl. Bon- 
nell. Lex. p. XXXVI. Sed id saepius in graecis nominibus accidit, 
ut Atrei ist daher mit Osann zu schreiben; aber weder die 
form Atrei, noch die folgenden formen Nerei Tereigue sind 
mit Osann als genetive, sie sind vielmehr als dative aufzufas- 
sen. Fragen wir nun, welcher casus von Quintilian mit diesem 
allgemein gehaltenen ausdruck bezeichnet wird , so scheint ref. 
der Zusammenhang zu lehren, daß Quintilian auf den genetiv 
hinweist. Gräcisirende grammatiker sprachen Cämillus, Ciihegus 
und contrahierten das statt ' Aitniov gesetzte Appii zu Appi und 
die statt 'jItqscoi; NijQimg Trjgscog angenommenen formen Atrii 

A A A 

Nerii Terei zu Atrei Nerei Terei. 

Johannes Claussen. 



49. Ueber die tradition der Perserkriege. VonN. Weck- 
lein. (Separatabdruck aus den Sitzungsberichten der k. akad. 
der Wissenschaften.) München, im verlage der k. akad. 1876. 

Der vrf. der hier zu besprechenden schrift hat die tradi- 
tion der Perserkriege, wie sie bei Herodot vorliegt, mit rück- 
sicht auf gewisse gesichtspunkte einer prüfung unterzogen. Die 
verschiedenen momente, welche dabei von dem vrf. als die Über- 
lieferung verfälschend erkannt sind, werden von demselben 
unter vier kategorien zusammengestellt. Zuerst hat die religiöse 
und ethische auffassung, welche sich der Perserkriege bemäch- 
tigte, auf die gestaltung der tradition einen bestimmenden ein- 



Nr. 3. 49. Römische geschickte. 169 

fluß geübt (p. 12 ff.). Es war wohl erklärlich, daß man einen 
theil von den gewaltigen erfolgen des krieges dem mächtigen 
beistände der götter zuschrieb , die durch zeichen und wander 
ihre gegenwart documentirt hatten. Auch das bestreben, die 
große Vergangenheit so glänzend und rühmlich als möglich dar- 
zustellen (p. 32 ff.) kann man mit dem vrf. als ein die tradition be- 
stimmendes moment anerkennen, jedoch mit der beschränkung, 
daß es im großen und ganzen der Standpunkt der Athener war, 
den Herodot bei der beurtheilung und darstellung der ereignisse 
einnahm. Diesen Standpunkt vertritt der historiker auch mei- 
stens in den partien seines werkes, wo persönliche neigung, par- 
teihaß und die Zerwürfnisse der griechischen Staaten auf die 
Überlieferung eingewirkt haben (p. 60 ff.). Auch hierfür hat 
der vrf. eine anzahl lehrreicher fälle zusammengestellt. Beson- 
ders ist hierherzuziehen die ungünstige behandlung des Verhal- 
tens der Boioter und Korinther während der Perserkriege, wel- 
che die erfindung späterer zeit auf die Verweigerung eines geld- 
geschenkes von seiten dieser Staaten an Herodot zurückgeführt 
hat; Plut. de malign. Her. 31. Dio Chrys. 37. Daß die 
Überlieferung bei Herodot reich ist an anekdoten und nicht sel- 
ten märchenhafte züge zeigt, wird keinem leser desselben ver- 
borgen bleiben. Dieselben sind p. 45 ff. behandelt. Aus der 
darstellung des vrfs. ergiebt sich so vie^mit Sicherheit, daß eine 
reihe historischer thatsachen — zum schluß sind dieselben noch 
einmal übersichtlich zusammen gestellt — in der Überlieferung 
durch die oben angeführten momente beeinflußt sind und daß 
deshalb eine darstellung der Perserkriege nicht selten zu einer 
abweichung von der bei Herodot vorliegenden tradition gezwun- 
gen sein wird. 

Gustav Gilbert. 



49. Arnold S chä f er, Miscellen zur römischen geschichte. 
[Aus den Commentatt. philol. in hon. Th. Mommsen, p. 1 ff.] 

Nr. 1 nachweis, daß der von Rom gegen Privernum ge- 
führte krieg 425/329 historisch, dagegen der angeblich im jähre 
413/341 geführte eine dublette des ersteren ist. Dieser beweis 
war schon vollständig und ausführlich geliefert von 0. Clason, 
Rom. gesch. I, 286 ff. Die sache liegt übrigens auf der hand. 
Philolog. Anz. IX. 12 



170 49. Komische gesehichte. Nr. 3. 

Mommsen hat den krieg von 413/341 einfach übergangen. Eben- 
so Ihne. Uebrigens hat Clason Mommsens behandlung dieser 
frage nicht übersehen , wie Schäfer sagt (p. 2) , sondern er hat 
ausdrücklich auf Mommsen verwiesen (p. 288 anm. 109). Noch 
einen dritten siegreichen krieg Roms mit Privernum führen die 
annalen an aus dem jähre 397/357. Auch diesen erklärt 0. 
Clason für eine erfindung und mit vollem recht. Wenn Schä- 
fer einfach durch Verweisung auf die triumphalfasten ihn retten 
will, so stützt er sich auf ein schwankes röhr. Die falsi tri- 
umphi sind schon bei den Römern sprichwörtlich gewesen, und 
die triumphalfasten verdienen den namen einer lügenchronik in 
vollstem maße. Sie sind die Quintessenz der Selbstverherrlichung 
der römischen adelsfamilien, welcher der größte theil der älteren 
gesehichte seinen Ursprung verdankt. Im übrigen läßt schon die 
im jähre 397/357 längst vorbereitete und im jähre 413/341 
bereits mit krieg drohende coalition der meisten latinischen Staa- 
ten diese beiden detailkriege mit den Privernaten mit zu den 
größten unwahrscheinlichkeiten zählen. Die Privernaten gehörten 
nicht zu jenem bunde der Latiner, der nach dem großen La- 
tinerkriege auseinander gesprengt und dessen elemente dann 
von Rom abhängig wurden. Erst nach diesem ereigniß dehnte 
Rom seine Unternehmungen weiter gegen süden aus. 

Nr. 2 der proceß ^fegen die Tusculaner (Liv. V1H, 37, 8), 
der nach des Livius erzählung der erhebung des Tusculaners L. 
Fulvius zum römischen consul 432/322 unmittelbar vorausgeht, 
gehört offenbar in eine frühere zeit. 0. Clason setzt dafür das 
jähr 373/381 an mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit. Schäfer will 
ihn in Verbindung bringen mit einer aufreizung der Privernaten 
durch Tusculum zum kriege gegen Rom. Dazu wählt er den 
krieg Privernums aus dem jähre 397/357. Da nun nach dem 
oben gesagten dieser krieg eine erfindung ist, so fällt die ver- 
muthung Schäfers in sich zusammen. 

Nr. 3. Dieser abschnitt handelt von dem großen Latiner- 
kriege. Schäfers auseinandersetzung ist wie folgt : die ehre den 
großen Latinerkrieg siegreich beendigt zu haben gebührt nicht 
dem Manlius Torquatus und dem Decius Mus , den gefeierten 
helden der populären Überlieferung, sondern den consuln des 
jahres 416/338 L. Furius Camillus und C. Maenius, die auch 
dafür triumphe und Standbilder erhielten, allerdings nicht rei- 



Nr. 3. 49. Römische geschichte. 1 71 

terstandbilder , wie Livius VIII, 13, 9 berichtet, sondern Mae- 
nius eine ehrensäule , die columna Maenia und Camillus ein 
Standbild auf der rednerbühne. Das letztere wurde nun irrthüm- 
lich auf M. Camillus gedeutet und so wurde L. Camillus um 
die ihm gebührende ehre verkürzt. 

Wenn Schäfer den letzteren schluß aus dem umstände 
zieht, daß die rednerbühne erst nach der eroberung von Anti- 
um entstanden sein könne, weil die Schiffsschnäbel und die ganze 
bühne aus einer und derselben zeit stammen müßten, so ist dies 
mehr als fraglich. Aber auch zugegeben, es wäre so, so folgt 
noch keineswegs , daß ein auf der rednerbühne aufgestelltes 
Standbild den jüngeren Camillus hätte vorstellen müssen, weil 
der ältere vor die eroberung von Antium bezw. die errichtung 
der rednerbühne falle. Wir haben keinen grund anzunehmen, 
daß monumente der fraglichen art gleichzeitig mit den gefeier- 
ten sind. Manche derselben sind sicher aus viel späterer zeit 
und sind willkürlich gedeutet. Zu diesen letzteren muß das 
angebliche Standbild des Camillus gehören, welches ursprünglich 
keine inschrift gehabt haben mag, wie viele andere, z. b. das 
angebliche der Cloelia. Es kam einem römischen großen nicht 
viel darauf an, eine beliebige statue, die er vielleicht in einer 
eroberten Stadt geraubt hatte, durch eine von ihm selbst gefer- 
tigte inschrift als die eines seiner vorfahren auszugeben. Dieses 
freche lügenwesen reizte noch den zorn Cicero's zu dem für die 
beurtheilung römischer denkmäler (statuen , gemälde und tri- 
umphalfasten) so überaus wichtigen wort: odi falsas inscriptiones 
8tatuarum alienarum (Cic. Ep. ad. Att. 6, 2, 23). Im übrigen dürfte 
für die richtige beurtheilung des Latinerkrieges eine wiederauf- 
nähme der von Clason begonnenen quellenanalyse sowohl für 
das erste wie das angebliche zweite und dritte kriegsjahr viel- 
leicht bestimmtere resultate ergeben. 

Nr. 4 ist ganz unbedeutend. Es ist nur von der möglich- 
keit die rede, daß der Liv. VII, 1, 8 (Plut. Cam. 43 und Zo- 
naras VH, 24 z. e.) berichtete tod des M. Camillus nicht auf 
gleichzeitiger aufzeichnung beruhe , weil der tod berühmter 
männer gerne an ihre letzte erwähnung angeknüpft werde. 

Nr. 5 bespricht das datum eines colossalbildes des Jupiter 
welches nach Plinius (H. N. 34, 7, 43) der consul Sp. Carvilius 
von 461/293 im dritten Samniterkriege aus eroberten harni- 

12* 



172 50. Biographie. Nr. 3. 

sehen, beinschienen und helmen hat gießen lassen. Da Livius 
davon nichts erwähnt, so liegt die vermuthung nahe, daß Plinius 
das jähr verwechselt hat, und daß für die aufstellung des 
bildwerkes das jähr 482/272 anzusetzen ist, in welchem Sp. 
Carvilius nochmals consul war und Tarent einnahm. Diese ver- 
muthung hat viel für sich. Doch ist zu verwundern , daß dem 
verf. entgangen ist, daß dieselbe schon längst ausgesprochen ist 
von Ihne (Römische gesch. I, p. 474 anm. 18). Ihne geht nur 
noch weiter als Schäfer in der Verdächtigung der Plinianischen 
angäbe über die statue des Jupiter. Während Schäfer kein be- 
denken hat anzunehmen, daß Sp. Carvilius das colossalbild habe 
gießen lassen , und zwar nach einem in Tarent vorgefundenen 
muster, meint Ihne, der Eömer habe sich die sache leichter ge- 
macht, indem er ein tarentinisches bildwerk einfach nach Rom 
gebracht habe. Dafür spricht, wie Ihne bemerkt, der Vorgang 
im zweiten punischen kriege. Im jähre 545/209 nämlich ließ 
Fabius Maximus einen koloß des Hercules von da nach Rom 
bringen (Plut. Fab. Max. 22). Und so wird es 60 jähre früher 
Sp. Carvilius wohl auch gemacht haben, besonders wenn Ihne 
darin recht hat (Rom. gesch. 1,473 anm. 15), daß im laufe des 
Samniterkrieges kein römischer künstler im stände war, eine 
reiterstatue zu gießen. 

Nr. 6 handelt von den zwei römischen gesandtschaften 
nach Carthago vor dem ausbruch des Hannibalischen krieges 
und zeigt, daß das haupt der zweiten gesandtschaft nicht Q. 
Fabius Maximus war, sondern M. Fabius Buteo, derselbe der 
als dietator 538/216 nach der schlacht bei Cannä den senat 
ergänzte. 

M. Zöller. 



50. Bonifacii Basiliique Amerbachiorum et Varnbueleri 
epistolae mutuae. Ed. J. Maehly. 8. Basil. 1877. — 60s. 

Die von J. Mähly verfaßte gratulationsschrift zum Jubiläum 
der Universität Tübingen (s. ob. hft. 2, p. 97) der baseler Univer- 
sität enthält keine wissenschaftliche abhandlung, dagegen höchst 
passend für den anlaß die vorstehend verzeichneten der baseler 
bibliothek entnommenen briefe : sie waren theilweise sehr schwer 
zu lesen. Bonifacius Amerbach, ein damals berühmter rechtslehrer 



Nr. 3. 51. Biographie. 173 

in Basel, schreibt an seinen söhn Basilius , der in Tübingen Ju- 
risprudenz studirt und dort bei seinem lehrer dieses faches, Ni- 
colaus Varnbüler, kost und wohnung hat. Die correspondenz 
zwischen vater und söhn erstreckt sich vom sept. 1552 bis sept. 
1553. Beigefügt sind mehrere briefe von Varnbüler an Boni- 
facius Amerbach, der älteste vom juli 1550, worin er ihm sei- 
nen schüler Nisäus, der in Basel seine Studien fortzusetzen ge- 
denkt, empfiehlt. Die antworten an Varnbüler scheinen sich 
nicht mehr zu finden. Sämmtliche briefe geben uns vielen auf- 
schluß über den damaligen zustand der beiden Universitäten, 
über das Studienleben und besonders zeugniß von dem freund- 
lichen Verhältnisse beider Universitäten zu einander. Die brief- 
steller , auch der Jüngling Basilius , machen uns alle den ein- 
druck von trefflichen;- ja ausgezeichneten persönlichkeiten. Man- 
ches interessante finden wir auch über das privatleben , über 
kleidung der Studenten, über die Studienkosten, über den brief- 
verkehr, der bei dem damaligen mangel an posteinrichtungen 
sehr schwierig und auf benutzung von gelegenheiten angewiesen 
war. — Noch sind zu erwähnen zwei sehr naive deutsche briefe 
von den beiden Schwestern des Basilius an ihren bruder, von 
Faustina und Juliana. — Ueber das leben der beiden bedeu- 
tenden männer , Amerbach vater und söhn , verweist Mähly auf 
die Schriften von Fechter und Iselin. Gewiß aber wäre man- 
chem leser erwünscht gewesen, einige kurze notizen darüber am 
Schlüsse der festschrift zu finden. 

R. Rauchenstein. 



51. Iacobus Bongarius. Ein beitrag zur geschichte der 
gelehrten Studien des 16. — 17. Jahrhunderts. Von dr. Her- 
mann Hagen. Bern, gedruckt bei A. Fischer. 1874. 4. 
— 76 s. 

Für ein berner programm eignete sich eine arbeit über je- 
nen berühmten diplomaten und humanisten (1554 — 1612) ganz 
besonders, da der größte theil seiner mit vieler mühe gesam- 
melten bibliothek die zierde der berner Stadtbibliothek bildet. 
3000 gedruckte und 500 handschriftliche werke waren nach 
Bongars 1 tode an zahlungsstatt für geliehene summen in den 
besitz des bankiers und Juweliers Rene Gravisset in Straßburg 



174 51. Biographie. Nr. 3. 

übergegangen und wurden später durch dessen söhn Iacob um 
die gegengabe des berner bürgerrech ts im jähre 1628 der stadt 
Bern geschenkt. Daß die handschriften nach Bongars' tode in 
Straßburg zurückgeblieben, vom kurfürsten von der Pfalz ange- 
kauft, nach Heidelberg gebracht und später in den Vatican 
transportirt seien, weist der vrf. als eine von Mabillon aufge- 
brachte, oft wiederholte, aber ganz unbegründete fabel nach; 
übrigens wußte man erst seit der mitte des vorigen Jahrhun- 
derts durch Sinner's handschriftencatalog , daß sie nach Bern 
gekommen waren. Wie die vorstehenden Verhältnisse quellen- 
mäßig dargelegt werden, so zeichnet sich überhaupt die abhand- 
lung dadurch aus, daß sie, während das früher über Bongars 
geschriebene lediglich dem ungenügenden artikel bei Bayle ent- 
nommen ist, wieder auf die quellen zurückgeht, diese charakte- 
risiert und namentlich darauf aufmerksam macht , daß der in 
drei gedruckten Sammlungen (Leyden 1647, Straßburg 1660, 
Haag 1695) enthaltenen, 472 briefe umfassenden, correspondenz 
Bongars 1 die große zahl von 1300 ungedruckten, theils in Bern, 
theils in Paris aufbewahrten, briefen gegenübersteht. Das äußere, 
meist im diplomatischen dienste Heinrichs IV. zugebrachte, leben 
Bongars' zeichnet der vrf. nur in kurzen zügen, behandelt aber 
eingehend dessen wissenschaftliche thätigkeit, die für einen viel- 
beschäftigten Staatsmann wahrhaft staunenswerth ist. Auf dem 
gebiete der philologie ist Bongars als herausgeber des lustin, 
dem er zuerst die prologe des Trogus Pompeius beigegeben hat, 
sowie als förderer fremder arbeiten rühmlichst thätig gewesen ; 
auf dem gebiete der geschichte edierte er die beiden Sammel- 
werke : Scriptores Hungarici und Dei gesta per Francos ; dem er- 
steren hatte er auch eine kleine Sammlung römischer inschriften 
beigegeben, deren Zuverlässigkeit noch im CLL. HI, 1, p. 156 
großes lob gespendet wird. Durchdrungen vom hohen werthe 
der geschichte, unterstützte Bongars auch eifrig die arbeiten an- 
derer. Auch für die theologie war er wissenschaftlich thätig; 
obwohl er der reformierten kirche angehörte, war er doch kein 
eigentlicher gegner der katholiken , nur die Jesuiten haßte er, 
und diese vergalten ihm mit gleicher münze. Aus seiner le- 
bensstellung als gesandter an verschiedenen deutschen höfen er- 
gaben sich ferner von selbst rechtsgeschichtliche und staatsrecht- 
liche erörterungen in großer zahl. Endlich waren seinem um- 



Nr. 3. 52. Miscellanea. 175 

fassenden geiste auch speculative philosophie und naturwissen- 
schaften nicht fremd. Mit Lipsius , Casaubonus , dem jungem 
Joachim Camerarius und Lingelsheim stand er in besonders re- 
gem verkehr. Dies alles führt der vrf. mit großer kenntniß 
aller einschlagenden Verhältnisse in anziehender darstellung vor. 
Zwei beilagen , das französisch geschriebene tagebuch einer im 
jähre 1585 nach Constantinopel unternommenen reise, und ein 
pasquill gegen den burggrafen Fabian von Dohna im stil der 
Epistolae obscurorum virorurn sind der, auch mit einem porträt 
Bongars' geschmückten, arbeit beigegeben, welche um so dan- 
kenswerther ist, als gerade in heutiger zeit nicht genug auf 
jene Vorbilder wissenschaftlichen strebens aus dem XVI. Jahr- 
hundert hingewiesen werden kann. 



52. De Seminarii philologici Erlangensis ortu et fatis. 
Oratio in Seminarii sollemnibus saecularibus kal. dec. 1877 ha- 
bita a dr. Iwano Muellero, litt, graec. et lat. professore p. 
o. Seminarii philologici directore primo. Erlangae 1878. 4. 
— 20 s. 

Keinen passenderen Vorwurf konnte der vrf., seit fast fünf- 
zehn jahren direktor des philologischen seminars in Erlangen, 
für die festrede zum hundertjährigen Jubiläum desselben wählen 
als die geschichte dieses instituts; er hat damit einen dankens- 
werthen beitrag zur geschichte des höheren Unterrichtswesens 
überhaupt geliefert. Bei der gründung der ersten anfange einer 
philosophischen fakultät an der Universität der zwei Hohenzol- 
lernschen fürstenthümer in Franken wurde 1770 auch ein lehr- 
stuhl für philologie oder, wie es damals hieß, für beredsamkeit 
und dichtung errichtet und der bekannte literat Gottlieb Chri- 
stoph Harles auf ihn berufen, welcher, begeistert von dem Vor- 
bild des Göttinger seminars , dessen mitglied er selbst gewesen 
war, die errichtung einer ähnlichen anstalt im jähre 1777 her- 
beizuführen wußte. Acht landeskinder , zu gleichen theilen aus 
dem Ansbachischen und Bayreuthischen genommen, konnten auf- 
nähme finden ; dotirt wurden sie mit einem freitisch und 40 
gülden jährlich; sie mußten studirende der theologie sein, ne- 
benher auch collegien über geschichte, philosophie, mathematik, 
naturwissenschaften, ja wenn möglich auch über anatomie hören, 



176 52. Geschichte der philologie. Nr. 3. 

um dem ideal eines gymnasiallehrers damaliger zeit nahe zu 
kommen und einen beruf würdig auszufüllen, der in der regel 
die übergangsstufe zu einer pfarrstelle bildete. Obwohl es auch 
damals schon an studirenden der philologie nicht ganz gefehlt 
hatte: nicht weniger als sechs vor dem eben genannten jähre, 
in welchem Friedr. Ang. Wolf zu Göttingen mit solchem unter- 
fangen aufsehen erregte , weist vrf. in Erlangen nach , die zwei 
ersten aus dem jähre 1749. Nachdem 1792 die fürstenthümer 
an Preußen gefallen waren, wurde 1803 dank der fürsorge Har- 
denbergs die zahl der mitglieder auf zwölf, das Stipendium auf 
50 gülden erhöht und für jährliche preisaufgaben eine summe 
von 80 gülden bestimmt, ein segen, der sich nicht lange ergießen 
sollte: in der Franzosenzeit (1806 — 1810), welche die interessen 
der Universität durchweg empfindlich schädigte , ward die zahl 
der mitglieder auf vier mit je 40 gülden herabgedrückt. Auch 
unter dem bayrischen regiment wollte es lange nicht besser 
werden. Erst nach fünfzigjährigem bestand des seminars, nach- 
dem inzwischen 1815 Harles hochbetagt gestorben war, unter 
vergeblichen Verhandlungen mit Hegel eine zweijährige anarchie 
geherrscht und 1817 — 1826 Ludw. Heller die vordem von Har- 
les geführte vorstandschaft des seminars inne gehabt hatte, im 
jähre 1827 setzte Ludw. Doederlein im verein mit Jos. Kopp 
eine zeitgemäße Umgestaltung desselben durch , welche es zu- 
gleich von der Vormundschaft der regierungsbehörde befreite — 
bei der gründung war die akademische deputation in Ansbach 
mit der äußeren leitung betraut worden — und die beschrän- 
kung der mitgliedschaft auf studirende der theologie abschaffte. 
Die stellen wurden wieder auf acht gebracht, dafür aber das 
Stipendium auf 20 gülden herabgesetzt , wozu noch der freie 
mittagstisch kam. Der direktoren waren jetzt zwei; aber Kopp 
beschränkte sich auf die behandlung der preisaufgaben und 
selbst der erste vorstand, Doederlein, konnte dem seminar nicht 
so viel zeit widmen als er gewünscht hätte: außer seiner aka- 
demischen thätigkeit nahm ihn auch die leitung des gymnasiums 
und der Unterricht an der oberklasse desselben in anspruch. 

Die blüthezeit des Erlanger seminars brach an, als 1842 
an Kopps stelle in der person Karl Friedrich Nägelsbach's ein 
mann trat, der alle innere und äußere eigenschaften vereinigte, 
welche dazu angethan sind, die studirende jugend zu begeistern 



Nr. 3. 52. Geschichte der philologie. 177 

und emporzuheben. Eine stattliche mannesgestalt , edle regel- 
mäßigkeit der züge , zum herzen sprechender blick und unge- 
hemmter fluß gewählter spräche bekundeten einen sinn, der selbst 
dem idealen zugekehrt allen mit ihm in persönliche berührung 
kommenden seinen aufschwung mittheilte. Mit glänzender be- 
gabung ausgestattet, zog er, statt seinen Scharfsinn in blendende 
beleuchtung zu setzen , es vor , die producte seines geistigen 
Schaffens so durchzuarbeiten und klarzustellen, daß der lernende 
über dem lichtvollen und durchsichtigen aufbau des scheinbar 
selbstverständlichen ergebnisses den zündenden blitz des schöpfe- 
rischen genius übersah und von feurigem nacheiferungsdrang er- 
füllt, sich muthig vornahm, ähnliches zu schaffen. Nägelsbach 
konnte sich die höchsten rein wissenschaftlichen ziele setzen ; vom 
gymnasium an die Universität berufen , für die hebung der ge- 
lehrtenschulen begeistert und jeder übernommenen Verpflichtung 
mit äußerster gewissenhaftigkeit huldigend, gab er sich mit gan- 
zer seele dem streben hin, tüchtige gymnasiallehrer zu bilden — 
und der erfolg belohnte sein mühen. Bald hatte er dem Semi- 
nar seinen ödem eingehaucht ; im schönen verein mit Doeder- 
lein , von diesem neidlos gefördert , schuf er es zu einer zierde 
der Universität um und nicht lange , so war auch der ruf des- 
selben in ferne gaue gedrungen. Um des weiteren die beson- 
dere Wirksamkeit und die eigenthümlichen Vorzüge der zwei 
männer, welche siebenzehn jähre zusammen die philologischen disci- 
plinen in Erlangen vertraten, zu schildern, müßte ich die beredte 
ausführung der in mustergültigem , elegantem latein abgefaßten 
festschrift , statt sie auszuziehen , geradezu abschreiben ; auf sie 
verweisend füge ich nur das zeugniß bei, daß panegyrische 
schönfärbung in ihr überall ferngehalten ist. 

Auch von den früheren, dem vrf. nicht persönlich bekannt 
gewordenen seminarvorständen ist es ihm gelungen ein anschau- 
liches bild zu entwerfen, von Kopp und Heller auf grund der 
mittheilungen ehemaliger schüler, von Harles mittelst literarge- 
schichtlicher forschungen , welche ihm gestatteten , die von dem 
ältesten söhn desselben herausgegebene biographie in einigen 
punkten zu berichtigen. Mit schonender hand rührt die dar- 
stellung an menschlich schwache seiten eines oder des andern 
mannes und sie verschweigt nicht, daß auch unter Doederlein 
und Nägelsbach das seminar nicht ganz das war, was jetzt ver- 



178 Bibliographie. Nr. 3. 

langt wird, eine rein philologische pflanzschule. Nach ablauf 
der periode, in welcher es galt theologen für einen nebenberuf 
vorzubereiten , waren es jetzt zumeist studirende der theologie 
und philologie, welche das seminar füllten und ihre meister 
selbst der eine ein theologisch gerichteter philolog (Doederlinus 
cultor antiquitatis religione Christiana tinctus , sagt der vrf.) , der 
andere das umgekehrte. Die jetzt blühende , bloß philologische 
periode und ihre noch lebenden früheren und gegenwärtigen 
Vertreter zu schildern lag selbstverständlich außerhalb des planes 
der rede •, nach Heinrich Keil's gründlicher und gediegener, nach 
Alfr. Schöne's geistvoller und anregender leitung (beider College 
ist schon der vrf. gewesen) erfreut sich das Erlanger seminar 
des harmonischen , einander ergänzenden Zusammenwirkens und 
der hingebenden lehrthätigkeit zweier männer, deren gelehrsam- 
keit und praktische erfahrung die gewähr giebt , daß beide 
zwecke die Vorbereitung für den beruf eines gymnasiallehrers 
und die anleitung zu rein wissenschaftlicher thätigkeit, in glei- 
chem maße zu ihrem rechte kommen. Mögen beide vorstände, 
Iwan Müller und Eduard Wölfflin, der anstalt recht lange er- 
halten bleiben ; das ist der beste wünsch, welchen man ihr beim 
eintritt in ihr zweites Jahrhundert auf den weg geben kann. 

U. 



Bibliographie. 

Von dem ob. hft. 2, p. 115 erwähnten Archiv für geschichte 
des deutschen buchhandels ist das erste heft erschienen und im 
Börsenbl. nr. 59 angezeigt. Vrgl. auch nr. 65. 

Wie viel hindernisse deutsche buchhandlungen im verkehr 
mit den russischen zu überwinden haben, zeigt ein im Börsenbl. 
nr. 59 mitgetheilter fall, wonach die firma Kolesof et Mihin 
plötzlich allen verkehr mit den Deutschen abgebrochen hat, ohne 
in irgend einer weise ihren Verbindlichkeiten nachzukommen. 

Der italienische verlagshandel brachte 1877 gegen 8000 
nova, 1714 nummern mehr als 1876: aber nach der Bibliogra- 
phia italiana ist der innere werth nicht gestiegen. 

Versendet ist : Bibliothek Koechly I. Lager-catalog von 
Ioseph Baer et co. in Frankfurt a. M. Nr. LV. Auetores 
Graeci. 

Cat aloge von antiquar en: Otto Harrassowitz in Leipzig, 
antiquarischer catalog 40. Auswahl von werth vollen größeren 
und seltenen werken aus dem gebiete der . . II. classischen phi- 



Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 179 

lologie und alterthurnskunde , III. linguistik . . IV. Geschichte 
nebst hülfswissenschaften : vrgl. ob. hft. 1, p. 115, 174. verzeich- 
niß des antiquarischen lagers von H. Härtung in Leipzig ; cata- 
log nr. 45 . . . von R. L. Prager in Berlin, abth. I, Geschichte 
und hülfswissenschaften. 



Kleine philologische zeitung. 

Bei den ausgrabungen , die der historische verein von Re- 
gen sburg während des letzten Jahres in der nähe der Stadt 
Regensburg vornehmen ließ, kamen viele funde aus der Römer- 
zeit und der germanischen vorzeit zu tage. Es wurden die ver- 
schiedensten arten von leichenbestattungen constatirt; man fand 
leichen in Steinsarkophagen, ziegelgrüften und holzsärgen, ferner 
die reste von feuerbestattungen in urnen und gefäßen jeder art, 
welche wieder theils in columbarien aus ziegelplatten, theils in 
holzkisten, theils in der bloßen erde beigesetzt waren. Zahlreich 
waren die grabampeln. Von größtem interesse sind auch zahl- 
reiche kleine anticaglien , geräthschaften , schmuck- und nipp- 
sachen, schellen, Spiegel u. s. w. Besonders hervorzuheben sind 
unter andern die reste eines opfers ; bei dem skelette eines rin- 
des lagen die schalen von mehreren hundert eiern und hunderte 
von bronzemünzen ; auch das opfermesser mit zierlich durch- 
brochenem hefte war noch vorhanden. Letzteres stellt einen 
hasen vor, welcher von einem Windhunde verfolgt wird. Auch 
kamen die bruchstücke eines römischen militärdiplomes zum Vor- 
schein; von den beiden ehernen platten ist von der einen un- 
gefähr ein drittel erhalten, während von der zweiten eine größere 
anzahl von kleinen fragmenten gefunden wurde. Beinahe die 
ganze inschrift konnte hergestellt werden. Weitaus der interes- 
santeste fund war aber die bloßlegung der fundamente des al- 
ten ostthores des einstigen römischen castelles. Aus der inschrift 
desselben erfahren wir, daß kaiser Marc Aurel und sein söhn 
Commodus die umwallung Regensburgs mit thoren und thürmen 
durch den Augsburger proprätor M. Helvius Clemens Dexterius 
im jähre 185 n. Chr. herstellen ließen. Es ist dies die älteste 
Urkunde über die erbauung der Stadt Regensburg unter den 
Römern und die einzige, die wir besitzen. Einen ferneren bei- 
trag zur geschichte Regensburgs unter den Römern lieferte ein 
cohortenstein , welcher in einem hause ausgegraben wurde. 
Reichsanz. nr. 63. 

Ueber die vielfach besprochene neue expedition des Africa- 
reisenden Gerhard Rohlfs, der auf dieser tour von etwa 300 
personen begleitet sein wird, melden „Petermanns mittheilungen" 
u. a. folgendes : die reise ist auf fünf jähre in aussieht genommen 
und soll unter der speziellen führung von Gerhard Rohlfs ge- 
lehrte von fach dahin führen, wo sowohl für die geographie als 



180 Kleiue philologische zeitung. Nr. 3. 

auch für die naturwissenschaften noch so viel zu thun ist. Die 
expedition wird vonTripoli ausgehen und das ganze innere des 
Ostens von Nordafrica erforschen, welches nur von wenigen rei- 
senden, so von dr. Nachtigal in seinem Südwesten und von 
Browne im vorigen Jahrhundert im Südosten, sonst aber nur we- 
nig an der nordgrenze durchforscht wurde. Das gebiet, welches 
ein terrain von 56,890 quadratmeilen umfaßt, liegt nördlich 
zwischen dem Mittelmeer, südlich zwischen den Tsadsee, Wadai, 
Darfur und dem egyptischen Sudan, östlich zwischen den egyp- 
tischen westlichen besitzungen und westlich zwischen der west- 
lichen grenze der Tuaregg- und Tibbuvölker. — Beichsanz. 
nr. 63. 

In den ob. hft. 2, p. 114 angeführten „Bibliothekserfahrun- 
gen" wird zum Schluß ausgeführt, wie es neben den mancherlei 
leiden des bibliothekars doch auch an erheiternden und die last 
erleichternden momenten nicht fehle und unter andern als beweis 
dafür meldezettel mitgetheilt der art wie : „Plauti miles curiosus 

— Der codex Laurentianus A und der codex Parisinus A des 
Sophokles — Kunstzeitschrift für vergleichende Sprachforschung 

— Boethius de consolatione philosophiae (oder eine deutsche 
Übersetzung hiervon.) Das original ist erschienen zwischen 
480 — 526 n. Chr. — Bänke deutsche geschichte im Zeitalter 
der revolution — ". 

Deutsche buchdrucker des XV. und XVI. Jahrhunderts in 
Portugal behandelt ein aus der Allg. ztg. in Börsenbl. nr. 61 
übergegangener artikel. 

Rom, 12. märz. Die „Gazzetta uffiziale" veröffentlicht fol- 
gende allerhöchste Verordnung: „In anbetracht des gesetzes vom 
6. juli 1875, durch welches die arbeiten der Tiberregulirung 
als gemeinnützig erklärt worden sind ; in anbetracht des gesetzes 
vom 30. juni 1876, durch welches zur ersten serie der arbeiten 
der Tiberregulirung ermächtigung ertheilt worden ist; in erwä- 
gung, daß die Tiberarbeiten, deren zweck ist, die hauptstadt 
des reiches vor Überschwemmungsgefahr zu sichern, nicht von 
nachtheil sein dürfen für die archäologischen Studien, in- 
dem die vielleicht im flußbette sich findenden antiken gegen- 
stände zerstreut oder zerstört werden-, in erwägung, daß behufs 
Vermeidung des befürchteten Schadens es nothwendig ist, den 
hydraulischen reinigungsarbeiten des Tiberbettes Untersuchungen 
vorangehen zti lassen, die wissenschaftlich geleitet und darauf 
gerichtet sind, alles festzustellen und zu sichern, was darin 
Wichtigkeit hat für die geschichte Roms und das Studium des 
alterthums; in der absieht, daß in der wähl der zu solchem 
zwecke geeignetsten mittel der nutzen der Studien mit den vor- 
teilen in einklang gesetzt werde, welche man von der einthei- 
lung der Tiberregulirungsarbeiten erwartet, haben wir auf Vor- 
schlag unserer minister und Staatssekretäre des Unterrichts und 



Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 161 

der öffentlichen arbeiten beschlossen und dekretiren : 1) einer 
spezialkommission wird die aufgäbe anvertraut, Studien und vor- 
schlage über die geeignetsten und vorteilhaftesten mittel zur 
wissenschaftlichen erforschung des städtischen Tiberbettes zu 
machen. Diese commission besteht aus mehreren namhaften ita- 
lienischen' gelehrten : aber auch clr. Henzen ist dazu gezogen. 
Eeichsanz. nr. 66. 

Mainz, 20. märz. Das „Mainzer Journal" berichtet: In den 
Werkstätten des römisch - germanischen museums dahier 
werden schon seit geraumer zeit copien von denkmälern der 
hiesigen Sammlungen für das nationalmuseum von St. Germain- 
en-Laye bei Paris ausgeführt. In der verflossenen woche war 
der director dieser großartigen anstalt, hr. Bertrand, persönlich 
hier anwesend und ertheilte aufs neue zahlreiche auftrage zur 
abformung, namentlich von merkwürdigen Steindenkmälern, wor- 
unter auch das große unlängst gefundene votivdenkmal der 
Mainzer Neustädter sich befindet. Es soll dabei nicht unerwähnt 
bleiben, daß hr. Bertrand, welcher zu den hervorragendsten 
kennern der römisch-gallischen alterthümer gehört, seine bei 
früheren besuchen unserer Sammlungen an den tag gelegte an- 
erkennung der trefflichen Organisation derselben aufs neue aus- 
gesprochen hat. Diese thatsachen verdienen um deswillen be- 
kannt zu werden , weil sie beweisen , welche bedeutung unsere 
hiesigen Sammlungen unter ihrer dermaligen leitung bereits 
für das ausländ und selbst für die mit den reichsten mittein 
ausgestatteten anstalten verwandter art erlangt haben. Eeichs- 
anz. nr. 74. 

Ein französischer romanschriftsteller erzählt in der vorrede, 
daß er die genauesten geographischen Studien für sein werk ge- 
macht und die werke der geographen Stieler, Petermann und 
Gotha benutzt habe. 

Der „Bad. Landesztg." wird aus Straßburg geschrieben: 
Interessante funde werden durch die zum theil sehr tief geführ- 
ten grabarbeiten für die Wasserleitung zu tage gefördert. Man 
stößt auf seit Jahrhunderten nicht mehr berührte schichten und 
findet alterthümer aus den ältesten zeiten, z. b. theile der alten 
Stadtmauer , die den arbeiten! wegen ihrer kolossalen festigkeit 
viele Schwierigkeiten verursacht , ferner thongefäße , münzen u. 
s. w. In einem theile der spießgasse wurden große mengen 
von thiergerippen aller art ausgegraben ; unter anderem fand 
man einen noch mit beiden hauern versehenen kinnbacken 
eines ebers , zahlreiche , ziemlich gut erhaltene hirschgeweihe 
u. s. w. 

Aus Lothringen wird dem „Schwab. Merk." unter dem 
18. märz geschrieben : Den zahlreichen, in unserem bezirke auf- 
gefundenen gallo-römischen alterthümern reiht sich ein soeben in 
Merten, kanton Busendorf, gemachter interessanter fund an. 



182 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 3. 

Beim graben eines brunnens stieß man daselbst in einer tiefe 
von 2 m. auf alte mauerreste. Weitere forschungen ergaben, 
daß man es mit den fundamenten und ruinen eines ausgedehn- 
ten gebäudes, wahrscheinlich eines altrömischen tempels 
zu thun habe. Die nachgrabungen haben, trotzdem sie erst im 
anfang begriffen sind , bereits eine außerordentlich reiche aus- 
beute ergeben. U. a. wurde eine 2 m. hohe steinsäule mit ko- 
rinthischem capitäl, eine männer- und eine frauenbüste von aus- 
gezeichneter arbeit, bruchstücke steinerner pferde, mehrere wohl- 
erhaltene köpfe , münzen , waffen zu tage gefördert. Die nach- 
grabungen werden eifrig fortgesetzt und sollen auch in der um- 
gegend vorgenommen werden , da es außer zweifei sein dürfte, 
daß man es hier mit einer größeren , ständigen , römischen nie- 
derlassung zu thun hat. ßeichsanz. nr. 73. 

Berlin, 28. märz. Ein vorgestern, den 21. d. m., in Pyr- 
gos aufgegebenes und abends im auswärtigen amte eingetroffe- 
nes telegramm meldet aus Olympia folgenden wichtigen neue- 
sten fund: 

„Vor der exedra großer marmorstier mit weihinschrift der 
Regula für Herodes' Wasserleitung. — Hierdurch wird die nach- 
richt bei Lucian, daß der Sophist Herodes Atticus für die olym- 
pischen spiele wie für den tagesbedarf in Olympia eine kost- 
bare Wasserleitung erbaut habe, entscheidend bestätigt. Ob der 
stier in einem baulichen zusammenhange gestanden hat mit der 
von Herodes gleichfalls erbauten großen exedra, welche im 
vorigen jähre aufgedeckt wurde und einen schätz von 16 mar- 
morstatuen ergab, muß weiterer forschung vorbehalten bleiben". 
Eeichsanz. nr. 71. 



Auszüge aus Zeitschriften. 

Hermes, Zeitschrift für classische philologie bd. IX, 1875, hft. 3: 
ein unedirter brief des kaisers Iulian, von C. Henning, p. 257. — Die 
capitolinischen magistratstafeln , von Th. Mommsen , p. 267. — Der 
Senatsbeschluß bei Iosephus Ant. XIV, 8, 5, von Th. Mommsen, p. 
281. — Beiträge zur erklärung und kritik des Iobannis des Corippus, 
von I. Parlsch, p. 292. — Zur lex Caecilia Didia und noch einmal 
senatssitzungstage der spätem republik, von C. Bardt, p. 305.— Die 
megarische comödie, von Ullrich v. Wilamowitz-Möllendorf, p. 319. — 
Der tempel des Divue Iulius I. II, von H. Iordan, p. 342. — Zu grie- 
chischen prosaikern, von F. K. Hertlein, p. 360. — Ueber den par- 
rhasischen codex des Quintus, von M. Treu, p. 365. — Emendationes 
ad Libanii declamationes nuper editas , von R. Fürster , p. 373. — 
Mise eilen: Ad Senecae controversias, scr. C. M. Francken, p. 382. 
— Zu Anseimus Peripateticus, von M. Hertz, p. 383. 

Hft. 4 : Untersuchungen über die nachkleisthenischen neuerrich- 
teten attischen phylen , von W. Dittenberger , p. 385. — Der ludus 
Aemiliu8 , von H. Iordan, p. 416. — Iltol Tvxqs *«* tov avtofiärov 
Aristot. Phys. II, 4—6, von Ad. Torstrick, p. 425. — Damigeron de 



tfr. 8. Literatur. 183 

lapidibus, von Yal. Rose, p. 471. — Ueber das wort ahtjcittfxävov auf 
münzen, von i". Friedländer, p. 493. — Mise eilen; zu Herodot, von 
Alfred Schöne, p. 496. — Zu Eur. Phoen. 117, von A. Schöne, p. 

499. — Galen, de libr. propriis prooem. p. 9 ff., von A. Schöne, p. 

500. — Inschrift von Teos, von G. Hirschfeld, p. 501. — Metrische 
inschrift, von W. Studemund, p. 503. 



Literatur 

(nebst den für den Philologus eingeschickten neuen erscheinungen.) 

Die homerische naivetät. Eine ästhetisch-culturgeschichtliche Stu- 
die von Max Schneidewin. 8. Hameln, Brecht. 

De choro Persarum fabulae Aeschyleae scripsit Chr. Muff. Com- 
mentatio epistulae ad Gustavum Kramerum gratulandi causa da- 
tae adjeeta et inde separatim expressa. 4. Hai. Saxon. Muehlmann. 

Ueber das änitgoy Anaximanders. Ein beitrag zur richtigen auf- 
fassung desselben als materiellen prineips, von dr. Friedrich Hitze. 
8. Leipzig, I. Klinkhardt. 

H. Usener, de Dionysii Halicarnassensis libris manuscriptis. (In- 
dex leett. un. Bonn.) 4. Bonnae. 

Dictys-Septhnius. Ueber die ursprüngliche abfassung und die 
quellen der Ephemeris belli Trojani. Von Hermann Dung er. 4. Dres- 
den, Teubner. (Programm des Vitzth. gymnasiums in Dresden). 

Die grundidee des Hermes. Vom Standpunkt der vergleichenden 
mythologie von dr. Chr. Mehlis. II. abth. 8. Erlangen, Deichert. 1877. 

Die Etrusker. Vier bücher. Von Karl Otfried Müller. Neu be- 
arbeitet von W. Deecke. Zweiter bd. 8. Stuttgart, Heitz. 1877. 

Die Helvetierschlacht bei Bibracte nebst 2 lithographirten karten. 
Von C. von Kampen. (Programm des gymn. Ernestinum zu Gotha). 4. 

E. Luebberti, dissertatio de gentis Claudiae commentariis dome- 
sticis. Kiliae. (Programm der Universität zur geburtstagsfeier des 
kaisers Wilhelm). 

Schüßler, die Licinii Crassi der römischen kaiserzeit. (Gratula- 
tionsschrift zur dritten säcularfeier des domgymnasiums zu Verden von 
der klosterschule Ilfeld.) 

Iohann Friedrich Christ, sein leben und seine Schriften. Ein bei- 
trag zur gelehrtengeschichte des 18. Jahrhunderts. Inauguraldisserta- 
tion .... von Edmund Dörffel. 8. Leipzig. 

Mittheilungen aus dem leben des director Bartelmann. Von Fr. 
Reuter. III. 4. (Programm des gymnasiums zu Kiel.) 

Tizian Caius Sempronius. Eine geschichte aus dem alten Rom. 
Von Anton Iulius Barrili. 2 bde. 8. Wien-Pest-Leipzig, Hartlebens 
verlag. — 5 mk. 40 pf. 

Fr ankreic h : 

Homere. L' Iliade d' Homere. Edition classique, precedee d' une 
notice litteraire par T. Bude. 568 p. Paris, Delalain. — 2 fr. 

Sophocle, Philoctete. Nouv. edit., avec des notes philologiques 
et litteraires en francais par M. Tivier. 131 p. Paris, Belin. 

Xenophon, Livre premier de la Cyropedie. Edit. classique par 
C. Huret, 12°. 104 p. Paris, Hachette. — 75 c. 

Plutarque, Vie de Cesar. Texte grec avec un choix de notes en 
francais, a Tusage des classes , par M. Gregoire. 12°. 132 p. Paris, 
Delagrave. 

Aristote , Poetique , expliquee litteralement et annotee par F. de 
Parnajon , et trad. en francais par E. Egger. 12°. 192 p. Paris, 
Hachette. — 2 fr. 50 c. 



184 Literatur. Nr. 3. 

Demosthene, Discours sur la Chersonnese, de Demosthene, avec 
analyse et notes en fran9. par L. Vendel-Heyl. Nouv. edit. 28 p. 
Paris, Delalain. — 40 c. 

Lucrece. Oeuvres completes de Lucrece, avec la traduction fran- 
caise de Lagrange ; revue par M. Blancbet. XXXII— 397 p. Paris, 
Garnier. 

Horace, Oeuvres, traduites en vers par Ch. Chautard, et precedees 
d'une etude sur Horace par V. de Laprade. 2 vol. XXXI— 1008 p. 
Paris, lib. des Bibliophiles. — 10 fr. 

Ciceron. M. Tulli Ciceronis opera rbetorica selecta. Edit. clas- 
sique par Turnebe. 207 p. Paris, Delalain. — 1 fr. 25 c. 

Ciceron. M. Tulli Ciceronis Orator. Nouv. edit. par C. Aubert. 
151 p. Paris, Hacbette. — 1 fr. 

Cornelii Nepotis De viris illustr. quae supersunt. Nouv. edit. 
publiee avec une notice , une table des noms geographiques et des 
notes en franc. par M. Roques. 12°. 168 p. Paris, Garnier. 

Nisard, Aug., Tite — Live. 8°. 39 p. Paris, imp. Labure. 

Apulee, L'Amour et Psyche. Gravures d'apres Natoire, notices 
par A. Pons. 32°. 139 p. Paris, Quantin. — 10 fr. 

Baret, P., Essai historique sur la prononciation du grec. 8°. 99 
p. Paris, irnp. Donnaud. 

Tacite. La Germanie de Tac, par E. P. Dubois-Guchan. 18°. 
XXXVI- 143 p. Paris, Liseux. — 3 fr. 50 c. (Petite bibliotheque 
elzever.) 

Tacite, C. Cornelii Taciti bistor. Nouv. edit. par M. Demogeot. 
220 p. Paris, Delagrave. 

Baudry, F., Grammaire compare'e des langues classiques. l re partie. 
Pbonetique. 8°. XIV -2 16 p. Paris, Hachette. — 6 fr. 

Guerard et Passerat, Cours complet de langue grecque, theorie 
et exercices. Granimaire grecque eleinent, suivie de la syntaxe abre"- 
g6e. Nouv. edit. 304 p. Paris, Delagrave. 

Veron, Eug., La mytbologie dans l'art ancien et moderne, suivie 
d'un appendice sur les origines de la mythologie. 8°. XVI — 914 p. 
Paris, Delagrave. 

Dauriac, L., De Heraclito Epbesio. 8°. 95 p. Paris, Klincksieck. 

Waddington, Ch., De l'autorite" d'Aristote au moyen äge. 8°. 57 
p. Paris, Picard. 

Collignon, M., Essai sur les monuments grecs et romains relatifa 
au mythe de Psyche. 8. 165 p. Paris, Thorin. 

Guerard et Moncourt, Cours complet de langue latine, theorie et 
exercices. Grammaire latine d'apres Lhomond. Nouv. edit. 408 p. 
Paris, Delagrave. 

Leclair, L., Grammaire de la langue latine ramenee aux princi- 
pes les plus simples. 18 6 edit. 327 p. Paris, Belin. 

Leclair (L.) et Feuillet, Nouvelle grammaire de la langue latine, 
redigee d'apres les principes de la methode comparative. 362 p. 
Paris, Belin. 

Quinet, E., Vie et mort du genie grec. 8°. 226 p. Paris, Dentu. 

Robida, A., Les vieilles villes d'Italie. Notes et Souvenirs. 8°. 
292 p. Paris, Dreyfous. 

Wailly , Alfr. de, Nouveau dictionuaire latin — francais. Nouv. 
edit. 8°. ' 1012 p. Paris, Delagrave. 



Nr. 4. April 1878. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



von 

Ernst von Leutsch. 



53. De retractatione Fastorum Ovidii. Dissertatio inaugu- 
ralis philologica quam . . . defendet Paulus Goldscheide r. 
8. Halis Saxonum 1877. 25 s. 

An stelle Peter's, der sich neuerdings, wie oben (hft. 3, p. 156) 
erwähnt wurde, der handschriftenkritik zugewandt, hat Goldscheider 
die aufgäbe der höheren kritik übernommen und zwar augenschein- 
lich in der an sich gewiß löblichen absieht, die schwierige frage 
der doppelten redaction, welche auch durch Kiese's und Peter's 
erörterungen der lösung nicht viel näher gebracht worden ist, 
definitiv zu entscheiden. Im ganzen darf von der arbeit gelten, 
daß das gute darin nicht neu und das neue nicht gut ist. Neu 
ist gleich die art und weise, wie Goldscheider die Untersuchung 
führt. Während alle früheren kritiker der ansieht waren, daß 
ein so eigenartiges gedieht , wie die Fasten , zunächst aus sich 
selbst erklärt werden müsse, beginnt Goldscheider umgekehrt 
im ersten capitel des ersten theiles mit einer darlegung der be- 
ziehungen der Tristia und Epp. ex Ponto zu den Fasten, ver- 
wirft mit Peter Kiese's behauptung, daß Ovid (Trist. II, 551 f.) 
die dedication der Fasten an Augustus in eigennütziger absieht 
erdichtet habe , und bringt schließlich , offenbar durch Peter 
(N. jahrb. f. philol. CXI [1875], p. 504) dazu angeregt, dabei 
aber die vermuthungen Merkel's und Peter's einfach überbietend, 
das von Ovid Ep. ex Pont. IV, 8, 63 ff. gegebene versprechen, 
Germanicus verherrlichen zu wollen, geradezu mit der zweiten 
bearbeitung der Fasten in Verbindung, welche hiernach von dem 
dichter bereits zwei jähre vor seinem abieben begonnen worden 
sein müßte. Abgesehen von den zahlreichen gegenbeweisen, 
Philol. Anz. EX. 13 



186 53. Ovidius. Nr. 4. 

welche die Fasten selbst bieten, sprechen dagegen schon die 
verse Ep. ex Pont. IV, 8, 71 : 

Sed dare materiam nobis, quam carmina, mavis: 
ib. 87: Unde tuas possim laudes celebrare recentes 

Magnaque quam minima facta referre mora, 
worin jedenfalls das versprechen eines directen lobgedichts auf 
die thaten des Germanicus zu erblicken ist. Freilich glaubt 
Goldscheider , daß sich Ovid nach seinen aussagen in Ex Pont. 
II, 5, 27; III, 4, 85 u. a. m. größeren aufgaben nicht gewach- 1 
sen gefühlt habe, stellt aber noch auf derselben seite (p. 9 und 
10) dieser ansieht direct entgegengesetzte behauptungen auf. 
Im zweiten capitel folgt eine ziemlich flüchtige Untersuchung der 
Fasten, in der Goldscheider, durchweg abhängig von Riese und 
Peter, die verse I, 1—26, 63 f., 223—226, 285—288, 389 f. 
533—536, 590, 615 f. 637—650, 701 f., IV, 79-84 unbedingt, 
I, 67, 85, 540, 713, IV, 9 und VI, 666 bedingt der zweiten 
bearbeitung in Tomi zuspricht. Erst durch diese neue (?) Un- 
tersuchung glaubt Goldscheider den satz vollständig erwiesen zu 
haben: Extat — altera cura post mortem Augusti Germanico 
dedicata. 

Im ersten capitel des zweiten theiles, worin die altera cura 
näher bestimmt werden soll, erhalten wir zunächst die ganz un- 
erwartete belehrung , daß Ovid die Fasten nicht uno tenore ge- 
schrieben habe. Das gegentheil ist bekanntlich noch von nie- 
mand behauptet worden. Zum überflüssigen beweise hierfür 
werden, wiederum in vollständiger abhängigkeit von Peter, ein- 
zelne discrepanzen (I, 2 und I, 295 — 310) und Wiederholungen 
(I, 1—26 und II, 3—18; I, 151 ff. und HI, 235 ff.; I, 391 ff. 
und VI, 319 ff.) vorgeführt, wobei recht nette behauptungen 
unterlaufen. So glaubt Goldscheider, daß es mit der auffälligen 
ähnlichkeit der prologe zum ersten und zweiten buch nicht so 
viel auf sich habe, als Peter behaupte; denn der vergleich des 
gedichts mit einem schiff (I, 4 — II, 3) finde sich auch sonst 
öfters bei Ovid. Als ob darin etwa das auffallende der Wie- 
derholung läge ! Ferner wird behauptet , zwischen I, 6 (dexter 
ades), 17 (da mihi te placidum) und II, 17 (ergo ades et placido 
paulum mea munera vultu respice), zwischen I, 15 (Annue conanti 
per laudes ire tuorum) und II, 1 6 (per titulos ingredimurque tuos) 
bestehe vix ulla similitudo. Ueberhaupt ist Goldscheider der an- 



Nr. 4. 53. Ovidius. 187 

sieht, daß die stelle II, 3 — 18 von Ovid nur ad illustrandam 
hanc sententiam, hoc carmine de longe alia re usurpari metrurn ele- 
giacum Ovidio gratissimum atque antea, verfaßt und allerdings 
später in das zweite buch eingefügt sei , damit dieses nicht ein 
prooemium entbehre. Die verse II, 1 f. 13 — 54 werden also von 
Goldscheider einfach ignoriert. 

Mit solch dürftigen gründen glaubt Goldscheider nun vol- 
lends gar für seine hypothese, wonach die zusammenfügung der 
einzelnen theile des gedichts erst in Tomi erfolgt sein und sich 
die retraetatio daher auf das ganze gedieht erstreckt haben soll, 
einen vollständigen beweis erbracht zu haben. Gemäß dieser 
vorgefaßten meinung und der überall hervortretenden flüchtigkeit 
in der beweisführung fällt natürlich auch im zweiten capitel die 
Widerlegung der ansichten Peter's und Merkel's aus. Das 
erste buch war , wenn wir Goldscheider glauben wollen , ganz 
besonders geeignet , im sinne der altera dedicatio umgearbeitet 
zu werden, die stelle P7, 81 — 84, die einzige, welche für die 
thätigkeit des verbannten dichters in buch H — VI zeugniß ab- 
legt, ist nicht gelegentlich eingefügt, wie Merkel und Peter 
glauben, sondern bei wiederholter leetüre des vierten buchs (also 
nicht gelegentlich?!), und endlich beweisen alle stellen, wel- 
che ihrem ganzen Wortlaute nach nur in Rom verfaßt sein kön- 
nen, nichts für die Merkel-Peter'sche hypothese, nichts gegen 
seine eigene — nach Goldscheider's meinung. Trotzdem läßt 
er sich im dritten capitel herbei zu constatieren , retraetationem 
leviter et negligenter confeetam esse, was ebenso in oberflächlicher 
und nur allbekannte thatsachen wiederholender ausführung zu 
begründen versucht wird, wie die zum Schluß gegebene erklärung 
des umstandes, daß uns nur sechs bücher erhalten sind. 

Leider sieht man sich nach dem gesagten außer stände, 
mit dem vrf. in die seiner eigenen arbeit am Schluß gespendeten 
lobeserhebungen, wonach mit ihr eine neue ära für das verständ- 
niß der Fasten und die kenntniß der letzten lebenszeit Ovid's 
beginnen soll, einzustimmen. Beneidenswerth erscheint er nur 
um den leichten muth, mit dem er sich an die bearbeitung einer 
so schwierigen frage gewagt , und um den guten glauben , daß 
dieselbe durch das von ihm eingeschlagene verfahren entschie- 
den werden könne. — Was die äußere form betrifft, so erhebt 

13* 



188 54. Sallustius. Nr. 4. 

sich die arbeit nicht über die durchschnittsleistungen unserer 
heutigen doctordissertationen. 

Gustaxi Nick. 



54. L. Conzen, Beiträge zur erklärung des Sallust. 
Programm des gymn. zu Darmstadt. 1876. 20 s. 4. 

Zwölf stellen bespricht Conzen in seinen beitragen zur er- 
klärung des Sallust; ein gewinn für das verständniß dieses au- 
tors ergiebt sich jedoch aus denselben nicht. Denn das ver- 
fahren des vrfs. ist unmethodisch, die Würdigung der handschrif- 
ten unsicher, die kenntniß der einschlagenden literatur unvoll- 
ständig. Den mangel an methode zeigt gleich die behandlung 
der ersten stelle Cat. 13, 1, wo der vrf. bei der paraphrase des 
sinnes von der schlechteren Überlieferung maria constructa („schu- 
fen meere") ausgeht, dann irgend eine erklärung der am besten 
überlieferten lesart constrata als unhaltbar darstellt statt diese 
lesart als unerklärbar zu erweisen, endlich aber wieder bedenk- 
lich wird, ob constructa zu lesen sei, und auf constricta und con- 
tracta hinweist. Ueber den unterschied der interpolierten von 
den nicht interpolierten handschriften, über den relativen werth 
der letzteren zeigt der vrf. keine klarheit; er spricht von einer 
„lesart der meisten und besten handschriften", bemerkt aber zu- 
gleich, daß hier „die Codices schwanken"; nur ein mal wird 
der „von Jordan hauptsächlich verglichene (!) cod. Par." er- 
wähnt. Der text in Jordans ausgäbe wird nur an wenigen 
stellen berücksichtigt ; die neuesten ausgaben von Kritz, Dietsch 
und Jacobs (der wiederholt Jakobs genannt ist) haben keine 
beachtung gefunden, so daß mehrfach ansichten dieser heraus- 
geber mitgetheilt oder bekämpft werden, welche längst von ihnen 
aufgegeben sind. So ist es unrichtig, daß die „meisten aus- 
gaben" Cat. 13, 1 constructa und lug. 102, 2 de se haben. 
Jacobs hat sich Cat. 29, 3 schon lange mit recht für nullius 
statt nulli entschieden, ebenda hat Kritz (1856) den Singular 
consuli nicht mehr bestritten, sondern ihn sogar mit demselben 
beispiel geschützt wie der vrf. selbst. Cat. 38, 3 hat Jacobs be- 
reits in mehreren auflagen richtig post statt per geschrieben. Cat. 
39, 2 halten Kritz und Jacobs ceteros nicht für „die übrigen 
glieder der adelspartei". Cat. 59, 2 hat Kritz die lesart rupis 



Nr. 4. 55. Livius. 189 

aapera aufgegeben , ebenso lug. 45, 2 die erklärung von arte 
als ablativ. Jug. 47, 2 ist Jacobs von der ihm zugeschriebenen 
lesart opportunitatis und 74, 3 von Nurnidas . . tutata und den 
betreffenden erklärungen abgegangen. Jug. 97, 5 vermuthet der 
vrf. veteres novique eique iam, „dessen entstehung aus et ob ea 
wohl auch möglich wäre" ; doch zweifelt der vrf. selbst an der 
richtigkeit seiner muthmaßung, ,,da die lesart et ob ea doch die 
überlieferte ist. Der fehler muß daher nothwendiger weise in 
novique stecken". Diese beiden sätze können die logik des vrfs. 
und seinen begriff von conjecturalkritik illustrieren. Die von 
Weidner dem vrf. mitgetheilte vermuthung zu dieser stelle ve- 
teres navique ist schon von Wasse vorgebracht worden. Auch 
zu c. 39, 2 wird ein Vorschlag von Weidner angeführt: quom 
. . tractarent „während sie (ipsi) . . behandelten". — Nützlicher 
als die kritischen und exegetischen beitrage von Conzen sind 
seine beobachtungen über den gebrauch von postquam bei Sal- 
lust, die im anhange mitgetheilt werden. 



55. G. F. Unger, die römischen quellen des Livius in 
der vierten und fünften dekade. Göttingen 1878. 

Der dritte supplement-band zum Philologus schließt mit 
der oben genannten, ganz vortrefflichen und gediegenen arbeit 
Ungers, die gleichsam die fortsetzung zu Nissens bekanntem 
werke (kritische Untersuchungen über die vierte und fünfte de- 
kade des Livius 1863) bildet. Denn während der letztere mit 
sicherem historischem takt die aus Polybius übertragenen stücke 
ausgeschieden und zugleich festgestellt hat, daß Livius in den 
genannten dekaden nur zwei annalisten, den Claudius und Va- 
lerius Antias zu gründe legte, unternimmt es Unger, bis in das 
einzelnste den nachweis zu führen, welche stücke dem einen und 
welche dem andern entnommen sind , ein schwieriges unterneh- 
men freilich, von dem noch H. Peter sagt: de Claudio et Vale- 
rio distinguendis desperandum est, aber doch mit viel Scharfsinn, 
großer sachkenntniß und im allgemeinen auch mit vielem glück 
durchgeführt. 

Bevor der vrf. zu seinem eigentlichen thema übergeht, be- 
handelt er erst die Streitfrage, ob Livius nur einen Claudius oder 
zwei annalisten gleichen namens bei der abfassung seines Werkes 



190 55. Livius. Nr. 4. 

benutzt habe. Gewöhnlich nahm man an, daß der von Livius 
(6, 42; 8, 19; 9, 5; 10, 37; 23, 10; 23, 30; 23, 36; 38,23; 
38, 41 ; 44, 14) citierte Claudius identisch sei mit dem von an- 
dern Schriftstellern oft genannten Q. Claudius Quadrigarius, der 
zur zeit des Sulla lebte, aber daß derselbe unterschieden wer- 
den müsse von dem Claudius , welcher von Livius (25, 39 und 
35, 14) als Übersetzer der in griechischer spräche abgefaßten 
annalen des Acilius bezeichnet werde. Dagegen meint Nissen, 
daß Livius nur einen annalisten namens Claudius vor sich ge- 
habt habe , der aber nicht mit Q. Claudius Quadrigarius ver- 
wechselt werden dürfe, da Livius seinem Claudius nie den na- 
men Quadrigarius beigelegt habe. Dieser letzte grund ist von 
Mommsen (Hermes I, p. 166 anmerkg.) und H.Peter (Hist. Eom. 
relliq. p. CCLXXXXVIII) durch den hinweis darauf widerlegt 
worden, daß auch L. Coelius Antipater von Livius nur Coelius 
und L. Calpurnius Piso nur Piso genannt seien; ja Mommsen 
hat gewiß das richtige getroffen, wenn er behauptet, daß Qua- 
drigarius, das ein eigentliches cognomen nicht gewesen sein kann, 
entweder den stand bezeichnet habe oder ein Spitzname gewesen 
sei , der erst nach der zeit des Livius aufgekommen zu sein 
scheine. Der erste schriftsteiler, der uns den namen Quadri- 
garius überliefert hat , ist meines wissens Velleius Peterculus *) 
II, 9. 

Nach Mommsen benutzte Livius nur einen Claudius, nämlich 
den Q. Claudius Quadrigarius, „der im anschluß an die um 600 in 
griechischer spräche abgefaßten annalen des L. Acilius in der sulla- 
nischen zeit die geschichte Roms schrieb", den ersten abschnitt bis 
zum brande der Stadt wegließ und das fehlende d. h. von der zeit des 
Acilius bis zu seiner zeit, selbständig ergänzte. Wie Mommsen 
nimmt auch Unger nur einen annalisten Claudius an, weist aber 
nach meiner meinung überzeugend nach, daß Livius überall, selbst 
an den stellen, wo Claudius als Übersetzer des Acilius bezeichnet 

1) Livius, Fronto, Orosius und vielleicht auch Cicero führen nur 
den namen Claudius an , Velleius, Seneca und Macrobius dagegen 
nur Claudius Quadrigarius ; Gellius nennt ihn meistens Quintus Clau- 
dius, doch kommt auch bei ihm Quadrigarius , Claudius Quadrigarius 
und auch nur Claudius vor. Priscian und Nonius citieren ihn bald 
als Quintus Claudius bald als Quadrigarius bald als Claudius, Dio- 
medes kennt den namen Quadrigarius nicht, wohl aber Claudius und 
Quintus Claudius, Lactantius nennt ihn Quintus Claudius und Servius 
bald Quadrigarius bald Claudius Quadrigarius. 



Nr. 4. 55. Livius. 191 

wird, nicht eine Übersetzung sondern ein originalwerk des Clau- 
dius vor äugen gehabt habe. Dieses werk reichte nach den 
Überresten zu urtheilen vom gallischen brande (cf. Peter Hist. 
Rom. relliqu. frag. L, p. 205) bis zum jähre 82 (frag. 84, p. 
234) und war wenigstens in dreiundzwanzig büchern abgefaßt 
(frag. 89 , p. 235). Außer diesem vollständigen werke über- 
setzte auch Claudius die annalen des Acilius und schrieb noch 
ein drittes werk e).eyxog %oö*car, eine monographie , ,, welche die 
bestimmung hatte, die wähl des anfangs seiner annalen durch 
den nachweis der unzuverlässigkeit der ältesten geschichte aus- 
führlicher und gelehrter zu rechtfertigen, als dies in seinem für 
das größere römische publicum bestimmten werke statthaft ge- 
wesen wäre". 

Um nun eine feste, sichere grundlage zu haben, auf der 
Unger seine Untersuchungen auffuhren kann , entwirft er uns 
nach den erhaltenen resten ein bild von den beiden annalisten. 
Abweichend von andern forschem , wie Nissen und Peter, stellt 
er den Claudius höher als den Valerius Antias; so war Clau- 
dius weit mehr historiker, er schreibt nicht alles nach, wie er 
es grade vorfand, sondern verwendet bisweilen in scharfsinniger 
weise die chronologischen indicien und andere hülfsmittel, ja 
zieht auch griechische geschichtswerke wie z. b. den Polybius zu 
rathe und verbessert die tagesmeldungen nach späteren genau- 
eren berichten. Antias ist dagegen nur naiver chronist, der die 
sache nicht näher untersucht, sondern nur nach seinen quellen, 
der Stadtchronik, früheren annalisten und den mittheilungen der 
Valerier das geschehene meldet, mag dies das richtige sein oder 
nicht; Livius macht ihm oft Übertreibung, Schwindel und lügen 
zum Vorwurf. 

Da es viel zu weit führen würde , wenn ich auf einzelne 
stellen näher eingehen wollte, wo ich die gründe für und wider 
entwickeln müßte, so will ich lieber eine Zusammenstellung der 
quellen geben, aus welchen Livius nach Ungers Untersuchung 
bei den einzelnen abschnitten geschöpft hat. 

a) Polybius: XXXI c. 14, 3—18, 9; c. 22, 4—47, 3. 
XXXH c. 4, 1—6, 4-, c. 9, 6—25, 12-, c. 32, 1— XXXDZ c. 
21, 5; c. 27, 5—35, 12-, c. 38, 1—41, 9; c. 45, 6—49, 8. 
XXXrV c. 22, 4—41, 7; c. 48, 2—53, 3; c. 57, 1—62, 18. 
XXXV c. 12, 1—19, 7; c. 25, 2—39, 8; c. 42, 1—51, 10. 



192 55. Livius. Nr. 4. 

XXXVI c. 5, 1—21, 7; c. 22, 1—35, 16; c. 41, 1—45, 8. 
XXXVH c. 1, 5 — 6; c. 4, 6—45, 21; c. 49, 1—7; c. 52, 7 
—56, 10; c. 60, 1— XXXVIII c. 16, 15; c. 18, 1—27, 9; c. 
28, 5—34, 9; c. 37, 1—41, 15. XXXIX c. 23, 5—29, 3; 
c. 33, 1—37, 21; c. 46, 6-51, 12; c. 53, 1—6. XXXX c. 
2, 6—16, 3; c. 20, 1—24, 8; c. 53, 1—58, 9. XXXXI c. 
19, 3—20, 13; c. 22, 4—25, 8. XXXXH c. 5, 1—6, 3: c. 
11, 4—18, 5; c. 29, 1—30, 7; c. 36, 8— XXXXIII c. 1, 3; 
c. 17, 2— XXXXIV c. 13,11; c.22, 3— 15; c. 23, 1— XXXXV 
c. 1, 5; c. 3, 3—8; c. 4, 2 — 12, 8; c. 19, 1—20, 3; c. 25, 
4; c. 25, 6—34, 14; c. 40, 6-42, 1; c. 44, 19 — 21. 

b) Claudius: XXXI c. 5, 1—9, 10; c. 11, 4—12, 10; c. 

19, 1—22, 3; c. 50, 6— XXXII c. 1, 14; c. 3, 1—7; c. 26, 
1 — 31, 3. XXXHI c. 10, 10; c. 21, 6—24, 2; c. 36, 13— 
37, 12. XXXIV c. 1, 1—9, 13; c. 22, 1—3; c. 44, 6—46, 
3; c. 48, 1; c. 54, 1—8. XXXV, c. 7, 6—8, 9; c. 10, 1— 
2; c. 14, 5—12; c. 20, 1—21, 6; c. 24, 1—8; c. 40, 2— 

41, 10. XXXVI c. 17, 5—16; c. 21, 8—11; c. 45, 9— 
XXXVH c. 4, 5; c. 57, 1—59, 5. XXXVIH c. 17, 1—20; 
c. 35, 10—36, 10; c. 42, 1—44, 8; c. 55, 2; c. 55, 10-13; 
c. 56, 2; c. 56, 8—9. XXXIX c. 1, 1—2, 11; c. 6, 3—7, 
10; c. 20, 1—4; c. 22, 1—23, 4; c. 29, 4—10; c. 50, 10; c. 
52, 1—6; c. 54, 1—56, 3. XXXX c. 1, 1—2, 5; c. 19, 1 
—11; c. 25, 1—29, 2; c. 34, 4—13; c. 37, 8—40, 15; c. 

42, 13—46, 16; c. 50, 2—51, 9; c. 53, 1—6. XXXXI c. 
6, 1—8, 2; c. 13, 1—5; c. 14, 7—16, 6; c. 17, 5—18, 15: 
c. 21, 1—22, 3; c. 27, 3—28, 3. XXXXII c. 11, 1—3; c. 

20, 1—25, 13; c. 28, 1—13; c. 30,8—32, 5; c. 35, 3— 36, 8. 
XXXXEII c. 9, 1—12, 11; c. 15, 6—17, 1. XXXXIV c. 
14, 1—17, 10. XXXXV c. 1, 6—4, 1; c. 44, 1—18. 

c) Valerius Antias: XXXI c. 1, 6—4, 7; c. 10,1 — 11,3; 
c. 13, 1—14, 2; c. 47, 4—50, 5. XXXH c. 2, 1—7; c. 6, 
5—9, 5; c. 30, 11—12; c. 31, 4—6. XXXIII c. 10, 8; c. 
23, 5; c. 24, 3—27,4; c. 36, 1—13; c. 42, 1— 45, 5. XXXIV 
c. 10, 1 — 7; c. 15, 9—16, 2; c. 41, 8—44, 5; c. 46, 4—48, 
1; c. 52, 4—53, 7; c. 55, 1—57, 1. XXXV c. 1, 1—7, 5; 
c. 9, 1—8; c 11, 1 — 13; c. 21, 7—23, 11. XXXVI c. 1, 
1—4, 10; c. 19, 12; c. 36, 1—40, 14. XXXVII c. 46, 1— 
52, 6; c. 60, 6. XXXVUI c. 28, 1— 4 } c. 35, 1—9-, c. 44, 



Nr. 4. 56. Velleius Paterculus. 193 

9—55, 7; c. 58, 1—60, 10. XXXIX c. 3, 1 — 6, 2; c. 8, 1 
—19, 7; c. 20, 5—21, 10-, c. 22, 9—10; c. 30, 1—32, 15-, 
c. 38, 1—46, 5; c. 56, 3—7. XXXX c. 16, 4—18, 8; c. 
29, 3 — 34, 3; c. 34, 14—37, 7; c. 41, 1—42, 13; c. 47, 1 
—50, 1; c. 52, 1—7; c. 59, 1—8. XXXXI c. 1, 1—5, 12; 
c. 8, 6—12, 10; c. 13, 6—14, 6; c. 16, 7—17, 4; c. 2Q, 1 
— 27, 2; c. 28, 3— XXXXn c. 4, 5; c. 6, 4—11, 1; c. 18,6 
—19, 8; c. 21, 6—7; c. 25, 14—27, 8; c. 32, 5—35, 2. 
XXXXIII c. 1, 4—3, 7; c. 4, 1—8, 9; c. 13, 3—15, 5. 
XXXXIV c. 13, 12—13; c. 15, 3—7; c. 18, 1—22, 17. 
XXXXV c. 12, 9—14, 9; c. 15, 1—18, 8; c. 20, 4—25, 5; 
c. 35, 1—40, 5; c. 42, 2—43, 10. 

d) Cato's reden: XXXIV c. 11, 1—21, 8. XXXIX c. 
42, 6 — 12; c. 43, 5. 

e) Ohne irgend welche quellen "benutzt zu haben: XXXI 
c. 1, 1—5. XXXIV c. 9, 3. XXXV c. 25, 1; c. 40, 1. 
XXXVm c. 55, 8—56, 8; c. 56, 10—13; c. 57, 1—8. 
XXXIX c. 50, 10—11; c. 52, 1—9. XXXX c. 50, 7. 
XXXXIII c. 13, 1—2. XXXXIV c. 14, 13. XXXXV c. 25, 
3; c. 40, 1; c. 43, 8. 

f) Zweifelhaft: XXXVII c. 34, 6. XXXVHI c. 57, 3—7. 
XXXXI c. 18, 6—19, 3. XXXXEI c. 66, 9—10. XXXXIV 
c. 37, 5—9. 

Bevor ich schließe, will ich noch auf die scharfsinnigen 
Untersuchungen aufmerksam machen, die Unger über die Zeit- 
bestimmung der schlacht bei Kynoskephalae (p. 51) und bei 
Pydna (p. 201 etc.), wahre meisterstücke, angestellt hat. 

tC. Wagener. 
56. De elocutione M. Velleii Paterculi scripsit Henricus 
eorges. Lipsiae 1877 x ). 

Welch reger eifer gegenwärtig auf dem gebiete der latei- 
nischen Sprachwissenschaft herrscht, zeigt am deutlichsten die 
große zahl der grammatischen Untersuchungen , die alle darauf 
hinzielen, der lateinischen grammatik eine festere, sichere grund- 
lage zu geben als es bisher der fall war, um auf derselben mit 

1) S. ob. hft. 3, p. 163. 



194 56. Velleius Paterculus. Nr. 4. 

der zeit eine statistisch genaue historische grammatik der latei- 
nischen spräche aufführen zu können. Zu solchen Untersuchun- 
gen gehören auch die arbeiten von F ritsch, über den Sprachge- 
brauch des Velleius Paterculus, Arnstadt 1876 und die vorstehend 
genannte von Georges de elocutione M. Velleii Paterculi, die natur- 
gemäß sich in vielen puncten berühren müssen, aber doch soweit von 
einander abweichen, daß sie beide recht gut neben einander be- 
stehen können. In ähnlicher anordnung, wie sie Dräger seinen 
grammatischen Schriften zu gründe gelegt hat, behandelt Fritsch 
in dem ersten theile seiner fleißigen arbeit den gebrauch der 
redetheile. Bisher ist nur dieser theil erschienen und deßhalb 
möchte ich an den vrf. die bitte richten, nicht allzu lange auf 
die fortsetzung warten zu lassen und gerade die syntax des Velleius 
genauer zu durchforschen, als dies von Georges, dem söhne des 
verdienten lexicographen, geschehen ist, in dessen arbeit das haupt- 
gewicht auf dem lexicalischen gebiete beruht. Mit Sorgfalt und 
geschick sind von letzterem besonders die Wörter zusammengestellt, 
welche Velleius Paterculus überhaupt gebraucht hat, sodann die, 
welche sich zwar schon früher bei Schriftstellern finden, aber 
doch in anderer bedeutung als bisher von ihm angewandt sind, 
und die, welche er der dichtersprache entnommen hat. Daß 
bei einer solchen arbeit trotz des größten fleißes und der größten 
Sorgfalt doch manches übersehen wird, ist klar, und wenn ich 
im folgenden einige zusätze gebe, so geschieht es nicht, um hier 
einen tadel gegen die arbeit auszusprechen, sondern um die sache 
zu fördern. 

Folgende Wörter, die Velleius Paterculus überhaupt zuerst 
oder doch zuerst in der prosa gebraucht zu haben scheint, ver- 
misse ich bei Georges: admirator Vell. I, 13, 3, außerdem in 
Seneca's briefen und bei Quintilian ; raptor zwar schon bei dichtem, 
wie Plautus, Horaz, Ovid und Phaedrus, in prosa aber zuerst bei 
Vell. II, 27, 2, dann bei Columella, Tacitus (vrgl. Dräger Synt. des 
Tacitus p. 3), Valerius Maximus, Augustinus; incrementum (wachsen 
an ehren und würden) Vell. I, 34, 3-, DI, 51, 2, so auch bei 
Sueton; propositum (lebensweise , lebensplan) schon bei Horaz, 
Phaedrus und auch Iuvenal, in prosa bei Vell. II, 2, 2, in Se- 
neca's briefen, Plinius briefen und Panegyricus. 

Auf p. 22 und 23, wo die abstracta im plural und die 
abstracta für concreta verzeichnet sind , fehlen folgende wör- 



Nr. 4. 56. Velleius Paterculus. 195 

ter , die Fritsch erwähnt : dissensiones , operae , opportunitates, 
principatus (von Draeger Hist. synt. I, 15 citiert), eoniuratio, 
8ervitium. 

Sodann hätten bei folgenden Wörtern nach folgende stellen 
angeführt werden können: bei assentatio (p. 12) Plin. Ep. I, 8, 
17; bei confusio (p. 12) Quint. I. 0. XII, 5, 3 ; Petron. Sat. 101 
bei convictus (p. 12) Plin. Ep. VI, 31, 14; Panegyr. 49; Quint 
VI, 3, 28; Iuvenal. XI, 4; bei eloquium (p. 16) Tert. Ap. 48 
bei praesagium (p. 17) Capitolin. Pert. 11, 3; Spart. Get. 4, 5 
bei aevum (p. 17) Capit. Ant. Phil. 1, 9; Vop. Aur. 35, 1 
Spart. Ver. 2, 1 ; Lampr. Alex. Sev. 58, 2 ; bei claritudo (p 
18) Sisenna (Nonius p. 82 = Peter Hist. Rom. fragm. p. 284 
15); bei favorabilis (p. 24) Eutrop. VIII, 23, X, 6; bei saeer- 
dotalis (p. 25) Macrob. Sat. III, 5; Lamp. Commod. 12. 1; bei 
auspicatu8 (p. 27) Plin. Ep. ad Trai. 28, 2; lustin. 4, 5; 18,5; 
bei fatalis (p. 27) Sueton. Ner. 49 ; bei bonus (p. 28) Dictys II, 
15, Hegesipp. I, 1, V, 10; bei innutritus (p. 35) Senec. Consol. 
ad Polyb. 21; bei astruere (p. 37) Sil. Ital. 4, 8; bei imputare 
(p. 42) Ovid. Met. 15, 470; Heroid. 6, 102; Curt. VIT, 1, 19; 
Plin. NH. 35, 145; bei excitus sedibus (p. 60) Liv. 5, 8, 7; 
27, 51, 13; 42, 11,4; 44,27, 2; bei deterrere (p. 60) mit dem 
bloßen ablativ Hör. Art. poet. 392 ; bei necdum (p. 67) Dictys 
V, 5, Vergib Eclog. IX, 26; bei ad hoc (p. 68) Sueton. Ner. 46 ; 
bei per omnia (p. 70) vrgl. die von Dederich zu Dictys p. 293 
angeführten stellen. 

Bei Teutoni (p. 22) verweist Georges auf Kritz zu Vell. 
Patercul. H, 12 (nicht 18) 4, stimmt also Kritz bei, der den 
gen. pluralis Teutonum iür eine aus Teutonorum verkürzte form an- 
sieht, aber gewiß mit unrecht, da Teutoni und Teutones sich fin- 
det. Von diesen ist die form auf i nach der zweiten declina- 
tion hauptsächlich in der guten latinität angewandt , dieselbe 
gebrauchen Cicero, Caesar (aber gen. pluralis Teutonum), Tacitus, 
Sueton, Frontin, Velleius (aber gen. pluralis Teutonum), Valerius 
Maximus (gen. pluralis Teutonorum), Seneca, Plinius NH., Mela, 
Livius (Perioch.) und Florus (aber ac. pluralis Teutonas, cf. Halm 
praef. VHI) ; Teutones dagegen kommt bei späteren Schriftstellern 
vor, so bei Aurelius Victor, Ampelius, Eutrop (Paul. Diaconus), Am- 
mianus Marcellinus, Orosius (der an dieser stelle den Livius und 
dieser wieder den Valerius Antias benutzt hat) und Iordanes. — Bei 



196 56. Velleius Paterculus. Nr. 4. 

dies (p. 22) ist Vell. II, 57, 2 ausgelassen, wo es als feminin 
gebraucht ist. Auch hätte hier nicht bloß auf Reisig und andere 
(bei denen ich Paucker de latinitate scriptorum historiae Augustae 
p. 65 vermisse) verwiesen werden müssen, sondern es mußte 
auch gezeigt werden, wie dies Fritsch p. 8 und 9 gethan hat, 
daß die von Reisig aufgestellte regel sich für Velleius nicht bestä- 
tigt. — Zu egredi urbe (p. 60) fügt Georges die bemerkung 
hinzu: Cicero egredi ex dixit, aber Tuscul. I, 7, 13 steht egredi 
auch mit dem bloßen ablativ. — Bei Africus (p. 28) mußte 
auch Vell. II, 54, 2 bellum Africum erwähnt und dabei bemerkt 
werden, daß Velleius im nächsten capitel (55, 2) bellum Africanum 
sagt, vrgl. Fröhlich das bellum Africanum, Brugg 1872, p. 7. — 
Wenn Georges (p. 56) sagt, daß Velleius dem Livius folgend si- 
milis bald mit dem dativ bald mit dem genitiv verbindet, so ist 
dies zwar richtig, aber er hätte nicht unterlassen dürfen, Vell. 
II, 91, 3 sibi simillimus besonders hervorzuheben, da dieser hier 
ganz vom sprachgebrauche des Livius abweicht, der nur den 
genitiv eines pronomens zu similis setzt, vrgl. Wölfflin Liviani- 
sche kritik p. 15 und Hildebrand beitrage zum Sprachgebrauch 
des Livius p. 22. — Für das correspondirende que . . et (p. 
68), das nach Nipperdey proleg. ad Caes. p. 23, Kühnast Liv. 
syntax p. 371 und Draeger Hist. syntax II, 74 weder bei Cicero 
noch bei Caesar sich findet, wird Caes. Bell. Gall. VII, 27, 1 
angeführt, aber Georges hat übersehen, daß hier drei prädicate 
sind: arbitratus est . . suosque . . iussit et . . ostendit. — Die 
bemerkung bei fulgens (p. 24) : cuius superlativi forma tantum vi- 
detur exstare, ist nicht richtig, da Neue Lat. formenlehre LT, 120 
den comparativ des adjectivs fulgentior und des adverbs fulgentius 
aus Silius, Claudian und Plinius NH. nachweist. — Wenn Ge- 
orges (p. 52) norat und nosset zu den weniger gebräuchlichen 
formen rechnet, so ist dies nicht ganz richtig, da nach Frohwein 
(Perfectbildung auf vi bei Cicero p. 29 — 31) bei Cicero die kur- 
zen bildungen von nosco bei weitem überwiegen und nach Hil- 
debrand (Beiträge zum Sprachgebrauch des Livius) bei Livius 
immer die kurzen formen vorkommen, außer je einmal noverit 
und noverant. Ueber die formen bei Caesar, Sallust und Nepos 
werde ich im osterprogramm der hauptschule zu Bremen spre- 
chen. Bei revcrsus est (p. 52) hätte Georges außer Neue auch 
noch C. F. W. Müller Zeitschrift f. gyninasialw. 1875 p. 215, 



Nr; 4. 57. Tacittis. 197 

Ott beitrage zur lat. lexicogr. II, p. 18, Eönscli Itala und Vul- 
gata p. 289 citieren müssen, ebenso auch bei dbditus carceri 
(p. 57) Schröter Dativ zur bezeichnung der richtung, Sagan 
1873 p. 7. 

Von druckfehlern habe ich nur wenige bemerkt, p. 23, z. 
1 muß es discordiae und zeile 12 von unten II, 36, 3 heißen, 
aus versehen ist immodicus gloriae p. 55 auf der folgenden seite 
wiederholt. 

Zuletzt will ich mir noch einige Verbesserungsvorschläge er- 
lauben. Vell. II, 57, 2 schreibt Halm orarat statt orabat , aber 
es ist hierbei nicht beachtet , daß orarat nicht mit dem sprach- 
gebrauche des Vellems übereinstimmt, der mit ausnähme einer 
einzigen stelle (II, 33, 1 liberarat) immer und zwar sehr oft die 
volle form für die 3 pers. singularis des ind. plusquperfecti ge- 
wählt hat, daher ziehe ich orabat vor, was auch Kritz und Haase 
schreiben. Ob nicht auch liberarat in liberaverat zu ändern ist, 
wie auch triumpharunt II, 11, 3 in triumpliaverunt f Denn auch 
für die 3 pers. plur. ind. perfecti gebraucht Velleius immer die 
vollen formen entweder auf averunt oder auf avere, und tri- 
umphaverunt findet sich auch II, 8, 2 ; II, 30, 2. — Die con- 
jectur von Orelli II, 16,4 appellarant , die Kritz , Haase und 
Halm in den text aufgenommen haben, halte ich nicht für rich- 
tig, da Velleius für die 3 pers. plur. ind. plusquperfecti nur die 
vollen formen auf averant gebraucht hat. Aber auch appellarent, 
was die handschrift hat , ist unbedingt falsch , deßlialb schlage 
ich vor, an unserer stelle zu lesen : caput imperii sui Corfinium 
legerant, quod appellabant Italicam. 

C. Wagener. 



57. Cornelii Taciti Germania für den schulgebrauch erklärt 
von Ignaz P ramm er. Wien, Alfred Holder 1878. VIII 
und 71 s. 8. 

Den text dieser Schulausgabe , welche „zunächst für die 
österreichischen gymnasien mit deutscher Unterrichtssprache" be- 
stimmt ist, hat der herausgeber weder selbständig constituiren 
noch durch eigene conjecturen emendiren wollen. Er hat nur 
Müllenhoffs text bisweilen geändert, um schwierige stellen „ohne 
anstoß lesbar" zu machen. Ein „kritischer anhang" verzeichnet 



198 57. Tacitus. Nr. 4. 

die abweichungen von der Germania antiqua, jedoch nicht immer 
genau. So soll Müllenhoff cap. 46 solae in sagittis spes „nach 
dem codex Leidensis" lesen; die gleiche lesart steht aber in al- 
len seinen handschriften. Zu 45 ist gesagt, Sitonum gens conti- 
nuatur stehe in „den besten handschriften"; aber Leid. 2 hat wie 
Vat. C und Neap. gentis continuantur , Leid. 1 nach Müllenhoff 
gens continuantur. Zu 13 wird richtig von „den zwei besten 
handschriften" gesprochen, dagegen zu 1 1 und 1 9 nur unbestimmt 
von „handschriften"; aber 11 sind nur Vat. C 2 und Neap. ge- 
meint, 19 auch (Vat. B und) Leid. Den cod. Leidensis scheint der 
herausgeber nach einer bemerkung zu 43 für „die beste hand- 
schrift" zu halten , doch verläßt er den Leid. 1 auch in fällen, 
wo die äußere autorität entscheidet, und folgt nach Müllenhoff 
dem Vat. B (oder Leid. 2 ) und Vat. C und Neap. Zu 37 sagt 
der herausgeber : „Müllenhoff nach der Überlieferung Caecilio 
Metello ac Papirio Carbone (consulibus). Allein ac ist in dieser 
Verbindung unerhört. Es müßte wenigstens et geschrieben wer- 
den". Nun steht aber im Vat. B und Leid, wirklich et, das 
Tacitus auch sonst bei consulnamen gebraucht, vrgl. Dräger Synt. 
und stil § 112. Zu 3 bemerkt der herausgeber: „Müllenhoff 
nimmt nach nominatumque eine lücke an". Aber diese bereits 
von Haupt bezeichnete lücke ist schon in handschriften ange- 
deutet, nämlich im texte von Vat. B, Vat. C und Neap. und 
am rande des Leidensis. Mit berufung auf Lachmann schreibt der 
herausgeber 18: intersunt parentes et propinqui ac munera probant, 
non ad delicias muliebres quaesita; aber Lachmann las: . . pro- 
pinqui; probant munera non ad . . ; die vom herausgeber recipierte 
lesart empfahl Bernhardy. Der herausgeber schreibt 3: heroica 
quoque carmina, wie er sagt „nach Halms Vorschlag" ; aber Halm 3 
schlägt haec oder bellica vor. Uebrigens kann heroica nicht rich- 
tig sein; denn carmina bilden einen gegensatz zum cantus auf 
Hercules; dieser cantus aber gehört zu den cap. 2 erwähnten 
carmina antiqua und ist demnach selbst ein Carmen heroicum. 
Freilich leugnet dies der herausgeber und scheint mit anderen jene 
„alten lieder, womit die Germanen ihre Stammväter preisen" für 
eine eigene art zu halten. Aber durch den zusatz : quod unum 
apud illos memoriae et annalium genus est, hat Tacitus jene car- 
mina antiqua doch deutlich überhaupt als die epischen lieder 
[heroica carmina) der Germanen bezeichnet. Indessen kann hier 



Nr. 4. 57. Tacitus. 199 

nicht weiter auf einzelne vom Herausgeber gewählte lesarten 
eingegangen werden; nur sei bemerkt, daß an mehreren stellen 
nach anderen glosseme angenommen und vom herausgeber sofort 
aus dem text entfernt worden sind. Wenn nun 4 aliis vor ali- 
arum nationum, 1 6 autem nach abdita, 1 3 iugumqite hinter vertices 
montium getilgt und 28 Germanorum natione neben ab Osis aus- 
geschieden ist: so kann dies gebilligt werden. Vielleicht läßt 
sich auch 30 die Streichung von durans in einer Schulausgabe 
entschuldigen , nicht aber die auch von Nipperdey gewagte 
Streichung des Schlußsatzes von 21, wo vielmehr mit Selling und 
Christ zu lesen ist : victus inter hospites communis, vrgl. Caes. b. 
g. VI 23, 9. 

In der sachlichen erklärung soll die ausgäbe die mitte hal- 
ten zwischen der kürze Tückings und der ausführlichkeit Schweizer- 
Sidlers, aus dessen commentar der herausgeber eine fülle von 
Stoff gewann. Ref. hält die vom herausgeber getroffene auswahl 
für zu reichlich , da die anmerkungen den text erklären , nicht 
ergänzen sollen. Auch die sprachlichen erläuterungen erscheinen 
dem ref. zu zahlreich ; insbesondere die statistischen angaben 
über das vorkommen gewisser Wörter und Wendungen sind für 
den lehrer, der sich bei Wölfflin und Dräger rath erholen kann, 
unnöthig, für den schüler meist unnütz. Denn das verständniß 
des textes fördern sie nicht unmittelbar und zur einführung in 
den „Sprachgebrauch des autors" eignen sie sich nur dann, wenn 
sie die beispiele vorlegen oder doch nachweisen. Hiervon ab- 
gesehen muß die wähl und fassung der noten im allgemeinen 
als passend anerkannt werden ; nur verhältnißmäßig weniges 
wird man anders wünschen, auch dafür können hier nur wenige 
belege angeführt werden. In den worten cap. 2 et immensus 
ultra utqiie sie dixerim adversus oceanus soll ultra als adverb zu 
immensus gehören, wie auch Schw.-Sidler annimmt ; es steht aber 
parallel mit adversus. Denn daß adversus hier nicht „feindlich" 
bedeutet , ergiebt sich schon aus dem zusatz utque sie dixerim. 
Wie hier ultra, so sind adverbien auch sonst in der Germania als 
adjeetive gebraucht z. b. 8 monstrata comminus captivitate; 19 
nulla cogitatio ultra; vrgl. Dräger Synt. und stil § 23. Zu 7 wird 
pignora, worunter hier nicht nur infantes sondern auch feminae 
zu verstehen sind, mit Schw.-Sidler und anderen vom herausgeber 
durch erklärende beifügung von amoris irrig gedeutet-, richtiger 



200 57. Tacitus. Nr. 4. 

leitet Haupt zu Ovid. Met. III, 134 den ausdruck daher, „daß 
man die nächsten und liebsten angehörigen als geisein zu ver- 
langen pflegte"; vrgl. Suet. Aug. 21. Der sinn von obiectu 
pectorum 8 ist wohl nicht, wie der herausgeber sagt, die for- 
derung der frauen „ihnen lieber die brüst zu durchbohren, als 
sie in feindliche gefangenschaft gerathen zu lassen"; die rich- 
tige auffassung läßt sich aus lustin. I, 6, 14 erschließen. Die 
worte 14 materia munificentiae per bellet et raptus beziehen sich, 
was zu bemerken war, nur auf jene prineipes, welche unter 
fremden stammen (nationes) verweilen; denn nach 15 erhielten 
die prineipes von den civitates daheim nitro , quod pro honore ac- 
ceptum etiam necessitatihus subvenit. Wenn Tacitus hier über die 
prineipes ferner sagt : gaudent praeeipue finitimarum gentium donis, 
so fragt es sich , ob unter gentes andere stamme der Germanen 
oder nichtgermanische Völker zu verstehen sind. Für letztere 
deutung sprechen die unter solchen geschenken aufgeführten 
(gallischen) torques und (römischen) phalerae\ gegen dieselbe 
spricht, daß die bezeichnung finitimae gentes mit bezug auf die 
Kömer auffallend wäre, doch scheint der herausgeber nach seinen 
noten über gens zu 2 und 4 dieser auffassung zu folgen. Zu 
13, wo gens mit civitas identisch ist, bemerkt der herausgeber 
nichts, constatiert aber zu 27 die identität von gentes und nati- 
ones. Doch genug hiervon. 

In der Orthographie folgt der herausgeber dem herkommen 
und schreibt regelmäßig z. b. vulgavit, vultu, ferner mit assimi- 
lation illinunt , impotentes, nur 46 voltus, 14 adquirere, 36 inlac- 
essiti. Auf die interpunetion ist unverkennbare Sorgfalt verwen- 
det. Der druck ist namentlich im texte correct. Beigefügt ist 
ein recht brauchbares register zu den anmerkungen und ein 
vollständiges verzeichniß der eigennamen. In diesem stört nur 
die ungleichmäßige einreihung der römischen personennamen z. 
b. C. Marius unter M , aber Cn. Mallius unter C. Die anord- 
nung mußte entweder nach dem gentilnamen geschehen , dann 
war z. b. Caecilius Metellus , nicht aber Iulius Caesar unter C 
zu setzen, oder nach den im texte genannten namen, dann 
mußte aber z. b. nicht Caligula, sondern Caesar aufgenommen 
werden. 

Dem texte mit den anmerkungen geht eine einleitung vor- 
an, welche auf sechs Seiten das nöthige über leben und schrif- 



Nr. 4. 58. Cicero. 201 

ten des Tacitus enthält. Doch war hier nicht Püblius, sondern 
Lucius Verginius Rufus zu schreiben. Dürftig sind die bemer- 
kungen über den stil des Tacitus ; überdies ist ein theil der- 
selben auf die Germania nicht anwendbar, so daß p. VDII „wie- 
derholte anwendung der anaphora und häufung des ausdrucke" als 
eigenthümlichkeit in der Germania hervorgehoben werden müßte, 
nachdem p. VH unter den „haupteigen thümlichkeiten des taci- 
teischen Stiles" gerade die „verschmähung von pleonasmen und 
seltene anwendung der anaphora" angeführt war. Unbestimmt 
spricht der herausgeber von „dem hohen interesse, welches das 
römische publicum begreiflicher weise an den so oft bekriegten 
und niemals unterworfenen Germanen nahm". Wahrscheinlich 
war doch jenes allgemeine interesse wieder neu angeregt, als es 
für Tacitus ein motiv zur abfassung der Germania wurde; eine 
andeutung scheint cap. 33 vorzuliegen, worüber Mommsen im 
index zu Keils Plinius u. d. A. Vestricius Spurinna zu ver- 
gleichen ist. — Manches bedenken unterdrückt ref. im hinblick 
auf den knapp zugemessenen räum. Daß die eben ausgespro- 
chenen bemerkungen die anerkennung nicht aufheben wollen, 
deren die Schulausgabe von Prammer würdig ist, versteht sich 
für einsichtige leser von selbst. 



58. Ciceronis Cato maior de senectute. Für den schulge- 
brauch erklärt von Gustav Lahmeyer. IV. aufläge. Leipzig, 
8. Teubner 1877. 

Die , Sorgfalt und akribie , durch welche die arbeiten Lah- 
meyers sich auszeichnen, giebt sich auch in dieser neuen aufläge 
seines Cato maior deutlich zu erkennen. Was seit der dritten 
aufläge (1871) an beitragen zur kritik und exegese der vorlie- 
genden schrift des Cicero veröffentlicht worden, ist aufs gewis- 
senhafteste benutzt; auch haben eigene erwägungen des heraus- 
gebers an verschiedenen stellen eine Verbesserung des früher 
gegebenen herbeigeführt. 

Während die einleitung im wesentlichen unverändert 
geblieben ist, hat der text an sieben stellen abweichungen von 
der dritten aufläge erfahren. § 18 exscissam für excisam (wie 
auch Lambin vermuthet hatte) in folge der beobachtung, daß 
nicht excidere urbem, sondern excindere für unser „zerstören" ge- 
Philol. Anz. IX. 14 



202 58. Cicero. Nr. 4. 

sagt werde. Mir ist fraglich, ob nicht, wie bisher gemeiniglich 
angenommen ist, beide verba in dieser bedeutung gebraucht sind. 
Zwar spricht das derivatum excidium (wie excldio, -onis, Plaut. Cure. 
4, 3, 2) für jene muthmaßung; doch scheint es bedenklich, alle 
stellen, in denen excidere in der fraglichen bedeutung handschriftlich 
überliefert ist, ohne weiteres zu ändern. So steht Verg. Aen. II, 
637 und XII, 762 in allen handschriften excisa und excisurum, 
Hör. Carm. 111,3,67 excisus (auch an der stelle Lambin exseissus), 
Cic. pro domo 23 excidere, pro Sest. 44, 95 excidit, vrgl. andere 
stellen bei Freund und in andern Lexx. Wenn Lahmeyer sagt 
„innere gründe sprächen in keiner weise für die oben erwähnte 
ansieht", so läßt sich doch dasselbe auch auf die von ihm ver- 
fochtene behauptung anwenden. Es ist nicht ersichtlich, warum 
lateinische schriftsteiler das verbum excidere = funditus evertere, 
radicitus eruere (s. Verg. Aen. II, 5 und 612, Tac. Hist. IV, 
72) nicht ebenso gut hätten verwenden sollen, wie die Griechen 
ihr isuvuv und wie z. b. Dionys. Hai. Aß. IX, 57 ixtifjipeiv 
y'ijv gebraucht hat. 

§ 20 sie enim percontantur in Naevii poetae Ludo (HI: sie 
enim percontatur, ut est in Naevii cett.) mit Opitz , N. Jahrbb. 
1873, p. 609, nicht unwahrscheinlich, da der besonders werth- 
volle Leidensis percontatur ut in Naevii cett. bietet und dieses 
ut leicht durch dittographie entstehen konnte. 

§ 37 vigebat in illa domo ius patrium, vetus diaeiplina 
(III vigebat . . domo patria diseiplina). Die besten handschriften 
bieten ganz corrupte lesarten : der Parisinus in Mo animus patrias 
diseiplina, die zweite ßheinauer handschrift in eo animus patrius 
diseiplina, der Leidensis in illa domus patridomus diseiplina. Fol- 
gen wir der letzteren, so würde noch näher liegen, als Lah- 
meyers vermuthung : in illa domo p atrium ius et diseiplina. 
§ 53 et vitis quidem statt des handschriftlichen cuius quidem 
sehr ansprechend, aber wohl nicht unbedingt nöthig. 

§ 68 si quidem id . . . consecutus est (III mit den hand- 
schriften cum id . . ., andere quod und quoniam). Höchst plau- 
sibel bemerkt Lahmeyer dazu, daß nach adulescens leicht si aus- 
fallen und darauf statt des verkürzt geschriebenen quidem die 
partikel quum in den text eindringen konnte. 

§ 78 ist in dem citat aus Ennius mit recht die in dritter 
aufläge nach Bergk (Philol. XIV, 187) gegebene Schreibweise 



Nr. 4. 58. Cicero. 203 

dacrumis wieder verlassen und die in den handschriften gebotene 
form lacrumis hergestellt worden. 

Endlich hat Lahmeyer §.65 nach Schäfer u. a. die inter- 
punction at sunt senes: si quaerimus, etiam avari geändert in Ab 
sunt senes. Si quaerimus, etiam avari. 

Was die exegese betrifft, so ist in 70 stellen die erklärung 
geneuert, bezw. gebessert worden. Ganz neu hinzugekommen 
sind 31 anmerkungen, an anderen stellen ist die bisherige fas- 
sung durch eine deutlichere und präcisere ersetzt (so in § 10 
patientia, § 12 domestica bella, § 54 Laertam, § 82 esse conatos), 
oder eine knappere bemerkung wesentlich erweitert (§19 ap- 
pellassent, § 56 cuius dictatoris iussu , § 62 considerant, § 65 
si quaerimus, § 83 Peliam), hier und da, wie § 15 zu iuventute 
et viribus, § 73 dacrumis, eine weniger zutreffende oder irrthüm- 
liche bemerkung der früheren aufläge gestrichen. Ferner sind 
mehrfach die früher bloß in zahlen citierten parallelstellen aus 
andern Schriftstellern ausgeschrieben, statt der Verweisung auf 
bücher, die dem schüler voraussichtlich nicht zur hand sind, an- 
gemessenere citate gegeben und einige geringfügige d ruckfehler 
der dritten aufläge verbessert worden (§ 75 , A. zu avum tuum 
§15 statt § 14, § 84 zu multi Cic. Tusc. I, 3 4, 84 statt I, 
32, 84, im verzeichniß der eigennamen s. Aemilius 23, 8 2 statt 
23, 83, und im kritischen anhang zu 3, 8 esses statt esset bei 
der anführung der Halmschen lesartj. Endlich hat auch das 
verzeichniß der eigennamen die bessernde hand des herausgebers 
erfahren. Es sind der lateinischen form griechischer eigennamen 
die griechischen in klammern beigefügt und hier und da zusätze 
gemacht (s. Aristo, Scipionen, Ennius, Fabius, Hesiodus, Livius, 
L. Quinctius Flamininus, Sulpicius), zusätze deren fassung durch- 
gängig von der reichen pädagogischen erfahrung und dem rich- 
tigen blick des vrfs. für das dem schüler wissenswerthe beredtes 
zeugniß ablegt. 

Bei dieser vom herausgeber selbst an den tag gelegten Sorg- 
falt in der bearbeitung und feilung bleibt uns eine nur äußerst 
geringe nachlese übrig. Unsere bemerkungen beschränken sich 
auf folgendes. 

Zu § 7 senectutem sine querela scheint die notiz über den 
attributiven zusatz der präpositionen cum und sine zum Substantiv 

14* 



204 58. Cicero. Nr. 4. 

etwas erweitert werden zu müssen; vrgl. Sommerbrodt zu Cic. 
Lael. 3, Seyffert ebenda und zu § 20 (§ 66). 

In § 10 dürfte die anmerkung zu postque magisque die be- 
deutung dieser beiden adverbien noch nicht ganz klar gestellt 
haben : magisque nunc gehört meines erachtens, wie auch Meißner 
will , eng zusammen , und der sinn des verses ist doch wohl : 
„daher strahlt in späterer zeit (d. h. nach seinem tode) und 
noch mehr heutzutage der rühm dieses mannes" ... So dem 
anschein nach auch Sommerbrodt. 

§ 25 vermisse ich bei der erklärung der verse des Caeci- 
lius Statius eine bemerkung zu apportes tecum über die freiere 
behandlung des senarius bei den älteren scenischen dichtem 
der Lateiner (vrgl. Christ, Metrik der Griechen und Eömer 
§ 353). 

§ 43 quod ex eo audientes Curium et Coruncanium optare 80- 
litos. Sollte nicht solitos aus dem kurz vorhergehenden mirari 
solitum irrthümlich an dieser stelle wiederholt und optasse zu 
schreiben sein? Es ist doch wohl nur (wegen des Zusatzes quod 
ex eo audientes) von einem einmal geäußerten wünsch jener 
männer die rede. 

§ 47 istinc ist wegen der folgenden worte im deutschen 
wiederzugeben : „vor dem liebesgott". 

§ 51 die oberflächliche etymologie von occatio — occaecare 
ließe sich im deutschen 1 vielleicht nachahmen durch „egge — 
einengen". 

§ 72 hoc illud est, quod . . . responsum est = „derselbe 
gedanke liegt der antwort zu gründe". Erwünscht wäre ferner 
eine notiz über die in den folgenden Worten liegende abundanz 
der ausdrucksweise responsum est, cum Uli quaerenti respon- 
disse dicitur (s. Zumpt, §§ 749. 750). 

§ 73 statione decedere; derselbe tropus bei Demosth. Ol. 
III, 36 (und dazu Westermann). 

§ 75 legiones nostras = (ganze) legionen von uns; vrgl. 
Cic. de imp. Cn. Pomp. §§ 26. 46. 64. 

Der druck der neuen aufläge ist äußerst correct; nur § 
56, A zu dictatorem steht daß für das, und § 85, a. zu fabu- 
lae . . . exercitationem für exercitationum. 



Nr. 4. 59. Palladius. 205 

59. Palladii Rutilii Tauri Aemiliani de re rustica liber 
primus. Recensuitl. C. Schmitt. Virceburgi. MDCCCLXXVI. 
XV und 53 s. 8. 

Der herausgeber der vorliegenden probe einer neuen aus- 
gäbe des Palladius hat nach den angaben der praefatio, welche 
über die handschriftliche grundlage des textes orientiert, in Paris, 
Laon, Wien, Florenz und Rom zahlreiche handschriften selbst ver- 
glichen und nach seiner über den werth und die Verwandtschaft 
derselben gewonnenen Überzeugung das erste buch de re rustica 
in der weise recensiert, daß ihm in erster Knie cod. Paris. 6842 
s. X (P 1 ), dann Paris. 6830 s. X (P 2 ), endlieh ein Laodunensis 
s. IX maßgebend waren. Der text hat durch die bemühung 
des herausgebers an correctheit entschieden gewonnen ; doch er- 
sieht man aus den mitgetheilten Varianten der handschriften, 
daß sich noch mehr erreichen läßt. Auch die genauere erkennt- 
niß des individuellen Sprachgebrauchs verspricht weitere för- 
derung, wie aus mancher nummer der p. 49 — 53 angefügten 
adnotationes erhellt. Der conjecturalkritik bleibt immerhin ein 
ziemlicher Spielraum ; beachtenswerth sind mehrere vom heraus- 
geber mitgetheilte emendationen von Urlichs : I, 5, 1 cariosi 
pulveris statt aurosi ; 6, 14 Graeci iubent, oliva cum plantatur statt 
Graeci iubent olivam, cum; 6, 16 emorietur statt inmorietur; 17, 1 
magnitudo aguae de tecto rigatae sufficiens sehr frei statt magni- 
tudo ea qua delectaris et cui sufficis; 42, 3 falciculas brevissimas 
fibulatas statt tubulatas. Ein paar vermuthungen des ref. zu den 
ersten capiteln mögen hier mitgetheilt werden: 1, 2 ist nach 
fructus stark zu interpungieren und mit Suis tarnen temporibus 
per universa distinctis ein neuer satz zu beginnen. 2, 1 ist mit 
Umstellung von est und quod zu lesen Natur ae quod est, in pri- 
mis spectare oportet, ut e. q. s. — 5, 1 vallis nimis opaca et solid a 
ist kaum haltbar; die Verbesserung sole vidua ergiebt sich 
aus (Verg.) Cul. 372 f. opacos cogor adire lacus, vacuos (viduos) 
a lumine Phoebi; vrgl. den wiederholten gebrauch von viduus mit 
dem ablativ auch bei Columella. 6, 15 ist zu schreiben patenti 
campo et [soluto et] ad solem reclini; soluto ist aus der folgenden 
zeile, wo es richtig steht, irrthümlich schon in die vorhergehende 
gerathen, wodurch in dieser auch die Wiederholung von et ver- 
anlaßt wurde. Lücken erscheinen 6, 9 in provinciis et eins ge- 
neris wo das überlieferte et auf ein ausgefallenes solo deutet 



206 60. Tertullianus. Nr. 4. 

(vrgl. 6, 3 soli et provinciae consuetudo) , und 6, 13 sterilis gleba 
cum fecunditate contendat wo entsprechend dem kurz vorausge- 
gangenen gegensatze von loca pinguia und loca sterilia nach cum 
einzuschieben ist pingui, während durch fecunditate das prädi- 
cat contendat näher bestimmt wird. 



60. Q. Septimii Florentis Tertulliani libellus de specta- 
culis. Ad codicem Agobardinum denuo collatum recensuit, ad- 
notationes criticas novas addidit Ernestus Klußmann. Ku- 
dolphopoli typis Froebelianis MDCCCLXXVI. 8. 47 s. 

Der festschrift, welche Klußmann bei gelegenheit der einwei- 
hung des Jenenser gymnasiums geschrieben hat (s. ob. hft. 1, p. 58), 
ist sehr bald von demselben vrf. eine vollständige recension des 
Tertullianischen libellus de spectaculis gefolgt. Zur grundlage dient 
eine neue, genau angefertigte collation des codex Agobardinus, wel- 
che prof. Eeifferscheid dem herausgeber überlassen hat. Nach 
einigen kurzen bemerkungen über den stand der kritik folgt der 
text selbst mit den abweichenden lesarten des Agobardinus ; der 
zweite theil enthält kritische erörterungen zu einer großen an- 
zahl von stellen. Bis jetzt herrschte bezüglich der lesarten der 
handschrift vielfach zweifei, da die vorhandenen collationen in 
ihren angaben oft nicht übereinstimmten; durch diese neuesten 
und zuverlässigen mittheilungen ist nunmehr jeder zweifei ge- 
hoben. Der text hat zunächst durch engeren und consequente- 
ren anschluß an den Agobardinus eine richtigere gestalt gewon- 
nen, z. b. : c. 1 (p. 5 v. 10 bei Klußmann) hat Oehler: in animo 
et conscientia, Klußmann mit A: in animo et in conscientia ; p. 5 
v. 19 Oehler: quam iam supervacuam sibi fecerint, Klußmann 
A fecerunt\ p. 5 v. 22 Oehler: propter deum, Klußmann 
prompter dominum, A propter dno; c. II p. 6 r. 25 Oehler: 
quae vis sit aemula , Klußmann : quae sint aemula (übrigens so 
schon bei Hildebrand), A mula mit vorhergehender lücke von 
zehn buchstaben; p. 6 v. 26 Oehler: ex divcrso wohl irre geführt 
durch Hildebrand bezüglich der lesart in A, Klußmann A : ex 
adverso; p. 7 v. 15 Oehler: atquin summa offensa penes illum ido- 
lolatria est., Klußmann A om. est; p. 7 v. 25 Oehler: et iniqui- 
tatium nach der irrigen angäbe Hildebrands, Klußmann A ut 
iniquitatium ; c. IH p. 9 v. 23 Oehler: peccatrix est Aegyp- 



Nr. 4. 60. Tertullianus. 207 

tus wiederum in folge irrthümlicher angäbe Hildebrands, Kluß- 
mann A om. est; p. 9 v. 25 (Dehler: de origine spectaculorum 
hinter den Worten quemadmodum etiam , Klußmann A om. ; c. V 
p. 11 v. 15 Oehler: defossa est ad primas metas , Klußmann 

demersa est ad primas metas, A: dem primas 

metas; c. VI p. 12 v. 8 Oehler: superstitionis causas originis ha- 
bent, Klußmann A om. originis; c. Vlll p. 13 v. 17 Oehler: 
loci ipsius, Klußmann A loci illius; p. 13 v. 22 Oehler: a 
tutelis fructuum, Klußmann A a tutela fructuum; p. 13 v. 25 
Oehler: scriptura eius unde et census wohl wieder auf grund 
einer irrigen angäbe Hildebrand's , Klußmann A scriptura eius 
unde eius et census; p. 14 v. 4 Oehler: vovere, Klußmann vove- 
runt, A vover; c. X p. 16 v. 6 Oehler: ut iam Mnc ethnicis ce in 
testimonium cedat, Klußmann A ut iam hie etc. etc. 

Daß Klußmann bei seinem engen anschluß an den Ago- 
bardinus hier und da zu weit gegangen ist, kann nicht wunder 
nehmen; über einzelne stellen werden ja die ansichten immer 
streitig sein. C. 3 p. 9 v. 4 hat er mit A in consessu Iudaeo- 
rum de negando domino consultantium statt des ohne zweifei 
nothwendigen nee and o , was von Rigaltius herrührt; c. 5 p. 
11 v. 7 haben die ausgaben meistens deliinc Equiria Marti Ro- 
mulus dixit, Klußmann schiebt mit A quis hinter equiria ein und 
glaubt durch fragezeichen hinter quis die handschriftliche lesart 
hinreichend geschützt zu haben : dehinc Equiria quis? Marti 
Romulus dixit. Die so entstehende frage scheint jedoch dem 
ganzen zusammenhange wenig angemessen , freilich muß dieses 
sonderbare quis irgend einen greifbaren Ursprung gehabt haben. 
So viel ich sehe, verdankt es einer correctur in der vorläge des 
Agobardinus seine entstehung. Der letztere hat nämlich ecurria 
statt equiria, denken wir uns dies in der vorläge mit darüber ge- 

qui 
schriebenem qui: ecurria, so leuchtet ein, woher quis in A in den 
text kommen konnte. C. 8 p. 13 v. 24 läßt sich die construc- 
tion öbelisci enormitates , ut Hermateles affirmat , Soli prostitutas 
wohl nicht rechtfertigen. Tertullian spricht von den singula or- 
namenta drei, die ihre besondern beziehungen zu irgend einer 
gottheit hätten. Alle darauf folgenden sätze haben für sich 
ihre besondere construetion, so daß an eine abhängigkeit 
der eben angeführten worte von dem in dem vorhergehenden 



208 60. Tertullianus. Nr. 4. 

satze stehenden existimant nicht füglich gedacht werden kann ; 
ich vermuthe deßhalb obelisci enormitas est, ut Hermateles adfir- 
mat, Soli prostituta. scriptura etc. — C. 10 p. 6 v. 24: quae vero 
voce et modis et organis et litteris transiguntur, Apollines et Musas 
et Minervas et Mercurios mancipes habent; statt litteris bietet Isid. 
orig. XVIII, 51 lyris, was die herausgeber seit Pamelius aufge- 
nommen haben. Klußmann billigt litteris und bemerkt: Mercu- 
tos Xöyiog sua tueri visus est; aber dieser Mercurius ist gott der 
redner und philosophen und paßt weniger zu theatralischen auf- 
führungen als der gott, welcher die leier erfunden. — An einigen 
stellen dagegen scheint ein engerer anschluß an A geboten : so c. 

1 p. 5 v. 10 paßt in die lücke des A besser argumentantur, 
was Klußmann in den kritischen adnotationes vermuthet, als das 
in dem texte gegebene argumentari consuerunt ; v. 22 perseveran- 
tes in tantis voluptatibus ist wohl tantis mit A zu tilgen. Aller- 
dings hat der Schreiber des A, wie Klußmann in der einleitung 
p. 2 bemerkt, oft worte oder satztheile irrthümlicher weise über- 
sehen , indem sein äuge von einem worte zu einem folgenden 
ähnlich beginnenden oder schließenden abirrte ; wollte man aber 
an unserer stelle diesen fall statuiren, so würde der abschreiber 
doch auch die präposition in vor tantis ausgelassen haben. C. 

2 p. 6 v. 15 aliquid eius modi de gaudiis et de fructibus saeculi 
metuit amittere; das zweite de fehlt in A und muß deßhalb ge- 
tilgt werden, ebenso das verbum est in p. 7 v. 9 tarn ferrum 
dei res est quam herbae. C. 19 p. 24 v. 20 in dem satze sed 
haec ethnicis respondi hat A sed ethnicis respondi. Es ist mir 
wahrscheinlicher , daß haec interpolirt , als daß es durch nach- 
lässigkeit in A ausgefallen ist. 

"Was endlich die selbständige thätigkeit des herausgebers 
betrifft, so sind manche schöne emendationen zu verzeichnen, die 
wir zum theil schon in der eingangs erwähnten festschrift ver- 
öffentlicht und motivirt finden. Beispielshaber erwähne ich c. 1 
p. 5 v. 9 : ita argumentari consuerunt (oder vielmehr argumentan- 
tur)', c. 2 p. 6 v. 9 : cultoribus eius deputandum , quod ei non 
sit inimicum; p. 7 v. 18 omnium flagitiorum actor statt auctor; 
c. 3 p. 9 v. 12 nam apud spectacula [et in cathedra sedetur] et 
in via statur; die eingeklammerten worte hat Klußmann hinzuge- 
fügt mit rücksicht auf den ganzen gedankenzusammenhang ; c. 
9 p. 15 v. 1 ist die lücke in A durch Klußmann nach Isidor 



Nr. 4. 61. Tertullianus. 209 

richtig und vollständig ausgefüllt: seil et Neptunus equestris est, 
quem Graeci inniov appellant. sein gas vero Iovi, quadrigas Soli, 
bigas Lunae sanxerunt. 

Die nach exakter methode auf grundlage der genau ver- 
glichenen handschrift gegebene recension einer kleinen schrift 
Tertullians muß auf's neue den wünsch in uns rege machen, 
daß in ähnlicher gestalt recht bald sämmtliche werke des in 
formaler wie sachlicher beziehung höchst wichtigen kirchenschrift- 
stellers vorliegen möchten. 



61. Sollemnia anniversaria in gymnasio Regio Erlangensi 
die VI. Aug. MDCCCLXX rite celebranda indicit Iosophus 
Schmidt, scholae Latinae praeceptor. Inest commentatio de 
latinitate Tertullianea : pars I. Erlangae MDCCCLXX. 35 p. 
4. — Pars. DI. ecclesiasticae latinitatis (Tertulliani) particulam 
unam continens. Erlangae MDCCCLXXII. 26 p. 4. 

Nach einer einleitung, in welcher sich Schmidt als einen 
begeisterten lobredner Tertullian's bekundet, nicht allein bezüg- 
lich des inhaltes, sondern auch der form , verspricht der vrf. in 
der ersten der oben bezeichneten abhandlungen, über den wort- 
vorrath des Tertullian zu handeln, speciell über die bei dem- 
selben vorkommenden nomina. Eine klare übersieht über diese 
wörterklasse glaubt er am besten so erreichen zu können, ut 
primum eae voces, quas ex priscorum scriptorum libris repetivit Ter- 
tullianus , congerantur , deinde eae, quae ex argenteae quae dicitur 
latinitatis, atque aequalium scriptorum , imprimis Frontonis Appuleii 
Gellii usu delibavit , perlustrentur , tum eae quae apud ipsum aut 
solum aut primum leguntur , percenseantur , denique quarum commu- 
taverit sive deflexerit notiones, quaestio instituatur. Hier ist zu- 
nächst die ungenaue fassung des ersten satzes zu rügen: der 
vrf. meint doch wohl nicht, daß Tertullian die bezeichneten 
Wörter aus den altlateinischen Schriftstellern direct entlehnt habe, 
sondern daß sie durch diese in gebrauch gekommen und dann 
von Tertullian aus der lebendigen spräche herübergenommen 
seien. Bedenklicher jedoch ist die Unklarheit der anschauung 
Schmidt's in bezug auf die Stellung von Fronto, Apuleius, Gel- 
lius innerhalb der römischen literatur und ihre Vorliebe für die 



210 61. Tertullianus. Nr. 4. 

altrömischen ausdrücke. Der kleine nun zunächst folgende ab- 
schnitt über declinationsformen der substantiva gehört streng 
genommen nicht zum thema, zeigt übrigens leider einen ent- 
schiedenen mangel an genauer philologischer durchbildung des 
vrf. Die ablativform imbri wird auffallend gefunden und dabei 
bemerkt : cuius formae nullum aliud legi exemplum. Die lectüre 
Schmidt's scheint sehr beschränkt oder sehr flüchtig zu sein, 
aber er hätte auch nur irgend ein ordentliches lexicon oder eine 
halbwegs gute grammatik aufzuschlagen brauchen (von Neue 
ganz zu schweigen) , um sich davon zu überzeugen , daß imbri 
eine sehr gewöhnliche form ist und sich bei den verschiedensten 
Schriftstellern findet ; über die form mensum statt mensium sagt 
er allerdings mit recht : optimis sincerioris orationis scriptoribus pro- 
batur , weiß aber neben Caes. b. g. I, 5 zur erhärtung seiner 
behauptung nur Ovid. Met. 8, 500 zu citiren. Bezitglich der 
von Tertullian erwähnten Varronianischen form Iuppiteres bemerkt 
er: ad quam confer, si Übet, Prise. 6. Bei einem solchen citat 
wird die libido wohl lange auf sich warten lassen, den Priscian 
scheint Schmidt nur von hörensagen zu kennen. Im zweiten 
Paragraphen werden die substantiva auf tor aufgezählt: auch 
dieser giebt zu mancherlei tadel anlaß: für regnator wird Plau- 
tus als gewährsmann genannt, es findet sich aber schon bei 
Naevius, fenerator kommt nicht erst in der classischen zeit vor, 
sondern schon bei Cato ; antecessor steht unter zwei verschiedenen 
rubriken , bei den neuen Wörtern der argentea aetas und bei 
den von Apuleius neu gebildeten, unter keiner von beiden aber 
mit recht, da es sich schon in der classischen zeit findet, frei- 
lich bei einem nichtclassischen Schriftsteller, dem scriptor 
BAfricani ; seeutor soll um die zeit des Tertullian entstanden 
sein, von den gladiatorenspielen der Kömer muß Schmidt also 
auch wohl nicht viel gehört haben; Varro und Cato figuriren 
in diesem abschnitt ohne weiteres unter den prisci poetae. Vom 
§ 8 an folgt die behandlung der verbalia auf us, bei deren auf- 
zählung ebenfalls eine bedauerliche Verwirrung herrscht. Zuerst 
werden die im silbernen Zeitalter (warum diese zuerst?) neu 
entstandenen aufgezählt; zu den Schriftstellern dieser zeit wird 
diesmal auch Livius gerechnet und mirabile dictu! sogar Lucrez 
und Varro, der doch vorher als ^r?'s«/,? poeta gekennzeichnet 
wurde. Darauf folgen einige von Cicero eingeführte, von denen 



Nr. 4. 62. Lexicographie. 211 

circumiectus auch bei Varro steht , dann diejenigen , welche Ter- 
tullian mit den prisci und posteriores gemeinschaftlich hat, unter 
denen das bereits sub nr. 1 registrirte actus sich nochmals findet. 
Nach den hier aufgezählten Wörtern zu schließen , müssen nun- 
mehr Varro und Lucrez wieder zu den prisci gehören. 

Das gesagte wird ausreichen zur erhärtung des urtheils, 
daß auch nach der vorliegenden und den noch zu erwartenden 
arbeiten Schmidt's eine philologisch genaue durchforschung des 
tertullianischen Sprachschatzes wtinschenswerth bleibt-, den weiteren 
inhalt des ersten programmes begnüge ich mich nur kurz anzu- 
deuten. Es folgen bildung und bedeutung der substantiva ver- 
balia auf io, ura, ela, tia, der substantiva auf itas, tudo, men und 
mentum, culum bulum arium orium nebst einigen selteneren sub- 
stantivbildungen ; ferner eine kurze Übersicht über die von Ter- 
tullian aus dem Griechischen entlehnten substantiva und über 
die spezifisch theologischen ausdrücke. Ueber diese ausschließ- 
lich handelt ausführlicher das zweite programm , welches fast 
nur theologischer natur ist. In der einleitung erklärt der vrf., 
er habe im verlauf der arbeit eingesehen, wie schlecht beschaffen 
der text des Tertullian gegenwärtig noch sei , weßhalb er be- 
schlossen, die neue wiener ausgäbe abzuwarten, ehe er seine 
begonnene arbeit fortsetze. Für uns philologen kann das nach 
dem obigen gleichgültig sein. 



62. Addenda lexicis latinis collegit annotatione illustrauit 
C. Paucker. Dorpati, sumptibus et typis Guil. Glaeseri 1872. 

Pauckers lexicalische beitrage , die uns in der oben ver- 
zeichneten schrift geboten werden , führen den redactionen un- 
serer Wörterbücher eine respectable fülle von material zur Ver- 
besserung und erweiterung vieler artikel zu. Die reichste aus- 
beute lieferten dem vrf. u. a. (Pseudo)-Plinius De re medica, hier 
fälschlich noch als Plinius Valerianus angeführt, sodann die 
medicinischen werke des Marcellus Empiricus (de medicamentis 
empiricis) , des Sextus Placitus (de medicina ex aniraalibus) , des 
Theodorus Priscianus medicinae praesentaneae , ferner H. Hagens 
Aneedota Helvetica gramm. , Chalcidius interpr. Plat. Timaei , Ma- 
rius Victorinus (De trinitate contra Arium , De generatione verbi 
divini) und Gregor von Tours. Daneben sind Aquila, Damasus, 



212 62. Lexicographie. Nr. 4. 

Ennodius, Isidor, Lucifer, Potamius , Prudentius , Verecundus u. 
a. m. exerpiert worden und haben auch ältere bibelversionen 
und ihre interpretatoren , sowie die glossare manches geliefert. 
Die durchforschte literatur gehört mehr oder weniger der spä- 
teren latinität an. Die mitgetheilten stellen sind meist im zu- 
sammenhange ausgeschrieben oder doch mindestens mit dem Zu- 
satz eines wichtigen beziehungswortes gegeben, so daß dem leser 
eine nachprüfung des gebotenen möglich ist, soweit es sich um 
eine neue Wortbedeutung handelt; man kann dazu bei diesem 
verfahren noch manche eigenthümlichkeit des Wortes im phrase- 
ologischen gebrauch in der Zusammenstellung mit andern Wör- 
tern beobachten. Auf besonders auffallende Wortbildung ist stets 
aufmerksam gemacht; zusätze analoger bildungen, andeutungen 
der etymologie, hinweise auf außerordentliche Vorkommnisse der 
formenlehre hat Paucker gelegentlich angemerkt. So werden, 
um beispiele der letzten art anzuführen, alphita, apostema, 
reuma (pp. 3. 4) als feminina belegt; alfita, ae, reuma, ae 
bietet übrigens noch der lateinische Oribasius (vrgl. H. Hagen, 
de Oribasii versione latina Bernensi p. 15), desgl. seia (für das 
neutr. pluralis ischia). Dagegen weist Paucker als neutra corrigium 
p. 15, infamium (für infamid) p. 41, als masculina iubilus p. 44, 
podius p. 65 nach, den singular üium (p. 36), die formen lichena 
(ae, für liehen, letxrjv), mininga (ae, iA?]t>iy£) parotida (ae) p. 47 
u. s. w. Auf verbalem gebiet sind hervorzuheben : passives 
(experior) expertus (== experimentatus) p. 27, das partic. tat. flo- 
riturus p. 29 , actives poetare p. 65, ein deponens recapitulari p. 
72, ein dep. infirmari subrelict. p. 15; ferner der conjugations- 
wechsel in superbullire p. 87, debullire subrelict. p. 9. Zu beach- 
ten sind auch in der formenlehre ableitungen wie complexibilis, 
conversibilis und convertibilis , distensio, impuderatus, plexilis. — 
Noch einige bemerkungen zu den übrigen lexicalischen angaben 
sind: counare (p. 26), adunatrix, coadunare: letzteres nach Verecund. 
Commentar. II, 39 ; zu contenebratis vrgl. contenebrae Verecund. 
de satisfact. paenitent. 125; zu deviabilis das verb. deviare Hilar. 
Tractat. in epist. ad Galat. 25. (das wort fehlt bei Klotz); depo- 
nere „eines amtes oder einer würde entsetzen", findet sich so noch 
in dem Chronicon Marii episcopi Aventicensis p. 10 (ed. Arndt.): 
JJoc conmüe depositus est Licerius. Weiterhin ist aus Verecund. 
in cantic. Manasse 14 impuUatrix angeführt; es steht außerdem 



Nr. 4. 63. Römische geschickte' 213 

noch bei demselben Verec. in cantic. Deuteron. 24: dentes im- 
pulsatrices sunt cogitationes. — Für montensis sei bei dieser gele- 
genheit noch auf das von Klotz übergangene monteses (dei) und 
Montesiani bei Commodian (Instr. 1,21) hingewiesen, wenn auch 
die von Paucker angezogene bedeutung (= montuosus) hier nicht 
vorhanden ist. — Zu potare causat. vrgl. quem potaverunt ace- 
tum Commodian. Carm. apol. 414. — P. 69 wird unter psallenti- 
um als analogon peculantium Commod. Instr. 2, 29, 13 (edit. Bibl. 
Teubn.) angeführt , doch dürfte hier mit Oehler peculantia (ae) 
anzunehmen sein. — Intransitives refrigerare steht noch Commod. 
Instr. 2, 1, 45. — Hinter scenifactor kann noch scenopegium (sol- 
vere) Anon. de Solemnit. 3 angeführt werden, das die lexica als 
femininum scenopegia (ae) verzeichnen. — turpüoquus: turpiloqui- 
um außer an den angeführten stellen Verecund. Comm. in cantic. 
Deuter. 16. 

Eine werthvolle beigäbe bringen Pauckers Sammlungen in 
den zahlreichen excursen unter dem texte über Sprachgebrauch 
einzelner Schriftsteller, über das Verbreitungsgebiet verschiedener 
erscheinungen, über zu- und abnähme gewisser bildungen. Den 
mitgetheilten resultaten liegen, wie angeführte proben zeigen, 
sorgfältige und umfangreiche beobachtungen zu gründe. Er- 
wünscht wäre für weitere arbeiten dieser art, daß ein verzeich- 
niß der excerpierten Schriftsteller vorauf geschickt würde mit be- 
zeichnung der benutzten ausgaben. Letztere sind in der vor- 
liegenden Sammlung wohl mehrfach angemerkt, aber nicht durch- 
gängig. Da viele der durchforschten Schriftsteller einem sehr 
entlegenen gebiet angehören, würde manchem ein orientierender 
zusatz über die lebenszeit der betreffenden schriftsteiler bzw. 
über die publicationszeit der angezogenen Schriften im anschluß 
an jenes verzeichniß gegeben sehr willkommen sein. 

L. 



63. Geschichte der Stadt Wiesbaden. Festschrift zur be- 
grüßung der XXXII. Versammlung der deutschen philologen 
und schulmänner zu Wiesbaden vom 26. — 29. September 1877 
verfaßt von Fr. Otto. Mit einem historischen plane der Stadt. 
Wiesbaden, Iulius Niedner 1877. kl. 8. 179 s. 

Auf den ersten theil (p. 1 — 72) vorliegender schritt wollen 



214 63. Römische geschichte. Nr. 4. 

wir diejenigen leser des Anzeigers, welche an der Wiesbadener 
Versammlung nicht theil genommen haben, um so weniger auf- 
merksam zu machen unterlassen, als der boden, dem er gewid- 
met ist, recht eigentlich ein classischer genannt zu werden ver- 
dient. Der gelehrte vrf. leitet den namen Mattiacum, der den 
Deutschen stets fremd blieb und mit der Römerherrschaft wieder 
verschwindet , von einem keltischen eigennamen Motto her , wie 
Mogontiacum von Mogon und Nemetacum von Nemet stammt. Das 
castell, dem Wiesbaden seinen Ursprung verdankt, ist wahrschein- 
lich zwischen den jähren 12 vor und 43 nach Chr. geb. von 
der leg. XIV Gem. errichtet, ist dann von 43 bis 120 abwech- 
selnd von verschiedenen legionen (der legg. I Adj., VIII Aug., 
Xim Gem. M. V., XXI Kap., XXH Primig. P. F., vielleicht 
auch den legg. IIDI Mac. und XI Claud. P. F.), endlich vom 
jähre 120 bis zum ende der Eömerherrschaft von der leg. XXH 
Primig. P. F. fortdauernd besetzt gehalten. Wie das castell 
wahrscheinlich unter Domitian renovirt wurde, so änderte sich 
auch allmählich die aufgäbe desselben. War es ursprünglich 
wesentlich zum schütze der bäder angelegt , so wurde es seit 
errichtung des pfahlgrabens auf dem Taunus unter jenem kaiser 
ein wichtiges Zwischenglied zwischen Mainz und den Stationen am 
gränzwalle und gewährte den anwachsenden römischen ansiede- 
lungen in der umgegend schütz. Erst 1838 wurden durch 
Habel die fundamente desselben gefunden. Danach war seine 
große für 1000 bis 1100 mann ausreichend, also entweder für 
zwei legions-cohorten , oder eine legions- und eine auxiliar-co- 
horte mit etwa 1 bis 2 türmen reiterei, oder eine cohors müli- 
aria equitata oder peditata. Unmittelbar in seiner nachbarschaft 
befand sich ein vivarium, dessen mauern man auf einen um- 
kreis von drei Viertelstunden geglaubt hat nachweisen zu kön- 
nen. Dasselbe diente wesentlich zur trift für das Schlachtvieh 
der besatzung. Die gewaltige „heidenmauer" , deren dimensio- 
nen (breite 8', höhe 18', ursprüngliche länge 500 m.) noch heute 
staunen erregen, ist etwa 275 nach Chr. zum schütze gegen 
germanische einfalle angelegt, vor ihrer Vollendung jedoch muß- 
ten die Römer das rechte Rheinufer aufgeben. Der vrf. geht 
dann auf die stadt Mattiacum, welche sich an das castell an- 
schloß, über, und handelt von deren Straßen, graben u. s. w., na- 
mentlich auch von den auf ihrem gründe gefundenen Inschriften 



Nr. 4. 64. Römische geschichte. 215 

und mit bildlichen darstellungen verzierten grabsteinen, unter denen 
die bei Bramb. 1515, 1519, 1520, 1523, 1525 verzeichneten mili- 
tärischen monumente sich den berühmten mainzer steinen an die 
seite stellen ; auch die übrigen fundstücke , die zum großen 
theile eine zierde des Wiesbadener museums bilden, werden be- 
sprochen. Endlich wird von den römischen niederlassungen in 
der umgegend Wiesbadens, von der bürgerlichen Verfassung die- 
ser ansiedelung und der endlichen Vernichtung derselben in den 
kämpfen mit den Alemannen und Franken gehandelt. Das vor- 
kommen des christenthums in jener gegend ist durch gräberfunde 
bereits für das zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung sicher 
gestellt. Dies alles wird in ansprechender form vorgeführt. 
Auch die über die mittelalterliche und neuere geschichte Wies- 
badens handelnden abschnitte enthalten viel interessantes. 

64. Zur geschichte des römischen Wiesbadens. IV. Kö- 
mische Wasserleitungen in Wiesbaden und seiner Umgebung von 
dr. K. Beut er. Annalen des Vereins für Nassauische alter- 
thumskunde und geschichtsforsung V, 4. Wiesbaden (in com- 
mission bei W. Both). 1877. 8. 69 s. 

In dieser, den theilnehmern der XXXII. philologen- Ver- 
sammlung vom vereine für Nassauische alterthumskunde und ge- 
schichtsforschung freundlichst dargebotenen schrift behandelt der 
vrf. , seit lange hochverdientes mitglied des Vereins , die römi- 
schen Wasserleitungen in Wiesbaden und dessen Umgebung. 
Bekannt ist der hohe werth , welchen die Bömer überall auf 
eine ausgiebige Wasserversorgung ihrer Wohnsitze legten; für 
Wiesbaden kam dazu noch das bedürfniß, die zahlreichen zu 
bädern verwandten heißen quellen (54o B.) durch kaltes wasser 
abzukühlen. So kann es denn nicht wunder nehmen, wenn die 
ausgrabungen in Wiesbaden zahlreiche reste antiker Wasserlei- 
tungen zu tage gefördert haben. Der vrf. unterscheidet nach 
dem material bleiröhren-, holzröhren- und thonröhren-leitungen 
und unter den letzteren wieder nach der färbe leitungen von 
rothen und von hellen röhren. Unter den bleiröhren sind einige 
mit der inschrift Leg. XEH. Gem. Mac. Vic. versehen. Außer- 
dem finden sich reste eines römischen aquäducts im Mühlthal 
bei Mosbach und ein gemauerter canal in der nähe desselben 
ortes. Drei höchst sauber lithographirte tafeln, die fundstücke 



216 65. Römische alterthümer. Nr. 4. 

darstellend, und fünf plane dienen in erwünschtester weise zur 
erklärung und Orientierung. 



65. Historia legionum auxiliorumque inde ab excessu divi 
Augusti usque ad Vespasiani tempora. Dissertatio, quam ad 
summos in philosophia honores ab amplissimo philosophorum or- 
dine in academia regia Christiana Albertina Kiliensi impetran- 
dos scripsit Guilelmus Stille. Commentatio in certamine li- 
terario civium academiae Christianae Albertinae ex sententia 
amplissimi philosophorum ordinis die VI mensis Martii anni 1877 
praemio ornata. Kiliae, prostat in aedibus Lipsii et Tischen. 
1877. 4. 162 s. 

Eine Zusammenstellung alles dessen, was seit C. L. Grote- 
fend's arbeit im vierten bände der Pauly'schen Realencyclopädie 
für die geschichte der römischen legionen geleistet ist, kann nur 
erwünscht sein, da das reiche material so sehr zerstreut ist. 
Die hoffnung, daß uns Grotefend selbst mit einem solchen werke 
beschenken würde, hat aufgegeben werden müssen-, es scheint 
auch, als ob die umfangreichen von ihm hinterlassenen Samm- 
lungen nicht so bald durch einen geeigneten bearbeiter publi- 
ciert werden würden. Daher begrüßten wir obige arbeit mit um 
so größerer freude, wenngleich dieselbe das erwartete nur für 
einen beschränkten Zeitraum zu leisten versprach. Wir wurden 
jedoch enttäuscht, da die abhandlung für alles das, was man 
bislang unter „legionsgeschichte" zu verstehen pflegte , nur we- 
nig leistet. Vielleicht veranlaßte die fassung der aufgäbe , die 
leider nicht beigegeben ist, den vrf. sich über diese fragen nur 
kurz auszusprechen, und den Schwerpunkt seiner arbeit in die 
erzählung der thaten der corps zu legen. Diese sind denn auch 
so sorgfältig , mitunter mit fast lästiger breite , mitgetheilt , daß 
der titel passender De rebus a legionibus — gestis gelautet hätte. 
Mit vergnügen sehen wir, wie sehr der verf. im Tacitus, Iose- 
phus, Dio Cassius, und andern einschlagenden Schriftstellern zu 
hause ist. Vortheilhafter würde es freilich gewesen sein, wenn 
derselbe statt auf p. 154 auf p. 5 seinen Standpunkt dargelegt 
hätte ; man würde dann sofort wissen, was man zu erwarten hat. 
Jedenfalls ist das, was der vrf. der nach einer kurzen einleitung 
p. 9 bis 122 die geschichte der legionen, p. 122 bis 128 9 



Nr. 4. 65. Komische alterthümer. 217 

excurse zu sieben legionen und p. 128 bis 130 einen excurs über 
die legionsreiterei giebt, dann p. 130 bis 133 12 militärdiplome 
mittheilt, ferner p. 133 — 142 über die cohorten , p. 142 — 144 
über die alen, p. 145 — 151 über die prätorianer und p. 152 — 
154 über die flotten handelt und endlich p. 154 — 162 mitwün- 
schenswerthen Übersichten und registern abschließt — in der 
kurzen zeit, "welche für preisschriften gegeben zu werden pflegt, 
mit großer ausdauer und eisernem fleisse in dankenswerther weise 
geleistet hat , höchst anerkennenswerth , und wir gestehen gern 
zu, daß die schwierigere , oben bezeichnete aufgäbe eben nicht 
zugleich ausführbar war. 

Daher wollen wir, um nicht unbillig zu sein, sachlich nur 
einige ausstellungen machen und zunächst zu p. 6 fragen, wo- 
her der vrf. weiß, daß die legionen neben dem fußvolk unge- 
fähr 800 reiter gehabt haben; in dem excurs, auf den verwiesen 
wird, haben wir vergeblich nach einer antwort gesucht. Wenn 
er ebenda sagt, die legionsreiterei sei in vexillationes getheilt ge- 
wesen, so erscheint uns das zweifelhaft. P. 129 wird nur eine, 
und zwar aus der zeit vor 43 stammende, inschrift angeführt, 
in der ein Eques legionis vorkommt; es hätten noch Br. 898. 
1196 und CIL. II, 1681, sämmtlich in früheren abschnitten bei- 
gebracht , herangezogen werden können , da sie wenigstens vor 
Vespasian fallen. — P. 76 fehlt in der geschichte der leg. 
VIDI Aug. mehreres , worüber jetzt Urlichs in den Bonner 
Jahrbb. LX, p. 53 ff. nachzusehen ist. — Warum heißt p. 91 
die leg. Xim nur Martia Victrix ohne den beinamen Gemina, 
der sich doch im excurs p. 126 findet? — P. 98 hätte wohl 
gesagt werden können, daß die leg. XVI Gall. wahrscheinlich 
in folge der expedition des Claudius nach Britannien aus dem 
oberen in das untere Germanien translociert und p. 99, daß sie 
von Vespasian cassiert wurde. — P. 121 fehlt, daß die leg. I 
adjutrix der leg. XXI den adler abnahm ; auffallend bei der son- 
stigen ausführlichkeit. — P. 122 — 3 zum ersten excurs zur leg. 
I Germ, ist zu bemerken, daß die dort getadelte vermuthung 
Grotefend's wohl berechtigt ist, da sie sich zwar nicht auf die 
Worte (Tac. Hist. 4, 46) Germanicum Britannicumque militem, son- 
dern auf die folgenden ac si qui aliorum exercituum stützt. — 
Wenn p. 124 Grotefend's ausdruck: „Mit Vitellius" angegriffen 
und in „für Vitellius" umgewandelt wird, so ist das doch wohl 
Philol. Anz. IX. 15 



218 65. Römische alterthümer. Nr. 4. 

hyperkritik. — P. 134. die cohors I Asturum et Gallaecorum 
stand 60 nicht in Germanien , sondern in Illyricum , wie Dipl. 
II zeigt. — P. 137 läßt sich aus Or. 3651 nicht schließen, daß 
die coh. I Breucorum eq. C. R. unter Vespasian in Spanien stand, 
ehensowenig p. 138 aus Or. 6755, daß die coh. I Cyrenaica in 
Mainz lag, auch nicht p. 144 aus Or. 3651 , daß die ala 1 
Singularium C. R. mit der leg. VI Victr. zusammenstand. Ibid. 
werden centurionen der ala Siliana erwähnt statt der decu- 
rionen, die Tac. Hist. 1, 70 hat. — P. 145 vergleiche man 
über die den Aelius Seianus betreffenden daten, die nicht ganz 
richtig sind, Hirschfeld Unters, p. 219. — P. 146 ist Suet. 
Cal. 40 gröblich mißverstanden. Der vrf. sagt : . . . . impera- 
torem a centurionibus tribunisque praetorianorum nova 
atque inaudita exe gisse vectigalia; während es bei Sueton heißt: 
vectigalia . . . primum per publicanos, deinde, quia hierum exube- 
rabat, per c enturion es tribunosque praetorianos exereuit, 
— P. 147 fehlen unter Claudius die präfecten Eubrius Pollio 
(Dio 60, 23) und Catonius Iustus (Dio 60, 18). — Ibid. ist es 
wohl ein irrthum, wenn die identität des Iulius Pollio mit Eu- 
brius Pollio angenommen wird. — P. 149, 61 — 63 ist es doch 
zweifelhaft, ob die in Ostia stationierte cohors XVU eine der 
Vigilum war; vrgl. Hirschfeld Unt. 1. c. 139, a. 5. — Ibid. ist 
nach Nymphidius Sabinus der präfect Laco übergangen. 

Die zahlreichen vom vrf. angeführten inschriften geben zu 
manchen bemerkungen veranlassung. Offenbar ist derselbe in 
der epigraphik noch wenig geübt. Die Zeugnisse sind in mi- 
nuskeln gegeben, indeß ist nicht immer den namen die ihnen 
zukommende majuskel zu theil geworden-, vrgl. p. 30, Or. 3522; 
p. 45, Br. 1166; p. 99, Br. 1197. Nicht selten (vrgl. p. 44/5) 
sind durch bogen unter der zeile die ligaturen angedeutet; das 
ist nicht erforderlich; legte der vrf. aber hierauf werth, so 
mußte er das verfahren consequent durchführen und die besten 
quellen benutzen, z. b. für viele germanische inschriften dem 
Bekker'schen catalog des Mainzer museums folgen, aus dem er 
auch ersehen haben würde, daß p. 45 Br. 1161 für Lictanius 
Lictavius zu lesen ist. Oft sind auch inschriften, welche sich 
im CIL. oder andern neueren Sammlungen finden, ohne das citat 
aus diesen gegeben, z. b. p. 46, L(ehne) 1, 10 ohne Br. 1127; 
hätte der vrf. genauer nachgesehen, würde er p. 44, Gr. 1096, 



tfr. 4. 65. Römische alterthümer. 219 

1 nach CIL. II, 1681, ibid. Mur. 1050, 3 nach CIL. H, 2029 
richtiger gebeten haben. P. 57, Mur. 880, 8 ist = Momms. 
IRNeap. 6030, wo sich die deutung der vom vrf. nicht verstan- 
denen siglen findet. Das werk von Wilmanns ist nie erwähnt; 
es hätte manche hülfe geboten: z. b. p. 21, Or. 3389 = W. 
1423: p. 56, Mur. 766, 5 = W. 1149, wo der zweifei des 
vrfs. gelöst wird: p. 65, Or. 732 besser bei W. 1619: p. 66, 
Or. 6767 richtiger bei W. 1617 (es ist auffallend, daß Stille 
den extrecenarius nicht erkannt hat): p. 81, Or. 2276 richtiger 
W. 1746 (aus Momms. IRNeap. 2211), indem für das sinnlose 
quasi quai zu lesen ist. 

Außerdem ist in den inschriften noch manches versehen. 
So z. b. p. 30, Or. 3522 kann N weder durch Neronis, noch 
durch nostri erklärt werden, sondern bedeutet natus, wie aus dem 
index bei Henzen p. 8 s. v. Caesarea hervorgeht. — P. 31, Or. 
3509 ist Üb. zu lesen für libi. — P. 83, CIL.V, 4987 fehlt am 
Schluß i(ussit). — P. 86, CIL. HE, 2833 ist Staitiellis) für St. 
und D. f. für d. f. zu lesen. — Ibid. a. 4 müßte einfach lau- 
ten: = equitatae. — P. 98 zeigen Or. 6678 und Br. 479 beide 
deutlich ein in das O eingeschobenes F, das merkwürdige dafür 
vom vrf. gegebene zeichen ist ganz unverständlich. — P. 99 
gehört Or. 3601 nicht zur leg. XVI Gallica, sondern zur leg. 
XVI Flavia.— P. 103 hat CIL VII, 51 G(avius) Tiberinus, der 
vrf. C. Tiberinus. — Ibid. sind CIL. V, 1, 90 und V, 1, 156 
irreführende citate für VII, 90 und VII, 156-, in der letztern 
inschrift steht fälschlich P(o)lenn. für P(o)llen. — P. 108, Br. 
492 Camila unrichtig für Camilia. — P. III, Or. 3423 falsch 
quing. für quinq. — P. 130 ist im Dipl. I das datum falsch, 
nicht a. d. IDZ Id. Decbr. , sondern a. d. III. — Ibid. steht 
im Dipl. DZ fälschlich Cattuo für Cattao. — P. 132, dipl. IX 
Cassio und Teutoni falsch für Caesio und Teutonii. — Warum ibid. im 
Dipl. X der name des entlassenen Soldaten und die Schlußformel, wel- 
che doch in den übrigen abschriften nicht fehlen, übergangen sind, 
ist nicht ersichtlich. — P. 131, Dipl. XI steht Soloni für Soioni. 

Der druck ist nicht ganz correct, störende druckfehler sind 
nicht selten. So p. 58 , wo Iotapata an 470sten statt 47sten 
tage gefallen sein soll ; p. 71 steht Claudiae Piae Felieis für 
Fidelis; p. 78 grenate für regnante ; p. 127 leg. IV C(lauda) für 
VA; p. 130 A. 6 wird die bekannte bairische stadt Trauen- 

15* 



220 66. Archaeologie. Nr. 4. 

stein genannt; p. 135 a. 12 steht fälschlich leg. XI für leg. 
IX; zu p. 129 ist zu bemerken, daß Marquardt's Rom. Staats- 
verwaltung II. eine zweite aufläge noch nicht erlebt hat. Bei 
den citaten befleißigt sich der vrf. einer lobensweithen kürze, 
indessen abkürzungen wie p. 67 anm. 5. „S. 0." für Suet. Otho 
führen irre. Auch falsche citate fehlen nicht; so p. 127 irr- 
thümlich H. 1, 30 für 2, 30; p. 61, CIL II, 4521 richtiger 4251 
Die latinität ist fließend , jedoch von stilistischen anstoßen, 
ja selbst von groben grammatikalen nicht frei. Man wolle nicht, 
urtheilen nach stellen wie p. 48: antequam egressi erant; p. 51: 
transgresso limite; p. 63: venerare ; p. 122: eodem tempore quam; 
p. 33 : initium facere cum ; p. 43 : tantum aberat, ut — ut poti- 
us; p. 121: ut paene seditio exarsisset u. a. m. 

66. Catalog des königlichen Rheinischen museums vater- 
ländischer alterthümer bei der Universität Bonn (von dr. Felix 
Hettner). Bonn, Max Cohen & söhn. 1876. 8. VI u. 99 s. 

Vorliegendem verzeichniß — welches bei den fortschritten 
der epigraphik ein bedürfniß war — ist ein einführendes wort 
Bücheler's vorausgeschickt, auf welches das vorwort des vrfs. 
folgt, in dem über die entstehung der Sammlung auskunft ge- 
geben wird. Nachdem sodann die im druck gebrauchten zeichen 
erklärt und einige Verbesserungen angeführt sind, folgen die al- 
terthümer selbst, und zwar nach folgendem Schema : A. Inschrif- 
ten : votiv- und sepulcralinschriften, ehrendenkmal eines legaten, 
baudocumente , fragmente von Steininschriften , kleinere, unächte 
und endlich christliche inschriften. B. Sculpturen und architec- 
turstticke aus römischer zeit, und zwar götterdarstellungen, dar- 
stellungen aus der heroensage, grabmonumente ; die übrigen 
sculpturen, endlich Sarkophage, capitäle und ein mosaik. Bei 
jedem einzelnen gegenstände finden sich sehr genaue angaben 
über dimensionen und steinart, fundort und den bestaudtheil der 
Sammlung, zu welchem derselbe ursprünglich gehörte; bei in- 
schriften auch das citat aus Brambach, auf welchen hinsichtlich 
der literatur ein für alle male verwiesen ist, so daß nur die wich- 
tigsten seit Brambach erschienenen besprechungen aufgeführt 
sind. Alles lob verdienen die eingehenden und klaren beschrei- 
bungen der denkmäler. Die anmerkungen zu den inschriften 
bieten reiches material zum verständniß derselben , sowohl was 



Nr. 4. 66. Archaeologie. 221 

lesung, als was erklärung anbetrifft. Mitunter wünscht man, 
daß der vrf. in letzterer beziehung nocb weiter gegangen wäre. 
Wie er z. b. zu nr. 1 eine Mommsen'sche bemerkung über die 
Stellung des Optio reproduciert, so wäre zu nr. 7 etwas über 
den praefectus castrorum nach Wilmanns erwünscht , und zu nr. 
232 wird in betreff der aus jüngling, löwe und eber besteben' 
den gruppe nur auf Usener's scbrift De Iliadis carmine quodam 
Phocaico verwiesen , statt eine kurze erklärung zu geben , die 
man um so mehr vermißt, als zu nr. 99 dieses monument an- 
gezogen wird. Die lesungen sind durchweg sehr genau, wovon 
sich referent vor den steinen selbst zu überzeugen gelegenheit 
gehabt hat. In wie vielen puncten Brambach berichtigt wird, 
bezeugt ein vier Seiten langes verzeichniß (p. 96 — 99). 

Ueber das bedeutendste und bekannteste denkmal des mu- 
seums , den grabstein des in der Varusschlacht gefallenen M. 
Caelius, hat ref. jedoch eine abweichende meinung auszusprechen. 
Bekanntlich ist am anfange der zweiten zeile der inschrift ein 
bruch, und das erste, selbst nicht ganz intacte, zeichen dieser 
zeile ist in früherer zeit für ein gehalten , und hat den er- 
klärern, welche annahmen, daß mehrere buchstaben weggefallen 
seien, viele Schwierigkeiten bereitet. Lersch und Overbeck mein- 
ten , es sei L TO für legato zu lesen ; Rein glaubte TO oder 
TRO für tribuno lesen zu sollen. Mit recht ist man von diesen 
vermuthungen zurückgekommen , zu denen auch in keiner weise 
die vitis des Caelius paßte. Dahingegen haben Brambach und 
mit ihm Hettner in dem fraglichen buchstaben (wie ursprüng- 
lich Lersch) das centurionenzeichen Q erkannt; freilich nicht 
ohne bedenken , denn ersterer sagt zu nr. 209 : nihil igitur 
obstat, quorainus J legamus, und Hettner p. 32: „So ist 
zweifellos zu erklären, obwohl das ) fast einem gleicht". 
Referent muß nun nach eingehender prüfung des Steines geste- 
hen , daß er nur ein erkennen kann. Die in die inschrift 
hineinragende vitis bedeckt ein kleines stück der oberen linie 
des buchstabens , aber das nach links von derselben vollständig 
erhaltene kurze stück der gekrümmten linie ist ebenso tief, als 
der rechts von der vitis befindliche haupttheil und kann durch- 
aus nicht mit Brambach für zufällig gehalten werden. Auch 
auf derjenigen strecke , durch welche links das obere ende der 
kreislinie vom unteren getrennt ist, erkennt man deutlich die 



222 66. Archaeologie. Nr. 4. 

krümmung, und daß dieses stück nicht ebenso tief erscheint, hat 
seinen grund darin, daß dasselbe gerade die grenze des bruches 
bildet und die linke wand des buchstabens verschwunden ist. 
Ref. sollte meinen, auf den ersten blick müsse man ein durch 
den bruch beschädigtes erkennen. Vergleicht man sonstige 
gekrümmte centurionenzeichen , z. b. auf nr. 25 der Sammlung, 
so wird man bemerken, daß theils die beiden enden markiei 
sind, theils daß die rundung geringer ist, als die eines kreis- 
förmigen 0. Hiernach kommt ref. auf seine bereits Philolog. 
XXXIII, p. 660 kurz ausgesprochene und wesentlich auf einen 
kleinen links von erhaltenen Querstrich begründete ansieht 
zurück, daß M. Caelius evocatus war. Wenn nun auch zuge- 
standen werden muß, daß jener kleine querstrich, der damals 
für den rest der oberen linie eines E angesehen wurde , offen- 
bar zufällig ist, so gestatten doch die raumverhältnisse recht 
wohl die ergänzung von EV. Die entfernung des linken randes 
der eigentlichen inschriftfläche von beträgt 6, 1 centimeter: 
in der ersten vollständig erhaltenen zeile beginnt die inschrift 
2 centim. von jenem rande; nehmen wir dies auch für die ver- 
stümmelte zweite zeile an, so würde für die beiden zu ergänzen- 
den buchstaben der räum von 4, 1 centim. übrig bleiben. Die- 
ser würde freilich für ein E und ein ebenso großes V nicht aus- 
reichen, da der obere querstrich des E in dem worte LEG der- 
selben zeile 3 centim. lang ist und wir dieselbe dimension für 
den zu supplierenden buchstaben voraussetzen müssen. Indessen 
hat die inschrift die eigenthümlichkeit, daß einzelne buchstaben 
in verkleinerter form in andere hineingesetzt sind, so / und E 
in Z»; in ähnlicher weise findet sich ein kleineres zwischen B 
und TV. Es ist also nicht zu bezweifeln, daß zwischen E und 
O, zum theil in das E ein kleines V einzuschieben ist, etwa 
von den dimensionen des V in der dritten, mit kleineren cha- 
racteren geschriebenen, zeile, dessen obere Öffnung 3, 05 centim. 
beträgt und welches recht wohl platz finden könnte. Diese ab- 
kürzung des fraglichen militärischen amtes ist zwar nicht häufig, 
findet sich aber doch CIL. VI, 2385, frgm. 12, 5-, VI, 627; 
Ephem. 1872, p. 47 nr. 143. (Die sonstigen abkürzungen dieses 
Wortes EV CIL. VI, 2385, frgm. 9, 1; E.V.K ibid. 2386a, 
10-, EVOK ibid. 2526; EVK ib. 3635; EVC ib. 3669 a.) In 
L findet sich ein kleineres V CIL. HI, 103; in N ibid. 6169- 



Nr. 4. Theses. 223 

ein kleineres V bei größeren buchstaben findet sich ferner Eph. 
II, p. 320 nr. 446 und 448. — Hettner bemerkt: „Sicher ist 
es beabsichtigt , daß die vitis , das characteristicum des centu- 
rionen, gerade auf dieses zeichen hinweist". Sollte man aber 
wirklich annehmen , daß es bei einem centurio noch nöthig ge- 
wesen wäre, auf die vitis aufmerksam zu machen? Dahingegen 
gewinnt Hettner's feine bemerkung erst ihre eigentliche bedeu- 
tung, wenn man den Caelius für einen evocaten erklärt. Daß 
diese die vitis trugen, sagt Dio Cass. 55, 24 ausdrücklich: x«t 
sial xal vvr avarr/fia idior, Qußdovg qiigovrsg taansQ vi ixaror- 
TaQxai. Man vergleiche auch das bildniß des evocaten Aure- 
lius Iulianus bei Fabretti Col. Traj. p. 195 (s. CIL. VI, 3419). 
Schließlich möge , da Evocati legionis illius selten vorkommen, 
außer auf den P. Tarrutenius , der evocatus leg. II ad. genannt 
wird (CIL. LH, 3565), auf die aus Cäsars zeit stammende in- 
schrift bei Mommsen IRNeap. 3621 = Henzen 6851 verwiesen 
werden : C. Canuleius | Q. f. leg. VII evo \ cat. mort. est ann. not. | 
XXXV donat. torq. armil. \ paler. (sie) eoron. | Q. Canuleius Q. 
f. | leg. VII. oeeeis. in Gall. | annor. nat. XVIII | duo. fratr. J ieis 
monum. pat. fec. 

Ref. schließt mit der bemerkung, daß leider die indices 
fehlen, da es doch immer von interesse ist, mit leichtigkeit über- 
sehen zu können, was ein museum nach allen seiten bietet ; daß 
aber nichtsdestoweniger die, namentlich für die studierenden der 
Universität Bonn bestimmte, treffliche arbeit ihren zweck, das 
Studium der epigraphik zu fördern, in vollem maße erreichen 
wird. Möge uns der vrf, gegenwärtig director des provinzial- 
museums in Trier, recht bald mit einem ähnlichen verzeichniß 
der seiner pflege anvertrauten alterthümer erfreuen! 

A. Müller. 

Theses. 

De Propertii elocutione quaestiones. Dissertatio inauguralis 
. . quam ad . . . in universitate Fridericiana Halensi . . . d. 
XVm m. Martii a. MDCCCLXXVIII . . defendet H. Kuttner: 
I. Propertius primum tantum Tibulli elegiarum librum imitando 
expressit. — II. Prop. I, 14, 5 retinenda est tradita lectio: Et 
nemus omne satas intendat vertice silvas. — LTI. Plura apud 
Propertium exstant imitationis vestigia Tibulliana quam Horati- 
ana (cf. Teuffei H. LLat. p. 519). — IV. Aesch. Choeph. 
777 sq. H (783 D.) neque intelligi neque restitui possunt nisi 



224 Bibliographie. Nr. 4. 

versus 777—780 (790—793), 795—798 (806—11), 813—16 
(827 — 30) pro epiphthegmatis habentur. — V. Aesch. Choeph. 
777 H. (783 D.) ngb 8s y' ly&gm* &sg vertendum est praefer 
hostibus. — VI. Aesch. Eum. 166 (164 D.) &q6*op non est 
tentandum. 



Bibliographie. 

Eine kurze besprechung von Kirchhoff u. Wigand antiqua- 
rischem catalog nr. 521 — 523 besonders historische werke ent- 
haltend steht im Eeichsanz. nr. 79 beil. 1. 

Im Eeichsanz. nr. 94 wird auf den lagercatalog von Her- 
mann Bahr in Berlin aufmerksam gemacht, welcher die bibliothek 
des in Heidelberg verstorbenen professors Zöpfl enthält: diese 
ist reich namentlich auch an Schriften über die quellen und al- 
terthümer des rechts. 

Der aufsatz von Georg Rettig im Berner Taschenbuch f. d. 
j. 1878 „die anfange der buchdruckerkunst in der Schweiz" 
findet sich abgedruckt im Börsenblatt nr. 71. 73. 

Börsenbl. nr. 73 enthält eine allerdings nur für buchhändler 
bestimmte mahnung, die aber auch manchem andern von nutzen 
sein dürfte, nämlich, wenn man ein buch schnell haben will, 
nicht direct an den Verleger sich zu wenden, sondern an den com- 
missionär nach Leipzig , vorausgesetzt , daß der Verleger einen 
solchen hat. 

Ein aufsatz von Georg Ebers in der Augsb. all. ztg. beil. 
nr. 79 schildert das typographische institut von Giesecke u. 
Devrient in Leipzig: der aufsatz steht auch im Börsenbl. nr. 84. 

Ueber den Ursprung der redensart „verbessert durch Ball- 
horn, verballhornung" u. s. w. gehen die ansichten sehr aus ein- 
ander und nur so viel scheint sicher, daß Iohann Ballhorn, aus 
Soest inWestphalen gebürtig, 1528 in Lübeck als buchdrucker fibeln 
u. a. herausgab. Die verschiedenen ansichten stellt ein aufsatz in 
der Deutschen Handwerker-bibliothek bd. HL (1878) zusammen, 
der abgedruckt ist in Börsenbl. nr. 88 : sonst s. auch C. von Wurz- 
bach historische Wörter, Sprichwörter und redensarten p. 14. 

Die nr. 1 der Mittheilungen der Verlagshandlung B. G. 
Teubner in Leipzig für 1878 bringt in ihrer ersten abtheilung 
notizen über folgende künftig erscheinende werke : Grammatici 
Graeci emendati et apparatu critico instructi : bd. 1 u. 2 wird 
Apollonius Dyscolus von R. Schneider und G. Uldig enthalten, 
bd. 3 u. 4 die ausgäbe des Herodian von Lentz bilden, die 
diesem zwecke entsprechende titel erhält; über das weitere 
wird später berichtet werden. — Fremdwörter im griechischen 
und lateinischen, von AI. Vaniceh. — Hermes der windgott, ein 
beitrag zur griechischen mythologie, von dr. Wilhelm H. Röscher, 
der den inhalt der auf acht bogen berechneten schrift selbst ver- 



Nr. 4. Bibliographie. 225 

zeichnet, und sie als eine Vorarbeit eines handbuchs der grie- 
chischen und römischen mythologie ankündigt. — Eei metricae 
poetarum Latinorum praeter Plautum et Terentium summarium. 
. . In usum sodalium instituti historici philologici Petropolitani 
conscripsit Lucianus Mueller: der vrf. bezeichnet die schritt als 
auszug aus seinem größeren werke über diesen gegenständ. — 
Ueber die entstehung der städte der alten. Komenverfassung 
und synoikismus. Von dr. Emil Kuhn. — Es folgen dann an- 
gaben über die Bibliotheca Teubneriana und die Schulausgaben 
griechischer und lateinischer schriftsteiler mit deutschen noten 
u. s. w. , am Schluß recensionen-verzeichniß und angaben über 
Programme. 

Ausgegeben ist ein verzeichniß des verlags von Paul Neff 
in Stuttgart, darin auch angezeigt Fr. Jännickes grundriß der 
keramik. 

Mittheilungen von F. A. Broclchaus in Leipzig nr. 1, 1878 
enthält den neuesten verlag dieser fimia : p. 7 Schliemann's My- 
kenä. Vrgl. unten p. 233 ügg. 

Bei Adolphe Labitte in Paris wird erscheinen: „Des Ser- 
vices que peut rendre l'archeologie aux e'tudes classiques 
d'apres les plus anciennes inscriptions grecques — d'apres les 
vases peints et lettres des grecs et les verres ä boire peints et 
lettrds des premiers chretiens — d'apres la peinture et les 
peintres de vaisseaux — la gravure et les graveurs en medail- 
les et en pierres fines — la gravure et les graveurs sur an- 
neaux paiens — le symbolisme et la gravure sur anneaux des 
chretiens par J. P. Eossignol membre de l'institut professeur 
de litterature grecque au College de France." Der inhalt der 
zwölf capitel , aus denen das werk bestehen wird , ist in der 
ankündigung angegeben. 

Die verlagshandlung von Eduard Hallberger in Stuttgart 
versendet einen prospect betreffend das werk: „Aegypten dar- 
gestellt in etwa 700 bildern von unsern ersten künstlern, be- 
schrieben von Georg Ebers. 11 Der prospect im format des werkes 
enthält auch proben der wirklich vortrefflichen bilder, von denen 
wir hervorheben die „Fellahfrau mit ihrem kinde" von Gustav 
Richter, ein meisterstück in seiner art. 

Preisherabsetzung auf zeit, Erstes, zweites und 
(besonders reichhaltiges) drittes verzeichniß von hervorragenden 
werken der classischen philologie aus dem verlage von T. O. 
Weigel in Leipzig, der Clarendon press in Oxford, der Gylden- 
daZ'schen buchhandlung u. a., welche zu original- und theilweise 
bedeutend ermäßigten preisen durch alle buchhandlungen zu be- 
ziehen sind (darunter die Fasti von Clinton , Demosthenes (9 
bde) und Aristophanes (5 bde) von W. Dindorf, Iustinus von Frot- 
scher , Eckhel doctrina nummorum veterum u. s. w.). Dazu 
kommt auch noch ein gleiches verzeichniß über orientalische und 



226 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

neuere sprachen und bibliographie : in letzterer rubrik Scholl, 
histoire de la litdrature grecque, 8 bde. 

C atalog e von antiquaren: Bibliothek Köchly II. La- 
gercatalog von Joseph Baer u. Cie. in Frankfurt am Main . . . 
nr. LVI. Auetores Latini ; Bibliothek Köchly III. Lagercatalog 
. . . nr. LVII, griechische und lateinische grammatik, literatur- 
geschichte, neulateiner, allgemeines; — Nr. 7. Antiquarischer 
catalog von Heinrich Kerler in Ulm : classische philologie , die 
bibliothek des gymnasialdirector dr. Heydemann in Stettin und 
die des professor dr. Zimmermann in Erlangen ; — Antiquarisches 
bücherlager (nr. 525) von Kirchhoff u. Wiegand in Leipzig (clas- 
sische philologie und archäologie). 

Kleine philologische zeitung. 

Zwischen Leubingen und Stödten in der provinz 
Sachsen ist im laufe des märz ein grabhügel näher untersucht 
und hat die ausgrabung sehr mannigfache ausbeute gegeben, 
welche Reichsanz. nr. 77 beil. 1 näher beschreibt. Darnach 
giebt dieser hügel in seiner unteren und oberen schicht zeugniß 
weit auseinander liegender Völkerströmungen, einer frühkeltischen, 
die vielleicht über das fünfte Jahrhundert vor Chr. hinaufreicht 
und einer am ende der sg. Völkerwanderung liegenden germa- 
nisch-slavischen, letzteres freilich eine unsichere bezeichnung. 

Ueber die im Reichsanz. nr. 81 kurz erwähnte aufdeckung 
einer römischen villa berichtet die Trierer ztg. unterm 25. 
märz (darnach Reichsanz. nr. 98) folgendes: In Oberweis bei 
Bit bürg ist in den letzten wochen auf kosten des hiesigen pro- 
vinzialmuseums eine römische villa aufgedeckt worden. Dieselbe 
liegt auf einem der die Prüm westlich einfassenden hügel, 320 
m. nördlich von der kirche. Die villa, deren front nach Süden 
gerichtet ist, besteht aus einem 60 m. langen und einem 16 m. 
tiefen mittelbau und zwei etwa 12 m. breiten Seitenflügeln, wel- 
che um 10 m. über die mittelfacade hervorspringen. Unter 
allen in den Rheinlanden bis jetzt aufgedeckten römischen villen 
steht das gebäude nur dem Nenniger an umfang nach. Die 
mauern sind meist noch gut erhalten; in den am abhänge des 
hügels gelegenen theilen des gebäudes stehen sie noch zwei m. 
über dem alten estrich. Aber die ursprüngliche anläge hat 
unter einem späteren umbau, der in die spätrömische oder viel- 
leicht in die fränkische zeit fallen mag , stark gelitten , und an 
vielen stellen war es erst nach abbrach der oberen mauern 
möglich , die darunter liegende ursprüngliche anläge wieder zu 
finden. Die ganze südliche front des mittelbaues nimmt eine 
große halle ein. Die wände derselben waren mit gewandt ge- 
malten amoretten geziert, von denen einige bruchstücke noch in 
gutem zustande sind. Hinter der halle befinden sich die Wohn- 
zimmer. In zwei derselben liegen noch mosaikböden , welche 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 227 

beide durch später aufgesetzte mauern in der mitte zerstört, im 
übrigen aber gut erhalten sind. Der eine boden ist von schlech- 
ter technik, das muster einfach; auf schwarzem gründe weiße 
Sternchen, nur in der mitte ein quadrat von bunten Ornamen- 
ten. Der andere boden dagegen hat hohen werth. Er ist von 
ausgezeichneter arbeit und zeigt auf weißem gründe fische und 
vögel und stylisirte blumen mit steinchen aller färben, was eine 
getreue naturnachahmung erfordert. In dem zimmer, wo dieser 
boden liegt, ist auch die Wandmalerei noch etwa einen halben 
meter hoch erhalten; sie stellt blumen und fruchte dar. Auch 
die dekoration der anderen zimmer läßt sich meist noch erken- 
nen ; in der art der pompejanischen dekorationsmalerei sind die 
wände, deren grundfarbe schwarz, roth oder gelb ist, durch auf- 
steigende streifen in felder getheilt. In den nebenflügeln lagen 
die Schlafzimmer; sie sind gekenntzeichnet durch heizeinrichtun- 
gen; im östlichen flügel befinden sich außerdem noch ein keller 
und wirthschaftsräume ; hier ist ein backofen von guter erhal- 
tung von besonderem interesse. Neben dem östlichen flügel 
liegen die badanlagen. Um diese ausgrabungen hat sich hr. 
pastor Orth aus Wismannsdorf ein ganz besonderes verdienst 
erworben, indem er zuerst die aufmerksamkeit auf die betreffende 
stelle gelenkt und mit großer umsieht die Voruntersuchungen 
geleitet hat. 

Trier, 28 märz. Der auf dem banne St. Barbara erst in 
einem kleinen theile bloßgelegte antike bau ist der kolossalste 
römische kaiserpalas t, den man bis jetzt diesseits der Al- 
pen aufgedeckt hat. Der ursprüngliche palast hat in spätrömi- 
scher oder fränkischer zeit einen bedeutenden umbau erlitten 
oder wurde nach seiner Zerstörung später modifizirt aufgebaut. 
Dieser nach- oder umbau ist hinsichtlich des mauerwerks dem 
ursprünglichen baue möglichst nachgebildet , vielleicht aus ma- 
terial des anfänglichen baues vollführt und ruht theils auf die- 
sem anfänglichen mauerwerk oder durchschneidet dasselbe. In 
dem dahinter liegenden sogenannten Jesuitenfelde wurden schon 
quadern und mosaik- oder marmorböden gefunden , welche auf 
eine bis jetzt nicht untersuchte fortsetzung des grandiosen bau- 
werks schließen lassen. Eine bloßlegung des ganzen würde wohl 
eine reihe von jähren und nicht unbedeutende summen in an- 
sprach nehmen. Eeichsanz. nr. 89. 

Eine kurze besprechung über Konst. Buttes geschichte der 
neuesten zeit findet sich Eeichsanz. nr. 78 beil. 1. 

Berlin, 1 . april. Aus Eeichsanz. nr. 78 folgt nr. XXII der 
berichte über die ausgrabungen in Olympia (s. ob. hft. 2, 
p. 121), der von Olympia am 14. märz abgegangen: Vor der 
Ostfront des Zeustempels ist die niederlegung der byzantinischen 
ostmauer und die damit verbundene tiefere aushebung des terrains 
rings um dieselbe rüstig fortgeschritten. Als fruchte der letz- 



228 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

teren haben wir wiederum eine fülle von bronzegegenständen 
aus den ältesten epochen griechischen lebens zu verzeichnen: 
votivfiguren von thieren, gewichte mit dem namen des Zeus, 
waffen, gefäße und geräthe, von denen einige jene primitivsten 
Ornamente, wie Zickzacklinien, konzentrische durch tangenten ver- 
bundene kreise und dergleichen aufweisen. Denselben primi- 
tiven stil der Ornamentik zeigt auch eine hier gefundene zwei- 
henkelige silberschale. Außerdem sind hier noch zwei bedeu- 
tendere stücke ausgegraben worden. Das erste ist ein echtes 
beispiel alterthümlicher kunst ; eine spannenhohe weibliche bron- 
zefigur, die in säulenartiger Starrheit mit geschlossenen fußen da- 
steht , die linke am busen , mit der rechten die falten ihres ge- 
wandes vorne zusammennehmend. Auf dem haupte trägt sie 
einen wulst , der die figur als stützendes glied eines geräths 
charakterisirt (gef. den 24. febr.). Der andere fund (16. febr.), 
das c. 30 cm. hohe mittelstück einer weiblichen statue aus ge- 
branntem und bemaltem thon, welches schon wegen der Selten- 
heit so großer werke aus terrakotta besonders schätzenswerth 
ist, gehört einer späteren, aber noch alterthümlichen epoche an. 
Leider läßt sich jetzt nur noch soviel erkennen, daß die statue ein 
schreitendes weib darstellte, deren steif und alterthümlich gefal- 
tetes gewand mit seinen gemusterten säumen über dem vorschrei- 
tenden linken bein und dessen rofhem gewande auseinanderschlägt. 
— Die byzantinische ostmauer hat außer massenhaften bauglie- 
dern , von denen mehrere durch erhaltene reste der bemalung 
werthvolle beitrage zur kenntniß der architektonischen polychro- 
mie liefern, wie gewöhnlich wieder mehrere statuenbasen mit in- 
schriften ergeben. Besonders stattlich ist ein postament von 
schwarzem marmor, welches einst die statue des pankratiasten 
Ti. Claudius Rufus trug. Ein zwei Seiten der basis füllendes 
psephisma der Eleer rühmt ihn wie er bis in die nacht hinein, 
bis die Sterne am himmel standen, den kämpf fortgesetzt habe; 
im hinblick hierauf wird ihm von den Eleern das bürgerrecht 
und eine statue bewilligt. Die dritte seite enthält einen beschluß 
der Smyrnäer, wonach diese ihrem mitbürger die gleiche ehre 
erweisen. Knapper gefaßt sind drei siegerinschriften aus frü- 
herer, griechischer zeit: die des Eleers Hellanikos (Paus. VI., 7 
8), des Rhodiers Eukles (Paus. VI., 6, 2) und des berühmten 
Euthymos (Paus. VI., 6, 4) aus der unteritalischen Stadt Lokroi, 
von dem die sage ging, er sei ein söhn des heimischen flußgottes 
Kaikinos gewesen und auf eine übermenschliche art aus dem 
leben geschieden. Auch erzählte man sich , daß er einen ge- 
fährten des Odysseus , der als blutdürstiger dämon in Temesa 
umging, bezwungen und eine Jungfrau aus dessen gewalt befreit 
habe. Diese basen bereichern nicht nur unser epigraphisches 
und kunstgeschichtliches wissen (Naukydes vater heißt hier Pa- 
trokles , nicht Mothon und die statue des Euthymos war vom 
Saurier Pythagoras, nicht dem Rheginer) sondern auch unser 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 229 

topographisches. Es kann nämlich schwerlich ein zufälliges zu- 
sammentreffen sein , wenn Pausanias (VI., 6) die statuen des 
Kallias, Eukles und Euthymos dicht hintereinander nennt und 
wir nun die hasen der beiden letzten statuen dicht neben der 
früher entdeckten Kalliasbasis im nordosten des Zeustempels ver- 
baut finden. Wir haben hier also einen festen topographischen 
anhaltspunct , der um so willkommener ist, als uns gerade in 
der letzten zeit die ausgrabungen darüber belehrt haben, wie 
die große masse der statuen rings um den Zeustempel angeord- 
net gewesen sein wird. — Den ganzen süden des tempels in 
einer entfernung von ca. 20 m. entlang zieht eine niedrige 
mauer, über deren bestimmung die tieferlegung des terrains im 
Südwest volle klarheit gebracht hat. Hier steht nämlich nörd- 
lich von derselben eine ganze reihe von statuenbasen ; einige 
liegen umgestürzt südlich von der mauer , unter anderem auch 
ein rother marmorblock mit der siegerinschrift eines Timolas 
und eine am 15. februar aufgefundene basis , auf der noch ein 
wundervoll gearbeiteter lebensgroßer bronzefuß haftet; von hier 
mögen auch die zahlreichen basen der byzantinischen westmauer 
stammen. Außerdem haben auch ein weich modellirter bronze- 
ner kinderarm und massenhafte kleinere fragmente von erz uns 
von den zahlreichen statuen künde gegeben, die einst hier standen. 
Dieselbe mauer läßt sich auch noch vor der Westfront des Zeus- 
tempels verfolgen und tritt auch im nordosten des tempels, eben 
dort, wo die basen des Kallias, Eukles und Euthymos gefunden 
wurden , deutlich zu tage. So umgab denn vermuthlich einst 
den ganzen tempel eine statuenbekrönte terrasse ; denn den abfall 
des terrains rings um diese mauer haben wir besonders im Süd- 
westen des tempels konstatiren können, wo eine Straße südlich von 
derselben entlang geführt haben muß ; sämmtliche abflußröhren 
und Wasserleitungen, welche von norden herabkommend die West- 
front entlang ziehen , setzen nämlich hier ab , um jenseits der 
mauer in einem tieferen niveau weiter zu gehen. Eine dieser 
leitungen ergoß ihr wasser hier in einen mächtigen bronzekessel 
von mehr als 1 1 [± m. im durchmesser und ca. 70 cm. höhe, der 
vor der mauer eingelassen war. Uebrigens fanden sich in die- 
sem kessel außer einem etwa um die hälfte kleineren bronzege- 
fäß mehrere thonschälchen und einige knocken vor. — Das P e- 
lopion, nach dem im vorigen winter im norden des Zeustempels, 
wo es nach dem bericht des Pausanias gelegen haben muß, ver- 
gebens gesucht wurde, hat auch ein zu dem gleichen zweck an- 
gelegter graben , der das terrain zwischen Zeustempel und He- 
raion in diagonaler richtung von Südwesten nach nordosten durch- 
schneidet, nicht gefunden. An architekturresten kam in demsel- 
ben überhaupt nur eine ziemlich nachlässig gefügte quadermauer 
zu tage , die gegen Südwesten zieht , also schon dieser richtung 
halber nicht zum Pelopion gehören kann. Auffallend war in dem 



230 Kleine philologische zeitung. tfr. 4. 

graben aber besonders das auftreten einer fast 1^2 m. dicken 
sehr schwarzen erdschicht, wie sie in solcher stärke und ausdeh- 
nung sonst nirgends in der Altis anzutreffen ist. Erst eine che- 
mische analyse kann lehren, ob dieselbe vielleicht auf die nähe 
des großen aus der asche der opferthiere hergerichteten Zeus- 
altars hinweist. Ist dies der fall, so wäre damit eines der wich- 
tigsten probleme der Altistopographie seiner lösung näher gerückt. 
Auch in dieser schwarzen Schicht fanden sich wiederum massen- 
hafte votivthiere aus bronze und terrakotta und eine menge 
fragmente von erzgeräthen. Wie diese, so gehört auch das hier 
gefundene , etwas über 1 cm. hohe bronzefigürchen eines speer- 
schleudernden kriegers der allerältesten epoche griechischer kunst 
an. Ebenso drei bemalte thönerne salbgefäße , welche den sog. 
korinthischen vasen im stile verwandt sind und von denen das 
eine die eingeritzte inschrift trägt : „Semonides hat mich geweiht". 

— Eine besprechung der resultate, welche die Untersuchung der 
byzantinischen kirche im westen des Zeustempels ergeben hat 

— es sind in dem fußboden derselben allein 11 inschriftbasen 
und 2 listen von olympischen opferbeamten zum Vorschein ge- 
kommen — und eine Schilderung des fortgangs der arbeiten am 
Prytaneion verspare ich auf einen künftigen bericht. Der ge- 
waltige umfang dieses gebäudes wird viel zeit und arbeit in 
anspruch nehmen-, da aber die begonnene Untersuchung des in- 
nern eine frühere einschwemmung dieses bezirkes zu erweisen 
scheint, welche dessen inhalt wenigstens zum theil vor den äugen 
und händen räuberischer ansiedier bewahrt haben wird, so dür- 
fen wir hier eine lohnende ausbeute erhoffen. — Heute nur 
noch die meidung, daß vor der exedra des Herodes Atticus am 
12. märz ein lorbeerbekränzter marmorkopf des Antoninus Pius 
gefunden wurde, der wahrscheinlich zu einer bildsäule dieses 
kaisers in der exedra gehört. Dr. Treu. — [S. nr. XXIDI. 
XXIV unt. p. 237. 244]. 

Der „allg. ztg." wird aus Rom unter dem 21. märz ge- 
schrieben: Die erdarb eiten in den verschiedenen theilen Roms, 
welche ununterbrochen antike reste zum Vorschein bringen, 
haben in den letzten wochen eine besonders reiche ausbeute ge- 
liefert, die das neueste bulletin der städtischen archäologischen 
commission zusammenstellt. An der spitze stehen mehrere 2,07 
m. hohe, 1,92 m. breite piedestale mit weiblichen figuren in 
hautrelief, welche unterworfene römische provinzen darstellen und 
offenbar mit anderen ähnlichen zusammengehören, die früher an 
derselben stelle, nämlich nahe dem tempel des Antoninus Pius 
an der Piazza di Pietro, gefunden worden sind. Ebendaselbst 
haben sich ein basrelief mit trophäen und militärischen emblemen, 
architravstücke von dem portikus des tempels, trümmer einer 
gewaltigen säule von giallo antico, fragmente von Inschriften 
mit den namen des kaisers Claudius und des Cäsar Germanicus 
u. a. gefunden. Im neuen quartier des Esquilin sind badezellen 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 231 

zum Vorschein gekommen, welche vermuthlich den thermen des 
Naratius Cerialis angehören. Auf dem fußboden einer derselben 
fand man den fuß einer colossalstatue von grauem basalt und 
ein bronzenes akanthusblatt von 17 cm. länge. An der ostseite 
des Danteplatzes kommen weitere spuren der Lamianischen gär- 
ten, mauerwerk mit Wandmalereien , hinter den thermen Diocle- 
tians ein weinmagazin zum Vorschein. In dem letzteren sind 
nicht weniger als tausend zum großen theil zerbrochene ampho- 
ren enthalten, von denen ungefähr zweihundert mit aufgemalten 
inschriften in schwarzer, weißer, rother und grüner färbe ver- 
sehen sind , welche werthvolle auf klärungen über handeis- und 
consumverhältnisse versprechen. In der Via del Quirinale ist 
ein brunnen aufgedeckt worden, auf dessen grund sich drei 
schwarz gefirnißte etruskische vasen, fünfundzwanzig andere va- 
sen von gelblichem thon und einige consularmünzen gefunden 
haben. Im grundstück des fürsten Pallavicini in der Via Na- 
zionale zeigt sich ein neuer theil des nymphäums des Avidius 
Quietus mit einer wohlerhaltenen marmor-fontaine und einem 
farbenprächtigen mosaik-gemälde von 2,10 m. höhe und über 
1,90 m. breite, welches der besitzer dem kapitolinischen museum 
zum geschenk gemacht hat. Es stellt ein großes schiff mit ge- 
blähten segeln dar , welches in einen hafen einzulaufen im be- 
griff ist. An dem letzteren sieht man molen , landungstreppen, 
quais mit py Ionen und bogen und einen hohen leuchtthurm von 
unten viereckiger, oben cylindrischer form. Die demolirung des 
westlichen mauerthurmes an der Porta del Popolo hat eine 
reiche Sammlung von figürlichen und inschriftlichen monumenten 
geliefert , welche von den erst zu Sixtus' IV. zeit beseitigten 
grabmälern der Via Flaminia herstammen und bei der errich- 
tung des thores dort eingemauert worden sind. Es sind darun- 
ter stücke mit schönen Ornamenten, die aus einer guten zeit 
stammen müssen. Unter den grabinschriften , die sich durch 
große und schöne charactere auszeichnen , sind einige bemer- 
kenswerth, welche der gens Gallonia, des Q. Marcius Turbo, 
befehlshabers der prätorianer und günstlings des kaisers Hadrian, 
erwähnung thun. Die ausgrabungen werden auf den verschie- 
denen punkten ununterbrochen fortgesetzt. 

§§. Es ist auf Schulbücher einzugehen nicht unsere auf- 
gäbe ; doch wird es nicht unpassend sein, auf das eine oder andre 
aus den büchern dieser classe aufmerksam zu machen. So erwäh- 
nen wir : Uebungen zur repetition der lateinischen syntax von dr. 
Carl von Jan, Landsberg 1876. — Die klagen über gramma- 
tische Unsicherheit der schüler in den obersten classen wieder- 
holen sich in neuerer zeit aus allen gegenden Deutschlands. 
Die schuld tragen nicht selten die lehrer, welche nicht genug 
energie und elasticität in der einübung der wesentlichsten 
syntaktischen regeln entwickeln, zum guten theil aber auch die 



232 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

üblichen Übungsbücher, welche zwar eine bunte masse ungeord- 
neten Stoffes, aber wenig gelegenheit zur wiederholten anwen- 
dung der regeln bieten. Um so freudiger begrüßen wir Übungs- 
bücher wie das von Menzel oder das oben erwähnte von C. v. 
Jan, welche kein schüler durcharbeiten kann, ohne sich ein gu- 
tes theil wichtiger grammatischer regeln zum festen und sicheren 
eigenthum gemacht zu haben. Aber auf eine gefahr müssen 
wir Menzel sowohl wie Jan aufmerksam machen: das löbliche 
streben, schwierige regeln zu immer neuer anwendung zu brin- 
gen, führt leicht zu unnatürlichen und geschmacklosen Wendun- 
gen im deutschen ausdruck. Im mündlichen Unterricht sind 
solche Verschrobenheiten verzeihlich, gedruckt werden sie gefähr- 
lich, weil sie für den schüler zum exempel werden. Von dieser 
klippe hat sich auch Jan nicht frei gehalten (Menzel noch we- 
niger)! Im interesse der guten sache wünschen wir daher für 
eine neue aufläge mehr Sorgfalt für den deutschen ausdruck. 

Das Postblatt nr. 2 ist am 1. april erschienen. 

Im verlage der Schulze 1 sehen hof buchhandlung ist unter dem 
titel: 1870/71: „Andenken an die gefallenen des Oldenburger 
landes" ein verzeichniß der im kriege gefallenen und der in 
folge des kriegs an wunden u. s. w. verstorbenen erschienen. 

Berlin, 2. april. Sitzung der archäologischen gesellschaft. 
Der Vorsitzende, E. Curtius legte die letzten lieferungen der 
„Atti dell' accademia dei Lincei" vor und berichtete über den 
fortgang der ausgrabungen zu Olympia, namentlich über den 
marmorstier, der auf einer seite die inschrift trägt, durch welche 
Regula die von Herodes Atticus gebaute Wasserleitung dem olym- 
pischen Zeus widmet. Der stier diente als ausmündung einer 
fontäne, mit deren anläge die exedra zusammenhing. Derselbe 
legte eine neue erwerbung des antiquariums vor, einen durch 
tadellose erhaltung und Schönheit ausgezeichneten nolanischen 
henkelkrug , mit darstellung eines Spiels von drei knaben und 
einer vorzüglich modellirten Silensmaske unter dem henkel. — 
Hr. Robert legte die neueste serie der „Wiener Vorlegeblätter" 
vor, welche u. a. eine Zusammenstellung der vasen des maiers 
Brygos, sowie der darstellung der Athena-geburt enthält, und 
sprach dann über das innenbild einer in München befindlichen 
schale (nr. 370 abgebildet in Gerhard, trinkschalen und gefäße, 
taf. C. 4 — 6), welches von Gerhard auf den tod des Dolon, von 
O. Jahn und Panofka auf Achilles und Penthesileia bezogen 
worden ist. Der vortragende deutete die Vorstellung auf den 
tod des Lykaon durch Achilles nach dem 22. buch der Ilias. 
Zum schluß besprach derselbe einen punet der anordnung der 
ostgiebelgruppe von Olympia. Die Stellung der wagenlenker 
sei in den bisherigen restaurationsversuchen wenig befriedigend, 
da das sitzen derselben weder durch die Situation motivirt noch 
durch den raumzwang entschuldigt werde. Diesem übelstand 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 233 

könne dadurch abgeholfen werden, daß man die gespanne ver- 
tauschte, so daß die pferde den giebelecken zugewandt zu ste- 
hen kämen und dann die wagenlenker unmittelbar vor die hip- 
pokampen setzte , eine änderung , die auch in den worten des 
Pausanias eine stütze finde und den moment vor der abfahrt 
besser zur darstellung bringe. Der vortragende verhehlte sich 
die großen bedenken, die gegen eine solche anordnung erhoben 
werden können und von E. Curtius geltend gemacht wurden, 
keineswegs , er habe aber doch geglaubt , auf diese möglichkeit 
hinweisen zu sollen; ein praktischer versuch könne ja die sache 
leicht zur entscheidung bringen. 

Telegramm aus Olympia vom 4. april : „Von dem kleinen 
Dionysos auf dem arme des Hermes von Praxiteles ist der Ober- 
körper gefunden, ferner eine inschrift des äginetischen künstlers 
Glaukias, ein großer greifenkopf von erz in der exedra, endlich 
mehre Säulenreihen in dem Prytaneion an ort und stelle". 

Dem Berner „Bund" wird aus Rom vom 9. april geschrie- 
ben: Mit dem 2. april wurden auf anordnung des Unterrichts- 
ministeriums die ausgrabungen in der niederung des 
Forum Romanum wieder aufgenommen, um nun auch das 
areal zwischen dem Palatin, dem Titusbogen, der basilika Kon- 
stantins und dem tempel des Antoninus bioszulegen. — Zu glei- 
cher zeit sieht man im Stadium des Palatins die archäologischen 
mineure hacke und schaufei schwingen und die gehobenen schätze 
an einander reihen. In dem kurzen Zeiträume von zwei wochen 
wurden außer vielen säulenstümpfen aus cipollino und rothem 
und schwarzem granit, capitälen, fries- und gesimsstücken auch 
mehrere statuen aufgefunden. Die bedeutendste davon ist eine 
halbkolossale weibliche gewandfigur ohne köpf, von so vorzüg- 
licher arbeit, daß sie zum besten gerechnet werden muß, was 
in den letzten jähren in Rom ans licht gekommen ist. An 
Stellung und haltung erinnert die figur an die als Ceres restau- 
rirte statue im Braccio nuovo des Vaticans (nr. 83). — End- 
lich sind noch die arbeiten in Ostia der erwähnung werth. In 
der villa Hadrians haLman innerhalb dreier monate ein areal 
von 2 ha. aufgedeckt und drei große atrien mit peristylen, theils 
korinthischer, theils dorischer Ordnung, bloßgelegt. Die sich an 
diese atrien anschließenden zimmerräume sind durch große Man- 
nigfaltigkeit der hausornamentik bemerkenswerth. Der musivi- 
sche fußboden ist wohl erhalten. — Um einen begriff von dem 
umfang der arbeiten zu geben, genügt die notiz, daß bereits 
6000 cbm. erde ausgestochen und weggefahren worden sind. — 
Um allen gefundenen und noch zu findenden gegenständen ein 
obdach zu sichern, hat das ministerium das außerordentlich ma- 
lerische mittelalterliche Castello di Ostia in unmittelbarer nähe 
der stadt erworben. Reichsanz. nr. 91. 

Das buch Schliemann's: „Mykenä. Bericht über meine 

Piniol. Anz. IX. 16 



234 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

forschungen und entdeckungen in Mykenä und Tiryns" (8. 
Leipzig, Brockhaus 1878) hat im Reichsanz. nr. 92 eine die an- 
sichten des vrfs. bekämpfende anzeige hervorgerufen , aus der 
wir folgendes entnehmen: „Aus eigener anschauung urtheilte 
prof. Köhler in der Wiackelmann-festsitzung des kaiserlichen ar- 
chäologischen instituts zu Athen am 13. december vorigen jahres 
folgendermaßen : Vergeblich habe man in den ein durchaus bar- 
barisches gepräge zeigenden Schmucksachen der mykeniscken 
gräber griechische formenschönheit oder anklänge an althelleni- 
sche sage oder sitte zu entdecken gesucht. Es seien selbst 
stimmen laut geworden, welche das hohe alter der mykenischei 
funde überhaupt in frage stellen zu müssen glaubten. Diese 
zweifei seien jedoch durch die bald darauf in der nähe Athens 
und in Spata gemachten gräberfunde zerstreut worden. Das 
überraschende und befremdende bei den mykenischen alterthü- 
mern sei aber der umstand, daß bei ihnen ausschließlich 
nur der orientalische character vertreten ist, während die älteste 
hellenische kunst, wie sie in den homerischen gedichten geschil- 
dert wird , zwar asiatischen einflüssen unterworfen war , aber 
doch schon spuren des später zur vollen entwickelung gekom- 
menen griechischen stylcharacters zeige. Die darstellungen sind 
größtentheils dem seeleben entnommen: rüder, meereswellen, po- 
lypen, fische. „Aehnliches tritt uns in der ersten kunstthätig- 
keit der inselbewohner des aegäischen meeres entgegen. Be- 
kanntlich wurden diese erst später hellenisirten inseln ursprüng- 
lich von einem aus Asien eingewanderten stamme, den Karern, 
bevölkert. Dies geschah ungefähr gegen das 12. Jahrhundert 
v. Chr. Unter ihrem mythischen könige Minos gewannen diese 
Karer nicht nur die seeherrschaft über den ganzen Archipelagos, 
sondern gründeten auch an den küstenstrichen von Hellas zahl- 
reiche colonien. Die aus der griechischen spräche nicht erklär- 
baren namen Hymettus , Lykabettos und andere erinnern noch 
an diese uralten ansiedier. Das symbol des karischen gottes, 
die doppelaxt, findet sich auch auf den mykenischen Schmuck- 
sachen abgebildet. Ferner stimmen die zahlreichen waffenfunde 
in den gräbern von Mykenä durchaus mit den angaben des 
Thukydides (I., 8), welcher berichtet, daß die Karer ihre todten 
mit den waffen zu bestatten pflegten, eine sitte, die uns von 
den alten Griechen , z. b. aus den homerischen gesängen bei 
der bestattung der leiche des Patroklos , nicht bekannt ist. Es 
hat daher die größte Wahrscheinlichkeit für sich, daß die in 
Mykenä und Spata entdeckten gräber auf karischen Ursprung 
zurückzuführen sind. Das alter dieser gräber dürfte mithin 
zwischen die ansiedelung des karischen Stammes in Hellas und 
das homerische Zeitalter, also etwa in die zeit, welche zwischen 
dem 12. und 10. Jahrhundert vor Christi geburt liegt, zu setzen 
sein". — Diesen ansichten pflichtet prof. Benndorf, der nachfol- 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 235 

ger Conze's auf dem lehrstuhl für klassische archäologie an der 
Universität Wien , hei. Andererseits entdeckt er aher in den 
einzelnen darstellungen auch egyptische , assyrische , indische 
einwirkungen. Ueberhaupt sei in den funden von Mykenä der 
frühe kontakt Griechenlands mit dem Orient deutlich erkennbar, 
nnd dieselben seien wichtige beitrage zur lösung des problems 
der entstehung der hellenischen kultur. Im übrigen gelangt er 
bezüglich ihrer wissenschaftlichen bedeutung zu folgenden ur- 
theilen: 1) nach dem reichthum der in den gräbern aufgehäuf- 
ten gold- und silberobjecte sei kein zweifei , daß die daselbst 
bestatteten einer königlichen dynastie angehörten; 2) der theil 
der akropolis, welcher die gräber innerhalb des doppelten stein- 
kreises enthält, war nur eine grabstätte und gewiß keine „agora", 
kein öffentlicher markt und Versammlungsplatz ; 3) die zeit, aus 
welcher die gräber und die in ihnen enthaltenen gegenstände 
stammen , reicht weit zurück über die zeit der Homeriden ; sie 
sind älter als das neunte Jahrhundert vor Christus; es fanden 
sich nämlich in den gräbern keine Schrift zeichen, keine 
münzen und keine eisenwaffen, dagegen stein- und bronzewaffen ; 
4) die funde in den gräbern sind ferner auch älter als jene in 
den schatzhäusern , was sich schon aus den stylistischen und 
constructiven unterschieden ergebe. Prof. Adler habe ebenfalls 
erklärt, das jener theil der burgmauer, welcher die gräberstätte 
einschließt , jünger sei als die übrigen cyklopischen mauern der 
akropolis , und daß demgemäß die gräber sogar älter seien als 
das löwenthor; 5) die meisten gefundenen objecte bewiesen 
endlich einen bereits stark vorgeschrittenen einfluß des Orients 
und seiner kunstformen auf den uralten und einfachen pelasgi- 
schen styl. Die von Schliemann mit absoluter Sicherheit aufge- 
stellte und von Grladstone (in einer langen vorrede) mit gefähr- 
lichem Optimismus unterstützte hypothese , daß in den gräbern 
die leichen des Agamemnon und seiner nach der rückkehr von 
Troja mit ihm ermordeten gefährten bestattet worden seien, be- 
zeichnet prof. Benndorf als eine ganz willkürliche deutung der 
betreffenden stelle des Pausanias. Ebenso sei es höchst hinfällig, 
wenn Schliemann in den gräbern die zeichen einer schimpflichen 
und schmählichen bestattung der leichen erkennen wolle. — 
Schliemann meint bekanntlich , die mörder Agamemnons , seiner 
gefährten und Kassandras hätten diese 15 leichen in aller eile 
in die fünf felsengräber versenkt und sie innerhalb derselben 
verbrannt, ohne abzuwarten, bis der verbrennungsproceß been- 
det gewesen. — Die berichte über die aufdeckung dieser fünf 
felsengräber auf der akropolis bilden übrigens, wenn man 
von den archäologischen exkursen absieht, die anziehendsten ab- 
schnitte des werkes. Besonders reich war die ausbeute aus dem 
dritten. Dasselbe enthielt die Überreste von drei personen , die 
Schliemann der Zartheit und kleinheit der knochen und zahne, 

16* 



236 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

sowie dem character des schmuckes nach, für frauen hält. Auch 
hier lagen, wie in den anderen gräbern, die skelette drei fuß 
von einander entfernt, und zwar mit dem köpf nach osten. Die 
körper waren mit Schmucksachen überladen, welche merkwürdi- 
gerweise, wie das grab, deutliche spuren von feuer trugen". — 
Es werden jetzt auf veranlassung der griechischen regierung die 
ausgrabungen in Mykenä unter leitung Stamataki's , des ober- 
aufsehers über die zu tage geförderten antiquitäten, fortgesetzt. 
Die bisher wichtigste entdeckung ist die eines sechsten grabes 
innerhalb der „enceinte", welche Schliemann für die agora 
hält. Da dieses grab augenscheinlich von gleichem alter mit 
den fünf früheren ist, so muß die theorie, daß dieselben die von 
Pausanias als jene des Agamemnon und seiner gefährten be- 
zeichneten seien, endgültig aufgegeben werden. Die unzahl der 
interessantesten fundobjekte, unter denen sich mehrere prächtige 
goldene diademe, gürtel, armspangen, nadeln, ringe mit intaglio, 
gemmen, knöpfe, zierrath aus gold, achat, sardonyx, amethyst, 
alabaster , bergkrystall , bernstein , porzellan , elfenbein , gefäße 
der verschiedensten gestalt aus gold und bemalter terrakotta, 
idole, waffen, panzer, beinschienen, goldene masken u. s. w. be- 
finden, bieten ihrer bestimmung oder, wo diese außer zweifei, 
ihrer künstlerischen form, ihrer ornamentation oder ihrem bild- 
lichen schmucke nach genug der archäologischen probleme zur 
lösung dar. [Wir kommen auf das werk noch zurück und bemer- 
ken, daß in Brockhaus Mittheilungen nr. 1, 1878 p. 8 (s. ob. 
p. 224) die besprechungen angeführt sind, welche sich bis jetzt in 
Zeitschriften des in- und ausländes finden]. S. unt. p. 251. 

In Wiesenheit bei Feuerbach sind hünengräber aufgedeckt, 
über die Reichsanz. nr. 97 näheres berichtet. 

Karoline Bauer. Die leser des Anzeigers wissen, wie wir 
der vorstehend genannten ihrer schriftstellerischen arbeiten we- 
gen wiederholt gedacht, ausführlich IV, 8, p. 420, kürzer VIE, 
6, p. 321 , auch VIII, 11, p. 501 ihren tod gemeldet haben, 
und zwar deshalb weil viel von ihr, wie man annehmen mußte, 
gegebenes entweder als zur erläuterung des altgriechischen thea- 
ters dienlich oder als beitrag zur biographie und Charakteristik 
von philologen neuerer zeit beachtenswerth erschien; von den 
herausgeber der Schriften, Arnold Wellmer , nahm man an, daf 
er höchstens hie und da stilistisch nachgeholfen, dagegen ar 
dem inhalt völlig unbetheiligt sei. Daß aber diese auffassung 
auf einer täuschung beruhe, lehrt ein eben uns bekannt gewoi 
denes buch: Aus dem leben einer verstorbenen. Ka- 
roline Bauer in ihren briefen. Herausgegeben voi 
Arnold Wellmer (Berlin, Herschel) : denn daraus ergiebt 
sich, daß Wellmer aus briefen, unfertigen aufzeichnungen, loset 
blättern Karolinen's die in den dieser zugeschriebenen buchen 
enthaltenen erzählungen und darstellungen frei zusammengestellt 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 237 

ja auch ganz~umgearbeitet und umgedichtet habe, so daß wer der 
Verfasser , was Wahrheit , was dichtung sei , ganz unklar bleibt. 
Daher können nun diese bücher nicht wie wir in unsern an- 
zeigen wähnten, als historische quelle betrachtet werden: wie 
ja überhaupt memoiren ihren werth verlieren, sobald eine dem 
aufzeichner ganz fremde , einer ganz andern zeitepoche und le- 
bensstellung angehörige hand bei ihrer aufzeichnung thätig ge- 
wesen ist. Dies glaubten wir unsern lesern nicht vorenthalten zu 
dürfen : wer über den ganzen eben nicht säubern hergang in der 
kürze sich unterrichten will , den verweisen wir auf den artikel 
von K. Fr. in der National-ztg. (morgenausgabe) nr. 181. 

Hannover. Am 16. april starb 77 jähr alt dr. ph. Raphael 
Kühner, namentlich bekannt durch seine grammatiken sowohl der 
griechischen wie der lateinischen spräche. Geboren in Gotha, 
studirte er in Göttingen und erwarb sich daselbst schon als 
mitglied des philologischen seminars durch seine talente und 
unermüdliche arbeitskraft einen namen, der dann bewirkte , daß 
er schon 1825 eine anstellung an dem lyceum in Hannover er- 
hielt, an welcher anstalt er dann bis zu seiner pensionirung 
thätig und besonders angehenden philologen ein treuer leiter 
und lehrer gewesen ist. 

Gera. Am 22. april hat sich hier unter dem Vorsitze des 
Oberbürgermeisters Fischer und in gemeinschaft mit dem gymna- 
sialdirector dr. Grumrne hieselbst und dem prof. dr. Delbrück aus 
Jena ein local-comite' constituirt für die 32. Versammlung deut- 
scher philologen und schulmänner, die nach in Wiesbaden (1877) 
gefaßtem beschlusse in den letzten tagen des Septembers hier ab- 
gehalten werden wird. 

Ein kleines kunstwerk und deshalb auch von philologen zu 
beachten ist : „J. F. Menzer, weingroßhandlung in Neckargemünd 
und Frankfurt a. M." ; in sehr schönem Umschlag enthält es 
ein vorwort über die entstehung des geschäfts mit griechi- 
schen weinen, dann eine Schilderung der griechischen weine, p. 
5, ihrer Sorten, der art der aufbewahrung, des versandtes, end- 
lich urtheile und Zeugnisse sowie auch angäbe über probekist- 
chen. — Für die weitere gedeihliche entwicklung dürfte unseres 
erachtens nicht unvortheilhaft sein, wenn hr. Menzer eine philo- 
logenversammlung, z. b. die in Gera, in stand setzen wollte, ein 
gründliches urtheil über diese seine weine abzugeben. 

Wir beeilen uns folgenden äußerst instructiven bericht (nr. 
XXlll) des GBaurath Adler über die ausgrabungen in Olym- 
pia (s. ob. p. 227) aus dem Reichsanz. nr. 105 zur kenntniß 
unserer leser zu bringen: „Nach zweiwöchentlichem aufenthalte, 
der überwiegend der prüfung der in den beiden letzten arbeits- 
perioden aufgedeckten baulichkeiten gewidmet war, aber die Un- 
tersuchung einiger unmittelbar damit zusammenhängender topo- 
graphischen fragen nicht umgehen konnte, fasse ich die gewon- 



238 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

nenen resultate in knappen zügen zusammen, um sie als ergän- 
zung zu den bisherigen berichten, welche die bildwerke, inschrif- 
ten und kleineren funde berührt haben , den freunden unseres 
Unternehmens vorzulegen. — Die arbeiten der ersten kampagne 
galten der aufdeckung des Zeustempels nebst Umgebung als des 
sicheren ausgangspunctes für die forschung. Das zweite arbeits- 
jahr brachte durch planmäßig geführte vorstoße die aufdeckung 
der byzantinischen kirche im westen, sowie der exedra des He- 
rodes Atticus und des Heratempels im norden. — Diese zum 
theil hochwichtigen entdeckungen begründeten den arbeitsplan 
der diesjährigen dritten kampagne. Zunächst wurde, um weitere 
bruchstücke des westgiebels zu finden, das terrain vor der West- 
front in weiterm abstände herausgenommen, dann zur ermittelung 
der Altisgrenze durch einen ostwärts vom Zeustempel nach einem 
römischen ziegelbaue hin gezogenen graben die verhältnißmäßig 
nahe läge der ostmauer des heiligen bezirks erkundet und end- 
lich bei stetig fortschreitender, aber ebenso zeitraubender wie 
mühevoller Untersuchung der in byzantinischer zeit aus antiken 
bautrümmern errichteten befestigungsmauern auch an der noch 
unberührt gebliebenen nordwestecke erfolgreiche vorstoße nach 
westen, nach dem Kladeos hin, gemacht, welche außer anderm 
zur entdeckung zweier bauanlagen späterer zeit führten, eines 
runden schatzhauses , des sog. Philippeion, und westlich da- 
von eines großen, von schönen mauern umschlossenen be- 
zirkes, des sog. Peribolos. Daß der letztere ntir derjenige ter- 
raintheil sein konnte, in welchem neben wichtigen amtslocalen 
wie das prytaneion, das buleuterion, auch das Hestiaheiligthum, 
der große festspeisesaal für die sieger u. a. gestanden hat, war 
unverkennbar. Seine durchforschung durfte xun so weniger ver- 
schoben werden, als hohe schwemmschichten eine lohnende aus- 
beute versprachen und eine sehr nahe abfuhr nach dem Kladeos 
möglich war. — Durch diesen hier nur summarisch angedeu- 
teten betrieb ist der bauliche bestand des alten Olympia bereits 
auf zwei westöstlicben zonen erkundet worden , und hat trotz 
aller Zerstörungen einen so festen und wohlgegliederten Zusam- 
menhang erkennen lassen, daß auch in dieser beziehung kühne 
hoffnungen nicht nur erfüllt , sondern übertroffen worden sind. 
— Die nördliche zone, welche vom Kladeos bis zum südostfuße 
des Kronosberges reicht, bildet jetzt das hauptarbeitsfeld der 
forschung. Hier liegen in wohlgeordneter reihenfolge — aller- 
dings schwer beschädigt — und oft auf die unteren schichten 
und säulentrommeln zusammengeschmolzen , aber doch noch so 
deutlich erkennbar, daß sichere aufnahmen der gesammtsituation 
wie der einzelnen bauwerke möglich sind, folgende anlagen : er- 
stens der oben erwähnte große Peribolos, fast ein quadrat von 
66,50 m. seite bildend und an drei (vielleicht an vier) seiten 
von tiefen Säulenhallen ionischen und dorischen styls umgeben, 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 239 

an welche sich säle nnd gemacher schließen. An den beiden 
ecken der Südseite liegen halbgeöffnete oblongräume mit stein- 
bänken ringsum und in der mitte ist als werthvoller rest des 
großen festspeisesaals das höchst originell geformte pflaster von 
backsteinfliesen hervorgetreten, welches die anordnung der gänge, 
wie die Stellung der tische erkennen läßt. Das ganze , eine- 
^ruppirte bauanlage , welche wir bisher nur aus dürftigen be- 
schreibungen kannten , wird die kenntniß der hellenischen bau- 
kunst in der erwünschtesten weise bereichern. — Zweitens das 
Philippeion, ein auf drei stufen stehender rundbau mit 18 ioni- 
schen säulen ringsum, während das innere kreisgemach die weih- 
geschenke des königs Philipp umschloß und ein kegelförmiges 
dach mit bronzenem mohnkopfe das ganze deckte. Fast alle 
bauglieder, theils aus marmor , theils aus porös bestehend , sind 
trotz ihrer weiten Verschleppung wiedergefunden worden, so daß 
eine bis auf gewisse grenzen gesicherte restauration im bilde 
möglich sein wird. Trotz seiner verhältnißmäßigen kleinheit 
besitzt der bau einen hervorragenden werth: 1) kunstgeschicht- 
lich durch seine sichere datirung — bald nach 338, 2) topo- 
graphisch durch seine Stellung unter den denkmälern der Altis, 
den angaben des Pausanias genau entsprechend, und 3) durch 
die Originalität der planbildung. Es ist vorläufig der erste cen- 
trale peripteralbau hellenischer abkunft. Verwandte Schöpfungen 
waren bekannt , aber theils waren es reduzirte kleinbauanlagen, 
wie das Lysikratesdenkmal in Athen, oder späte Wiederholungen, 
wie die sog. Vestatempel zu Rom und Tivoli und das große 
grab bei Konstantine. — Dicht daneben, nur 15 m. nach osten 
entfernt, liegt das größere und mächtigere Heraion. Ein dori- 
scher peripteraltempel von porös auf zwei stufen mit 6 zu 1 6 säu- 
len, die eine dreischiffige cella mit vor- und hinterhaus um- 
schließen. Leider fehlen noch immer die oberen bauglieder und 
alle versuche, die zahlreich vorhandenen und weit verschleppten 
dorischen baustücke unbekannter abkunft ( 12 verschiedene Sorten) 
für das Heräon zu verwerthen , sind fehlgeschlagen ; dennoch 
genügt das vorhandene material , um einige nicht unwichtige 
beobachtungen zu machen. Erstlich hat der bau mehrfache 
Wandlungen durchlebt. Die im innern ursprünglich vorhanden 
gewesenen dorischen Säulenreihen (mit einem oberstock wie in 
Pästum, Aegina und Athen) sind in spät-römischer zeit durch 
schlanke ionische Säulenreihen beseitigt worden. Ein ähnlicher 
ersatz hat zu verschiedenen zeiten im äußern stattgefunden. 
Von einem sehr alterthümlichen steinbau rührt eine ganze säule 
mit 1 6 furchen , sowie eine anzahl von kapitellen her. Andere 
säulen , welche aus vielen trommeln aufgebaut und vermorscht 
waren , sind durch schlankere aus größeren stücken konstruirte, 
theilweis sogar durch monolithe säulen ersetzt worden. Aus 
solchen Verhältnissen erklären sich die verschiedenen proportionen 



240 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

an den säulen und ihre details. Sodann konnten die alten ver- 
schlusse durch gitter und thüren im vor- und hinterhause ebenso 
sicher konstatirt werden, als die anbringung zahlreicher bronze- 
tafeln an den säulen der süd- und ostseite, sowie die merkwür- 
dige plattirung der 4 vortretenden maueranten mit Steinplatten 
stets an nur zwei Seiten. — Die beiden eingänge liegen nicht 
in der mittelaxe , sondern seitwärts an der Südseite in dem je 
ersten interkolumnium. In 16 m. entfernung vor der Ostfront 
erhebt sich der unterbau eines alten, wahrscheinlich zum tempel 
gehörigen aschenaltars , zwei kleinere altarunterbauten stehen 
dicht an der Unterstufe der mittelöffnung der Ostfront und ein 
vierter altar findet sich fast in mitte der Südseite. Große aschen- 
reste und eine seltene fülle (mehrere hundert) hierher geweihter 
bronze- und thonthierchen sprechen für die besondere Verehrung, 
welche seit ältester zeit an diese altäre, besonders an den ersten 
und vierten, sich geknüpft hat. — Die ganze nordseite des He- 
räon begleitet in nächster nähe eine hohe und starke, nach Sü- 
den abgestufte futtermauer. Da die stufen so schmal sind, daß 
sie nicht erstiegen werden konnten, so ergiebt sich das ganze 
als eine rein technische nutzanlage , bestimmt , das abrutschen 
des unmittelbar darüber emporsteigenden hügels, in welchem mit 
vieler Wahrscheinlichkeit das Gäon, das uralte heiligthum der 
Erde zu sehen ist, zu verhindern. Kurz vor der nordwestecke 
des Heräon wird die futtermauer durch einen sehr alten aber 
kleinen bau, der von nordost nach Südwest orientirt ist und mit 
der westlichen Heräonhalle eng zusammenhängt, durchschnitten. 
Die tieflage desselben sowie das langsame ansteigen einiger quer- 
mauern gestattet nicht die annähme, daß hier eine treppe oder 
rampe zum hügel hinaufgeführt habe. Es muß ein in den hügel 
selbst hinein gebautes heiligthum in diesen wenigen, aber werth- 
vollen bauresten vermuthet werden. — Oestlich vom Heratempel 
folgt dann der große backsteinbau, den der reiche Herodes At- 
ticus auf seine kosten als zweistufige terrassenanlage hat errich- 
ten lassen. Die untere 31 m. lange und 6 m. tiefe terrasse 
umschloß mit ihren rechtwinklig vortretenden flügelmauern in 
der mitte ein großes wasserbassin , auf dessen vorderbrüstung 
der von des Stifters frau, Annia Regula, hierher geweihte mar- 
morstier stand , während sich in den ecken zwei kleine offene 
achtsäulige kreistempel korinthischer Ordnung erhoben mit den 
statuen vielleicht des Marc Aurel und der Faustina. Neben 
diesen tempeln sprudelte das von oben herabkommende wasser 
durch zwei marmorne löwenköpfe in das gleichfalls marmorbe- 
kleidete bassin und wurde von hier aus nach mehreren richtun- 
gen hin durch die Altis vertheilt. Als krönung des ganzen er- 
hob sich auf der oberen terrasse eine gewölbte, durch Strebe- 
pfeiler gesicherte , kolossale absis , an deren reichgegliederter 
korinthischer pilasterwand 21 marmorstatuen standen, verwandte 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 241 

des kaiserlichen hauses und den Stifter nebst familie darstellend. 
Da Herodes für das guten wassers entbehrende Olympia eine 
stattliche Wasserleitung hat anlegen lassen, welche von nordosten, 
aus dem thale von Miraka, kam und längs der bergabhänge 
geführt war (sie fungirt zum theil noch jetzt), so muß in dem 
exedrabau der zum denkmal- und weihebau erhobene abschluß 
jener ganzen nutzanlage erblickt werden. Trotz mancher archi- 
tektonischen schwächen, besonders in der detailbildung, verdient 
die geistvolle gesammtkomposition , welche in der restauration 
ein höchst malerisches und belebtes bild darbietet und an ähn- 
liche Schöpfungen der renaissance erinnert, unsere volle aner- 
kennung. — Hinter der ostecke der exedra und dicht am ersten 
schatzhause steht als ein archäologisch und topographisch werth- 
voller rest der unterbau eines nach westen orientirten altars 
(mit Standplatz), wahrscheinlich des von Pausanias neben dem 
ersten schatzhause genannten Heraklesaltars. — Demnächst fol- 
gen die schatzhäuser. Von dieser an den heiligen festplätzen 
der Hellenen einst so reich vertretenen gebäudegattung war 
bisher kein beispiel bekannt. Unsere ausgrabungen haben eilf 
geliefert, allerdings nur in den unterbauten oder wenigen zu- 
sammenhängenden quaderreihen erhalten, aber doch großentheils 
so weit gesichert, daß grundrisse gegeben werden können. 
Außerdem stehen weitere funde von oberen baugliedern, welche 
nach unten gerollt sind, in sicherer aussieht, sobald die jetzt be- 
triebenen grabungsarbeiten erst größere tiefen erreicht haben 
werden. Die läge der schatzhäuser stimmt mit der angäbe des 
Pausanias überein: am fuße des Kronion in so hoher läge, daß 
sie von allen puneten gut gesehen werden konnten. Ihre orien- 
tirung ist, kleine abweichungen abgerechnet, eine streng nord- 
südliche. Mehrere derselben waren im Schema von antentempeln 
erbaut, von westen gerechnet, z. b. 1, 3, 4 und 5. Vom ersten 
thesaurus läßt sich schon jetzt erweisen, daß seine außenfacaden 
den dorischen styl in vorgeschrittener fassung zeigten. Das 
achte und das elfte standen innerhalb eines kleinen peribolus; 
treppen führten zu allen empor und zwar von einer terrasse aus, 
welche , wie es scheint , von der exedra bis zum letzten schatz- 
hause reichte. Das zweite, welches Pausanias nicht erwähnt, 
ist schon im alterthume abgetragen und durch einen backstein- 
bau mit zwei gemachem überbaut worden. Zwei schmale 
Straßen durchschnitten die ganze reihe ; sie liegen zwischen dem 
zweiten und dritten und zwischen dem zehnten und elften schatz- 
hause. Dieselben führten sicher zu den etwas weiter oberhalb 
am Kronion belegenen tempeln der Eileithyia und Aphrodite 
Urania. "Wo beide zu suchen sind, ist nicht mehr zweifelhaft, 
aber wie viel von jedem noch erhalten ist, muß eine spätere 
ausgrabung lehren. — Da Pausanias ausdrücklich angiebt , daß 
das letzte schatzhaus dicht am stadion stand, so ist östlich von 



242 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

jenem letzten bauwerke noch ein ostgraben begonnen worden, 
der , wenn möglich , über die läge und Stellung dieses haupt- 
kampfplatzes anhaltspuncte gewinnen soll. Schon jetzt erscheint 
es wahrscheinlich, daß das Stadion nicht längs der ostseite des 
Kronoshügels , sondern noch an der südostseite in südnördlicher 
orientirung so gelegen hat, daß sein rundhaupt in eine berg- 
schlucht fiel und der höchste gipfel des altehrwürdigen gottes- 
hügels den großartigen abschluß der lauf bahn bildete. Erst 
wenn jener stadiongraben sichere anhaltspunkte über das quer- 
profil geliefert haben wird, kann die frage entschieden werden, 
ob der bisher so räthselhafte oktogonbacksteinbau , der mit sei- 
ner front rechtwinklig zur stadionaxe zu stehen kommt, einen 
baulichen Zusammenhang mit der rennbahn selbst gehabt hat 
oder nicht. — In diese nördliche zone fällt endlich noch das 
letzte der von Pausanias genannten gebäude, der peripteral- 
tempel der göttermutter , das Metroon. Wahrscheinlich besitzen 
wir bereits die oberen bauglieder dieses tempels in einem großen 
gebälke sehr alterthümlicher fassung , das an verschiedenen 
puncten aufgetaucht ist. Um nun den unterbau zu finden , der 
aus mehrfachen gründen nur in dieser gegend gesucht werden 
kann, ist in den letzten tagen ein neuer nordostgraben begon- 
nen worden in der richtung von der nordostecke der byzantini- 
schen mauer nach dem letzten schatzhause hin, welches 150 m. 
östlich von der Ostfront des Heräon liegt. — Sollte sich hierbei 
ein günstiges resultat ergeben, so würde die nördliche zone die 
stattliche reihe von 1 6 bauanlagen umschließen, eine reihe , wie 
sie, mit ausnähme von Athen, bisher von keinem andern puncte 
hellenischer kunst und kultur nachgewiesen worden ist. — Die 
zweite zone , die mittlere , beginnt mit einem dicht am Kladeos 
belegenen backsteinbau , der , weil sicher außerhalb der Altis 
stehend, nur zum theil bloßgelegt worden ist. Die aufgedeck- 
ten räume sprechen für eine späte badeanlage kleinen maßsta- 
bes. Ungleich wichtiger ist die östlich davon stehende byzan- 
tinische kirche , welche 1829 von der französischen expedition 
entdeckt und flüchtig geprüft, im zAveiten arbeitsjahre unserer 
thätigkeit aufs neue ausgegraben worden ist. Als hauptresultat 
einer erst jetzt vorgenommenen , eingehenden bauanalytischen 
Untersuchung hat sich die thatsache herausgestellt , daß nicht 
nur der unterbau von schönen porosquadern , sondern auch ein 
großer theil des backsteinernen aufbaues der hellenischen zeit 
entstammen muß und daß das ganze gebäude auf grund seiner 
läge, orientirung, lichtmaße und ursprünglichen inneren einrich- 
tung als ein bedeutender rest der Werkstatt des Pheidias, 
welche noch in Pausanias zeit als besondere merkwürdigkeit 
den fremden gezeigt wurde, aufzufassen ist. Die spezielleren 
nachweise müssen einer späteren ausführlichen darlegung vorbe- 
halten bleiben. — 47 in. östlich davon entfernt läuft die west- 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 243 

mauer der Altis in einer nordsüdlichen aber etwas nach westen 
abweichenden richtung vorbei. Sie ist in später aber sicher 
noch antiker zeit mit langen , zum tränken der rosse und des 
Schlachtviehes bestimmten backsteintrögen großen maßstabes und 
zweckmäßigen gefälles längs der außenseite besetzt worden. In 
der mauer selbst befindet sich etwas südlicher eine gut ver- 
schließbare dreipfortige thoranlage mit einem viersäuligen pro- 
stylos nach westen und einem wahrscheinlich gleichgestalteten 
nach osten. Die für die Altistopographie nicht unwichtige bau- 
anlage , welche Pausanias nicht spezieller benannt hat , ist in 
byzantinischer zeit mit einer backsteinernen bogenstellung über- 
baut gewesen und konnte erst nach theilweisem abbruche der- 
selben als ein echt hellenischer bau konstatirt werden. — Der 
Zeustempel stand, wie die diesjährigen sorgfältig durchgeführten 
tiefgrabungen erst ergeben haben, auf einer mäßig hohen boden- 
erhebung, welche als eine niedrige terrasse nach außen hin wohl 
mit quadern bekleidet war und an einzelnen puncten durch 
treppen erstiegen wurde. Die beseitigung der gestürzten säulen 
vor der Westfront hat neben der auffindung zahlreicher kleinerer 
giebelfragmente auch in einer entfernung von 7,60 m. zur ent- 
deckung eines quaderunterbaues geführt, der nach seiner läge 
und schrägen ansteigung kein weihegeschenk , sondern einen 
altar getragen hat. Ein zweiter , aber größerer altarrest von 
6,50 m. länge fand sich in dem diagonalgraben zwischen Heräon- 
und exedragraben noch in situ und rings von schwarzen koh- 
len- und aschenresten umgeben. Nach läge und große kann 
derselbe der prothysis des großen Zeusaltars angehören, doch 
steht eine genauere Untersuchung dieses wichtigen Altistheils 
ebenso noch aus , wie die längst geplante und erst in diesen 
tagen begonnene beseitigung der ungeheuren gestürzten trümmer- 
massen vor der Ostfront des Zeustempels, um nach den noch feh- 
lenden giebelstücken zu suchen. — Endlich hat der oben schon 
erwähnte oktogongraben die vermuthete weite ausdehnung der 
Slaven-ansiedlung nach osten hin bestätigt und den werthvollen 
fund der Altis-ostmauer mit schöner innerer Wasserleitung ge- 
bracht , so daß jetzt die durchschnittliche breite des alten heili- 
gen haines an dieser stelle auf rund 194 m. angegeben werden 
kann. Die nördliche begrenzung hat noch nicht sicher ermittelt 
werden können (obschon die natürlichen grenzen des Gäon- 
und Kronionhügels maßgebend sein werden), indessen wird ein 
neuer kurzer graben zwischen der nordostecke des peribolus 
und der nordwestecke des Heräon voraussichtlich in wenigen 
tagen die entscheidung über diesen punct , sowie über die ge- 
nauere fixirung des in dieser gegend von Pausanias erwähnten 
gymnasiumthores bringen. — Das letzte drittel, die südliche zone, 
ist vorläufig nur durch die alten betriebs- und einige Versuchs - 
graben annähernd untersucht worden. Was sich dabei heraus- 



244 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

gestellt, namentlich über die läge der Altissüdmauer und des 
großen prozessionsthores , welches den propyläen von Athen und 
Eleusis ähnlich gewesen zu sein scheint, berechtigt zu den besten 
hoffnungen. Doch kann die vollständige aufdeckung dieser um- 
fangreichen südzone erst im nächsten arbeitsjahre vorgenommen 
werden um keine Zersplitterung im laufenden betriebe herbeizu- 
führen. — Dies sind die bisher gewonnenen hauptresultate, be- 
ziehungsweise axxsblicke auf weitere erforschung. Aber un- 
sere architektonische orientirung in der Altis reicht über die 
größeren hochbauanlagen bereits hinaus. Auch der tiefbau hat 
sein kontingent gestellt in 20 theils offenen theils gedeckten 
Wasserleitungen und kanälen, welche aus porös, backsteinplatten 
oder thonröhren konstruirt, aus verschiedenen zeiten stammen 
und durch die differenz in ihren sohllagen zu interessanten 
Schlüssen über die schon in antiker zeit eingetretenen boden- 
veränderungen das material liefern werden. Die häufige an- 
ordnung von schöpfbecken scheint mit der ursprünglichen Stel- 
lung von altären zusammenzuhängen. Schon jetzt spricht die 
eine thatsache für die annähme enger Altisgrenzen (von rund 200 
m. zu 250 m.), daß innerhalb dieses bezirks 17 leitungen bezw. 
abführungsrinnen sich vorfinden und nur 3 außerhalb desselben. 
— Von weiteren kleinbau-anlagen sind bis jetzt 10 altäre (2 
runde und 8 oblonge) sicher erkannt worden, davon 9 in situ. 
Außerdem unter einigen hundert bathronplinthen etwa 50 an 
alter stelle, darunter einige inschriftlich oder durch ihre form 
gesicherte, welche Pausanias nennt, wie die basen der Nike, des 
eretrischen stieres, der trojanischen helden, des Kallias u. a. — 
Endlich sei auf die außerordentliche fülle von massenhaft vor- 
kommenden aber noch nicht näher zu lokali sirenden baugliedern 
sehr verschiedenen maßstabes , sowohl steinernen , wie herrlich 
bemalten backsteinernen , hingewiesen , um in Verbindung mit 
der soeben gegebenen kurzen übersieht der bauanlagen den oben 
ausgesprochenen satz , daß kühne hoffnungen auch in architek- 
tonischer beziehung durch das vorliegende und kaum zu bewäl- 
tigende material vollständig in erfüllung gegangen sind, weiter 
zu stützen. Druva, den 18. april 1878". 

Olympia, den 21. april 1878. Bericht nr. XXIV ausRAnz.« 
nr. 109 (s. ob. p. 227) : „Ueber die architektonischen ergebnisse der 
laufenden ausgrabungsperiode ist in dem verhergehenden berichte 
ausführlich gehandelt worden. Ich habe daher heute nur die 
plastischen und epigraphischen ergebnisse der letzten wochen zu 
verzeichnen. — Zunächst hat die exedra des Herodes Atticus 
und ihre Umgebung einige marmorfunde geliefert. Wie bereits 
gemeldet , hatte die ausräumung dieses gebäudes ergeben , daß 
sich vor dem statuengeschmückten halbkreis desselben ein von 
zwei eleganten marmornen rundtempeln flankirtes wasserbassin 
befand, welches mit einer wasserrinne an den stufen der the- 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 245 

saurenterrasse kommunizirt. Mitten in diesem bassin fand sich 
am 20. märz ein l 1 J2xn. langer, großer marmorstier: das haupt 
wie zum stoße gesenkt , mit dem schweif die flanke peitschend 

— eine dekorative und in den einzelheiten sehr vernachlässigte 
arbeit, die aber immerhin aus einer vielgewandten kunstüber- 
lieferung heraus geschaffen ist, der man es ansieht, daß sie sich 
mit dergleichen aufgaben längst vertraut gemacht hatte. Auf 
der rechten seite des stiers fand sich mit großen buchstaben fol- 
gende dedikationsinschrift eingegraben: „Eegilla, die priesterin 
der Demeter, das wasser und sein zubehör dem Zeus". Damit 
war festgestellt, daß der prunkbau der exedra das sammelbassin 
jener Wasserleitung bildete, mit welcher der reiche und baulustige 
rhetor um die mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts 
die von hitze und durst geplagte festversammlung von Olympia 
beschenkt hatte. Er hat die leitung im namen seiner vielgefei- 
erten gattin dem Zeus mit einem marmornen stierbilde geweiht, 
in prunkender ausübung jenes durch hunderte von unschein- 
baren votivfigürchen aus erz und thon auch für die olympischen 
heiligthümer bezeugten gebrauches , den göttern thierbilder als 
weihgeschenke darzubringen. — Von den statuen, welche die 
höher gelegene halbkreisförmige nische der exedra schmückte, 
waren in der vorigen ausgrabungsepoche bekanntlich fünfzehn, 
doch meist ohne ihre köpfe entdeckt worden; ferner zehn von 
ihren inschriftbasen. Hiezu haben wir außer massenhaften frag- 
menten von händen , fußen, falten etc. noch eine kopflose weib- 
liche gewandfigur gefunden , welche in das bassin herabgerollt 
war, und eine überlebensgroße kaiserstatue in reliefges chmücktem 
panzer, die ursprünglich vermuthlich inmitten des östlichen rund- 
tempels gestanden hat — wenigstens wurde sie vor demselben 
liegend gefunden. Auch diese statue war ohne köpf. Um so 
erfreulicher ist es, daß unsere kenntniß der dargestellten personen 
durch eilf neue inschriften vermehrt worden ist, welche sich beim 
aufbrechen des fußbodenpflasters der byzantinischen kirche unter 
den marmorbasen fanden, aus denen dasselbe in frühbyzantini- 
scher zeit zusammengeschleppt und zusammengeflickt worden. 
Danach hätten in der exedra wenigstens 21 statuen auf 19 
bathren gestanden, zum größten theil bildnisse der angehörigen 
und vorfahren des Herodes Atticus , durch deren Stiftung die 
Eleer den freigebigen rhetor zu ehren suchten, zum kleineren 
mitglieder der familie des Antoninus Pius und Marc-Aurel, deren 
statuen Herodes seinem kaiserlichen zögling zu ehren geweiht. 

— Beim aufräumen des terrains im süden der exedra und im 
osten des Heraions stießen wir in der achse dieses tempels auf 
den unterbau anscheinend eines großen altars, der vielleicht zum 
Heratempel in beziehung stand. Rings herum wurden wiederum 
massenhafte votivbilder von thieren, dreifüßen etc. ausgegraben, 
und nördlich von demselben zwei große, alterthümliche greifen- 



246 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

köpfe aus bronze , von denen der größere , besser erhaltene mit 
dem schuppenbedeckten hals nicht weniger als 60 cm. mißt. 
Man mag daraus entnehmen , von wie gewaltigem umfang das 
gefäß oder geräth gewesen sein muß, welches ein Ornament von 
so monumentaler große vertrug. — Von den kostbaren weihge- 
schenken, welche Pausanias in den schatzhäusern auf der terrasse 
am Kronion gesehen , ist , wie zu erwarten stand , nichts übrig. 
Nur ein paar bronzen in primitiv altertümlichem styl, ein schlan- 
genkopf mit runden bernsteinaugen und eine gewaltige löwen- 
tatze sind unter den hier gemachten funden der erwähnung werth ; 
in dem hohlen inneren der letzteren, die wohl als geräthfuß ge- 
dient hat, fanden sich räthselhafter weise zahlreiche feine gold- 
blattfragmente. Was in und um diese schatzhäuser von plün- 
dernden bänden verschont geblieben ist, wird mit den sämmtli- 
chen baugliedern der thesauren die terrasse hinabgestürzt sein, 
und von uns hoffentlich noch in einem graben aufgefunden wer- 
den , welchen wir jetzt zu diesem behufe die stufen derselben 
entlang geführt haben. Bereits fanden sich in diesem graben 
südlich vom sechsten schatzhause (von w. gezählt) zwei flachge- 
drückte große gefäße, eine bein- und eine armschiene aus bronze. 
Ferner wurde vor dem siebenten thesauros ein ganz besonders 
merkwürdiges stück, ein unicum in seiner art, ausgegraben : die 
kolossale marmorne nachbildung eines thierischen fußknöchels 
(astragalos), auf einer viereckigen marmornen plinthe ruhend (h. 
60, br. 40, 1. 80 cm.). Wie zwei fußspuren auf der Oberfläche 
des astragalos zeigen, stand auf demselben eine etwa lebensgroße 
statue aus bronze. Einen lösungsversuch dieses räthsels zu wa- 
gen, ist hier nicht unseres amts; dagegen haben wir noch über 
einen fund aus derselben gegend zu berichten, der bereits der 
römischen zeit angehört : einen marmorkopf des kaisers Claudius. 
— Nachdem drei der Umfassungsmauern des mächtigen pryta- 
neionquadrats freigelegt worden sind und zwei diagonalgräben 
eine vorläufige orientirung in dessen innern vermittelt haben, ist 
nun auch die aufräumung des nordöstlichen winkeis ziemlich weit 
vorgerückt. Ueber die dabei zu tage getretenen architektonischen 
resultate ist bereits berichtet worden. Die plastischen und epi- 
graphischen funde fanden sich hier in zwei übereinanderliegenden, 
durch eine starke sandschicht von einander getrennten zonen 
vertheilt. In den spätem mauern der oberen schiebt fand sich 
außer zahlreichen bautrümmern und Statuenfragmenten die mar- 
morbasis verbaut, welche einst das bild des bekannten rhetors 
uud Sophisten Flavius Philostratos von Athen trug, welches ihm, 
wie die inschrift lehrt, seine Vaterstadt unter Zustimmung des 
olympischen rathes gesetzt hatte. Auch in der tieferen fund- 
schicht, welche mit dem antiken terrain fast in demselben niveau 
liegt, scheint schon frühzeitig eine Umwälzung stattgefunden zu 
haben, denn hier fand sich zu unserer großen Verwunderung am 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 247 

1. april der vielgesuchte oherkörper des Dionysosknaben, welchen 
der praxitelische Hermes im Heraion auf seinem arm trägt. Ist 
derselbe auch stark verstümmelt (es fehlen ihm köpf und arme), 
so hat er doch die hoffnung neu belebt, die noch fehlenden theile 
dieses wunderbaren kunstwerks allmählich wieder aufzufinden. 
Auch der hier ausgegrabene theil einer basis mit der inschrift 
des äginetischen künstlers Glaukias, der um die zeit der Perser- 
kriege mehrere siegerstatuen für Olympia arbeitete, muß hierher 
verschleppt worden sein. Dagegen haben wir in einem fein ci- 
selirten bronzenen pfannengriff in gestalt eines nackten Jünglings 
von alterthümlichen formen vielleicht das erste stück aus dem 
Speisesaal des prytaneions, in dem die olympischen sieger be- 
wirthet wurden — wenigstens wurde es in dem räume gefunden, 
der mit aller Wahrscheinlichkeit für das hestiatorion gilt. — Der 
abbruch der byzantinischen ostmauer ist jetzt vollendet. Sie hat 
zuletzt noch die reste einer großen inschriftbasis geliefert, welche 
nach dr. Weils vermuthung die statuen des Mummius und der 
zehn commissare trug, welche im auftrage des römischen Senates 
nach der Zerstörung Corinths die Verhältnisse Griechenlands ord- 
nen sollten. — In der byzantinischen westmauer hat sich die in- 
schrift eines pythischen siegers Lykomedes und neben der mauer 
das mittelstück einer alterthümlichen bemalten terraeottasphinx 
gefunden, die als akroterion gedient zu haben scheint. — Auch 
die mühevolle arbeit des herabrollens der gewaltigen säulentrom- 
meln vor der ost- und Westfront des Zeustempels und die durch- 
suchung der erde unter denselben ist vollendet. Sie hat an der 
Westfront massenhafte fände an fragmenten der giebelgruppe 
ergeben' 1 . — G. Ireu. 

Rom, 27. april. Das kaiserliche Deutsche archäolo- 
gische institut beging gestern in herkömmlicher weise das 
fest der Palilien, des gründungstages der ewigen stadt, der 
zugleich der Jahrestag seiner eigenen Stiftung ist. — Die reihe 
der vortrage eröffnete prof. Lumbroso mit einer besprechung 
der sogenannten säule des Pompeius in Alexandria. Nach einer 
kurzen Schilderung der geringen reste des alterthums , welche 
dort noch vorhanden sind , erörterte er die notizen , welche seit 
den zeiten des Cyriacus von Ancona bei reisenden und va son- 
stigen berichten gelegentlich über jenes monument sich vorfinden. 
Er zeigte, wie dasselbe in keinerlei Zusammenhang mit Pompeius 
stehe, dessen haupt Cäsar in einer vorstadt Alexandrias beerdi- 
gen und über dem er einen kleinen tempel der Nemesis errichten 
ließ, der von den Juden zur zeit des aufruhrs unter Trajan zer- 
stört wurde. Die säule dagegen , in einer ganz verschiedenen 
gegend der stadt belegen, war ihrer inschrift zufolge dem kaiser 
Diocletian gewidmet. Dennoch gab es bereits in frühem mittel- 
alter eine tradition , welche auf Pompeius hinwies. Lumbroso 
zeigte wie Petrarca in dem Itinerar, das er für seinen freund 



248 Kleine philologische zeitung. Nr. 4, 

Giovanni di Mandello behufs einer reise in den Orient ausarbei- 
tete, für Alexandria ihm nur das grab des großen Alexander 
und die urne der asche des Pompeius namhaft macht. Etwa 
ein Jahrhundert später erscheint eine arca mit spitzem dach auf 
der säule des Pompeius , in einer abbildung der Stadt, in einer 
handschrift der Vaticana, erklärt durch die beischrift: sepulcrum 
Pompei. Aehnlich erzählt zu ende des 17. Jahrhunderts der 
kanonikus Morison von Bar-le-Duc, daß Cäsar das haupt des 
Pompeius in einer kostbaren urne auf jener säule beigesetzt 
habe. Diese drei nachrichten setzen andere voraus, aber reichen 
auch an sich hin. Ein arabischer Schriftsteller des 12. Jahrhun- 
derts sah auf dem kapital der säule eine kuppel ; später erscheint 
auf demselben bald eine kugel, bald ein rundes piedestal, das 
in eine halbkugel ausgeht. Die legende verwandelte alles dies 
in das aschengefäß des Pompeius, ohne daß jedoch die Araber 
daran theil gehabt hätten , die ganz andere sagen an die säule 
knüpften. Vielmehr war die Pompeius-legende von der einge- 
rosteten kultur der Franken ausgebrütet, die sogar mit rücksicht 
auf eine stelle des Lucanus die betreffende grabschrift dazu er- 
fand : von reisenden, denen Kom im sinne lag, auf dessen säulen 
und obelisken die asche großer männer nach der meinung des 
Volkes beigesetzt war. — Hierauf nahm prof. Mommsen das 
wort, um die eben so schwierige wie oft behandelte frage nach 
Ursprung und wesen der Augustales und ihrer Sexviri mit 
gewohnter meisterschaft zu behandeln. Er erkannte in der ein- 
richtung derselben einen wesentlichen bestandtheil der neuen 
von Augustus eingeführten Verfassung. Unter den fragen, deren 
lösung die neue monarchie von der gestürzten aristokratie über- 
kommen hatte, war es die nach den politischen rechten der frei- 
gelassenen, welche sich ganz besonders dem neuen herrscher 
aufdrängen mußte. Allem anschein nach drückte er ihre Stel- 
lung herab, indem er sie ausschloß von den tribus und somit 
von den comitien, wenn auch anfangs einzelne ausnahmen zu- 
gelassen wurden und namentlich über ihre theilnahme an den 
Wahlversammlungen in den munizipien nichts bekannt ist. Indeß 
nach eintritt des kaiserreichs war das Wahlrecht von geringer 
bedeutung, weit wichtiger das recht der ämterbekleidung , von 
der im staat wie in den munizipien die gewesenen sklaven streng 
ausgeschlossen wurden, während der dictator Cäsar sie wenig- 
stens in den munizipien italischer Verfassung außerhalb Italiens 
noch zugelassen hatte. Wenn es aber für Augustus durchaus 
nöthig war, die freigelassenen von jeder theilnahme an der Staats- 
verwaltung fern zu halten , so mußte er doch in gemäßheit so- 
wohl seines Systems als seines eigenen characters darauf bedacht 
sein, die zulässigen milderungen eintreten zu lassen für eine 
classe, die jedenfalls sehr einflußreich war. Die Organisation 
einer Vertretung derselben in der hauptstadt würde zu gefähr- 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 249 

lieh gewesen sein, obwohl eine solche für die einzelnen quar- 
tiere allerdings in den vicomagistri gegeben wurde. Letztere 
wurden nach Mommsens ansieht das vorbild der Augustales in 
den munieipien. Hinsichtlich dieser zeigte der vortragende, daß 
sie keine collegia gebildet haben : es bleibe daher nur übrig sie 
für einen integrirenden theil der municipalverwaltung anzusehen, 
wie sie denn regelmäßig zwischen den decurionen und der plebs 
aufgeführt werden. Dafür spricht zunächst die finanzielle seite: 
alle Vermächtnisse , die den Augustales zukommen , werden der 
Stadt gegeben ; an dieselbe geht die von ihnen bezahlte summa 
honoraria ; nur ausnahmsweise wird ihnen gestattet, eine eigene 
kasse zu haben. Sie bildeten eine Vertretung der libertinen, 
die zwar keinen theil an der Verwaltung, wohl aber das petiti- 
onsrecht besaß, äußerlich aber den decurionen und den munici- 
palmagistraten nachgebildet war. Daher die sexviri, entsprechend 
den zwei rechtsprechenden duoviri oder quattuorviri , den zwei 
adilen und zwei quästoren-, daher der ordo Augustalium, ent- 
sprechend dem senat der decurionen, hervorgehend aus den jähr- 
lich abtretenden sexviri , während an anderen orten diese aus 
jenem hervorgehen mochten. Bemerkenswerth aber ist, daß die 
jährliche wähl derselben den decurionen zustand. Demnach be- 
absichtigte Augustus nicht etwa in den städten einen gegensenat 
der libertinen den decurionen zur seite zu stellen, vielmehr 
mochte der hauptzweck sein, auch die von den ämtern ausge- 
schlossenen bürger an den lasten theilnehmen zu lassen, welche 
die theilhaber an jenen trafen. Die Institution der Augustales 
war demnach das mittel, das Augustus erfand, um die frage 
der politischen rechte der libertinen praktisch zu lösen. — An 
den Vortrag prof. Mommsens schloß sich ein bericht Lanciani's 
über die im porticus der Octavia aufgefundene basis einer bereits 
von Plinius erwähnten statue der Cornelia, der mutter der Grac- 
chen. Die auf sie bezügliche inschrift gehört der ersten kaiser- 
zeit an, während über derselben in buchstaben aus dem ende 
des zweiten oder aus dem dritten Jahrhundert OPVS TTSICKATIS 
geschrieben steht, die basis also später anderweitig benutzt wor- 
den ist. Lanciani verknüpfte damit eine erörterung der reichen 
kunstschätze, die jener porticus einstmals enthalten habe, sowie 
der entdeckungen , welche im laufe der zeiten daselbst stattge- 
funden. — Zum Schlüsse gab prof. Heibig ein bild der kultur- 
stufe, auf welcher die Latiner in der vorclassischen epoche stan- 
den. Er benutzte dabei einerseits die spuren uralter Überliefe- 
rung, welche im römischen ritus ersichtlich sind, andrerseits die 
entdeckungen, welche neuerdings in den ältesten theilen der ne- 
kropole von Alba longa und in Eom auf dem Esquilin stattge- 
funden haben. Nach seiner ausführung standen die alten Latiner 
in allen technischen dingen tiefer als die Germanen, wie Tacitus 
sie schildert. Dagegen zeigen sie, wie alle Italiker, von anfang 
Philol. Anz. ES. 17 



250 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

an eine soziale und ökonomische bildung, die sie in auffallender 
weise von den barbaren Mitteleuropas unterscheidet. Bereits die 
ältesten italienischen niederlassungen die wir kennen, sind nach 
einem bestimmten plan als orientirte oblonge angelegt und mit 
einem erdwall umgeben. Der ackerbau spielte in ihnen eine 
hervorragende rolle. Man erkennt bereits die keime des auf 
bäuerlicher grundlage beruhenden gemeindeverbandes , also des 
kulturfaktors, welcher in alter wie in neuerer zeit die stärke der 
italischen entwicklung ausmachte. Augsb. allg. ztg. nr. 120. 
KAnz. nr. 106. 

„Kulturgeschichte und naturwissenschaft". Vortrag, gehal- 
ten im verein für wissenschaftliche vortrage zu Cöln von E. du 
Bois-Eaymond (Leipzig 1878, verlag von Veit u. comp.) 1 mk. 
60 pf. — Der vrf. giebt in diesem schon im novemberheft der 
„Deutschen Rundschau" abgedruckten vortrage ein bild von der 
entwickelung der menschheit, wie sie dem neueren naturforscher 
im gegensatz zum historiker sich darstelle. Die wahre geschichte 
des menschengeschlechtes fällt ihm zusammen mit der geschichte 
der naturwissenschaft. Aus der „archimedischen Perspektive" 
theilt er die geschichte der menschheit in folgende abschnitte: 
1) das Zeitalter der unbewußten Schlüsse ; 2) das anthropomorphe 
Zeitalter-, 3) das spekulativ-ästhetische Zeitalter, als welches ihm 
die kulturperiode der classischen Völker des alterthums erscheint 
(er weist darauf hin, daß in dem zurückbleiben der alten in den 
naturwissenschaften ein bisher nicht hinreichend gewürdigter 
grund des Unterganges der antiken kultur gelegen hat); 4) das 
scholastisch-asketische Zeitalter ; 5) das technisch-induktive Zeit- 
alter, in welchem wir leben, und welches nicht blos durch die 
bewußte beherrschung und ausnutzung der natur durch die men- 
schen im sinne des vrfs. als höchste kulturstufe des menschen 
erscheine, sondern zugleich in sich die gewähr einer unbeschränk- 
ten, nur durch kosmische naturgewalten abzukürzenden dauer 
trage. Bei der frage nach den geschicken, welche der mensch- 
heit warten, lenkt der vrf. die aufmerksamkeit auf eine die ge- 
genwart beschleichende gefahr, die gefahr des sieges der rohen 
materiellen interessen, der nach ansieht des vrfs. bekanntlich 
durch eine reform des gymnasialunterrichts verhindert werden 
könne. Reichsanz. nr. 107. — Das referat ist wohl nicht ganz 
genau : der einfluß, der dem gymnasial-unterricht beigelegt wird, 
ist für diesen zwar sehr schmeichelhaft, aber doch wohl etwas 
zu hoch gegriffen: den zwecken des vrfs. wird er aber, womit 
vrf. gewiß (?) einverstanden, nur entsprechen, wenn dem Unterricht 
in den classischen Studien mehr räum als jetzt der fall gegeben, 
der den naturwissenschaften jetzt gegönnte dagegen so viel als 
möglich beschränkt wird. 

Wien, 10. april. Dr. Horawitz legt der kais. academie der 
Wissenschaften eine Abhandlung Erasmiana I betitelt vor, in 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 251 

der zum theil auf grund bisher nicht gedruckter briefe das ver- 
hältniß des Erasmus zu herzog Georg von Sachsen erörtert und 
gezeigt wird, wie ungern Erasmus den kämpf gegen Luther be- 
gann. Vrgl. Sitzungsber. d. Wien. Acad. nr. XI. 

§. Wir theilen hier zwei artikelüber Mykenä mit, die bei 
den so verschiedenen ansichten der alterthumsforscher über die 
fände daselbst jeden überraschen und anregen werden : der erste 
steht in der Augsb. allg. ztg. vom 30. april beil. zu nr. 120, 
der zweite ebendas. vom 19. mai beil. zu nr. 139. — Mykenä. 
I. Die ans unglaubliche grenzenden ergebnisse der ausgrabun- 
gen Schliemann's in Mykenä, der sorgfältige bericht desselben 
über die ausgrabungen und die , wie es scheint, genauen abbil- 
dungen der gefundenen, meistens aus gold und anderem geform- 
ten, gegenstände in seinem werk „Mykenä" (Leipzig 1878) for- 
dern eben so sehr zum dank an den unermüdlichen explorator 
auf als sie die eine aufklärung über die unerwartetst vorgeleg- 
ten räthsel suchende phantasie verführen können, die überraschte 
gelehrsamkeit auf irrwege zu leiten. Es wird vielleicht rathsam 
sein, zunächst sich die Verhältnisse des alten Mykenä klar zu legen, 
und von dem bekannten und historisch bezeugten rückwärts zu 
blicken , um zu untersuchen , wo vorderhand die forschung halt 
machen zu müssen scheint. — Abgesehen von W. Gell „Argo 
lis" [Itinerary of Greece, 1810. 4), von der Expedition de 
la Moree und den berichten anderer über die ruinen der stadt, 
sind es besonders Diodor, Strabo und Pausanias, welche aus dem 
alterthum über Mykenä berichten. Sie bezeugen, daß die Stadt 
zu ihrer zeit vollständig in ruinen lag, und in diesem zustande 
schon seit dem jähre 468 geblieben sei. Denn damals habe 
Mykenä, welches sich rühmen konnte, 80 krieger gegen die Per- 
ser zu den Thermopylen gesandt , und mit den Tyrinthern 400 
mann zur Schlacht von Platää gestellt zu haben, den Argivern 
den alleinbesitz des tempels der Hera und die leitung der ne- 
meischen spiele bestritten und überhaupt die hegemonie von Ar- 
gos nicht anerkennen wollen-, Argos habe darauf den krieg er- 
öffnet , die Mykenäer in einer schlacht besiegt , dann die stadt 
lange belagert, schließlich durch hunger dieselbe zur übergäbe 
genöthigt und zerstört; die einwohner hätten sich theils nach 
Kleonä und Keryneia, theils, und zwar mehr als die hälfte, nach 
Macedonien begeben. Ihre zahl wird nicht gering gewesen sein, 
denn die kleinere abtheilung, die sich nach Keryneia begab, war 
doch groß genug, um dieses mächtiger und berühmter zu machen. 
Von der Zerstörung der stadt durch die Argiver an bis auf das 
erste Jahrhundert nach Christus wissen wir über die geschichte 
Mykenä's nichts ! — Was wissen wir über Mykenä in beziehung 
auf die zeit vor den Perserkriegen? Die antwort lautet in der 
that ebenso: nichts! Freilich nehmen wir mit recht an, daß die 
stadt mit den noch vorhandenen enormen kyklopischen mauern, 



262 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

mit ihrem thor und den löwen darüber schon vor Homer und 
wohl lange vorher dagewesen sein müsse. Allein alles, was uns 
besonders bei tragikern, und das wenige, was uns in den hörne? 
rischen gedichten über Mykenä, seine herrscher und seine ge? 
schichte erzählt wird, läßt in Deutschland heute wohl kein kun- 
diger als historische Wahrheit gelten. Alles istmythos, von der 
entscheidung des Paris über die Schönheit der drei göttinnen bis 
zur Zerstörung Troja's durch die im hölzernen pferde versteckten 
helden und von der heimkehr und ermorduug des Agamemnon 
bis zur sühne des Orest durch Minerva und Apollon und weit 
darüber hinaus. — Wie die homerischen Sänger von einer zer- 
störten Stadt in der ebene von Troja , so wußten sie auch von 
dem dasein einer stadt Mykenä. Aber alles, was sie davon er- 
zählen, ist mythos, ist absichtlich gemachte geschichte ohne eine 
spur und ohne die prätension geschichtlicher Wahrheit. Und 
wenn die sache sich nun so verhält, dann haben wir jenseits der 
zeit des Homer eine unbegrenzte Vergangenheit, bei der es in 
der that auf Jahrhunderte gar nicht mehr ankommt. Diejenigen, 
welche an den sachlichen inhalt der homerischen epen , an das 
ehemalige dasein des Agamemnon und seiner genossen als wirk- 
licher menschen glauben, müssen durch die entdeckungen Schlie- 
mann's freilich befriedigt und in ihrem glauben bestärkt werden, 
und bis das richtigere festgestellt ist, sollten sie wenigstens vor 
spott gesichert sein , wiewohl ihnen selbst in beziehung auf die 
merkwürdige entdeckung vieles zu erklären übrig bleiben würde, 
wie es zum theil Gladstone versucht hat. — Wir, mit den deut- 
schen archäologen darin einig, daß Homer uns zur aufklärung 
des räthsels nicht behülflich sein kann, erkennen auch als erste 
frage die nach der zeit der bestattung der todten und der ver- 
grabung aller jener schätze innerhalb des löwenthors an. Hier 
müssen wir zunächt die ansieht Adler's bestreiten, daß der räum, 
worin sich die gräber befinden , ein später hinzugefügter theil 
der befestigung und daher eine alte nekropolis von Mykenä erst 
später in die akropolismauer hineingezogen sei. Die Umfassungs- 
mauer der ganzen akropolis bedingt schon, wenn man ihrem zug 
auf dem südwestlichen abhänge folgt, die ausdehnung der jetzt 
noch stehenden mauer. Mit Leake glauben wir nicht, daß der 
räum mit den gräbern eine spätere erweiterung der bürg ist. 
Es finden sich nicht selten beispiele antiker befestigung, welche 
zeigen, daß man es vorzog die eingänge zur stadt oder zur bürg 
doppelt zu sichern. Wir erinnern nur an die thore von Manti- 
nea, Messene, Psophis u. a. So lange die entgegengesetzte an- 
sieht nicht besser begründet ist, werden wir also zugeben müssen, 
daß die gräber , welche Schliemann geöffnet hat , innerhalb der 
burgmauer lagen ; und waren es diese gräber von denen Pausa- 
nias spricht, dann bezeichnete sein T^goy die burgmauer. Wie die 
leichen mit all den schätzen dahin kamen, bliebe trotz Gladstone's 



Nr. 4, Kleine philologische zeitung. 253 

hypothese ungelöst. In heziehung auf die bauart des thors und des 
Zugangs zu demselben und in beziehung auf die besonders sorgfältig 
gefugten steine des schönsten Stückes der der unteren Stadt zuge- 
wandten burgmauer hat Schreiber dieser zeilen in der schrift 
über die kyklopischen mauern Griechenlands das nöthige gesagt. 
— Wenn uns nun die bauart der bürg keine fesseln anlegt, so 
stehen wir wieder vor der frage nach der zeit der bestattung. 
Es ist ein zwar weiter Zeitraum von der unbestimmten, jedenfalls 
längst vorhomerischen errichtung der bürg bis zur Zerstörung 
der Stadt. Es kann auch nicht ausbleiben, wenn man die be- 
stattung der leichen vor die homerische zeit setzt, daß man auf 
vermuthungen geräth, welche nur als solche sich darbieten kön- 
nen, vor allem aber auf die ähnlichkeit der gefundenen schätze 
mit anderen sich stützen müssen. — Die herren Köhler und 
Milchhöfer kommen in den „Mittheilungen des archäologischen 
instituts in Athen" zu dem resultat : daß die fünde von Mykenä 
und Spata in Attika einer vorhellenischen barbarischen kunst- 
periode angehören, deren Ursprung letzterer in Kleinasien, ersterer 
specieller bei den Karern sucht. Doch haben sich beide nur 
unter dem vorbehält weiterer forschung und der hoffnung auf 
weitere entdeckungen ausgesprochen. — Einen sicheren Charak- 
ter der hellenischen kunst werden wir wohl kaum vor der 50. 
Olympiade nachweisen können. Wie in allem, pflegt auch in der 
kunst die Vorbereitung des fortschritts langsam vor sich zu gehen, 
der dann der wirkliche fortschritt plötzlich und mit einem mäch- 
tigen stoß folgt. Gewiß muß lange vor der 50. olympiade eine 
Verbindung zwischen der hellenischen und der kleinasiatischen 
kunst zugestanden werden. Aber es darf doch wohl die frage 
aufgeworfen werden : ob die mykenischen fünde nothwendig über 
diese olympiade hinaufgerückt werden müssen. Weder Mykenä 
noch Argos scheinen bis dahin an der entwicklung der kunst 
sich betheiligt zu haben. Doch mag der Ursprung der mykeni- 
schen fünde dahingestellt und von der zeit der bestattung jener 
leichen vorläufig ganz getrennt bleiben. Versuchen wir über die 
letzteren eine andere hypothese. — Es wurde schon oben erwähnt, 
daß die Mykenäer eine schlacht gegen die Argiver verloren 
hatten. Sie zogen sich in die Stadt oder, nach Pausanias, in die 
ziemlich umfangreiche bürg zurück, wahrscheinlich ihre todten 
mit sich nehmend. Jetzt wurden sie innerhalb ihrer mauern 
belagert , leisteten lange widerstand , wurden aber schließlich 
durch hunger genöthigt, auszuwandern, wie bemerkt nach Kleonä, 
nach Keryneia und mehr als die hälfte der bevölkerung nach 
Macedonien. Es kann nicht fehlen, daß theils durch die schlacht, 
theils während der belagerung eine menge der Mykenäer , na- 
mentlich auch der fuhrer und angesehensten, umkam. Man war 
genöthigt, diese innerhalb der bürg zu begraben. Es fehlten 
die zeit und die mittel nach sonstiger sitte die leichen zu ver- 



254 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

brennen oder unterirdische grabkammern mit stollenartigen ein- 
gängen, wie z. b. in Sparta, auszuhöhlen und zu bauen •, so that 
man, wozu die noth zwang: in dem erdreich, welches am tiefsten 
war, bis an den fels machte man tiefe verticale gruben und 
legte die leichen hinein. — Vielleicht finden sich auf der akro- 
polis noch andere ähnliche gräber. Die bevölkerung, das ende 
voraussehend, mochte gleichwohl die hoffnung der einstigen kath- 
odos nicht aufgeben. Mitnehmen konnten sie ihre reichthümer 
nicht ohne gefahr, derselben von den siegern beraubt zu werden ; 
jedenfalls schienen sie jetzt von geringem werth. So legte man 
allen werthvollen schmuck (der werth beträgt 5000 pfd. strl. 
= 100,000 mk.) mit den leichen in die gruft. Am auffallend- 
sten wären dabei die goldenen masken; doch ist unbekannt, ob 
dieselben erst für die bestattung gemacht worden seien oder bei 
lebzeiten der herrschenden ihre Wohnungen geschmückt hatten. 
Das eine scheint so auffallend und eben so möglich als das an- 
dere. Wir meinen: der ganze räum innerhalb des thors muß 
noch sorgfältiger untersucht werden. Ueber die Wasserleitungen 
in gleicher tiefe mit dem boden der gräber und über die mit 
stuck bekleideten wände in gleicher tiefe fehlt jede aufklärung. 

Dr. P. W. Forchhammer. 
Mykenä. II. Wenn man nun vorläufig die möglichkeit 
zugeben will, daß die leichen mit den schätzen erst im jähr 468 
während der belagerung durch die Argiver innerhalb der bürg 
bestattet sind, dann fragt sich, wie ist der außerordentliche reich- 
thum der Mykenäer an goldenen gefäßen, weinkannen und trink- 
geschirren , an goldenen waffen , an goldenen halsbändern , an 
goldenen arm- und fingerringen und anderen goldenen Schmuck- 
sachen zu erklären. Wir haben keinen grund, die Mykenäer für 
arm zu halten, aber trotz dem homerischen epitheton werden wir 
doch fragen, woher hatten sie jenen enormen reichthum, daß sie 
in fünf gräbern den werth von 100,000 mk. in goldenen gefäßen 
in die erde vergraben mochten? Den vollständigen aufschluß 
giebt uns Herodot. Es ist schon oben erwähnt, daß die Myke- 
näer zwölf jähre vor ihrer Vertreibung durch die Argiver bei den 
Thermopylen mitgefochten hatten und deshalb von den Argivern 
beneidet wurden. Später waren sie mit den Athenern gegen die 
Perser nach Platää gezogen, wo sie den Baktrern gegenüber 
standen. Ihre namen als mitkämpfer waren sowohl auf der basis 
des weihgeschenks in Olympia, der ehernen bildsäule des Zeus, 
als auf den ehernen schlangen, die den dreifuß des Apollon in 
Delphi trugen — jetzt im Atmeidan in Konstantinopel — eingetra- 
gen. In der schlacht waren von den 260,000 kämpfenden Persern 
alle bis auf 3000 umgekommen. Eine ungeheure beute war den 
siegern in die bände gefallen. Von diesen wurden die erwähn- 
ten weihgeschenke dem olympischen Zeus, dem delphischen Apol- 
lon und desgleichen dem isthmischen Poseidon ausgesondert. 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 255 

„Alles übrige wurde unter alle nach Würdigkeit vertheilt , die 
weiber der Perser, das gold und das silber und andere gegen- 
stände sammt den zugthieren". Natürlich fiel den Mykenäern, 
welche sich bei Thermopyle und Platää so kampfbereit gezeigt 
hatten, auch ihr theil nach Würdigkeit zu. — Wer nun aus dem 
werk Schliemanns und den darin enthaltenen abbildungen oder 
auch nur aus den zeitungs-berichten sich eine entsprechende Vor- 
stellung von den in Mykenä gefundenen schätzen gemacht hat, 
der vergleiche das 80. capitel im letzten buch des Herodot : 
„Pausanias (der spartanische feldherr) ließ verkünden , es solle 
niemand die beute anrühren , und befahl den Heloten alle ge- 
genstände zusammen # zu bringen. Diese zerstreuten sich über 
das lager , und fanden mit gold und silber geschmückte zelte, 
vergoldete und versilberte ruhelager , goldene mischkrüge und 
phialen und andere trinkgeschirre, sie fanden wagen mit sacken, 
worin goldene und silberne kessel. Von den gefallenen nahmen 
sie die goldenen halsbänder, armringe und goldenen Schwerter. 
Auf die bunten gewänder wurde keine rücksicht genommen". 
Außerdem ist die rede von goldenen tischen und dem ganzen 
reiseapparat des Xerxes , welchen dieser dem Mardonios über- 
lassen hatte, und der nun den Griechen zur beute wurde. Die 
größte zahl der truppen des Mardonios waren Perser und Herodot 
scheint zu sagen, daß sie alle armbänder und halsbänder trugen. 
— Nun vergleiche man mit diesem bericht den des dr. Schlie- 
mann. Ist es nicht , als hätte Herodot die funde von Mykenä 
vor äugen gehabt ? Mir scheint es nicht mehr zweifelhaft : Schlie- 
mann hat das verdienst, einen theil der beute aus der niederlage 
der Perser bei Platää , der notorisch den Mykenäern zugefallen 
war, aus der erde ans licht gebracht zu haben. — Der befrem- 
dende charakter der gefundenen gegenstände erklärt sich nun 
leicht. Es ist keinerlei grund über jene zeit weiter zurückzu- 
gehen. Was die goldenen masken betrifft, so mögen die Perser 
deren auch eine anzahl mitgebracht haben, um die häupter ihrer 
im kämpf gefallenen genossen damit zu bedecken. Vielleicht 
findet man noch einst die verschwundene leiche des Mardonios 
mit einer maske. Die Mykenäer konnten ihren vor wenigen 
Jahren erworbenen antheil an der beute, wie schon bemerkt, 
nicht besser vor dem raub der belagernden feinde sichern, 
und für ihre gehoffte einstige rückkehr erhalten, als in der 
tiefe der gräber. Warum die gräber gerade hier waren, werden, 
wie wir vermuthen, fernere ausgrabungen bald aufklären. Das 
sechste grab führt vielleicht auf die spur. — Indem ich schließe, 
bringt die „Archäologische zeitung" eine mittheilung von prof. 
Hoffmann über eine in einem grabe in Jalebi am Euphrat von 
capitain Lynch gefundene goldene maske, welche zu einer weib- 
lichen mumie gehörte. Dieselbe war platt gedrückt. Daß sie 



256 Literatur. Nr. 4. 

eine portraitmaske gewesen, war nur vermuthung, wie bei den 
masken von Mykenä. 

Dr. P. W. Forchhammer. 



Literatur. 

Homer's Iliad. Books 1 and 2. By A. Sidgwick. Rivingtons. 
— 2 sh. 6 d. 

Aeschylus , Prometheus Vinctus. Literally translated by John 
Perkins. Hall (Cambridge). Whittaker. — 1 sh. 

Sophocles. Ajax. With notes , Critical and Explanatory, by C. 
E. Palmer. Bell and Sons — 4 sh. 6 d. 

Sophocles. The Theban Trilogy of Sophocles. With Copious 
Explanatory Notes for use of Elementary Students. By W. Linwood. 
Longmans. — 7 sh. 6 d. 

Euripides. The Cyclops. Rugby ed. By A. Sidgwick. New ed. 
Rivingtons. — 1 sh. 6 d. 

Aristophanis Ranae. The Progs of Aristophanes. A revised text, 
with English Notes and a Preface by F. A. Paley. p. 176. Bell 
and Sons. — 4 sh. 6 d. 

Xenophon's Anabasis. Book 1. With English Notes. By Alfred 
Pretor. Cambridge Warehouse. — 2 sh. 

Aristotle. An Introduction to Aristotle's Ethics. Books 1—4 
(Book 10, Ch. 6 — 9 in a Appendix), with an continuous Analysis and 
Notes. By Edw. Moore. 2nd ed. Rivingtons. — 10 sh. 6 d. 

Kynnersley , H. W. S., Parallel Syntax, Greek and Latin, for Be- 
ginners. — 3 sh. 

Taylor , R. W. , A Short Greek Syntax. Extracted from Xeno- 
phons Anabasis. With Notes. Rivingtons. — 1 sh. 

Terentii Andria et Eunuchus (Catena Classicorum). Edit. by T. 
L. Papillon. New. ed. Rivingtons. — 4 sh. 6 d. 

Terentii Eunuchus (Catena Classicorum). Edit. by T. L. Papillon. 
New edit. Rivingtons. — 3 sh. 

Virgü's Aeneid. Books 1 and 2. Edit. with Notes by F. Storr. 
Rivingtons. — 2 sh. 6 d. 

Virgü's Aeneid. Book 6. With Notes and Dictionary of Proper 
Names. * Ed. by J. S. Laurie. Central School Depot. — 1 sh. 

Ovid. P. Ovidii Nasonis Fastorum lib. VI. Edited, with Notes, 
by A. Sidgwick. Cambridge Warehouse. — 1 sh. 6 d. 

Caesar. De bello Gallico Commentarius Septirnus. With English 
Notes by A. G. Peskett. Cambridge Warehouse. — 2 sh. 

Cicero. Ciceronis pro Archia poeta oratio ad judices. Ed. by 
James Reid. Cambridge Warehouse. — 1 sh. 6 d. 

Pliny. Letters of C. Plinius Caecilius Secundus. The Translation 
of Melmoth. Revised and corr. With Additional Notes and a Short 
Memoir. By F. C. T. Bosanquet. Bell arjd Sons. — 5 sh. 

Ciceronis, M. Tullii, Orationes selectae, curante Thoma Vallaurio. 
Aug. Taurin. p. 208. — L. 1. 

Salluslii C. Crispi , Bellum Catilinarium et Jugurthinum cur. J. 
L. Burnouf, recens. Thomas Vallaurius. Aug. Taurin. p. 296. — 
L. 1. 25. 



Nr. 5. 0. Mai, Jnni 187%. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



von 

Ernst von Leutsch. 



67. Karl von Prantl, verstehen und beurtheilen. Mün- 
chen 1877. 36 s. 4. 

Diese schritt ist als festgeschenk der philosophisch-philolo- 
gischen classe der münchener Academie der Wissenschaften zu 
L. von Spengels fünfzigjährigem doctorjubiläum erschienen. 
Eine passendere gäbe konnte der philologisch geschulte philosoph 
dem als Aristoteliker berühmten philologen nicht darbringen, als 
die philosophische Untersuchung der beiden wichtigsten philolo- 
gischen functionen. Gegenüber den ansprächen der Vertreter 
exacter Wissenschaften, daß sie im alleinbesitze der wissenschaft- 
lichen methode seien, zeigt der vrf, daß den beiden echt philo- 
logischen verfahrungsweisen, der kritik und hermeneutik, eine all- 
gemein wirksame function in der wissenschaftslehre überhaupt 
zukomme. Das experiment des naturforschers ist auch dem philo- 
logen nicht fremd; thatsächlich ist das motiv des beurtheilens 
in beiden gebieten das gleiche. „Es handelt sich stets um ein 
erproben, ob dieses oder jenes allgemeine in dieser oder jener con- 
cret auftretenden erscheinung sich bewähre, und zu diesem behufe 
sind die einzelnen factoren des oft sehr verwickelten auftretens zu 
isoliren und dann selbst wieder in ihren möglichen Variationen 
zur beurtheilenden vergleichung beizuziehen, so daß bei Samm- 
lung und prüfung der sogenannten umstände stets die bezug- 
setzung auf das in sieht genommene allgemeine lebendig bleibt, 
wobei insbesondere bezüglich des causalzusammenhanges das verfah- 
ren der sogenannten successiven aufschließung der einzelnen um- 
stände von größtem belange für die erprobung ist" (p. 23). Es 
ist unmöglich an dieser stelle den gang der Untersuchung des 
Philol. Anz. IX. 18 



258 68. Lateinische grammatik. Nr. 5 

vrfs. zu wiederholen ; es genügt, die leser dieser zeilen auf die 
lectüre der Schrift selbst zu verweisen. Doch mag hier noch 
einzelnes hervorgehoben werden, wie die durchführung der ana- 
logie zwischen dem experimentirenden naturforscher und philolo- 
gen (p. 24), der nachweis gleicher irrthumsfähigkeit und Ver- 
vollkommnungsfähigkeit jeder Wissenschaft (p. 37), die Charak- 
teristik der conjecturalkritik (p. 27), die Würdigung der negati- 
ven kritik (p. 29) u. s. w. 



68. Raphael Kühner, Ausführliche grammatik der la- 
teinischen spräche. Erster band. Hannover, Hahn 1877. XX 
u. 747 s. 8. 

Um ein buch wie das in der Überschrift bezeichnete wür- 
dig zu beurtheilen, dazu bedürfte es längerer benutzung dessel- 
ben; einmalige durchsieht kann hiefür nicht ausreichend sein. 
Aber da es wünschenswerth erscheint, daß schon jetzt an dieser 
stelle auf das treffliche werk aufmerksam gemacht werde , so 
mag — abweichend von der im Philologischen Anzeiger befolg- 
ten regel — statt einer tiefer gehenden kritik ein knapper be- 
richt gestattet sein. Anlage und durchführung des buches 
gleichen im wesentlichen , soweit die Verschiedenheit des Stoffes 
es erlaubt , der ausführlichen griechischen grammatik desselben 
vrfs. Aber während dort in der zweiten bearbeitung das reiche 
material fast 1000 großoetavseiten füllt, nimmt es in der latei- 
nischen grammatik bei ähnlicher ausstattung etwa 750 Seiten 
ein. Hievon umfaßt die lautlehre etwa 120, die formenlehre 
fast 500, die wortbildungslehre nahezu 70 Seiten, während der 
rest auf die vorangestellte übersieht der lateinischen litteratur, 
auf die anhänge und die ausführlichen register kommt. Die 
beiden monumentalen werke , durch deren erscheinen K. L. 
Schneiders elementar- und formenlehre antiquiert ist, nämlich 
das buch von W. Corssen über ausspräche , vocalismus und be- 
tonung der lateinischen spräche mit den kritischen beitragen 
und nachtragen zur formenlehre und F. Neue's lateinische for- 
menlehre waren für Kühner die wichtigsten vorarbeiten. Aus 
diesen beiden werken mußte bisher jeder in den meisten fragen 
der lateinischen etymologie antwort schöpfen, da nur für wenige 
partien zuverlässige und handliche monographien wie Büchelers 



Nr. 6. 68. Lateinische grammatik. 259 

grundriß der lateinischen declination zu geböte standen. Jedoch 
die benutzung von Corssens ausgezeichnetem werke erfordert 
selbständiges , gründliches und umsichtiges urtheil und bietet 
nicht leicht eine rasche Orientierung , Neue's formenlehre aber 
ist eine unvergleichliche beispielsammlung. Mit recht rühmt 
Kühner von diesem werke, es spreche fast nur durch beispiele, 
aber so deutlich, daß der leser weitere erörterungen entbehren 
könne. Allein eben die objectivität Neue's überläßt zwar dem 
leser den genuß eigener Verarbeitung des umfassend und gesich- 
tet vorgelegten stoffes , aber es muthet ihm diese aufgäbe auch 
in jedem einzelnen falle zu. Kühners werk ist praktischer-, als 
nachschlagebuch orientiert es schneller und doch ausreichend •, 
für zusammenhängendes Studium ist es sowohl angehenden phi- 
lologen als vielbeschäftigten gymnasiallehrern entsprechender. 
Natürlich wird Kühners grammatik auch von keinem forscher 
ignoriert werden , obschon sie Corssens und Neue's werke in 
keinem punkte entbehrlich macht. Die elementarlehre handelt 
in zwei abschnitten von den lauten und buchstaben und von 
den silben. Die formenlehre bespricht in vier capiteln die no- 
mina und pronomina , hierauf in je einem capitel das verbum 
und die partikeln. Die wortbildungslehre behandelt zuerst die 
verba und dann die nomina. In vier anhängen werden nach 
üblicher weise die römische geldrechnung , die bezeichnung der 
bruchzahlen , der römische kalender abgehandelt und ein ver- 
zeichniß der bei den alten vorkommenden abkürzungen gegeben, 
das aber den umfang des in den schulgrammatiken gebotenen 
nicht überschreitet und die zahlreichen epigraphischen abbrevia- 
turen nicht umfaßt. Den abschluß des buches bilden ein aus- 
führliches sachverzeichniß und ein laut- und wortverzeichniß. 
Endlich mag noch eine bemerkung an die übersieht der römi- 
schen („lateinischen") litteratur sich anschließen, welche Kühner 
in behandlung und eintheilung auf Teuffels RLGr. gegründet 
und seiner grammatik vorangestellt hat. Kühner ist hier einem 
gebrauche gefolgt, dem unter den neueren grammatikern z. b. 
auch F. Schultz sich gefügt hat; aber was hier dargeboten wird, 
ist kaum angemessen, sondern entweder überflüssig oder unge- 
nügend. Ueberflüssig ist das gebotene, wenn es als leitfaden 
der litteraturgeschichte dienen will; denn wer Kühners gram- 
matik benutzt, sucht in diesem buche einen solchen leitfaden 

18* 



260 69. Lateinische grammatik. Nr. 5. 

nicht. Ungenügend ist die Übersicht, wenn sie als einleitung 
zur grammatik gelten soll. Es ist nicht gleichgültig , wie ein 
grammatiker sich zu den literarhistorischen Streitfragen stellt, 
wie er die einzelnen Schriftsteller in sprachlicher heziehung wür- 
digt-, aber gerade hier läßt Kühners übersieht den leser im 
stiche. Bei Fronto und Gellius z. b. ist die bedeutung für die 
grammatik nicht erwähnt. Die Charakteristik der spräche Sal- 
lnsts ist unvollständig, indem sie den Vulgarismus übergeht, un- 
genau, insofern sie bei ihm geschmackvolle wähl der ausdrücke 
rühmt. Ueber die gräcismen bei Livius , über die besondere 
Stellung des Justinus , über die sprachliche eigenthümlichkeit 
des Ammianus sucht man eine andeutung vergeblich. Wenn 
die ganze Übersicht fehlte, so würde wohl niemand sie vermissen. 
Dagegen hätte sich der vrf. gewiß vielseitigen dank verdient, 
wenn er ein kritisches verzeichniß der wichtigsten hülfsmittel, 
eine geschichte der bedeutenderen erscheinungen der grammati- 
schen litteratur an die spitze seines buches gestellt hätte. Lei- 
der ist dieser wünsch nicht mehr erfüllbar; am 16. april ist 
Raphael Kühner im alter von 76 jähren gestorben. So steht 
zu befürchten, daß seine lateinische grammatik ein torso bleiben 
werde; es wäre dies um so mehr zu bedauern, da gerade in 
der syntax die selbständige forschung des vrfs. sich mehr als 
in der formenlehre zeigen konnte. Vielleicht entschließt sich 
der söhn des dahingeschiedenen die bereits ausgearbeiteten theile 
des zweiten bandes in passender weise zu veröffentlichen. 



69. Franz Nieländer, der factitive dativus bei römi- 
schen dichtem und prosaikern. Programm des gymnasium zi 
Schneideniühl 1877. 40 s. 4. 

Der vrf. dieser Schrift hat schon im programm von Krotc 
schin 1874 über die construetion des doppelten dativus bei dei 
verbum esse gehandelt und dehnt nunmehr seine damals auf Ci- 
cero beschränkte Untersuchung auf eine reihe anderer autorei 
aus. Fleißige Sammlung des materials ist der erste, aber kei- 
neswegs einzige Vorzug dieser arbeit; die angeführten beispielc 
sind sorgfältig geprüft und erläutert, verwandte erscheinungei 
sind vielfach herangezogen und in anmerkungen verzeichnet unc 
besprochen. Selten begegnet man in den erklärungen des vrfs 



Nr. 5. 70. Epimenides. 261 

irriger auffassung; doch scheint dies p. 28 der fall zu sein, 
wenn es bei dono dare, accipere als möglich hingestellt wird, 
daß „in dieser Verbindung dono vielmehr modaler ablativ ist = 
geschenkweise". Der vrf. beruft sich auf faenore und pignore 
dare neben faenori und pignori dare; aber naher liegt doch die 
vergleich ung von muneri dare, das nach p. 29 ausschließlich 
vorzukommen scheint. In kritischer beziehung bringt es keinen 
wesentlichen nachtheil , daß nicht durchgängig die besten texte 
zu gründe gelegt sind ; auch daraus kann bei der ausdehnung 
der vom vrf. übernommenen aufgäbe kein Vorwurf abgeleitet 
werden, wenn evidente conjecturen, wodurch vereinzelte beispiele 
wie p. 15 perfidiae esse beseitigt werden, unbeachtet geblieben 
sind. Nach Vollendung des druckes war der vrf. bereits im 
stände, ziemlich viele Zusätze zu machen; es wird sich lohnen, 
daß auch weiterhin von ihm und von anderen die Untersuchung 
fortgesetzt wird. Der vrf. verspricht „die in dem aufgespei- 
cherten material enthaltenen resultate bei anderer gelegenheit 
und an anderem orte übersichtlich zusammenzustellen". Inzwi- 
schen ist die auffindung des gesuchten wenn nicht durch die 
anordnung des materials so doch durch das dankenswerthe re- 
gister erleichtert. 



70. Car. Schulteß, de Epimenide Crete. 1877. — 
64 s. 8. 

Der vrf. dieser göttinger promotionsschrift hat die über 
Epimenides erwachsene literatur in ziemlicher Vollständigkeit 
zusammengestellt und an der band der einschlägigen quellen- 
forschungen, deren ergebnisse er — nicht immer mit recht 1 ) — 
für völlig gesichert hält, die masse der aus dem alterthum auf 
uns gekommenen nachrichten nach kräften gesichtet und verein- 
facht. In der kritik , welche er an die Überlieferungen legt, 
zeigt sich gesundes urtheil und besonnenes fernhalten kühner 
hypothesen; man kann daher dem auf p. 56 niedergelegten er- 
gebniß über den geschichtlichen gehalt derselben unbedenklich 
beipflichten. Unter den neuen gedanken ist mancher anspre- 

1) Z. b. in betreff der nachrichten Plutarchs im Solon , welche 
Schulteß schlechtweg als angaben des Hermippos citirt; s. PhAnz. 
VIII, 419 ff. 



262 70. Epimenides. Nr. 5. 

chende oder beachtenswerte , z. b. die zurückfuhrung der an- 
gäbe über die haartracht des Epimenides, Diog. Laert. I, 109 
xa&ecfEi tr\g xdfi,i]g to s28og nagaMäöamv , auf das von Pausa- 
nias I, 14, 4 erwähnte Standbild in Athen (p. 35); die der an- 
geblichen prophezeiung über Munychia auf den ausspruch Chei- 
lons über Kythera (p. 47). Von den verschiedenen vaternamen 
bringt vrf. einen , Dosiades , mit dem gleichen des Kreters zu- 
sammen , welchen Diodor V, 80 mit Epimenides zusammen als 
gewährsmann seiner kretischen Urgeschichte citiert ; einen andern, 
Phaistos oder Phaistios, erklärt er aus Verwechslung mit der 
stadt Phaistos , wo nach der einen version Epimenides geboren 
war. Beides läßt sich hören; doch könnte der zweite name 
auch umgekehrt behandelt werden. Jedenfalls durfte vrf., wenn 
Phaistos des Epimenides geburtsort war, die herleitung dessel- 
ben aus Knossos nicht aus der große dieser Stadt erklären: 
Knossos lag an der nördlichen, Phaistos an der südlichen küste 
und von jener stadt durch Grortyna getrennt , also im machtbe- 
reich dieser stadt, welche mit Knossos an bedeutung wetteiferte. 
Wir glauben, daß Knossos der Wohnort des Epimenides gewe- 
sen ist ; Phaistos mag die statte seiner geburt gewesen sein, oder 
es ist der name seines vaters in diesem sinne umgedeutet wor- 
den. Die von Duncker bereits genügend erklärte bedeutung 
der weißen und schwarzen schafe , welche Epimenides zur ent- 
sühnung Attika's nach allen seiten laufen ließ (Diog. Laert. I, 
110), wird p. 30 ohne angäbe eines grundes verworfen und eine 
deutung (schafe von allen färben) an die stelle gesetzt, welche 
jeder begründung entbehrt und die angäbe der färbe zwecklos 
erscheinen läßt; was über die anordnung, die schafe zw ngoarj- 
xoj'71, &scö zu opfern vorgebracht wird, trägt nichts zur auf hel- 
lung des dunklen ausdrucks bei. Ueber den versuch , aus der 
unten zu erwähnenden anachronistischen erzählung Piatons die 
entstehung der Zeitbestimmung yiyovsv tnl rtjg X' oXvfimddog 
bei Suidas zu begreifen, verweise ich auf Rhode im Rhein. Mus. 
1878, p. 208, ohne jedoch damit dessen deutung von ytyove = 
fuit in diesem fall anzuerkennen. 

Die genetische erklärung der unhistorischen Überlieferungen 
findet sich hie und da weniger berücksichtigt. Wenn Epimeni- 
des bei Piaton (Leg. I, 642 D) noch 499 v. Chr. in Athen als 
prophet auftritt, so ist hier wohl die zeit des auftretens und 



Nr. 5. 70. Epimenides. 263 

der angeblichen prophezeiung mit dem Zeitpunkt verwechselt, auf 
welchen sie sich bezog; die Weiterbildung dieser fabel bei Cle- 
mens Strom. VI, 3 erklären wir aus contamination derselben 
mit dem träum der Diotima bei Plat. Sympos. p. 201 C. Andere 
legenden sind sicher aus den angeblich von Epimenides verfaß- 
ten Schriften geflossen : so nach dem bestimmten, vom vrf. un- 
terschätzten zeugniß des Maximus Tyrius (I, 285. II, 222 Rsk.) 
die berühmte von dem 57jährigen träum-, ebenso die von der 
fähigkeit seiner seele , zeitweilig den körper zu verlassen , nach 
Diog. Laert. I, 114 If'ysTat 7TQOf77ioi>]&t}i'ai TtoWäxig ävaßeßtwxsvui 
und Suidas 'Eni/Jisvidijg. Andere angaben entstammen einer Ver- 
wechslung mit dem attischen oder genauer gesprochen eleusini- 
schen heros Epimenides, welcher auch Buzyges zubenannt wurde. 
Gegen Bernays , der den Buzygescult eleusinisch nennt , führt 
Schulteß p. 35 (in einem gewissen sinn mit recht, s. u.) Aristi- 
des Ath. p. 20 Bov&yijg tig rmv ix rrjg uxQonolscog und Schol. 
Aeschin. II, 78 to uqotqov uvtov avittsito iv rfj üxQonolei ngog 
\ivr\m\v an, hält daher mit Pausanias 1,14,4 den in Athen neben 
Triptolemos durch ein Standbild geehrten Epimenides für den 
Kreter und billigt Aug. Mommsens unsres erachtens unhaltbare 
hypothese, daß dieser die eleusinischen mysterien nach Athen 
verpflanzt habe; citirt aber doch zugleich p. 34 das mit den 
ausgeschriebenen stellen unvereinbare scholion Victor, zu Hom. 
II. 18, 483 -acu uqotqov 08 ixel (in Eleusis) 3 E7ripEvi'8t]g o xal 
Bovtyyrjg s^sv^ev. Nach unserer ansieht ist in Eleusis Epimeni- 
des, in Athen ursprünglich Buzyges als erfinder des pfluges und 
pflügens angesehen worden, zwei von hause aus verschiedene 
heroen, jener zum Demeter-, dieser zum Pallascultus gehörig; 
später aber , als nach Vereinigung von Eleusis mit Athen Bu- 
zyges wegen des anerkannt höheren alters der eleusinischen 
agricultur in seinen ansprüchen bedroht wurde, suchte man 
beiden parteien durch die aufstellung gerecht zu werden, Epime- 
nides und Buzyges seien eine und dieselbe person; jener habe 
in folge seiner erfindung das epitheton ßov^vyrjg erhalten. Man 
vrgl. Servius zu Verg. Georg. I, 19 Epimenides qui postea Bu- 
zyges dictus est seeundum Aristotelem und Hesychios : Bov^vytjg, 
rjgcog 'Arrt-Aog' /} Ttgätog fiovg vno uqotqov ^sv^ag, inalsho de 
{EmUSPtdyg. Von ?j an wird ßov£vyqg als appellatives epitheton 
erklärt; das von Musurus anstatt aj gesetzte ö, welches auch in 



264 71. Euripides. Nr. 5. 

die neueren texte übergegangen ist, zerstört den sinn der stelle. 
Im schol. Aesch. ä. a. o. Bov^vytjg 8s tuXrjdrj vsvpitTjg (Sauppe 
'EnifjisviSrjg) l49t]vaiav räv ndlai , o arig ngwiog £svyog s£ev%ev 
dürfte vielleicht vonodhrig 'j4&7]valcov gestanden haben, vrgl. 
Pfeiler Mythol. I, 169. 642 über Buzyges als gesetzgeber. Je- 
ner tempel, wo Pausanias die Standbilder des Trip toi emos und 
Epimenides sah, lag, wie ich anderswo (Enneakrunos und Pe- 
lasgikon. Münchner Akad. Sitzungsber. 1874, p. 263 ff.) ge- 
zeigt habe , sammt der Enneakrunosquelle am südfuß der akro- 
polis und gehörte zum städtischen Eleusinion. Pausanias irrt 
also, wenn er das bild dem Kreter zuschreibt, und demselben 
irrthum ist die oben erwähnte beschreibung der haartracht des- 
selben entsprungen. Auch die nymphe Blaste, welche Plut. 
Sol. 12, Suidas und Eudocia als mutter des kreters Epimenides 
nennen (daß Balte bei Plutarch und Blaiste bei Eudreia ent- 
stellungen sind, zeigt K. Keil Zeitschr. f. alt. 1844, p. 818), 
verbinden wir mit dem eleusinischen heros. Mit Demeter kuro- 
trophos, der ziehmuttef des Triptolemos in Eleusis, zusammen 
verehrt erscheint sie in der von Keil Neue Jahrbb. suppl. P7, 
652 ergänzten Inschrift Ephem. arch. nr. 1830 staodog ngog 
^a)tjx6i> B\ä(a)vrig xul KovgoTQoepov avii[ievt] toö Ötjftw. Ihr ver- 
wandt ist Demeter Chlöe, die beschützerin des grünens, welche 
mit Ge kurotrophos im cultus vereinigt wurde; als personifica- 
tion des keimens (ßXäatij) eignete sich die nymphe Blaste passend 
zur mutter des ersten pflügers. — [Es ist wohl gestattet, bei 
dieser gelegehheit an Bötticher im Phil. Suppl. m, p. 290 ägg. 
zu erinnern. — E. v. £».] 

U. 



71. De Euripide rhetorum discipulo. Scr. Maximilianus 
Lechner. Programm des gymnasiums zu Ansbach 1874. 

Während Sophokles von den rhetorischen kunstmitteln nur 
einen seltenen und immer maßvollen gebrauch macht, ist Euri- 
pides geradezu zum rhetorisch-sophistischen redekünstler gewor- 
den. Und sein beispiel zeigt deutlich, wie die rhetorik von der 
sophistik nicht zu trennen ist. Dies alles ist freilich längst be- 
kannt, aber die fleißige Zusammenstellung aller wechselreden 



Nr. 5. 72. Cebes. 265 

und der formen des proömiums und der argumentation , endlich 
einzelner beispiele rhetorischer elocution ist immerhin ein aner- 
kennenswertes verdienst des vrfs. Interessant ist auch der nach- 
weis, daß die composition des dichters mit absieht auf die gele- 
genheit zu wechselreden angelegt ist, und der gebrauch rheto- 
rischer mittel offen und unverblümt ausgesprochen wird, z. b. 
El. 1060: Xhyoifi 1 av uq%tj 5' tjSs uoi ngo o( piopt Ja es fin- 
den sich ganz auffallende formein, deren gebrauch selbst bei 
den rednern selten ist. Wenn man Med. 475 : ix 8s iä>v ngtö- 
icov ngäiov uQ^oficu Xsystv, oder Suppl. 517: xa\ nnära fis'v äs 
ngog ia st^cüt' a^siyjo^ai mit Aeschines Ctes. 57 vergleicht: 
Xsioi 8s noärov nsgi iov ngoiiov xaigoii xai Ssvisgov tisqi iov 
8svtfqov xai iglxov nsg) iov septirjg , so möchte man fast glau- 
ben, Aeschines sei bei Euripides in die schule gegangen. 

Natürlich fehlen auch nicht die Gorgianischen figuren, die 
dvnOsastg nagiawaeig und opoioislsviu. Dagegen ist die Ver- 
wendung der synonymen nicht so häufig als man erwarten sollte, 
und es ist aus ihrem gebrauch noch keineswegs so sicher auf 
den einfluß des Prodikus zu schließen. Bei Thukydides ist die- 
ser einfluß augenscheinlich, aber bei Euripides kann ich denselben 
nicht zugestehen. Stellen wie Med. 758 ngu^ua ä [As'D.m xai 
rv^ova ä ßovl.onai, sind doch nicht wesentlich verschieden z. b. 
von Herod. VIDI, 101 : iavia äxovaag St'g^tjg wg ex xaxäv i'^QV 
is aal rjö&tj. 

Ueberhaupt ist zwischen natur und kunst recht wohl zu 
unterscheiden. Wenn Herod. VIDI, 100 den Mardonius sagen 
läßt: ob yccg %v).k)p ayav 6 zo näv epsgeov sai\ rjfth, &%V äv8gä>v 
is xai Inncov , so klingt das zwar rhetorisch , ist aber doch nur 
der natürliche ausdruck des vorhandenen pathos. 

Wünschenswerth bleibt deshalb noch immer eine eingehen- 
dere rhetorische Interpretation des Euripides. 

Uebrigens ist auch diese abhandlung so geschmackvoll ge- 
schrieben , daß ihre leetüre ein angenehme Unterhaltung bietet. 
— [Vrgl. ob. hft. 3, p. 145. — E. v. Z.] 

A. Weidner. 



72. De arte critica Cebetis tabulae adhibenda scripsit dr. 



266 72. Cebes. Nr. 5. 

Carolus Conradus Mueller, bibl. reg. Virc. amanuensis. 
8. Virceburgi typis expr. C. I. Becker 1877. 82 s. 

Die kleine schrift Kpßqrog nlva.% ist zuletzt mit kritischem 
apparat und index verborum von Friedrich Drosihn herausgege- 
ben, Leipzig bei Teubner 1871 , allein so nachlässig und unge- 
nügend, daß sie den gerechten anforderungen in keiner weise 
entspricht. Die recension im Lit. Centralbl. 1872, p. 532 spricht 
das sehr scharf aus und die eingehende besprechung von Sauppe 
in den Göttinger Gel. Anz. 1872, p. 769 — 777 deckt die man- 
nigfachen mängel der neuen recognition unwidersprechlich auf, 
indem sie durch höchst beachtenswerthe besserungsvorschläge 
zeigt , wieviel für eine genauere constituirung des textes noch 
zu thun übrig bleibt. Die beurtheilung in Bursians Jahresb. 
1873 II, p. 1299 ist mir nicht zugänglich gewesen. Drosihn 
hat nur ein paar stellen wirklich gebessert und einige glosseme, 
deren dies früher als Schulbuch viel gelesene schriftchen viele ent- 
hält, richtig erkannt. Hauptsächlich hat er darin gefehlt, daß 
er sich über die handschriftliche grundlage nicht hinlänglich 
informirte und über den werth der handschriften sich entweder 
gar kein oder kein sicheres urtheil bildete. Deshalb verfährt 
er auch in der verwerthung der überlieferten lesarten durch- 
aus unmethodisch und willkürlich. Diesem mangel in der ars 
critica sucht die oben genannte schrift von Müller abzuhelfen. 
Wir begrüßen das fließend geschriebene und sauber ausgestat- 
tete büchlein als Vorläufer einer neuen kritischen ausgäbe der 
tabula Cebetis und freuen uns, daß Sauppe's bedauern oder be- 
fürchtung, es werde eine andere kritische ausgäbe gerade dieser 
schrift kaum so bald folgen, nicht einzutreffen scheint. Nach 
der art, wie Müller die allerdings unerläßliche Vorarbeit absol- 
virt hat, zu urtheilen dürfen wir eine befriedigende und mög- 
lichst abschließende leistung erwarten. 

Aus cap. I (de omnibus quae adhuc Cebetis tabidae emendandae 
sunt adlribita subsidüs) und cap. II (de codicibus etprius notis et nuper 
repertis) notiren wir hier nur, daß Müller außer den fünf bisher 
benutzten handschriften, den vier Parisern und dem mysteriösen 
codex Meibomii, noch acht andere zu Rom, Florenz, Venedig und 
Wien befindliche theils selbst verglichen hat, größtentheils für 
sich hat vergleichen lassen , einzelne freilich nur stellenweis — 
ein ebenso notwendiges als tinerquickliches und oft wenig ein- 



Nr. 5. 72. Cebes. 267 

fragliches geschäft. "Wir wünschen ihm, daß er überall gut be- 
dient worden ist; denn beim collationiren kann man sich meist 
nur auf seine eigenen äugen und auf diese oft auch kaum ver- 
lassen. Wir haben in dieser hinsieht kürzlich interessante dinge 
über collationen des Aeschylos und Euripides zu hören bekom- 
men. — Cap. III handelt de codieibus aestimandis und zeigt zu- 
erst, daß der Par. A (membr. s. XI) die eine classe repräsentirt 
und als das fundament der kritik bis cap. XXIII, 2 äaneo- 
tiqoteqov (so weit reicht er nur) zu betrachten ist-, die sämmt- 
lichen andern bilden die zweite classe , mit ausnähme von dem 
cod. Meibomii (M), der nach § 2 eine besondere Stellung einnimmt 
und bald mit A völlig, bald fast völlig übereinstimmt, bald 
wieder von A und den übrigen gleicherweise abweicht , endlich 
die correcturen von Par. C bietet , mit C und K (cod. Corsin. 
ex bibl. Nie. Rossi) sich nahe berührt , im letzten theil von 
XXIII, 2 an mit V (cod. Vaticanus) zusammengeht, kurz hin und 
her irrlichtelirt. Unser vrf. giebt sich die erdenklichste mühe, 
diesen Proteus zu fassen. Mir will es bedünken, als sei die ar- 
beit verlorene liebesmühe. Die ganze Untersuchung bewegt sich 
auf dem schwankenden boden der von Reland besorgten ausgäbe 
des Meibom, die nicht mit großem verständniß noch viel weniger 
mit der nothwendigen akribie gemacht zu sein scheint. Aus 
allem, was ich in dem langen paragraphen lese, möchte ich die 
vermuthung wagen, daß Meibom gar keinen besonderen, heute ver- 
schollenen codex besessen oder benutzt habe , und daß die ge- 
schichte vom codex M ein philologischer mythos sei. — § 3 führt 
aus , daß für die in A fehlende partie V die grundlage bilden 
müsse, während er sonst neben A nur subsidiär aufzutreten hat. 

— § 4. Den excerpten Meiboms ist keinerlei werth beizumessen. 

— Cap. IV beschäftigt sich mit der editio prineeps. Müller ist 
geneigt der aldina vor der dem Zacharias Callierges beigelegten 
den vorzug zu geben ; wenigstens bildet sie die grundlage der 
vulgata. Die hierauf bezügliche anmerkung p. 70 mußte einen 
bestandtheil des textes bilden. — Cap. V bespricht die lateini- 
schen Übersetzungen, zunächst die des Odaxius, Bononiae 1497. 
Mein verehrter namensvetter wolle es mir nicht übel nehmen, 
wenn ich hier einige ausdrücke rüge. Es heißt p. 72 : Ac tri- 
bus certe locis ab omnibus quos novimus codieibus mir um quan- 
tum distat. In c. XIV, 2 enim videtur exstitisse lacuna a voca- 



268 72. Cebes. Nr. 5. 

bulis vtj Ala y.oX ade usque ad vocdbula vtj Aia xou jtei' avjijg 
yc, nisi potius errasse Odaxium vel typothetas putes. Was ist daran 
wunderbar, daß das äuge eines Übersetzers oder setzers von 
einem rtj dia xal zu einem rtj Jia xai abspringt?! Am schluß 
desselben capitels stehen (auch noch bei Drosihn!) die worte: 
töte av ovtco a<o&rjaovtai [1. töte 8rj ovtoi a. (Sauppe)] <o8e de 
fievovteg nagu. rrj ^evSonaiSeCa ovSinote änoXv&^aoptai ov8e 
iXXeiifjet avtovg nanov ov8ei> evexa, tovtcov {ia&rifidi03t. Odaxius 
übersetzt: tum demum ita salvi et incolumes erunt, Neque ullo 
unquam falsae disciplinae commertio labefactari poterunt neque horum 
studiorum gratia mali quippiam adipiscentur. Das iX).£i\pet hat 
Odaxius allerdings falsch verstanden oder gelesen , aber daß er 
statt w 8 e etwa ovSs gelesen habe, wird man mit Müller schwer- 
lich behaupten können. Wenn Odaxius ferner die lücke in c. 
XXXV, 3 auf seine weise ausfüllt (gut ergänzt bei Drosihn, s. 
bei Müller Appendix p. 80. 81), so hätte Müller nicht schließen 
sollen : integriore igitur videtur usus esse codice , zumal er eine 
seite weiter (p. 73 u.) selbst sagt: non ex integriore codice ad- 
scivisse illud supplementum , sed ex sua vel alius coniectura addi- 
disse Odaxium statuendum est. Das letztere ist gewiß richtig, 
das erstere forderte den leser vor der zeit zum Widerspruch 
heraus. Bloß um die von niemand bestrittene Wahrheit zu er- 
härten , daß die alten Übersetzer bald sehr frei verfahren , bald 
sich eng an das griechische original anschließen, war das gelehrte 
citat aus Ritschis Opusc. philologica wohl kaum nöthig. Warum 
giebt uns Müller statt der Verweisungen p. 3 anm. 3 nicht lieber 
die nöthigen daten über Odaxius, soweit sie uns hier interessiren 
können ? Wer hat denn gleich gelegenheit, zeit, lust den Ioecher, 
Wippelius, Tiraboschi und was weiß ich nachzuschlagen ! Warum 
sagt Müller von dieser Version bloß : plura exhibet in fine verba 
quam editio princeps, warum giebt er weder hier auf p. 3 noch 
anderswo dieses plus genau an? Solche arbeiten wie die seini- 
gen müssen etwas statistisches haben. Doch dies nur beiläufig. 
Lassen wir den Odaxius mitsammt seinem Zeitgenossen und colle- 
gen Questenberg, dessen lateinische Übersetzung in einem codex 
Monacensis lat. 924 gefunden und verglichen ist, um noch mit 
einem worte hinzuweisen auf die in cap. VI besprochene arabi- 
sche Übersetzung. Sie allein hat den schluß des dialogs aufbe 
wahrt, der nach der lateinischen version des Elichmannus auch 



Nr. 5. 72. Cebes. 269 

von Drosihn abgedruckt ist. Sie scheint nach einer sehr guten 
den Par. A noch übertreffenden handschrift angefertigt zu sein 
und es erweckt allerdings ein günstiges vorurtheil für sie , daß 
mehrere emendationen Sauppes sich aus ihr eruiren oder durch 
sie belegen lassen. Sie verspricht , gehörig ausgebeutet , eine 
fundgrube guter lesarten zu werden. Müllers gewährsmann ist 
P. de Lagarde. 

Was hat also Müller vor den früheren herausgebern voraus ? 
Zuerst vollständige beherrschung des handschriftlichen materials 
und genauere collationen ; sodann die recensionen der ausgäbe 
von Drosihn, des letzteren eigene Verbesserungen wie irrthümer, 
vor allem aber Sauppes reichhaltige anzeige, die den rechten 
weg zeigt und führt ; außerdem einige in der Appendix namhaft 
gemachte hülfsmittel, darunter eritica miscellanea von Porsem; end- 
lich die neuerdings herausgegebene und von P. de Lagarde be- 
handelte arabische Übersetzung. Was sonst noch zur kritischen 
bearbeitung eines griechischen Schriftstellers gehört, hat Müller 
hoffentlich auch. Wir möchten ihm nur noch den wünsch aus- 
sprechen , daß er den liebenswürdigen kleinen Cebes nicht mit 
dem unnützen bailast aller möglichen handschriftlichen lesarten 
beschweren möge und nicht jede abweichung als eine Variante 
betrachten wolle. Unsers erachtens genügen die wirklichen 
lectiones variantes des Par. A und des einen oder andern Vertre- 
ters der zweiten classe , wo diese und insofern diese überhaupt 
von belang zu sein scheint. 

H. Müller. 

[Vorstehender anzeige schließe ich eine mir von hrn. dr. 
C. C. Müller freundlichst zugegangene mittheilung an. 

Zu Cebes. 

Durch die gute der herrn prof. dr. J. Gildemeister in Bonn, 
dr. M. C. Gertz in Kopenhagen und conservator dr. W. N. du 
Eieu in Leiden bin ich in der läge, folgende nachtrage zu mei- 
ner schrift De arte eritica Cebetis tabulae adhibenda. Virceburgi 
(Stuber) 1877 zu geben: 

Zu p. 80 : Die Annotamenta et excerpta Thebana, welche eine 
bonner handschrift des 17. Jahrhunderts (irrthümlich im cata- 
loge dem 18. Jahrhundert zugewiesen) enthält, sind aus der aus- 
gäbe von Daniel Classen (Magdeburg 1652) entnommen, also 
ohne selbständigen werth. 



270 73. Epikuros. Nr. 5. 

Zu p. 11 f.: In Kopenhagen findet sich weder in der 
königlichen noch in der universitäts-bibliothek eine handschrift 
von Cebes; die randbemerkungen , welche in drei der dortigen 
collectio Fabriciana angehörigen ausgaben eingetragen sind , aber 
nicht von Jo. Alb. Fabricius hand herzurühren scheinen, ent- 
halten nichts brauchbares. 

Zu p. 46: In der Leidener bibliothek befinden sich die 
handexemplare M. Meiboms nicht. 

Da M. Meibom, ehe er nach Kopenhagen ging, am hofe 
der königin Christine von Schweden sich aufhielt (cf . A. J. v a n 
der Aa, biographisch Wordenboek der Nederlanden. 12. p. 
537. Biogr. univ. 28. p. 141), so könnte man leicht auf 
die vermuthung kommen, die von ihm benützte handschrift habe 
der bibliothek der königin Christine angehört ; wie mir jedoch 
herr dr. A. Mau in Kom gütigst mittheilte, ist in der bibl. 
Eegin. heutzutage keine handschrift von Cebes.] 



73. Neue bruchstücke Epicurs insbesondere über die Wil- 
lensfrage. Von Th. Gomperz. Wien 1876. Bei Karl Gerolds 
söhn. 14 s. 

Der eifrige interpret der herkulanischen rollen giebt uns 
auf den vorstehend bezeichneten blättern einen vorläufigen be- 
rieht über zwölf in den Volumina Herculanensia veröffentlichte 
bruchstücke aus Epicurs hauptwerk neol qivaswg. Dieselben 
liefern zwar nur zum kleinern theile einen wirklichen Zuwachs 
zu unserer kenntniß der philosophie Epicurs, eröffnen uns aber 
eine vielversprechende aussieht auf fernere funde. Denn sie 
bestätigen die schon früher von Gomperz ausgesprochene an- 
sieht , daß in den Überresten der herkulanischen bibliothek das 
große werk Epicurs in zwei exemplaren vorhanden ist, deren 
fragrnente vielleicht vielfach sich gegenseitig ergänzen oder er- 
klären werden. Die zwölf herausgegebenen bruchstücke vertre- 
ten nur neun bücher jenes werks, da das erste und zweite, das 
dritte und vierte und das achte und neunte stück doubletten 
sind. Einzelne bruchstücke hat der herausgeber schon früher 
in der Zeitschrift für österreichische gymnasien (1867) zu er- 
klären vemicht. Unter den übrigen erwecken das achte und 



Nr. 5. 73. Epikurös. 271 

das neunte stück ein hervorragendes interesse , da sie uns er- 
wünschten aufschluß über Epicurs lehre vom menschlichen -willen 
geben. Bisher war man geneigt , aus Epicurs dogma von der 
willkürlichen Selbstbestimmung der atome , die sich in ihrer ur- 
sachlosen abweichung von der falllinie offenbare, die annähme 
zu folgern , daß er auch die menschlichen handlungen lediglich 
von der individuellen willkür abhängig mache. Insbesondere 
schien eine stelle im Lucrez (II, 251 — 293) diese ansieht zu 
begünstigen. Mit recht behauptet Lange (geschichte des mate- 
rialismus I, p. 140, anm. 68), daß die dort vorgetragene lehre 
von der unbewußten willkür , mit welcher die seelenatome die 
richtung des willens bestimmen sollen, consequent durchgeführt, 
jeden Zusammenhang zwischen den handlungen einer person und 
ihrem character aufhebe. Daß aber diese streng logische folge- 
rung den anschauungen Epicurs fern lag , geht schon aus einer 
stelle seines briefes an Menoikeus (Diog. Laert. X, 133) hervor, 
wo er dem menschen die sittliche Verantwortlichkeit für seine 
handlungen zuschiebt: to de nuy t^üg ubicmoiov • w xal zo 
[is^mov xal io iravrlov 7iaoax.o).ovdeiv niq.vy.sv. In den neu 
herausgegebenen fragmenten erörtert nun Epicur zunächst die 
frage nach dem Ursprung unserer handlungen. Er findet ihn, 
seinen materialistischen grundsätzen gemäß, in den Vorstellungen, 
welche von außen als abbilder der dinge auf unsere seele ein- 
dringen. Insofern dieselben lediglich nach den um uns herr- 
schenden gesetzen entstehen, sind auch unsere handlungen von 
diesen gesetzen abhängig, weil sie eben durch die Vorstellungen 
veranlaßt werden. Aber nur die erregung des willens , nicht 
die richtung ist auf die außenweit zurückzuführen. Die rich- 
tung des willens wird vielmehr durch unsere eigenen meinungen 
bestimmt 1 ). Dies scheint wenigstens der sinn des verstümmelten 

1) Diese bedingung hebt der Epikureer an mehreren stellen der 
schrift hervor, besonders auf Col. 36, 7 ff. Die stoiker, sagt er dort, 
übersehn die von uns ausdrücklich gestellte bedingung , daß keine 
erscheinung dem Schlüsse widersprechen dürfe. Z. b. genügt für das 
dogma, nach welchem bei der weltbildung die atome von der fall- 
linie nm ein kleinstes abweichen , nicht die annähme des zufalls und 
die berufung auf unsern willen (weil nämlich nur durch eine solche 
Voraussetzung die individuelle Selbstbestimmung des menschen zu er- 
klären wäre), sondern man muß noch dazu beweisen, daß dasselbe 
mit keiner erscheinung im Widerspruch stehe. Dies scheint nämlich 
der sinn der schwierigen worte zu sein: ov yc<g ixavbv dg rb ngoa— 
oil-ac&ca, rag in' iXäyionv nciQsyxUCHQ tiZv arö^nav &u< ro Tvytjqbf xal 



272 73. Epikuros. Nr. 5. 

Satzes zu sein: ta ix rov negit'xovjog xar' apdyxtjv Ötu tovg 
nögovg siagsoi'ta nag 1 tjfiag röte ylveadai xai naga rüg fipErsgag 
xal rifiäv avrmv 86%ag .... nagä rr\v fpvatv. 

Daß unser wille, fährt Epicur fort, dem starren gesetz der 
nothwendigkeit sich entziehen kann, geht schon aus der thatsache 
hervor, daß wir einander zurechtweisen, bekämpfen und umstim- 
men. Wer auch dieses zurechtweisen und umstimmen auf die 
von uns unabhängige naturnothwendigkeit zurückführen wollte, 
würde sich in unlösbare Widersprüche verwickeln. Denn in dem 
streit der meinungen würde er doch schließlich in sich die Ur- 
sache des richtigen denkens, in dem gegner die Ursache des irr- 
thums suchen und erkennen. Wozu sonst sein bemühen, den an- 
dern zu überzeugen? — Im weitern verlauf seiner betrachtun- 
gen wendet sich Epicur gegen die mißbräuchliche anwendung 
des worts nothwendigkeit, womit man oft nicht nur die Wirk- 
samkeit unwiderstehlicher naturgesetze, sondern auch solcher Ur- 
sachen bezeichne, von denen unser handeln nicht absolut abhän- 
gig sei. Die spitze der ganzen beweisführung ist gegen die 
Weltanschauung gerichtet, welche die unbedingte herrschaft der 
nothwendigkeit und des zufalls anerkennt. Epicur weist nach- 
drücklich darauf hin, daß eine solche lehre durch das practische 
leben selbst widerlegt werde und daß sie den gläubigen in be- 
ständiger unruhe erhalten, ja elend machen müsse. — Vorste- 
hende mittheilungen lösen freilich nicht alle zweifei über Epi- 
curs Stellung zur willensfrage. Insbesondere vermissen wir eine 
bestimmte und unzweideutige äußerung über die art der abhän- 
gigkeit unseres willens von den bewegungen unserer seele. Doch 
ist soviel gewiß , das Epicur nicht die absolute Willensfreiheit, 
d. h. die Unabhängigkeit des willens von jeglicher Ursache ge- 
lehrt , sondern einen causalen Zusammenhang zwischen unsern 
handlungen und unsern Überzeugungen anerkannt hat. Der 
schwerpunct seiner willenstheorie lag offenbar in der entschie- 
denen polemik gegen eine fatalistische oder casualistische Welt- 
anschauung. — Leider ist das verständniß auch dieser werth- 
vollen bruchstücke an einzelnen stellen durch die mangelhafte 

rb fing' Tj/ucls, dkla dtl ngoßfmdeil-at . . . Vor du\ rb ro^rigbv scheint 
ein td ausgefallen zu sein; rb nag' ^u«? (was in uns seine Ursache 
hat, was von unserer entscheidung abhängt) bezeichnet unsern willen ; 
vrgl. Diog. Laert. X, 133 : rb dt nag' v/ung adianorov. 



Nr. 5. 74. Die Aristarcheer. 278 

Überlieferung erschwert. Mit den letzten beiden satzf'ragmenten 
weiß ref. nichts anzufangen. 

Fr. Bahnsch. 



74. Die werke der Aristarcheer im codex Venetus A. Von 
Adolf Eoemer. (Separatabdruck a. d. Sitzungsber. bd. II hft. 
3 der philos.-philol. classe der k. academie d. Wissenschaften 
zu München). München, F. Straub. 1875. 

Schon vor zwei jähren erhielt ref. diese schrift von der 
redaction des PhAnzeigers zugesandt, um eine anzeige der- 
selben zu liefern. Immer aber , so oft er sich auch an die ar- 
beit setzte , schob er sie alsbald wieder bei seite , weil er sich 
sagte , daß er bei den ihm zu geböte stehenden mittein etwas 
selbständiges in der anzeige zu bieten außer stände sein würde. 
Diese bedenken nun sind in den hintergrund gedrängt durch 
die erwägung, daß von Schriften, die wie diese nur wenigen zu- 
gänglich sind, mindestens ein kurzes referat für den PhAnzeiger 
erwünscht sein muß. 

Auf grund einer neuen collation des Venetus A. für die scho- 
lien der ersten neunzehn bücher der Ilias [die letzten fünf bücher 
hat vrf. nicht selbst verglichen, sondern nach Bekker und La 
Roche Text und zeichen p. 2 7 ff. gegeben] wird hier zum ersten 
male durch den auf dem gebiete dieser Studien schon lange 
rühmlich bekannten vrf. eine methodische Sichtung der gesamm- 
ten scholienmasse vorgenommen und diese dann für herstellung 
der Schriften der viermänner verwerthet. Abweichend von La 
Roche bezeichnet Roemer, unter Verwerfung des namens zwischen- 
scholien, diejenigen scholien , die unmittelbar am texte, sei es 
auf dem inneren rande, sei es zwischen dem texte und den 
größeren randscholien, stehen , mit dem namen textscholien , die 
am obern mittlem und unteren rande stehenden nennt er rand- 
scholien, interlinearscholien die, welche zwischen die zeilen des 
Homertextes geschrieben sind. 

Die textscholien unterscheiden sich von den randscholien 

dadurch , daß sie in sehr gekürzter form nicht selten dieselbe 

sache behandeln über welche die randscholien ausführlicher sind. 

An einer ganzen reihe solcher doppelscholien des Didymus zeigt 

Philol. Anz. IX. 19 



274 74. Die Aristarcheer. Nr. 5. 

der vrf. dann das verhältniß beider arten von scholien zu ein- 
ander auf (p. 245—259). 

Das resultat ist: die textscholien bieten meist nur den an- 
fang der didymeiscben notiz, sie geben nur die Übereinstimmung 
einer aristarcbiscben lesart mit dem texte, resp. die abweicbung 
von demselben an , und bezeichnen andre ausgaben , wo solche 
überhaupt berücksichtigt werden , ganz unbestimmt mit allot, 
wogegen die randscholien oft mehre lesarten des Aristarch oder 
auch andrer ausgaben berücksichtigen. Endlich fallen die be- 
legstellen und urtheile, mit denen Didymus in den randscholien 
eine lesart empfiehlt oder verwirft, meist ganz aus oder sie wer- 
den nur sehr unvollständig gegeben. 

Roemer hat p. 263, 264 beweise beigebracht, daß die an- 
dern handschriften , besonders cod. V. zuweilen, allerdings ver- 
hältnißmäßig recht selten, diesen mangelhaften auszug zu ergän- 
zen vermögen. 

Unter den Widersprüchen, die sich zwischen den beiden 
Überlieferungen des cod. A. und des cod. V. hier herausstellen, 
ist der eine N 358 von Roemer durch eine evidente correctur 
gehoben, bestehen aber bleibt ein anderer 3 223 wo A bietet: 
'säQiOTCtQXog fiityoa (sie!), aXXoi 8s iw. V dagegen: sw : ovtmg 
'dgtozaQxog, Zyrödorog de (isam. Anders als bei den textscholien 
liegt die sache bei den randscholien: hier sind die meisten der 
auszüge so beschaffen, daß sie nichts wesentliches vermissen 
lassen, selbst wenn die ausgaben des Aristarch neben den andern 
(besonders des Zenodot und Aristophanes) nicht ausdrücklich 
genannt werden wie z. b. A 124 diu tov ~ö na} v. ovrmg x«< 
rj Zmaiyivovg xal r\ ' Agiazocpüt'ovg, aus dem ersichtlich ist, 
daß Aristarch ebendieselbe lesart hatte , wie die im scholion 
genannten. 

Dagegen kann z. b. schob J 137 pirgyg & ?}»• icpogsi sgv- 
[ia: j? Zi]vo8vTov xal 'AQiazocpävnvg fXv^ia £?%ov oiov sihjfia und 
alle ähnlich gefaßten unmöglich so von Didymus geschrieben 
sein. Hier können nun die lemmata zu den randscholien we- 
nigstens noch einen wenn auch geringen anhält geben für die 
aristarchische recension , während die textscholien uns völlig im 
stiebe lassen. 

Die beispiele, die Roemer sodann p. 269 — 275 zusammen- 
gestellt hat, beweisen evident, daß die textscholien mit dem text, 



Nr. 5. 74. Die Aristarcheer. 275 

an dem sie standen, in beziehung gesetzt waren, d. h. daß in 
ihnen die lesart des textes mit der des Aristarch übereinstimmte, 
da nur die grammatiker Zenodot und Aristophanes erwähnt 
werden, während der name des Aristarch überall vermißt wird. 
Daß dieser text an manchen stellen von dem codex A abweicht, 
erweist p. 280. 

Im folgenden von p. 281 an versucht Eoemer aus den an- 
dern handschriften, namentlich dem V, den kurzen textscholien 
einige bereicherung zuzuführen, wenn auch selbst diese kaum 
des Didymus eigne worte bieten, sondern nur seine spuren 
verrathen. 

Im einzelnen möchte ref. folgendes erwähnen. Zu / 405 
(froißov ' Ano).).coiog: ygucpst Ztjiödozog „vtjov 'AnoXlarog" bemerkt 
Eoemer , daß wohl das ganze scholion dem Aristonicus gehören 
möge und daß ort ausgefallen sei; dies wird bestätigt durch 
Dindorf's angäbe : ort om. A. sed praefixam versui habet öinltjv 
nsQisGTtyfitrtjv. 

Zu 459 (s. p. 274) ist wohl mit La Eoche, textkrit. p. 
130 fid^tjg: ovtoag Zr\\ 68otog fj-ü'/pig zu lesen, äXkoi 8s \iäyriv' xal 
'Agiazoqidvtjg 8s ^dx^v. . so daß in den alloi 8s Aristarch mit 
enthalten wäre. Vrgl. zu TV 358 wo in A steht: ioi: ovtwg 
'Agiatocpdttjg, äXXoi 8s o l, dagegen in V sgiSog : ' Aglarag^og 
S'sgtSog, 'AgiGToqidvtjg toi, was Eoemer überzeugend, wie schon 
oben erwähnt, emendirt ' Agiarag^og ol d'sgiSog, ' Agicstoqsdvrig 
toi; woraus denn eben, wie gesagt, folgt, daß in den akloi des 
codex A Aristarch mit enthalten ist. 

Ein novum hat Eoemer beigebracht aus codex B, ein von 
Villoison und Bekker ausgelassenes randscholion zu H 458 (p. 
282), und einen nachtrag zu Dindorf, das textscholion zu A 465 
(p. 280). Ob sich noch mehr solche ergänzungen finden, hat 
ref. nicht untersucht. Sicher emendirt Eoemer in dem schol. V 
zu 163 ob Siaqiigeig yvvaiv.og oo /4i6[iT]8sg für ov Siacpt'gei 
yvvaixog to 8r]fxüJ8sg. 

Den Schluß macht in der anm. auf p. 284 eine berichtigung 
des fgm. 6 bei M. Schmidt, Didymi Chalcenteri fragm. p. 180, 
welches nach genauer einsieht der handschrift (B) dem Didymus 
abgesprochen werden muß. 

Nächst dem werke des Didymus ist das des Aristonicus in 
A am stärksten in den textscholien vertreten. Eine umfang- 

19* 



276 74. Die Aristaroheer. Nr. 5. 

reiche gegenüberstellung von rand- und textscholien p. 284 — 
289 zeigt das verhältniß beider zu einander auf, welches Eoemer 
in folgender weise präcisirt. 

Einige textscholien haben durch wegfall der erklärungen 
und begründungen eine kürzere form erhalten. Sie geben ge- 
wöhnlich nur eine erklärung , die randscholien öfters mehrere. 
Nicht nur in bezug auf den umfang, sondern auch in der form 
und fassung weicht ein theil der textscholien von den randscho- 
lien ab. Im ganzen sind also in der gesammtheit der textscho- 
lien des Aristonicus dieselben kürzungen wie bei Didymus ein 
getreten, wenn auch etwas weniger ausgedehnt. Manche deuten 
auf die vor den versen stehenden critischen zeichen nur hin, 
ohne auch nur eine spur von begründung zu bieten, die wir 
allerdings zum theil aus andern z. b. aus Herodian zu ergänzen 
vermögen. Wenn nun auch manche der scholien schon von 
Aristonicus selbst kürzer gefaßt waren , so ist doch sicher , daß 
in den textscholien, die eine lesart des Zenodot einfach erwäh- 
nen , ohne eine Widerlegung zu versuchen , entschieden wesent- 
lich gekürzt sind , wogegen die randscholien wie bei Didymus 
einen ungleich bessern auszug bieten. P. 294, 295 zeigen eine 
ganze reihe solcher textscholien. 

In bezug auf Nicanor hatte La Roche gemeint, daß von 
ihm nichts in den textscholien (er nennt sie zwischenscholien) 
erhalten sei. Dies bestreitet Eoemer und führt p. 303/4 eine 
reihe derselben an, allerdings in wesentlich geringerer zahl 
als die der beiden früheren. Durch Zusammenstellung der we- 
nigen doppelscholien , die von dem werke des Nicanor erhalten 
sind, erweist Eoemer aufs deutlichste, wie stark die textscholien 
gekürzt sind, und daß wir bei ihnen gar nicht sicher sein kön- 
nen , ob wir überhaupt nur dem sinne nach die ansieht ihres 
Urhebers richtig erkennen. 

Wie außerordentlich aber die textscholien des Herodian ge- 
kürzt sind, zeigt die nebeneinanderstellung von rand- und text- 
scholien desselben auf p. 311 — 318, wo wie vrf. bemerkt die 
randscholien in beziehung auf correetheit oder erschöpfende dar- 
stellung nichts oder nur sehr wenig zu wünschen übrig lassen. 
Außer zweifei ist, daß eine reconstruetion des Herodian nur da 
gelingt, wo randscholien das material liefern ; bei den textscho- 



Nr. 5. 74. Die Aristarcheer. 277 

lien ist dieselbe nur mit den größten Schwierigkeiten , — wenn 
überhaupt — möglich. 

Das resultat der ganzen Untersuchung giebt Roemer am 
Schlüsse. Die randscholien bieten für alle vier grammatiker den 
größern und bessern auszug „also sind auch, sagt er, wenn man 
nur die gute, nicht die zahl der fragmente betrachtet, diejenigen 
Schriften der Aristarcheer, zu denen uns die randscholien das 
meiste material liefern, am besten erbalten. Dies gilt in erster 
linie von der schrift des Herodian ; ihr nahe kommt die des 
Nicanor. Denn beide sind nur in bescheidenem maaße durch 
auszüge am texte vertreten: hingegen setzt sich das material 
woraus wir die werke des Didymus und Aristonicus reconstrui- 
ren müssen, aus zwei höchst ungleichartigen massen zusammen". 
Der kurze auszug der textscholien liefert z. b. für Didymus un- 
gefähr 2 /3, für Aristonicus 1 /s der gesammten fragmentenmasse. 
Endlich weist der vrf. auf die absolute nothwendigkeit einer 
heranziehung auch der andern handschriften hin. 

Daß aber auch diese noch nicht die einzigen quellen für 
die Wiederherstellung der Aristarcheer bleiben dürfen , hat erst- 
mals Carnuth in seinen quellenuntersuchungen des EtMagnum zu- 
sammenhängend zu erweisen gesucht. Hier mag es genügen zu 
zeigen wie der rest der notiz des Aristonicus zu Z 404 (cf. pj 
296) " Aoxvuvaxx' 1 . oiog yuQ igvezo "IXiov "Exxcoq : (/} diTiAij) bxi 
TtaotxvfioXoysT, seine ergänzung und erklärung findet durch Et. 
M. v. Aaxvava\: b viog tov "Exxooog' ov'x isazi naoä xb dvaa- 
oeiv xb ßaaiXeveiv , aXXu naoä xb ävaxcog £%siv xov äßxsog xbv 
Exxoqw oi j4.xxiy.oi xo STtißeXmg s%eiv xai (pgovxC^siv 
uvaxäg t%eii' Xtyovatr. (Vrgl. cod. V und Laurentian. no. 304.) 
Endlich zu p. 300 beißt das randscholion : oxi vmv ayäva 
xo u&outafia , xo vavaxaOfxov nut iv uXXoig uns „[&eiovl dvoov- 
xai uya>va u zi)v avruymyqv x&v &E(är, während die textscholien 
an ähnlichen stellen wie Roemer zeigt wesentlich kürzer nur 
die für die fragliche stelle passende erklärung geben. Ich 
glaube nun, daß Aristarch und nach ihm Aristonicus an einer 
stelle gewiß eine zusammenfassende erklärung gegeben hat, so- 
wie wir sie noch — allerdings auch auf ein bescheidnes maaß 
durch weglassung aller überflüssigen citate verkürzt — in Et. 
M. v. uyäv haben: atj/^uaei i äyoov b xönog xxX. . . . ovzoag 
evqov o %6 X iu £ v v no pv rma a iv 'IX i ad o g. 



278 75. Plautus. Nr. 5. 

Zum Schlüsse sei die interessante und an resultaten reiche 
schrift nochmals allen die diesen Studien obliegen auf das wärmste 
empfohlen. 

Georg Schümann. 



75. Richard Klotz: Zur allitteration und Symmetrie bei 
Titus Maccius Plautus, insbesondere im ersten act des miles glo- 
riosus. Zittau 1876. 35 s. 4 x ). 

Der vrf. weist im ersten theil seiner abhandlung p. 1 — 9, 
ohne den von Lorenz in seiner ausgäbe p. 61 scharf durchge- 
führten unterschied von buchstaben- und silbenreimen, Wortspielen 
u. s. w. zu machen, nach, daß der erste act des plautinischen Miles 
aus lauter allitterirenden versen bestehe, und zeigt entgegen der 
behauptung von Lorenz (a. a. o. p. 62) : „die assonirenden Wörter 
seien für den sinn des betreffenden satzes ohne belang" , daß 
wenigstens in dieser scene der hauptnachdruck auf den allitte- 
rirenden Wörtern liege. Den grund für die strenge durchfüh- 
rung der allitteration in dieser scene findet der vrf. in der ab- 
sieht des dichters , dadurch eine festere Verbindung der einzel- 
nen verstheile zu erreichen. Diese Verbindung müsse um so 
.erwünschter erscheinen, je öfter Personenwechsel eintrete •, in be- 
zug auf allitteration weniger gelungene stellen fänden sich in 
dieser scene daher auch nur in längeren reden. 

Im zweiten theile (p. 10 — 21) weist Klotz nach, daß diese 
allitterirenden verse in mehrere dem inhalte und der form nach 
respondirende kleine gruppen zerfallen: 

1. gruppe 1 — 4 = 5 — 8 

2. gruppe 9—10 = 42—51 

3. gruppe 19—30 = 31—41 

4. gruppe 52—57 = 66—71 

5. gruppe 58—61 = 62—65 

6. gruppe 72—77. 

Die dritte gruppe besteht in unseren handsehriften nur aus 
23, nicht aus 24 versen, Klotz nimmt daher den ausfall eines 

1) S. PhAnz. VII, 6, p. 292. — Diese anzeige hat eine entgeg- 
nung von E. Klotz hervorgerufen (programm des gymn. zu Zittau 
1877), die, obwohl im ton nicht zu billigen, uns veranlaßt, obige an- 
zeige zu veröffentlichen: man sieht, wie mannichfaltig die ansichten 
hier noch sind. — E. v. L. 



Nr. 5. 75. Plautus. 279 

verses nach vs. 33 an, worauf auch die handschriftenüberlie- 
ferung hindeutet. 

Im dritten theil (p. 22 — 35) führt der vrf. außer den er- 
wähnten versen aus dem Miles noch proben an aus Truculentus (II 
8,116), Bacchides (913—924, 925-952), Casina (II 7, 1—10), 
Rudens (450—457,892—905, 615 — 626, 232—252, 906—917), 
Curculio (591—598, 232— 243), Captivi (1028— 1036), Aulularia 
(IV 2 u. 3, in 4), Asinaria (942—947), Cistellaria (V 2), Stichus 
(58 — 67), Trinummus 820 — 862). Wenn auch schon bei schnel- 
lerem lesen jedem die fülle von allitterirenden versen im Plautus 2 ) 
auffallen mußte, so war man, auch noch nach der auseinandersetzung 
von Lorenz, geneigt, darin eher etwas vereinzeltes und gelegent- 
liches , als eine mit absieht und großem geschick durchgeführte 
kunstleistung zu sehen. Zugleich bietet diese entdeckung ein 
nicht unwesentliches moment für die kritik ; denn in v. 41 wird, 
die glänzende conjeetur praeolat für handschriftliches praevolat 
oder praevolet entschieden dadurch widerlegt, daß hier unbedingt 
eine allitteration mit velis stattgefunden hat. Die restitution des 
verses durch Klotz hat, wie er auch selber zugiebt, keine Wahr- 
scheinlichkeit, ich möchte lieber praevolem quo tu velis lesen, was 
der handschriftlichen lesart am nächsten bleibt, wenn damit 
auch noch nicht gesagt sein soll, daß mit dieser änderung das 
richtige getroffen ist. 

In v. 55 betont Klotz quöd omnes (p. 21 und 25), was 
einerseits die Symmetrie mit dem correspondirenden v. 69 stören 
würde, andererseits auch wegen der Verkürzung der ersten silbe 
von omnes ganz unmöglich ist. Unbedenklich ist hier quo omnes 
zu lesen , da das auslautende d sich so verflüchtigt hatte , daß 
es der elision des vorhergehenden vocals kein hinderniß bot. 
(s. Buecheler, Grundriß der lat. decl. p. 14). 

Im dritten theil kann ich mich mit der lesung von Trin. 
820 — 862 als trochäischen octonaren nicht einverstanden erklä- 
ren. Abgesehen von allen andern gründen sollte jeden schon 
der vers 833 überzeugen, daß wir es hier mit trefflichen ana- 
pästen zu thun haben ; denn bei trochäischer messung muß man 
nicht nur gegen gedanken und handschriftenüberlieferung das me 
streichen , sondern der vers klingt auch schlecht , während bei 

2) Auffallend häufig findet sich die allitteration auch bei Tibull. 



280 76. Anthologia. Nr. 5. 

anapästischer messung der vers ein vorzügliches beispiel von ton- 
malerei ist: wir werden erinnert an das homerische 8i£a%iGEv ig 
avspoio. Dabei will ich noch bemerken, daß die betonung von 
Brix satellites schlecht klingt, wahrscheinlich sprach man satlitks. 
Bei diesem worte hat Brix in der einleitung zur zweiten aufläge 
p. 1 5 vergessen, das sdtellites im trochäischen rhy thmus der ersten 
aufläge nach dem anapästischen in der zweiten zu ändern. 

Ferner sehe ich nicht ein, weshalb Klotz Bacch. 949 — 952 
widersprechend den vorhergehenden und nachfolgenden versen 
trochäisch mißt (vier trochäische octonare , von denen der letzte 
katalektisch sein soll) ; es empfiehlt sich doch nicht, einem dichter 
einen bunten Wechsel von rhythmen zu octroyiren. In meiner 
schrift de ablativi cas. form, plaut. p. 24 habe ich die iambische 
messung dieser verse hervorgehoben und bezweifele überhaupt 
das vorkommen trochäischer octonare im Plautus ; denn alle der- 
artige partien scheinen mir entweder iambischen oder anapästi- 
schen rhythmus zu haben. 

Schließlich noch die bemerkung, daß fortgesetzte sorgfältige 
forschungen die von Klotz gewonnenen resultate bestätigen und 
vermehren werden. 

F. B. 



76. Hermanni Hageni De aliquot Antbologiae latinae 
carminibus et de tractatu aliquo Bernensi de Philautia disputa- 
tio. Bern, Schmidt 1877. 23 s. 4. (Gratulationsschrift zu 
G. F. Eettig's fünfzigjährigem doctorjubiläum.) 

Die gedieh te 894 — 896 Ries, der lateinischen Anthologie 
waren bisher nur aus der von Patisson 1587 besorgten ausgäbe 
des Petronius bekannt; woher sie aber stammten blieb verbor- 
gen, nur daß für 896 Petrus Pithoeus 1590 die dunkle andeu- 
tung gab , es sei ex Italico exemplari sumptum. Diesen italieni- 
schen Ursprung zu ermitteln ist nun Hagen gelungen, welcher 
in dem codex Bernensis 189 aus dem 16. Jahrhundert einen in- 
teressanten und für die humanistenzeit characteristischen traetat 
entdeckte , der in einem eigenthümlichen aber eleganten latein 
geschrieben ist. Wir finden christliche und heidnische bezie- 
hungen , philosophische und allegorisch - mythische anklänge in 
bunter Vereinigung in dieser schrift, welche den titel führt 



Nr. 5. 77. Libri pontificum. 281 

Eiusdem P.li qnXavrCa, amor. sui. Phavorinus ad discipulos suos. 
Die schrift ist sicher vor 1530 verfaßt (vrgl. p. 4), weist aber 
wie mir scheint am ehesten etwa in der richtung auf Marsilius 
Ficinus hin zurück. Hagen giebt p. 4 — 16 seiner schrift diese 
abhandlung heraus , welche jedenfalls einen werthvollen beitrag 
zu unserer kenntniß ihres Zeitalters bildet und bespricht hierauf 
in durchaus ansprechender weise die indicien für die Zeitbestim- 
mung der schrift, die kenntnisse ihres Verfassers, welcher Homer, 
Plato, Lucrez, Catull u. a. kannte und benutzte, seinen religiö- 
sen zwitterstandpunct, endlich insbesondere die anzeigen moder- 
nen Ursprungs in den oben genannten gedichten. In der ab- 
handlung wird nämlich c. 896 vollständig angeführt, und zwar 
will es der vrf. als Inschrift in Iovis Capitolini templo (!) gese- 
hen haben, sowie c. 895, v. 11 und 12 — diese verse sind 
also von c. 895 zu trennen — , welches lateinische epigramm 
er sogar auf einer reise in Ephesus entdeckt zu haben behaup- 
tet. Die beiden andern gedichte, 894 und 895, 1 — 10, gehören 
nicht jener abhandlung an, wurden aber von dem Schreiber der 
berner handschrift oder ihres Originals, einem gewissen Camillus, 
nacb seiner ausdrücklichen angäbe derselben handschrift ent- 
nommen wie die Philautia. Der druck Patisson's ist in einigen 
Worten nachlässig; es ist nun nach dem Bernensis zu corrigiren 
895, 1 hanc praedam statt hunc puerum, 10 aut für at, 896, 3 
quod für quid, 5 sie statt ita. Die berner handschrift trägt 
übrigens die adresse A Mr. Patisson, und ist also jeder zweifei 
ausgeschlossen, daß wir hier das original der publicirten gedichte 
besitzen , welche zwar nicht antik aber doch recht interessant 
sind, und für deren gründliche bearbeitung, an welcher ich nichts 
auszusetzen wüßte, als daß Hagen in seinem commentar die 
phantastische Unwahrheit der angaben des Phavorinus über die 
fundorte seiner verse nicht betont, wir dem rührigen herausgeber 
zu danke verpflichtet sind. 

A. R. 



77. Fragmenta librorum pontificiorum collegit et disposuit 
Paulus Preibisch. Tilsae 1878. — 22 s. 4. (Schulprogr.) 

Der vrf. hatte als inauguraldissertation (Vratislav. 1874) 
Quaestiones de libris pontißeiis geschrieben, die den commentar 



282 77. Libri pontificum. Nr. 5. 

zu den hier gesammelt vorliegenden fragmenten der libri pon- 
tificii bilden, sodaß sich beide abhandlungen gegenseitig ergänzen. 
Der vrf. handelt in seiner dissertation zunächst de titulis librorum 
pontificiorum und spricht seine meinung dahin aus, daß die ge- 
wöhnlich angenommene Scheidung .zwischen libri pontificii — als 
die gesetzlichen bestimmungen des jus pontificium enthaltend — 
und commentarii — als die anwendung auf einzelne practische 
fälle gebend — unhaltbar sei und daß man alle die mannichfal- 
tigen bezeichnungen der Schriften der pontifices nur als die ver- 
schiedenen namen einer sache anzusehen habe. Nach dem vrf. 
soll das ganze eine Sammlung von decreta der pontifices gewesen 
sein, d. h. also von entscheidungen in einzelfällen , die dann 
für alle folgenden ähnlichen fälle als bindungen gesetzlicher gel- 
tung aufbewahrt seien. Es würde danach also die Sammlung 
eine gänzlich systemlose anhäufung von einzelbestimmungen ge- 
wesen sein, die, je nach vorkommen der zu entscheidenden fälle, 
von einem gebiete des jus pontificium in das andere hinüber- 
sprangen. Die einzige Ordnung in dieser Sammlung würde also 
die chronologische, keine systematische gewesen sein. Als be- 
sonderen theil von dem ganzen abzutrennen, ist der vrf. nur die 
sogenannten leges Numae geneigt, die eben die ältesten entschei- 
dungen umfaßten. Auch sie, ursprünglich chronologisch nach 
ihrer einstigen fällung aneinander gefügt, seien nach der Ver- 
nichtung durch den gallischen brand in sachlicher Ordnung wie- 
derhergestellt, so daß dieser älteste theil der decreta danach aller- 
dings systematisch geordnet gewesen sei, dem sich dann, wie 
schon gesagt , alle folgenden decrete einfach chronologisch an- 
reihten. Diese ansieht schwebt völlig in der luft und der vrf. 
hat nicht einmal den versuch gemacht, durch erwägung der hier 
in betracht kommenden stellen dieselbe zu stützen und wahr- 
scheinlich zu machen. Das einzige, was er anführt, ist daß die 
stelle Fest. p. 165 und Plin. NH. XVIDI, 3, 14 mit der ge- 
wöhnlichen auffassung der commentarii nicht übereinstimmen, da 
die hier angeführten worte ex commentariis pontificum bzw. sacro- 
rum nicht auf einen einzelnen fall sich zu beziehen, sondern all- 
gemeinen inhalts zu sein scheinen. Daß hier und an andern 
stellen außerordentliche Schwierigkeiten vorliegen, ist allerdings 
sicher: aber eben deshalb wäre es nöthig gewesen, alles was 






Nr. 5. 77. Libri pontificum. 283 

für und was gegen die bisherige Scheidung spricht, zusammen- 
zustellen und eingehend zu erwägen. 

Wenn der vrf. sagt : jure quaeritur, quo tandem tempore talis 
codex (in dem der stoff des jus pontificium systematisch verarbei- 
tet gewesen wäre) compositus sit, so ist es unbegreiflich, daß er 
das sogenannte jus Papirianum nicht in betracht gezogen hat, wel- 
ches der vrf. aber, soweit ich sehe, überhaupt gar nicht erwähnt. 
Ohne zweifei ist eben dieses jus Papirianum nichts anderes, als 
eine redaction des alten jus pontificium in verhältnißmäßig später 
zeit: denn daß es auf einen uralten Papirius als redactor zu- 
rückgeführt wird, kann bei dem streben der pontifices, ihre Wis- 
senschaft als eine bis weit in die königszeit zurückreichende 
auszugeben , nicht wunder nehmen ; man lese zur illustrirung 
dieses consequent festgehaltenen strebens der pontifices die vor- 
sichtigen worte Cicero's , in denen er sich über das absconditum 
jus pontificum in Or. de domo 138 ff. und 121 und öfter ausspricht. 
Und aus dieser absichtlichen geheimhaltung der disciplina ponti- 
ficum und damit auch der Schriften, in denen dieselbe niederge- 
legt war, möchte sich mancher unbestimmte ausdruck über die 
letzteren erklären lassen. Aus den commentarii führt Cicero a. 
o. 136 ff. einige interessante beispiele an, die er aber nicht den 
commentarii selbst, die eben nur dem pontificalcollegium zugäng- 
lich waren , sondern den acta magistratuum bzw. senatus consulta 
entlehnt, in folge deren initiative eben die betreffenden sachen an 
das pontificalcollegium zur entscheidung verwiesen waren. Man 
kann aus ihnen auf den character der commentarii im allgemei- 
nen sehr gut schließen. Daß es daneben aber eine verhältniß- 
mäßig schon früh veranstaltete und später öfter umgearbeitete 
redaction des alten anfänglich mündlich tradirten heiligen ge- 
wohnheitsrechts gegeben habe, ist mir unzweifelhaft: wer wird 
annehmen können , daß z. b. die bis ins kleinste detail einge- 
henden bestimmungen über die kleidung und das benehmen des 
flamen Dialis fr. 1 ff., die von Colum. de RRust. II, 22, 2 — 4 zu- 
sammengestellten angaben über das was feriis zu thun erlaubt 
bzw. verboten sei, aus einzelfällen entnommen sei : nur aus einer 
ängstlich bis ins kleinste detail gehenden Systematik und casui- 
stik, wie sie die priesterweisheit ausgeklügelt hatte, sind solche 
zu erklären. 

Trotzdem der vrf. für die chronologische Ordnung der libri 



284 77. Libri pontificum. Nr. 5. 

pontificii, oder wie er sie nennt, der decreta pontificum spricht, 
hat er sich doch nicht der forderung entziehen können, die 
Sammlung der fragmente selbst sachlich anzuordnen. Er schließt 
sich dabei mit recht im allgemeinen der anordnung an , die 
Varro bei abfassung seiner antiquitates divinae befolgt hatte , in- 
dem er zuerst de sacerdotibus , sodann de locis , dann de tempo- 
ribus, endlich de sacrorum ratione spricht. Man darf wohl gerade 
aus der Scheidung des stoffs bei Varro auf eine gleiche Verar- 
beitung desselben in den libri pontificii zurückschließen, und dar- 
aus z. b. den umstand erklären , daß die erste abtheilung , wel- 
che von den personen handelte, außer den pontifices nur die 
augures und quindecimviri besonders behandelte , indem ohne 
zweifei alle übrigen collegia und einzelpriester den pontifices 
ein- und untergeordnet waren. Uebrigens verläßt der vrf. im 
einzelnen vielfach die anordnung Varro's wie dieselbe bei August. 
Civit. d. VI, 3 mitgetheilt wird. In dem capitel de sacerdoti- 
bus handelt er zunächst de flamine Diali, wofür Gell. NA. X, 1 5 die 
reichste ausbeute gewährt-, sodann de pontificibus deque virginibus 
Vestae; sodann de fetialibus , wo fast ausschließlich die sonder- 
baren, namentlich in bezug auf die frage ihrer origo sehr in- 
teressanten, angaben bei Liv. I, 24 in betracht kommen. Die zweite 
abtheilung, welche die fragmente ad loca sacra spectantia enthält, 
giebt außer wenigen kurzen notizen die wichtigen fragmenta Ar- 
georum; die dritte de temporibus scheidet die fragmenta ad ferias 
universas spectantia, sodann ad ferias privatas, endlich ad ferias 
publicas; die vierte de sacrorum ratione ähnlich. Die indigitamenta 
hat der vrf. ausgelassen: sie würden in die fünfte abtheilung, 
nach Varro's theilung, gehört haben. Die Sammlung selbst 
scheint eine fleißige und sorgsame zu sein ; ein kritischer appa- 
rat ist beigegeben. Weggelassen ist alles was nicht mit nament- 
licher angäbe, daß es den libri pontificii entlehnt sei, citirtwird; 
nur in bezug auf die form ein der fetialen bei Liv. I, 24 scheint 
der vrf. eine ausnähme gemacht zu haben. 

Schließlich hat der vrf. noch eine lange reihe (fr. 69 — 137) 
einzelner verba pontificalia angefügt, gebetsformeln, alterthümliche 
ausdrücke u. s. w., die er wieder ähnlich scheidet, wie die größeren 
fragmente. Der vrf. giebt hier diejenigen worte und ausdrücke 
die als von den pontifices bei ihren heiligen handlungen ge- 
braucht , oder in commentaren zum ius pontificium aufgeführt, 



Nr. 5. 78. Livius und Dionysios. 285 

nicht mit absoluter Sicherheit, sondern nur mit größerer Wahr- 
scheinlichkeit auf die libri pontificii sich zurückführen lassen. 
Praktischer wäre es wohl gewesen , dieselben den fragmenten 
selbst einzuordnen. 

So dankbar man dem vrf. sein muß , sich der arbeit der 
Sammlung der zerstreuten fragmente der libri pontificii unterzogen 
zu haben, so ist doch das urtheil berechtigt, daß unsere kennt- 
niß über den Ursprung, die composition der libri pontificii, sowie 
über den ganzen Zusammenhang des ius pontificium und seinen 
einfluß auf das politische und sociale leben Roms durch die ar- 
beiten des vrfs. wenig oder keine förderung erhalten hat ; und 
es gilt das wort, mit dem Boucke-Leclercq seine tüchtigen Un- 
tersuchungen (les pontifes de Vancienne Rome. Paris 1871) be- 
ginnt, noch heute : Vhistoire des institutions religieuses de Rome est 
encore ä faire. 

Otto Gilbert. 



78. Hans Virck, die quellen des Livius und Dionysius 
für die älteste geschichte der Römischen republik (245 — 260). 
Straßburg 1877. — 82 s. 8. 

Der vrf. dieser auf anregung des nun verstorbenen prof. 
Gr. Wilmanns entstandenen abhandlung unterzieht die von Nitzsch 
in seiner Rom. annalistik auf ihre quellen untersuchten stücke 
Liv. II, 1 — 33, 3 und Dionys. V, 1 — VI, 90 einer erneuten 
prüfung , bei der er vielfach zu resultaten gelangt , die von 
Nitzsch' annahmen weit abliegen. Untersuchungen, die so ge- 
ringe theile eines Schriftstellers auf ihre quellen untersuchen, 
haben einerseits das gute , daß sie tief in das detail eingehen 
können — was für jede quellenuntersuchung ein sehr wesent- 
liches moment ist — , enthalten aber auch anderseits die gefahr, 
daß sie indicien für oder gegen eine bestimmte quelle, die zu- 
fällig in diesem kleinen stücke mehr hervor- oder zurücktreten, 
zu sehr urgiren und dadurch zu annahmen kommen , die, wenn 
die Untersuchung auf ein größeres gebiet sich erstreckt hätte, 
unmöglich gewesen wären. In dieser speciellen frage muß dar- 
auf hingewiesen werden, daß eine prüfung der nachrichten des 
Livius über die ältesten zeiten der republik eng zusammen- 
hängt mit der frage einmal nach dem Ursprung der verschiedenen 



286 78. Livius und Dionysios. Nr. 5. 

fastenredactionen, deren spuren überall zu erkennen sind, sodann 
nach den quellen des Livius für die darstellung der königszeit, 
deren eingehenderer Untersuchung man bislang noch aus dem 
wege gegangen ist. Doch sei hier sofort hervorgehoben , daß 
die vorliegende Untersuchung von Virck mit umsieht und sach- 
kenntniß durchgeführt ist und daß eine reihe von resultaten 
sicher begründet erscheint. 

Der vrf. kommt — um sofort die ergebnisse seiner forschun- 
gen mitzutheilen — zu dem Schlüsse, daß Livius für das stück LT, 
1 — 21 den Piso, für cc. 22 ff. den Valerius Antias ausschreibt, dem 
er aber auch schon in den ersteren theilen des buchs sporadisch 
gefolgt ist; daß Dionysios ferner zur hauptgrundlage seiner dar- 
stellung den Licinius macht, während Plutarch ziemlich durch- 
gehend eng an Antias sich anschließt. Die Übereinstimmungen zwi- 
schen Dionysios und Plutarch sucht der vrf. so zu erklären, daß er 
den Licinius sowohl wie Antias eine gemeinsame ältere quelle, die 
bald nach der Gracchenzeit entstand ausschreiben läßt, während 
bekanntlich nach Nitzsch Licinius schon den Valerius benutzt 
hat. Letztere annähme von Nitzsch, die wohl überhaupt wenige 
gläubige gefunden hat , ist von dem vrf. mit vollem rechte zu- 
rückgewiesen ; aber auch seine erklärung , obgleich sie einen an 
und für sich richtigen gesichtspunet hervorhebt, kann man nicht 
als alle Schwierigkeiten lösend betrachten. Daß manche der 
bei Plutarch und Dionysios übereinstimmenden züge aus der 
gemeinsamen benutzung einer oder mehrerer älteren quellen zu 
erklären sei , ist , wie bemerkt , sicher richtig 5 im allgemeinen 
aber muß man zur erklärung des betreffenden Verhältnisses nach 
meiner ansieht ein durchaus anderes urtheil über Dionysios sich 
bilden , der nicht , wie man ihn — namentlich Nitzsch — ge- 
wöhnlich auffaßt, der bloße abschreiber ist, sondern der eine 
wirklich selbständige thätigkeit in der Verarbeitung der ver- 
schiedenen quellen entwickelt hat, wie der vrf. übrigens auch 
zum theil anerkennt. 

Indem ich im folgenden etwas eingehender des vrfs. ansieht 
über die quellen des Livius prüfe, bemerke ich von vornherein, 
daß ich hier nur den bedenken und einwürfen, wie sich diesel- 
ben bei der betrachtung der ausführungen Virck's mir gebildet 
haben, ausdruck gebe und daß ich ein abschließendes urtheil 



Nr. 5. 78. Livius und Dionysios. 287 

über diese frage , vor lösung einiger Vorfragen , auf die ich zu- 
rückkomme, vorläufig überhaupt nicht für möglich halte. 

Daß Livius namentlich im anfang des zweiten buchs unter 
allen darstellungen die älteste giebt, wird mit recht ganz allge- 
mein angenommen. Namentlich ist es die lose aneinanderrei- 
hung der einzelnen ereignisse, während uns bei Dionysios 
und Plutarch eine innere Verbindung und Verflechtung dersel- 
ben entgegentritt , welche zeigt , daß Livius einer alten quelle 
folgt, welche die ursprünglich zeitlos überlieferten, nur ganz im 
allgemeinen mit der gründung der republik in Zusammenhang 
gesetzten sagen einfach an einander fügt , wie dieselben , jede 
für sich allein, in Umlauf waren. Beruft sich Livius nun mehr- 
mals auf vet eres auctores (TL, 8), veterrimi auctores (18), die vetustas 
auctorum (21), so scheint es unzweifelhaft, daß die grundlage 
seiner darstellung einer der älteren annalisten ist. Es fragt sich 
also nur , einmal , ob für Fabius oder für Piso mehr momente 
sprechen, sodann, ob Fabius oder Piso die einzige quelle des 
Livius in diesem stücke gewesen ist, oder ob er noch andere 
quellen neben dieser seiner hauptquelle benutzt hat. 

Der vrf. hebt mit recht — was übrigens auch schon Nitzsch 
annimmt — hervor , daß Livius neben seiner hauptquelle eine 
oder mehrere andere jüngere quellen gelegentlich heranziehe. 
Nicht nur , daß Livius selbst 5 (quidam — putant) , 8 (apud 
quosdam non invenio Lucretium) , 18 (über die verschiedenen an- 
gaben betreffs der einsetzung der dictatur) durch bestimmte aus- 
drücke darauf hinweist, er habe hier andere quellen eingesehen, 
der vrf. sucht auch (p. 32 ff.) an anderen stellen die spuren 
abweichender ansichten und nachrichten nachzuweisen , die er 
auf das werk des Antias zurückführt. Prüfen wir daher seine 
annähme auf ihre richtigkeit. 

Livius H, 1 — 6 sind so überzeugend von Nitzsch als einer 
quelle entlehnt nachgewiesen, daß kein zweifei sein kann, Livius 
schöpfe dieses stück fast wörtlich aus seiner hauptquelle. Nur 
zwei kleinere angaben, mehr nebensächliche zusätze zu den vor- 
her gegebenen darstellungen, führt der vrf. mit recht auf 
andere quellen zurück : der durch traditum inde fertur eingelei- 
tete zusatz über die ergänzung des senats II, 1 fin. und die durch 
quidam putant angefügte notiz über den namen des sklaven, der 
die verschworenen verrieth c. 5 fin. Beide male wird hier also 



288 78. Livius und Dionysios. Nr. 5. 

schon durch den ausdruck selbst daraufhingewiesen, daß Livius 
zusätze aus einer andern quelle gebe. Der vrf. will beide no- 
tizen dem Antias zuweisen: und in der that sprechen manche 
Wahrscheinlichkeitsgründe für diesen , wenn der Ursprung der 
stücke auch keineswegs sicher ist. 

Einen ferneren zusatz, den Livius dem berichte seiner haupt- 
quelle anfügt, hat der vrf. dagegen übersehen. Es scheint mir 
nämlich sicher, daß die erzählung von der schlacht an der silva 
Arsia aus zwei berichten contaminirt ist. Denn wenn Livius 
7 init. die Schilderung der schlacht mit den worten abschließt: 
ut — ambo exercitus — suas quisque domos abirent , so ist damit 
doch ausgesprochen, daß seine quelle mit diesen worten die 
darstellung der schlacht sowohl wie des ganzen krieges been- 
digte: denn das domos abire kann nur als rückkehr nach Rom 
bzw. nach Veji und Tarquinii, keineswegs nur als rückzug ins 
lager, erklärt werden. Wenn daher Livius jetzt noch hinzufügt : 
adjiciunt miracula jpugnae, woran sich weitere angaben über die 
der schlacht folgenden nacht und tag schließen, so geht daraus 
mit bestimmtheit hervor , daß das subject von adjiciunt andere 
schriftsteiler sind, aus deren darstellungen Livius noch einige 
weitere angaben seiner hauptdarstellung ganz seiner gewohnheit 
gemäß, nachträglich anfügt. Ist also die hier gegebene weitere 
notiz einerseits offenbar nicht aus der hauptquelle — da den 
worten ut omissa irrita re nocte ambo exercitus abirent domos, die 
auf völlige unentschiedenheit der schlacht und des krieges wei- 
sen, die folgenden worte consul spolia legit, triumphansque inde 
Romam rediit bestimmt widersprechen — , so ist sie anderseits 
aber auch nicht aus Antias , dessen darstellung bei Plutarch 
und Dionysios wieder nicht mit Livius 1 zusatzangabe überein- 
stimmen. Man sieht daraus, daß Livius 1 zusätze zu seiner haupt- 
quelle durchaus eklektisch stattfinden. 

Was die dann folgende erzählung von der Stimmung gegen 
Publicola und den maßnahmen dieses betrifft, so glaubt der vrf. 
irrthümlich spuren des Antias bei Livius zu erkennen. Mögen 
auch die premirten worte Livius c. 7 delata confcstim materia ff. 
vrgl. mit Plutarch. Publ. 10 natsßals ttjv oimav — sSmxsv 6 
8?jf*og — oixiav, scheinbar eine abhängigkeit des ersteren von 
Antias beweisen, widerlegt wird dieses durch die verschiedene 
anordnung bei Plutarch einer-, bei Livius anderseits. Denn Li- 



Nr. 6. 78. Livius und Dionysios. 289 

vius läßt den consul sogleich, nachdem er von der mißstimmung 
künde erhalten , eine Volksversammlung berufen , in der er die 
Verlegung seiner wohnung von der Velia in die ebene förmlich 
ankündigt, während er hei Plutarch durch den heimlich nachts 
ausgeführten abbruch seines hauses die ganze stadt überrascht, 
wie denn auch Plutarch nichts von der concio weiß. Auch wäre 
es mehr als auffallend , wenn Livius aus der langen reihe von 
gesetzen, die Antias aufführte (Plut. 11. 12), nur die beiden 
8 init. herausnehmen sollte , besonders da er das von Plutarch 
hier dem Valerius zugewiesene gesetz (11: og ißnr/ÜTjas Toig 
TiifTjatv ff.) 9 (jportoriisque et tributo plebs liberata) auf die initi- 
ative des senats zurückführt — offenbar nach älterer anschau- 
ung. Auch die annähme einer benutzung des Antias in dem 
berichte über die weihung des capitolinischen tempels weise ich 
ab. Der vrf. hebt selbst hervor , daß nur die Version dieses 
Vorganges , welche Plutarch 1 4 als die erste erzählt , wonach 
Horatius die weihung an sich riß, auf die intrigue der Valerier 
paßt, die damit als berechtigt erscheint ; daß dagegen die zweite 
durch evioi 8s cpaaiv eingeleitete version das ganze benehmen 
der Valerier als ein gottloses und gesetzwidriges erscheinen 
läßt. Es folgt aber daraus , daß gerade diese zweite version 
nicht aus Antias ist: ihr aber folgt Livius 8 {consules sortiti). 
Es hat also Plutarch hier 1 4 init. zuerst aus Antias geschöpft, 
um mit den worten ivioi 8e q>aaiv auf die quelle des Livius 
überzugehen, der danach also hier nicht dem Antias folgen kann. 
Endlich kann ich auch kein anzeichen dafür erkennen, daß die 
von Livius 11 ausführlich erzählte niederlage der Etrusker va- 
lerischen Ursprungs sei, besonders da Plutarch ganz kurz (17) 
über diesen Vorgang hinweggeht , der keineswegs irgend eine 
besondere Verherrlichung des Poplicola bietet, sondern in gleicher 
weise beide consuln, sowie die in der sage geeinten Sp. Larcius 
und T. Herminius hervorhebt : doch ist es anderseits auch nicht 
unmöglich, Antias als quelle hier anzunehmen. Ueber die von 
Livius 14 angeführte sitte bei der Versteigerung von Staatsgü- 
tern ist ein bestimmtes urtheil unmöglich: man ersieht nur aus 
den worten proximum ex iis quae traduntur , daß Livius mehrere 
quellen eingesehen hat, unter denen er sich einer für diese notiz 
anschließt. 

Wir kommen also zu dem Schlüsse, daß Livius allerdings 
Philol. Anz. IX. 20 



290 78. Livius und Dionysios. Nr. 6. 

nachweislich an verschiedenen stellen zusätze zu dem berichte 
seiner hauptquelle hinzufügt, daß aber keine besonderen indicien 
für die annähme vorhanden sind, diese zusätze seien ganz vor- 
zugsweise oder gar ausschließlich aus Antias 1 werk entlehnt. 
Das verfahren des Livius ist auch hier das nämliche , wie man 
es durch seine gesammte darstellung hin verfolgen kann: er 
giebt nach einer quelle den bericht über das betreffende ereig- 
niß, jähr, abschnitt, um nachträglich aus andern quellen zusätze, 
abweichende Versionen u. dergl. hinzuzufügen. Daß Livius da- 
bei aber eine besondere quelle bevorzugt, ist nicht nachzuwei- 
sen: in bezug auf den zusatz betreffs der schlacht an der silva 
Arsia ist es wenigstens unzweifelhaft, daß Livius denselben nicht 
dem Antias, sondern einer quelle entlehnt, die sich im verhältniß 
zu der sehr einfachen darstellung der bisher benutzten quelle 
des Livius und den entstellungen, wie sie Antias (bei Dionysios 
und Plutarch) gab, in der mitte bewegte. 

Ist hier also das verfahren des Livius ein durchaus eklek- 
tisches, so scheint mir dagegen für eine anderweitige und zwar 
durchaus methodische benutzung des Antias von Seiten des Li- 
vius ein bestimmter fingerzeig gegeben zu sein. Die fasten- 
construction der ersten jähre der republik ist notorisch eine 
durchaus willkürliche, von den verschiedenen Schriftstellern auf 
grund einiger durch die sage überlieferter namen in verschie- 
denster weise künstlich gemachte. Vereinzelte notizen bei älte- 
ren Schriftstellern — so namentlich Polybius DJ, 22, 1 — in 
vergleich mit Livius und Dionysios zeigen, daß sich erst sehr 
allmälig eine ungefähre Übereinstimmung in dieser beziehung 
herausgebildet hat. Aber selbst Livius und Dionysios enthalten, 
wenn sie auch in den wesentlichsten zügen übereinstimmen, nach 
dieser richtung hin doch wieder so viele differenzen unter ein- 
ander , daß man durchaus , wie bemerkt , auf das fehlen eines 
von anfang an gegebenen festen anhaltpuncts schließen kann. 
Mommsen sucht freilich die angaben des Livius und Dionysius 
einigermaßen auszugleichen , indem er den sehr frühen ausfall 
der consulnnamen des dritten Jahres der republik aus dem texte 
des Livius statuirt (vrgl. Chronol. 2 119. Corp. ILat. I, p. 487). 
Aber diese unerwiesene und unbegründete annähme wird wider- 
legt durch eine vergleichung mit den von Mommsen ignorirten 
angaben Plutarch's (Poplic), der die eponymen dieses Jahres 



Nr. 6. 78. Livius und Dionysios. 291 

völlig gleich denen bei Livius angiebt. Man könnte freilich 
diese Übereinstimmung so zu erklären geneigt sein , daß man 
den Plutarcb aus Livius selbst, bzw. aus Fasten, die dem Livius 
entlehnt seien, schöpfen ließe. Aber das ist von vorn herein 
mehr als unwahrscheinlich. Die angaben Plutarchs über die 
consuln der ersten jähre der republik hängen so eng mit seiner 
geschichtserzählung selbst zusammen, daß es unmöglich anzu- 
nehmen , Plutarch habe eine aus andern quellen geschöpfte er- 
zählung mit den dem Livius entlehnten fasten zusammengear- 
beitet. Widerlegt wird dieses aber dadurch, daß Plutarch dem 
consul des vierten jahres der republik das cognomen Tubertus hin- 
zufügt, das Livius nicht hat, woraus sich ergiebt, daß Plutarch 
die namen eben nicht dem Livius entnommen hat. Ist die ge- 
schichtserzählung Plutarchs nun dem Antias entnommen, wie 
zuerst Kießling nachgewiesen hat und wie jetzt wohl ganz all- 
gemein angenommen wird, so hat er auch die im verlaufe die- 
ser erzählung notirten consuln jener jähre eben demselben An- 
tias entlehnt. 

Es lohnt sich aber wohl der mühe die fasten des Antias 
mit denen des Livius überhaupt zu vergleichen. Diese ver- 
gleichung ergiebt nun , daß zwischen Livius und Antias in die- 
ser beziehung völlige Übereinstimmung herrscht. Nicht nur, daß 
dem Tarquinius Collatinus Valerius, dem Brutus T. Lucretius und, 
als dieser nach wenigen tagen stirbt, Horatius folgt — womit 
auch Dionysius bekanntlich stimmt — : auch die folgenden jähre 
haben bei Plutarch sowohl wie bei Livius genau dieselben consuln 
— und hier durchaus abweichend von Dionysius. Dem P. Va- 
lerius II und T. Lucretius (8 fin.) entspricht Plutarch 16 init. •, 
Livius 1 5 init. (Sp. Lucretius und P. Valerius III) Plutarch 
17 init. (IJonlinoXag zo tqitov imajevcov, während der name des 
collegen , weil für seine biographie gleichgültig , von Plutarch 
hier weggelassen wird) ; dem Livius 1 6 init. (M. Valerius , P. 
Postumius) Plut. 20 init.; dem Livius 16 (P. Valerius IV, T. 
Lucretius DI) Plut. 21 init. (näliv vndrevs TJonXfnolag) und 22 
{gvvÜqicov AovxQi]tiog). 

Eine solche Übereinstimmung zwischen den angaben des 
Livius und Plutarch ist, da alle indicien darauf hinweisen, daß 
bei den annalisten in dieser beziehung eine außerordentliche 
Verschiedenheit geherrscht hat, die Livius auch ausdrücklich (2 1 

20* 



78. Livius und Dionysios. Nr. 6. 

aliter apud alios ordinatis magistratibus) constatirt, sehr auffallend 
und kann nach meiner ansieht nur aus der gemeinsamen quelle 
erklärt werden. Ich stehe deshalb nicht an zu behaupten, daß 
beide schriftsteiler sich an die fasten des Antias halten, denen 
sie die consuln dieser jähre entnehmen. Es ist das auch von 
vornherein durchaus nicht unwahrscheinlich. Als Livius an die 
ausarbeitung seiner geschichte , namentlich der ersten zeiten der 
republik ging , mußte er sich selbst sagen , daß er , mochte er 
auch in bezug auf die nachrichten selbst eklektisch verfahren, 
die reihe nfolge derselben, die sich eben an die eponymen 
der betreffenden jähre knüpften, einer quelle entlehnen müsse, wenn 
seine darstellung nicht in eine heillose und unheilbare confusion 
gerathen sollte. Und hatte Livius sich von anfang an das werk 
des Antias als sein eigentliches handbuch auserkoren, an das 
er sich zunächst anschließen wollte, so mußte er vor allem auch 
die fasten als den fortlaufenden faden, an den sich die einzelnen 
ereignisse anreihten, eben diesem handbuche entlehnen. Bestimmt 
und wiederholt hebt Livius die großen differenzen der quellen 
in bezug auf die darstellung der ersten jähre der republik her- 
vor: nee quo anno, heißt es 18, nee quibus consulibus — parum 
creditum sit, nee quis primum dietator creatus sit, satis constat; und 
ähnlich lautet die klage 21. Wird aber an letzterer stelle die 
Verwirrung dieser zeiten aliter apud alios ordinatis magistratibus 
erklärt, so folgt hieraus einmal die nothwendigkeit, die sich für 
Livius ergab, von vornherein in bezug auf die reihenfolge der 
ereignisse ausschließlich an eine quelle sich zu halten, wenn er 
nicht gefahr laufen wollte , dasselbe ereigniß mehrmals oder 
manches gar nicht zu berichten-, anderseits aber geht daraus, 
wie schon bemerkt, hervor, daß, wenn trotz der hier constatirten 
außerordentlichen Verschiedenheit in den angaben ihrer quellen 
Livius und Plutarch völlig mit einander übereinstimmen, diese 
Übereinstimmung nur durch die annähme einer gemeinsamen 
quelle beider zu erklären ist. Denn etwa anzunehmen, Plutarch 
lasse seinerseits ein jähr und die consulnnamen desselben in sei- 
ner erzählung aus, ist unmöglich, da ein blick in seine darstel- 
lung genügt, um zu constatiren, daß er, genau dem werke des 
Antias und damit auch seiner Chronologie folgend, die geschicht- 
lichen ereignisse jedes jahres berichtet. Danach also müssen 
wir annehmen, daß Livius die eponymen, wie er sie bei Antias 






Nr. 6. 78. Livius und Dionysios. 293 

findet , zu gründe legt , während er die eigentliche erzählung 
dessen, was unter den betreffenden eponymen des jedesmaligen 
jahres geschehen, älteren quellen, so weit es eben geht, entlehnt, 
um nur nachträglich noch diesen älteren nachrichten aus jüngeren 
annalisten — und unter diesen auch aus Antias selbst — Zu- 
sätze u. dgl. hinzuzufügen. 

Wollte man dieser annähme, daß Livius seine fasten dem 
Antias entlehnt, entgegenstellen, Livius habe unzweifelhaft schon 
eponymenlisten zu gründe gelegt, so muß ich dem widerspre- 
chen. Von vornherein liegt es ja allerdings sehr nahe anzuneh- 
men , daß Livius dieses bequeme hülfsmittel , welches nachweis- 
bar schon zu Cicero's zeit in form von taschenkalendern und 
ähnlich im Umlauf war (vrgl. Mommsen Chronol. 2 p. 208 anm.), 
als grundlage für seine chronologischen daten benutzt habe. Da- 
gegen aber spricht, daß Livius dieselben nicht ein einziges mal 
citirt, selbst nicht in so zweifelhaften fällen wie IV, 23, wo eine 
berufung auf sie geradezu geboten scheint , worauf schon 0. 
Hirschfeld Hermes IX, 95 aufmerksam macht. Denn man muß 
festhalten, daß, wenn Livius solche libri magistratuum im gebrauch 
hatte, dieselben unzweifelhaft auch eine abschrift des officiellen 
vor 724 an der wand der Regia veröffentlichten Fasti (capitolini) 
waren und daß eine berufung auf diese officielle liste allerdings 
eventuell für Livius jeden zweifei niederschlagen mußte. Aber, 
wie gesagt, nirgends appellirt er an ihre autorität, denn die 
erwähnung von magistratuum fasti IX, 18 ist eine ganz allge- 
meine — als quelle überhaupt, nicht aber als seine quelle — , 
während magistratuum libri IV, 20 wieder als quelle des Licinius 
Macer citirt werden, auf die sich dieser berufen hatte. Der 
grund, weshalb Livius dieses hülfsmittel verschmäht, liegt eben 
darin, daß ihm das werk des Valerius in seinem eponymenver- 
zeichnisse völlig jene officielle redaction ersetzt hat, welche letz- 
tere selbst , wie ich überzeugt bin , mit wesentlicher benutzung 
des Antias'schen werks ausgearbeitet ist, aus dem Augustus ja 
auch für seine dem andenken großer männer Eoms gewidmeten 
statuen die nöthigen geschichtlichen daten entnahm, wie O. 
Hirschfeld Philol. XXXIV, 85 ff. — wenigstens für das elogi- 
um des M' Valerius Maximus — nachweist. 

Eine abhängigkeit des Livius von den fasten des Antias 
scheint mir nun noch aus mehreren stellen erkennbar, unter denen 



294 78. Livius und Dionysios. Nr. 6. 

ich zunächst II, 15 erwähne. Der krieg nämlich mit Porsina 
war nach c. 13 unter folgenden bedingungen beendet: de agro 
Vejentibus restituendo impetratum, expressaque necessitas obsides dandi 
Romanis , si Ianiculo deduci vellent. his condicionibus composita pax 
cett. Allerdings werden später mit der Cloelia noch einige 
geißeln wieder entlassen, dagegen bleiben die sieben pagi sowie 
ein theil der geißeln definitiv in den händen des königs. Es 
ist also an und für sich durchaus berechtigt, für die rückgabe 
des ager und der obsides nach einer besonderen veranlassung zu 
suchen, bezw. dieselbe anzugeben. Dionysios (36 fin.) verknüpft 
die rückgabe mit der aufnähme der von Aricia flüchtigen Etrusker, 
denen in Rom der Tuscus vicus zur wohnstätte angewiesen wurde, 
während Livius 15 sie auf eine freiwillige, allerdings durch eine 
gesandtschaft der Eömer veranlaßte gäbe des königs zurückführt. 
Ich glaube in dieser gesandtschaft eine beeinflussung der dar- 
stellung des Livius durch Valerius erkennen zu können. Livius 
hat im anschluß an seine hauptquelle die von dieser offenbar 
im Zusammenhang mitgetheilte geschichte vom kriege mit Por- 
sina gleichfalls in einem zuge mitgetheilt. Nach abschluß des 
ganzen c. 14 fin. sieht er in seinem handbuche nach, um demsel- 
ben die consulnnamen des folgenden jahrs zu entnehmen, und 
findet hier unter diesem jähre Verhandlungen zwischen den Rö- 
mern und Porsina angegeben, von denen seine hauptquelle 
nichts hat. Antias hatte nämlich, wie Plutarch zeigt, den krieg 
mit Porsina unter zwei jähre vertheilt (vrgl. Poplic. 17 mit), 
während die quelle, der Livius folgt, das ganze in einem zuge 
erzählt hatte. In Wirklichkeit hat Livius (vrgl. 13 iactatum in 
condicionibus nequiquam de Tarquiniis restituendis) die Verhandlun- 
gen schon mitgetheilt, die er bei Antias unter dem folgenden 
jähre erwähnt findet, läßt sich aber dadurch, daß sie hier unter 
einem andern jähre erzählt werden , verleiten, sie für neue Ver- 
handlungen zu halten, weshalb er sie, allerdings etwas umge- 
modelt, um sie wenigstens nothdürftig mit seinem vorhergehenden 
berichte in Zusammenhang zu bringen, nun aus Antias noch ein- 
mal kurz mittheilt. Die sage hatte offenbar, wie Dionysios zeigt, 
die rückgabe des ager Veiens mit der aufnähme der Etrusker in 
den Tuscus vicus in Verbindung gebracht: es müssen also die 
worte 15 init. eo anno postremum — fin. dictis facta amiciora ad- 



Nr. 6. 78. Livius und Dionysios. 295 

jecit als ein einschiebsei betrachtet werden, welches Livius irr- 
thümlich seinen grundzügen nach dem Valerius entlehnt. 

Finden wir hier also schon eine beeinflussung des Livius 
durch die fasten des Valerius, so tritt dieselbe noch deutlicher 
18 hervor. Livius berichtet hier, unter dem consulat des Po- 
stumus Cominius und T. Larcius , es habe große besorgniß in 
Rom geherrscht wegen des auf anstiften des Octavius Mamilius 
gegen Rom geschlossenen bündnisses der dreißig latinischen städte 
und fügt hinzu : in hac tantarum exspectatione verum sollicita civi- 
tate dictatores primum ereandi mentio orta. Hieran knüpft sich 
ein excurs über die differenzen der schriftsteiler in bezug auf 
diesen ersten dictator, worauf es heißt : apud veterrimos tarnen auc- 
tores T. Larcium dictatorem primum Sp. Cassium magistrum equitum 
creatos invenio. consulares legere : ita lex jubebat de dictatore crean- 
do lata, eo magis adducor ut credam Larcium qui consularis erat 
potius quam M 1 Valerium, qui nondum consul fuerat, moderatorem 
et magistrum consulibus appositum. Dieser ganze excurs ist äußerst 
auffallend: denn die begründung seiner annähme, daß T. Lar- 
cius zuerst die dictatur bekleidet, durch die bemerkung von 
dem inhalt der lex , welche bestimmte consulares legere , und 
durch die hervorhebung, daß T. Larcius consularis erat, ist völ- 
lig absurd, da sie für T. Larcius in Wirklichkeit gar nicht zu- 
trifft, der erst in diesem jähre zum ersten male consul war. In 
folge dessen sucht Virck durch eine sehr künstliche Umstellung 
des inhalts von c. 18 — 21 zu helfen. Nach Virck nämlich hat 
Piso — die hauptquelle des Livius — die consuln und ereig- 
nisse dieser jähre folgendermaßen geordnet gehabt. Auf die 
consulnnamen dieses jahres (18init. — Tiabuit) folgten sofort die 
consulnnamen der beiden folgenden mit den wenigen ereignissen 
unter ihnen 19 init. ( — descivit), sodann die eponymen des drit- 
ten jahres (21 init.) und an diese schlössen sich erst die bei 
Livius schon unter das erste consulat des Larcius verlegten 
ereignisse 18 eo anno etc. Auf diese weise wird erreicht, daß 
T. Larcius allerdings consularis war, als er dictator wurde. Li- 
vius soll diese Umstellung vorgenommen haben, um die ansetzung 
der dictatur in dieses jähr gemäß den veterrimi auctores ermög- 
lichen zu können. Piso's angaben über den inhalt der lex und 
die characteristik des Larcius als consularis waren zutreffend, 
weil er die einführung der dictatur unter das zweite consulat 



296 78. Livius und Dionysios. Nr. 6. 

desselben verlegte, während sie jetzt, nachdem Livius sie im an- 
schluß an Fabius in das erste consulat desselben versetzt, durch- 
aus nicht mehr passen. Dagegen ist nun zu bemerken , daß 
eine solche eingreifende Umänderung des ihm vorliegenden 
textes von Seiten des Livius aufs äußerste unwahrscheinlich ist, 
der, wie bekannt, lieber widerspräche zuläßt, als die folge der da- 
ten in seiner quelle verläßt. Und es wäre eine solche Umgestal- 
tung seiner hauptquelle um so auffallender, als nach Virck die- 
ses das einzige mal sein soll, wo Livius der ältesten quelle Fa- 
bius sich anschließt: man sollte denken, daß, wenn Livius auf 
diesen im ganzen so wenig rücksicht genommen hätte, er nicht 
in diesem einzigen falle demselben zu liebe die nachrichten sei- 
ner hauptquelle so durchgreifend umgestaltet hätte. Widerlegt 
wird aber des vrfs. hypothese dadurch, daß Livius ausdrücklich 
durch seine worte moderatorem et magistrum consulibus appositum 
zeigt, daß veterrimi auctores, denen er den T. Larcius als ersten 
dictator entnimmt , die erste dictatur in ein jähr verlegten , in 
dem T. Larcius nicht selbst consul war. Die einzig mögliche 
erklärung der Schwierigkeit scheint mir in folgendem zu liegen. 
Livius hat die c. 1 7 berichteten ereignisse seiner hauptquelle nach- 
erzählt. Er sieht jetzt sein handbuch betreffs der eponymen 
des folgenden jahrs ein, und findet, daß hier zugleich die ein- 
fuhrung der dictatur in dieses jähr gesetzt wird. Er wendet sich 
deshalb zu seiner hauptquelle, um die einsetzung selbst nach dieser 
zu berichten, fühlt sich aber zugleich veranlaßt, die differenzen 
die ihm betreffs der ersten dictatur in den verschiedenen quellen 
entgegentreten, anzumerken. Daß er zu diesem excurs zunächst 
durch die angäbe seines handbuchs, des Antias, veranlaßt wird, 
geht aus seinen worten bestimmt hervor, indem er von der dic- 
tatur des M' Valerius ausgeht und ihr als die wahrscheinlichere 
die des Larcius gegenüberstellt, für die er sich offenbar auch 
entscheidet. Diese seine entscheidung rechtfertigt er eingehend, 
wobei er freilich nicht merkt, daß, indem er die momente seiner 
begründung aus dem berichte des Fabius selbst entlehnt, er mit 
seinen angaben in Widerspruch geräth. Denn Fabius hatte 
offenbar die dictatur des Larcius einem späteren jähre zugetheilt, 
nachdem derselbe schon einmal consul gewesen war; indem Li- 
vius sich hier gleichfalls auf diesen standpunct stellt, geräth er 
mit seinen eigenen fasten in Widerspruch. Man ersieht aber 



Nr. 6. 78. Livius und Dionysios. 297 

daraus, daß es allein die Verschiedenheit der Fasten ist, welche 
die widerspräche, wie sie sich hier finden , zu erklären vermag. 

Hiermit erledigt sich nun auch zugleich das hauptbeden- 
ken des vrfs. gegen die annähme , Fabius sei die hauptgrund- 
lage der darstellung des Livius II, 1 — 21, wie Nitzsch nach 
meiner ansieht mit vollem rechte will. Denn wenn wir erken- 
nen, daß die begründung der dietatur des Fabius, wie sie Livius 
giebt, nicht hindert anzunehmen , daß derselbe dennoch hier im 
allgemeinen dem Fabius folgt, so fällt damit einer der haupt- 
gründe gegen seine benutzung überhaupt weg. Die momente 
die der vrf. außerdem aus c. 8 (p. 20) und aus der erzählung von 
Horatius Codes (p. 18 f.) schöpft sind zu unbedeutend, als daß 
sie irgendwie ins gewicht fallen könnten. Der vrf. schließt nämlich 
aus der abweichenden erzählung bei Polyb. VI, 55, daß die dar- 
stellung beiLiv. II, 10 einer nachpolybianischen quelle entlehnt 
sei. Der umstand aber, daß eine sage zu einer bestimmten zeit 
in einer bestimmten form schriftlich fixirt vorliegt, ist doch wahrlich 
noch kein beweis dagegen, daß nicht daneben oder früher dieselbe 
sage in andern Versionen und formen existierte. Giebt uns doch 
der gleich folgende bericht des Livius über den mit Porsina ge- 
schlossenen frieden, verglichen mit Tac. Hist. III, 72 und Plin. 
NH. XXIV, 14, 139, ein beispiel dafür, daß sich ein ereigniß 
mündlich in annähernder richtigkeit fortpflanzen konnte, wäh- 
rend ganz abweichende Versionen desselben schon lange vorher 
schriftlich fixirt waren. Die historiker suchten natürlich gewöhn- 
lich die günstiger lautenden traditionen aus, während die münd- 
liche Überlieferung neben diesen auch andere wahrheitsgemäßere 
fortpflanzte. Polybius schöpft einfach aus der sage , die neben 
der von ihm mitgetheilten version unzweifelhaft in einer reihe 
anderer mehr oder weniger verschiedener Versionen existirt hat, 
deren einer Livius folgt. Irgend ein beweis also dafür, daß die 
version des Livius einer jüngeren zeit angehöre als Polybius 
vertritt, ist hieraus nicht zu entnehmen. 

Für die annähme, Livius schöpfe aus Piso, scheint nun al- 
lerdings zu sprechen, daß sich zwei fragmente desselben einiger- 
maßen mit worten des Livius decken: Piinius NH. XXXHI, 
11, 38 mit II, 20 fin. — obgleich hier doch noch eine differenz 
bleibt — und Piinius ib. XV, 29 mit Liv. DI, 2 ; diesen Überein- 
stimmungen stehen aber anderseits wieder zwei differenzen ge- 



298 78. Livius und Dionysios. Nr. 6. 

genüber Plinius NEL XXXIV, 29 mit Livius II, 13 fin. und die von 
Livius 32 notirte abweichung des Piso von dem berichte , dem 
Livius selbst hier folgt. Man sieht also, daß aus diesen über- 
einstimmenden und nicht übereinstimmenden angaben des Piso 
und Livius kein irgend wie sicherer Schluß gezogen werden 
kann. Im allgemeinen muß man zur erklärung solcher gleich- 
lautender theilchen bei dem einen und bei dem andern schrift- 
steiler in erinnerung behalten , daß der spätere immer den frü- 
heren ausschrieb und so angaben aus ältesten quellen ganz spät 
wörtlich wieder auftauchen können , die dennoch schon durch 
eine reihe von mittelquellen hindurchgegangen sind. Den be- 
weis also, daß wir statt des Fabius in den ältesten stücken des 
Livius Piso als quelle anzunehmen haben, können wir nicht als 
erbracht anerkennen, sondern halten an Nitzsch' annähme , der 
in ihnen Fabius wieder erkennt, fest. Nur das allerdings scheint 
in ergänzung von Nitzsch' annähme nothwendig anzunehmen, 
daß Livius in bezug auf die eponymenangaben für die darstel- 
lung der älteren geschichte der republik nirgends einen Wechsel 
seiner quellen vorgenommen haben kann, sondern daß er hier 
von anfang an einer und derselben quelle als grundlage seiner 
chronologischen daten folgt. Nur in bezug auf diesen letzteren 
punct seien mir hier noch wenige bemerkungen gestattet. 

Mit recht hebt Virck hervor, daß Livius II, 8 apud quos- 
dam veteres auctores non invenio Lucretium consulem darauf hin- 
weist, daß dieser Lucretius erst bei jüngeren auctores — na- 
mentlich Antias — sich fand, während ihn die älteren, und un- 
ter ihnen Fabius gewiß nicht kannten: Livius kann danach die 
Eponymen selbst nicht dem Fabius entnommen haben. 

Nach Nitzsch' beobachtungen scheiden sich die fasten des 
Livius in zwei theile , deren erster nur ausnahmsweise cognomi- 
na, deren zweiter überwiegend cognomina der eponymen gab. 
Livius selbst scheint allerdings erst allmälig auf das moment 
der cognomina aufmerksamer geworden zu sein : wenigstens hatte 
Antias (Plut. Poplic. 20) dem namen des consul A. Postumius 
sein cognomen Tubertus hinzugefügt, während Livius es wegläßt. 
Doch ist für die große Verschiedenheit, die bei Livius in bezug 
auf die cognomina herrscht, allerdings die annähme unabweislich, 
daß schon seine quellen hierin sehr differirten. Und es scheint 
nun in der that , daß Livius später die fasten des Antias mit 



Nr. 6. 79. Alte musik. 299 

denen des Macer vertauscht hat, wie dieses aus der wiederhol- 
ten hervorhebung der angaben dieses IV, 7, 10. 20, 5. 23, 1 
hervorgeht. Dagegen ist offenbar der ausfall der jähre 264. 
265 wieder allein durch den gebrauch zweier quellen, einer für 
die erzählung, der andern für die chronologischen daten, erklär- 
bar. Livius hat die geschichte des Coriolan II, 34 — 59 nach 
Fabius gegeben, der die durch mehrere jähre sich hinziehende 
erzählung im Zusammenhang gab , ohne sie durch eingefügte 
eponymennamen zu unterbrechen, wodurch Livius unmerklich 
in ein späteres jähr hinübergeräth, dessen consuln er nun, offen- 
bar in dem guten glauben, er habe die früheren seiner zeit mit- 
getheilt, anfügt. 

Das äußerst mißliche, was in einer solchen hineinarbeitung 
der nachrichten der einen quelle in den chronologischen rahmen 
der andern liegt, hat dem Livius nicht verborgen bleiben können 
und seine klage c. 21 bezieht sich offenbar gerade hierauf. Er 
hat denn auch aus dem gründe mehr und mehr auch für die 
eigentlichen nachrichten an Antias sich angeschlossen und so ist 
es ihm begegnet, daß er manche ereignisse, die er schon nach 
seiner älteren quelle erzählt hatte , jetzt in anderer version aus 
Antias noch einmal giebt, vrgl. Nitzsch Annal. 61 ff. 

Weiter auf einzelheiten der vorliegenden schritt einzugehen 
verbietet der schon über gebühr in ansprach genommene räum 
dieser Zeitschrift. Ich bemerke nur noch einmal ausdrücklich, 
daß die vorstehenden ausführungen nur als bemerkungen gelten 
sollen, wie sie sich mir bei lectüre der schritt aufgedrängt ha- 
ben; daß dagegen ein abschließendes urtheil über die quellen 
dieser theile des Livius , soweit dasselbe überhaupt möglich 
ist, nach meiner ansieht nur auf eine eingehende analyse der 
verschiedenen Fastenredactionen selbst sich gründen kann — eine 
Untersuchung freilich, die mit so vielen Schwierigkeiten verknüpft 
ist, daß eine erfolgreiche durchführung derselben kaum zu er- 
hoffen steht. 

Otto Gilbert. 



79. Fr. Aug. Gevaert, Histoire et the'orie de la musi- 
que de Vantiquite". 8. Tome I. Gand. 1875. 

Vorstehendes werk, in kürze bereits im VII. Jahrgang des 



300 79. Alte musik. Nr. 6. 

PhAnzeigers erwähnt, wurde der deutschen leseweit bald nach 
seinem erscheinen auf das wärmste empfohlen durch eine bro- 
chure von H. Wichmann (Ueber Gevaert's histoire u. s. w. 
Berlin 1876. Mitscher & Röstell), und die gleiche empfehlung 
brachte auch die Augsb. allg. zeitung 1876 in ihren nummern 
von 63 — 66. Ref. aber konnte damals für zusammenhängende 
Studien auf diesem gebiete keine muße finden und mußte sich 
eine eingehende beschäftigung mit dem inhalte dieses buches 
versagen, that es auch um so lieber, als er aus Wichmann's 
analyse ersah, daß gerade diejenigen behauptungen Westphals, 
welche den schärfsten Widerspruch hervorrufen müssen, in dieser 
histoire et theorie wiederholt werden. In einem viel gelesenen 
Jahresbericht ist seitdem über Gevaerts buch nicht viel mehr 
gesagt, als an mannigfachen musikschlüsseln *) und noten sei in 
demselben kein mangel; im übrigen hat man ziemlich allgemein 
über dasselbe still geschwiegen. Verdient hat aber Gevaert's 
arbeit eine solche behandlung nicht im mindesten; sie ist viel- 
mehr im gegentheil dazu angethan die theilnahme und den dank 
derer, welche solche forschungen interessiren, im höchsten grade 
hervorzurufen. So möge denn eine etwas eingehendere beur- 
theilung jenes buches auch jetzt noch nicht zu spät kommen. 
In Übereinstimmung mit H. Wichmann heben wir hervor, 
daß der vrf. durch eine menge glücklicher gaben zu abfassung 
eines solchen Werkes in nicht gewöhnlichem maße befähigt er- 
scheint. Hinreichende philologische und historische kenntnisse 
verbindet er mit dem ausgedehntesten wissen auf dem musikali- 
schen und den damit verwandten gebieten, glückliches combina- 
tionstalent, scharfes schlußvermögen und ein ruhiger klarer 
blick für historische entwickelung treten überall zu tage, und 
wie es offenbar Gevaert freude machte, auf diesem schwierigen, 
zum theil noch immer dunkelen und wenig erfolg versprechen- 
den gebiete zu forschen, so erfüllt ein gleiches gefühl den leser, 
der sich von ihm in die einzelheiten seiner aufgäbe einführen 
läßt; letzteres um so mehr, als der vrf. mit deutscher grtind- 
lichkeit französische feinheit und eleganz der darstellung äußerst 

1) Bei dieser gelegenheit seien collegen, die mit dem gregoria- 
nischen choral nicht bekannt sind, gewarnt vor Verwechselung des 
F-schlüssels mit dem C-schlüssel. Ersterer hat vorne einen punkt. 
Z. b. Gev. p; 168. 



Nr. 6. 79. Alte musik. 301 

glücklich vereinigt. So bieten denn namentlich die einleitungs- 
und schluß-abschnitte der meisten kapitel dem leser neben reicher 
thatsächlicher belehrung die interessanteste anregung zu eigenem 
nachdenken. Man lese z. b. gleich den ersten abschnitt, über 
die bei verschiedenen Völkern auftauchende fünftonleiter , oder 
den über Stellung der musik im geistesleben der Griechen p. 
21 ff. Gleiches läßt sich sagen von der Übersicht über die sechs 
perioden der griechischen und römischen musik p. 41 ff. , sowie 
über den abschnitt vom character der griechischen tonarten im 
Zusammenhang mit dem der gleichnamigen volksstämme p. 178 ff, 
oder über die vergleichung des antiken und modernen gefühls 
betreffs dur und moll p. 200 ff. , über praxis , ethos und ge- 
schichte der klanggeschlechter p. 291, 295, 297, endlich über 
Ursprung und entwickelung der beiden griechischen notensysteme 
(besonders p. 429), 

Auch was wir über mehrstimmige begleitung aus 
dem alterthum erfahren können , ist geschickt zusammengestellt 
p. 356 ff. (dazu die geschichte der polyphonie p. 372 ff.). Im 
TQOTiog öTtovdeiaxog 2 ) nämlich, der einzigen tonweise, über deren 
begleitung wir genauer unterrichtet sind , lag die begleitende 
stimme oben über der melodie 3 ), bildete bald consonanzen bald 
dissonanzen mit derselben 4 ) und bewegte sich am meisten in 
den höchsten tönen der scala, welche von der melodie unberührt 
blieben (Plut. 19). So merkwürdig auch das alles klingen mag, 

2) Was Plut. mus. 11 von enovdtiov erzählt, steht mit dem in 
der engsten beziehung, was ebd. 19 vom rgönog onovdsiaxög gesagt 
wird. Daß Gevaert p. 299 die angaben nicht vereinigt, will uns 
nicht gefallen. 

3) Der ausdruck vno ttjv iu&yjv xqovhv (Aristot. Probl. 19,39) wi- 
derspricht dieser annähme keineswegs. 'Yncatj , also eigentlich »ober- 
ste« {IntQTÜrtj) heißt den Griechen die tiefste saite, insQ^iatj heißt 
bei Nikom. Mus. 7 die neben der niese liegende tiefere. Es gilt ihnen 
also der (fd-öyyog v%vg für unten, der ßagvg für oben liegend. Später 
hat sich die anschauung geändert. Vgl. Fleckeisen Jahrbb. 1871. 
p. 369. 

4) Die bedeutung des Gaudentios p. 19 für diese frage über- 
schätzt Gevaert p. 111 , und die Zerlegung der hypodorischen leiter 
referirt er p. 139 ganz ungenau aus dieser quelle. Gaudentios führt 
zwei verschiedene arten an, nach denen sich jene octave theilen lasse. 
Daß dieser Schriftsteller die phrygische octave in d-g und g-d zerlegt 
und die lydische dem entsprechend, zeugt allerdings für die bedeu- 
tung der mese (phryg. g); aber alles gewicht dieses Zeugnisses wird da- 
mit wieder aufgehoben, daß bei Zerlegung der dorischen octave die mese 
umgangen und h als theilungspunkt gesetzt wird. Gaudentios geht 



302 79. Alte musik. Nr. 6. 

so wenig darf es bezweifelt werden; ja wir können sogar hin- 
zufügen , daß sich für diese wunderliche art von umgekehrtem 
dudelsack noch heute auf griechischem boden etwas analoges 
finden läßt in dem ,,ison" der griechischen kirchengesänge, 
einem von knaben ausgehaltenen oben liegenden grundton. Vrgl. 
Bourgauld-Ducoudray, e"tudes sur la musique ecchisiastique grec- 
que p. 7. Wenn aber Gevaert p. 371 der begleitung schnellere 
bewegung als dem gesang, also eine gewisse figuration vindiciren 
will, so kann ich ihm darin nicht beistimmen. 

Auch in solchen abschnitten, in denen die prämissen des 
vrfs. zweifelhaft oder unrichtig sind , können wir belehrung aus 
diesem buche schöpfen. In betreff der griechischen octavgat- 
tungen z. b. geht Gevaert von grundsätzen aus, die ref. als 
absolut unannehmbar bezeichnen muß. Schon das ist eine mehr 
als kühne behauptung, daß nur die mit dem zusatze inavatftdiu} 
oder mit vorsetzung der präposition vno bezeichneten tonarten 
auf dem grundton, zugleich dem tiefsten der octave, geschlossen 
hätten, während in den mit einfachen namen bezeichneten octa- 
ven, z. b. der dorischen e a e, die mese (a) harmonischer grund- 
ton sei, die melodie aber stets auf der unterquarte desselben, der 
hypate e geschlossen habe. (p. 130. 132 und sonst.) Wir geben 
dem vrf. gerne zu, daß a gemeinsamer grundton für die dori- 
sche und hypodorische tonart war, haben aber über schlußton 
der einzelnen octaven, sowie im allgemeinen über plagale und 
authentische leitern total abweichende ansichten, die an einem 
andern ort entwickelt werden sollen. Hier nur soviel, daß wir 
rathen müssen, alles bezügliche als nicht sicher erwiesen anzu- 
nehmen, (p. 167. 247 u. sonst). 

Noch weiter entfernt sich der vrf. von dem boden der mög- 
lichkeit, wenn er mit Westphal annimmt, zwei tonarten, die mi- 
xolydische (oder syntono-iastische) und die syntonolydische hät- 
ten in der terz des grundtons geschlossen (p. 149. 154 u. s. 
w.)! Bereits auf p. 102 wird mit einem großen aufwand von 
Scharfsinn der beweis für die behauptung zu führen gesucht, es 
hätten die Griechen von der großen terz einen ähnlichen ein- 
einfach nach der nurnnier seiner quarten- und quinten-schemata. Was 
aber Gevaert aus der stelle schließen wollte, nämlich daß in der 
reihe e-e der hauptton a ist, das wird dadurch bewiesen, daß jene 
reihe fortentwickelt wird unten bis tief A, oben bis hoch a im 
cvcxtjfict ä/uim'ßoXov. 



Nr. 6. 79. Alte musik. 303 

druck empfangen wie wir und unsere Zeitgenossen. Unumstöß- 
liche thatsacke aber ist, daß für das gesammte altertkum die 
terz als dissonanz galt, und gerade diejenige stelle bei Gauden- 
tios, die man wokl gerne zu gunsten dieses intervalls anführt, 
sagt, die große terz stehe auf gleicher stufe mit der übermäßi- 
gen quarte. Allerdings liegt ihr ein ziemlich einfaches zahlen- 
verhältniß zu gründe (4 : 5). Aber wenn man von den moder- 
nen Völkern behaupten kann , ihr ohr könne nur bis fünf zäh- 
len, d. h. es empfinde nur an denjenigen klangverbindungen 
ein Wohlgefallen , deren töne nach ihren Schwingungszahlen die 
allereinfachsten Verhältnisse darstellen (1:2, 2 : 3 u. dgl.) , so 
werden wir es begreiflich finden, daß die Völker des alterthums, 
deren ohr für erfassung mehrerer gleichzeitiger töne weit weni- 
ger ausgebildet war , schon Verbindungen im verhältniß von 4 
zu 5 nicht mehr als wohlklingende empfanden. Daß also viel- 
leicht die begleitung mit dem grundton geschlossen, die melodie 
mit der darüber liegenden terz, ist vollkommen undenkbar. Der 
vrf. weiß ja auch recht wohl (p. 367), daß nach Arist. Probl. 19, 
39 am schluß eines tonstücks melodie und begleitung sich auf 
dem einklang oder der octave vereinigen müssen. Er scheint 
also der ansieht zu sein , es könne in einem musikstück Fdur 
die herrschende tonart sein und trotzdem könne begleitung und 
melodie in a enden! Das dünkt uns womöglich noch unwahr- 
scheinlicher als ein wirklicher terzenschluß. Wenn in zeiten 
einfacher volksthümlicher musik ein schluß so entschieden auf a 
erfolgt, wie soeben angenommen, womit wollen wir denn bewei- 
sen, daß dies stück aus Fdur gehe? 

Die paar noten, welche Westphal auf eine so merkwürdige 
idee brachten, finden sich am ende des Anonymos (§ 104). Hier 
sieht es allerdings aus, als herrsche in dieser zeile der .F-accord, 
und auf einmal hört mit a die sache auf! Da ist denn aber 
doch erst zu fragen, von wem stammt denn diese composition? 
ist sie überhaupt antik? wie alt? ist es denn wirklich eine com- 
position? für welches instrument? — Alles das ist so vollkom- 
men zweifelhaft, daß auch der schluß erlaubt ist : Wenn in die- 
sen notenbeispielen sachen vorkommen, welche aller sonstigen 
Überlieferung widersprechen, so sind sie nicht mehr werth als 
die melodie zur ersten pythischen ode Pindars. Und weiter frage 
ich: wer bürgt uns dafür, daß hinter jener note am Schlüsse 



304 79. Alte musik. Nr. 6. 

des Anonymos nicht noch ein paar noten ausgefallen sind ? Auch 
betrachte man einmal die kritischen belege für jenes a\ Bel- 
lermann sagt : ultimam notam cod. B hac figura exhibet — , ceteri 
hac. — Beide da mitgetheilte zeichen weichen ab von der ge- 
wöhnlichen note a ; der Schluß a beruht also auf bloßer conjec- 
tur! Und darauf will man ein System vom Schluß auf der terz 
bauen ? 

Mit des vrfs. auffassung der syntono-lydischen tonart ist es 
also nichts ; wir werden unten sehen, wie man sich dieselbe mit 
mehr grund wird erklären können. Aber trotz solch folgen- 
schwerer irrthümer ist doch der abschnitt von den octavgattun- 
gen bei Gevaert äußerst lehrreich, indem der vrf. für jede er- 
scheinung analogieen aus den weisen anderer nationen und Zei- 
ten anzuführen weiß. Er kennt die weltlichen gesänge der ver- 
schiedensten völker, die Choräle der Lutheraner, die psalmen der 
reformirten ; besonders viele eigenthümlichkeiten der griechischen 
tonarten aber findet er im gregorianischen meßgesang wieder und 
hat damit ein ergiebiges feld für forschungen auf diesem gebiet 
zum ersten mal erschlossen. Auch für Scalen, welche Beller- 
mann und Helmholtz für ganz unharmonisch und unbrauchbar 
gehalten hatten, führt er beispiele aus der praxis an, so für die 
mixolydische (H ohne vorzeichnung) p. 150 ein schwedisches 
liedchen, für die hypolydische (F ohne vorzeichnung) p. 172 
und p. 175 gesänge aus dem Antiphonarium Romanum. 

An dem kapitel von der notenschrift finde ich wieder- 
um mancherlei auszusetzen, besonders was die herkunft der in- 
strumentalnoten betrifft. Westphal wollte (Metr. I, p. 393) in die- 
sen ein argivisches aiphabet aus vorsolonischer zeit finden, in 
welchem X zweimal vertreten sei , und meinte, man habe töne, 
welche um eine octave auseinanderliegen, mit aufeinanderfol- 
genden buchstaben bezeichnet. Dieser wunderlichen hypothese, 
nach welcher zwei absteigende und fünf aufsteigende octaven 
angenommen werden müssen, stimmt Gevaert p. 398 und p. 426 
vollständig bei und läßt sich auch durch die sonderbaren Sprünge 
nicht beirren, welche diese noten machen, indem von £ zu r\ ein 
intervall von nicht ganz zwei octaven eintritt. Uns scheint da- 
gegen , daß von der mese abwärts das aiphabet in einfacher 
reihenfolge benutzt wurde, « und $ freilich etwas verstümmelt, 



Nr. 6. 79. Alte musik. 305 

8 mußte der Umkehr wegen verändert werden; aber y für e, 
s £ 1] für e h a sind deutlich erkennbar. 

Indeß auch aus diesem abschnitt kann man andrerseits vie- 
les lernen, ja wenn ref., der freilich hier nicht als richter, son- 
dern als interessirte partei auftritt, sich nicht täuscht, so be- 
gründet gerade dieses capitel unter allen den bedeutendsten 
fortschritt in unserer künde von dem griechischen ton System. 

Längst mußte es die allgemeine Verwunderung erregen, daß 
nach den notenregistern des Alypios die griechische urscala, die 
dorische , als eine der untergeordnetsten auftritt , indem sie mit 
fünf abgeänderten, nicht ursprünglichen zeichen notirt ist gleich 
unserm i?moll mit seinen fünf 5, während dagegen die hypoly- 
dische scala , gewiß eine der wenigst ursprünglichen und we- 
nigst beliebten , als die normalscala dasteht , welche so einfache 
noten hat wie unsere J.moll-tonleiter. Gewiß hat also der vrf. 
recht, wenn er als die urscala eine reihe ansieht, welche mit 
den zeichen des hypolydischen tonos notirt war, aber nicht von 
f bis / lief, sondern mit e begann (p. 244 und 425). Er zeigt 
aber weiter p. 426 wie man, um aus der ursprünglich dorischen 
scala von e bis e eine phrygische octave herzustellen, die saiten 
der töne / und c einen halbton höher stimmt, und zeigt, daß 
die ursprüngliche notenschrift 5 ) , d. h. die mittlere partie der 
sogenannten instrumentalnoten dies dadurch andeutete , daß die 
betreffenden notenzeichen umgekehrt wurden, c = E, eis = $[. 
Sollte lydisch gespielt werden, so mußten auch die töne g und 
d erhöht, also wiederum zwei Stimmwirbel am instrument gedreht 
werden und ein gleiches that man mit den notenzeichen. 

Im jähre 1867 versuchte ref. die griechischen tonarten, wie 
sie z. b. in Plato's Bepublik besprochen werden, nach ihrem we- 
sen und ihrer praktischen Verwirklichung auf der lyra sich klar 
zu machen. Er nahm dabei (Neue Jahrbb. f. philologie. b. 95, 
p. 822) auch die dorische lyra als eine von e za e laufende 
octave mit lauter einfachen noten an , und mußte für die phry- 
gische octave zwei , für die lydische vier erhöhungen ansetzen. 
Jener ansatz findet sich nun durch Gevaert's analyse der instru- 
mentalnoten auf das evidenteste bestätigt, und es kann für ref. 

5) Mit recht polernisirt der vrf. p. 429 gegen Westphals annäh- 
me, als sei Polymnast erfinder des notensystems. Die notation ist 
älter. Danach ist p. 244 zu verbessern. 

Piniol. Anz. IX. 20 



306 79. Alte musik. Nr. 6. 

nun kein zweifei mehr darüber bestehen, daß hierin der Schlüs- 
sel gegeben ist zur erklärung alles dessen , was wir über grie- 
chische tonarten überhaupt erfahren. Das wesen der octavgat- 
tungen sowohl als das der transpositionsscalen läßt sich von die- 
sem fundament aus vollständig klar legen. In die klage des 
Vrfs. (p. 128 f. 210), als hätten die alten in ihrer terminologie 
die begriffe octavgattung und transpositionsscala nicht streng 
genug unterschieden und als könnten wir oft nicht wissen , ob 
unter dem worte tovng das eine oder das andere gemeint sei, 
stimmen wir nicht mit ein. Töfog von itCrco bedeutet Stimmung, 
d. h. die art, nach welcher gerade gestimmt war und nach der 
die halben töne in die octave der lyra und des gesanges ein- 
geordnet waren. Toog bezeichnet also ursprünglich die octav- 
gattung und gerade stellen, welche von praktischer anwen- 
dung eines tonos handeln, können in erster linie nur diese be- 
deutung im äuge haben. Wie sich daraus später die zweite 
bedeutung entwickelte, werden wir sogleich sehen. 

Jene stelle des grammatikers Proklos 6 ), aus der wir er- 
fahren, daß im dithyramb immer phrygische, im nomos immer 
lydische tonart herrschte, nennt bestimmt ü{>(jt,niiai (stimmungs- 
arten von ap^/^w), so daß nicht abzusehen ist, weßhalb Gevaert 
p. 263, a. 2 von lydischem tropos (= transpositions-scala) 
spricht. Beim vofiaq ■zQifielrjs des Sakadas (Plut. Mus. 8) bandelt es 
sich zwar um flöten; es kann aber kein zweifei sein, daß auch 
hier nicht von dreierlei tonhöhen, sondern von den tövm als 
characteristischen octaven gerade wie auf der lyra die rede ist 7 ). 

Während der umfang der achtsaitigen lyra sich auf die oc- 
tave der Chorsänger beschränkte , scheint die kithara schon in 
recht früher zeit 12 saiten gezählt und sich , wenn dorisch ge- 
stimmt war, bis zum tiefen A erstreckt zu haben 8 ) ; wenigstens 
reicht soweit die älteste reihe der instrumentalnoten. Als sie 
noch mehr saiten erhielt, umfaßte sie das ganze avanj^a upe- 

6) In Photios Bibl. no. 239, p. 985 R. — Der vrf. dieser werth- 
vollen grammatischen Chrestomathie hätte in kapitel 1 des ersten bu- 
ches unter unsern quellen erwähnung verdient. 

7) So faßt auch Gevaert p. 354 die sache auf. Aber p. 242 
durfte diese stelle nicht herangezogen werden. 

8) Sehr geschickt benutzt der vrf. p. 264 die angaben des Pto- 
lemäos zu der gewiß richtigen annähme, daß umstimmen in verschie- 
dene tonoi von den dilettanten auf der lyra wenig, um so mehr dafür 
von den virtuosen auf der kithara geübt worden sei. 



Nr. 6. 79. Alte muslk. 307 

täßolov, zwei octaven vom tiefsten bis zum ganz hohen a. Jede 
saite behielt nach der ovo/xaaCa xara &iaiv stets denselben na- 
men, auch wenn sie umgestimmt wurde 9 ). Es war nun anfangs 
wohl nur sache theoretischer speculation, daß man sich die phry- 
gische stimmungsweise in ähnlicher art wie die dorische zu einem 
System von zwei octaven erweitert dachte. Dabei faßte man 
denn merkwürdiger weise nicht mehr die saiten e fis g a als 
ein zusammengehöriges tetrachord , sondern indem man aus dem 
invog cpovyiog wieder nach möglichkeit dorische Verhältnisse her- 
aussuchte, sagte man : fis g a h bilden ein tetrachord ; die dia- 
zeuxis oder gränze der tetrachorde , die früher zwischen a und 
h zu suchen war, liegt nun zwischen h und eis. So übertrug 
man nach und nach sämmtliche Verhältnisse des unveränderli- 
chen Systems (AmolY) auf den phrygischen tonos, theilte ihm unter 
e noch drei töne zu bis zum tiefen H, oben noch vier bis zum 
ganz hohen h, und man hatte den vövog cpovyiog in seiner spä- 
teren bedeutung, eine doppelte üf-moll-scala , die sich von 
der dorischen tonart nur dadurch unterschied, daß sie einen 
ton höher stand. Consequenter weise ergab dann die lydische 
Stimmungsart mit ihren vier erhöhten saiten eine Cis-moll scala 10 ). 
Auf diesem wege waren die Üqhovixoi, eine anzahl theoretiker 
vor Aristoxenos schon bis zu fünf Scalen gekommen; sie kann- 
ten außer A, H und Cis noch eine tiefe Gis-mo\\ und eine hohe 
jDmoll-scala ] l ). Erstere war daraus entstanden , daß man die 
lydischen vier kreuze noch um ein weiteres vermehrte , letztere 
daraus, daß man statt h die alte tritesynemmenon b wieder zu 
ehren brachte 12 j. In der gesangsoetave von e bis e stellten 

9) In dieser weise hat der hauptsache nach schon Ziegler jene 
von Westphal total mißverstandene terminologie erklärt (programm. 
Lissa 1866). Völlig durchschaut und klargelegt hat sie erst Gevaert 
p. 255 ff. Ein fehler in der Übersetzung von Ptol. II 11 dia tb /nijdi- 
nors . . . 7iiQininTin> [aßn gue les fonetions ne puissent statt puis- 
gue les fonetions ne penvent) ist für erklärung der stelle im ganzen 
von keinem belang. 

10) Vrgl. Gevaert p. 244. Aber die p. 245 folgende B-moll- 
scala gehört ganz anders wohin. 

11) Aristox. Harm. p. 37. Westphal Metr. I 385—389 entwickelt 
das sehr deutlich, notirt nur leider alles einen halbton zu hoch. — 
Gevaert mischt von p. 245 an viel ungehöriges in den abschnitt von 
den transpositions-scalen. 

12) Das tetrachord der synemmenoi wurde nicht hinzu erfunden, 
wie Gevaert p. 246 meint, sondern es enthielt die ursprünglichen sai- 
ten der siebensaitigen lyra: (a) b c d. Nikom. p. 23. 

20* 



308 79. Alte musik. Nr. 6. 

diese letztgenannten beiden tonoi die später hypolydisch 13 ) und 
mixolydisch genannte octavgattung dar. Nachdem sogar die 
mese (a), der mittelpunkt des Systems , ihre ursprüngliche Stim- 
mung aufgegeben hatte und ais geworden war , kam nun die 
reihe der erhöhung an die hypate und note e. Diesen schritt 
that Lamprokles. Er verlegte damit mit diazeuxis oder tetrackord- 
gränze oberhalb des tetrachords ais h eis dis , zwischen dis und 
eis, Plut. Mus. 16. Damit war freilich keine neue octavgattung dar- 
gestellt, denn die oetave des Lamprokles hatte dieselbe folge 
der halbtöne von eis bis eis, welche die alten harmoniker mit 
hülfe der trite synemmenon zwischen e und e aufgestellt; seit 
aber die höhere stimmungsart für diese oetave gefunden war, 
gaben ihren helleren tönen die kitharoden gerne den Vorzug. 
Die zahl der mollscalen war erweitert durch Dis-mo\\ mit 6 
kreuzen. 

An das herunterstimmen der saiten hatte man bisher noch 
wenig gedacht ; doch konnte auch das nicht ausbleiben. Nächst 
h mußte e an die reihe kommen, das ergab freilich nur eine 
Wiederholung der wenig gebrauchten hypolydischeu oetave. Fol- 
genreich aber war der schritt des Dämon (Plut. 1. c. 16), der a in as 
stimmte und so von es-es eine lydische oetave mit drei b dar- 
stellte, die lnavi.\\xivri XvdiorC. Als sehr tiefe Stimmung war sie 
ivnvtia j\ (»v'E.olv^iati, der hohen Stimmung des Lamprokles mit 
sechs kreuzen ; dagegen bekam sie bald zur genossin eine tief ioni- 
sche oetave (es bis es mit 4 b; früher konnte man diese nur 
von e aus mit 3 kreuzen bilden) , daher Plutarchs worte : naga- 
nXr]aia 7/j läSi. 

Sehr ergiebig war natürlich diese neuerung für die zahl 
der mollscalen. Wie früher die beiden mixolydischen oetaven 
(in eis und e)scalen in Dis und D ergeben hatten , so bekam 
man jetzt neben der höheren hypolydischen scala in Gis eine 
neue in G (2 Z>), zur lydischen C/s-scala kam eine in C (3 b), zur 
ionischen oder hypophrygischen in Fis eine in jPmoll (4 b). Ver- 
gebens eiferte Heraklides Pontikos (Athen. 14, 20) gegen solchen 
luxus; Aristoxenos u ) stellte dreizehn tonoi auf: 

13) Daß die hypolydische oetave jemals eine hervorragende be- 
deutung gehabt (devaert p. 242) . bestreiten wir mit bestiinmtheit. 
Woraus der schein dieser bedeutung entstand, wird sich sogleich 
zeigen. 

14) So nach Bryenn. III, cap. 2. Vrgl. Westphal Metrik I, 408. 



Nr. 6. 79. Alte musik. 309 

E hypodorisch. J. dorisch. D altmixolyd. 

F neuhypophr. B neuphrygisch. Dis neumixol. 

Fis althypophr. H altphrygisch. E hyperphryg. 

G neuhypolyd. C neulydisch. 

Gis althypolyd. Cis altlydisch. 

Soweit entwickelten die Griechen das System ihrer tonarten 
auf grtmd der alten dorischen lyra. Aber die kitharoden be- 
gnügten sich auch damit noch nicht. Mixolydisch konnte man mit 
sechs erhöhten saiten spielen, konnte auch noch die siebente erhöhen 
und ein hochdorisch mit 7 kreuzen versuchen-, wollte man aber 
weiter , so mußte etwas neues geschaffen werden. Und man 
wollte weiter. Gerade die lydische tonart , die des nomos , war 
ja die hauptscala dieser leute, und gerade der nomos sollte recht 
hoch gesungen werden. (Arist. Probl. 19, 37.) Sollte man nicht 
einen schritt auch über das höchste denkbare dorische hinaus- 
gehen und sich eine hohe lydische scala (avvTovolvdiari) schaf- 
fen? Man that es, man fügte dem früheren system noch 
eine hohe / saite hinzu. Wahrscheinlich hat auch die lyra 
wirklich diese neunte saite bekommen, jedenfalls war die grund- 
lage des tonsystems von nun an nicht mehr die .E-octave, son- 
dern ein enneachord, das eine E- und .F-scala zugleich enthielt. 
Das folgt mit nothwendigkeit aus der entwickelung des griechi- 
schen tonsystems ; unterstützt wird diese annähme durch die 
nun zum erstenmal mögliche deutung des Wortes mixolydisch 
und durch einen terminus der kitharoden , den uns Ptolemäos 
II, 16 erhalten hat. 

Nur durch annähme eines enneachords wird klar, wie in 
der älteren zeit die .Escala , in der jüngeren die .Fscala als 
hauptoctave für theorie und praxis erscheinen kann. Nur durch 
diese annähme erklärt sich die unverdiente ehre , welche der 
hypolydischen octave zu theil geworden. An die alte JE-reihe 
war oben der ton / angesetzt. Die .F-octave, welche durch die- 
sen ton ermöglicht war , wurde mehr und mehr bevorzugt und 
verdrängte mit der zeit die alte gesangsoctave vollständig, so 

Marquard Aristox. p. 310. Gevaert p. 251. Aber bei diesen drei 
neueren forschern ist dorisch nicht als Amoll angesetzt und damit aller 
organische Zusammenhang des Systems zerstört. Die beiden phrygi- 
schen Scalen suchen sie nicht wie wir, beide auf der Hstufe, sondern 
eine auf H, die andere auf C ! 



310 79. Alte musik. Nr. 6. 

daß der schein entstand, als sei die F-octave ohne vorzeichnung 
die griechische grundscala. 

Stimmte man das enneachord mit einem b , so ergab die 
reihe von /-/ eine lydische octave, die grundoctave der späteren 
zeit; neben ihr lief von e-e eine scala her, die längst gekannt 
und benutzt jetzt erst den eigenthümlichen namen mixolydisch 
erhielt, da sie begleiterin der lydischen scala war und den Über- 
gang vom altdorischen (E ohne vorzeichnung) in das neulydi- 
sche (F mit b) vermittelte. 

Stimmte man das enneachord mit drei erhöhungen , so er- 
gab sich in der .E-reihe eine ionische, in der F-reihe eine äoli- 
ßche octave: 

e fis gisa h cisd e fis. 
Das waren die 'laozi-aiohia der kitharoden, von denen Ptole- 
mäos erzählt 15 ). 

Seinen abschluß hat das griechische tonsystem erreicht in 
den fünfzehn mollscalen, die wir aus Alypios kennen. In seinen 
registern werden neben den alten instrumental- noten auch die 
viel jüngeren gesangsnoten mitgetheilt. In ihnen hat die .E-reihe 
vollständig den sieg errungen über die .E-reihe. Das hohe fis 
des enneachords wird mit A bezeichnet, auf jede stufe werden 
drei buchstaben des alphabets verwendet um chromatische Ver- 
schiedenheiten bezeichnen zu können, Q bedeutet tief f. Da ist 
es denn ganz consequent, wenn jovog 8o3qio$ nicht diejenige 
scala heißt, in welcher von e bis e eine dorische octave erscheint, 
sondern die, in welcher sich von / bis / eine solche ergiebt. 
Das alte System erscheint hier völlig verzerrt. Aber noch läßt 
sich aus dem gewirre dieser 130 noten die organische entwicke- 
lung des griechischen tonsystems erkennen, und dazu hat nächst 
Bellermann und Fortlage neuerdings Gevaert einen bedeutenden 
schritt vorwärts gethan. 

Schließlich sei es erlaubt noch auf einige einzelheiten von 

15) Der betreffende tonos heißt Ptol. II, 16 der hypophrygische, 
Fis-moll mit 3 kreuzen, vrgl. ob. Der phrygische ton hatte 2, der hypo- 
dorische 1 kreuz. Die trite, welche im phrygischen tonos noch er- 
höht war (eis), wurde in letzterem heruntergestimmt, daher der 
name tritai bei Ptolemäos. Sollte die Stimmung dorisch werden, 
so kam die reihe des herunterstimmens an die parypate (f), und nach 
dieser saite benannte man in der spräche des band wer ks den dori- 
schen tonos. 



Nr. 6. 79. Alte musik. 311 

geringerer bedeutung zu kommen. Die belegstellen citirt der 
vrf. in der regel mit ausreichender genauigkeit. Mißlich aber 
ist, daß Plutarchs buch de musica immer nach Westphals eigentüm- 
licher eintheilung citirt wird, statt nach den allgemein bekannten 
kapiteln. Einmal (p. 355) finden wir Volkmann's ausgäbe ci- 
tirt ; da hätte aber die angäbe nicht wegbleiben sollen, daß die 
handschriften nicht iwea ftogSalg, sondern vielmehr nevTa^ogÖotg 
haben, c. 30. So hätte auch p. 417 a. 3 die notiz nicht weg- 
bleiben sollen, daß das zeichen der diastole in allen handschrif- 
ten des Anonymos fehlt und daß die beiden dafür angegebenen 
zeichen auf vermuthungen Vincent's in den Notices p. 220 be- 
ruhen. Bei den notenbeispielen des Anonymos vermissen wir 
ferner an vielen orten ungern den genauen hinweis auf Beller- 
mann's treffliche kritische ausgäbe. Auch für ein paar stellen 
aus Plutarch und eine aus Athenäus fehlen die bestimmten ci- 
tate. P. 364 hat Gevaert im äuge Plut. Quaest. conviv. IX, 9 
und Coniug. praec. 11, von Athenäus ist p. 32 gemeint 14, 9. 
Den aristotelischen problemen widerfährt zu große ehre , wenn 
dieselben (p. 9 und sonst) als wirklich von dem philosophen stam- 
mend und als ältestes zeugniß aus der ganzen litteratur betrach- 
tet werden. — An den p. 286 mitgetheilten Scalen des Aristi- 
des fehlt eine note. Die letzte scale nämlich, welche als avvro- 
voXv8iaji, von Gevaert in Übereinstimmung mit Westphal als 
iastisch bezeichnet ist, muß mit hoch h beginnen. — An zwei 
stellen glauben wir den vom vrf. gebrauchten ausdruck anfech- 
ten zu müssen. Jisatg ist nicht division (p. 277) , sondern 
„durch- oder Übergang , transition" und nicht ornements du chant 
sind die p. 386 ff. besprochenen dinge, prolepsis, proskrusis, 
agoge u. s. w. , sondern vielmehr formen der melodie. — 
Betreffs der nerrtia hätte unsres bedünkens der vrf. p. 381 sich 
nur von Pseudo-Euklid leiten lassen sollen ; die gemeinsame quelle 
des Aristides p. 29 und des Bryennios scheint eine lücke ge- 
habt zu haben. 

Nun aber sind die mängel des buches erschöpft. Sie wur- 
den so eingehend behandelt, um zu zeigen, daß unser oben aus- 
gesprochenes urtheil auf eingehender prüfung beruht. Wir 
schließen mit der Versicherung, daß Gevaert's Histoire unter den 
vorhandenen werken über griechische musik weitaus das beste 
ist, sowie daß niemand, der sich an der forschung auf diesem 



312 80. Archaeologie. Nr. 6. 

gebiete betheiligen will, dasselbe ignoriren darf. Möchte der 
zweite band, der metrische und rhythmische fragen behandeln 
soll und über die instrumente der alten wichtige aufschlüsse zu 
geben verspricht, nicht lange auf sich warten lassen. 

C. v. Jan. 



80. Giov. Spano, Scoperte archeologiche fattesi in Sar- 
degna per tutto Tanne- 1876. Cagliari 1876. 51 s. 1. tafel. 

Seit dem 1864 erfolgten abschlusse des Bulleltino arclieologico 
sardo (10 Jahrgänge) giebt Iohanne Ispanu als fortsetzung desselben 
jedes jähr eine solche Übersicht der sardinischen archäologischen 
entdeckungen heraus wie die vorliegende ist, obgleich er 1876 
durch alter und krankheit verhindert seinen gewöhnlichen ar- 
chäologischen jahresausflug nicht hat unternehmen können , wie 
auch 1877 nicht und wie er auch in eben diesem jähre Theo- 
dor Mommsens Studien bei seinem besuche der insel zu begleiten 
verhindert war. Daher ist das vorliegende heft etwas weniger 
reich als sonst. Beachtenswerth ist die einen C. Iulius Aponi- 
anus aus Alexandria betreffende inschrift, welcher in der classis 
praetoria Misenensis diente. D . M. \ C . IVLIO . JPONI4NO\ 
ALEX J NDR. VIXIT | AN .XXXXVIIII .INIS \ MIL.IN.CL. 
PR. MJS. AN. XX1IX | ZOSIME. VXOR .B.M.F. Der heraus- 
geber hebt als auffällig im vergleich mit ähnlichen inschriften 
hervor, daß triremis und centurio nicht erwähnt werden. Das 
inis erklärt er für ein versehen statt in his: doch dürfte wohl 
is = eis richtig stehen. — Unter bronzegegenstäuden sind bemer- 
kenswerth noch mehrere von den schon seit 1860 bekannten zier- 
rathen, bestehend in einem armringe, an welchem drei kettchen 
hängen , deren jede in ein länglichrundes zugespitztes , lanzen- 
spitzen ähnliches, plättchen ausgeht, gegen l 1 /^ lang das ganze. 
Della Marmora that ihrer schon erwähnung und man möchte sie 
für vorhistorische auszeichnungen von kriegeru halten. — Von in- 
schriften auf tongefäßen ist auf dem boden einer lampe EX . 
OFl .L.UORTENSIS durch die nebenform Hortensis zu Horten- 
sius ii mit a. ä. an das Oskische erinnernd anziehend. So wie 
diese ist auch in der gegend von Cornus , der hauptstadt der 
Sardi pelliti, gefunden ein sigillo di bronzo di forma bislunga con 
una figura in mezzo busto tra le ultime duc righe colle seguenti let- 



Nr. 6. 81. Epigraplrie. 313 

tere 1MPMAVRELJL \ VERIANTON \ PIJ){FEL1CJS, welche 
also zwei kaiser nennt. In der gegend su Erre geheissen ist 
unter trümmern von säulen und bogen eine münze von Otacilia 
mit der kehrseite CONCORD1A AVGVSTI gefunden; die Con- 
cordia zeigt sich sedente con doppio cornu-copia e patera. In der 
nähe muß die nekropole sein , denn es zeigen sich eine menge 
pile (lacheddos), specie di rozzi sarcofagi. Anziehend ist auch eine 
bronzefigur , etwa einen finger hoch , ein schlankes rind , auf 
welchem ein mann reitet, darstellend. Das unterste der beine 
des thieres fehlt, die hörner sind erhalten, auch der zügel, wel- 
chen der mann etwas vorgebogen, so daß Schnelligkeit angedeu- 
tet wird, in der linken hand hält und welcher dem thiere am 
linken obre befestigt ist. In dieser art reiten landleute noch 
jetzt auf Sardinien rinder, deren ohr durchbohrt ist. Das sonst 
etwas rohe bild mag ein hohes alter haben. 

H. Buchholtz. 



81. Süll' epigrafe greca della chiesa di S. Decenzo in 
Pesaro , lettera di Gius. de Spuches al pro f. Ant. Boschini. 
Palermo 6 aprile 1877. — 6 s. 

Die christliche inschrift lautet YPANI2 \ ANNA \ QOMA2\ 
EIZTABAPI | E ENQAJE IKAlT E \ EKATON ETA und 
wurde mit mehr oder weniger gewaltsamen textänderungen er- 
klärt: nemo immortalis; Elictabaris hie iacet; vixit annos centum, 
ferner TJranis Anna, Thomas iacet hie centum annos, ferner Caele- 
stis vel Caelestina Anna uxor Thomais Stavaris hie iacet annorum 
septem, ferner Uranide Anna Tommasa poscia lieve canta ancora 
cento anni : welche erklärungen Boschini mit recht als unmöglich 
verwarf. Die Schwierigkeit liegt in der vierten zeile. Der vrf. 
liest sie el<j tu ßdoi-s, a queste due navate, in die beiden räume 
des kenotaphions. Es wäre wohl wünschenswerth , daß solcher 
Sprachgebrauch nachweislich wäre. Denn sonst kommt alles 
leicht heraus als ein den lebenden auf ihr kenotaph, ihr zu- 
künftiges grab, gesetzter wünsch : Uranis Anna, Thomas, in die 
beiden grabkammern hier möget ihr kommen als kundertjäbrige. 
Die erklärung gewinnt noch dadurch , daß wir einen hexameter 
und ein ohne jedes versmaß nachstehendes wort kv.atovi.ia. — 
wie öfter vorkommt — erhalten. Das 0o/<«b' statt ©gjju«*', den 



314 82. Komische geschichte. Nr. 6. 

optativ 'Uaits (oder i'xatre?) und das letzte statt saarovrasia sollen 
wir uns als mundartliche, aeolische eigenthümlichkeiten gefallen 
lassen. Bemerkenswerth ist die elision des s von ßnoie, welches, 
wenn der hexameter richtig ist, vielleicht eben deshalb in die 
neue zeile hinübergerückt wurde. Die absetzungen des E und 
ETA der beiden letzten worte veranlaßte die bildung des Stei- 
nes, ein absatz oder eine ecke. Das wort ßägig idog hat übri- 
gens auch im ionischen den genitiv 10g ohne das 8. 

H. Buchholtz. 



82. Eduardi Luebberti, dissertatio de gentis Claudiae 
commentariis domesticis. Kiliae 1878. (Academisches programm). 
31 s. 4. 

Der vrf. hat 1873 in einem academischen programm von Gießen 
im allgemeinen über den einfluß der im schooße der einzelnen 
gentes vorgenommenen familien-aufzeichnungen auf die gestal- 
tung der römischen geschichte, namentlich im anschluß an Nitzsch' 
Römische annalistik, gehandelt (prolusio de gentium Romanorum 
commentariis domesticis). Es wäre hier freilich vor allem nöthig 
gewesen auszuführen, was man in Rom überhaupt unter com' 
mentarii verstand, die nicht die zufälligen, nach laune und Will- 
kür vorgenommenen, aufzeichnungen zur fixirung der genealogie 
und der thaten der gentilen sind , sondern ursprünglich nichts 
anderes als die protocolle über die von den einzelnen magistratus 
vorgenommenen acta enthielten , die sogar eine offizielle geltung 
besaßen. Diese protokollarischen aufzeichnungen der acta, welche 
die einzelnen geschlechtsgenossen als magistratus vorgenommen 
hatten , und die in den archiven der gentes aufbewahrt , theils 
zur Verewigung eben dieser handlungen und thaten der gentilen, 
theils aber auch als formulare und muster zur Unterweisung für 
die späteren angehörigen der gens erhalten blieben , sind eine 
hauptquelle für die römischen annalisten und antiquare gewor- 
den und es wäre sehr wünschenswerth , wenn eine eingehende 
Untersuchung nicht nur eine geschichte dieses begriffs geben, 
sondern auch die zerstreuten , nicht geringen spuren und reste 
der commentarii magistratuum sammeln wollte. Die dürftigen no- 
tizen über diese commentarii magistratuum bei Schwegler Römische 
geschichte I, 28 ff. und bei Lewis (übers, von Liebrecht) Glaubw. 



Nr. 6. 82. Komische geschieh te. 315 

der R. G. I, 143 f. genügen nicht. Jedenfalls aber wäre es, 
wie schon bemerkt, nöthig gewesen in einer abhandlung de gen- 
tium Romanorum commentariis domesticis zunächst festzustellen, was 
denn überhaupt unter commentarii zu verstehen sei. Doch auch 
in der beschränkung der Untersuchung auf die frage , wie die 
eigentlich geschichtlichen thatsachen durch die familientraditionen 
beeinflußt seien , diente die abhandlung gut zur einleitung in 
die frage nach den quellen und der art des arbeitens von seiten 
der alten annalisten , indem sie an einzelnen beispielen theils 
den einfluß der tendenziösen geschlechtsüberlieferungen , theils 
die durch den gebrauch mehrerer annalen neben einander, sowie 
durch die eitelkeit der gentes und ihre sucht, die thaten ihrer 
vorfahren zu vermehren , hervorgerufenen Wiederholungen , na- 
mentlich in der erzählung des Livius, illustrierte. 

Nachdem der vrf. sodann in den Schriften der Universität 
Kiel von 1875 de gentis Serviliae und von 1876 de gentis Quin- 
tiae commentariis domesticis gehandelt hatte , spricht er in vor- 
stehendem programm de gentis Claudiae commentariis domesticis. 
Refer. gesteht zunächst durch die hier gegebenen ausführungen 
in seinen erwartungen über den inhalt der abhandlung getäuscht 
zu sein. Von irgend einer besprechung des einflusses , den die 
familientraditionen der Claudier auf die spätere gestaltung der 
römischen geschichte ausgeübt haben , ist hier nicht die rede ; 
und doch war es angezeigt, die spuren dieses einflusses zu ver- 
folgen. Allerdings treten diese spuren gerade in bezug auf die 
Claudier im allgemeinen weniger deutlich hervor: denn die 
tendenziöse Umgestaltung ihrer bestrebungen , ihrer Stellung 
den parteien gegenüber, wie sie uns in der römischen geschichte, 
in der form wie sie uns hauptsächlich durch die bemühungen 
des Valerius Antias und , in zweiter linie , weniger anderer an- 
nalisten überliefert ist, geht nicht auf die Claudier selbst, son- 
dern eben hauptsächlich auf Valerius zurück und ist in einer 
keineswegs günstigen und freundlichen weise vollzogen. Den- 
noch aber ist namentlich die geschichte des Hannibalischen krie- 
ges nicht ohne beeinflussung durch die familienüberlieferungen der 
Claudier geblieben und es wäre , wie gesagt , lohnend gewesen, 
die anzeichen derselben zu verfolgen. Ohne frage gehen diese 
claudischen spuren hier auf den annalisten Claudius zurück : 
denn obgleich dieser der plebejischen gens angehörig, darf man 



316 82. Römische gesckichte. Nr. 6. 

doch annehmen, daß er, hei dem notorisch engen zusammenhange, 
der gerade zwischen den plebejischen und patricischen Claudiern 
statt hatte , durch die quellen des Claudischen familieuarchivs, 
sowie durch die traditionen des geschlechts sich hat beeinflussen 
lassen. 

Der vrf. beschränkt sich , nachdem er zunächst die an- 
sieht Mommsen's (R. F. 2 , p. 286 ff.) und Nitzsch' R. A. 338 ff. 
über die politische Stellung des geschlechts und seine tendenzen 
angeführt hat — eorum igitur duum virorum viribus copulatis con- 
fidenter iam dici potest nodum ülum Gordium solutum esse , meint 
der vrf. — , ausschließlich darauf, ein stemma der patricischen 
Claudier aufzustellen, um sodann im anschluß an die einzelnen 
glieder desselben ausführungen dazu zu geben, die die haupt- 
daten dessen was jeder geschichtlich geleistet an einander reihen. 
So wird das ganze zu einer revision des von Drumann Gr. R. 
II, 164 f. und des in Pauly's Realencyclopädie II, p. 402 f. ge- 
gebenen Stammbaums der Claudier. Hier muß hervorgehoben 
werden , daß der vrf. eine reihe von irrthümern , die uns dort 
noch entgegentreten, beseitigt : so wird dem Stammvater des ge- 
schlechts mit recht das praenomen M. beigelegt; die von den 
Schriftstellern als zwei verschiedene personen angegebenen Ap. 
Claudius cos. 283 und Ap. Claudius Xvir auf grund der Fasten 
zu einer person vereinigt; namentlich aber durch auswerfung 
einer ganzen generation , wie sie dort zwischen Ap. Claudius 
Pulcher cos. 675 (79), und dem söhne desselben P. Clodius 
Pulcher trib. pl. 696 (58) eingeschoben war, der wahre Sach- 
verhalt hergestellt. In manchen stücken konnten hier die aus- 
führungen Mommsen's zu den Fasti und andern tituli benutzt 
werden. Einzelnes mag zweifelhaft bleiben, vrgl. namentlich 
den unter 23 genannten Ap. Claudius Pulcher cos. 675 (79) und 
Mommsen ad a. 675, p. 448. (C. I. L. I). 

Die den einzelnen namen hinzugefügten geschichtlichen 
daten sind sehr ungleichmäßig. Während App. Claudius Caecus 
cens. 312 ebenso wie Ap. Claudius Xvir auf je einer halben 
seite behandelt , P. Clodius trib. pl. mit einer zeile abgemacht 
wird, werden dem C. Claudius Pulcher cos. 577 cens. 583, sowie 
dem Ap. Claudius Pulcher cos. 611 cens. 618 je 4 1 /* Seiten 
eingeräumt: man sieht nicht ein, weshalb, da die erörterungen 
in betreff der einzelnen sich hier wie dort auf kürzere oder ein- 



Nr. 6. 83. Lexicographie. 317 

gehendere erzählung ihrer thaten beschränkt, in eine kritische 
behandlung der an sie sich knüpfenden Schwierigkeiten nicht 
eingetreten wird. 

Der werth der abhandlung besteht danach in der practi- 
schen Zusammenstellung des stemma selbst , sowie der auf die 
einzelnen gentilen sich beziehenden hauptzeugnisse , während 
man die breite geschichtserzählung als einen überflüssigen bailast 
bezeichnen muß. 

Otto Gilbert. 



83. C. Paucker, kleine beitrage zur lateinischen Lexico- 
graphie und Wortbildungslehre I — II. (Melanges Greco-ßomains 
tir. d. Bull, de Tacad. imp. d. scienc. de St. Petersbourg. III 
p. 459—545. 599 — 687.) 

Unserem bericht über Paucker's Addendn lexicis latinis 
(vrgl. oben nr. 4, p. 211 &gg.) lassen wir zunächst einen hin- 
weis auf Paucker's beachtenswerthe kleine beitrage zur lateinischen 
lexicographie folgen. Im ersten capitel hat der fleißige Sammler 
vierhundert Wörter , welche von unsern lexicographen nur mit 
vereinzelten stellennachweisungen versehen sind, mit neuen wie- 
derum der späteren lateinischen literatur entnommenen citaten 
belegt. Es sind dabei vornehmlich folgende Schriftsteller berück- 
sichtigt: Ammian, Arnobius junior, Augustin, Boethius, Cassian, 
Chalcidius (Übersetzung des platonischen Timäus), Cyprian, nament- 
lich die apocryphen Schriften, Dositheus, Egesippus, Eucharius, Gre- 
gor von Tours, Hieronymus, Isidor, Marcellus Empiricus, Marius Mer- 
cator, Paulmus vonNola, Petrus Chrysologus, Sextus Placidus, Pros- 
per Aquitanus, Salvian, Sidonius Apollinaris, Verecundus u. v. a. 
Die citate sind häufig im zusammenhange ihres textes ausge- 
schrieben , Seltenheiten sind besonders gekennzeichnet. Da in 
derartigen arbeiten Vollständigkeit möglichst zu erstreben ist, 
füge ich einige übergangene stellen hinzu. P. 463 wird credu- 
litas in der von den Lexicis nicht berührten bedeutung von fides 
erwähnt : eine große anzahl von stellen aus Arnobius hat Reif- 
ferscheid im index seiner ausgäbe niedergelegt; dazu vrgl. incredulus 
ungläubig Commod. Instr. 1, 29. 1, 40, 1. 2, 4, 1. 2, 4, 4 
(zählung der ed. Teubneriana). Deceptor steht noch Verecund. 
conim. in cantic. Debb. 32, p. 124 a , deceptorius das. Cant. Ezech. 



318 84. Lexicographie. Nr. 6. 

3, 72 b , deceptrix das. C. Habac. 27, 28 b . Zu inordinate : inor- 
dinatus das. Cant. Jon. 8, 105 a ; rnalefactor noch Verec. C. 
Jerem. 1, 41 a ; mutabilitas das. c. Azar. 4, 63 a ; nigredo c. Habac. 
9, 80 a ; temporaliter c. Deuteron. 7, 14 b . — Wiederum begleiten 
sprachgeschichtliche anmerkungen die Sammlung-, als epimetrum 
folgt verborum bipraepositionatarum breviarium , in welchem der 
gebrauch der früheren und späteren literatur veranschaulicht 
wird. — Ein zweiter artikel enthält eine Übersicht über die 
Nomina derivativa auf tio, tor, tas aus nachhadrianischen sprach- 
quellen , welche wohl geeignet ist die Weiterentwicklung der la- 
teinischen spräche nach verschiedenen Seiten hin zu veranschau- 
lichen. Neue beitrage — fünf centurien — derselben art wie 
die ersten sind im dritten capitel mitgetheilt. Der kreis der 
benutzten schriftsteiler ist etwas verändert : Ambrosius , Augu- 
stin, Cassiodor, Venantius Fortunatus treten in den Vordergrund. 
Unter den in den Lexicis überhaupt noch nicht verzeichneten 
Wörtern wird u. a. auch pseudochristianus beigebracht ; dasselbe 
wort ist mir noch Vecec. Deuteron. 5, 13 a sogar in tmesi (trotz 
prosaischer rede : ps endo quoque Christian os impulsat\)hegeg- 
net. Aus demselben Schriftsteller lassen sich noch anführen : 
augmentare Deuteron. 6, 13 a , (auch Oribas. vers. lat. 3, 11 ed. 
Hagen); apparitio das. 40, 39 a , Man. 9, 93 b ; duricors Deut. 1, 
9 b , 32, 32 a ; dilatatio Debb. 30, 123 a , falsiloquus Jerem. 21, 49 b 
(bibelcitat) ; fructificatis Deut. 40, 39 b ; indomabäis Deut. 24, 26 b ; 
ininvestigabilis Azar. 3, 52 b ; Habac. 30, 90 a ; Man. 11, 95 a ; in- 
vincibilis Hab. 4, 77 a ; intelligibiliter Deut. 15, 19 b , vrgl. intelle- 
gibilis Esod. 10, 6% Deut. 2, 10 a , 26, 28 b ; localiter Azar. 12, 
59 b ; possessiuncula Debb. 27, 127 a ; sensibiliter Man. 11, 94 b ; 
ferner aus Hilarius Pictaviensis tractat. in ep. ad Gal. 12, 55 a : 
coaetaneus. Captivare bietet Commodian CA. 807. 890; sternuta- 
mentum Oribas. a. a. o. 22, 2 ; potionare alqm alqd (bibe quod te 
potiono) notirt Bensley, the missing fragment of the fourth book 
of Ezra p. 18. 

E. Ludwig. 

84. Spicilegium Addendorum Lexicis Latinis composuit 
adnotavit Carolus Paucker. Mitau, E. Behre's verlag. 1875. 
IV u. 315 s. 8°. 

Die auf lexicalischem gebiet von Paucker vor diesem Spi- 



Nr. 6. 84. Lexicographie. 319 

cilegium theils in Zeitschriften , theils in selbständigen publica- 
tionen herausgegebenen arbeiten sind an zahl so bedeutend, daß 
die aufzählung ihrer titel im eingang des überschriebenen Wer- 
kes eine ganze seite in anspruch nimmt. So erfreulich nun auch 
in einer beziehung die summe des geleisteten ist, können wir 
doch nicht umhin unser an anderer stelle schon einmal bei ge- 
legentlicher anführung der Paucker'schen arbeiten geäußertes 
bedauern über die Zerstreuung und Vereinzelung des materials 
zu wiederholen: addenda, subindenda, subrelicta, paralipomena 
u. s. w., beitrage , nachtrage , zusätze, ergänzungen, anhänge u. 
s. w. bilden alle theile der gesammten lexicalischen forschun- 
gen. Diese Zerstreuung macht sich obendrein noch wieder in 
den einzelnen theilen in lästiger weise bemerkbar. So erhält, 
um bei unserem Spicilegium zu bleiben, dasselbe hinten Corri- 
genda et Addenda (p. 293 ff.), zu denen wieder vorn bei der 
capitelangabe super addenda in form einer möglichst klein ge- 
druckten anmerkung nachgetragen sind. Was wir ferner bei 
diesen arbeiten vermissen, ist eine Übersicht über die ausgezo- 
genen Schriftsteller mit angäbe ihrer lebenszeit, dabei konnten 
die benutzten ausgaben mitverzeichnet sein. Sind letztere auch 
von Paucker beim ersten male angegeben, so hilft das nichts, 
wenn man beim nachschlagen eine beliebige andere stelle her- 
ausgreift , und man muß nun zurückblättern , bis man das be- 
treffende erste citat aus jenem Schriftsteller gefunden hat. 

Das vorliegende Spicilegium enthält p. 1 — 191 für eine 
recht bedeutende anzahl von seltenen Wörtern neue belege, wel- 
che theils überhaupt das weitere vorkommen bezeugen, theils 
das vorkommen in besonderen bisher noch nicht oder nur 
selten beobachteten bedeutungen feststellen. Die quellen sind 
die früheren, doch sind noch einige andere hinzugekommen: am 
häufigsten begegnen uns die namen von Adaman, Aldhelm, Am- 
brosius , Anthimus, Augustin, Cassiodor, Claudianus Mamertus, 
Egesippus, Eucherius, Facundus , Hieronymus, Petrus Chrysolo- 
gus, Primasius , Eusticus , Pseudo-Soranus ; auch die Dynamidia 
sind mitherangezogen. Für die grammatik ist manches bemer- 
kenswerthe mitgetheilt, so das adjectiv intrinsecus, a, um, womit 
sich forinseca aus einem leidener glossar von G. Loewe, Prodo- 
mus p. 429 angeführt vergleichen läßt. Es werden ferner die 



320 84. Lexicographie. Nr. 6. 

comparationsformen permaxime, perplures , perplurimi, die vv. ac- 
tiva dedignare, inoperare u. a. angeführt. Intransitives coquere, 
mit Dynamid. I, 21 belegt, steht auch häufig in den besten 
handschriften der Epistula Anthimi, z. b. c. 68, ferner findet es sich 
noch in gleicher weise gebraucht Ps. Plinius Medic. 2,12, Oribas. 
vers. lat. Bernens. 1, 14-, ebenso kommt concoquere Gargil. Mar- 
tial. 42 (ed. Rose) vor und decoquere Ps. Plin. med. 1, 16. — 
Paucker bringt sodann noch stellen zu den participien malens 
und inquiens; letzteres hat noch Hilar. comm. Philem. 5, 151 b , 

10, 153 a . Das von Paucker bei der gelegenheit erwähnte inquio 
gebraucht der eben genannte Hilar. Ephes. 2, 96 b . — Zu cal- 
dare Anthim. 76 sei bemerkt, daß Rose jetzt excaldetur liest. Zu 
den compositis mit dia füge noch diabetis Oribas. a. o. 7, 11, 
diaspolüis 13, 17. diarria 17, 23, vrgl. auch noch Rose's index 
z. Gargik Mart. unter dia. — Zu tonitruare notire Comm. 
Instr. 1, 6, 7. Einige weitere beitrage mögen hier folgen. Aus 
Anthimus : fartalia 20, ignoscere = ignorare 25, opus (gericht) 
34, 40, 64. sentire (riechen) praef. , 3, 35 , spatula (löffel) 35. 
Aus Plinius Medic. adalligamentum 3, 22, acopum 1, 3, deferve- 
facere praef., denigrescere 1, 5, feniculinus 2,20, sutoricium 3,29; 
dies letztere hat auch Gargil. Mart. 22 , der außerdem in fol- 
genden artikeln der berücksichtigung in unsern Wörterbüchern 
bedarf: alectoria 30. potator 17. praecoquus 44. refrigeratrix 4. 
runcatio 30. stomatice. Da wir einmal bei den medicinern sind, 
so mag aus dem bernenser fragment des lateinischen Oribasius 
einiges herangezogen werden : eonfractio 18, 29, conspissare 3,7, 
distemperatus 17, 10. 20, 24. distemperantia 20, 22. 23. gutturo- 
sus 5, 4. 9. infermentatus 3, 2. infracticius 9, 12. medianus 2, 
29. mordicatio 3, 7. 23. 10, 8. 22. paludester 17, 8. rare/acere 

11, 19; 20, 12. 14. stigatio corporis 16, 25. subsüigineus 1, 32. 
subspumosus 7, 33. sugglutium 6, 5. tostarius 2, 19. Commodian 
bietet: aeramen CA. 743, eramen (im Acrostich.) 2, 9, 19. agre- 
8tinus 2, 36, 7. azymus 689. bestius 1, 34, 17. bicors 1, 11, 8. 
caeliloquax 2, 19, 3. carnaliter 398. copria 607. cnicistultitia 1, 
36. decollare 222. 512. delumbare 1, 16, 10. dimicatura (kämpf) 
2, 12, 12. excordare 770. incopriarc 1, 19, 6. incrassare 396. 
iudaeidiare 1, 37. lugium 1, 29, 18. lupana 2, 18, 22. notatus 
(= notus) 93. 1010. momerium 2, 18, 18. monstrivorus 1, 13, 6. 
offertor 1, 39, 10. pertransire 752. proloquium 588. recalces (pl.) 



Nr. 6. 85. Römische geschiente. 321 

229. refugare 754. saraballum 1, 9, 1. subsannare 1, 40, 11. 
succollare 1, 19, 10. vinivorax 1, 18, 17. Endlich mögen hier 
noch aus dem Publilius Optatianus Porfyrius (ed. Mueller) fol- 
gende Wörter angereiht werden : acrum ep. Constant. 8, campus 
(Schlachtfeld) 18, 5. Constantinigenus 4, 3. haesitantia ep. Porf. 
11. incentivum das. 3. intermeare ep. Const. 11. Musigenus 6, 4. 
pecten (= lyra) 25, 3 nach M.'s conjectur , proßuere transitiv 
19, 7 (Müller's conj.), retitus (= intextus) 19, 19. semüoquax 
ep. Const. 3, triumphum statt triumphus 13 a , 3. versificus ep. Porf. 
3, 19, 7. Dies zum ersten theil der Paucker'schen arbeit, den 
wir nicht verlassen können , ohne noch auf die zahl- und um- 
fangreichen anmerkungen aufmerksam gemacht zu haben, welche 
die lexicalische nomenclatur begleiten. Dieselben erstrecken sich 
einerseits auf den Sprachgebrauch einzelner Schriftsteller, andrer- 
seits auf die lateinische Wortbildung nach Zusammensetzung und 
ableitung. Dabei ist die geschichtliche entwicklung einzelner 
erscheinungen durch statistische angaben erläutert , sodaß auch 
die grammatiker und Sprachhistoriker hier bereits verarbeitetes 
und zurechtgelegtes material für ihre zwecke finden. Es folgen 
dann bei Paucker die Voces derivativae per genera ficturae atque 
inclinamenta digestae, denen sich verschiedene excurse und Über- 
sichten über einschlägige materien anschließen. 

E. Ludtvig. 

85. Marius Maximus als directe und indirecte quelle der Scrip- 
tores Historiae Augustae. Von dr. J. Ple w 1878. (Programm des 
kaiserlichen lyceums zu Straßburg i. E. 1878. Programm nr. 416). 
(Trübner). 1 mk. 80 pf. 

Daß Marius Maximus die hauptquelle für die scriptores der 
Diocletianischen zeit bildete und daß er eine zuverlässige quelle 
war, hatten schon frühere Untersuchungen erwiesen. Plew macht 
hier durch ausgedehnte und sehr scharfsinnige Untersuchungen 
den versuch, die art der benutzung an mehreren stellen zu prü- 
fen und dadurch ein hülfsmittel zu gewinnen, den wüst der übel- 
berufenen und doch so unentbehrlichen scriptores in zwei gruppen 
zu theilen. In der einen gruppe sei Marius Maximus direct be- 
nutzt und meist richtig wiedergegeben , in der anderen nur in- 
direct und vielfach entstellt. Diese zweite gruppe umfaßt die 
vitae der Caesaren und tyrannen. 

Philol. Anz. IX. 22 



322 85. Römische geschieh te. Nr. 6. 

Marius Maximus hatte nur das leben der wirklichen legi- 
timen kaiser geschrieben , von den caesaren und tyrannen nur 
im leben der kaiser, welche sie zu ihren nachfolgern ernannten, 
resp. gegen welche sie sich erhoben. 

Diese notizen waren dann von Junius Cordus u. a. zu be- 
sonderen lebensbeschreibungen zusammengestellt und durch al- 
lerlei aneedoten erweitert und aus ihnen sind die uns erhaltenen 
vitae dieser caesaren und rebellen angefertigt. Ein beispiel mag 
die läge der dinge verdeutlichen. 

Die vita Hadriani und vita Helii sind von demselben Ver- 
fasser, dem Spartianus, aber nur für die vita Hadriani benutzte 
er den Marius Maximus direct, für die vita Helii fand er es be- 
quemer eine vita Helii auszuschreiben, die bereits von einem Vor- 
gänger aus Marius Maximus hergestellt war. In der vita Hadriani 
werden nun zum theil auch stellen des Marius Maximus benutzt, 
die der vita Helii zu gründe liegen, aber in der vita Hadriani 
viel correcter. 

Besonders glücklich ist der nachweis bei Greta 6, 1 — 2 ver- 
glichen mit Caracalla 2, 7. Die Übereinstimmung ist fast wört- 
lich, aber in der vita Getae ist ein nisi falsch bezogen und der 
sinn geändert. 

Aehnlich ist es mit vita Severi 10, 7 verglichen mit vita Ni- 
gri und vita Albini. 

Hier stimmen die beiden specialviten — so nennt Plew die 
vitae der caesaren und Usurpatoren, die aus episoden des Marius 
Maximus hergestellt sind — gegen die vita Severi und man hatte 
deshalb die vita Severi nach der auffassung jener beiden gedeu- 
tet und da es grammatisch nicht wohl ging, so hatte man geän- 
dert. Bei Plews auffassung bilden vita Albini und Nigri nur 
Zeugnisse zweiten rangs — vielleicht nur ein zeugniß zweiten 
rangs — und ohne zwingende gründe darf deshalb die vita Se- 
veri nicht nach ihnen corrigirt werden. Er zeigt dann zweitens 
aus dem Zusammenhang der dinge, daß die vita Severi im recht 
ist und so gestaltet sich diese Untersuchung zu einem wichtigen 
zeugniß seiner hypothese. 

Ich gestehe, daß ich mich anfangs sträubte sie zu aeeeptiren: 
wer viel „ableitungen" hat machen und lesen müssen, der ge- 
winnt allmählich ein gründliches vorurtheil gegen die, welche 
ganz genau wissen wollen, wie es hergegangen ist. — Aber zu- 



Nr. 6. 86. G. Hermann, 823 

letzt habe ich mich überzeugt, daß man berechtigt ist, diese hy- 
pothese zum ausgangspunkt zu machen, wenn man eine stelle 
der vitae untersucht. Nur würde ich die behauptung, daß die 
compilatoren der hauptvitae denselben meist getreu abschreiben 
und nur durch auslassungen oder andere wortfassungen , nicht 
aber durch confusion und mißverständniß entstellen, weniger 
schroff formuliren. Man darf mit einem guten vorurtheil heran- 
gehen, bei den vitae der Caesaren und tyrannen dagegen mit 
einem schlechten, oder, da man in der Untersuchung objectiv 
sein muß, im fall des zweifeis sich für die hauptvitae entscheiden. 
Es ist sehr zu wünschen, daß Plew seine Untersuchung bald 
noch weiter fortsetzt. 

G. Kaufmann. 



86. Godofredi Hermanni Opuscula. Volumen octa- 
vum edidit Theodorus Fritsche. 8. Lipsiae , E. Fleischer 1877. 

— 492 et X p. — 10 mk. 

Die kurze, aber schön geschriebene und ehrenwerthe gesinnung 
bezeugende vorrede (p. V — VIII) berichtet über die arbeit und 
mühe, welche auf die herstellung des in der Überschrift genann- 
ten, die Opuscula von 1839 an umfassenden bandes vom heraus- 
geber, dem enkel G. Hermanns, aufgewandt worden. M. Haupt, 
dem gleich nach G. Hermanns tode die herausgäbe anvertraut 
war , hatte , wie sein nachlaß ergab , für dieselbe nichts vorbe- 
reitet : so mußte denn Th. Fritzsche zunächst den stoff sammeln 
(s. Phil. Anzeig. VH, 5, p. 254), dann aus dem vorliegenden 
so reichen Stoffe eine auswahl treffen , die theils durch das von 
G. Hermann selbst in den frühern bänden festgehaltene ver- 
fahren , theils durch die forderung des Verlegers den band hin- 
sichtlich seines umfangs den frühern conform zu machen sich 
bestimmte. Was ausgeschieden, recensionen und einige aufsätze, 
ist praef. p. VI angegeben , was aufgenommen , verzeichnen wir 
hier: 

1. Godofredi Hermanni additamenta adOpusc. voll. I — VH,p. 1. 

— 2. De iteratis apud Homerum, p. 11. — 3. Recension von 
Spitzner Observ. in Quinti Smyrnaei Posthomerica, Köchly Emend. 
et ann. in Quintum Smyrnaeum , Köchly Emendationes Nonni, 
Köchly Coniectanea in Apollonium et Oppianum, p. 24. — 4. De 
Hesiodi Theogoniae forma antiquissima, p. 47. — 5. Pindari Ne- 

2 2 * 



324 86. G. Hermann. Nr. 6. 

meorum Carmen sextum, p. 68. — 6. De Pindari ad solem defi- 
cientem versibus, p. 75. — 7. De anecdoto Pindarico, p. 90. — 

8. Ueber die Aegiden, von denen Pindar abstammte, p. 93. — 

9. Ueber Pindars fünfte olympische ode, p. 99. — 10. Emen- 
dationes quinque carminum olympiorum Pindari, p. 110. — 11. 
Non videri Aeschylum 'Iliov ne'oGiv scripsisse , p. 129. — 12. 
De Prometheo Aeschyleo, p. 144. — 13. De re scenica in Ae- 
scbyli Orestea, p. 158. — 14. Ueber einige trilogien des Ae- 
scbylus, p. 173. — 15. Retractationes adnotatorum ad Sophoclis 
Philoctetam, p. 185. — 16. De quibusdam locis Euripidis Troa- 
dum, p. 203. — 17. De interpolationibus Euripideae Iphigeniae 
in Aulide dissertationis pars prior, p. 218. — 18. De interpo- 
lationibus Euripideae Iphigeniae in Aulide dissertationis pars 
altera, p. 231. — 19. De Chaeremone poeta tragico, p. 242. — 
20. Recension von Thomas Commentatio de Aristoph. Avibus, p. 
248. — 21. De choro Vesparum Aristophanis, p. 249. — 22. 
Recension von Aristophanis Lysistrata ex rec. R. Enger, p. 268. 

— 23. Recension von Aristophanis Thesmophoriazusae ex rec. 
R. Enger, p. 288. — 24. Coniectanea critica, p. 309. — 25. 
Scholae Theocriteae, p. 315. — 26. De arte poesis Graecorum 
bucolicae, p. 329. — 27. De hymnis Dionysii et Mesomedis, p. 
343. — 28. Zum Isis-hymnus, p. 352. — 29. De loco Calli- 
machei hymni in Delum et quibusdam epigrammatis, p. 360. — 

30. Ueber bruchstücke zweier hymnen auf den Attis, p. 371. — 

31. Ueber Aristoteles Peplos , Hipponax, Agamestor, das Lo- 
krische lied, p. 376. — 32. Epicharmea, p. 379. — 33. Thu- 
cydidea, p. 382. — 34. De L. Attii libris Didascalicon, p. 390. 

— 35. De Horatii primo carmine dissertatio, p. 395. — 36. Ue- 
ber die Horazische ode an Censorinus, p. 401. — 37. De Io. 
Nie. Madvigii interpretatione quarundam verbi latini formarum, 
p. 415. — 38. Ueber das ne (nae) der lateinischen spräche, 
p. 433. — 39. Oratio in quartis festis secularibus artis typo- 
graphicae, p. 442. — 40. Ueber Friedrich Wolfgang Reiz , p. 
453. — 41. Andeutungen über das antike und moderne, p. 463. 

— 42. Carmen in honores semisaeculares Guil. Pistoth. Krugii, 
p.471. — 43. Carmen saeculare in honorem scholae Afranae, p. 
474. — 44. Tabula Krugio dicata, p. 475. — 45. Tabula por- 
tae dicata, p. 476. — 46. Tabula Academiae Albertinae di- 
cata, p. 477. — 47. Tabula Io. Paulo a Falkenstein dicata, 
p. 478. — 

Hinzugefügt sind handschriftliche zusätze des Verfassers, 
auch, wo es unumgänglich nothwendig war , zusätze des heraus- 
gebers: hierbei wie überall in dem bände zeigt sich die größte Sorg- 
falt und umsieht. Um so mehr bedauern auch wir, daß so manches 
hat ausgeschlossen werden müssen: hoffentlich findet sich bald 






Nr. 6. 85. G. Hermann. 325 

gelegenheit zu weitern Veröffentlichungen: zu solchen dürften vor 
allem, wie auch Fritzsche andeutet, die b riefe Hermanns den 
reichlichsten stoff liefern ; denn wer das glück gehabt hat mit 
G. Hermann auch in brieflichem verkehr zu stehen, der weiß, 
welcher schätz scharfsinniger, anregender gedanken, wie mancherlei 
neue wege zu aufklärungen über probleme aus den verschiedensten 
gebieten der classischen philologie in diesen briefen noch ver- 
borgen liegen : hat doch der schon durch sein amt allein überaus 
in ansprach genommene professor , der unausgesetzt als Schrift- 
steller thätige gelehrte immer zeit zu eingehender beantwortung 
wissenschaftlicher anfragen zu finden gewußt! Ueberraschen 
würde dabei den leser und zur nacheiferung anspornen die Wahr- 
nehmung , in welch einem erstaunlichen umfang das classische 
alterthum G. Hermann stets gegenwärtig war; denn selbstver- 
ständlich waren die briefe nicht erzeugnisse langen ihretwegen 
angestellten Studiums , sondern durch den augenblick bestimmte 
rücksichtslos ausgesprochene resultate früherer forschungen. So 
würde diese briefsammlung einzig in ihrer art dastehen; ob sie 
aber an das tageslicht treten wird — dazu gehört eine einfluß- 
reichere Stellung der classischen philologie als ihre gegenwärtige, 
eine regere betheiligung nicht nur der philologen, von denen 
schon jetzt gar viele G. Hermann kaum dem namen nach ken- 
nen, sondern auch weiterer kreise an wissenschaftlicher forschung 
und dadurch bewirktes häufigeres kaufen und damit verbundenes 
gewissenhafteres lesen der bücher. Hoffen wir, daß solche zeit wieder 
eintritt : daher dürfte es sich empfehlen, schon jetzt und ehe es 
zu spät wird auf umfassende Sammlung bedacht zu nehmen: zu 
wünschen bleibt dann nur, daß, wenn es zur herausgäbe kommt, 
dabei dieselbe Sorgfalt und liebe nicht fehle, welche die heraus- 
gäbe des achten bandes der Opuscula auszeichnet: der dank aller 
wahren freunde der Wissenschaft kann dann unmöglich ausbleiben. 

Ernst von Leutsch. 



86. Kleine philologische Schriften von J oh. Nicolai Ma d- 
vig, professor an der Universität zu Kopenhagen. Vom Verfasser 
deutsch bearbeitet. 8. Leipzig, Teubner 1875. — 14 mk. 

Es wird kein deutscher philolog dem vrf. nicht aufrichtig 
dank wissen für die auf diese deutsche bearbeitung der zuerst 
dänisch geschriebenen und noch dazu in für den Deutschen schwer 



326 86. J. N. Madvig. Nr. 6. 

zugänglichen Zeitschriften veröffentlichten abhandlungen ; denn 
wie sich von selbst versteht , enthalten sie ungemein viel unsere 
Wissenschaft förderndes. Uebrigens waren selbige bisher in 
Deutschland nicht so unbekannt geblieben, als ihr vrf. glaubt, 
vorr. p. III: was in der Tidskrift for philologi og paedagogik 
steht, ist zum theil in Phil. XV. XVI excerpirt ; später erschie- 
nenes allerdings nicht , aus gründen, die jetzt besser nicht aus- 
gesprochen werden: aber excerpte, auch noch so sorgfältig ge- 
macht, können und dürfen selbstverständlich die lectüre der voll- 
ständigen schrift nicht ersetzen. Es enthält aber der oben 
angegebene band folgende aufsätze: 

I. Ueber das geschlecht in den sprachen. (1835): p. 1. — 
II. Ueber wesen entwickelung und leben der spräche. 1 stück. 
(1842): p. 48. — III. Vom entstehen und wesen der gramma- 
tischen bezeichnungen. (1856. 1857). Nachschrift: über die al- 
ten sprachen in den schulen: p. 285. — IV. Zerstreute sprach- 
wissenschaftliche bemerkungen. (1871): p. 291. Darin: Einige 
Voraussetzungen der etymologie und ihrer aufgäbe: p. 319. — 
V. Bemerkungen über die entwickelung der syntaktischen mittel 
der spräche, mit besonderer anwendung auf einige phänomene 
im latein, namentlich bei Livius. (1866): p. 356. — VI. Eine 
bemerkung über die gränze der competenz des Volkes und der 
gerichte bei den Athenäern. (JTpaqpjJ nagarnfimv). (1864): p. 378. 

— VII. Ueber den Granius Licinianus. (1857): p. 391. — VIEL 
Einige bemerkungen zu Piaton, Vergil, Horaz. (1859): p. 408. 

— IX. Bemerkungen über die fruchtbarkeit der dramatischen 
poesie bei den Athenäern und ihre bedingungen. (1863): p. 
421. — X. Die befehlshaber und das avancement in dem rö- 
mischen heer in ihrem Zusammenhang mit dem römischen Standes- 
verhältnissen im ganzen betrachtet. (1864): p. 480. 

Der vrf. führt nach einigen allgemeinen bemerkungen in der 
vorr. p. D7 — VI zunächst in betreff der die Sprachgeschichte be- 
treffenden abhandlungen I — IV des weitern aus, wie diese als 
Vorläufer seines in Vorlesungen öfter dargelegten und wie er 
hofft durch den druck noch zu veröffentlichenden Systems anzu- 
sehen seien-, er läßt sie aber abgesehen von anderem, jetzt einzeln 
wieder erscheinen , weil nach dem ersten druck derselben zwei 
werke „herausgekommen, in denen nicht bloß ansichten über das 
wesen und die entwickelung der spräche vorgetragen , die viel- 
fache berührung mit den meinigen haben oder ganz mit ihnen 
übereinstimmen, sondern sogar einzelne hauptsätze fast mit den- 
selben Worten ausgesprochen sind". Es sind dies die Lectures 



Nr. 6. 86. J. N. Madvig. 327 

on language von Whitney (1867) und Lotze's Mikrokosmos, in 
dem II, p. 210 fg. von der spräche die rede ist (1858). Nach- 
dem dann vrf. seinen Standpunkt der vergleichenden Sprachfor- 
schung gegenüber kurz angegeben und die zweite reihe der ab- 
handlungen, V — X, mit einigen sätzen characterisirt hat, erklärt 
er vorr. p. VII, daß bei diesen Stoffen polemik nicht hätte ver- 
mieden werden können; sie sei vorzugsweise gegen Deutsche 
gerichtet. „Darin liegt die anerkennung, die ich vor 41 jähren 
in ganz ähnlicher Verbindung (in der vorrede zum ersten bände 
meiner Opuscida academica) aussprach, daß Deutschland sine dubio 
praecipua huias studiorum generis sedes sei und die folge davon. 
Meine Stellung der deutschen philologie und den deutschen phi- 
lologen gegenüber ist in der langen zeit im ganzen dieselbe ge- 
blieben. Als Däne, aber von Jugend an mit der deutschen lit- 
teratur, nicht bloß der philologischen, und der deutschen Wissen- 
schaft vertraut , obschon ich nie eine deutsche Vorlesung hörte 
und 42 jähre alt das erste mal auf wenige wochen den deut- 
schen boden betrat , habe ich den mir natürlich angewiesenen 
platz als mitarbeitender, unabhängiger , ruhiger , außerhalb aller 
conventionellen und persönlichen Verhältnisse gestellter beobachter 
behalten, die deutschen großen unserer Wissenschaft verehrend, die 
tüchtigkeit hochachtend, die betriebsame mittelmäßigkeit nicht 
allzusehr schonend, das völlig verkehrte und verfehlte scharf ab- 
weisend, den tiefen und kräftigen forschungsgeist bewundernd, 
den phrasen geschmückten Zerrbildern des tiefsinns sehr abhold". 
Es klingt das alles recht schön und obgleich gegen das eine 
oder das andere sich gegründetes einwenden ließe, z. b. in be- 
treff der Verehrung, s. Gr. Hermann, Opusc. t. VIDI, p. 390, Ritschi 
im Ehein. Mus. n. f. XXXI, p. 539, so wollen wir darüber nicht 
rechten, und zwar in dem glauben, daß Madvig weiß und zugiebt, 
daß die polemik, wie er sie nach dem obigen will, auch wir an 
uns stets geübt haben und üben , daß er ferner auch uns nicht 
verüble, dieselbe polemik gegen ihn und seine Schriften zu üben. 
Um das sogleich auszuführen , betrachten wir nr. IX, eine wie 
uns dünkt in Deutschland weniger bekannt gewordene abhand- 
lung, ein wenig genauer, auch enthält sie viel mehr, als ihr titel 
besagt, nämlich eine art äußere geschichte der entwickelung des 
attischen drama , in der es natürlich an allgemeinen ansichten 
über die arten des drama, über die poesie der Griechen u. s. w. 



328 86. J. N. Madvig. Nr. 6. 

nicht fehlt, ein stoff, dessen besprechung freilich, weil leicht re- 
sultatlos, bedenken erregen kann, den aber genau zu prüfen doch 
pflicht ist, sobald die haltlosigkeit jener ansichten sich erweisen 
läßt , und zwar deshalb , weil nichts schädlicher gerade auf die- 
sem gebiete wirkt als irrige allgemeine ansichten. Der vrf. be- 
ginnt die abhandlung mit einem tadel der bei uns üblichen be- 
handlung der fragmente der dramatiker und denkt dabei ohne 
zweifei an Welcker und andere, die diesem gefolgt sind, ein ta- 
del, den wir uns gefallen lassen müssen, denn wir sind hier viel, 
viel zu weit gegangen ; aber um gerecht zu verfahren darf doch 
nicht vergessen werden, daß durch dies streben das verlorene 
zu ersetzen, das vorhandene um so sorgfältiger durchforscht , die 
art desselben sicherer erkannt und einer großen reihe einzelner 
stellen ihr sinn und ihre volle geltung verschafft worden ist. 
Doch, um zur sache selbst zu kommen, p. 423 wird als ein besonderes 
des griechischen drama angeführt, daß die tragiker nur tragödien, 
also nur in einer gattung gedichtet hätten ; was sie in andern 
gattungen geleistet, sei unbedeutend : aber diese ansieht läßt sich nicht 
halten: daß die epiker nur epen dichteten, versteht sich freilich 
von selbst , aber zu beachten bleibt doch , daß unter den alten 
epikern die meisten nur je ein epos geschaffen, dagegen arbeiten 
die meister der chorischen — nicht, wie vf. noch unpassend 
hinzufügt, der dorischen — lyrik, Alkman, Arion, Pindar u. a. 
in einer gattung, ebenso Sappho und Alkaios : und dasselbe tritt 
in der prosa hervor , Herodot , Thukydides schreiben nur ge- 
schichte, Piaton nur dialoge, Demosthenes lediglich reden : daher 
erkennen wir in diesem phänomen den character der naturwüch- 
sigen, selbstständigen, nicht nach bestimmtem Vorbild arbeitenden 
literatur, ein satz, den die Lateiner weiter beweisen und veran- 
schaulichen. Ferner fehlt Madvig in an(ierer hinsieht, wenn er 
p. 424 schreibt: „von den komikern wird keiner als dichter in 
anderer richtung genannt" : denn Hermippos hat mehrere bücher 
i'afißoi (trimeter) und rsTgäfis^Qm (trochäische) verfaßt, Meineke 
Com. Gr. Fr. I, p. 96, die, an Archilochos und Sologi sich anleh- 
nend, in der zeit ihres erscheinens viel beachtet sind ; Hegemon 
von Thasos hat komödien und vorzugsweise parodien, Nikochares ne- 
ben komödien ein parodisches gedieht i/;li«s' (Aristot. Poet. 2) ge- 
schrieben: Meineke 1. c. p. 216. 253; auch Diokles gehört viel- 
leicht hierher, Suid. s. v. , Meineke 1. c. p. 252; auch das von 



Nr. 6. 86. J. N. Madvig. 329 

den tragikern p. 423. 429 gesagte ist vorsichtiger zu fassen: 
G-nesippos -wie Meletos haben tragödien aufgeführt, daneben aber 
viel lyrisches geschrieben, Kleomenes, Hieronymos, Dikaiogenes, 
Polyidos dithyramben neben tragödien, auch Sthenelos sich, wie es 
scheint, in andern gattungen neben der tragödie versucht. Die- 
ses schon , dann aber auch vieles andere , läßt erkennen , wie 
Madvig sehr zum nachtheil seiner darstellung der literarischen 
blüthezeit Athens die dichter zweiten ranges zu wenig beachtet, 
noch mehr schadet, daß er sogar einzelne gattungen übergangen: 
so schweigt er von der parodie, den orakeln, der fabel u. s. w. , 
bei der elegie erwähnt er p. 423 nur Ion und Kritias, während 
doch auch Aeschylus und Sophokles, auch Dionysios 6 ■£u).Y,ovg i 
wenn gleich seine neuerung geschmacklos war , Melanthios und 
Archelaos, Plut. Cim. 4, als Vorläufer der elegie des Antimachos 
erwähnung verdienten. Und gäbe man auch zu , daß , da den 
leistungen dieser elegiker an und für sich kein großes gewicht 
zukomme, ibre Vernachlässigung für die auffassung der ganzen 
zeit wenig schade, so geht es doch nicht bei zwei anderen zwei- 
gen der lyrik, von denen Madvig p. 424 allein den Kinesias 
anzuführen weiß; denn es tritt im fünften Jahrhundert v. Chr. — 
denn dieses hat Madvig hier nur im äuge — in Athen ein wenn 
auch vielfach auf abwege gerathener, aber von den komikern 
und noch später immer beachteter nachsommer der lesbischen 
lyrik hervor, den wir uns durch Gnesippos und seinen anhang 
durch Kleomenes , Ariphredes , Oionichos, Charixena , Telenikos 
(annot. ad Apostol. Prov. XVI, 23), Meletos klar zu machen 
suchen müssen, dann durch die IlolvuvijaTsia , d. h. die in der 
art des Polymnestos verfaßten gedichte, die ^Aiay.Qfövrsia, welche 
sich bis in diese zeit verfolgen lassen, auch durch der Sappho 
untergeschobene öden : auch Hybrias scheint dieser zeit anzuge- 
hören — eine menge, die sich doch nicht beseitigen läßt. Glei- 
ches gilt von der chorischen lyrik, nur daß wir sie noch weniger 
kennen: denn wie der dramatiker bedurfte Athen auch dieser 
dichter für seine feste : dies beweist für die Anthesterien das 
lied der frösche in Aristoph. Ean. 209 fgg. , welches nach vs. 
218 fg. Anthesterien -lieder parodirt, da deren Verfasser nach 
Aristophanes in der unterweit dazu verdammt sind , ihre lieder 
in sümpfen zu singen und als viyXuQoi dienen zu lassen. Dazu 
gesellen sich die dithyramben mit ihren nebenarten , als deren 



330 86. J. N. Madvig. Nr. 6. 

repräsentant vor allen Melanippides angeführt werden mußte, an 
den sich dann die oben bei den tragikern genannten und andre 
anreihen : faßt man dies zusammen , ergiebt sich , daß die hier 
in rede stehende zeit etwas anders als unser vrf. thut zu cha- 
racterisiren war. Dahin gehört auch, daß p. 425 Magnes, Kra- 
tinos und Krates und nur diese als die Vorgänger des Aristo- 
phanes stehen, was unt. p. 456 wiederholt wird, da dies auf 
falscher auffassung von Aristoph. Equitt. 520 fgg. beruht: die 
genannten nennt Aristophanes nur zum beweise des wankelmuths 
der Athener, die er vs. 518 inhsioi schilt. Vorgänger des Ari- 
stophanes im weitern sinne des worts sind eben so gut Ekphan- 
tides und Chionides und Myllos u. a. als Magnes und Krates : 
aber als die, welche durch ihre stücke auf die kunst des Ari- 
stophanes eingewirkt haben , sehen wir außer dem vater der al- 
ten attischen komödie , dem Kratinos , nur Pherekrates noch an 
und insbesondere den Eupolis; denn da so viele berührungs- 
punkte mit letzte rm sich noch jetzt erweisen lassen, muß der ein- 
fluß dieses komikers auf Aristophanes ein sehr großer gewesen 
sein: daher also der so häufige Vorwurf der entlehnung: Ari- 
stophanes nahm das komische, wie Bismark das geld, wo er es 
fand , verwerthete es aber auf geniale weise zur förderung und 
Verschönerung der poesie : das grade ärgerte Eupolis und andere 
so sehr, daß das was der apaXaxgog von ihnen nahm, bei ihm 
immer viel schöner klang als bei ihnen selbst. Danach hat denn 
auch Meineke (Com. gr. fr. II, 1, p. 577) nach Vorgang von 
andern die parabase in Arist. Equitt. 1288 fgg. meiner Über- 
zeugung nach irrthümlich dem Eupolis zugeschrieben : die ge- 
danken im allgemeinen , der gedanke namentlich die trieren re- 
dend einzuführen sind eupolideische , die aber Aristophanes auf 
seine weise ausgeführt hat: hätte Eupolis so dichten können, 
wäre er eben Aristophanes. 

Noch über gar manche derartige aussprüche auf diesen er- 
sten Seiten ließe sich mit dem vrf. rechten, wie über die geltung 
Agathons als tragikers p. 424, über die gründe des zurücktre- 
tens des historischen drama, p. 428, über die schwerlich zu bil- 
ligende ansieht, daß die entwickelung der poesie in den demen 
Attika's mit der in der Stadt Athen gleich zu stellen sei : pflegte 
man doch in Ikaria die komödie lange, ehe Athen sie aufnahm 
und förderte, hat doch Eleusis immer eignes behalten — hier 



Nr. 6. 86. J. N. Madvig. 331 

mögen nur noch zwei punkte berührt werden, zuerst das bei er- 
klärung der productivität der dramatiker p. 433 gesagte: „daß die 
tragödie auch in ihrer edelsten und besten gestalt an einer ge- 
wissen Conventionellen form der composition und der anordnung 
des mythischen Stoffes etwas hatte , was die production leichter 
und schneller machte, als sie für den komiker war" : verstehe ich 
diesen satz richtig, so enthält er nichts für die tragödie charak- 
teristisches , vielmehr nur eine für die alte griechische poesie 
überhaupt geltende eigenthümlichkeit: die dichter lernen, das 
heißt, den dichtem werden nationale durch die entweder bei be- 
stimmten tempeln und culten bestehenden oder selbständig leh- 
renden schulen der musiker festgestellte grundsätze als grundlage 
überliefert, auf der die dichter sich bewegten, sie auch, wenn sie es 
vermochten eigentümlich weiter bildeten : das machte denn den 
meister ; daher die gleichmäßige entwicklung , die gesetzmäßige 
ausbildung, der innere Zusammenhang aller gattungen der alten 
griechischen poesie. So bildete der cult Apollo's zu Karthäa 
den Simonides, so den Theognis und andere Delphi; den Pindar 
dagegen lehrten Agathokles und Lasos , den Aeschylos Phryni- 
chos, und Sophokles nag 11 AldfvXoo 7/,v tQaycpdiav tuaftt (Vit. 
Sophocl.) d. h. in dem hause des Aeschylos : von diesen grund- 
sätzen (auch ra nüiQiu) glaubte Euripides sich losmachen zu 
müssen und ward so zum verderber der alten kunst. Denn dies 
lernen bezog sich nicht bloß auf poesie in dem bei uns gebräuch- 
lichen sinne, sondern auf die sämmtlichen unter den begriff der 
(jLovaixrj bei den Griechen fallenden künste; es wirkte aber 
eben sowohl auf die äußere anordnung und gruppirung des Stoffs 
als ganz besonders auf die poetische auffassung desselben — 
darin lag die erleichterung. Und alles dies gilt auch für die 
komödie , der Madvig, wie im alterthum Antiphanes (doch der 
hatte dazu ein recht) in seiner ZZoAytfiff, die lösung einer schwie- 
rigeren aufgäbe zuschreiben will als der tragödie : denn wissen 
wir auch nichts von dem bildungsgange des Eupolis, Pherekrates 
u. s. w. , dieser schon unter dem einfluß einer andern cultur- 
stufe, als zur Jugendzeit des Sophokles bestand, sich entwickeln- 
den dichter, so dürfen wir doch annehmen, daß diese einen von 
dem des Sophokles ganz verschiedenen weg eingeschlagen haben, 
um ihre kunst , die letzte in der altgriechischen poesie , welche 
agonistisch und dadurch vollendet war, auf gleiche höhe mit der 



332 86. J. N. Madvig. Nr. 6. 

tragödie zu bringen; sie haben sich nämlich an die vollendete 
tragödie angeschlossen, die grundsätze derselben auf ihre gat- 
tung übertragen und auf diese weise schneller als die tragiker 
das ziel erreicht: so beruhen denn beide, der gleichen quelle 
entstammende gattungen auf gleicher grundlage. Diese sätze un- 
terstützt Kratinos , freilich grade hinsichtlich seiner poetischen 
entwicklung ein wahres problem, da er nach angaben der alten 
an Aeschylos sich anlehnt ; beweisen die komödien des Aristo- 
phanes durch ihr fußen auf Sophokles — und daraus erklärt 
sich, daß bei aller innern Verschiedenheit der einzelnen dramen 
solche gleichheit in anfassung des Stoffes und dessen behandlung, 
im ganzen solche gleichheit der composition und dabei doch fest- 
halten an eigenthümlichkeiten der ersten entwickelungsstufen der 
komödie wahrgenommen wird : man denke unter anderm nur an 
die politische Stimmung der komiker, ihr kämpfen gegen die de- 
mokratie, unter der allein sie bestehen konnten, die feste Stel- 
lung der parabasen, die fest normirte zahl der Schauspieler, das 
verhältniß dieser zu dem chor , die benutzung der sclaven , die 
große mannichfaltigkeit der metra des dialogs. Diese topik, wie 
ich es nennen möchte, erleichterte das schaffen gewiß bedeutend, 
genügt aber keineswegs allein zur erklärung der hier in rede 
stehenden productivität ; für sie kommt außer manchem andern 
von Madvig erwähnten besonders noch der große fleiß, die große 
arbeitskraft der dramatiker in anschlag , ein lob , das mit einem 
andern von unserm vrf. besprochenen umstand zusammenhängt, 
nämlich dem lesen zu Athen im fünften Jahrhundert v. Chr. 
Es heißt nämlich p. 434: „ein drama zum lesen geschrieben 
und herausgegeben ohne zuerst aufgeführt zu sein, war in Athen, 
ich will vorläufig sagen, im fünften Jahrhundert, schwer denk- 
bar und hat, wenn überhaupt je, in äußerst wenigen fällen exi- 
stirt. Wie es im allgemeinen noch kein lesepublicum gab, an wel- 
ches der dichter sich unmittelbar wenden und welches er in be- 
wegung setzen konnte, so gehörte für den Athener die wirkliche 
scenische darstellung an einem Dionysosfeste und die hervorfüh- 
rung des Stücks da dergestalt zum wesen eines dramas, daß er 
weder verstehen konnte , daß man etwas schriebe , was ohne 
gespielt zu werden als gespielt gedacht werden solle, noch sich 
mit gedichten dieser art abgeben mochte, die ihm nicht auf dem 
gewöhnlichen wege durch den wettkampf vorgeführt und für 



Nr. 6. 86. J. N. Madvig. 333 

diesen und in diesem erprobt wären". Es geben diese im fol- 
genden vom vrf. des weitem noch ausgeführten sätze meines 
erachtens zu gegründeten bedenken anlaß und dürften überhaupt 
auf einer nicht haltbaren auffassung von den literarischen zu- 
ständen Athens in der angegebenen zeit beruhen. Dem ersten 
satz zwar stimmen wir im allgemeinen bei: die aufführung 
liegt in dem wesen des äyav wie in dem des drama, wie bei 
den alten selbst sich auch hie und da ausgesprochen findet ; man 
wußte wohl vor jedem Dionysosfeste, welche dramatiker an ihm 
kämpfen würden , theils durch den archonten , theils durch die 
einübung der stücke , mochte diese der dichter selbst besorgen 
oder durch %nQo8i8Ü6Y.u\oi wie Krates, Demostratos, Kallistratos 
u. a. besorgen lassen , vielleicht auch durch die proben etwas 
vom inhalt, weiter aber auch nichts. Aber dem folgenden satz 
wird man schwerlich beistimmen können. Es ist bekannt , daß 
die aufführung eines drama in dieser zeit von der bewilligung 
eines chors abhing, ferner daß ein solcher nicht allen darum 
anhaltenden gegeben ward : welches Schicksal traf nun die nicht 
zur aufführung kommenden stücke ? wartete der dichter auf bes- 
sere zeiten? oder warf er seine lieben sofort in den papierkorb? 
Keins von beiden : er gab sie heraus in der hoffnung auf — 
leser, die er auch wohl meistens fand: der geschmack ist ver- 
schieden. Aber wo der beweis hierfür? Den finde ich unter anderm 
in Aristoph. Ean. 89 fgg., einer noch nicht richtig behandelten stelle, 
zu deren verständniss man aber nur gelangt durch erörterung 
des mit der rolle des Herakles in den vs. 71 — 107 beabsich- 
tigten Zweckes: der letzte, welcher über ihn gesprochen, Ritschi 
im Ehein. Mus. XXDH, p. 508 , hat ihn nicht im entferntesten 
begriffen. Herakles nämlich erscheint in der angegebenen partie 
als Vertreter der gegner des Euripides, will von der poesie des 
Euripides nichts wissen und sucht daher den Dionysos vom her- 
aufholen des Euripides abzuhalten: während Herakles sonst ge- 
neigt ist seinem bruder nachzugeben, bleibt er hier von anfang 
bis zu ende in ganz fester und sicherer Opposition. Er meint 
nun zuerst und zwar sehr geschickt, ersatz für Euripides sei 
vor allem bei Sophokles und dessen richtung zu suchen und als 
dies Dionysos aus ganz besondern, den richtigen takt in dem 
Vorschlag des Herakles übrigens beweisenden gründen zurück- 
gewiesen, versucht es Herakles mit andern dem Euripides seiner 



334 86. J. N. Madvig. Nr. 6. 

meinung nach jedenfalls gleichkommenden und selbständigen 
tragikern, zuerst mit Agathon, ohne zweifei eine passende wähl, 
da dieser talentvolle mann seine eignen wege ging , dann mit 
Xenokles und Pythangelos, welche die scholiasten, denen die 
neuern folgen , als ganz verwerfliche dichter bezeichnen : ohne 
zweifei mit unrecht. Denn von dem letztern , dem Pythangelos 
wissen wir eben so viel als die scholiasten, nämlich gar nichts; 
wir müssen ihn also nach dieser unserer stelle auf gleiche linie 
mit Xenokles stellen : Xenokles aber muß als erfinderischer (8m- 
dexafA^x aro ^) » ebenfalls eigene wege suchender und deshalb so 
wie auch grade wegen der vielen anzapfungen der komiker als 
ein die aufmerksamkeit des publicums auf sich ziehender tragiker 
angesehen werden, womit stimmt, daß er ol. 91 den Euripides 
besiegt hat, Aelian. Var. Hist. II, 8 : man muß also sagen, He- 
rakles bringe ihn mit gutem gründe hier vor, dabei auch bedenken, 
daß die gegenwart anders als die nachweit urtheilt. Nun schweigt 
aber Herakles, nicht aus mangel an wissen, sondern verstimmt 
durch den unanständigen und deshalb groben gestus, mit dem 
Dionysos den Pythangelos zurückgewiesen (vrgl. vs. 107): daher 
entsteht hier räum für Xanthias: aber nachdem dieser seinen 
spruch gesagt, muß nun die person das gespräch fortsetzen, 
welche unmittelbar vor Xanthias gesprochen hat und das ist 
hier wegen des vielsagenden und deshalb unumgehbaren gestus 
Dionysos, so daß nach acfööga vs. 88, nicht wie Meineke will 
vor tisq) ifiov vs. 87, verse des Dionysos ausgefallen sind, eine an- 
sieht, welche ihre bestätigung in der vs. 89 — 91 umfassenden 
antwort des Herakles findet, da diese ohne jene lücke gar nicht 
begriffen werden kann. Das hat, wie es scheint Meineke begrif- 
fen und deshalb die antwort des Dionysos mit nlsh tj nvfjia 
vs. 90 beginnen lassen, was aber auch unmöglich ist, weil grade 
auf diese verse (90 flg.) die vs. 96. 97 die antwort enthalten und die 
Widerlegung. In den vor vs. 89 ausgefallenen versen hat aber 
ungefähr gestanden : „eher könnte ich an diese anhänger des 
Euripides denken , aber sie passen mir nicht" worauf denn mit 
oivxov»> xtA. Herakles ärgerlich entgegnet: er kann keine ge- 
legenheit vorüber gehen lassen seine abneigung gegen Euripides 
auszusprechen: Dionysos aber erscheint im folgenden intq<vXli8t<; 
ktX. unpartheiisch, indem er diese uachahmer des Euripides eben- 
falls verwirft: 



Nr. 6. 86. J. N. Madvig. 335 

« cpgnvSa därrov, )jv fiövov ^oqov \aßq 

ait(t&, TroogovQr/öavTtt rfj Tguycpdia, 
wo nach Meineke potovxmä unu^ ihre stellen umtauschen sollen: 
aber der sinn ist: „welche (dichter) schneller als man denken 
sollte von der bühne verschwinden , nachdem sie einmal , vor- 
ausgesetzt daß sie einen chor erhalten, die Muse der tragödie 
beschmutzt baben", iijv (xötov si modo, dummodo, Plat. Gorg. p. 
480 E. Sympos. p. 194 D. Aber woher — und das führt uns 
nun auf die hier zu behandelnde frage zurück — woher kennt 
Herakles diese dichter? woraus schöpft Dionysos sein urtheil 
über sie? Doch nur aus der lectüre der stücke dieser dichter: 
diese dramen sind also , obgleich nicht aufgeführt, doch heraus- 
gegeben in der hoffnung auf leser, deren existenz den dich- 
tem bekannt war. Dies setzt aber überhaupt die gewohnheit 
des lesens voraus: daß diese in der zeit, von der wir handeln, 
in Athen existirte, beweist das p. 456 angeführte, beweist vor 
allen Dionysos selbst in Arist. Ran. 52 ügg. , wo er auf einem 
kriegsschiffe und auf einem — freilich erlogenen — kriegszuge 
begriffen sich die Andromeda des Euripides (Fritzsche's wegen 
heachte man den artikel zr]t) — vorliest. Aber das genügt 
noch nicht; um die stärke der gewohnheit zu bemessen, muß 
man sich noch der orphischen gedichte erinnern und der mit 
diesen verwandten literatur , ferner der Sammlungen der werke 
älterer dichter , wie des Theognis , des Pindar und anderer , die 
in dieser zeit schon zu entstehen scheinen, vor allen aber der 
prosa, deren Stellung und bedeutung vrf. doch wohl viel zu gering 
anschlägt : wenn auch zweifelhaft bleibt ob Amelesagoras von Gorgias 
benutzt ist (Clem. Alex. Stromm. VI, 2, 26, p. 637 Sylb.), so 
setzt doch Herodot bei seinen lesern oder hörern kenntniß des 
Hekataios voraus, läßt das werk des Protagoras negl zrjg iv 
aoxil nataatdasoag auf weiter verbreitete bekanntschaft mit den 
Wio%Q6v£<i des Pherekydes schließen, die dann auch Sophokles und 
Euripides bestätigen. Aber in viel größerm umfange wirkte da- 
mals in Athen die lectüre der bücher der Sophisten , vor allen 
der des Protagoras und Prodikas , nicht also allein das hören 
der vortrage : denn Euripides ist durch diese lectüre nach Ari- 
stophanes ansieht (Ran. 943) verdorben und die komiker haben 
vermöge der ihnen eigenthümlichen ironie nicht allein die gram- 
matischen und rhetorischen Schriften der genannten Sophisten 






336 86. J. N. Madvig. Nr. 6. 



wie schon die Alyzs des Eupolis , die "Wolken des Aristophanes 
ergaben, für ihre zwecke durchstöbert, sondern auch die phy- 
sischen und ethischen, welche auf die so auffallenden Schilde- 
rungen des lebens nach dem tode und der unterweit überhaupt 
bei den komikern nicht ohne einfluß geblieben , vrgl. Aristoph. 
Tagen, fr. 1, die Jijfioi des Eupolis u. s. w. : scbriften wie die 
des Protagoras nsQi iwv iv adov habe ich dabei im sinne. Die 
komiker beweisen aber die lectüre dieser Schriften nicht bloß 
für sich, sondern, da sie selbige für ihre dichtungen benutzen, 
beweisen sie sie auch für andre, für das gebildete Athen, für 
Athen überhaupt: wäre der stoff nicht in der weise populär 
gewesen , hätten sie ihn unbeachtet gelassen : wegen dieser sei- 
ner meinung nach verderblichen Verbreitung des lesens kann 
nur Eupolis den büchermarkt verhöhnen (fr. incert. VI), kann 
Aristophanes to ßißliov ohne weiteres als quelle der verderbniß 
der menschen bezeichnen, Tagen, fr. 3, t. II, 2, p. 1149. Mein. 
Nimmt man hierzu, daß noch gar manche andre bücher, als die 
in dieser unvollständigen skizze genannten , wie die der altern 
philosophen und mediziner und historiker in Athen gelesen wur- 
den, daß das schreiben von zum lesen bestimmter reden auch 
schon existirte , so wird man doch zugeben müssen , daß das 
lesen in Athen im fünften Jahrhundert v.Chr. eine bei alt und 
jung beliebte gewohnheit war , deren gewicht durch eine eigen- 
thümlichkeit des drama nicht vermindert werden kann. Auf diese 
weise ließe sich noch über vieles mit dem vrf. streiten, da die 
abhandlung , je weiter sie fortschreitet , immer stärker das in- 
teresse in anspruch nimmt: so wird p. 435 fg. meiner ansieht 
nach mit recht widerlegt die von Welcker behauptete gattung 
der ärayrtaGTixo), p. 436 ügg. von den didaskalien, den Dio- 
nysosfesten und an welchen von ihnen nur neue dramen auf- 
geführt seien (Madvig meint, an den Lenäen seien keine neuen tra- 
gödien aufgeführt), gehandelt, p. 449 ügg., die zahl der dramen, 
die siege der dramatiker , die Wiederaufführung von dramen, 
endlich auch p. 460 ügg. die spätere zeit besprochen — aber 
wir müssen hier abbrechen und bemerken nur noch , daß die 
andern abhandlungen selbstverständlich in gleicher weise des 
beachtenswerthen viel enthalten: von der der hier besprochenen 
wegen ihres sachlichen inhalts am nächsten stehenden nr. X 
zeigt dies die im Piniol. XXXVIII p. 126 enthaltene abhand- 






Nr. 6. 87. W. Vischer. 337 

lung von Albert Müller über die rangordnung und das avance- 
ment der centurionen in der römischen legion. In dieser wie 
in den vorzugsweise wichtigen die spräche betreffenden aufsätzen 
fehlt die polemik gegen deutsche werke freilich auch nicht ; aber 
sie läßt sich ertragen: denn das richtige steht nicht immer auf, 
Madvig's seite und dann dürfen wir ja nicht übersehen, daß die 
aufsätze in das deutsche übersetzt sind : warum denn nicht 
in das englische oder französische? es spricht sich doch wohl 
unwillkürlich in dieser wähl anerkennung der deutschen Wissen- 
schaft aus — es wünscht der vrf. vor allem die resultate seines 
fleißes, seiner forschung von deutscher philologie geprüft , ange- 
nommen , weiter gebildet zu sehen. Und dafür wollen wir ihm 
trotz aller polemik danken. 

Ernst von Leutsch. 



87. Kleine Schriften von Wilhelm Vischer, weiland 
professor der griechischen spräche und litteratur an der Univer- 
sität zu Basel. Erster band. Historische Schriften, herausgege- 
ben von dr. Heinrich Geizer, professor in Heidelberg. Mit 
einer lithographischen tafel. 8. Leipzig, Hirzel. 1877. — VHI 
und 616 s. 12 mk. 

Die im vorstehenden bände vereinigten Schriften — vier- 
zehn abhandlungen und vier recensionen — eines ausgezeich- 
neten schweizerischen gelehrten sind in Deutschland stets bekannt 
gewesen und stets von den kundigen bearbeitern des gebietes, 
auf das sie sich beziehen, hoch geachtet und sorgfältig benutzt: 
aber als programme oder für andere gelegenheiten oder in we- 
niger zugänglichen Zeitschriften erschienen und somit nach der 
art solcher Schriften weniger verbreitet , konnten sie zu der ge- 
wünschten genauen kenntniß gar vieler philologen nicht gelan- 
gen und den einfluß auf die alterthumswissenschaft nicht üben, 
den sie ihrer vortrefflichkeit wegen hätten üben müssen : deshalb 
kommt denn diese Sammlung sehr erwünscht und befriedigt ein 
vielfach schwer gefühltes bedürfniß. Wilhelm Vischer, der Ver- 
fasser dieser forschungen, entstammt einer der angesehensten fa- 
milien Basels : im väterlichen haus und dann bei Fellenberg 
sorgfältigst erzogen, ward er in Bonn studirend besonders durch 
Niebuhrs vortrage angeregt : die ganze art des großen mannes, 
Philol. Anz. IX. 23 



87. W. Vischer. Nr. 6. 

der den begabten zuhörer bald erkannte und auch bei geselli- 
gem verkehr gern wissenschaftlich förderte, die gelehrsamkeit 
desselben , die begeisterung für die Wissenschaft , vor allem der 
überall hervorbrechende tiefe blick des erfahrenen Staatsmanns 
wirkte bestimmend auf Vischer ein, zumal da er ich möchte sa- 
gen von kindheit an durch die familie gewöhnt war alles auf 
den staat zu beziehen , dessen einrichtungen , leben , Schicksale 
genau zu betrachten und zu verfolgen; denn wie ehedem im 
alten Eom bei den Aemiliern und Fabiern und Claudiern u. a., 
so tritt auch in der neuen zeit da, wo wirklich politisches leben 
sich entfaltet, die erscheinung hervor, daß eine bestimmte poli- 
tische richtung in familien sich von geschlecht zu geschlecht 
fortpflanzt. Zurückgekehrt von deutschen Universitäten, von Bonn, 
Jena, Berlin, widmete er seine kräfte der Vaterstadt zunächst 
als lehrer am pädagogium und der Universität: dieser Stellung 
verdankt man die hier gesammelten Schriften : es sind folgende : 
A. Abhandlungen: Kimon, p. I. — Das kriegswesen 
der Athener von dem tode des Perikles bis zur Schlacht bei 
Delion und Demosthenes der söhn des Alkisthenes, p. 53. — 
Alkibiades und Lysandros, p. 87. — Die oligarchische partei 
und die hetärien in Athen von Kleisthenes bis zum ende des 
peloponnesischen kriegs, p. 153. — Untersuchungen über die 
Verfassung von Athen in den letzten jähren des peloponnesischen 
kriegs, p. 205. — Perdikkas II könig von Makedonien, p. 239. 

— Epaminondas, p. 272. — Ueber die Bildung von Staaten 
und bünden oder centralisation und föderation im alten Grie- 
chenland, p. 308. — Ueber die Stellung des geschlechts der 
Alkmaioniden in Athen, p. 382. — Sitzen oder stehen in den 
griechischen Volksversammlungen, p. 402. — Ueber das histo- 
rische in den reden des Thukydides, p. 415. — Ueber die be- 
nutzung der alten komödie als geschichtliche quelle, p. 459. — 
Zu Isokrates Panegyricus §. 109, p. 486. — Zu Polyb. V, 94, 
p. 422. — B. Recensionen: E. Scheibe, die oligarchische 
Umwälzung zu Athen am ende des peloponnesischen krieges und 
das archontat des Eukleides, p. 497. — Ueber die neuern be- 
arbeitungen der griechischen geschichte, p. 511. — F. A. Free- 
man , history of federal governmeut from the fondation of the 
Achaian league to the disruption of the United States, p. 534. 

— A. Baumeister topographische skizze der insel Euböa, p. 588. 

Die Schriften beziehen sich hiernach auf einen verhältnis- 
mäßig kleinen Zeitraum: die geschichte der glanzzeit Athens fes- 
selt den vrf. vor allem andern: aber diese periode beherrscht 
er nun auch vollständig : das sicherste auf genauer kenntniß 






Nr. 6. 87. W. Vischer. 339 

der classischen sprachen beruhende verständniß der quellen und 
die sorgfältigste durchforschung und prüfung des sachlichen in- 
halts derselben treten überall hervor, zugleich auch das streben, 
bei der lückenhaftigkeit unserer quellen diese zu erweitern, zu 
kräftigen: daher die vortreffliche abhandlung über die reden des 
Thukydides, daher die gleich treffliche über die benutzung der 
alten komödie für die geschichte , daher die sorgfältige beach- 
tung der inschriften und jeder anderweitigen Vermehrung un- 
serer kenntniß der alten weit. Diese eigenschaften werden aber 
bei Vischer noch besonders eigenthümlich durch zwei Vorzüge, 
erstens durch den ihm eignen scharfen politischen blick : da- 
her war ihm Freemans buch eine so überaus erfreuliche erschei- 
nung , indem er hoffte , daß grade durch dies werk manche der 
neuern und insonderheit auch der deutschen behandlung der ge- 
schichte Griechenlands und seiner Verfassungen anhaftende schwä- 
chen oder gebrechen beseitigt und die gegenseitigen Verhältnisse 
der Staaten des alterthums auf eine der Wirklichkeit mehr ent- 
sprechende weise behandelt werden würden : eine hoffnung , de- 
ren erfüllung nur dann bei uns scheint ermöglicht werden zu 
können, wenn der Staat den philologen — und zwar jungen 
wie alten — die zeit gönnt, den verschlungenen wegen der 
Wissenschaft selbständig nachzugehen und sie für eigne forschung 
zu verwenden. Dies das erste : die offene anerkennung des 
zweiten hier auch nur in kürze zu erwähnenden Vorzugs er- 
scheint mir als eine pflicht : die anschauungen der Umgebung 
nämlich , welche auf Vischer in dessen Jüngern jähren einge- 
wirkt, betrachteten Deutschland und deutsches leben eben nicht 
mit liebe — ob mit recht oder unrecht untersuchen wir hier 
nicht — und waren sie als weit in der Schweiz verbreitete nicht 
ohne einfluß auf die gelehrte weit geblieben: Vischer aber ru- 
hig und selbständig prüfend sah bald das aus solchen Spannun- 
gen für die Wissenschaft entstehende nachtheilige ein und war 
und blieb seitdem bemüht, durch die in seinen Schriften nie ver- 
hehlte anerkennung der deutschen philologie, durch die in ihnen 
überall sich offenbarende edle humanität so wie durch persönli- 
chen verkehr und mündliche lehre frieden und unpartheiische Wür- 
digung der beiderseitigen leistungen anzubahnen und zu sichern. 
Es bezeugt dies gewiß die geistige kraft und freiheit des mannes, 
der durch die tiefe und den umfang seiner historischen Studien, 

23* 



87. W. Vischer. Nr. 6. 

die viel umfassender angelegt waren als die hier vereinigten 
Schriften auf den ersten blick errathen lassen , dann aber auch 
durch die in einem von Staatsgeschäften mannigfach bewegten 
leben gesammelten erfahrungen sich von einseitigen vorurtheilen 
der zeit zu befreien verstanden hat : diese seine kraft und ge- 
diegene gelehrsamkeit gestatteten ihm dann auch als wahrer 
patriot dem staat in praktischem dienst nützlich zu werden und 
bis an sein ende in einer der einflußreichsten Stellungen, näm- 
lich als leiter des erziehungswesens für die edelsten interessen 
der Vaterstadt erfolgreich zu wirken: auch Wilhelm Vischer lie- 
fert ein hervorragendes beispiel dafür, daß um das unterrichts- 
wesen es da am besten bestellt ist , wo die oberste leitung in 
der hand eines wahren gelehrten, eines mannes der Wissenschaft 
ruht. Man muß es den Schweizern lassen, sie wissen talente zu 
finden und sie an den richtigen platz zu stellen. 

Die pflichten der praktischen Stellung haben Vischer aber 
nicht gehindert, seinen wissenschaftlichen neigungen eifrigst nach- 
zugehen und namentlich den in seinen Schriften behandelten stoßen 
fortwährend aufmerksamkeit zuzuwenden: es beweisen das eben- 
falls die vorliegenden Schriften. Denn der herausgeber dersel- 
ben, professor Geizer, schreibt in der vorrede, p. VI: „für 
eine reihe dieser abhandlungen, so für Kimon, Alkibiades und Ly- 
sandros, die oligarchische partei und die hetairien in Athen, 
lagen handexemplare mit reichen nachtragen und berichtigungen 
vor. Von ganz besonderem werthe sind aber die Zusätze zu der 
schrift über die bildung von Staaten und bünden, indem hier 
der Verfasser das ausgedehnte seither erschienene epigraphische 
material ausgiebig benutzt hat. Wie wesentlich diese Umge- 
staltungen sind, zeigen beispielsweise die Schilderungen des pho- 
kischen, des lokrischen, des arkadischen, des aitolischen und des 
achaiischen bundes. In den wenigsten fällen ließen sich diese 
zusätze ohne den Zusammenhang zu stören , dem text einverlei- 
ben : daher empfahl es sich, sie einfach als anmerkungen unter- 
zubringen. Alles neu hinzugekommene ist durch eckige klam- 
mern bemerkbar gemacht". So erscheinen denn hier die meisten 
dieser Schriften — mit ausnähme der hier zum ersten male durch 
den druck veröffentlichten über Epaminondas — wie in zweiter 
verbesserter und vermehrter aufläge; daß dem so ist, verdankt 
das philologische publicum der pietät und der Sorgfalt des pro- 



Nr. 6. 87. W. Vischer. 341 

fessors G e 1 z e r, dessen mühwaltung auch um deswillen hier rüh- 
mend hervorgehoben werden muß , weil er in der vorrede dar- 
über schweigt: er hat eben für alles was nöthig und den leser 
gewinnt umsichtig gesorgt, für passende Ordnung der Schriften, 
für richtige einfügung der zusätze , für correctheit des drucks, 
für register : auch die citate revidirt und bequemer gemacht, mit 
einem worte uns durch seine mühwaltung zu großem danke ver- 
pflichtet. Es thut mir deshalb aufrichtig leid in einem nicht 
ganz unwichtigen umstände mit seinem verfahren nicht einver- 
standen zu sein ; ich meine die von dieser Sammlung ausgeschlos- 
senen Schriften , zwei miscellen aus dem Neuen schweizerischen 
museum , die eine II, p. 145 — 147 die pseudoxenophontische 
schrift über den Staat der Athener betreffend, die andre III, p. 
113 — 114 zu den der schlacht bei Chäronea vorhergegangenen 
kämpfen, und zwei recensionen, die eine über Roscher's Thuky- 
dides in der Zeitschr. für d. alterth. 1843, nr. 97 flg. , die an- 
dre über Niebuhrs vortrage über alte geschichte ebendas. 1850 
nr. 44 ägg. : diese beiden letztern hätten nicht ausgeschlossen 
werden sollen, da sie die eigenthümlichen Vorzüge von Vischer's 
forschungen in ein so überaus klares licht setzen. Denn die 
recension über Niebuhr vergewissert über den bedeutenden um- 
fang der Studien Vischer's, die andre aber bringt eine erwünschte 
ergänzung zu der abhandlung über die reden des Thukydides, 
indem sie nicht allein die reden, sondern auch andere bei Thu- 
kydides so reichlich vorhandene Streitfragen berührt; denn es 
werden immer selbst nur kurze äußerungen eines genauen ken- 
ners des attischen Staatswesens über Thukydides, unsere haupt- 
quelle für dieses Staatswesen, mit interesse aufgenommen werden, 
weil dessen werk trotz alles darauf verwandten höchst anerken- 
nungswerthen fleißes immer noch wegen seines so eigenthümlich 
griechischen wesens schwierige probleme in fülle zu lösen auf- 
giebt, für die man des kundigen Wegweisers bedarf und die nur 
durch vielfache von den verschiedensten punkten und auffassungen 
ausgehende Untersuchungen dem zu erstrebenden ziele näher ge- 
bracht werden können, — auch dürfte grade für unsre zeit es 
sich empfehlen , die ruhige , besonnene , umsichtige methode Vi- 
scher's bei Thukydides in erinnerung zu bringen, wo man gar 
zu sehr geneigt ist vermuthungen der Überlieferung gleich zu 
stellen und für Scharfsinn zu halten, wenn man thut als verstände 



342 87. W. Vischer. Nr. 6. 

man das gras wachsen zu hören. Damit soll aher nicht behaup- 
tet sein , als habe Vischer überall das richtige gefunden : for- 
schungen in neuerer zeit und vor allem das neue durch glück- 
liche entdeckung von inschriften gewonnene material haben für 
gar manche fragen den blick erweitert und auf sicherere wege 
gewiesen. Als beleg dafür möge die Streitfrage über das ge- 
burtsjahr des historikers dienen. Vischer kämpft für die an- 
gaben der Pamphila : aber erstens giebt sie doch selbst durch 
ihr videtur , was Gellius oder dessen quelle doch gewiß aus ihr 
selbst übersetzt , klar zu erkennen , daß ihre angaben unsichere 
seien , und dann zeigt Dionys. Halic. de Thucyd. judic. 6, p, 
821 E. durch seine Umschreibung von Thucyd. V, 26 (vrgl. 
Ullrich Beitr. z. erklär, des Thukyd. p. 128), daß für die be- 
stimmung der lebenszeit des Thukydides keine andre quelle zu 
geböte stehe, als das was Thukydides selbst darüber in seinem 
werke sage : dies was Dionysios hier andeutet, gilt auch von der 
altern zeit. Und so geht es in der regel: für das leben des 
Schriftstellers sind seine werke die quelle und sagt er selbst in 
diesen nicht wann er geboren , so weiß man es nicht , bieten 
nicht inschriften oder eine sonstige zufällige notiz eine handhabe 
für erlangung des vom schriftsteiler verschwiegenen. Thukydi- 
des spricht nun (V, 26) von seinem alter, giebt aber das datum 
seiner geburt nicht an und zwar deshalb weil ihm wie seinen 
Zeitgenossen solche angäbe pedantisch erschien und vor allem 
weil eine solche gegen die gesetze des erhabenen styls verstieß : 
auf den einfluß, den diese gesetze auf die darstellung ausübten, 
nimmt man jetzt viel zu wenig rücksicht. Nach alle dem kön- 
nen wir in dieser Streitfrage nur zu einer ungefähren bestim- 
mung des geburtsjahrs gelangen: Thukydides wird um ol. 81 
geboren sein. Und das genügt volkommen. — Deutlicher zeigt 
aber vielleicht, was ich will, die Streitfrage über die lehrer des 
historikers. Vischer hält Antiphon als lehrer des Thukydides 
fest und allerdings kann die große zahl dafür anzuführender 
Zeugnisse imponiren. Aber um in ihrer behandlung sicher zu 
verfahren, hat man zunächst den mehr als bedenklichen satz 
abzuweisen, daß die aufstrebende vornehme Jugend Athens selten 
versäumt haben werde „mit altern männern von großem uamen in 
nähere berührung zu treten" : denn von solcher Jugend wissen 
wir sehr wenig, wohl aber aus Eupolis' Bapten und Kolakos 



Nr. 6. 87. W. Vischer. 343 

und andern gleichzeitigen quellen, auch aus Xenophon (Memor. 
I, 6, 14) von einer, die den Unterricht gefälliger schönen -weib- 
lichen geschlechts dem stirnrunzelnder rhetoren bei weitem vor- 
zog. Und ferner ist bei dieser frage vor allem festzustellen, 
was man unter lehrer und schüler verstehe : denn versteht man 
diese worte mit den alten und Vischer von persönlichem verkehr 
und Schulunterricht , so gehören sie nicht hierher , da in diesem 
sinne Antiphon nie lehrer des Thukydides gewesen. Denn die 
masse der Zeugnisse für diese lehrerschaft schwindet, sobald man 
nach der quelle derselben fragt : Suidas und die Byzantiner ent- 
nahmen sie nachweislich dem Markellinos , führen sie aber mit 
einem ItysTai u. drgl. ein, Markellinos schöpft sie aus Hermo- 
genes , dessen rhetorischer theorie er folgt , Hermogenes aber, 
der, wie die genannten alle, einen bestimmten gewährsmann nicht 
nennt , hat sie entweder aus der tradition in rhetorenschulen 
('txorcu 7tn).),ä)v Xeyovteap Hermog. n. idmxiv II, 11, 7, p. 396 W, 
vgl Kayser ad Philostr. V. Sophist, p. 216, auch n. Idseöv II, 
12, 5, p. 398 W.) , oder aus Hermagoras oder einem andern 
Jüngern rhetor, am wahrscheinlichsten jedoch nach Krügers schö- 
ner Untersuchung aus Kaikilios dem Kalaktiner. So sind wir 
in die zeiten der Alexandriner gelangt: woher stammt also bei 
diesen die angäbe? Das deutet die stelle , der wir die notiz 
über Kaikilios verdanken , unverblümt an, Plutarch. W. decem 
oratt. p. 831 E, g£ mv iitaivsitai arl., sie stammt aus Thuc. 
Vlll, 68 , wo Antiphon gelobt wird : es hat Kaikilios geglaubt 
in dem lobe die dankbarkeit des schülers zu erkennen. Und 
daß dasselbe vielleicht schon vor Kaikilios ein alter ausgespro- 
chen habe, darf aus Cicero im Brut. 12, 47 geschlossen werden, 
wo se audiente jetzt mit recht gestrichen und als das einschiebsei 
eines mannes erkannt ist , der ebenfalls freilich sehr gegen die 
geschichte den Thukydides zu einem schüler des Antiphon ma- 
chen wollte : aus Cicero nämlich ergiebt sich, daß die stelle des 
Thukydides (Vni, 68) die einzige war, aus der die alten ihre 
kenntniß von dem verhältniß zwischen Antiphon und Thukydi- 
des schöpften ; wir haben hier also einen fall, wo wir den alten 
in betreff der quellen für ein factum gleich stehen. Daher ent- 
steht die frage : ergiebt sich aus der stelle etwas über dies ver- 
hältniß? und da darauf entschieden mit n e i n zu antworten, so ist 
daß Thukydides der schüler des Antiphon gewesen eben so 



344 87. W. Vischer. Nr. 6. 

wenig durch ein zeugniß des alterthums überliefert als das was 
Aristides sagt , daß Thukydides der stuiqoq des Antiphon ge- 
wesen: das eine kann so wenig als das andere behauptet wer- 
den. Gegen diese beweisführung kann und darf man nicht ein- 
wenden, daß Kaikilios oder ein anderer über das verhältniß der 
beiden hier in rede stehenden männer zu einander durch eine 
im volke vorhandene tradition unterrichtet sei : denn Thukidy des 
stand während seines lebens dem volke fern und das erst nach 
seinem tode erschienene werk lasen nur gelehrte. Aber Vischer 
führt für seine ansieht noch einen scheinbar schwer wiegenden 
grund an, die ähnlichkeit in der diction der reden des Thuky- 
dides und Antiphon, eine ähnlichkeit welche feststeht und nicht 
weggeleugnet werden kann. Doch dagegen gilt , daß Antiphon 
eine rp'p^ geschrieben und reden herausgegeben hat; diese hat 
Thukydides gelesen und genau studiert, die darin entwickelten 
grundsätze der prosaischen composition auf theile seiner darstel- 
lung übertragen und dadurch eine ähnlichkeit hervorgebracht, 
wie sie grade in der griechischen spräche möglich war zu er- 
reichen. Daß aber Antiphon den historiker mehr anzog als 
Gorgias und Prodikos und andre rhetoren , erklärt sich daraus, 
daß Antiphon Athener und athenischer Staatsmann war und so- 
mit eine art geistesverwandtschaft zwischen beiden besteht. Und 
überhaupt stände es schlimm um den gelehrten und namentlich 
um den historiker, bedürfte er, um für einen character sich zu 
begeistern, dessen persönlicher bekanntschaft. — Weichen wir 
sonach in ein paar punkten untergeordneter art von Vischer in 
Sachen Thukydides ab, so befinden wir uns dagegen in einer 
hauptsache, in der auffassung der reden, mit ihm in voller 
Übereinstimmung-, wir halten auch dafür, daß die reden als hi- 
storische anzusehen , d. h. daß die in ihnen enthaltenen gedan- 
ken wirklich in der zeit , wo die reden gehalten , ausgesprochen 
und somit von einfluß auf die thatsachen gewesen und selbst 
thatsachen sind. Dies aber wahr und schön durchzuführen 
konnte bei den einrichtungen und der entwicklung des alten 
Hellas zu Thukydides' zeit nur bei Zeitgeschichte gelingen und 
eine solche schreibt Thukydides: es fehlt aus der blüthezeit 
Athens ein musterwerk für die behandlung der alten geschichte, 
eine aufgäbe, deren glückliche lösung Thukydides für unmöglich 
gehalten zu haben scheint ; hätte ein solches ein dem Thukydides 



Nr. 6. 87. W. Vischer. 345 

an talent und geisteskraft gleicher historiker aufgestellt, würden 
den folgenden zelten viele mißgriffe erspart geblieben sein, da diese 
nun sich an Thukydides halten, dessen kunst sie leider nie völlig 
begriffen haben ; denn die sogenannten nachahmer unsers histori- 
kers hängen sich nur an das äußerliche und allein Sallust macht 
hier eine ausnähme, der aber auch erst in den Historien für das 
wesen und die eigenart der thukydideischen reden ein tieferes 
verständniß zeigt. Um nun zu dem wirklichen verständniß des 
wesens der reden und der in ihnen entwickelten kunst zu ge- 
langen, dürfte zunächst die entstehung der reden in directer 
rede in geschichtswerken klar zu legen sein : sie geht aus von 
den logographen, welche die aufmerksame betrachtung des griechi- 
schen Staatslebens darauf führte : denn je mehr sich dieses ent- 
wickelte , um so bedeutsamer wurden reden ; dazu gesellte sich 
der einfluß Homers, dessen werke auch aus erzählung und re- 
den bestanden und dessen poesie die logographen seit Eugaion 
emsig durchforschten. So ist also diese form, erzählung und di- 
recte rede, für das geschichtswerk dem Thukydides überliefert 
und konnte er, zumal sie dem Stoffe conform und naturgemäß 
war, sie nicht verlassen: aber dafür veredelt, idealisirt er sie 
der Stimmung und der kunstrichtung seiner zeit entsprechend. 
Aber wie helfen dazu die reden? und wie steht es, wird idea- 
lisirt, mit der historischen Wahrheit und treue? lag für letztere 
nicht viel näher die reden, sobald sie als wirkliche ereignisse 
gelten und daher erwähnt werden mußten , wie die andern er- 
eignisse zu erzählen, zumal da Thukydides dies oft genug thut? 
warum also reden in directer rede? Alles dies erklärt und be- 
antwortet sich aus der durch die zeit gebotenen aufgäbe künst- 
lerisch , d. h. schön , darzustellen. Denn das schöne verlangt 
nach der eignen lehre der alten gegensätze : in der prosa giebt 
es eben keine stärkeren als erzählung und directe rede; das 
schöne verlangt aber weiter engste Verbindung dieser gegen- 
sätze , so daß das eine nicht ohne das andre existiren , in un- 
serm falle also sein volles verständniß nicht erhalten kann. Alles 
dies befolgt Thukydides: er hat erzählung und reden und die 
eine setzt die andern voraus , diese, die reden, lassen sich ohne 
jene nicht begreifen. Damit hängt dann zusammen das einwir- 
ken strengster einheit sowohl für das ganze werk als auch für 
seine massen und einzelnen theile i;nd somit auch für die reden : 



346 87. W. Vigcher. Nr. 6. 

danach war für letztere dem erhabenen grundgedanken des 
werks gemäß zuvörderst eine auswahl zu treffen — denn nicht 
alle, sondern nur die den ausschlag gebenden, die entscheidenden, 
lehrreichsten und somit der zeit nach kurz vor der wichtigen 
entscheidung selbst liegenden und deshalb stets in sich den geist 
ergreifendes und erschütterndes enthaltenden sind zulässig — dann 
aber aus den gewählten alles niedrige, aus der gemeinen wirk- 
tichkeit fließende , wie Schmeicheleien gegen das volk , eben so 
abschweifungen , irrige ansichten und absichtliche Verdrehungen 
auszuschließen, also nicht alles bei der betreffenden gelegenheit 
von den rednern vorgebrachte zu wiederholen, vielmehr eine aus- 
wahl zu treffen und nur das die vorliegende politische frage wirk- 
lich entscheidende, das 76 dixaior oder ro ^v/xqssgov der Wahr- 
heit gemäß erörternde unbekümmert darum ob es von einem 
oder von verschiedenen gesprochen, so kurz als möglich in ge- 
drängter, den leser zum ruhigen nachdenken über die die sache 
völlig erschöpfende darstellung zwingender spräche ernst und 
würdig zu entwickeln. Bei dieser behandlung entfernen sich 
allerdings diese reden formell bedeutend von der Wirklichkeit, stellen 
aber dafür das, worauf es für das verständniß ankommt, um so 
eindringlicher und der idealität zusagender dar, werden also 
eben dadurch nicht bloß lehrreich und erhaben , sondern auch 
wieder historisch wahrer, indem sie die grundlage an die hand 
geben für den Standpunkt oder diesen auch gerade zu selbst, 
von dem aus man die erzählung beurtheilen und begreifen soll. 
Diese allgemeine theorie erleidet jedoch modificationen durch die 
größere oder geringere ruhe oder leidenschaftlichkeit des spre- 
chenden, ferner auch dadurch, ob des redners name genannt 
worden oder nicht, vor allem aber durch den wunderbaren styl, 
für den bei den reden als dem erhabensten in dieser darstel- 
lung ein bei weitem größerer aufwand von kunst als in der er- 
zählung gemacht wird , indem je nach dem redner , auch wohl 
je nach dem stoffe eine besondre stylart gewählt worden, eine 
kunst, welche allerdings durch die grade in Thukydides' zeit 
so üppig emporsprießende rhetorik , ganz besonders aber durch 
die unübertroffene anläge der griechischen spräche veranlaßt und 
ermöglicht ward. Das glückliche gelingen solcher leistung er- 
heischt aber, daß der geschichtsschreiber selbst den stoff ganz 
durchdrungen und sich über ihn nach jeder beziehung hin ein 



Nr. 6. Theses. 347 

sicheres urtheil gebildet hat, so zu sagen über ihm steht und ihn 
beherrscht; denn ohne dies wäre die auswahl wie die übrige 
thätigkeit unmöglich ; es gehen also die reden aus subjectiver 
auffassung hervor, die sich aber bei dem wirklichen historiker 
zusammt mit der bei der darstellung wirkenden phantasie an 
das thatsächliche hält, dadurch freilich hier wie in aller prosa 
zur entfaltung ihrer vollen macht nicht gelangt. Aus alle diesem 
im ganzen auch für die erzählung geltenden erwächst dann dem 
Thukydides nicht die darstellung der Wirklichkeit selbst, sondern 
ein eigenthümlich erhabenes , zur belehrung der menschheit be- 
stimmtes , seiner innersten Überzeugung nach wahres b i 1 d des 
peloponnesischen krieges. Um diese sätze in das rechte licht 
zu setzen und zu beweisen, bedarf noch gar manche thukydi- 
deische eigenthümlichkeit der genauem Untersuchung, keine aber 
mehr als der styl der reden , für den genaue analysen noch 
ganz fehlen : zu der ausfüllung dieser lücken werden Vischers 
schritten auch anregen; hoffen wir daher dass der in aussieht 
gestellte zweite band bald erscheine, der gewiß zur ehre des 
edlen verstorbenen mit eben der Sorgfalt und treuen liebe vom 
herausgeber behandelt sein wird , als der hier angezeigte erste. 

Ernst von Leutsch. 



Theses. 

Herrnannus Klammer, Animadversiones Annaeanae gramma- 
ticae. Dissertatio quam summorum in philosophia honorum . . . 
in univers. Frid. Guilelma Rhenana . . obtinendorum causa . . . 
d. II. m. Maii a. MDCCCLXXVUI defendet . .: 1. In re- 
censendis naturalibus quaestionibus Senecae plurimi faciendus est 
codex Berolinensis (E). — 2. Seneca ep. 89, 4 ita scripsit Phi- 
losophia unde dieta sit adparet, ipso enim nomine fatetur quid amet. 
Sapientiam ita quidam finierunt , ut dicerent divinorum et humano- 
rum scientiam. (cod. B. quidam et sapientiam ita quidam). — 3. 
Idem ep. 94, 1. ita legendum tanquam quis posset de parte sua- 
dere , nisi qui summam prius totius vilae complexus esset. Ariston 
Stoicus e contrario hanc partem levem existimat. — 4. Idem nat. 
quaest. III 14, 3 nihili est vasta maris in oeculto via est . Scri- 
batur vis. — 5. Falsa est Draegeri sententia duos imperativos 
a Romanis aovvderaig componi pro regula statuentis. — 6. Quin- 
tilian. IV 1, 8 ita legendum quaedam in his quoque commendatio 
tacita , si nos infirmos , imperitos (A imperatos) , impares agentium 
contra ingeniis dixerimus. (cf. XI, 1, 21). — 7. Quae leguntur 



348 Bibliographie. Nr. 6. 

apud Quintilian. II 16, 5 verba haec qui philosophorum nomine 
male utuntur, ita corrigenda sunt ut eiciatur male. — 8. Apol- 
lonius Khodius IV 1410 ita scripsisse videtur tag Si oys na- 
Qt]yogss<yy.s lirrjcsiv (cf. III 741 rrjv 8s fitr). — 9. Non recte 
praecipit Kruegerus (griech. Sprachlehre II 51, 1, 12) reflexive 
adhibitum esse (xtv in formula homerica zw /uiv ieiadfisvog-. — 
10. 'Eijog in carminibus homericis et forma Aristarchea . scripsit 
locis omnibus Zenodotus eofo (A 393 O 138 T 342 ß 550 
52 422 £ 505 o 450). — 11. Non omisit auctor libelli asyl 
vxpovg accuratam adfectuum tractationem. — 12. Idem scriptor 
cum octo locis (pvoet rem aliquam constitutam esse dicat, ter 
q>vasi nag, absonum cpvGixag naa (p. 58, 5 ed. Jahn.) in cpvöet 
nag mutandum censeo. — 13. Inscriptio laminae plumbeae osca 
nuper inventa num sit devotio non recte dubitat Bre'al. 

De dualis usu Plautino. Dissertatio . . quam sumomrum in phi- 
losophia bonorum ... in universitate Frid. Guilelma Bhenana . . 
obtinendorum causa . . . d. XV m. Augusti MDCCCLXXVIII . . 
defendet Augustus Roeper: I. Aristoph. Ean. 1124 scribendum 
ngmiov 8e fjtoi 7ti>' s£ ^Oysareiag leye. — II. Pluti comoe- 
diae versus 1163. ab interpolatore videtur confectus esse. — 
III. Menelaum et Ulixem, quos Homerus Helenae a Troianis 
repetendae causa legatos missos esse narrat (II. T 205 sqq. A 
123 sqq. 138 sqq.) e Graecia quam e castris in litore Troiano pro- 
fectos esse verisimilius est. — IV. Euripides haud raro ornatus 
causa praecipue in finibus orationum et in stichomythiis homoeo- 
teleutis volens usus est. — V. In scholiis ad luv. X 165 pro 
occisus excisus propono scribendum. — VI. Anachronismos in Me- 
nexeno dialogo commissos ad Platonem non posse referri puto. 
— VII. Aristophanes ad bellicas maxime res spectantes Homeri 
locos citavit vel in risus deflexit eamque ob rem plures Iliadis 
quam Odysseae. — 



Bibliographie. 

G. v. Maack handelt im Börsenbl. nr. 90 von den ersten 
anfangen und der weitern fortentwicklung des buchhandels in 
der Universitätsstadt Kiel. 

Eine eigentümliche erscheinung unserer zeit sind die sog. 
Sortimentsgrossisten in Leipzig, d. h. buchhändler, welcheneue 
bücher billiger verkaufen als die Verleger selbst: wie das mög- 
lich erläutert vortrefflich ein artikel von Aug. Klasing im Börsenbl. 
nr. 98 ; der zugleich auch abhülfe zu schaffen sucht, jedoch zu- 
giebt , daß die grossisten diese abhülfe umgehen könnten , frei- 
lich wie uns scheint nur durch eine mehr als feine benutzung 
der umstände. Die mittheilung Klasings hat dann auch in den 
kreisen der buchhändler anklang gefunden, wie aufsätze im Bör- 



Nr. 6. Bibliographie. 349 

senbl. nr. 112 zeigen, die aber auf andere weise abhülfe wollen, 
Staatsanwalt , vereine u. drgl. Daß solche übelstände bei uns, 
„dem ehrlichen Deutschland" vorhanden, ist gewiß der ein- 
fluß der größern cultur , derselben cultur , die die sozial - demo- 
kratie hervorgebracht hat : denn diese letztere hat sich längst, 
freilich in sehr verschiedenen gestalten, in allen classen der be- 
völkerung eingenistet. Die wahre abhülfe kann nur von da ge- 
nommen werden , woher sie auch für die sozial - demokratie zu 
nehmen ist; nicht vom Staatsanwalt u. s. w., sondern von wahr- 
haft christlicher erziehung. 

Als ein großer schaden wird im Börsenbl. nr. 100 die 
colportage bezeichnet — ein gegenständ, der namentlich in 
Frankreich, seit der erfmdung der buchdruckerkunst kann man 
sagen , zu vielen Verhandlungen und gesetzen anlaß gegeben, 
wie aus einem aufsatz von P. Dehn im Börsenbl. nr. 104 zu er- 
sehen : es lehrt derselbe , die sache vorsichtig zu behandeln. 
Ebenfalls im Börsenbl. nr. 100 wird auch gegen den jetzigen 
langen credit gesprochen und baarzahlung verlangt; da- 
durch würde nach der ansieht des vrfs. der verlagshandel ge- 
zwungen, vorsichtiger mit annähme von Verlagsartikeln zu sein 
und damit ein anderer krebsschaden , die Übermasse der druck- 
sachen, beseitigt werden. Es ist das gewiß zu beachten; denn 
auch in andern zweigen des handeis sucht man schaden der 
zeit durch baarzahlung entgegenzutreten. Vergl. dagegen nr. 112. 

Bei O. Gerschel in Stuttgart ist der katalog der bibliothek 
F. Freiligratti s erschienen, der den berühmten dichter als begei- 
sterten bibliophilen kennen lehrt : die ältesten ausgaben der werke 
von Göthe und Schiller, seltene ausgaben von englischen und 
französischen dichtem finden sich. Auch ein exemplar von FriscKs 
deutsch -lateinischem handwörterbuch findet sich da, nämlich das 
handexemplar Lessing^s, worin handschriftliche notizen des letz- 
tern, die auf die geschichte dieses Wörterbuchs sich beziehen. 
Börsenbl. nr. 118. 

In Brandenburg findet man jetzt ein geschäft mit der 
firma : „Glaserei und Buchhandlung". Jedenfalls eine für die höhe 
unserer cultur beachtenswerthe erscheinung , die dadurch noch 
erhöht wird , daß in besagter Stadt außerdem noch drei buch- 
handlungen, drei zeitungs-expeditionen , leihbibliotheken und an- 
dere der literatur dienende institute vorhanden sind , auch ber- 
liner buchhandlungen daselbst ihre kundschaft haben. Bör- 
senbl. nr. 124. 

Das werk von C. C. Redlich, „Lessings-bibliothek, verzeichniß 
derjenigen drucke, welche die grundlage des textes der Les- 
singschen werke bilden", wird im Börsenbl. nr. 127 sehr em- 
pfohlen. Es ist ein Separatabdruck aus bd. XIX der bei Hempel 
in Berlin erscheinenden gesammtausgabe von Lessings werken. 

Eine Wiener buchhändlerrechnung aus dem 1 6. jahrh. theilt 



350 Bibliographie. Nr. 6. 

A.Greuser in Wien im Börsenbl. nr. 129 mit; darin erscheint: Ho- 
meri Odyssea verteutscht durch J. Simonem Minorum. fol. 18 kreuzer. 

In dem Börsenblatt von nr. 114 an finden sich eine reihe 
beachtenswerther artikel die reform des buchhandels betreffend, 
sowohl des verlags- als des Sortimentsgeschäftes. Man ersieht 
daraus, mit wie viel hindernissen dieses für das wohl Deutsch- 
lands so wichtige geschäft zu kämpfen hat. 

Das reichs-postgebiet. Topographisch-statistisches handbuch 
für die reichs-post- und telegraphen - anstalten. Bd. I. 953 s. 
Bd. II, 2638 s. Berlin 1878. Decker. 15 mk. — Eine an- 
zeige dieses äußerst nützlichen werkes steht Börsenbl. nr. 150. 

Theodor Simons' kulturbilder : „aus altrömischer zeit", 
welche gleich bei ihrem ersten erscheinen sich die lebhafte anerken- 
nung der kritik erwarben, sind jetzt vor kurzem im verlage von ge- 
brüder Pätel hierselbst in dritter aufläge erschienen. Die reihe 
der in gefälliger form und meisterlichem style mit eingehender 
kenntniß des römischen alterthums geschriebenen acht interes- 
santen essay's sind in der vorliegenden aufläge so berechnet 
worden, daß sie in dieser neuen gestalt zwei handliche, typisch 
sehr sauber ausgestattete bände bilden. Der inhalt ist der art 
vertheilt, daß der erste band die 4 aufsätze: ein gladiatoren- 
kampf und eine thierhetze in der arena zu Pompeji 79 n Chr. g., 
ein gastmahl bei Lucullus 74 v. Chr. g. ; ein wagenrennen im 
circus Maximus zu Rom 10 n. Chr. g. und ein hochzeitsfest im 
römischen Karthago 224 n. Chr. g. umfaßt, während der zweite 
band die übrigen vier kulturbilder: die naumachie 52 n. Chr. g. ; 
der triumphzug des Titus 71 n. Chr. g. ; die stiere des Maxen- 
tius 312 n. Chr. g. und pompejanische nachte 96 n. Chr. g. ent- 
hält. Alle diese aufsätze sind auf dem historischen hintergrunde 
des alten Rom in frischen färben und plastischer anschaulichkeit 
entworfene Schilderungen , welche für weite gebildete leserkreise 
zugleich eine unterhaltende lektüre und eine empfehlenswerthe 
belehrung bieten. — Reichs- Anz. n. 145. 

In dem im verlage von Eduard Loll in Elberfeld erschie- 
nenen werke: „das deutsche volk und reich in fortschrei- 
tender entwicklung" von den frühesten zeiten bis auf die 
gegenwart, in drei bänden, dargestellt von dr. Joh. Mich, von 
Sohl , professor an der Universität München , ist dem deutschen 
volke ein vorzügliches Volksbuch im edelsten sinne des Wortes 
übergeben. In einfacher und klarer darstellung, ohne gelehrten 
aufputz und doch jeglicher forschung gerecht, weiß der Verfasser 
die entwicklung des deutschen volkes in schönem ebenmaß und 
anregend vorzuführen. Ein unbestochener freund der Wahrheit 
und des Vaterlandes giebt hier die lese eines langen lebens und 
forschens dem volke zum besten. Wir werden in das leben, das 
fühlen und denken des deutschen volkes, in das ringen und stre- 
ben seiner edelsten geister nach nationaler Selbständigkeit und 



Nr. 6. Bibliographie. 351 

Unabhängigkeit, mitten hineingestellt, indem uns inhaltreiche ge- 
schichtsbilder von plastischer kraft und Schönheit vorgeführt wer- 
den. Die färben dieser geschichtsbilder durchglüht reine und 
edele Vaterlandsliebe und die ganze darstellung ist der warme 
und kräftig wirkende ausdruck einer hochherzigen reichspatrio- 
tischen auffassung des Verfassers, der sich glücklich schätzt, daß 
ihm ,,die Vorsehung gewährte, die endliche gestaltung des wahr- 
haft deutschen kaiserreiches zu erleben und mit der erzählung 
dieser einzigen , großartigen , segenverheißenden gründung zu 
schließen". Den in der vorrede ausgesprochenen wünsch des 
Verfassers , daß „dieses buch ein wahres Volksbuch werden und 
dazu beitragen möge , die deutschen stamme , indem sie die ge- 
genwart mit der Vergangenheit vergleichen , immer inniger mit 
einander zu verbinden", wird jeder leser des trefflichen werkes 
von ganzem herzen theilen. — Reichs-Anz. beiblatt zu nr. 146. 

Ueber die ausstellung von neuen buchhändlerischen erzeug- 
nissen zur ostermesse 1878 berichtet Börsenbl. nr. 156. 158. 

Für bibliophilen hat es, wie es scheint, seit langer zeit kein 
ereigniß gegeben, welches der Versteigerung der berühmten bücher- 
sammlung des kürzlich verstorbenen Firmin Didot gleichkäme : sie 
ist nämlich in Paris im juni verkauft worden. Wie stark die betheili- 
gung ist, ersieht man daraus, daß die nr. 1 — 715 des katalogs die 
summe von 857204 fr. ergeben haben. Darunter ist eine hand- 
schrift vom jähr 1440 von dem lateinisch - französischen wörter- 
buche nebst grammatik des Firmin le Ver mit 9000 fr. bezahlt. 
Mehr giebt — aber nichts philologisches — die Augsb. allg. 
ztg. vom 1. juli. Dazu fügen wir noch aus Börsenbl. nr. 170, 
daß auch antiquare unter den käufern gewesen. Das zeigt der 
jüngst erschienene katalog von B er nar d Quaritch in London: 
Catalo gue of the rare books and manuscripts bought at the sale 
of the celebrated Didot collection, by B. Q. Es sind nur 96 
nummern, die einzelpreise derselben belaufen sich auf 9000 pfd. 
Sterling! Dazu fügt Quaritch noch 136 nummern, deren ge- 
sammtwerth sich auf 3000 pf. Sterling beläuft. 

Aus der Republique frangaise reproducirt Börsenbl. nr. 164 
einen artikel überschrieben: das haus Hachette et comp, auf der 
pariser Weltausstellung im jähre 1878", dem wir folgendes ent- 
nehmen : Das haus Hachette macht jährlich geschäfte von 15 millio- 
nen und beschäftigt thatsächlich beinahe 5000 personen: näm- 
lich 300 angestellte, 250 arbeiter in dem zweig der cartonnage, 
700 personen für die bibliothek der eisenbahnen , endlich 3500 
arbeiter mindestens, die mit solchen arbeiten beschäftigt werden, 
wie sie in buchdruckereien, ateliers für stich, broschur-, papier- 
wesen etc erforderlich sind. Hierzu müßte man noch die autoren 
von jedem rang hinzurechnen. — Diese geschäftsziffer wird er- 
reicht mit einem allgemeinen kostenaufwande von 1,300,000 



352 Bibliographie. Nr. 6. 

francs, d. h. 8 oder 9°/o , was eine verhältnißmäßig geringe 
proportion bei einer solchen industrie vorstellt. Man darf näm- 
lich nicht vergessen , um die wahre bedeutung der totalsumme 
von 15 millionen zu schätzen, daß dieselbe in sehr kleinen be- 
tragen in Umlauf gesetzt wird, wenn man sie mit dem Umsatz 
der kohlen- und eisenwerke vergleicht, und daß sie demnach in 
zahlreichen und verschiedenartigen kreisen sich bewegt. Das 
haus Hachette ist thatsächlich nicht weit davon entfernt, jeden 
tag ein buch herauszugeben, klein oder groß, es expedirt jedes 
jähr 200,000 colli nach allen gegenden des erdtheils! — Das haus 
Hachette hat wenig mehr als ein halbes Jahrhundert bestehen 
hinter sich, es verdankt seine gründung einem Staatsstreich der Uni- 
versität zur zeit der restauration von 1822. Die normale hochschule 
fuhr fort, trotz aller dagegen ergriffenen Vorsichtsmaßregeln, die 
königlichen collegien mit professoren zu besetzen, welche durch 
die neuen ideen verdorben waren. Nun entschloß sich die re- 
gierung , vom wünsch getrieben , die ganze französische Jugend 
dem heilsamen einfluß des episkopats und der congregationen 
zu überliefern , eine Institution aufzuheben , welche ebenso zum 
Widerspruch wie zum Umsturz sich hinneigte. Die Studenten wur- 
den nach hause geschickt und sollten eine neue lauf bahn wählen. 
Einer derselben, Louis Hachette, beschloß eine buchhandlung für 
classiker zu errichten, und wählte für dieselbe die stolze devise : 
„Sic quoque docebo" l (Auch so werde ich lehren), welcher spruch 
der gewalt die Ohnmacht der Verfolgungen ins gedächtniß rief. — 
Bei späteren gelegenheiten erinnerte sich die buchhandlung Ha- 
chette ihres Ursprungs. So fand nach dem Staatsstreich vom 2. 
december Jules Simon, nachdem er von seinem lehrstuhl verjagt 
worden, hier einen Zufluchtsort und begründete eine reihe popu- 
lärer werke. Der romancier Zola und L. Asseline sind ferner 
hier in den dienst der publicität getreten, und viele andere 
männer von bekanntem namen haben in den bureaux der buch- 
handlung gearbeitet. — Die buchhandlung Hachette war hier- 
nach ursprünglich eine art schulbuchhandlung •, trotz der bedeu- 
tenden entwickelung , die sie seitdem genommen , hat sie stets 
diesen Charakter wesentlich beizubehalten gesucht. Ihre gegen- 
wärtigen fünf chefs, die sämmtlich von der familie ihres begrün- 
den abstammen , haben diese tradition getreulich bewahrt. — 
Es wäre unmöglich , hier selbst nur in großen gruppen die 
zahlreichen werke aufzuführen, welche das haus Hachette verlegt 
hat. Allein es lassen sich wenigstens einige werke herausheben, 
welche am besten die art der production bezeichnen und zugleich 
manchen fortschritt darlegen, der ihnen zu verdanken ist. — 
In der reihe der lehrbücher des ersten Unterrichts hat die 
firma wesentlich dazu beigetragen , in Frankreich den anschau- 
ungsunterricht zu verbreiten , und zwar durch illustrirte bücher 
von erstem rang, wozu namentlich jene der frau Pape-Carpantier 



Nr. 6. Bibliographie. 353 

gehören. Sie läßt in diesem augenblick ein großes pädagogisches 
Wörterbuch unter der redaction von Ferd. Buisson erscheinen, 
dessen befähigung und talent bekannt sind. Seitdem jähre 1867 
hat sie 60 werke herausgegeben, die für den special- oder primär- 
unterricht bestimmt sind, welchen man in Frankreich zu orga- 
nisiren sucht, sowie ein hundert von kleinern bändchen der po- 
pulären literatur zu einem äußerst geringen preise. Sie hat 
endlich das Journal de la jeunesse begründet, sowie die Biblio- 
theque rose, die in verschiedene serien eingetheilt ist, welche den 
verschiedenen altersclassen der kindheit und Jugend entsprechen. 
Diese bibliothek , deren erfolg ohne grenzen zu sein scheint , ist 
eine der bemerkenswerthesten erscheinungen , welche in Frank- 
reich auf dem gebiete der erziehungs - literatur herausgegeben 
wurde. Zu dieser gattung muß man die bewundernswerthe Samm- 
lung französischer classiker rechnen, die unter der redaction von 
A. Regnier veröffentlicht wurde : es sind das prachtvolle bücher, 
aber zu mäßigen preisen, allein ihr hauptwerth rührt nicht von 
den Illustrationen her, sondern von viel gewichtigeren eigenschaf- 
ten : der reinheit des textes und dem reichthum der anmerkun- 
gen. — Auf dem gebiet des höheren Unterrichts erklärt es sich, 
daß die mannigfaltigkeit fast unendlich sein muß. Was aber 
noch bemerkenswerther ist, das sind die erscheinungen auf dem 
geographischen gebiet, sie umfassen an 100 Unterrichts werke. 
Da ist anzuführen die neue allgemeine geographie von Elisöe 
Reclus, ein werk ohne gleichen, das jedermann kennt, das Wör- 
terbuch von Vivien de St. Martin und der große atlas , dessen 
ausgäbe begonnen hat , und der es uns zum ersten male gestat- 
ten wird , ohne fehler nach französischen karten zu arbeiten ; 
endlich das werk von A. Joanne, dessen kleine hefte in je- 
dem die geographie eines französischen departements darstellen, 
ferner die Sammlung von reisehandbüchern, deren sich alle weit 
auf der reise bedient, die aber es ebensosehr verdienen, zu hause 
studirt zu werden. Auch darf hier nicht der Tour du monde ver- 
gessen werden, der von dem Senator Charton herausgegeben wird, 
es ist dies vielleicht das verbreitetste illustrirte reisejournal, das 
in Europa existirt. Dieses Journal hat in irgend einer form ei- 
ner menge von illustrirten werken von jedem format und jedem 
preise als muster gedient, welche das haus Hachette alljährlich 
seit der Vervollkommnung des holzschnittes herausgibt. Dies ist 
die Bibliotheque des merveilles, gleichfalls redigirt von Charton, 
welche das größte lob in bezug auf den gesichtspunkt verdient, 
der uns hier vornehmlich beschäftigt: die Verbreitung nützlicher 
kenntnisse und die ökonomische herstellung des buchs. — End- 
lich gibt es noch 14 große Wörterbücher, welche sozusagen ganze 
bibliotheken wiedergeben und wahre encyclopädien vorstellen, 
das Wörterbuch der chemie von Wurtz, das Wörterbuch der bo- 
tanik von Baillon , das Wörterbuch der literatur und der zeitge- 

Philol. Anz. IX. 24 



354 Bibliographie. Nr. 6. 

nossen von Vapereau, das Wörterbuch des griechischen und la- 
teinischen alterthums von Daremberg und Saglio etc. , vor allen 
andern aber das Wörterbuch der französischen spräche von Littre, 
das erste literarische unternehmen unseres Jahrhunderts , welches 
vielleicht die größte summe von arbeit repräsentirt. — Das haus 
Hachette hat auch sein typographisches meisterstück haben wollen : 
dies sind „Les Saints Evangües", 2 bewunderungswürdige illu- 
strirte folio-bände mit 128 großen compositionen von Bida, von 
denen die ganze weit gesprochen hat. Zwölf jähre waren er- 
forderlich, um dieses werk zu vollenden, welches über 1 million 
gekostet hat. Es ist zu bezweifeln, daß sich in dem gegenwär- 
tigen Jahrhundert noch ein Verleger findet, der ein ähnliches 
werk unternimmt, außer dem hause Hachette selbst, das die Re- 
cks des temps Mirovingiens von Augustin 2'hierry, ein gegenstück 
der „Saints Evangiles" herausgibt. Wir haben hier nur vom in- 
dustriellen Standpunkte die bücher zu beurtheilen. Gleichwohl be- 
weisen wohl schon die summarischen anzeigen, die wir gemacht ha- 
ben, daß der Verleger nicht ein bloßer bücher-fabrikant ist. Viele 
werke, die er veröffentlicht hat, wären niemals ohne seine initiative 
herausgegeben worden. Er war es, der die erste anregung dazu gege- 
ben hat Er spielt gewissermaßen die rolle eines gährungsmittels, 
welches die production bestimmt. Ohne zweifei haben die erfahrungen 
eines Claude Bernard oder die Schöpfungen eines Descartes nichts 
mit einem buchhändlerischen programm zu thun, ebensowenig 
wie die entdeckungen eines Fresnel oder Lavoisier in Creuzot 
anbefohlen sein können. Aber ebensowenig kann man nach den 
einzelwerken , die bei einem Verleger erschienen sind , den letz- 
teren beurtheilen , sondern vielmehr nach den größeren werken, 
Sammelwerken, den Unternehmungen, die er thatsächlich hervor- 
ruft, welche den zweck haben, eine Verbreitung der erlangten 
kenntnisse anzubahnen und das intellectuelle vermögen der mensch- 
lichen gesellschaft zu vermehren. Wenn es sich darum handelt, 
große grundsätze zu verbreiten oder ihnen neue wege zu eröff- 
nen, so ist das keine industrielle sache mehr, sondern es kommt 
dann die thätigkeit von männern von genie , von bahnbrechern 
des menschlichen geschlechts ins spiel." 

Bei Samson und Wallin in Stockholm ist erschienen : Suensk 
bock catalog , ein catalog der in den jähren 1866 — 1875 in 
Schweden erschienenen bücher, 331 S. 8., der im Börsenbl. 
nr. 168 von 0. Mühlbrecht näher besprochen und sehr gerühmt 
wird. 

Der prorector Schwarze in Frankfurt a. 0. hat im dortigen 
historischen verein einen Vortrag, der beitrage zur interessan- 
ten geschichte der typographie in Frankfurt a. 0. enthält , ge- 
halten , aus dem Börsenbl. nr. 170 einiges mittheilt. 

Eine theure art der empfehlung ist der prospect von Carl 



Nr. 6. Bibliographie. 355 

Duncker's verlag in Berlin, betreffend die „Philosophie des un- 
bewußten von Dr. Eduard von Hartmann", achte aufläge: 1 6 eng- 
gedruckte Seiten , enthaltend : 1 . gegnerische stimmen über die 
Hartmannsche philosophie; 2. zur kritik der kritik; 3. neuere 
urtheile über die philosophie des unbewußten. 

Mittheilungen der Verlagsbuchhandlung B. G. Teubner in 
Leipzig, 1878 nr. 2: künftig erscheinende bücher: Scriptores 
rei rusticae Latini, vol. III. : Palladii Eutilii Tauri Aemiliani 
de re rustica 11. XIV. Recensuit J. C. Schmitt. 8 : der text der 
ersten dreizehn bücher erscheint hier zum ersten male nach ge- 
nau benutzten handschriften, nach Parisin. 1 saec. X , Laudu- 
nensis saec. IX, Paris. 2 und Vindobonensis saec. X, Paris. 3 
saec. XI, Paris. 3 und Florent. saec. XIII, bearbeitet und eben 
so ist für das V. buch ein stattlicher apparat zusammenge- 
bracht, somit wird einem sehr gefühlten bedürfnisse endlich ab- 
geholfen. Bd I und II werden Cato und Varro von H. Keil 
bearbeitet enthalten , eine ausgäbe , die lange vorbereitet , bei 
der rühmlichst bewährten Sorgfalt des vfs. eine musterausgabe 
werden wird. — Claudii Claudiani carmina. Eec. Ludovicus 
Jeep. vol. Ilum. — Orthographiae et prosodiae latinae sum- 
marium. In usum sodalium instituti historici Petropolitani 
composuit Lueian. Mueller. — Die meister der griechischen lite- 
ratur. Eine Übersicht der classischen literatur der Griechen für 
die reifere jugend und freunde des alterthums von H. W. Stoll. 
Mit einem Stahlstich. 

Nr. 3 : Künftig erscheinende bücher : Vorgeschichte Roms 
von J. G. Cuno. Erster teil: die Kelten. (Gedruckt auf ko- 
sten des Verfassers von G. Röthe in Graudenz.) Commissions- 
verlag-, der vrf. entwickelt auf drei seiten seine ansichten. — 
Anonymi vulgo Scylacis Caryadensis periplum maris interni cum 
appendice iterum recensuit B. Fabricius. — Cornelii Taciti de 
origine et situ Germanorum über. Recensuit A. Holder. — La- 
teinische phraseologie für obere gymnasialclassen. Von Dr. C. 
Meißner. — Verhandlungen der XXXIIsten Versammlung deutscher 
philologen und schulmänner in Wiesbaden vom 26 — 29 Septem- 
ber 1877. 

Verzeichniß von büchern aus dem verlage von G. Reimer in 
Berlin, welche für die beigesetzten ermäßigten preise durch alle 
buchhandlungen auf feste bestellung zu beziehen sind. 

Verzeichniß einer auswahl von Verlagsartikeln der Diete- 
n'c/i'schen Verlagsbuchhandlung in Göttingen , welche so weit 
der dazu bestimmte vorrath reicht, vom 1. Januar 1879 ab, eu 
den beigesetzten bedeutend ermäßigten preisen abgegeben wer- 
den : — classische philologie und alte geschichte ist bedeutend 
vertreten. 

Preis-Ermäßigung auf zeit. — Verzeichniß von hervorragen- 

24* 



366 Bibliographie. Nr. 6. 

den werken aus dem gebiete der theologie . . . aus dem Verlage 
von T. O. Weigel in Leipzig und der Clarendon Preß in Oxford, 
welche . . zu bedeutend ermäßigten preisen . . zu beziehen sind. — 
(Ausgaben von Kirchenvätern sind dabei). 

Preis-ermäßigung auf zeit. — Zweites verzeichniß von her- 
vorragenden werken der classischen philologie aus dem verlage 
von T. O. Weigel in Leipzig , der Clarendon Preß in Oxford, 
der GyldendaV sehen buchhandlung in Kopenhagen u. a. , welche 
durch alle buchhandlungen zu beziehen sind. 

Prospect der in der II. (rroie'schen Verlagsbuchhandlung in 
Berlin erscheinenden „Allgemeinen geschichte in einzeldarstel- 
lungen. Unter mitwirkung von . . . herausgegeben von W. 
Oncken", in ungefähr 40 bänden-, begleitet soll das werk sein 
von „einer instruetiven , nach wissenschaftlichen prineipien zu- 
sammengestellten naturhistorischen illustration (?). Der erste band 
enthält die geschichte des alten Aegyptens von J. Dümichen. 

Catalog des verlags von Paul Neff in Stuttgart : darunter 
Julius Caesar von H. Reinhard (2. aufl.) und anderes. 

Justus Perthes in Gotha kündigt an: Descriptiones nobilissi- 
morum apud classicos locorum edidit Alb. v. Kampen. Dieses 
äußerst nützliche unternehmen soll in mehreren Serien erschei- 
nen: die erste enthält fünfzehn auf Cäsars bellum gallicum be- 
zügliche tafeln und zwar in folgender anordnung: I. Helvetio- 
rum clades I, 23 — 26: tabellae 1. murus fossaque a lacu Le- 
manno ad montem Juram. I, 8. 2. Tigurinorum ad Ararim in- 
ternecio. — IL Proelium cum Ariovisto ad Rhenum commis- 
sum. 1,48 — 52. — ffl. Belgae ad Axonam fusi. II, 6 — 10. — 

IV. Nerviorum ad Sabim clades. LT, 16 — 28: tabella Aduatu- 
corum oppidum oppugnatum, II, 29 — 33. — V. tabellae: 
1. Octodurus. III, 1 — 6-, 2. Venetorum oppidum. III, 12. 13; 
3. Venetorum proelium navale. III, 14. 15-, 4. Sabini cum Ve- 
nellis pugna. III, 17 — 19. — VT. Pons in Rheno factus. IV, 
16 — 19. — VII. Caesaris duo in Britanniam transgressus. IV, 
20—36; V, 8—23. — VIII. Sabinus et Cotta cum V cohor- 
tibus necati. V, 24 — 37: tabella: Q. Ciceronis castra oppugnata. 

V, 38—51. — IX. Avaricum. VII, 14—31: tabellae: Gallo- 
rum Romanorumque munimenta. — X. Gergovia. VII, 34 — 53: 
tabella: Gergovia a latere conspeeta. — XI. Labieni contra 
Lutetiam expeditio. VII, 57 — 62. — XII. Vercingetorix a Cae- 
sare victus. VII, 66—68. — XIII. Alesia. VII, 69—90: ta- 
bellae: 1. munitiones Romanorum a latere conspeetae; 2. sin- 
gula munimenta majoribus modulis descripta: 3. Alesia a latere 
visa. — XIV. Caesaris contra Bellovacos pugna. VIII, 7 — 23. — 
XV. Uxellodunum. VIII, 32 — 44: tabellae: 1. Romanorum mu- 
nimenta superne visa; 2. Romanorum munimenta a latere visa; 
3. Uxellodunum a latere conspectum. 



Nr. 6. Bibliographie. 357 

Commissions - Verlag der Weidmann sehen buchhandluug in 
Berlin : Schrifttafeln zum gebrauch bei Vorlesungen und zum 
Selbstunterricht. II. abtheilung herausgegeben von Wilhelm Arndt. 
Photolithographie , druck und verlag der königl. hofsteindrucke- 
rei (Gebr. Burchard). Berlin 1878. Der allgemeine beifall, den 
die im jähre 1874 von W. Arndt veröffentlichten 25 tafeln la- 
teinischer Schriften des mittelalters gefunden haben, hat die un- 
terzeichnete verlagshandlung ermuthigt, ein zweites, von dem- 
selben gelehrten zusammengestelltes lieft von 36 tafeln folgen zu 
lassen. War es bei der ersten lieferung vermißt , daß die ei- 
gentümlich geartete und in vielfacher ausbildung auftretende 
schrift des 14. und 15. Jahrhunderts nicht eingehender berück- 
sichtigt worden, so sind in dem vorliegenden heft derselben 
nicht weniger als 7 tafeln gewidmet. Auch die vorhergehenden 
Jahrhunderte sind reich vertreten, namentlich ist darauf geachtet 
worden, die ausbildung der minuskelschrift im 8. und 9. Jahr- 
hundert zur anschauung zu bringen. Wichtig erscheint uns na- 
mentlich der umstand , daß fast alle handschriften , aus denen 
für das vorliegende heft proben entnommen, sich fest datiren 
lassen, daß man also genaue chronologische anhaltspunkte für 
die entwickelung der schrift erhält , wichtig ferner , daß auch 
glossenhandschriften diesmal berücksichtigt, wie überhaupt Sei- 
ten aus den handschriften gewählt wurden , die eigenthümlich- 
keiten der mittelalterlichen Schreiber darbieten. Beide hefte der 
Arndt 'sehen schrifttafeln ergänzen sich durchaus, und zweifeln 
wir nicht, dass in dem nun abgeschlossenen werk das beste 
hilfsmittel für paläographische Studien von uns geboten wird. — 
Die Veröffentlichung eines werkes , das die schrift der Urkunden 
der deutschen könige und kaiser enthalten soll, ist von uns 
ins äuge gefaßt worden. Wir haben auch dieses heft der Weid- 
fwann'schen buchhandlung in Kommission gegeben , welche das- 
selbe bis zum 1. August d. j. zum subscriptionspreise von 11 
Mark abgiebt. Nach schluß der subscription tritt ein erhöhter 
ladenpreis von 14 Mark ein. Die anliegende bestellkarte bit- 
ten wir der Weidmann 'sehen Buchhandlung zugehen zu lassen. 
Königliche hofsteindruckerei Gebr. Burchard. 

Zu Kochlys bibliothek (s. unten Cataloge der antiquare) be- 
merken wir , daß auch zum verkauf steht dessen große Samm- 
lung von dissertationen , programmen und anderen kleinen Schrif- 
ten zur klassischen philologie und pädagogik , umfassend circa 
2700 nummern. Dieselbe ist in cartons aufbewahrt und in 
folgender weise nach materien geordnet : 



Badische programme . .180 
Dissertationen und rectorats- 

reden von Heidelberg . 67 
Berolinensia (mit zahlr. rand- 



bemerk, u. einlagen von 

Boeckh) 27 

Programme von Breslau, Gie- 
ßen, Göttingen, Marburg 72 



358 



Bibliographie. 



Nr. 6. 



Programme von Christiania 43 

Dresdener programme . . 47 
Programme der kreuzschule 

zu Dresden .... 30 
Programme von Erlangen, 

Halle, Jena, Königsberg 44 

Programme von Grimma . 23 
Programme von Saalfeld u. 

Frankfurt a. M. . . . 49 
Schweizerische schulpro- 

gramme 32 

Programme von Basel, Bern 

u. Kiel 36 

Programme von Einsiedeln 13 
Züricher dissertationen u. 

vortrage 81 

Akadem. vortrage von Zü- 
richer docenten ... 35 
Züricher schulprogramme . 20 
Programme von Halm u. 

Thomas 25 

Programme von Hermann 38 

— — Jahn, Momm- 

sen, Ritschi 45 

— — Orelli . . 44 

— — Ribbeck, Hug, 

Nauck u. Stephani 3 1 

Alexandriner 28 

Epici 36 

Historici et geographi . . 24 
Oratores , rhetores , gram- 

matici 39 

Poetae graeci. Allgemeines. 

Lyrici. Tragici ... 27 
Aeschylus. Comici. Aristo- 

phanes 28 

Aristotelis Poetica ... 21 
Herodot, Thucydides , Xe- 

nophon, Plutarch ... 30 

Plato u. Aristoteles ... 35 

Quintus Smyrnaeus ... 28 

Sophocles 37 

Poetae latini 42 

Prosaici latini . . . .105 

Plautus u. Terenz ... 37 

Virgil u. Horaz . . . . 41 



76 



21 



Programme, meist philolog. 59 
Antiquaria et epigraphica 28 
Antiquitates graecae . . 23 

Archaeologica 91 

Grammatica 42 

Historia graeca . . . . 24 
Historia romana .... 45 

Militaria 31 

Musica et Metrica ... 24 

Mythologica 16 

Topographisches .... 23 
Philologenversammlungen in 
Darmstadt, Jena, Frank- 
furt, Augsburg, Hannover, 
Breslau , Braunschweig , 
Meißen, Hannover, Halle, 
Heidelberg, Würzburg . 
Philologenversammlung in 
Innsbruck, Züricher antiq. 
Gesellsch. u. Zur. abhand- 

lungen 

Festschriften 50 

Berliner jubilaeum . . . 21 
Zürichern. Baseler jubilaeum 20 
Gesellschaftsberichte aller art 12 
Varia (Ein großes packet.) 
Varia u. curiosa . . . . 17 
Eine große Sammlung von 

ausschnitten aus Zeitschriften 
Schulgeschichte . . . . 18 
Varia scholastica .... 75 
Bairische schulsachen . . 17 
Dresdensia u. Saxonica (Polit. 

u. Pädag.) 27 

Programme von Lüttich(Wal- 
lonisches u. zum belg. Er- 
ziehungswesen) ... 14 

Turicensia 20 

Züricher schulsachen . . 55 

Pädagogik(Brennende fragen) 24 

— (Bes. locale) . . 12 

Turnsachen 11 

Biographisches u. nekrolo- 
gisches 33 

Neugriechisches u. russisches 17 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 359 

Eine so vollständige Sammlung von philologischen einzel- 
schriften, unter denen viele zu den größten Seltenheiten gehören, 
dürfte so leicht nicht wieder auf den markt kommen. Viele 
sind von Köchly mit anmerkungen versehen, die den werth der 
Sammlung nur erhöhen können. — (ßeflectanten bitten wir, 
wegen des preises mit uns in vebindung zu treten. — ) Joseph 
Baer u. Co. 

Historischer verlag von Martinus Nijhoff im Haag : den ein- 
zelnen büchern sind inhaltsangaben u. s. w. beigegeben. 

Bei Glaeser et Co. editeurs ä Paris erscheint: Biographie 
nationale des contemporains publiee par une socidte de gens de 
lettres sous la direction de M. Ernest Glaeser. 8 maj. 25 fr. 

Neuer großer Erdglobus von H. Kiepert in Berlin erschienen, 
auch sonstige geognostische novitäten bei Dietrich Reimer. 

Kataloge van Antiquaren: Bibliothek Köchly IL Lagercatalog 
von Joseph Baer et Co. buchhändler und antiquar . . in Frank- 
furt am Main. LVI. Auetores latini. — Bibliotheca Köchly III. 
Lagerkatalog von Joseph Baer . . . LVII. Griechische und latei- 
nische grammatik. Literaturgeschichte. Neulateiner. Allgemei- 
nes. — Catalogus librorum universas antiquitatis studii disci- 
plinas complectentium qui pretiis prostant appositis apud S. 
Calvary eiusque socium Berolinenses. III, 2 palaeographica et 
diplomatica cett. — Monatsbericht über die neuen erwerbungen 
des lagers von S. Calvary & Co. in Berlin : enthält viel philolo- 
gisches. — Catalog (nr. 30) des antiquarischen bücherlagers von 
Wilhelm Erras in Frankfurt a. M., vorzugsweise deutsche Litera- 
tur . — Antiquarischer catalog (nr. 7) von H. Kerler in Ulm, 
altclassische philologie, die bibliothek des professors Dr. Zim* 
mermann in Erlangen und die des gymnasialdirectors Dr. Heyde- 
mann in Stettin. — Bücherverzeichniß (nr. XXXIH) von Mayer 
und Müller in Berlin, classische philologie; — nr. 397. Biblio- 
theca philologica Graeca. Catalog des antiquarischen bücherla- 
gers von H. W. Schmitt in Halle a. S. — Catalog nr. 22 von 
A. Stüber's antiquariat in Würzburg. 

Kleine philologische zeitung. 

Die arbeiten an dem nationaldenkmal auf dem Nieder- 
wald (s. Ph. anz. VIII, 9. p. 466) sind im monat april v. j. 
wieder aufgenommen. ReichsAnz. nr. 111. 

Aus gründen , die , obgleich sie sich von selbst ergeben, 
später noch genauer angegeben werden sollen, erwähnen wir hier 
folgende schrift: „die bestrebungen der sozial - demokratie , be- 
sprochen für das volk von Carl von Raumer. 2. aufl. Berlin, 
Heymann" : zu gründe sind gelegt die artikel der „Wahrheit", 
des wichtigsten organs der social - demokratie , dabei aber auch 
andere blätter dieser färbe benutzt. 



360 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

Bei Erbenheim in der nähe von Wiesbaden ist ein todten- 
feld aufgegraben aus 6. jahrh. n. Chr. stammend: unter den 
fundstücken wird ein ango hervorgehoben , eine dem römischen 
pilum nachgebildete waffe. Näheres Eeichs Anzeig. n. 108. 

Das im Haaler meer gefundene, dem ersten Jahrhunderte 
unserer Zeitrechnung angehörige boot ist im museum in Kiel 
aufgestellt worden. Eeichs Anz. nr. 135. 

Berlin , 11. mai. Attentat auf s. majestät den kaiser 
Wilhelm. — S. unt. p. 368. 

Bonn. Der zuletzt Ph. anz. VIII, 6, p. 317 erwähnte streit 
zwischen prof. Th. Bergh und dem vorstände des Vereins von 
alterthumsfreunden im Eheinlande hat erstem zu einer neuen 
schrift veranlaßt, betitelt: „An die mitglieder des Vereins von 
alterthumsfreunden im rheinlande" (32 s.) : sie schließt mit den 
Worten : Es ist bekanntlich viel leichter, tausend beschuldigungen 
zu ersinnen, als eine einzige so zu schänden zu machen, daß 
auch nicht der leiseste verdacht mehr übrig bleibt. Ich habe ge- 
wissenhaft punkt für punkt die erwiderung geprüft und hoffe 
für jeden unbefangenen, der mit eigenen äugen sehen will, eben 
so die thatsächliche grundlosigkeit wie die gehässige tendenz 
der erwiederung des Vorstandes nachgewiesen zu haben. Diese 
methode der rechtfertigung , wenn sie auch zunächst erfolg hat, 
nimmt doch nothwendig für den , der sie anwendet , zuletzt 
eine unerwünschte Wendung. — Bonn, den 12. mai 1878". — 
Wir möchten sehr wünschen, daß der streit aufhöre: er nützt 
ja zu nichts. 

Erlaß S. majestät des kaisers. Er lautet nach EeichsAnz. nr. 
114: Die that eines auf irrwege gerathenen menschen, welcher an- 
scheinend nach meinem von Gottes gnädiger fügung so lange be- 
schützten leben trachtete, hat zu ungemein zahlreichen kundgebun- 
gen der treue und anhänglichkeit an mich veranlassung gegeben, die 
mich tief gerührt und innig erfreut haben. Nicht allein aus dem gan- 
zen Deutschland, sondern auch vielfach aus dem auslande — von 
behörden, korporationen , vereinen — von Privatpersonen aller 
lebenskreise und aller lebensalter ist mir bethätigt worden , daß 
das herz des volkes bei seinem kaiser und könige ist und daß 
es gutes und trauriges treu mit ihm empfindet. Dasselbe ge- 
fühl habe ich insbesondere auch hier in jedem äuge gelesen , in 
welches ich nach diesem Vorfall gesehen , und ich bin in der 
that tief und warm von der würdigen xmd erhebenden art be- 
rührt worden, in welcher die bevölkerung Berlins mir ihr mit- 
gefühl gezeigt hat. Ich wünsche, daß jeder, der mir seine theil- 
nahme bethätigte , auch wissen möge , daß er damit meinem 
herzen wohlgethan hat und beauftrage ich Sie zu diesem zwecke, 
das vorstehende bekannt zu machen. Berlin, den 14. mai 1878. 

Wilhelm. 

Rom, 18. mai. Die ausgrabungen auf dem Palatin haben 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 361 

die rennbahn des Septimius Severus zu tage gefördert; 20000 cbm. 
erde waren deshalb auszugraben. Der umkreis des circus von 
ovaler form ist volkommen gefunden. Unter der menge von 
fundstücken zeichnet sich vor allem eine statue der Ceres von wei- 
ßem marmor aus: leider fehlen köpf und arme. ReichsAnz. nr. 124. 

Leipzig, 20 mai. Wegen gotteslästerung sind gegen nicht 
weniger als acht socialdemokratische redacteure in Sachsen an- 
klagen erhoben. 

Göttingen, 23 mai. Der streit zwischen gymnasium 
und realschule ist vor kurzem, wenn auch in beschränkung 
auf ein ganz specielles gebiet, in der petitionscommission des reichs- 
tags zur Verhandlung gekommen, und es liegt jetzt darüber der 
vom abgeordneten Stephani erstattete bericht vor. Eine zahl- 
reich unterstützte petition bittet , daß den abiturienten der real- 
schulen I. Ordnung die berechtigung zum Studium der medicin 
gewährt werde. Daß das reich für die regelung dieser frage 
zuständig ist , unterliegt keinem zweifei ; denn die Vorschriften 
für den nachweis der befähigung der ärzte erläßt der bundes- 
rath , und die demgemäß unter dem 25. sept. 1869 ergangene 
Prüfungsordnung macht die beibringung des gymnasialzeugnisses 
der reife zur Vorbedingung für die Zulassung zur ärztlichen prü- 
fung. Wenn wir nun schon hier bei diesem streit verweilen, so 
geschieht das in der voraussieht, daß wir noch öfter werden dar- 
auf zurückkommen müssen. Was nun die behandlung der frage 
selbst im reichstag betrifft , so glaubte der referent die be- 
hauptung der petenten für richtig anerkennen zu müssen 
und aus seiner erfahrung bestätigen zu können, daß häufig von 
medicinischen Universitätslehrern klage erhoben wird über die 
mangelhafte Vorbildung der jungen mediciner durch die gymna- 
sien, eine klage, die sehr natürlich erscheine, wenn man erwäge, 
daß bei dem erweiterten umfang der naturwissenschaften das 
gymnasium eine genügende Vorbildung dafür kaum anders als 
unter beschränkung des philologisch-historischen Unterrichts werde 
gewähren können , da angesichts der berechtigten klagen wegen 
Überladung der schüler mit lehrstoff und arbeiten von einer noch 
weiteren Vermehrung der Unterrichtsstunden wohl ernstlich nicht 
die rede sein könne. Als selbstverständlich sei davon auszuge- 
hen, daß dem künftigen mediciner keine geringere wissenschaft- 
liche bildung und Vorbildung zu geben sei, als denen, die an- 
dere wissenschaftliche berufsarten wählten. Die frage sei nur, 
ob die beste Vorbildung hierfür auch heute noch ausschließlich 
im gymnasium gefunden werden könne. Und in dieser hinsieht 
werde man sich doch für eine theilung der arbeit entscheiden 
müssen, so daß die Vorbildung für die einen berufsarten, die hi- 
storisch-philologischen dem gymnasium, für die anderen, die ma- 
thematisch-naturwissenschaftlichen, der realschule übertragen würde. 
Denn die unausführbarkeit des viel besprochenen gedankens, 



$62 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

durch theilweise reform dea gymnasiums sowohl wie der real- 
schule aus beiden eine einheitsschule zu schaffen, der allein, um 
einen angeblichen riß in der bildung der nation zu vermeiden, 
alle wissenschaftliche Vorbildung übertragen werden solle, habe 
sich doch wohl zur genüge herausgestellt, da es nicht mehr mög- 
lich erscheint, die gesammte Vorbildung für alle wissenschaftli- 
chen berufsarten völlig gleichartigen anstalten zu übertragen. 
Nach wie vor werde es die aufgäbe der vorbildungsanstalten 
bleiben, den geist zu wissenschaftlicher thätigkeit zu wecken und 
anzuleiten , das frische streben nach immer neuer erkenntniß im 
schüler lebendig zu erhalten und ihm den rechten weg dahin 
zu zeigen. Für die naturwissenschaftlichen und, medicinischen 
Studien aber könne bei dem gesteigerten umfang derselben 
die anstalt, welche für die historisch - philologischen fächer die 
beste Vorbildung gewähre und für sie vorzugsweise berechnet 
sei, nicht mehr für die mehrzahl der Schülerindividualitäten die 
geeignetste Vorbildung gewähren. Vor allem sei die klage über 
mangelnde mathematische Vorbildung und über die mangelnde 
fähigkeit , körperliche erscheinungen richtig zu beobachten , für 
den mediciner so unentbehrlich, eine von den medicinischen Uni- 
versitätslehrern jetzt oft ausgesprochene. In den „Akademischen 
gutachten über die Zulassung von realschul - abiturienten zu fa- 
cultätsstudien, amtlicher abdruck, Berlin 1870", welche auf grund 
eines preußischen ministerialrescripts vom 9. novbr. 1869 von 
den neun preußischen Universitäten über das bezeichnete thema 
damals erstattet worden seien, hätten sich, was die medicinischen 
Studien betrifft, vier facultäten (Greifswald, Göttingen(ü), Kiel und 
Königsberg) für die Zulassung der realschul-abiturienten zum me- 
dicinischen Studium ausgesprochen, vier dagegen (Berlin, Breslau, 
Halle und Marburg), während eine (Bonn) eine vermittelnde Stel- 
lung einnahm. Außerdem aber habe sich einestheils die zahl 
der medicin studirenden bedeutend vermindert und das verhält- 
niß des ärztlichen heilpersonals zur bevölkerungsziffer sei gegen 
frühere jähre ungünstiger geworden , so daß eine ernste noth- 
wendigkeit vorliege, auf eine Vermehrung der adspiranten des 
ärztlichen berufs bedacht zu nehmen, ein umstand, der für die 
Stellung des reichstags in dieser angelegenheit vor allen anderen 
zu betonen sei; anderntheils habe sich die allgemeine tendenz, 
eine höhere bildung mehr in der realschule als in dem gymna- 
sium zu suchen, durch die ungleich stärkere frequenz Vermehrung 
der realschulen gegenüber den gymnasien so unzweideutig an 
den tag gelegt, daß diese erscheinung auf alle fälle mindestens 
zu einer sehr eingehenden erwäguug auffordere. Was werde die 
wahrscheinliche folge sein, wenn man die realschule zurückdränge 
und ihr den beruf zur Vorbildung für die mathematisch - natur- 
wissenschaftlichen Studien , den sie bereits habe , zwar belasse, 
den für die medicinischen Studien aber ihr versage? Der er- 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 363 

folg könnte vielleicht der sein, daß man in der that die frequenz 
der realschule vermindere und ihre gesammtleistung schwäche 
dadurch , daß die tüchtigeren elemente sowohl von schillern als 
von lehrern sich mehr und mehr von ihr abwendeten, nicht aber, 
daß diese tüchtigeren elemente sich dem gymnasium zuwendeten, 
nicht, daß deren frequenz damit vermehrt würde, vielmehr in 
der richtung, daß ein großer theil derer, die überhaupt eine hö- 
here bildung suchen — und dieser theil sei ganz zweifellos in 
einer bedeutenden zunähme begriffen — dieselbe in fachschulen 
suchen würde, die in ganz anderer weise, als die jetzigen real- 
scbulen I. Ordnung , die dressur zu einem landwirtschaftlichen, 
kaufmännischen, technischen oder ähnlichen beruf auf kosten ei- 
ner streng wissenschaftlichen und idealen bildung sich zur auf- 
gäbe stellen würden. Gerade deshalb aber, um zu verhüten, daß 
nicht ein ansehnlicher bruchtheil unserer gebildeten Massen in 
diese verderbliche bahn einer bloß utilistischen abrichtung , an- 
statt einer wissenschaftlichen bildung hineingedrängt werde , um 
zu verhüten, daß damit ein wirklicher riß in die höhere bildung 
der nation gebracht werde, um zu verhüten, daß die große zahl 
der höher gebildeten in der nation, die wir heute mehr als frü- 
her brauchen für die ungemein zahlreichen ämter der Vertretung 
der nation in den politischen körperschaften , in der Selbstver- 
waltung der provinzen, der kreise, der gemeinden, deren höherer 
und homogener bildung wir nicht entbehren können, gerade des- 
halb glaubte der referent empfehlen zu können, daß wir nicht 
durch einseitige prämiirung des einen theiles unserer höheren 
anstalten für das medicinische Studium einen großen theil unse- 
rer nach höherer bildung strebenden bevölkerung jeder idealen 
richtung entfremdeten und denselben damit unbewußt einer uti- 
listischen und materiellen bildung in die arme trieben. — Die 
mehrheit der commission empfiehlt denn auch dem reichstage, 
„die petitionen dem reichskanzler mit dem ersuchen zu überwei- 
sen, unter Vernehmung der einzelnen bundesregierungen , erör- 
terungen darüber anzustellen , ob eine abänderung des §. 3 der 
Prüfungsordnung für ärzte vom 25. September 1868 im sinne 

der petition zulässig erscheint". So der bericht : er fordert 

als ein sehr geschickt abgefaßter wegen der in ihm ausgespro- 
chenen gefährlichen und durchaus unhaltbaren anschauungen zu 
gründlicher Widerlegung auf, die wir hier leider nicht geben kön- 
nen: doch nützen hoffentlich der guten sache auch folgende an- 
deutungen und grundzüge. Vor dem eingehen in die sache selbst 
bemerke ich erstens, daß meiner ansieht nach vermieden wer- 
den sollte , derartige eigentlich gelehrte fragen vor den aus den 
verschiedensten elementen zusammengesetzten reichstag zu brin- 
gen; s. ob. hft. 2, p. 129-, daß zweitens den gutachten der 
medizinischen facultäten kein bedeutendes gewicht beigelegt wer- 
den darf (vrgl. ob. hft. 2, p. 129); denn bei mitgliedern derselben 



364 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

findet man oft, wie die geschichte der Universitäten lehrt, gleich- 
gültigkeit gegen wahre gelehrsamkeit und daher neben streben 
nach falscher popularität Unklarheit über das den Universitäten 
ihrem wesen nach nothwendige: demgemäß mußten bei dieser 
frage die Senate der Universitäten gehört werden. Hiernach 
zur sache : der bericht will die studiosen der medizin von dem 
Studium des classischen alterthums befreien , will neuere natur- 
wissenschaft und mathematik an ihre stelle setzen. Damit wird 
aber der mediciner der kcnntniß der geschichte , insonder- 
heit der kenntniß der ersten wissenschaftlichen entwicklung sei- 
ner Wissenschaft beraubt ; denn diese findet sich bei den Griechen : 
da nun kenntniß der geschichte der Wissenschaft bekanntlich zu 
den ersten bedingungen wissenschaftlicher ausbildung gehört, wie 
kann denn der bericht behaupten, diese ausbildung erstreben und 
auf seinem wege erreichen zu können! Und bedarf denn über- 
haupt die neuere naturforschung und medizin zu ihrer eigenen 
förderung der forschungen der Griechen gar nicht? Man erin- 
nere sich doch , wie kein anderer als Aristoteles J. von Müller 
zu seiner berühmten entdeckung des glatten haifisches gebracht 
hat, vrgl. Du Bois Eeymond gedächtnißrede auf Johann von 
Müller (abhandl. d. königl. preuß. acad. der wiss. 1859), p. 108: 
man frage doch Virchow, ob ihn bei seinen Untersuchungen über 
das cpvfja (s. Virchow in seinen Annalen XXXIV, p. 21, dess. 
Geschwülste bd. II, p. 571) Hippokrates nicht gefördert hat? Frei- 
lich in behandlung innerer krankheiten wird aus bekannten 
gründen von der neuzeit das alterthum übertroffen, aber in be- 
handlung chirurgischer fälle, den luxationen aller art stehen 
die alten Chirurgen, vor allem Hippokrates, auf gleicher stufe 
mit den neuern: sie, die alten, sind naturforscher: natürlich, 
da sie bei der so eifrig von der frühesten zeit an geübten gym- 
nastik den nackten körper stets vor äugen hatten und diesen 
mit ihrer feinen beobachtungsgabe auf das genaueste untersuch- 
ten. Auf diese weise aber die alten aufzufassen und ihnen ge- 
recht zu werden, verdanken wir den forschungen der Franzosen, 
vor allen Littrfs behandlung des Hippokrates. Denn vor diesen 
beachtete man die Griechen wenig und war auch bei uns , den 
Deutschen, der altmeister von Kos so unbekannt, daß methoden 
als neue ausgegeben wurden , welche der alte längst auf das 
beste beschrieben hatte ; auch läßt sich meines erachtens hoffen, 
daß der einfluß und die geltuug der alten namentlich bei weiterer 
ausbildung der physiologie, der igda fingiatv des Galen, sich noch 
heben und mehren wird, indem manche ihrer angaben noch nicht 
gehörig verstanden und gewürdigt worden sind. Nimmt man zu 
diesem wenigen noch die klare darstellung, die vortrefflichen, we- 
gen ihrer einfachheit und klarkeit zur oiientirung für anfänger 
wie gemachten beschreibungen der chirm-gischen krankheiten, 
die fülle der seltensten kenntnisse — man denke nur an die 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 365 

schrift 7Z£qi deQwv vöixtosv zönmv — : ist es denn kein vortheil, 
solch einen genialen meister des fachs studiren zu können ? Ich 
kann es nicht anders als eine Versündigung gegen unser volk 
und die Wissenschaft nennen , wenn man die angehenden jünger 
der medicin von solchem Studium abhalten will. Hierbei habe 
ich aber nur die medizin im äuge gehabt; wer aber den Hip- 
pokrates und die alte medicin, Celsus nicht zu vergessen, kennen 
lernt, muß die griechische und lateinische literatur und spräche ken- 
nen, zieht also auch von diesen vortheil : ist denn der so gering an- 
zuschlagen? Doch darüber nach den vielen behandlungen dieses 
punktes in neuerer zeit hier viel zu sagen, wäre thöricht ; da je- 
doch praktische Seiten hervorzuheben jetzt am leichtesten wirken 
dürfte, sei erwähnt, wie durch die classischen sprachen, besonders 
durch das latein, die erlernung der dem arzte im leben doch 
nützlichen romanischen mehr als durch irgend eine andre 
erleichtert wird j daß , da andere theile der gebildeten unserer 
nation noch das alterthum als grundlage betrachten, dem arzte auch 
im leben die kenntniß desselben nützen dürfte ; daß allein durch 
das alterthum klares verständniß der neuzeit und der gegenwart 
und damit die gewinnung der bürger ermöglicht wird, deren der 
staat zu seiner regierung bedarf (vrgl. ob. hft 2, p. 129); denn 
die neuere literatur ist auf der alten erwachsen, und die so com- 
plicirte Staatsverfassung der gegenwart wird am sichersten durch 
einsieht in die einfachen Verhältnisse der alten Staaten begriffen ; — 
daß endlich in den verschiedensten zeiten von kennern die clas- 
siker als treffliches mittel zur richtigen auffassung der heiligen 
schrift empfohlen sind, ein satz, den wir unten p. 368 ügg. unter 
dem 2. juni weiter erörtern. Wenn aber der bericht klagen er- 
wähnt, welche häufig von medizinischen Universitätslehrern über 
die von den gymnasien stammende mangelhafte Vorbildung der 
jungen mediciner erhoben würden, so ist zu beachten, erstens, 
daß durch Zulassung einer masse realschüler zu den Universitäten 
eine mischung der zuhörer in den Vorlesungen entstände, die klagen 
viel ernsterer art veranlassen dürfte ; daß zweitens jenen der me- 
diziner gleiche klagen von Juristen, noch viel größere von phi- 
lologen erhoben werden : dies letztere aber wie auch anderes 
vorgebrachte beweist nicht im geringsten, daß den realschulen 
die Vorbildung für das Universitätsstudium zu übertragen sei, 
sondern nur die nothwendigkeit der reform des Unterrichts 
auf den gymnasien: es muß (vrgl. ob. hft. 2, p. 127), es muß 
in ihnen dem classischen alterthum wieder sein altes recht ein- 
geräumt , die masse des lernstoffs verringert , den schillern die 
lust zum selbständigen arbeiten und forschen so wie Wissensdurst 
erweckt werden, damit sie die Universität beziehen nicht um auf 
ihr von der plackcrei der schule auszuruhen, sondern um da mit 
wahrer lust und in voller freiheit wissenschaftlicher arbeit obzu- 
liegen: vrgl. PhiL anz. VIII, 9, p. 500 flgg. : denn je weiter 



366 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

der gymnasial-unterricht von dem klassischen alterthum sich ent- 
fernt, um so näher und rascher gelangen wir zur harbarei und 
erfüllen Niebuhrs prophetisches wort : s. Rom. gesch. bd. II aufl. 
2, vorr. p. V. Aber nicht allein die gymnasien kranken , auch 
die Universitäten verlangen heilung vieler schaden : nöthig ist für 
letztere beseitigung aller der lehr- und lernfreiheit entgegenstehender 
und sie schädigender einrichtungen, wie der Staatsprüfungen an den 
Universitäten, andre einrichtung des dienstjahrs, hebung wah- 
ren corporationsgeistes und der damit verbundenen achtung vor 
Statuten und gesetz u. s. w. u. s. w., vor allem aber reform der 
leitenden oberbehörde : s. Phil. anz. IV, 1, p. 3 flgg., VII, 1, p. 
67. VIII, 9, p. 463. ob. hft. 2, p. 128: nur wenn die spitzen 
des durch die reformation und das klassische alterthum genähr- 
ten und erwachsenen unterrichtswesens , gynmasium und Univer- 
sität , zu kräftiger blüthe gelangen , kann das volksschulwesen 
und andre zweige des Unterrichts gedeihen und ihr hohes ziel, 
erziehung des volkes zu wahrer christlicher freiheit , errungen 
werden. — Ernst von Leutsch. 

Berlin, 29 mai. Jacob von Falke, der wohlbekannte Verfas- 
ser der bücher „die kunst im hause" und „die kunstindustrie 
auf der Wiener Weltausstellung" , hat vor kurzem im verlage 
von Carl Gerolds söhn in Wien unter dem titel: „Zur kultur 
und kunst" wiederum eine reihe von Studien, zu einem bände 
vereinigt, erscheinen lassen. Es sind acht, bereits früher er- 
schienene, aber an verschiedenen stellen zerstreute aufsätze, welche 
hier der Verfasser in theilweise neuer, durch zusätze bereicherter 
form gesammelt hat. Diese arbeiten , welche ihrer entstehung 
nach überwiegend den letzten jähren angehören, sind nicht ver- 
altet und erweisen durch sich selbst ihre berechtigung, dem ephe- 
meren leben der zeitung oder dem beschränkten kreise der fach- 
zeitschrift entrissen zu werden. Der erste aufsatz, „Das englische 
haus", welcher zuerst in der „Wiener abendpost" zum abdruck 
kam , schildert das englische wohnhaus in seinen verschiedenen 
entwickelungsstadien während der angelsächsischen und norman- 
nischen herrschaft bis zur völligen ausbildung im sechzehnten 
Jahrhundert, sowie weiter seine Umwandlung durch den palladia- 
nischen stil im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, die rück- 
kehr zum alten hause und die gegenwärtige buntheit und man- 
nigfaltigkeit der stile. Ein folgendes kapitel bespricht das eng- 
lische städtische hans und sein inneres in der gegenwart. Die 
zweite Studie, „Kostüm und mode in ästhetisch-kritischer Schilde- 
rung", welche, wie auch die dritte, gleichfalls der „Wiener abend- 
post" entnommen ist, beleuchtet in besonderen, mit zahlreichen 
charakteristischen illustrationen ausgestatteten abschnitten die 
entstehung und Veränderung der trachtenformen , ihre bedingun- 
gen und ihren künstlerischen charakter , das antike kostüm , das 
kostüm des mittelalters , das malerische kostüm vom sechzehnten 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 367 

bis zum achtzehnten Jahrhundert und die indifferenten moden im 
neunzehnten Jahrhundert. „Die patina der bronzemonumente" 
ist der gegenständ des folgenden aufsatzes, in welchem der künst- 
lerisch schädliche einfluß der schmutzigen patina , womit man 
zahlreiche neue bronzemonumente überzogen findet, als die wahr- 
scheinliche folge rauher ciselirung erklärt und zur erzielung ei- 
ner künstlerisch vollendeter wirkenden patina eine glatte , die 
Selbstreinigung der metallischen Oberfläche, sowie die allmähliche 
bildung einer grünen oder braunen oxydschicht befördernde, frei- 
lich im anfang durch den metallischen glänz etwas störend wir- 
kende, bearbeitung bildhauern und broncegießern empfohlen wird. 
In dem vierten essay : „Zeitgemäßes über bilderrahmen", welcher 
in den „Mittheilungen des österreichischen museums" abgedruckt 
war , tritt der Verfasser vom kritischen wie historischen Stand- 
punkte aus der modernen geschmacksrichtung entgegen, welche 
die bilderrahmen, einer völligen isolirung des bildes wegen, mehr 
und mehr verbreitert und nach innen derart vertieft , daß eine 
beschattung des bildes eintritt. „Sollte nicht umgekehrt, sagt 
Falke, „mäßige breite des rahmens, vermehrter abstand des bil- 
des von der wand und Vertiefung des rahmens nach außen der 
beleuchtung des bildes und der Vermittlung des rahmens mit der 
wand zugute kommen" ? Der nächstfolgende , mit illustrationen 
geschmückte aufsatz (5) hat die Stickerei in ihrem geschichtlichen 
gange zum Vorwurf. Ein theil desselben war früher in der „Zeit- 
schrift für bildende kunst" erschienen , doch ist der ganze fort- 
setzende abschnitt vom sechzehnten Jahrhundert bis auf die ge- 
genwart neu hinzugekommen. Mit den „kuriositäten der töpfer- 
kunst aus dem sechzehnten Jahrhundert" in der 6. studie der 
vorliegenden Sammlung führt uns der Verfasser einzelne beson- 
ders charakteristische zweige dieser kunst und zeit vor, die ar- 
beiten eines Augustin Hirschvogel, eines Bernard Palissy und jene 
arbeiten , die man als Henri - deux oder Oiron-waare bezeichnet. 
Der vorletzte aufsatz behandelt das gebiet der „nationalen haus- 
industrie", unter welcher der Verfasser alle in oder aus dem 
volke für das volk eigenthümlich geschaffenen gegenstände des 
häuslichen gebrauchs und deren verzierungsweisen versteht, in 
ihrer künstlerischen bedeutung und ihrer entfaltung in den ver- 
schiedenen ländern Europas. Der Verfasser empfiehlt warm die 
ungesäumte pflege dieser volksthümlichen kunst, welche unter der 
spekulativen richtung der gegenwart mehr und mehr leide, und 
bezeichnet das gelingen dieser bestrebungen als einen unnenn- 
baren vortheil für das land, als eine wohlthat in materieller, ci- 
vilisatorischer und moralischer hinsieht. In den „Erinnerungen 
an Stockholm", dem letzten essay der reihe , dessen erste hälfte 
ein feuilleton der Wiener „Neuen freien presse" bildete, dessen 
zweite hälfte aber neu und hier zum ersten male gedruckt wor- 
den ist, führt uns der Verfasser nach diesem „nordischen Venedig", 



368 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

von dem er eine durch den vergleich mit der südlichen Schwe- 
ster anziehende naturschilderung entwirft und reiht daran die 
heschreibung des königlichen landsitzes Ulriksdal, wo die familie 
könig Karls XV. in ländlicher zurückgezogenheit der natur und 
kunst lebte. 

Göttingen, 2. juni. Zweites attentat in Berlin auf s. ma- 
jestät den kaiser Wilhelm. Welch einen erschütternden und de- 
müthigenden eindruck diese frevelthaten auf die deutsche nation 
machten, zeigen die unzähligen beweise der tiefgefühltesten theil- 
nahme aus allen theilen und kreisen unsers Vaterlandes. (S. ob. 
p. 359, den erlaß des kaisers). Die allen zugänglichen äuße- 
rungen des Schmerzes so wie des dankes gegen Gott für die er- 
rettung des allverehrten monarchen (s. Philol. anz. VIII, 9, p. 
408) bieten die Zeitungen und um doch auch an dieser stelle die 
Stimmung dieser schweren zeit zu bezeichnen, lassen wir hier 
einen artikel folgen, der unsres erachtens gerade für die an der 
erziehung des volks betheiligten passenden ausdruck zu geben 
scheint. Er ist entnommen der Götting. zeit. nr. 4399 und lau- 
tet mit einigen unbedeutenden änderungen wie folgt : „Wenn die 
gesetze nicht mehr die richtschnur unseres öffentlichen lebens bilden, 
wenn eine regierung nicht mehr im stände ist, denselben gehor- 
sam zu erzwingen, so entsteht ein zustand, den wir mit dem namen 
„anarchie" zu bezeichnen pflegen, ein zustand, der bekanntlich den 
min eines volkes in unmittelbarem gefolge hat. Alle parteien im 
Staate haben daher in erster linie die Verpflichtung, dafür sorge zu 
tragen, daß bei ihren mitgliedern unverbrüchliche achtung vor 
dem gesetze besteht. Sehen wir nun nach, wie es sich hiermit 
in unserem deutschen vaterlande verhält, so gewahren wir hier 
ein gar klägliches verhältniß. Da haben wir zunächst die große 
centrumsfraction, die den gesetzen überall, so weit die interessen 
ihrer kirche in betracht kommen, widerstand entgegensetzt. Die 
führer sprechen allerdings nur von passivem ungehorsam 
auf begrenztem gebiete, allein man kann es dem volke 
nicht zumuthen, daß es auch solche distinctionen macht. Für 
dieses genügt das wort „ungehorsam gegen die gesetze". — Fer- 
ner haben wir es hier und zwar vorzugsweise mit der socialde- 
mokratie — die attentäter gehören bekanntlich zu dieser partei 
— zu thun. Wir geben es ganz gern zu, daß die führer dieser 
partei und auch die weit überwiegende mehrzahl ihrer mitglieder 
das verbrechen verabscheuen und brandmarken. Im reichstage 
bemerkte ein abgeordneter aus dieser partei , daß dieselbe nur 
zustände bekämpfe , niemals personen. Nun sind aber unsere 
öffentlichen zustände so innig mit den personen verwebt, daß 
mau sich nicht wundern darf, wenn bei der großen masse diese 
grenze nicht immer gehörig respectirt wird. Es kommt außer- 
dem alles darauf an , in welcher weise die öffentlichen zustände 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 369 

bekämpft werden , ob mit der nöthigen ehrfurcht vor der maje- 
stät des gesetzes oder nicht. Und hier ist es nun bei den so- 
cialdemokraten gar sehr böse bestellt. Ihre brüder sind die 
Pariser communisten aus dem jähre 1871. Wo war bei diesen 
die rede von ehrfurcht vor dem gesetz ? Wie die regierung ihre 
macht verloren hatte, gab es für sie nur noch einen zustand der 
anarchie, die sich in den gröbsten verirrungen des menschlichen 
geistes offenbarte. Aehnliche zustände würden wir auch wahr- 
scheinlich in Deutschland erleben , wenn jemals — was Gott 
verhüten möge ! — die regierung die zügel aus den bänden ver- 
lieren sollte. Mögen die attentate auf den kaiser eine lehre für 
die führer der socialdemokratischen partei sein, ihren mitgliedern 
achtung vor den gesetzen zu predigen, zumal da es ihnen nicht 
mehr zweifelhaft sein wird , wie leicht personen und öffentliche 
zustände confundirt werden ! Den attentätern war es nicht da- 
rum zu thun, den kaiser als person zu tödten, sondern eben nur 
als die spitze der öffentlichen Ordnung, die die socialdemokraten 
nach eigenem geständnisse bekämpfen. — Auch in der protestan- 
tischen kirche giebt es eine partei, die die majestät des gesetzes 
nicht anerkennt. Für sie ist in hochmüthiger Verblendung das 
eigene ich richtschnur aller handlungen. Man umschreibt dies, 
indem man sich auf das individuelle gewissen beruft. Auch dies 
ist nichts anderes als das bestreben , sich von den gesetzen des 
Staates theilweise unabhängig zu machen , und dies ist eben so 
verwerflich, wie die grundsätze, die wir bei den socialdemokraten 
vertreten finden. — Der kaiser hat wiederholt in seinem from- 
men sinne betont, daß es nothwendig sei, dafür sorge zu tragen, 
daß dem volke die religion nicht verloren gehe. Es ist dies 
durchaus richtig. Und wie verhält es sich in dieser beziehung? 
Die katholische hierarchie will lieber die religion opfern, als nur 
einen rein äußerlichen theil ihrer macht dahingehen. Der be- 
weis hierfür liegt klar auf der band. Die katholischen pfarreien, 
die in Deutschland unbesetzt sind , sind es deswegen , weil der 
papst sich weigert , dem gerechten verlangen des Staates , ihm 
die geistlichen bei einer neu zu besetzenden pfarrei zu präsenti- 
ren, nachzugeben. — In den kreisen der gebildeten und unge- 
bildeten ferner hat sich im allgemeinen theils indifferentismus, 
theils der Unglaube in einem maße entwickelt, daß man mit 
recht in dieser beziehung besorgnisse hegen muß. Möge ein je- 
der sich in diesem sinne ernstlich prüfen und vor allen dingen 
bedenken, daß dinge, die wir nicht begreifen, recht 
gut wahr sein können. — Gesetz und religion sind 
die grundsäulen aller Ordnung. Wer an ihnen rüt- 
telt, rüttelt an den grundsäulen der menschlichen 
gesellschaft. Mögen die attentate auf unseren kaiser die 
folge haben, daß allenthalben eine umkehr angebahnt werde und 
zwar bald!" Enthalten diese worte Wahrheit (und sie thun 

• Philolog. Anz. IX. 25 



370 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

es meiner meinung nach) , so steht es bei uns mit der erzie- 
hung schlecht, sehr schlecht: das was man sonst nicht gern ein- 
gesteht, hat die aufregung offen und derb an das licht gebracht. Ja, 
es ist nicht zu leugnen und in diesem anzeiger auch schon oft 
ausgesprochen, die erziehung bewegt sich nicht in der richtigen 
bahn : die grundsätze, die anschauungen der sg. social-demokratie 
haben sich in die familien, in die verschiedensten kreise allmäh- 
lig einzuschleichen verstanden: das was man seit jähren gesäet, 
fängt an aufzugehen und wird noch ärgere fruchte zeitigen, wenn 
man nicht schleunig umkehrt. Aber wo nun hülfe finden? In 
äußerm zwang? in mannigfachen erlassen der behörden, dem 
beliebten Schlendrian der gewaltigen bureaukratie ? oder im de- 
clamiren gegen das Studium des classischen alterthums ? denn die- 
ses schaffe uns mit seiner demokratie nur unheil : eine ansieht, 
welche man auch in den höhern schichten der gesellschaft leider 
weitverbreitet findet. Es ist das aber grundfalsch : grade das alter- 
thum bietet hülfe: denn in ihren Schriften, poetischen wie pro- 
saischen, begründen und empfehlen die alten classiker und lehrer 
die achtung vor dem gesetz , finden das heil des Staates und 
die wahre freiheit nur in der Unterordnung unter das gesetz: 
so ruft , um doch einen beleg aus der menge vorzuführen, Solon, 
der noch heute jedem gebildeten bekannte, in seinen politischen 
elegien den Athenern, seinen mitbürgern, nach Warnung vor der 
dvgvofiia begeistert zu : 

aber das gute gesetz läßt Ordnung erblühen in allem 

und was geziemt, bändigt kräftig der frevler schaar u. s. w. : 

svvofiia 8 1 s'vnoa[xa xat ägria navi" 1 avaepaivst 
xal &ufia tolg adixoig afxqiizi&7]Oi, nidug, 
und daß im alterthum für solche mahnungen nicht bloß das grö- 
ßere publicum sondern auch die leitenden behörden empfänglich 
und zugänglich waren , ergeben die nicht seltenen behuf der 
wachhaltung der ehrfurcht vor dem gesetz von Staatswegen ge- 
troffenen einrichtungen , so die von dem eben erwähnten Solon 
aus gründen, welche grade jetzt bei den bedürfnissen unserer 
zeit beachtenswerth erscheinen, veranlaßte öffentliche rhapsodirung 
der Ilias an den Brauronien ; man erkannte die ethische kraft 
dieser poesie und ging nun darauf aus sie als bildungsmittel 
für alt und jung zu verwerthen und ihren wohlthätigen einfluß 
zu sichern. Aber so hoch man auch das gewicht des hier aus- 
gesprochenen anschlagen mag und anzuschlagen hat, — ich 
möchte doch einen andern aus dem Studium des classischen al- 
terthums zu hebenden schätz grade unserer zeit wegen noch hö- 
her anschlagen, nämlich die klarheit des geistes, welche 
den zu dem richtigen verständniß der tiefen und dabei so klaren 
Weisheit und kunst der alten meister gelangenden aus diesem 
verständniß erwächst: dadurch sind sie zu feinden tmd kräftigen 
bekämpfern jedweder revolution erzogen, da diese, die revo- 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 371 

lution, lediglich aus Unklarheit entsteht, der quelle des hochmuths 
und der überhebung. Daraus aber folgt, zumal in Verbindung mit 
dem aus anderm anlaß ob. p. 363 gesagten, daß das Studium des 
alterthums als vortreffliches bildungsmittel unbestritten dasteht, wie 
es denn überhaupt kein besseres giebt, daß demselben daher die 
ihm von alters her gebührende Stellung an den gymnasien und der 
Universität zum heil der nation wieder eingeräumt werden muß, 
damit die thorheit mit den naturwissenschaften und der mathema- 
tik als ersten grundlagen der bildung endlich aufhöre. Man 
entgegnet vielleicht, daß mit alle dem doch nur für einen klei- 
nen bruchtheil des Volkes gesorgt werde : allein auch das ist ein 
irrthum : denn verfolgen die spitzen des Unterrichts , gymnasium 
und Universität, die für allen wahren Unterricht unabweisliche 
ideale richtung, so sickert so zu sagen diese bis in die unter- 
sten schichten hinab; denn es geht mit geistigen dingen wie 
mit dem körper: gesundet die hauptkraft des körpers, so befin- 
den sich, wie schon eine der ältesten fabeln lehrt, alle übrigen 
theile desselben in erwünschtem Wohlsein. Ideen dieser und ver- 
wandter art leben und regen sich in jedem wirklichen philolo- 
gen: treten sie vor dem großen publicum seltner auf, so liegt 
das in unsrer Stellung und unsrer eigenart; wo aber das inte- 
resse der Wissenschaft, wo das heil des Vaterlands, wo die Ver- 
ehrung und liebe zu dem ehrwürdigen haupte des Staats , \m- 
serm könig und kaiser, sich zu ihnen zu bekennen verlangt, da 
brechen sie hervor und bezeugen, daß nicht allein die form und 
die grammatik , so werthvoll diese auch sind , das ist was uns 
für die classiker begeistert, sondern vor allem das arbeitsvolle 
streben, die von diesen alten ausgesprochenen ewig wahren ideen 
zu entwickeln und für die gegenwart nutzbar und segensreich zu 
machen. Zum beweis dafür mag mir verstattet sein hier fol- 
gendes gedieht von Friedrich Koldewey aus Wolfenbüttel 
mitzutheilen : 

Ad populum Glermanicum. 

Mense Iunio a. MDCCCLXXVIII. 

Galli tumentis robora non semel 
Devicit armis nata Thuiscone 

Gens flava: quid prosunt triumphi? 
Quid tituli memores? quid altae 

Aeris columnae? quid spoliorum onus 
Immane? Frustra, credite, vieimus, 
Hostis subacti dum furentes 
Moribus obsequimur scelestis. 

Ah! quis iacentem respiciens vicem 
Imponet audax frena licentiae 

25* 



372 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

Nunc omnia audenti nee ullo 
Flagitio vacuae? Quis aestus 

Pravae domabit luxuriae vagos? 
Quando nefandis , quae patriam premunt, 
Dissensionibus levatis 

Civibus una aderit voluntas? 

Heu! civium amens quo rapuit furor 
Mentes dolosis artibus obrutas? 
Iam patriae augusti parentis 
Tela petunt scelerata pectus. 

Heu heu, nefas! Quo nil melius dedit, 
Nil maius orbi nee generosius 

Numen benignum, Guilielmum 
Vulneribus lacerat cruenta 

Manus latronum, turpiter inquinans 
Olim probatam Teutonibus fidem: 
Iamiam triumphat quisquis amplam 
Invidet Imperio salutem. 

Sic laudem honestam polluimus patrum 
Ipsique nostro crimine labimur: 
Ignava si Virtus senescit, 
Turpe viget vitiosa Culpa. 

Pellas nocentem, qua premeris, luem 
Nunc, Teutonum gens, ne moveas iocos 
Dulcesque vicinis cachinnos, 
Ipsa struens patriae ruinam. 

Quisquis scelestis consiliis tuas 
Obrepet aures, hunc tumido magis 
Angui caveto : omnis salutis 
Sola parens generosa Virtus. 

Ergo decorum quidquid et est bonum 
Fecisse gaude. Carpe iter asperum, 
Quo ducit incorrupta Virtus : 
Dulce ferent pretium labores. 

Haec si lubenti mente peregeris, 
Quae nunc agunt te , terga dabunt mala : 
Mox Jus redibit Paxque Honosque et 
Alma Fides Pietasque saneta. 

Et quod faventes dulce ducis caput 
Texere divi, gens pia, concinas: 
Invicte Caesar, ter quaterque 

Macte, decus columenque nostrum! 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 373 

Das gedieht spricht in seiner weise aus was uns fehlt und 
quält: woher hülfe zu holen, suchten wir in dem vor ihm ste- 
henden anzudeuten : aber in der Verwirklichung dieser hülfe, 
in dem versuche, sie der jetzigen läge Deutschlands entsprechend 
im Staate durchzuführen und die tiefliegenden schaden auf die 
dauer wohlthuend zu heilen wird jeder mit unsern zuständen ver- 
traute eine aufgäbe erkennen, deren glückliche lösung nament- 
lich bei der Zerfahrenheit unserer zeit selbst männern von gründ- 
licher und umfassender gelehrsamkeit, von ausgezeichneter geistes- 
kraft und zähester ausdauer mit aufbietung aller ihrer kräfte 
nur dann gelingen kann , wenn außer der Zuweisung der nöthi- 
gen bedeutenden geldmittel und gewährung der erforderlichen zeit 
die oberste leitung aus derselben classe von männern genommen 
und in derselben richtung sich bewegend das zeitgemäß zu vol- 
lenden sich bemüht , was zur zeit der freiheitskriege die Hum- 
boldt, F. A. Wolf, Nicolovius, Süvern u. a. erstrebten , aus Un- 
gunst der folgenden zeit aber durchzuführen nicht vermochten. 
Um aber diese äußerung durch berühren von speciellem verständ- 
licher zu machen , heben wir in möglichster kürze einiges von 
dem hervor , was unseres erachtens den Universitäten vor- 
zugsweise noth thut. Zuvörderst also halten wir für unumgäng- 
lich geboten aufhebung der sg. berechtigungen, um der so hem- 
menden überfüllung der obern gymnasialklassen zu steuern (Ph. 
Anz. "Vlll, 9, p. 501) — eine derartige regelung des dienst- 
jahres , daß wenigstens das triennium eine Wahrheit werde (ob. 
p. 366) — auihebung aller staats-examina und -tentamina an 
den Universitäten , eine einer sehr trüben zeit entstammenden 
einrichtung ; denn sie zerstören die lehr- und lernfreiheit (Ph. 
Anz. IV, 1, p. 6), fördern die grade neuerdings so oft gerügte 
halbbildung (Ph. Anz. VHI, 8, p. 431), rufen mißhelligkeiten 
unter den docenten hervor und schädigen auf vielfache weise die 
corporation: glaubt der Staat der examina zu bedürfen, muß er 
sie so einzurichten verstehen, daß sie der ersten und noch im- 
mer besten seiner lehranstalten nicht nachtheile, sondern wirk- 
lichen vortheil bringen-, — es ist geboten die erhaltung der 
Universitätsgerichte und ihrer eigenthümlichen Strafmittel, — hebung 
der senate durch erweiterung ihres einflusses auf die Ordnung 
der institute , zu denen vor allen die Universitäts-bibliotheken 
trotz der entgegenstehenden ansichten der bibliothekare zu rech- 
nen sind, — Verlegung der in den Universitätsstädten befindlichen 
curatorien , einer vom bundestag beliebten maaßregel , in dazu 
passende städte der provinzen nebst solcher erweiterung ihrer 
Stellung, daß einerseits die vocationen, eine lebensfrage der 
Universitäten, wieder ihre geltung erlangen , andrerseits daraus 
dem ministerium in Berlin große erleichterung erwachse und die 
ihm allein würdige Stellung einer nur auf das ganze und große 
gerichteten oberbehörde: denn schleppender geschäftsgang und 



374 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

das eingehen auf das minutiöseste detail fördern das ansehen 
nicht, zumal da das letztere für die masse wohl den schein 
großer thätigkeit hervorbringt, der genauer unterrichtete aber 
doch sieht, wie durch die überfülle der arbeit vor dem kleinli- 
chen das wichtigste vergessen, wie wegen mangelnder kenntniß 
der so wichtigen und unter keiner bedingung anzutastenden ei- 
genart der verschiedenen Universitäten gegen alte und bewährte 
Institutionen mit einer ungerechtfertigten rücksichtslosigkeit ver- 
fahren wird : es ist doch gewiß viel räthlicher , mißstände , an 
denen es freilich nie fehlt, schonend zu verbessern und das gute 
zu erhalten, als übereilt zu ändern und aufzuheben ohne etwas 
besseres an die stelle zu setzen. Dies dürfte schon genügen 
das oben über die große der hier in rede stehenden aufgäbe gesagte 
zu rechtfertigen, obgleich noch gar manches sich hinzufügen 
ließe , wie die jetzt so schwierige läge der privatdocenten , wie 
die einrichtung der seminarien , namentlich der philologischen, 
welche im wesentlichen noch treu bei der ihnen von J. M. Gesner 
1737 gegebenen form ausharren, wie die so schwankende und 
z. b. hier in Göttingen meines erachtens bedenkliche einrichtung 
des gottesdienstes in der Universitätskirche, die 1848 geborene hie- 
sige gegen alle Ordnung verstoßende betheiligung der außerordent- 
lichen professoren an den wichtigsten wählen der Universität, — 
aber statt dessen scheint passender, mit ein paar Worten die Ur- 
sachen dieser vielen desiderien der gegenwart anzudeuten: sie 
dürften sich erstens und vor allem darin finden , daß ein 
ministerium nicht zwölf Universitäten bis in das kleinste zu 
beaufsichtigen und zu regieren vermag : weil dies in den kleinern 
Staaten nicht vorkommt, deshalb können diese, wenn sie es rich- 
tig anfangen, ihre anstalten rasch zu einer viel größern blüthe 
bringen als Preußen ; und zweitens — was mit dem ersten frei- 
lich eng zusammenhängt — daß man der glücklichen neubil- 
dung des Deutschen reich s nicht genügend rechnung trägt, son- 
dern glaubt auf dem alten preußischen wege, auf dem zu seiner 
zeit zweifelsohne vortreffliches geleistet, fortwandeln zu dürfen, 
ohne zu bedenken, daß das gleich ist mit stillstand, ja mit noch 
etwas schlimmem, mit dem rückschritt. Treffen wir hiermit die 
Ursachen unserer desiderien, so liegt die abhülfe für sie und für 
unsre noth nicht so fern: das volk ist willig, nur die regierung 
schwach : aber einmal aufgerüttelt wird sie sich bald zu kräfti- 
gen und die richtigen personen für ihre maaßregelu zu finden 
und erfolgreich dahin zu wirken wissen, daß die gründe für die 
so schwer auf uns lastenden attentate gründlich beseitigt, die 
auf umfassender sachkenntniß beruhenden , für die wahre erzie- 
hung des volks nothwendigen reformen mit umsieht und milde, 
mit eifer und kraft unermüdlich durchgeführt und ein zustand 
für Deutschland geschaffen wei'de , durch den deutsche treue, 
deutsche Sittlichkeit , deutsches christenthum bei allen Völkern 






Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 375 

gerechte und verdiente anerkennung finde und ihnen als nach- 
ahmungswerthes muster erscheine: hei solchem aufrichtigen stre- 
ben nach hohem ziele wird Gottes gnädiger schütz dem Deut- 
schen reiche und dessen Kaiser nicht fehlen! — E. v. Leutsch. 

Berlin. Folgendes telegramm aus Pyrgos vom 1. juni über 
neue fände in Olympia veröffentlicht Reichs Anz. nr. 129 vom 
4. juni: Vor metroon schöne weibliche gewandstatue, gegenüber 
kaiserstatue, stehender Zeus mit künstlerinschrift , obertheil eines 
Zeuskolosses. Nördlich vom peribolos männlicher torso von schön- 
ster arbeit und Hadrianskopf. Am stadiumeingang Tychestatue. 
— Ausgrabungen 1. juni geschlossen. — Treu. — Lohn". Hier- 
nach sind in den letzten tagen an drei stellen, wo seit etwa fünf 
wochen eifrigst gearbeitet wurde , sechs statuen und ein kaiser- 
licher portraitkopf, alles wahrscheinlich aus weißem marmor, ge- 
funden worden. Dies ergebniß ist um so werth voller, als es den 
beweis liefert , daß neben den bisher in überwiegender zahl zu 
tage geförderten giebelstücken und spätrömischen portraitstatuen 
auch griechische marmorstatuen noch zahlreicher vorhanden sind, 
als die fundresultate der drei letzten monate erwarten ließen. 

Berlin, 5. juni. Archäologische gesellschaft. Si- 
tzung vom 4. juni. Prof. Curtius legte zunächst die eingegan- 
genen Schriften vor: A. Pastolacca Synopsis des münzkabinets 
zu Athen, Urlichs Quellenregister zu Plinius, den amtlichen be- 
richt über die erwerbungen des Britischen museums und die 
neuesten hefte der Abhandlungen der academia dei Lincei zu 
Rom. — Dr. Lehfeldt besprach die maiereien des sogenannten 
hauses der Livia auf dem Palatin unter Vorlegung der Schwech- 
tenschen publikation zweier wände derselben, welcher eine er- 
läuterung des vortragenden beigefügt ist. — Dr. Robert legte die 
pause eines aus Capua stammenden rothfigurigen gefäßes mit 
scenen aus der palästra vor, das er unter hinweis auf die aus- 
führungen des dr. Klein in dem unter der presse befindlichen 
heft der archäologischen zeitung für ein werk des Euphronios 
erklären zu dürfen glaubte. — Prof. Curtius legte eine wohler- 
haltene bronze-inschrift aus Olympia vor, welche in drei distichen 
den sieg des Arkadiers Philippos feiert, vielleicht desselben, den 
Pausanias als agonisten aus Pellana anführt, dessen denkmal ein 
Standbild des Myron schmückte. — Dr. Adler, seit dem ll.mai 
aus Olympia zurückgekehrt, gab eine beschreibung der von ihm 
speciell untersuchten bauwerke , des pry taneion , der Herodes-ex- 
edra, des Philippeion, der byzantinischen kirche , des westthores 
in der Altis-mauer, sowie der in situ befindlichen altäre vor dem 
Hera- und Zeus-tempel. Sodann erläuterte er die nach seiner 
abreise bewirkte und durch eingesandte plane veranschaulichte 
freilegung der Zanes - basen und des geheimen einganges zum 
Stadion , durch welche funde seine annähme , daß das stadion 
nicht am ostabhange des Kronion zu suchen sei, sondern südlich 



376 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

von demselben, bestätigt wurde. Die hauptaxe jenes berühmten 
kampfplatzes habe daher parallel zur ostaltismauer gelegen, das 
rundhaupt desselben sei in einer natürlichen schlucht des Kro- 
noshügels noch erkennbar, und der ablaufplatz sei nur vor dem 
backsteinernen oktogonbau, der sich in einer distanz von 600 
gr. fuß am abstürze der Altisebene erhebe, zu suchen. Keichs- 
Anz. nr. 148. 

Königsberg. Professor K. Lehrs ist am abend des ersten 
pfingstfeiertages (9. juni) im alter von 76 jähren gestorben. 

Ueber die ausgrabungen in Olympia bringt Reichs- 
Anz. nr. 143 den bericht XXV (vrgl. ob. hft 4, p. 214): „Der 
monat mai, der letzte der laufenden arbeitsperiode ist, wie der 
telegraph bereits gemeldet hat, für unsere ausgrabungen ein be- 
sonders glücklicher gewesen : sieben marmorstatuen, dar- 
unter der obertheil eines Zeuskolosses, zwei köpfe 
und mehr als ein dutzend zum theil sehr werth voller inschrif- 
ten sind gefunden; einige neue schatzhäu ser , der tempel 
der göttermutter, die postamente der aus Strafgeldern der 
athleten errichteten Zeusbilder, der eingang zum Stadion, 
wahrscheinlich auch das vielgesuchte nordwest-thor derAl- 
tis, die propyläen des gymnasiums mit den angrenzen- 
den bauten sind entdeckt, und somit die ganze nordzone der Al- 
tis mit der stattlichen flucht ihrer baulichkeiten — wir zählen 
jetzt schon an 23 — den äugen des beschauers freigelegt. — 
Diese umfangreiche arbeit hat nur bewältigt werden können 
durch eine Steigerung des arbeiterpersonals auf nahezu 300 mann 
und durch eine energische concentrirung unserer kräfte an zwei 
punkten: an der thesaurenterrasse und nordöstlich vom großen 
peribolos zwischen diesem und dem Heraion. Wir besprechen 
heute nur die arbeiten bei den thesauren und versparen die 
Schilderung der in der nähe des peribolos gewonnenen resultate 
auf einen folgenden bericht. — Auf dem westlichen theile der 
großen terrasse sind die fundamentreste von drei neuen ge- 
bäuden entdeckt worden: das eine zwischen thesauros 2 und 
3 von w., wo bisher eine straße zu den heiligthümern am Kro- 
nion angenommen wurde; die beiden anderen hinter dem ostflü- 
gel der exedra, dem das eine von ihnen hat platz machen müssen, 
denn es ist schon im alterthum bis auf eine ecke abgebrochen 
worden. Wir hätten also 14 schatzhäuser statt der 10 von Pau- 
sanias aufgeführten ; aber die beiden letztgenannten sind so win- 
zig, daß sie von ihm sehr wohl übergangen werden konnten. — 
Die erste entdeckung im Süden vor den treppenstufen der ter- 
rasse, — diejenige , welche alle übrigen nach sich gezogen hat 
— war die der sogenannten Zanesbasen. Pausanias nämlich 
berichtet, daß man links von dem wege, auf dem man vom Me- 
troon zum stadion gehe, am fuße der treppenstufen , die zu den 
schatzhäusern hinaufführen, eine reihe von 16 Zeusstatucn er- 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 377 

blicke , welche aus den Strafgeldern der athleten errichtet seien, 
die sich bestechungsversuche oder sonstige schwere vergehen ge- 
gen die kampfordnung der Eleer hätten zu schulden kommen 
lassen. Diese statuen hießen im volksmunde schlechtweg die 
Zeusbilder , Zanes. Auf die basen dieser Zanes sind wir dicht 
am fuße der treppe gestoßen. Daß sich von den statuen selbst 
nichts vorgefunden hat , als einige bronzefragmente ihrer blitz- 
bündel und das stück eines kolossalen fußes, ist nicht zu ver- 
wundern : haben wir uns doch schon an den gedanken gewöh- 
nen müssen, daß fast alles bronzewerk vernichtet ist. Merkwür- 
dig ist, daß aber auch die inschriften fehlen, welche in elegischen 
versen, von deren poetischem werthe Pausanias nicht sehr erbaut 
gewesen zu sein scheint, ihre mahnungen an den vorübergehenden 
richteten. — Am westende dieser basenreihe c. 40 m. östlich 
von der exedra trafen wir auf einen west-östlich orientirten tem- 
pelunterbau von 20,50 zu 11,50 m. Er war größtenteils bis 
auf die untersten fundamentschiehten abgetragen; nur an einer 
stelle fand sich noch ein theil des dreistufigen Unterbaues und 
der rest einer säulentrommel , die zum glück noch an ihrer al- 
ten stelle stand. Dieser säulenrest machte es den architekten 
möglich , fast den ganzen aufbau des tempels zu rekonstruiren ; 
denn er erwies die Zugehörigkeit der zahlreichen dorischen säu- 
lentrommeln , capitäle und gebälkstücke zu diesem tempel , mit 
denen wir die ganze byzantinische nordmauer fundamentirt ge- 
funden hatten. So wurde denn die existenz eines dritten dori- 
schen peripteraltempels konstatirt , eines tempels von sechs Säu- 
len an den fronten und eilf an den langseiten , der in stil und 
läge vollkommen den angaben des Pausanias über das Metroon 
entspricht ; nur daß dieser einen tempel , der in seinen dimen- 
6ionen kaum die ausdehnung der Heraioncella erreicht, einen 
„sehr großen" nennt, mag auf den ersten blick wunder neh- 
men. Selbst die groben putzlagen, mit denen sich die feinen 
alten fornien sämmtlicher bautheile überkleidet fanden, lassen 
ebenso auf eine späte renovirung des gebäudes schließen, wie 
der bericht des Pausanias darüber, daß zu seiner zeit der tem- 
pel nur noch den namen der göttermutter getragen, aber voll 
von bildern römischer herrscher sei. — Auch diese endlich feh- 
len unter unsern funden nicht. Sie kündigten sich am 10. mai 
durch eine kleine weibliche gestalt an, welche die hände auf 
den rücken gebunden an einem baumstamm neben dem allein 
erhaltenen rechten bein einer marmornen kaiserstätue kniet: of- 
fenbar eine der häufigen Personifikationen von unterjochten volks- 
stämmen. War dies stück in einem ziemlich verwahrlosten und 
rohen styl gearbeitet, so zeigte dafür eine am 20. d. m. zwi- 
schen den fundamenten der cellawände ausgegrabene kopflose 
weibliche gewandstatue einen lieblingstypus der römischen kunst 
in ungewöhnlich guter ausführung : nichts steht daher im wege, 



378 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

in dieser statue das bildniß eines der mitglieder der römischen 
herrscherfamilien zu sehen. Sicher ist dies ferner von einer 
panzerstatue, welche am 24. mai auf dem pflaster der süd- 
halle des metroon ausgegraben wurde, obgleich auch diese ohne 
köpf ist. Auch dies werk ragt weit über das hier gewöhnliche 
mittelmaß römischer arbeit hinaus, sowohl durch den patheti- 
schen schwung der bewegung , als durch die virtuose ausfüh- 
rung. Den hauptschmuck des reichverzierten panzers bilden 
zwei schönbewegte nackte Nereidengestalten auf seepferden. Sie 
lassen vielleicht auf ein bildniss des Cäsar oder Augustus schließen, 
deren abstammung von der meergeborenen Venus man durch 
ähnliche attribute huldigend anzudeuten liebte. — Dicht neben 
diesem kaiserbild liegend wurde an demselben tage eine mar- 
morstatue des Zeus aufgedeckt, merkwürdigerweise die erste, 
welche wir außer der vom ostgiebel gefunden. Der gott steht 
in stolzer haltung da, mit pathetischer Vorwärtsbewegung des 
körpers auf dem rechten Standbein in der hochgehobenen linken 
wohl das scepter, in der gesenkten rechten vielleicht den blitz 
oder ein ähnliches attribut haltend — so wird man die bewe- 
gung der allein erhaltenen armstümpfe jedenfalls deuten müssen. 
Um den Unterkörper, und über die linke schulter hat er den 
mantel geworfen — in imposanter breite und prunkender falten- 
fülle, offenbar das effektstück der künstler Philathenaios und 
Hegias, die ihre namen am baumstumpf neben dem gotte an- 
geschrieben haben. Auch hier sind es wieder Athener, die in 
römischer zeit für Olympia arbeiteten. Am fuße des baum- 
stammes ein adler, der zum Zeus hinaufblickt. Der köpf des 
gottes fehlt, es ließe sich daher allenfalls auch an einen ver- 
götterten kaiser denken , wenn sich irgendwie erweisen ließe, 
daß die statue ursprünglich im Metroon gestanden. Aber dieses 
steht keineswegs fest, da die fundthatsachen deutlich auf Ver- 
schleppung hinweisen. Wurde doch wenige fuß von dieser sta- 
tue, an den südrand des metroons gelehnt, am 25. der o ber- 
theil eines Zeuskolosses von so riesigen dimensionen ge- 
funden, daß hier jeder gedanke an eine aufstellung in dem 
kleinen metroon schwinden muß. Die erhaltenen theile von der 
mitte des körpers bis zur halsgrube haben fast manneshöhe 
(lYa na.), die von armstumpf zu armstumpf noch etwas mehr. 
Der gott war stehend gebildet. Armhaltung und die anordnung 
des mantels um die nackte brüst sind dem Zeus des Philathe- 
naios und Hegias ähnlich , doch sind die falten bedeutend ein- 
facher und edler und die mächtigen formen des nackten der ge- 
waltigen dimensionen vollkommen würdig. Die Zerstörer des 
kolosses haben rings um die mitte des körpers loch an loch 
bohren müssen, um den mächtigen marmorblock zu spalten. — 
Wie im westen zum metroon , so haben uns die Zaneshasen im 
osten zum s tadio neingang geleitet. Am fuß der terrassen- 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 379 

stufen , südlich vom östlichen thesauros und circa 65 m. östlich 
vom metroon stießen wir auf einen langgestreckten , aus poros- 
quadern gewölbten gang (länge circa 31 m. , breite 3,71 m.) 
Man tritt in denselben von osten durch ein viereckiges vorge- 
mach ; vor der mit vier halbsäulen geschmückten eingangswand 
standen zu beiden seiten der thür die beiden letzten Zanesbasen. 
Es konnte nicht zweifelhaft sein, daß wir hier vor dem „ge- 
heimen eingang" standen, jenem unterirdischen gang im erd- 
wall des Stadions , durch welchen an den festtagen kampfrichter 
und kämpfer ihren einzug in die menschengefüllte rennbahn 
hielten. — Da, wo dieser gang sich gegen das stadion hin 
etwas erweitert, stand in einer mauerecke eine kleine marmor- 
statue der Glücksgöttin (gefunden den 30. mai) sicher nicht 
ganz auf ihrem alten platze , aber auch wahrscheinlich nicht weit 
von demselben verschleppt. Denn auch im hippodrom stand eine 
statue des „guten glückes" und am eingang des Stadions ein 
altar des „günstigen augenblicks" : man mochte sich eben bei 
dem verhängnißvollen eintritt in die rennbahn der gunst des 
geschickes gern versichern. Die arbeit dieser kopflosen Statuette 
ist gering , aber merkwürdig ist sie doch wegen ihrer strengen 
und einfachen , von den römischen typen ganz abweichenden ge- 
wandanordnung und wegen ihrer attribute. Die rechte stützt 
wie gewöhnlich das Steuerruder auf ein rad, die linke dagegen 
hält statt des gewohnten füllhorns, gegen die schulter gelehnt, 
ein ganz räthselhaftes geräth, das ich nicht zu deuten weiß. Am 
ersten sieht es noch einem rüder ähnlich. — Der einschneiden- 
den bedeutung, welche die entdeckung des Stadioneinganges für 
die topographie des olympischen thales hat, muß ich hier noch 
mit einem worte gedenken. Es ist jetzt sicher , was in dem be- 
richt XXH. von dem herrn geheimrath Adler als vermuthung 
geäußert wurde , daß das stadion sich längs der ganzen ostseite 
der Altis — vom Kronion aus in nordsüdlicher richtung — er- 
streckte, dies lehren die erhaltenen maueranschlüsse am stadion- 
eingang. Ja selbst die halbrunde ausbuchtung des nordendes 
glaubt man am Kronionabhang noch wieder zu erkennen. So 
fand denn der geheiligte bezirk der götter gegen osten seine 
begrenzung in der lang hingestreckten rennbahn, dem gefeiert- 
sten kämpf platz des hellenischen Volkes". Georg Treu. 

Berlin, 25. juni. Aufruf. Am diesmaligen pfingstfest 
hat das christenvolk Preußens und Deutschlands einen allgemei- 
nen bußtag begangen. Zweimal binnen drei wochen hat frev- 
lerhand auf das leben Sr. majestät unsers kaisers und königs 
einen mordversuch gewagt. In schmach und schmerz verhüllt 
das kaum geeinte deutsche reich sein haupt. Während die 
wage zwischen furcht und hoffnung schwankt und aller orten 
die fürbitte von dem könig aller könige die erhaltung des ge- 
liebten monarchen erfleht, drängt es tausende zur errichtung ei- 



380 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

ner sogenannten votiv-, d. i. dankes- und gelöbnißkirche in Ber- 
lin. Hier in der hauptstadt des reichs , hier am orte der dop- 
pelten meuchelthat und der doppelten bewahrung durch Gottes 
barmherzigkeit soll diese gelöbnißkirche stehen, eine statte des dan- 
kes und gebetes, ein mahnruf aus stein an vorüberwandelnde ge- 
schlechter. — Ohne daß wir andere und größere Unternehmungen, 
die vielleicht in diesen tagen des volkes patriotische bewegung aus- 
sprechen werden , irgendwie beeinträchtigen wollen , ist es unser 
wünsch , mit jenem bau das gelübde erneuter treuer hingäbe 
auszusprechen an das christliche bekenntniß unserer väter, an 
das erbe unserer vaterländischen geschichte , an das haus Ho- 
henzollern. Die mit - und nachweit soll es wissen , wie in 
schreckensvollen tagen, als wider göttliche und menschliche Ord- 
nung ein abgrund voll umsturzgedanken sich aufgethan, wir un- 
sere äugen aufgehoben zu den bergen, von denen uns hülfe 
kommt. — Der mitunterzeichnete banquier Loesche ist bereit, gaben 
für diesen zweck in empfang zu nehmen. In den provinzen müs- 
sen sich sammelstätten hierfür bilden. — Laßt uns nicht säumen ! 
Und Gott sehe das unternehmen in gnaden an ! Berlin im Juni 
1878. (Folgen die unterschritten.) ReichsAnz. nr. 148. 

Rom 25. juni. Die wegen befestigung Roms unternomme- 
nen arbeiten haben zu bedeutenden entdeckungen geführt. Längs 
der via Appia sollen über fünfzig verschiedenen epochen der 
alten Römerzeit angehörende gräber aufgedeckt und in denselben 
inschriften von höchster bedeutung für die geschichte jener 
Zeiten gefunden worden sein. 

Postblatt nr. 3. erschien am 1. juli als beiblatt zum Reichs- 
Anz. nr. 153. 

„Mittheilungen aus acten der Universität Cöln", 
veröffentlicht von Dr. Wilhelm Schmitz, director des Kaiser-Wil- 
helms-gymnasiums zu Cöln (2 bogen in 4°, Cöln, verlag von 
J. P. Bachern, 1878). — Im jähre 1833 unternahm Franz Jo- 
seph von Bianco den ersten versuch , die geschichte der ehemali- 
gen Universität Cöln und der mit ihr zusammenhängenden an- 
deren höheren lehran stalten in einer alle Stadien der entwicke- 
lung berührenden weise quellenmäßig zu behandeln. Später er- 
schien ein umfassender angelegtes , leider unvollendet gebliebe- 
nes werk von demselben, während gleichzeitig bezw. nach ihm 
Leonard Ennen und Karl Kraft aus urkundlichem material noch 
vieles interessante über die hochschule, so wie über die Cölni- 
schen bursen zu tage gefördert haben. Die vorliegenden blät- 
ter wollen ebenfalls dem zwecke korrekter und ergänzender Pub- 
likationen hierher gehöriger Urkunden dienen, und es sollen den- 
selben andere regelmäßig nachfolgeu. Zunächst wird hier eini- 
ges aus einer besonders werthvollen Urkunde veröffentlicht, de- 
ren Originalhandschrift man bisher als verloren ansah: aus der 
ersten matrikel der Universität Cöln mit ihren von 1388 



Nr 6. Kleine philologische zeitung. 381 

bis 1425 reichenden aufzeichnungen. Dieselbe gehört zur bib- 
liothek Biancds und ist dem Verfasser von dessen erben zur Ver- 
fügung gestellt worden. Die handschrift umfaßt 106 folioblät- 
ter , von denen 4 aus pergament bestehen. Der verf. theilt hier 
zuvörderst die auf die gründung der Universität und auf das 
erste Studienjahr bezüglichen aufzeichnungen der ersten matrikel 
mit, darunter das schreiben papst Urbans VI., vom 21. mai 
1388, durch welches die Fundatio studii Coloniensis , die errich- 
tung der Universität in Cöln, nach dem vorbilde der Pariser 
hochschule angeordnet wird. Am 9. januar 1389 wurde dann 
„Hartlenus de Marko," zum ersten rektor gewählt. Die 16 er- 
sten magister , welche denselben wählten und vereidigten , wer- 
den nach herkunft und lehrfächern namhaft gemacht. Beson- 
ders dankenswerth ist die vollständige wiedergäbe des ersten 
„rotulus", welcher durch die Universitätsverhandlungen vom 18. 
november 1389, 28. januar und 5. februar 1390 zu stände 
kam und behufs erlangung päpstlicher Privilegien für die neue 
anstalt nach Rom überbracht wurde: denn aus diesem personal- 
verzeichniß , welches im manuscript der matrikel nicht weniger 
als 11 folioseiten umfaßt, erhält man eine richtige anschauung 
von dem umfang und der Zusammensetzung der Universitätsfre- 
quenz unter den vier ersten rektoren , ganz abgesehen davon, 
daß dasselbe auch in rücksicht auf literar - historische , sowie 
sprach - und familiengeschichtliche fragen von bedeutung ist. 
Aus den biographischen anmerkungen des Verfassers ergiebt sich, 
daß der lehrkörper der Universität vielfach aus der eigenen fre- 
quenz ergänzung fand. Reichs -Anz. nr. 154. 

London 15. juli. Die Academy theilt mit, daß die von 
Hermuzd Rossam gefundene Sammlung assyrischer alterthümer 
nächstens im British museum werde aufgestellt werden. 

Berlin. Der Reichs-Anz. nr. 166. 167 bringt einen höchst 
beachtenswerthen aufsatz aus der feder des professors Piper über 
den Zuwachs des Christlichen museums in Berlin während 
der jähre 1876—78. 

Berlin 31. juli. Dr. Schliemann befindet sich gegenwärtig 
in Konstantinopel , um sich erlaubniß zur fortsetzung seiner aus- 
grabungen in Troja zu verschaffen. 

Ueber bei dem dorfe Luschna an der Wolga gefundene 
mammuthknochen berichtet Reichs-Anz. nr. 172. 

Ueber die ausgrabungen in Olympia lautet der 
bericht XXVTI (s. ob. p. 381) wie folgt: „Die dritte periode der 
olympischen ausgrabungen ist am 1. juni geschlossen worden. 
Am 7. fand in gegenwart der griechischen behörden die ver- 
Siegelung der museen statt und wenige tage später haben die 
mitglieder der expeclition ihre rückreise angetreten. — Indem 
wir im folgenden die gewonnenen resultate kurz zusammenfas- 
sen , erinnern wir , daß unsere arbeiten von zwei centren, 



382 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

vom Zeustempel und vom Heraion ausgegangen sind. — 
In der schon früher ausgegrabenen nächsten Umgebung des 
Zeustempels hat die auflösung und durchsuchung der späten 
trümmermauern eine menge von inschriften und die architektu- 
ren ganzer gebäude ergeben-, die erde unter denselben fand sich 
ganz erfüllt von bronzen der ältesten epoche. Eine erweiterung 
des erdabstichs von der Westfront des tempels förderte die ko- 
lossale mittelfigur des westgiebels, das mittelstück der 
einen großen Kentaurengruppe , zwei Kentaurenköpfe und eine 
menge anderer ergänzungen der westgiebelgruppe zu tage. Hier 
lernten wir auch die erhöhte , einst mit weihgeschenken und 
siegerstatuen geschmückte terrasse kennen, welche den Zeus- 
tempel umgab-, hier auch die westliche Altismauer mit 
dem thore, durch das einst die gläubigen von dieser seite 
her den heiligen bezirk des Zeus betraten. Die begrenzung des- 
selben nach der entgegengesetzten seite hin, die Ost-Altis- 
m a u e r , ergab ein versuchsgraben , der von dem Zeustempel in 
östlicher richtung zu einer römischen ruine , dem sog. octogon, 
geführt wurde. Unter den fanden in demselben sind besonders 
eine reliefbasis bester zeit, zahlreiche giebelstücke und einige 
römische mosaikfußböden hervorzuheben. — Ebenfalls in der 
nähe des Zeustempels und zwar im westen desselben sind in der 
sog. byzantinischen kirche unter den späten um- und 
überbauten antike Säulenstellungen und mauerzüge entdeckt wor- 
den. An die Übereinstimmung der maße dieses raumes mit denen 
der Zeustempelcella hat sich jetzt eine discussion darüber geknüpft, 
ob wir in diesem gebäude nicht das atelier vor uns haben, in 
dem einst Phidias seinen goldelfenbeinernen Zeuskoloß arbeitete, 
und das noch zu Pausanias' zeit den fremden gezeigt wurde. 
— Auch am zweiten centrum der ausgrabungen, am Heraion 
wurde zuerst die unmittelbare Umgebung des tempels mit sei- 
nen altären, statuenbasen, Wasserleitungen und der stufenanlage 
freigelegt, welche im norden desselben zum Kronoshügel hinan- 
führt. Die trümmermauern der Umgebung ergaben mehrere römi- 
sche statuen und köpfe ; die tiefsten erdschichten fanden sich auch 
hier von bronzen und terracotten ältester zeit förmlich durch- 
setzt. — Sodann wurde vom Heratempel aus nach westen und 
osten vorgegangen. Im westen führten die graben zur entdeckung 
des Philippeion, jenes rundbaues, den könig Philipp von Make- 
donien nach der niederwerfung der Hellenen hatte errichten las- 
sen ; weiterhin gelangten wir an einen mächtigen säulenhof, wohl 
einen theil des gymnasions, des Übungsplatzes der kämpfer 
für die festfeier der Hellenen. Badevorrichtungen, der unterbau 
eines großen propylaions und des thores, durch das man einst 
aus der Altis in das gymnasion hinausschritt, fanden sich in 
der nähe dieses bezirkes. Bis in diesen äußersten winkel des 
olympischen thales hatte eine späte bauthätigkeit geschäftig in- 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 383 

schriftbasen und statuentrümmer aus der umgegend des Zeus- 
tempels verschleppt. Diesem umstände verdanken wir hier nicht 
nur werthvolle epigraphische entdeckungen , sondern auch einen 
herrlichen männlichen torso und den rümpf des kleinen Diony- 
sos , welcher jene berühmte praxitelische Hermesgruppe aus dem 
Heraion aufs willkommenste ergänzte. — Vom Heraion nach der 
entgegengesetzten seite , nach osten vordringend , erwiesen die 
grabungen zunächst die nischenförmige , große exedra des 
Herodes Atticus als das sammelbassin für die Wasserleitung, 
welche dieser reiche rhetor der olympischen festversammlung zum 
geschenk gemacht: ein großer marmorstier, der die weihinschrift 
des gebäudes an den Zeus trug, wurde in dem reservoir lie- 
gend vorgefunden. Auch für die statuen und inschriften, welche 
diesen prunkbau einst schmückten, war uns hier eine reiche nach- 
lese vergönnt. — Im osten der exedra erhebt sich eine langge- 
streckte terrasse, von deren höhe einst die glänzende reihe der 
schatzhäuser auf die Altis hinab blickte , in welchen griechi- 
sche gemeinden ihre kostbaren weihegaben an den göttervater 
geborgen. Mit der aufdeckung dieser thesauren hatte die 
zweite campagne bereits begonnen. Wir haben dieses werk 
vollendet: die reste von vierzehn gebäuden und einem altar 
liegen jetzt hier den blicken des beschauers offen. — Auch 
die gegend im süden vor den treppenstufen dieser terrasse 
ist freigelegt worden : die entdeckung eines neuen tempels, 
des metroons, die basenreihe der Zanes, d. h. der aus 
den Strafgeldern der athleten errichteten ehernen Zeusbilder, der 
für die kampfrichter und kämpfer bestimmte gewölbte e in- 
gang des Stadions, endlich acht marmorwerke , unter de- 
nen sich ein koloß befindet, sind die reichen fruchte dieses Un- 
ternehmens gewesen. Mit demselben ist zugleich die aufdeckung 
der ganzen nordzone des olympischen gebiets mit seiner stattli- 
chen folge von etwa 23 baulichkeiten eine nahezu vollendete 
thatsache geworden. — Die grabungen dieses winters — und 
es ist dies eines ihrer werthvollsten topographischen ergebnisse 
gewesen — haben uns die grenzen der Altis nach drei seiten 
hin kennen gelehrt und uns der vierten, der nordgrenze nahe 
geführt. Es läßt sich jetzt übersehen , daß in den drei jähren, 
welche die olympische expedition hinter sich hat, etwa die hälfte 
der arbeit geleistet ist, welcher nach dem plane des Un- 
ternehmens die aufdeckung der Altis und die Untersuchung 
der angrenzenden anlagen durch laufgräben zum ziele gesetzt 
war. — Dies sind in großen zügen die wesentlichsten topographi- 
schen und architektonischen resultate der letzten ausgrabungsperiode. 
— Unter den plastischen entdeckungen sind es beson- 
ders die bronzen der ältesten epoche , welche den funden die- 
ses winters einen eigenthümlichen charakter gegeben haben 5 ist 
doch in demselben die durchsuchung der tiefsten erdschichten, 



384 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

in denen sie vorkommen , mit besonderem eifer betrieben worden. 

— Hervorzuheben sind unter den mehr als 1800 nummern, 
welche diese in das olympische museum geliefert haben, beson- 
ders ein alterthümlicher götterkopf, eine große getriebene relief- 
platte ältesten stils, vier greifenköpfe von außerordentlicher 
große und Schönheit und mehrere kleinere Statuetten und reliefs ; 
votivfiguren von thieren, allerlei gefäße und geräthe, waffen, 
gewichte etc. bilden den rest. Auch durch terracotten ist 
diese ältere epoche griechischer kunst charakteristisch vertreten; 
wir nennen den torso einer weiblichen gewandfigur und einer 
Sphinx, ein Gorgoneion und einige löwen. An bemalten archi- 
tekturtheilen aus gebranntem thon besitzt Olympia jetzt sogar 
ohne zweifei die reichste Sammlung der weit. — Unter den 
steinsculpturen repräsentirt ein liegender wasserspeiender 
löwe aus kalkstein sehr charakteristisch diejenige epoche der 
griechischen kunst, in der sie noch ganz in den starren formen- 
schematismus des orientalischen stils gebannt war. — Das 5. 
Jahrhundert, die epoche des Phidias, ist besonders durch ein 
bedeutendes werk vertreten: den körper der kolossalen mittel- 
figur aus dem westgiebel des Zeustempels. Wie dieser auf das 
glücklichste durch das stolze haupt vervollständigt wird, dessen 
fand wir dem winter 76/77 danken, so haben unsere grabungen 
den aufbau der einen kolossalen kentaurengruppe durch die auf- 
findung ihres mittelstücks , die anordnung der übrigen gruppen 
durch die entdeckung von zwei kentaurenköpfen und mehreren 
hundert fragmenten von köpfen, rümpfen, armen, beinen mäch- 
tig gefördert. Es ist erfreulich zu sehen, wie die kolossalen 
giebelkompositionen des Zeustempels auf diese weise immer voll- 
ständiger zusammenwachsen, sich immer übersichtlicher gliedern. 
Unsere hoffnung, die theile dieser gruppen einst nahezu vollstän- 
dig zusammenzufinden, hat durch die erfahrungen des letzten 
winters neue nahrung erhalten. Haben wir doch auch für die 
metopenreliefs des Zeustempels und die Siegesgöttin des Paionios 
wiederum einen erheblichen Zuwachs an bruchstücken zu verzeich- 
nen. — Der kunstblüthe des 4. und der folgenden vorchristlichen 
Jahrhunderte entstammen außer dem bereits erwähnten rümpf 
des praxitelischen Dionysosknaben besonders ein paar torsen männ- 
licher statuen ; hierher darf man vielleicht auch den Oberkörper 
einer kolossalen Zeusstatue rechnen, deren mannshohe reste am 
Metroon ausgegraben wurden. Auch das reliefbathron aus dem 
octogonengraben mit der darstellung von Heraklesthaten und die 
bizarre statuenbasis in form eines kolossalen thierischen fußknö- 
chels gehören wohl noch der periode des freien Griechenlands an. 

— Numerisch am stärksten vertreten ist unter unsern marmor- 
funden die römische epoche. Etwa ein dutzend statuen (den 
stier des Herodes mit eingerechnet) 5 köpfe und hunderte von 
fragmenten gehören derselben an ; für drei dieser statuen ist die 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 385 

abstammung aus den athenischen bildhauerateliers der kaiserzeit 
durch inschriften gesichert. Natürlich überwiegen unter diesen 
werken die bildnisse der kaiser und kaiserinnen und anderer 
vornehmer persönlichkeiten der Römerzeit. Doch fehlen auch die 
mythologischen darstellungen nicht ganz : sie sind unter unserem 
fände durch eine Zeusstatue , einen Herakopf (?) , einen ausru- 
henden Herakles und eine Nemesis vertreten — so nämlich ist 
eine am eingang des Stadions entdeckte statue zu deuten, nachdem 
sich ihr attribut als das Symbol des maaßes, die eile, hat erkennen 
lassen. — Ganz besonders reich sind die ausgrabungen dieses win- 
ters an inschriften und münzen gewesen. Sorgfältig durchge- 
führte tiefgrabungen haben auf epigraphischem gebiet eine reihe 
der ältesten bronze- inschriften zu tage gefördert, welche für 
paläographische und dialektstudien von unschätzbarem werthe 
sind , und mehrere künstlerinschriften aus den zeiten der grie- 
chischen kunstblüthe haben sich denselben würdig angeschlossen. 
— Das numerische verhältniß der funde aus den drei cam- 
pagnen erhellt aus nachstehender Zusammenstellung der inven- 
tarnummern , von denen einige übrigens bisweilen eine größere 
anzahl von gegenständen unter sich befassen: 

winter 75/76 76/77 77/78 summa 

marmor 178 409 384 = 971 

bronze 685 1243 1806 = 3734 

terracotta 242 178 484 = 904 

inschriften .... 79 121 229 = 429 

münzen 175 208 987 = 1370 

Die photographische aufnähme der bedeutendsten baulichkei- 
ten und funde ist vollendet; die herausgäbe des 3. bandes der 
ausgrabungen zu Olympia wird vorbereitet. Früher erschienen: 
E. Curtius, F. Adler und G. Hirschfeld: Die ausgrabungen zu 
Olympia bd. I. (75/76) und H. (76/77) Berlin, Waßmuth 1876 
und 77. Ferner als Supplement dazu: G. Treu: Hermes mit 
dem Dionysosknaben, ein originalwerk des Praxiteles. Ebenda 
1878. Ebenso sind die gipsformen der werthvollsten stücke be- 
reits in Berlin angelangt — darunter die form des praxiteli- 
sehen Hermes in zwei exemplaren. Nach Vollendung und ein- 
reihung der abgüsse wird die Olympia - ausstellung im Campo 
santo eröffnet werden können. — EeichsAnz. nr. 175. 

Das Börsenblatt nr. 164 enthält einen artikel von Felix 
Liebeskind in Leipzig über „die deutsche schulgesell- 
schaft in Innsbruck", die unserer ansieht nach alle auf- 
merksamkeit verdient: wir theilen ihn daher hier ganz mit. 
„Der gedanke, deutsche spräche und sitte an der südlichen 
Sprachgrenze Tirols durch gründung und förderung deutscher 
schulen zu kräftigen und zu retten, fand im deutschen reiche 
ermunternde anerkennung. In Leipzig bildete sich ein comite', 
bestehend aus den hrn. professoren dr. Zarncke, dr. Mar. Voigt, 

Philol. Anz. IX. 26 



386 Kleine philologische zeitung.' Nr. 6. 

hofrath dr. Osterloh, dr. Schildbach, rector dr. Eckstein, und 
dr. Otto Delitzsch; in Königsberg, Heidelberg, Frankfurt a. M., 
Stuttgart, Dresden, München und vielen anderen städten wirk- 
ten männer wie dr. L. Steub, dr. Jos. v. Meyrhofer u. a. m. für 
dieses echt deutsche unternehmen, an dem sich schließlich auch 
vorerst ein kleiner theil buchhändler betheiligte. Vor allem wa- 
ren es die firmen Amthor in Gera, Dümmler's Verlagshandlung 
in Berlin , O. Spamer und A. Refelshöfer in Leipzig, Velhagen u. 
Klasing in Bielefeld und B. F. Voigt in Weimar, welche sich 
durch reiche spenden auszeichneten. Mit diesen mittein, theils 
in geld, theils in büchern, gelang es, zahlreiche pflanzstätten 
deutscher spräche und cultur neu zu gründen oder zu erhalten. 
— Was nun den jetzigen zustand der von der gesellschaft un- 
terstützten deutschen schulen Südtirols betrifft, so läßt derselbe 
allerdings noch manches zu wünschen übrig; allein die schuld 
hiervon fällt wesentlich auf die Verhältnisse zurück, unter wel- 
chen die Volksschule in Tirol überhaupt ihre existenz weiter- 
führt. Bekanntlich ist Tirol in der diesseitigen hälfte der öster- 
reichischen monarchie das einzige kronland, in welchem die lan- 
desgesetzgebung die reichsschulgesetze noch nicht zur ausfüh- 
rung gebracht hat und voraussichtlich auch noch lange nicht 
bringen kann. Dennoch sind aus den unterstützten schulen sehr 
erfreuliche thatsachen zu berichten, so in Luserna, Florez, 
Buchholz und Laurein. Aber nur diejenigen, welche sich in 
die innern zustände der deutschen enclaven einen tiefern ein- 
blick verschaffen konnten, können bestätigen, in welch' arger 
geistiger Vernachlässigung manche derselben lange zeit hin- 
durch gelegen haben , und wie schwer der druck nationaler 
Vergewaltigung durch rücksichtslos angestrebte italianisirung 
in kirche, schule und amt auf denselben gelastet hat. — Die 
mittel, welche der gesellschaft bisher zur Verfügung standen, 
sind verschwindend klein zu nennen gegenüber denen, welche 
die Italiener ihrerseits aufwandten , um das ganze südlich 
der Alpen gelegene land Tirol wenn auch nur nach und nach 
ihrer spräche und ihren gebrauchen zu unterjochen. Um so 
beachtenswerther ist die ausdauer, die weise Verwendung der 
geringen mittel , mit denen es den männern , welche in Inns- 
bruck an der spitze der gesellschaft stehen, gelang, jenen be- 
strebungen entgegenzutreten und gewissermaßen auch ein ziel 
zu setzen. Wäre es nun möglich , daß diese mittel vergrößert 
würden, und zwar derart, daß eine dauernde Unterstützung des 
deutschen volksschulwesens in den deutschen grenzorten und 
enclaven stattfinden könnte, so würde nicht nur der Unterricht 
und die Spracherhaltung gefördert, sondern auch noch manches 
andere , was dem deutschen elemente dort höheren moralischen 
und materiellen aufschwuug und nachhaltige kräftigung zu bringen 
vermag. — Es fragt sich nun: werden die deutschen buchhändler 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung 387 

als förderer deutscher spräche und Wissenschaft sich bei diesem un- 
ternehmen betheiligen, oder werden sie unthätig zusehen, wie 
ein urdeutsches land, die heimath Walther's von der Vogelweide, 
— der sage von könig Laurein's rosengarten etc. langsam aber 
sicher der deutschen spräche entfremdet wird ? Werden sie eben- 
soviel Patriotismus bethätigen wie die Italiener, die, wenn nicht 
mehr, so doch mindestens gleich wie sie unter der Ungunst der 
zeit lebend , dennoch opferwillig ihre zwecke verfolgen und die 
dazu nöthigen mittel in reichem maße schaffen, — oder werden 
sie kein herz haben für jene ihre stammesgenossen , die noch an 
ihrer väter spräche sich anklammernd die hände bittend und ver- 
trauensvoll ihnen und dem mächtigen Deutschland entgegenstre- 
cken ? — Nach den eingangs erwähnten, in einem kleinen kreise ge- 
lehrter und buchhändler erzielten erfolgen zu schließen (Leipzig 
allein konnte in verhältnißmäßig kurzer zeit 540 fl. und minde- 
stens das dreifache an werth in büchern spenden) , liegt die hoff- 
nung nicht fern, daß es nur des bekanntwerdens eines solchen 
patriotischen Unternehmens bedarf, um den gesammten buchhan- 
del dafür zu gewinnen. Handelt es sich doch neben der natio- 
nalen seite auch um die Wiedererwerbung eines großen absatz- 
gebietes unserer literatur, für das wir alle einzutreten haben ! — 
Daß die zeiten ungünstig sind , daß täglich neue anforderun- 
gen an unsere mitglieder gestellt werden, darf hier schon des 
großen allgemeinen interesses wegen nicht in betracht kom- 
men , um so weniger , als es gar nicht so schwer sein wird, das 
unternehmen selbst mit nur geringen opfern wirksam zu fördern. 
In der einigkeit liegt die stärke. "Wenn also beispielsweise jede 
der 5000 firmen auch nur 3 mark spenden wollte, so würde 
dieses capital ausreichen, mehrere lehrerstellen zu dotiren und 
mit tüchtigen männern zu besetzen. Wollten ferner die Verle- 
ger von ihrem lager nur das ablassen , was in alten auflagen 
von Schulbüchern ihnen verbleibt , oder an beschädigten , aber 
noch brauchbaren exemplaren von werken über land- und forst- 
cultur , von katholischen Jugendschriften und medicinischen und 
veterinärwissenschaftlichen büchern für geistliche und lehrer, — 
die sortimenter aber artikel, die aus irgend einem gründe von 
den Verlegern nicht angenommen wurden und für die sie nun 
keine Verwendung haben , so könnte man die schulen reich be- 
schenken , kleine bibliotheken gründen , durch prämien bei kin- 
dern und erwachsenen die lust an deutscher spräche erwecken 
und erhalten ; der inhalt aber dieser bücher würde segensreich 
für cultur und sitten wirken, und für die deutsche sache würde 
damit siegreich gekämpft werden. — — Die hrn. professoren 
dr. Jos. Egger, dr. Alphons und dr. Ad. Heuler, dr. Ig. V. Zin- 
gerle und der k. k. landesschulinspector Christ. Schneller, sämmt- 
lich in Innsbruck , werden auf verlangen gern weiter auskunft 
ertheilen. Die Wagner'sche Universitäts-buchhandlung in Inns- 

26* 



388 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

brück und ich sind bereit, gütige gaben und beitrage entgegenzu- 
nehmen und bitten, diesen zeilen ein freundliches gehör zuschenken. 

Eine „Geschichte der maierei von den ältesten 
zeiten bis auf die gegen wart", herausgegeben von Alfred 
Woltmann, erscheint, aufs reichste mit holzschnitten illustrirt, im 
verlage von E. A. Seemann in Leipzig. Die bearbeitung der 
geschichte der antiken maierei hat der herausgeber der auf die- 
sem gebiete bewährten feder von Karl Wörmann überlassen, 
dessen antheil an dem gesammtwerke in der soeben ausgegebenen 
ersten lieferung von sieben bogen ziemlich vollständig vorliegt. 
Das ganze werk, in format und ausstattung sich genau an Lübke's 
„Geschichte der plastik" und dessen „Geschichte der architektur" 
anschließend, ist auf 9 bis 1 lieferungen berechnet, die in Zwi- 
schenräumen von zwei zu zwei monaten erscheinen sollen. 

Von dem oft besprochenen, im verlage der gebrüder Kröner 
in Stuttgart erscheinenden prachtlieferungs werke: „Un- 
ser vaterland" liegen bereits wieder zwei neue hefte, das 21. 
und 22. vor. In denselben übernimmt — nachdem L. v. Hör- 
mann den volkstypen und trachten in Tirol einen interessanten 
abschnitt gewidmet, — K. v. Seyffertitz die führung durch 
das schöne Vorarlberg, vom seegestade durch den Bregenzer- 
wald rheinaufwärts. Matthias Schmid und E. Püttner haben sich 
in die illustrative ausstattung des textes getheilt. In wohlgelun- 
genen holzschnitten werden dem leser vorgeführt: die Gebhards- 
kapelle bei Bregenz, ein haus im Bregenzer walde, die brücke 
von Egg, Bregenzerwälderinnen, eine Vedute auf dem wege nach 
Au, der Schröken, Hohenems, die ruine Neuenburg bei Götzis, 
die kirche in Rankwyl, Feldkirch, sowie häuser an der 111 da- 
selbst, und endlich der eingang zum Margretenkapf. Die präch- 
tigen größeren kunstblätter, welche diesen heften beiliegen, stel- 
len dar : Bilder aus der Umgebung von Bozen , Alt - Bregenz, 
Landeck und blick auf Scesaplana von Gollafera, sämmtlich von 
E. Püttner. 

Eine auswärtige zeitung veröffentlichte vor einiger zeit eine 
reihe anziehend geschriebener, trefflicher feuilletons, die jetzt zu 
einem kleinen bändchen gesammelt als „Moralische b riefe" 
von A. Horwicz im verlage der Faberschen buchdruckerei zu 
Magdeburg soeben erschienen sind. Der Verfasser, der durch 
mehrere literarische arbeiten auf dem volkspsychologischen ge- 
biete bereits in weiteren kreisen bekannt geworden ist, unter- 
nimmt in den vorliegenden briefen eine reihe sachlich und for- 
mell getrennter , innerlich aber durch ein gemeinsames geistiges 
band verbundener exkursionen in das gesellschaftliche und poli- 
tische leben der deutschen gegenwart. Auf einer durch Studium 
und erfahrung gleichmäßig gesicherten grundlage entwirft er pla- 
stisch aus dem rahmen der darstelluug hervortretend bilder un- 
serer gesellschaftlichen zustände und mißstände, die mit ernster 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 389 

lehre dem leser vor die seele gerückt werden, ohne daß die dar- 
stellung in jenen schulmeisterlichen ton verfiele, der einer vollen 
Wirkung auf das gemüth entgegenstehen würde. Ernste und 
wackere gedanken in schlichter und doch geistvoller spräche 
erfüllen namentlich die hriefe „Sociales für die gebildeten" 
und „Der philosophische und religiöse radicalismus" ; ener- 
gische abwehr gegen die auswüchse unserer gesellschaftlichen 
formen predigt der artikel „modenarrheit", während der brief 
„Unsere bildung" allen gebildeten ein maß geben will der 
anforderungen , die mit recht an die gebildeten unserer zeit 
und unseres volkes gestellt werden können ; auch der wirtschaft- 
lichen seite des deutschen Volkslebens wendet der Verfasser, und 
besonders in den briefen „Handel und industrie" und „Gemein- 
nützige arbeit" die aufmerksamkeit des lesers zu. Überall sucht 
er die schwächen und schaden im Volksleben drastisch hervor- 
zuheben, ohne das vorhandene treffliche in anläge und Wirklich- 
keit aus dem gesichtskreise vei'schwinden zu lassen. Ebenso 
entfernt von übertriebener Schwarzmalerei als optimistischer 
Schönfärberei leitet er seine guten rathschläge von obersten sitt- 
lichen principien ab , die er als die zu erstrebenden ziele , als 
patriotische, christliche und menschenplicht stetig im äuge behält. 
Göttingen, 20 juni. Hipjjokrates. Die philosophische facul- 
tät der hiesigen Universität hatte 1870 eine preisaufgabe über 
Jlippolcrates gestellt, welche in diesem Anzeiger bd. III, nr. 4, p. 186 
abgedruckt ist : zur lösung war eine arbeit eingelaufen , welche 
nach dem urtheil des unterzeichneten den preis nicht erhalten 
konnte. Jetzt ist die aufgäbe zum zweiten male und unverän- 
dert für 1880 gegeben : von verschiedenen seiten darauf aufmerk- 
sam gemacht, daß es sich etwaiger bewerber wegen empfehlen 
dürfte dies mein von der facultät gebilligtes urtheil zur öffent- 
lichen kenntniß zu bringen, lasse ich es hier abdrucken: es 
sind nur einige wenige die facultät allein betreffende bemer- 
kungen weggelassen und einige stylistische änderungen gemacht. 
— Es ist nicht leicht in der kürze ein gerechtes urtheil über 
die eingelieferte schrift zu begründen. Um mit äußerem zu be- 
ginnen, es beschleicht den kenner trotz des schönen Umschlags 
schon bei dem geringen umfang der schrift ein gewisses bäng- 
liches gefühl : man erwartete ein buch. Jedoch der umfang ent- 
scheidet nicht: also zur genügenden lösung der aufgäbe gehörte 
vor allem genaue kenntniß der leistungen der neueren : wie we- 
nig dieser anforderung unsere schrift entspricht, zeigt die unbe- 
kanntschaft mit den arbeiten von Reinhold, Petersen, Meixner, Mei- 
neke, Lichtenstädt , Welcker u. s. w. zur genüge. Und dabei 
beachte man, daß das eben genannte dem vrf. zum theil aus hand- 
büchern und bibliographischen hülfsmitteln bekannt werden 
konnte : darnach kann eben nicht wunder nehmen, wenn alles, was 
in Zeitschriften und sonst gelegentlich neuerdirgs von gelehrten 



390 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

bemerkt worden, z. b. von Daremberg, Martin und andern Fran- 
zosen in den Memoires de la socidte* des antiquaires en France, 
Se'ances et travaux de l'acad. des sciences morales etc. , Revue 
arche'ologique u. s. w., ferner von Conradi, unserm frühern col- 
legen, in Gott. gel. anzeigen und sonst, von Petersen, Cobet u. 
s. w. ja selbst dissertationen wie die von Hirsch (Berlin 1864), 
die für anatomie beachtenswerth, — wenn von diesem allem der 
vrf. nichts weiß. Natürlich hat dies auf die abhandlung nur 
nachtheiligen einfluß geübt : so bleibt, um nur eins gleich hier zu 
erwähnen, das p. 39 über das buch nsgl qvaiog dv&Qcönov gesagte 
weit hinter den ausführungen von Ermerius (den der vrf. auch 
nicht kennt) in Hipp. T. II proll. p. XXXH fgg. geleistetem zurück. 
— Dies in bezug auf neuere literatur. Aber es mußten auch 
die altern benutzt werden: zwar spricht vrf. von Sprengel und 
weiß — mit recht — von diesem eben nicht viel zu rühmen: 
aber Foesius, Haller, M. Gesner, selbst Grüner geben gar manche 
vortreffliche winke : aus Ackermann bei Kuehn. Hippocr. I, praef. 
mußte der vrf. sie kennen. Nach meiner auffassung von wis- 
senschaftlicher behandlung würde schon dies die ertheilung des 
preises unmöglich machen: die abhandlung steht nicht auf dem 
Standpunkt der heutigen forschungen über Hippokrates und die 
ältere periode der griechischen medizin. Aber es ist noch mehr 
auf diesem gebiete versehen. Grade bei fragen nach echtheit 
oder unechtheit von Schriften aus der alten classischen zeit müs- 
sen vor allem die angaben der alten selbst über die in rede 
stehenden Schriften gesammelt und herangezogen , also das ma- 
terial, was das alterthum selbst dafür bietet, ausgebeutet werden, 
hier also die citate, die Verzeichnisse der Hippokratischen Schrif- 
ten und verwandtes (vrgl. Klein ad Erot. Voc. Hippocr. conl. 
proll. c. I. II , den vrf. auch nicht kennt) , die erläuterungen 
Galen's u. s. w. : alles dies (mit aitsnahme einzelner anführungen 
aus Galen) ignorirt unser vrf, , verschmäht also auf einen stoff 
einzugehen, der zur Schaffung einer gelehrten arbeit — und eine 
solche mußte er doch liefern — meines erachtens unumgänglich 
nöthig war, der die eingehendste beachtung erheischte. — Dies 
verräth außer anderm doch auch mangelhafte kenntniß der griechi- 
schen literatur : dazu gesellt sich ein gleiches in betreff der griechi- 
schen spräche. Die aufgäbe weist deutlich auf Schriften vor Hip- 
pokrates hin : deshalb vor allem, aber auch schon wegen der frage 
nach den gleichzeitigen — s. unten — Verfassern der Hippokra- 
teischen Schriften durfte der vrf. die erörterung der behandlung der 
spräche bei Hippokrates so wie der art und weise seiner com- 
position nicht umgehen-, denn nur durch sie konnte er für eine 
erhebliche seite der aufgäbe eine sichere grundlage sich schaffen. 
Zwar existiren gerade über diesen punkt sehr wenig vorarbeiten : 
aber trotzdem verlangen wir hier nicht zu viel: denn bei eini- 
gem eindringen stellen sich bald feste eigenthümlichkeiten her 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 391 

aus — so im gebrauch des artikels, in dem gewisser partikeln 
und präpositionen, vor allem in der periodologie — die einen 
sichern Schluß auf die Verfasser erlauben: die schwierige frage 
nach dem dialekte konnte bei seite gelassen werden. Der vrf. ist 
eben kein philolog : ganz deutlich tritt dies da hervor, wo er auf 
kritische behandlung des textes einzugehen veranlaßt wird: die 
glückliche lösung der preisfrage verlangt eben einen philologisch 
gebildeten, an den auch bei der Stellung allein gedacht ward. 

— Diese bemerkungen faßten lediglich den Hippokrates ins äuge ; 
die aufgäbe betrifft aber zugleich auch die geschichte der griechi- 
schen philosophie. Es wäre also auch für diese zunächst über die be- 
nutzung der alten wie der neuen literatur zu berichten : ich be- 
gnüge mich jedoch hier mit der Versicherung, daß hier dieselben 
mängel wie bei Hippokrates sich zeigen, da das folgende dafür 
die belege zur genüge bringen wird. Nur das eine mag von 
neuerem hervorgehoben werden, daß dem vrf. die hier so wich- 
tigen aufsätze und Schriften von Bernays unbekannt geblieben. 

— Alles dieses läuft darauf hinaus, daß der vrf. sich nicht 
die für seine aufgäbe erforderliche grundlage zu schaffen ver- 
mocht hat. Gehen wir nun zur aufgäbe selbst , so soll das 
unter dem namen des Hippocrates gehende corpus in seine be- 
standtheile zerlegt, die ganze masse geischtet werden, und zwar mit 
hülfe der philosophie. Um dabei mit erfolg zu verfahren, waren 
meines erachtens (der vrf. verfährt ganz anders) zuerst die vor 
Hippokrates fallenden Schriften, z. b. die xcoaxa} ngoytcoaeii;, 
auszuscheiden und zwar bei der beschaffenheit des Stoffes — 
unsre kenntniß der vorsokratischen philosophie ist äußert lücken- 
haft — vorzugsweise mit hülfe der spräche: — eben so und 
zwar auch hier nach anleitung der aufgäbe das spätere: dies 
ist schon leichter , da vielfach die ganze auffassungsart die spä- 
tere zeit verräth. Was darnach übrig bleibt, bietet die größten 
Schwierigkeiten , weil nach der Überlieferung aus dem alterthum 
in dem corpus bücher von Zeitgenossen des Hippokrates sich 
finden : aus scharfer analyse der unzweifelhaft echten Schriften 
waren die ansichten — und zwar vorzugsweise die philosophi- 
schen , natürlich im alten sinn des worts — des Koers zu er- 
mitteln , die philosophischen bestandtheile auf ihre Urheber zu- 
rückzuführen , die darstellungsweise und kunst des Hippokrates 
wenigstens in ihren hauptzügen zu beschreiben und das so ge- 
wonnene dann an die zweifelhaften bücher anzulegen und ihre 
zeit bezw. Verfasser zu gewinnen. Gerade hierin liegt das neue 
der aufgäbe: man hat durch Plato veranlaßt und von den vier 
hauptflüssigkeiten im menschlichen körper ausgehend zu befrie- 
digenden resultaten zu gelangen versucht ; es ist , wie der vrf. 
unserer schrift richtig angiebt, eben nicht recht gegangen: um 
so eher hätte er besseres aufstellen sollen. Daß er das eben 
nicht gethan, liegt an seinen mangelhaften kenntnissen, wie hier 



392 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

mit einem beispiel bewiesen werden mag. Man hat längst er- 
kannt, das Heraklit's ansichten von großem einfluß auf Hippo- 
krates gewesen: besonders reichen stoff für den beweis liefert 
das buch nsg] TQoepTjg , wie erst neuerdings klar geworden seit 
auffindung der bücher des Hippolytus Refut. om. haeresium: s. 
Bernays die Herakl. Brief, p. 60. 145 : es lassen sich darnach 
jetzt ganze sätze auf Heraklit zurückführen : davon weiß unser 
vrf. — nichts : s. p. 44. Mit leichter mühe ließe sich ähnliches aus 
andern sicher echten Schriften nachweisen, wie nsgl diaizijg o<~emv, 
nsgl äegtov xt\. , Tiegl inidqpimv a und y\ 7zqoqq)]tihcöv ß', und 
somit ein weiterer beweis für das ungenügende der vorliegenden 
schrift bringen, aber ich will lieber noch bemerken, daß der vrf. 
auch bezüge auf Eleaten nachweist : meines erachtens ist das im 
ganzen richtig, wie z. b. Parmenides sicher berücksichtigt wird, 
s. Ermer. ad Hipp. T. II, proll. p. XXVI: aber die art, wie 
vrf. den Melissos behandelt, ist sicher verfehlt, wie die anläge 
des nähern nachweist. — Aber damit ist das philosophische noch 
nicht erschöpft : auf Demokrit war auch einzugehen, s. Mullach 
ad Dem. frr. p. 74 fgg. coli. p. 333, freilich eine ungemein schwie- 
rige frage : auch auf Gorgias und sophisten : s. Fabric. B. Gr. 
II, p. 510 Harl. : für spätere zeit fällt gar manches aus den 
entschieden unechten Schriften ab. Bei diesen tritt aber auch 
hier wie z. b. bei Ermerius, die eigenthümlichkeit ein, daß dies 
unechte „sophisten" zugeschrieben wird: es ist dies meines er- 
achtens ein entschiedener mißgriff. Gar manches von diesem 
unechten ist auf den griechichen inseln, in Klein- Asien geschrie- 
ben, an orten, die hinsichtlich des literarischen lebens und trei- 
bens in ihnen uns entweder wenig oder gar nicht näher be- 
kannt sind: da helfen diese schritten aus und lassen eine em- 
pfindliche lücke wenigstens etwas ausfüllen. Was z. b. Senge- 
busch (Homer. Diss.) für Chios zu leisten begonnen, konnte hier 
auch geschehen. — Noch vieles wäre zu besprechen: so ob 
Hippokrates als mediziner richtig aufgefaßt sei. Der vrf. scheint 
ihn sich nur als arzt zu denken: er ist aber vorzugsweise Chi- 
rurg, wie sich auch nach der entwicklung, die die griechische 
medizin genommen, erwarten läßt: denn auf die ausbildung die- 
ser seit den ältesten zeiten in Griechenland betriebenen kunst 
(s. Solon. Eleg. fr. Xni, 57 fgg. B.) hat die ebenfalls uralte 
athletik eingewirkt, welche früh besonders in Athen theoretisch 
(Pind. Nem. V, 49) behandelt ward und somit den körper und 
seine beschaffenheit studieren nmßte ; dasselbe gilt von der tanz- 
kunst (Hom. II /7, 617. 2, 590. Od. 0, 370: vrgl. meine be- 
merkungen im Götting. Gel. anz. 1855, st. 18), vor allen aber 
von der bildenden kunst, die durch die mythen sowohl als durch 
athletenstatuen und sonstigen gymnastischen figuren auf Studium 
der muskeln u. s. w. gewiesen war und dies schon vor den Per- 
serkriegen vollkommen erkannt hatte. Doch das kann hier nur 



Nr. 6. Auszüge aus Zeitschriften. 393 

angedeutet werden : vrgl. dazu Welcker Kl. schritt. III, und we- 
gen Hippokrates ebendas. p. 221. — Dies dürfte genügen für 
den beweis, daß diese uns eingeschickte schrift unmöglich den 
preis erhalten konnte : der vrf. , wenn er auch manche einzelne 
gute bemerkung gemacht hat, ist für solche aufgäbe viel zu un- 
vorbereitet gewesen. Zugleich hoffe ich aber, daß diese ausfüh- 
rung jeden von der trefflichkeit der aufgäbe überzeugt hat : und 
doch habe ich in der hinsieht bei weitem nicht alles andeuten 
können. Denn, um nur etwas hinzuzufügen, wird durch sie die 
darstellung der alten griechischen philosophie auf eine so gut 
wie unbenutzte quelle hingewiesen: einer der größten gewinne 
aber, den die richtige behandlung der aufgäbe der Wissenschaft 
bringen würde, dürfte schließlich noch* der sein, daß durch sie 
eine treffliche parallele für die frage nach unechtheit und echt- 
heit der unter Piatons namen gehenden Schriften geschaffen 
würde-, daß eine solche noch fehlt, bewirkt auch, daß auf die- 
sem gebiete noch so manches unentschieden schwankt. — Ernst 
von Leutsch. 



Auszüge aus Zeitschriften. 

Hermes bd. X, (1875) hft. 1: G. Kaibel (und Fr. Bücheier) de 
Callimachi epigrammate XLIII ed. Schneid., p. 1. — B. Foerster, 
emendationes ad Libanii declarnationes nuper editas alterae, p. 7. — 
F. Blass, Hypereides rede gegen Deinosthenes. p. 23. — Th. Momm- 
sen, der begriff des pomoerium, p. 40. — O. Gruppe, über die bücher 
XIV — XVIII der antiquitates hurnanae des Varro, p. 51. — B. Hirzel, 
über den protreptikos des Aristoteles, p. 61. — C. Conradt, über ei- 
nige eigenthümlichkeiten des versbaus bei Terenz, p. 101. — B. Schu- 
bert, der vierjährige krieg, p. 111. — Miscellen: O. Müller, drei 
neue fragmente, p. 117 [wurden aus Cicero, das letzte aus scholien zu 
Statius gewonnen]. — J. Müller, glosseme in Cicero, p. 119. — J. 
Sommerbr odt, der musenverein des Sophokles, p. 121. — Zu Sophokles 
von A. Nauck, p. 124. — H. Jordan, steinmetzzeichen, p. 126. 

Hft. 2 : B. Lepsius, die griechische inschrift des nubischen königs 
Silko, p. 129. — B. Neubauer , das archontat des Rhoemetalkas in 
Athen, p. 145. — Derselbe, über eine altlakonische bustrophedoninschrift, 
p. 153. — Th. Nöldeke , die römischen provinzen Palästina salutaris 
und Arabia, p. 163. — M. Schanz, mittheilungen über platonische 
handschriften, p. 172. — E. Zeller, Aristoteles und Philolaos, p. 178. 
— G. Kaibel, ein würfelorakel, p. 192. — H. Zuborg, Sophokles und 
die elegie, p. 203. — E. Curtius, studien zur geschiente von Korinth, 
p. 215. — Albert Gemoll, das verhältniß der drei Wolfenbüttler von 
Lange für das fragment de munitionibus caslrorum benutzten hand- 
schriften, p. 244. — Miscellen: O. Seeck, eine enttäuschung p. 251: 
bezieht sich auf die von Nissen entdeckte vita Catonis (s. Phil. Anz. 
VII, p. 163 u. ö.). — J. Vahlen, Platonicum, p. 253. — B. Hirzel, 
ein rhetor. Protarchos, p. 254. — Derselbe, berichtigung, p. 256: be- 
zieht sich auf ob. hft. 1, p. 61. 

Hft. 3: S. P. Lampros , mittheilungen über den codex Palatinus 
X, 88 (des Lysias). p. 257. — H. Pack, die entstehung der makedo- 



394 Auszüge aus zeischriften. Nr. 6. 

nischen anagraphe, p. 281. — Th. Schreiber, über das sogenannte 
fragment in den Proklos-excerpten über den epischen cyclus, p. 305. 

— E. Hiller, die bandschriftliche Überlieferung des Albinus, p. 323. 

— V. v. Wilamowitz-Möllendorf, in libellum ntol vipovg conjecturae, 
p. 334. — H. Buermann, des Pseudo-Lysias xctTyyooict ngog rovg avvov- 
aiaarag xaxoXoytwv, p. 347. — G. Kramer, zu Strabo, p. 375. — Mis- 
cellen: Th. Schiche, zu Cicero, p. 380. — Th. Mommsen, zu Dictys, 
p. 383. 

Hft. 4: E. Curtius, über den seebund von Kalauria, p. 385. — 
E. Hübner, über den namen des Arminius, p. 403. — F. K. Hertlein, 
zu Dionysius Halicarnassensis, p. 408. — F. Leo, de recensendis Se- 
necae tragoediis, p. 423. — H. Schubert, das archontat des Diokles, 
p. 447. — J. Vahlen, zu Aristoteles, p. 451. — Derselbe, Varia, p. 
458. — H. Jordan, steinmetzzeichen auf der servianischen wallmauer, 
p. 461. — H. Förster, zur pbysiognomik des Polemon, p. 465. — Th. 
Mommsen, zu den capitolinischen magistratstafeln, p. 369. — Mis~ 
celle: Th. Mommsen, quingenta milia, p. 472. 

Bd. XI (1876), hft. 1: Adolph Kirchhoff, der delische bund im 
ersten decenniuni seines bestehens, p. 1. — Theodor Mommsen, dasver- 
zeichniß der italischen wehrfähigen aus dem j. 529 d. st., p. 49. — 
O. Seeck, die zeit des Vegetius, p. 61. — E. Zeller, über den Zusam- 
menhang der platonischen und aristotelischen Schriften mit der per- 
sönlichen lehrthätigkeit ihrer Verfasser, p. 84. — C. Robert, proxe- 
niendecrete aus Tanagra (hiezu eine tafel). p. 97. — M. Schanz, vo.it- 
theilungen über platonische handschriften , p. 504. — Miscellen: 
U. de Wilamowilz-Moellendorf, de codice rescripto Parisino 6900 A, 
p. 118.— R. Hirzel, zu Aristoph. Wolken 187, p. 121. — H.Jordan, 
navale und navalia, p. 122. — H. Heydemann, zur Anthologia pala- 
tina graeca XII, 207, p. 124. — E. Wölfßin, der ursprüngliche titel 
der Germania des Tacitus, p. 126. — K. E. Georges, P. R. S. Q: 
scindere epistulam, p. 127. — ' E. Hübner, zu Vell. Pat. II, 118, 2, 
p. 128. 

Hft. 2: J. Bernays , quellennachweise zu Politian und Georgius 
Valla, p. 129. — R. Neubauer, epigramme aus dem Ephebengymna- 
sium, p. 139. — O. Hirschfeld, die kapitolinischen fasten (zweiter 
artikel), p. 151. — A. Gemoll , über das fragment de munitionibus 
castrorum (vrgl. Hermes X, p. 114), p. 164. — H. Pack, die quelle 
des berichtes über den heiligen krieg in Diodor. XVI, p. 179. — R. 
Scholl, zum cod. Palatinus des Lysias, p. 202. — Derselbe, zum codex 
Mediceus des Aeschylos, p. 219. — R. Hercher, zu griechischen pro- 
saikern, p. 223. — C. Gruppe, zum sogenannten Manilius, p. 234. — 
R. Hirzel, zur philosophie des Alkmäon, p. 240. — A. Breysig, zu 
Avienus, p. 247. — U. v. Wilamowitz-Möllendorf, lectionum codicis 
Salatini 289, p. 255. — O. Hirschfeld, berichtigung : gegen Georges 
ob. p. 127 gerichtet. 

Hft. 3: Wolf gang Heibig, studien über die älteste italische ge- 
schichte, p. 267. — U. v. Wilamowitz-Möllendorf, memoriae oblitte- 
ratae, p. 291. — H. Jordan, die invectiven des Sallust und Cicero, 
p. 305. — R. Scholl, zu Sali. Catil. 51. p. 332. — C. v. Morawski, 
quaestionum Charisianarum specimen, p. 339. — R. Hercher, zu grie- 
chischen prosaikern, p. 355. — G. Kaibel, Parthenianum, p. 370. — 
R. Neubauer, zu Pittakis l'ancienne Athenes, p. 374. — Miscellen'. 
H. Röhl, zu Lysias XX, 19. Andoc. II, 25. Lysias XIII, 72. Corp. inscr. att. 
59, p. 379. — R. Neubauer, zu Pittakis l'ancienne Athenes, p. 381. 

— Derselbe, zu Ephem. arch. nr. 2443, p. 382. — G. Kaibel, ad C. 
i. gr. 1100, p. 383. 

Hit. 4 ; R. Neubauer, herstcllung des ephebencatalogs in C. inscr. 



Nr. 6. Auszüge aus Zeitschriften. 395 

att. 291 (hierzu eine tafel), p. 385. — Th. Gomperz, UoXvoTQc'aon 
ntol ulöyov xcactff QovrjOto}? , ol d' InbyQiafovcsiv ngög rovg ulöytag xaitt- 
&Qaovvo/j,ii'ov<; iviv iv xoig nolkolg doZaCo/uevwv, p. 399. — E. Zeller, 
der streit Theophrasts gegen Zeno über die ewigkeit der weit, p. 422. 

— Derselbe, die hieroglypkiker Chaeremon und Horapollo, p. 430. — 
A. Eberhard, zu Moschopulos tractat über die magischen quadrate, 
p. 434. — V. Gardthausen, über die tachygraphie der Griechen (hierzu 
eine tafel), p. 443. — J. G. Droysen , zu Duris und Hieronymus, p. 
458. — G. Niese, bemerkuugen über die Urkunden bei Joseph. Arch. 
XIII, XIV -XVI, p. 466. - A. Freudenberg, zu des Aurelius Victor 
Viri illustres und Caesares , p. 487. — U. v. Wilamowitz-Möllendorf, 
der pessimist des Menander, p. 498. — Th. Gomperz, zu Menander, 
p. 507. — Mise eilen: E. Curtius, zu Plinius, p. 514. — V. v. Wi- 
lamowitz-Moellendorf, Corrigendum (zu XI, p. 304). 

Bd. XII, hft. 1 : zu den attischen ephebeninschriften, von W. Dit- 
tenberger, p. 1. — L. Cioiklinski, über die entstehungsweise des zwei- 
ten theiles der thukydideischen geschichte, p. 23; (vrgl. Philol. Anz. 
IX, p. 29). — Th. Mommsen, die pompejanischen quittungstafeln des 
L. Caecilius Secundus, p. 88. — Mise eilen; O. Hirschfeld, die ab- 
fassungszeit der responsa des Cervidius Scaevola, p. 142. — A. Riese, 
Anthusa, p. 143. 

Hft. 2: R. Hercher, zu den griechischen prosaikern , p. 145. — 

A. Breysig, zu Avienus, p. 152. — A. Jordan, zu den handschriften 
des Piaton, p. 161. — 31. Schanz, über die kritische grundlage der 
platonischen republik, p. 173. — F.K. Hertlein, zu griechischen pro- 
saikern, p. 182. — J. Vahlen, Varia, p. 189. — H. Zuborg, der letzte 
ostrakismos, p. 198. -- R. Förster, Aristophanes oder ein anderer, p. 
207. — Derselbe, supplentur et emendantur Libanii KtffäXov xal 'Aqi- 
arorftoyjog uvxi,l.oyim 3 p. 217. — Th. Gomperz, zu Philodem, p. 223. — 
J. G. Droysen, Alexander des großen armee, p. 226. — Miscellen: 
J. Vahlen, Enniana, p. 253. — R. H., zu Libanius, p. 255. — U. v. 
Wilamowitz-Möllendorf , Erklärung, p. 255. 

Hft. 3: E. Hiibner, der fund von Procolitia, p. 257. — K. Mül- 
lenhof, Cucerni - Cuberni (zu p. 263), p. 272. — A. Ludwich, über die 
handschriftliche Überlieferung der Dionysiaca des Nonnos , p. 273. — 
Otto Müller, zu römischen autoren, p. 300. — R. Hercher, zur text- 
kritik der Verwandlungen des Antoninus Liberalis, p. 306. — E. Ras- 
mus, über eine handschrift des Solinus, p. 320. — U. v. Wilamowitz- 
Möllendorf, die Thukydideslegende, p. 326. — A. Kirchhoff, zur ge- 
schichte der Überlieferung des thukydideischen textes, p. 368. — Mis- 
cellen: J. Bemays, eine verschollene Reiskesche emendation und das 
edikt des Theodorich, p. 382. — Hans Droysen, die Eutropiusausga- 
ben von Schoonhoven und E. Vinetus, p. 385. — Derselbe, über den 
codex Palatinus (nr. 909) der historia Romana des Landolfus Sagax, 
p. 287. — R. H., zu Hom. Odyss. XVII, 302, p. 391. - A. Nauck, 
zu Homer , p. 303. — Derselbe , zu Joannes Damascenus, p. 395. — 

B. Niese, Soph. Electr. 85. 1251 f., p. 398. - J. Vahlen, Enniana, 
p. 399. 

Hft. 4 : Th. Mommsen , zu der Origo gentis Romanae, p. 401. — 
B. Niese, über den volksstamm der Gräker, p. 409. — H. Diels, das 
fragmentum Mathematicum Bobniense, p. 421. — R. Förster, studien 
zu den griechischen taktikern: I. über die tactica des Arrian und Ae- 
lian. p. 426; IL Kaiser Hadrian und die taktik des Urbicus, p. 449. 

— A. Schoene, zur Überlieferung des thukydideischen textes. Die at- 
tische Vertragsurkunde von ol. 89, 4. (Vrgl. ob. p. 368 flg.). — H. van 
Herwerden, ad Demosthenem, p. 478. — Th. Mommsen, zum römischen 
straßenwesen, p. 486. - E. Curtius, das Pythion in Athen (mit einer 



396 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 6. 

kartenskizze, p. 492. — Miscellen: A. Holder, corollariuiu emen- 
dationum Libanianarum , p. 500. — AI. Holder, zur Claudian-hand- 
schrift B, p. 503. — C. Robert, zu Philodem mql Savätov, p. 508. — 
O. Seeck, zu Tac. Dial. 31, p. 509. — Derselbe, zu Polyb. III, 88, 8, 
p. 509. — Nachträge und Berichtigungen : Th. Gomperz, zu 
Herrn. XI, p. 399 über Polystratus, p. 510. — Derselbe, zu Herrn. 
XI, p. 301 den nachlaß des C. Lascaris betreffend. — A. Torstrik, zu 
Soph. Ant. 1033, p. 512. — R. H., weiteres in Sachen der Argosoh- 
ren, zu Herrn. XII, p. 391. — B. Niese und A. Michaelis, daß die 
Herrn. XII, p. 398 vorgetragene conjeetur schon von andern gemacht 
sei. [Da reißt einem doch wirklich die geduld ! Behandelt doch den 
Sophokles nicht wie einen prosaiker! und ehe man solche conjecturen 
macht, stecke man doch die nase hübsch in die grammatik: s. Bern- 
hardy, W. S., p. 80. — E. v. L.]. — M. Scha?iz, nachtrag zu p. 174, 
p. 512. (s. Philol. XXXVIII, 2, p. 359. — E. v. L.). — A. Breysig, 
zu den Germanicusscholien , p. 513. — Ad. Hoffmeister, zu Cic. de 
Nat. Deor. III, 84, p. 516. — H. Nohl, zwei freunde des Statius, p. 
518. — A. Eberhard, zu Demosthenes, p. 519. 

Neue Jahrbücher für philologie und paedagogik bd. CXIII und 
CXIV (1876) von A. Fleckeisen und H. Masius: hft. 5, (s. Phil. Anz. 
bd. VII, hft. 11, p. 568): 55. Zur troischen frage von Otto Frick, 
anzeige der Schriften von Hafter, Hasper, Büchner, Eckenbrecher, 
Geizer, Stark, Christ, Sybel, O. Keller, Steiz, p. 289. — 56. Der 
Skamandros, von F. W. Forchhammer , p. 320. — 57. Zu Piatons 
apologie von Rudolf Bobrik , p. 323. — 58. N. Wecklein , anz. von 
Aeschyli Septem adv. Thebas it. ed. F. Ritschi, p. 325. — 59. Zu 
Lysias von Rud, Rauchenstein, p. 329. — 60. Anz. von A. Riese 
idealisierung der naturvölker des nordens von Wilh. Christ, p. 333. 

— 61. Anz. v. A. Flasch polychromie der griech. vasenbilder von 
Theod. Schreiber, p. 337. — 62. Zu Varro de re rustica, von Fried. 
Froehde, p. 349. — 63. Anz. v. Plauti comoediae ed. J. L. Ussing, 
vol. 1,